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Full text of "Johann Ludwig Casper's Handbuch der gerichtlichen Medicin v. 2, 1882"

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JOHANN LUDWIG OASPEß'S 



HANDBUCH 



DER 



GERICHTLICHEN MEDICIN. 



Neu bearbeitet und vermehrt 



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von 



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Dr CARL LIMAN, 



0«hetmen MecL-Rathe, Professor der gerichtlichen Medicin und SUdtphysicus su Berlin. 



Siebente Auflage. 



Erster Band. 



Biologisolier Tlieil. 




Berlin 1881. 

Verlag von August Hirsch wa Id. 

N.W. Unter den Linden 68. 

3 



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Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen bleibt vorbehalten. 






Vorrede zur fünften Auflage. 



iiachdem die vierte Auflage des Handbuches der gerichtlichea Medicin 
von J. L. Casper vergriflfen war, trat an mich durch die Aufforderung 
der Verlagshandlung die Alternative heran, ein neues Handbuch zu 
schreiben, oder in eine erneute Auflage des vorliegenden Handbuches 
dasjenige hineinzuarbeiten, was ich etwa auf Grund meiner eigenen 
Forschung und Erfahrung beizubringen hätte. 

Ich habe mich nach reiflicher Erwägung zu dem letzteren ent- 
schlossen, und zwar aus sachlichen, wie aus persönlichen Gründen. 

Die Tendenz des verewigten Verfassers, die empirische Beobach- 
tung, die naturwissenschaftliche Methode in der Bearbeitung der ge- 
richtlichen Medicin streng durchzuführen, Hypothesen und traditionelle 
Vorurtheile nach Möglichkeit zu beseitigen, auf Grund möglichst eigener 
Erfahrung und Beobachtung eine clinische Bearbeitung der gerichtlichen 
Medicin zu erstreben, den Arzt dem Richter gegenüber auf das ihm 
eigenthümliche Gebiet der Naturforschung zu beschränken, aber auch 
demselben das Recht und die Freiheit medicinischer und naturwissen- 
schaftlicher Combination und Denkweise, gegenüber etwa geforderter 
mathematischer Beweise und spitzfindiger Skepsis, zu vindiciren, diese 
Tendenzen entsprechen offenbar den heutigen Anforderungen an eine 
wissenschaftliche Bearbeitung des Gegenstandes, und verhindern die 
Emancipation der gerichtlichen Medicin von der allgemeinen Medicin, 
von welcher sie nur ein Theil, eine Disciplin ist, die zwar ihren ihr 
eigenthümlichen wissenschaftlichen Inhalt hat, und deren specifischer 
Zweck die Anwendung der medicinischen Thatsachen auf Rechtspflege 
und Gesetzgebung ist, die aber in Erforschung der ihr nützlichen und 
nothwendigen Thatsachen keine andern Wege geht, als die naturwissen- 
schaftliche Forschung überhaupt. 



IV Vorrede zur fünften Auflage. 

Nicht allein das Festhalten dieser Gesichtspunkte, sondern auch 
das stete Hinhalten auf den practischen Zweck der Lehre zeichnen das 
Casper'sche Werk aus und haben ihm einen sehr verbreiteten, weit 
über die Grenzen Deutschlands reichenden Leserkreis verschafft. 

Schien es mir daher schon an und für sich thunlich, auf den ge- 
gebenen Grundlagen weiter zu bauen, so bestimmte mich hierzu ferner 
xier Umstand, dass ich durch langjährige, meiner jetzigen selbständigen 
Thätigkeit voraufgegangene Assistenz bei meinem Vorgänger, mit sei- 
nem Werke schon intellectuell vielfach verknüpft war, ferner bereits 
auch schon die vierte Auflage des Werkes eingeführt hatte, und dass 
ich somit mich selbst sachlich, wie formell auch für berechtigt erachten 
konnte, den vorhandenen Stoff, wo es mir nützlich erschien, umzu- 
arbeiten und zu vermehren. 

Ich habe hiervon, wie man sich durch eine Durchsicht des ganzen 
Werkes wird überzeugen können, den ausgedehntesten Gebrauch gemacht, 
und wenn ich in der vierten Auflage es für meine Schuldigkeit hielt, 
das von Casper hinterlassene Manuscript unverkürzt und ohne jede 
Aenderung zu veröffentlichen, im Gegentheil in dieser neuen Bearbei- 
tung der Pietät gegen den Verstorbenen nur insoweit Rechnung ge- 
tragen, als dies meines Erachtens, ohne meiner eigenen Meinung zu 
nahe zu treten, geschehen konnte. Ausser dem in dem Werke selbst 
vorliegenden Material habe ich das, was mir aus den „Novellen" nütz- 
lich erschien, herübergenommen. 

Ein anderer Grund, welcher, wenn das vorliegende Werk nicht an- 
tiquiren sollte, eine Neubearbeitung desselben erheischte, war die wich- 
tige Thatsache einer neuen Strafgesetzgebung. 

Das Norddeutsche Strafgesetzbuch vom 31. Mai 1870, welches mit 
dem 1. Januar dieses Jahres in Kraft getreten, hat in vielen, auch unsere 
Wissenschaft berührenden Punkten sehr wesentliche Veränderungen er- 
fahren, namentlich, in den die Verletzungen ohne tödtlichen Ausgang 
und die Zurechnung betreffenden Bestimmungen, so dass dies schon 
einen äugseren Grund zur Umarbeitung dieser Capitel abgeben musste. 

Bei dieser Gelegenheit habe ich, mich rechtfertigend, zu bemerken, 
dass eben in dem Umstände, dass die Gesetzgebung im Fluss war, 
der Grund zu suchen ist, dass ich den zweiten Theil vor dem ersten 
habe erscheinen lassen. Die wenigen gesetzlichen Bestimmungen, die 
voraussichtlich ihrem Inhalte nach nicht verändert wurden, konnten, 
trotz des noch nicht berathenen und veröffentlichten Entwurfes des 
Strafgesetzes für den Norddeutschen Bund, mich an die Bearbeitung 



Vorrede zur fünften Anflage. V 

dieses Bandes gehen, lassen, während ich für den ersten erst abwarten 
musste, was Gesetz werden würde. 

Und trotzdem hat auch jetzt die Gesetzgebung meine Arbeit in 
einem, wenn auch unwesentlichen Punkte überholt. 

Noch ehe das Strafgesetz für den Norddeutschen Bund in Kraft 
trat, waren die Schlachten geschlagen, welche Deutschlands Einheit be- 
gründen sollten, und mit dem 15. Mai 1871 wurde das Norddeutsche 
Strafgesetz „das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich**, welches in 
demselben mit dem 1. Januar 1872 in Kraft treten wird. 

Wenn daher neben der Norddeutschen Strafgesetzgebung noch die 
Württembergische, Badische und Bayrische berücksichtigt sind, so möge 
dies hierdurch seine erklärende Entschuldigung finden. 

Was nun die Veränderungen betrifft, welche das Werk unter meinen 
Händen erfahren hat, so glaube ich aussprechen zu können, dass jedes 
einzelne Kapitel dafür Zeugniss ablegen wird, dass ich nicht allein be- 
müht war, die Erfahrungen anderer bewährter Forscher zu verwerthen, 
sondern auch nach eigener Erfahrung Neues hinzuzufügen. 

Bedarf es besonderer Beweise, so erlaube ich mir u. A. auf die 
Kapitel über Blutgerinnung nach dem Tode, die Fäulnisserscheinungen, 
die Priorität der Todesart, die Diagnose der Blutflecke, die Vergiftun- 
gen, den Tod durch Kohlenoxyd und Leuchtgas, die Lehre von der 
Erstickung, den Tod durch Chloroform, die Biothanatologie der Neu- 
geborenen, bei denen die Messungen von 331 auf 500 angewachsen sind, 
die Nothzucht, Päderastie, die Verletzungen und die Psychonosologie 
aufmerksam zu machen. 

Was die letztere betrifft, so war es gewiss anerkennenswerth, dass 
Casp.er sich aller rein speculativ-philosophischer, rein nosologischer 
und strafrechtlicher Erörterungen enthalten hat, welche den Inhalt und 
die Zwecke der gerichtlichen Medicin gar nicht berühren und das Dunkel 
und die Verwirrung, welche in den hierher gehörigen Fragen za herr- 
schen pflegen, nur vermehren können, aber dennoch fehlte, wie mir 
scheint, der Bearbeitung dieses Gegenstandes die eigentlich psychono- 
sologische Grundlage. 

Ich bin der Meinung, dass in den hier einschlagenden Fällen die 
Diagnose in foro keine andere ist, als eine irrenärztliche, und dass auf 
diesem. Felde die Schule für den forensischen Arzt die psychiatrische 
Klinik ist. Wenn den in meiner Arbeit über „zweifelhafte Geistes- 
zustände vor Gericht^ ausgesprochenen Grundsätzen und Auffassungen 
von competenten Psychiatern zu meiner grossen Freude zugestimmt und 



VI Vorrede zur fünften Auflage. 

diese Arbeit als ein Fortschritt auf dem betreflfenden Gebiete be- 
zeichnet wurde, so darf ich vielleicht so kühn sein zu hoffen, auch 
in der Bearbeitung dieses schwierigen Kapitels mir den Beifall der 
Fachgenossen erworben zu haben. Möge es, das ist mein Wunsch, an 
Klarheit und Verständlichkeit der Bearbeitung Gas per 's nicht nach- 
stehen. 

Was den ferneren wesentlichen Inhalt des Werkes, die Gasuistik, 
betrifft, so hat derselbe sehr bedeutende Veränderungen erfahren. Ich 
habe mich bemüht, diejenigen Fälle der vierten Auflage, welche den 
Text gut erläutern, stehen zu lassen, um so mehr, als ich selbst sie 
grösstentheils erlebt habe. Andere wichtige habe ich aus langjähriger 
Erfahrung hinzugefügt, und gewinnen dieselben, soweit sie Obductions- 
fälle betreffen, vielleicht an Authenticität dadurch, dass die Obductionen 
gemeinschaftlich mit meinem Freunde und GoUegen im Amte, Herrn 
Professor Skrzeczka, verrichtet worden sind. Möge man auch in der 
Darstellung und Verwerthung der Befunde einen Fortschritt gegen 
früher erkennen. 

Was oben für die Untersuchung zweifelhafter Geisteszustände gesagt 
ist, gilt auch für die „gerichtliche Obduction". Sie ist nichts Besonderes, 
Eigenthümliches. Die Schule für den Obducenten ist der pathologisch- 
anatomische Secirtisch. 

Allerdings haben sich die Fälle im zweiten Bande von 466, von 
denen viele fortgefallen sind, trotzdem auf 592, und ebenso im ersten 
Bande von 232 auf 351 vermehrt, ich hoffe jedoch, dass dies nicht 
zum Nachtheil der Sache geschehen ist, weil sich in ihnen die mannig- 
fachsten Gombinationen erörtert finden, und weil doch schliesslich diese 
selbst erlebte Gasuistik die Grundlage des ganzen Werkes bildet und 
nur sie demselben den Werth und die Treue clinischer Beobachtung zu 
verleihen vermag. 

Dagegen habe ich den bisher zu dem Werke gehörigen Atlas unter- 
drückt, weil er doch nur ein sehr nothdürftiger Behelf gegenüber der 
Naturbeobachtung ist, weil erschöpfend und heutigen Ansprüchen con- 
form ausgeführt, er dem Werke einen unangemessen hohen Preis ver- 
liehen hätte, und unvollkommen ausgeführt, wie bisher, nutzlos ist. 
Zudem ist durch Einführung des practisch-forensischen Gursus in die 
Reihe der in jedem Semester gehaltenen Vorlesungen jedem strebsamen 
Studirenden hinreichende Gelegenheit gegeben, seine forensisch-anato- 
mischen Kenntnisse an der Leiche zu erwerben und sich ausserdem in 
der Verrichtung von Obductionen selbst zu üben. 



Vorrede zur siebenten Auflage. VIT 

Ferner habe ich es für zweckmässig erachtet, jedem Bande ein 
Register anzuhängen, was den Gebrauch des Werkes wesentlich erleich- 
tern wird. 

Hat auch das ganze Werk an Unfang bedeutend gewonnen und ist 
es wohl dadurch schwerfälliger geworden, als bisher, so hoflfe ich doch, 
dass es an practischer Brauchbarkeit nichts eingebüsst hat. 

Möge hierüber eine strenge, aber wohlwollende Critik, um welche ich 
bitte, und die ich für die Zukunft dankbar benutzen werde, entscheiden. 

Berlin, im August 1871. 

Tiiman. 



Vorrede zur siebenten Auflage. 



JJer neuen Auflage dieses Handbuches habe ich nur wenige Worte 
voraufzuschicken. 

Die Vorrede zur fünften Auflage, welche ich wieder habe ab- 
drucken lassen, kennzeichnet meinen Standpunkt, den ich bei der Um- 
arbeitung des Gas per 'sehen Werkes eingenommen habe. Ich habe dem 
dort Gesagten im Wesentlichen nichts hinzuzufügen. 

Abgesehen von denjenigen Veränderungen, welche das in Krafttreten 
der Deutschen Civil- und Strafprocessordnung bedingte, bin ich auch in 
dieser 7. Auflage überall bemüht gewesen, das Werk dem heutigen 
Stande der Wissenschaft entsprechend zu halten,* namentlich einzelne 
Capitel haben nicht unwesentliche Erweiterungen erfahren, wobei ich 
bewährte Arbeiten Anderer, wie eigene Erfahrungen benutzte. 

Die Casuistik, die Grundlage des ganzen Werkes bin ich bemüht 
gewesen zu vervollkommnen, habe aber nur einen eingeschränkteren 
Gebrauch gemacht von Mittheilung neuer Fälle, so verführerisch dies 
auch war, weil die Casuistik der letzten Auflagen vielfach von Autoren 
citirt wird, und weil, wenn ich dieselbe noch mehr erweitert hätte, das 



VIII . Vorrede zur siebenten Auflage. 

Werk zu umfangreich geworden wäre. Ich habe deshalb vorgezogen, 
wo es anging, neue Fälle auszüglich dem Text einzuverleiben, anstatt 
sie in extenso zu geben. Eine Vergleichung mit den ersten Auflagen 
dieses Werkes wird übrigens erweisen, dass die meisten in der Casuistik 
aufgeführten Fälle meiner eigenen Beobachtung entnommen sind und 
nur noch eine überwiegend kleinere Anzahl von Casper herstammender 
Fälle in die neue Auflage aufgenommen ist, die ich übrigens als da- 
maliger Assistent und Stellvertreter im Physicat gleichzeitig beob- 
achtet habe. 

Möge auch dieser neuen Auflage des Handbuches die gütige Auf- 
nahme zu Theil werden, deren die früheren sich zu erfreuen hatten. 

Berlin, im December 1880. 

Tiiman. 



Inhalt des ersten Bandes. 



AUgeneiiier Theil. 

Seite 

fiinleituDg. 

§. 1. Inhalt der Lehre 3 

§. 2. Unterricht in der Lehre 4 

Erstes Kapitel. 

Die gerichtlichen Medicinalpersonen 6 

Gesetzliche Bestimmungen 6 

§. 3. Deutschland und andere Länder 6 

§. 4. Stellung des Gerichtsarztes zum Richter 10 

Gesetzliche Bestimmungen 10 

Zweites Kapitel. 

Die gerichtlich-medicinische Untersuchung 12 

Gesetzliche Bestimmungen 12 

§. 5. Allgemeines. Anwesenheit des Richters 12 

§. 6. Acteneinsicht Behufs der Untersuchung 14 

Gesetzliche Bestimmungen 14 

§. 7. Ort der Untersuchung 14 

§. 8. Zwecke der Untersuchung 15 

§. 9. Fortsetzung. 1) Zweifelhafte Verhaftungsfähigkeit. Haft. 

Strafhaft 16 

Gesetzliche Bestimmungen 16 

§. 10. Fortsetzung. 2) Bestrittene Möglichkeit, im Termin vor Gericht 

zu erscheinen 19 

§.11. Fortsetzung. 3) Bestrittene Erwerbs- und Dienstfähigkeit . . 21 

§. 12. Casuistik 23 

1. Fall. Ob das Bäcker- oder Klempnerhandwerk zu erlernen? 23 

2. Fall. Klage auf lebenslängliche Unterstützung wegen be- 

haupteter völliger Erwerbsunfähigkeit, veranlasst durch 

Eisenbahnunglück 24 

3. Fall. Verunglückung im Eisenbahndienst. Tod. Klage der 

Erben auf Schadenersatz. Divergenz des Gesellschafts- 
arztes 27 

4. Fall. Verunglückung im Eisenbahndienst. Klage auf Erwerbs- 

unfähigkeit. Divergenz des Vorgutachters (Gesell- 
schaftsarztes) 29 



X Inhalt. 

Seit« 

5. Fall. Verunglückung im Dienst. Klage auf dauernde Er- 

werbsunfähigkeit. Divergenz des Vorgutachters (Gesell- 
schaftsarztes) . 32 

§. 13. Fortsetzung. 4) Verletzungen; 5) sexuelle Verhältnisse; 6) zweifel- 
hafter Gemüthszustand; 7) verschiedene Zwecke .... 35 

Drittes Kapitel. 

Die ärztlichen und gerichtsärztlichen Gutachten und Atteste . 36 

Gesetzliche Bestimmungen 36 

§. 14. Allgemeines 37 

§. 15. Mundliche Gutachten in den Audienzterminen 39 

§. 16. Wissentlich falsch ausgestellte Atteste 40 

Gesetzliche Bestimmungen 40 

§. 17. Casuistik 42 

6. Fall. Ob Tuberculosis pulmonum und Magenleiden unrichtig 

und wider besseres Wissen attestirt? 42 

7. Fall. Ob falschlich bescheinigte Unzurechnungsfähigkeit im 

Augenblicke des Selbstmordes? 45 



Speeieller Theil. 

Erster Abschnitt. 

Streitige geschlechtliche Verhältnisse 51 

Erstes Kapitel. 

Streitige Fortpflanzungsfähigkeit 51 

Gesetzliche Bestimmungen 51 

§. 1. Beischlafsunfähigkeit 52 

§. 2. Fortsetzung. Prüfung in beiden Geschlechtern. 1) Beim Manne 53 

§. 3. Fortsetzung. 2) Beim Weibe . 57 

§. 4. Fortsetzung. Abnorme Geschlechtsbildung 60 

§. 5. Zeugungsfähigkeit. 1) Hypospadie und Epispadie .... 61 

§. 6. Fortsetzung. 3) Zwitter 64 

Gesetzliche Bestimmungen 64 

§. 7. Fortsetzung. 1) Zeugungsunfahigkeit beim Manne .... 68 

§. 8. Fortsetzung. 2) Unfruchtbarkeit beim Weihe 72 

§. 9. Casuistik 76 

8. und 9. Fall. Ob zwei Gatten in zeugungsfähigem Alter . 76 

10. Fall. Behauptete Unfruchtbarkeit 77 

11. Fall. Wegen jugendlichen Alters und Anlajre zur Schwind- 

sucht behauptete Unfähigkeit, eine Ehe einzujj^ehen . 78 

12. Fall. Wegen jugendlichen Alters streitige Zeugungsfähigkeit 80 

13. Fall. Wegen hohen Alters bestrittene Beischlafsfähiirkeit . 80 

14. Fall. Bestrittene Beischlafs- und Zcugungsfiihigkeii wegen 

schwerer Krankheit 81 

15. Fall. Behauptete Beischlafs- und Zeugungsunfahigkeit wegen 

syphilitischer Krankheit 84 



Inhalt. XI 

Seit« 

16. Fall. Wegen zu kurzen Penis und Phimose behauptete 

Zeugungsunfähigkeit 86 

17. Fall. Behauptete, dnrch Syphilis erzeugte Impotenz . . 86 

18. Fall. Wegen Impotenz bestrittene Schwängerung der eige- 

nen Tochter 88 

19. bis 21. Fall. Klagen von Ehefrauen auf Impotenz ihrer 

Männer 88 

22. bis 24. Fall. Klagen auf verweigerte eheliche Pflicht . . 89 
25. und 26. Fall. Angebliche Impotenz wegen Verkrüppelung 

der Geschlechtstheile 90 

27. und 28. Fall. Angebliche Impotenz wegen mangelnder Hoden 90 

29. und 30. Fall. Angeblich übermässige Potenz .... 91 

31. bis 35. Fall. Angebliche weibliche Beischlafsunfähigkeit . 91 

Zweites Kapitel. 

Streitiger Verlust der Jungfrauschaft . 94 

Gesetzliche Bestimmungen 94 

§. 10. Allgemeines 95 

§.11. Diagnose der Jungfrauschaft 97 

§. 12. Fortsetzung 100 

§. 13. Nothzucht 102 

§. 14. Fortsetzung. Diagnose, a) Oertliche Symptome .... 106 

§. 15. Fortsetzung, b) Allgemeine Symptome 113 

§. 16. Fortsetzung, c) Die Wäsche 115 

§.17. Fortsetzung, d) Controversen 119 

§. 18. Casuistik 126 

A. Nothzucht an Kindern 126 

36. Fall. Fingermanipulationen. Objectiver Befund negativ . 126 

37. Fall. Beischlafsversuche an einem 8jährigen Kinde. Nega- 

tiver Befund 127 

38. Fall. Beischlafsversuch. Negativer Befund an den Ge- 

schlechtstheilen. Saamenfädchen im Hemde 127 

39. Fall. Beischlafsversuch. Negativer Befund 128 

40. Fall. Beischlafsversuche. Negativer Befund .... 129 

41. Fall. Fingermanipulationen. Excoriation der rechten Nymphe 129 

42. Fall. Beischlafsversuch. Vaginitis 129 

43. Fall. Beischlafsversuch. Vaginitis. Einrisse in das Hjrmen 130 

44. Fall. Beischlafsversuche bei einem 6jährigen Kinde. Ent- 

zündliche Reizung der Geschlechtstheile. Einriss in 

das Hymen 130 

45. Fall. Wiederholte Beischlafsversuche bei einem 11jährigen 

Mädchen. Vaginitis. Erweiterter Scheideneingang 130 

46. Fall. Beischlafsversuch. Vaginitis. Saamenfädchen im Hemd 131 

47. Fall. Denunciation eines 14jährigen Mädchens wegen Blut- 

schande. Negativer Befund. Was ist Beischlaf? . 132 

48. Fall. Fingermanipulationen und wiederholte Beischlafsver- 

suche. Einriss in das Hymen 134 

49. Fall. Beischlafsversuch bei einem Kinde. Abscess in der 

linken grossen Schaamlefze als Folge desselben . . 135 



XII Inhalt. 

Seite 

50. Fall. Beischlafsversuche und Fingermanipulationen. Vagi- 

nitis 136 

51. Fall. Tripperinfection bei einem Kinde 136 

52. Fall, ürethralblennorrhoe als Folge der Nothzucht . . . 137 

53. Fall. Tripper bei dem Kinde, Bubo bei dem Angeschuldigten 138 

54. Fall. Schanker bei dem Kinde und bei dessen Vater . . 138 

55. Fall. Breite Condylome bei dem Kinde. Keine Syphilis bei 

dem Angeschuldigten 139 

56. Fall. Verletzungsspur am Kindeskörper nach Nothzuchts- 

versuch 139 

57. Fall. Angebliche Nothzucht und Blutschande .... 139 

58. Fall. Gewohnheitsmässige unzüchtige Berührungen der Ge- 

schlechtstheile. Onanie 140 

59. Fall. Einriss in das Hymen vom Angeschuldigten, oder vom 

untersuchenden Arzte gemacht 140 

60. Fall. Zerreissung der Geschlechtstheile. Mord durch Er- 

würgen 141 

61. Fall. Schändung von Kindesleichen 141 

B. Nothzucht an Erwachsenen 142 

62. Fall. Erhaltenes, nur eingerissenes Hymen mit Schwanger- 

schaft 142 

63. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen 143 

64. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen im willenlosen und be- 

wusstlosen Zustande derselben 143 

65. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen 143 

66. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen 144 

67. Fall. Angebliche Nothzucht einer Erwachsenen .... 145 

68. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen mit Schwängerung 145 

69. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen. Schwängerung . . 148 

70. Fall. Nothzuchtsversuch an einer Erwachsenen. Was ist 

Beischlaf? 150 

71. Fall. Behauptete Nothzucht einer Erwachsenen .... 153 

72. Fall. Fälschlich angeschuldigte Nothzucht 154 

73. Fall. Ist die Nothzucht an einer willenlosen Frauens- 

person (§. 176. AI. 2.) verübt? 155 

74. Fall. Ist die Genothzüchtigte als geisteskrank anzusehen 

und zwar der Art, dass dies den mit ihr verkehren- 
den Personen füglich nicht hat entgehen können? 158 

75. Fall. Nothzucht und versuchter Mord 162 

76. Fall. Nothzucht vor Augenzeugen 163 

77. Fall. Wie die Nothzucht verübt worden? 163 

78. bis 80. Fall. Nachgewiesene Spermatozoen 164 

81. Fall. Ob und wann in früherer Zeit ein Stuprum geschehen ? 165 

82. Fall. Ermittelung der Nothzucht an einer Leiche . . . 165 

Drittes Kapitel. 

Streitige widernatürliche Unzucht 166 

Gesetzliche Bestimmungen 166 

§. 19. Allgemeines . . . . • 166 



Inhalt. Xni 

Seite 

§. 20. Päderastie 167 

§.21. Selbstbekenntnisse eines Päderasten 170 

§. 22. Diagnose 173 

§. 23. Vergleichung der Päderastie mit der Nothzucht . . . . . 178 

§. 24. Tribadie 178 

§. 25. Sodomie 179 

§. 26. Irrumare. Fellare. Der Gunnilingus. Der Koprophage . . 180 

§. 27. Casuistik 181 

83. bis 88. Fall. Päderastie .181 

89. und 90. Fall. Zwei Päderasten 183 

91. und 92. Fall. Zwei Päderasten 183 

93 Fall. Zwei Päderasten. Was ist widernatürliche Unzucht? 184 

94. Fall. Ein geständiger Päderast 185 

95. Fall. Active oder passive Päderastie 185 

96. Fall. Angebliche Päderastie 185 

97. Fall. Kann ein Mann von einem Andern mit Gewalt päde- 

rastisch gemissbraucht werden? 186 

98. Fall. Erzwungene Päderastie 189 

99. Fall. .Erzwungene Päderastie 190 

100. Fall. Päderastische Nothzucht mit Verstümmelung und 

Mordversuch 190 

101. Fall. Von einem Knaben an einem Knaben erzwungene 

Päderastie. Saamenfädchen. Zeugungfähigkeit des 

Knaben 194 

102. und 103. Fall. Masturbatorische Reizungen bei Knaben 

und Mädchen 195 

104. Fall. Masturbatorische Excesse mit einem Knaben und 

Misshandlung desselben 195 

105. Fall. Kann ein Mensch im Schlafe päderastisch gemiss- 

braucht werden? 197 

106. Fall. Ermittelung der Päderastie an einer Leiche . . . 198 

Zweiter Abschnitt. 

Streitige Schwangerschaft 199 

Gesetzliche Bestimmungen 199 

§. 28. Allgemeines 200 

§. 29. Diagnose der Schwangerschaft 202 

§. 30. Fortsetzung 204 

107. FaU. Künstliche Menses 207 

§. 31. Fortsetzung 211 

§. 32. Dauer der Schwangerschaft 212 

§. 33. Fortsetzung. Spätgeburt 214 

§. 34. Fortsetzung. Dauer und Diagnose der Spätgeburt .... 218 

§. 35. Superfötation 220 

§. 36. ünbewusste und verheimlichte Schwangerschaft 226 

108. Fall 228 



XIV Inhalt. 

Dritter Abschnitt. 

Streitige Geburt 23C 

Gesetzliche Bestimmungen 23C 

§. 37. Allgemeines 23C 

§. 38. Diagnose der Geburt 231 

§. 39. Fortsetzung, a) Verschwindende Kennzeichen 232 

§. 40. Fortsetzung, b) Dauernde Kennzeichen 236 

§. 41. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung 23S 

Gesetzliche Bestimmungen 23S 

§. 42. Fortsetzung 243 

§. 43. Fortsetzung 24fi 

§. 44. Unterschieben von Kindern 25C 

Gesetzliche Bestimmung 25G 

§. 45. Verletzungen von Mutter und Kind bei der Geburt .... 253 

§. 46. Casuistik 254 

109. Fall. Ob die Z. vor fünf oder sechs Monaten geboren hat? 254 

110. Fall. Wie alt war die vor drei Wochen geborene Frucht? 255 

111. Fall. Abortus 1 Monat nach voraufgegangener Misshand- 

lung. Ausstossung einer todten Frucht .... 25£ 

112. bis 114. Fall. Drei Anschuldigungen gegen Aerzte wegen 

verbrecherischer Fruchtabtreibung 261 

115. Fall. Durch eine Hebeamme bewirkte Abtreibung . . 263 

116. Fall. Durch eine Hebeamme bewirkter Abortus (Eihaut- 

stich?) 265 

117. Fall. Provocirter Abort durch ein spitzscharfes Instrument 261 

118. Fall. Drei Fälle von gewaltsamem Abortus durch Einlegen 

eines Catheters in den Mutterhals 26S 

119. Fall. Durch eine Hebeamme bewirkte Abtreibung. Waren 

in die Geschlechtstheile gemachte Einspritzungen 

die Ursache des Abortus? 27C 

120. Fall. Versuch und provocirter Abort durch Einspritzungen 

in die Scheide Seitens einer Ilebeamme .... 271 

121. Fall. Provocirter Abortus durch Einspritzungen in die 

Scheide Seitens einer Hebeamme 27S 

122. Fall. Durch eine Hebeamme bewirkte Abtreibung . . . 27S 

123. Fall. Durch eine Hebeamme bewirkte Abtreibung durch 

Einspritzungen in die Gebärmutter. Ausgrabung der 

Leiche 16 Wochen nach dem Tode 27* 

124. Fall. Abortus nach von der Hebeamme gemachter Ein- 

spritzung oder nach Heben einer Last .... 27^ 

125. Fall. Vermuthung auf gewaltsamen Abortus durch die 

Obduction zurückgewiesen 281 

12(). Fall. Einer Hebeamme angeschuldigte wiederholte Frucht- 
abtreibungen 283 



Inhalt. XV 

Seite 

Vierter Abschnitt. 

Streitige Folgen von Verletzungen und Missbandlungen ohne 

tödtlichen Ausgang 285 

Gesetzliche Bestimmungen 285 

§. 47. Allgemeines 287 

§. 48. Die schwere Körperverletzung des Deutschen Strafgesetzbuchs 290 

127. Fall. Schwere, gesetzlich nur leichte Kopfverletzung . . 292 

128. Fall. Durchdringende Brustwunde 292 

129. Fall. Verbrennung des Mundes durch Schwefelsäure . . 293 

130. Fan. Ungeheiher Kmasehnb^ahruch 293 

131. Fall. Durchdringende Bauch wunde 293 

132. Fall. Penetrirende Bauchwunde ^4 

133. FaU. Beilhieb in die Hand . .' 294 

§. 49. Fortsetzung. 1) Verlust eines wichtigen. Gliedes des -Körpers . 295 
§, 50. Fortsetzung. 2) Verlust des Sehvermögens auf einem oder bei- 
den Augen, oder des Gehörs 296 

§. 51. Fortsetzung. 3) Verlust der Sprache 297 

§. 52. Fortsetzung. 4) Verlust der Zeugungsfähigkeit 298 

§. 53. Fortsetzung. 5) Erhebliche Entstellung 300 

§. 54. Fortsetzung. 6) Siechthum 301 

§. 55. Fortsetzung. 7) Lähmung 302 

§. 56. Fortsetzung. 8) Versetzen in eine Geisteskrankheit .... 303 

§. 57. Die leichte Körperverletzung des Deutschen Strafgesetzbuchs . 305 

Verletzungen einzelner Theile 306 

§. 58. Verletzungen des Kopfes 306 

§. 59. Casuistik 307 

134. Fall. Schlag mit einem Stein auf den Kopf .... 307 

135. Fall. Schlag mit einem sog. Lebensretter auf den Kopf . 307 

136. Fall. Stoss gegen den Kopf. Vorübergehendes Siechthum 308 

137. Fall. Kopfverletzung. Siechthum 308 

138. Fall. Schläge auf den Kopf. Angeblich ausgerissene Haare 309 

139. Fall. Schlag auf den Kopf mit einem schweren Hammer, 

Schnitt in den Hals mit Verletzung des Kehlkopfs. 

Aphasie. Schwachsinn. Siechthum . . . . . 310 

140. Fall. Misshandlungen gegen den Kopf. Ob „Verfallen- 

sein in Geisteskrankheit** 315 

§. 60. Fortsetzung. Verletzungen des Gesichts 316 

§. 61. Casuistik 318 

141. Fall. Gesichtsverletzung durch Glüheisen 3l8 

142. Fall. Fauststoss gegen das Auge 318 

143. Fall. Beschädigung von Zähnen durch Wurf . . . 3 18 

144. Fall. Biss in die Nase . 318 

145. Fall. Biss in die Nase. Dauernde Entstellung . . 319 

146. Fall. Vielfache Stich- und Schnittwunden 320 

§. 62. Fortsetzung. Verletzungen der Augen 320 

§. 63. Casuistik 320 

147. Fall. Verlust beider Augen durch Kalklauge .... 320 

148. Fall. Verlust eines Auges durch Schwefelsäure . . . 321 



XVI Inhalt. 

Seite 

149. Fall. Verletzung und Verlust des Sehvermögens auf einem 

Auge 322 

150. Fall. Messerstich in das Auge 322 

151. Fall. Schwächung der Sehkraft in Folge eines Faust- 

scblags in das Auge 323 

152. Fall. Verlust eines erblindeten und bereits entstellenden 

Auges. Ob dauernde Entstellung 325 

§. 64. Verletzungen des Ohrs 326 

§. 65. Casuistik 326 

153. Fall. Abgebissenes Ohrläppchen 326 

154. Fall. Säbelhieb durch das Ohr 327 

155. Fall. Taubheit durch Schläge auf das Ohr .... 327 

156. Fall. Durchbohrung des Trommelfells nach einer Ohr- 

feige. Schwerhörigkeit. Heilung 327 

157. Fall. Angebliche Taubheit nach Ueberfahren. Schwere 

Kopfverletzung 328 

158. Fall. Angebliche Beraubung des Gehörs durch einen 

Faustschlag 330 

§. 66. Sprachstörungen durch Verletzungen 331 

159. Fall. Zeitweiser Verlust der Sprache nach Misshandlungen 331 

160. Fall. Nichtentwicklung der Sprache als Folge von all- 

gemeinen Misshandlungen 331 

161. Fall. Stottern, ob Folge voraufgegangener Misshandlungen 332 
§. 67. Verlust des Geruchs 332 

162. Fall. Angeblicher vollständiger Verlust des Geruchsinnes 

nach einem Faustschlag in das Gesicht .... 333 

§. 68. Verletzungen des Halses 333 

§. 69. Casuistik 334 

163. Fall. Insultation des Halses. Abortus 334 

164. Fall. Versuchte Erdrosselung 334 

165. Fall. Versuchte Erdrosselung 335 

166. Fall. Verletzungen des Kopfes, des Kehlkopfes und der 

Speiseröhre durch Beil und Messer 336 

167. Fall. Erwürgung, Verbrennung, Fusstritte in das Gesicht 

und nur ,, leichte" Verletzung 337 

§. 70. Verletzungen der Brust 337 

§. 71. Casuistik 338 

168. Fall. Fauststoss gegen die Brust einer Stillenden . . 338 

169. Fall. Stich mit einer spitzen Feile in die Lunge . . . 338 

170. Fall. Fussstoss vor die Brust 339 

171. Fall. Amputation der Mamma 340 

§. 72. Verletzungen des Unterleibes. Hernien 341 

§. 73. Fortsetzung. Fehlgeburten 342 

§. 74. Casuistik 343 

172. Fall. Eierstocksverhärtung, Fehlgeburt, Senkung der Ge- 

bärmutter, Leistenbruch in Folge von Misshandlungon 343 

173. Fall. Hinabstossen von der Treppe. Tritte in das Kreuz. 

Abortus 345 

174. Fall. Kniestoss vor den Bauch. Leistenbruch .... 346 



Inhalt. XVn 

Seit« 

175. Fall. Fussstoss gegen den Unterleib. Leistenbruch . . 346 

176. Fall. Misshandlungen. Leistenbruch 348 

§. 75. Verletzungen der Geschlechtstheile 349 

§. 76. Casuistik 349 

177. Fall. Verletzung der Scheide. Zerreissung der Harnröhre 

und der Harnblase 349 

178. Fall. Zerreissung der Scheide durch einen Fall . . . 350 

179. Fall. Verlust der Gebärfähigkeit durch Verletzung der 

Geschlechtstheile 351 

180. Fall. Verletzung des Penis. Entstellung 353 

§. 77. Verletzungen der Arme 354 

§. 78. Casuistik 354 

181. Fall. Armverrenkung nach Misshandlung . . . . 355 

182. Fall. Verletzung des Ellbogengelenks. Lähmung . . 356 

183. Fall. Ankylose des linken Ellbogengelenks .... 357 

§. 79. Verletzungen der Hände 357 

§. 80. Casuistik 358 

184. Fall. FaU mit der Hand auf Scherben 358 

185. Fall. Fingerbruch durch Beühieb 359 

186. FaU. Verletzungen beider Hände durch Hiebwunden . 359 

187. Fall. Verletzung der Hand und Finger, Schwere Ver- 

letzung 359 

188. Fall. Biss in den Finger. Amputation 360 

189. FaU. Biss in den Finger 361 

§.81. Verletzungen der ünterextremitäten 361 

§. 82. Casuistik 361 

190. FaU. Brüche der ünterextremitäten durch FaU . . . 361 

191. FaU. Bruch des Oberschenkels durch Hinabwerfen einer 

Last .....' 362 

192. FaU. Verletzung des Oberschenkels durch Glüheisen . 362 

193. und 194. Fall. Verletzungen des Knies durch Tritt, Schlag 

und Wurf 362 

195. FaU. Zerplatzen der Haut am Unterschenkel durch Ueber- 

fahren 362 

§. 83. Ueber Messerstiche 363 

§. 84. Casuistik 364 

196. und 197. FaU. Messerstiche in den Kopf 364 

198. und 199. Fall. Messerstiche in den Rücken .... 364 

200. und 201. FaU. Messerstiche gegen die Brust .... 365 

202. FaU. Messerstiche in die Brust 365 

203. FaU. Messerstiche in den Unterleib 366 

204. und 205. FaU. Messerstiche in den Oberarm .... 366 

§. 85. Misshandlungen kleiner Kinder 367 

§. 86. Casuistik 368 

206. FaU. Misshandlungen eines Säuglings 368 

207. und 208. Fall. Misshandlungen von Kindern .... 369 
209. bis 211. FaU. Ob das elterliche Züchtigungsrecht über- 
schritten worden sei 370 

212. FaU. AnschUessen an Klotz und Kette 372 

Caaper-Liman. QeriehtL Med. 7. Aufl. I. ß 



XVIII Inhalt. 

213. Fall. Stockschläge und Durchhohrung der Vorhaut mit 

einer Nadel 373 

Fünfter Abschnitt. 

streitige körperliche Krankheiten 374 

Gesetzliche Bestimmungen 374 

§.87. Allgemeines 374 

§. 88. Beweggründe zur Simulation und Verheimlichung von Krank- 
heiten 376 

§. 89. Allgemeine Diagnose 377 

§. 90. Specielle Diagnose 380 

Sechster Abschnitt. 

Streitige geistige Krankheit 389 

Die Lehre von der Dispositions- und Zurechnungsfähigkeit . 389 

Gesetzliche Bestimmungen 389 

Erstes Kapitel. 

Allgemeine Grundsätze 391 

§.91. Schwierigkeit der Frage 391 

§. 92. Zweck der Untersuchung. Dispositions- und Zurechnungsfahig- 

keit. Verhandlungsfahigkeit 396 

§. 93. Fortsetzung 399 

§. 94. Fortsetzung. Grade der Zurechnung. Partielle Zurechnungs- 

fähigkeit 401 

Gesetzliche Bestimmungen 401 

§. 95. Richterliche Fragenstellung 403 

§. 96. Art und Weise der Untersuchung 406 

Gesetzliche Bestimmungen 406 

Verfahren im Civilforum 408 

§. 97. Fortsetzung. 1) Vorbesuche 411 

§. 98. Fortsetzung. 2) Der Explorationstermin 413 

§. 99. Fortsetzung. 3) Das Gutachten 414 

Verfahren im Criminalforum 416 

§. 100. Die Merkmale der aus geistiger Störung entsprungenen That 

(Diagnose der Unzurechnungsfähigkeit) 418 

§. 101. Fortsetzung 424 

§. 102. Fortsetzung 427 

§. 103. Fortsetzung. Neuro- und psychopathische Merkmale zur Dia- 
gnose des Irreseins 430 

1. Erblichkeit 432 

§. 104. Fortsetzung. 2. Schädlichkeiten, welche das Gehirn direct be- 
troffen haben 435 

§. 105. Fortsetzung. 3. Neurosen, besonders Epilepsie, Hypochondrie, 

Hysterie 437 

§. 106. Fortsetzung. 4. Alcoholismus 444 

§. 107. Fortsetzung. 5. Symptx)me körperlicher Erkrankung . . . 445 
§. 108. Fortsetzung. 6. Hallucinationen und Illusionen. 7. Wahnvor- 
stellungen 446 



Inhalt. XIX 

Seite 

§. 109. Fortsetzung. 8. Intelligenzzustand 447 

§. 110. Fortsetzung. 9. Gesammtverlauf 448 

§. 111. Fortsetzung. 10. Physiognomie, Haltung, Benehmen. 11. 

Schriftstücke 449 

§. 112. Imputirte (yermuthete, behauptete) Geisteskrankheit . . . 450 

§. 113. Simulirte Geisteskrankheit 452 

§. 114. Casuistik 457 

A. Imputirte (vermuthete, behauptete) Geisteskrankheit . . 457 

214. Fall. Waren drei Jahre früher ausgeführte ehebrecherische 

Handlungen in Geisteskrankheit verübt? . . . 457 

215. Fall. Ist Frau T. ^wahnsinnig*' oder „blödsinnig** ? . 460 

216. FaU. Versuchter Mord der Geliebten 464 

217. Fall. Mord der Geliebten 470 

218. Fall. Mordversuch gegen einen Prediger im Amt . . . 476 

219. Fall. Ladendiebstahl. Durch Krämpfe während der 

Schwangerschaft behauptete Unzurechnungsfähigkeit 483 

220. Fall. Verdacht auf Geisteskrankheit 484 

221. Fall. Unzüchtige Handlungen gegen ein fünfjähriges Kind. 

Behauptete epileptische Geistesstörung .... 486 
. 222. Fall. Päderastische Nothzucht gegen ein Kind verübt. 

Behauptete Geisteskrankheit des Thäters . . . 487 

§. 115. Casuistik .497 

B. Simulirte Geisteskrankheit 497 

223. Fall. Betrug in angebüchem Blödsinn 497 

224. Fall. Mordversuch. Behauptete Geistesstörung, insonders 

auch zur Zeit der That, Seitens des Angeklagten. 

Simulation 499 

225. Fall. Zweifelhafter Wahnsinn eines gefährlichefi Ver- 

brechers 510 

226. Fall. Unterschlagungen und Betrügereien von einer Vaga- 

bundin verübt 514 

227. Fall. Die Teufelseherin Charlotte Luise Glaser ... 517 

Zweites Kapitel. 

Specielle gerichtliche Psyohonosologie 518 

§. 116. Allgemeines 518 

Erste Seetitn. 

Geistesstörung (Melancholie, Manie, Wahnsinn, Verrücktheit) . . . 521 

§. 117. Allgemeines 521 

§. 118. Fortsetzung. Depression. Schwermuth. Melancholie . . . 525 

§. 119. Fortsetzung. Excitation. Manie 529 

§. 120. Casuistik 536 

228. Fall. Hysteroepilepsie. Wochenbett. Melancholie. Mord- 

versuch gegen sich selbst und vielleicht auch gegen 

das Kind 536 

229. Fall. Schwermuth. Blaich, der Mörder seiner Kinder . 539 

230. Fall. Schwermuth. Dietrich, der Mörder seines Sohnes . 542 

231. Fall. Schwermuth. Mord an vier eigenen Kindern . . 544 

B* 



XX Inhalt. 

Seite 

232. Fall. Tödtung eines Knaben in Schwermuth .... 553 

233. Fall. Brandstiftung. Schwermuth mit Wahnvorstellungen 555 

234. Fall. Schwermuth. Selbstmord 563 

235. Fall. Diebstähle. Initialstadium der Paralyse . . . 566 

236. Fall. Diebstahl. Initialstadium einer Psychose . . . 567 

237. Fall. Diebstahle. Anfangsstadium des paralytischen Blöd- 

sinns 568 

238. Fall. Majestätsbeleidigungen im Tobsuchtsanfall . . . 573 

239. Fall. Störung der öffentlichen Ordnung. Widersetzlich- 

keit. Tobsuchtsanfall 575 

§. 121. Fortsetzung. Entstehungsweise. Mania transitoria . . . 576 

§. 122. Casuistik 579 

240. Fall. Plötzlicher, vorübergehender Tobsuchtsanfall, durch 

Kohlenoxydintoxication bedingt 579 

241. Fall. Vorübergehender Tobsuchtsanfall durch Alcohol- 

intoxication erzeugt 580 

§. 123. Fortsetzung. Lichte Zwischenperioden 587 

Gesetzliche Bestimmungen 587 

§. 124. Casuistik 591 

242. Fall. Allgemeine Paralyse (?). Remission. Prorogation 

des Termines 591 

243. Fall. Remission der Psychose. Ob haftfahig .... 592 

244. Fall. Wiederholte Wahnsinnsausbrüche. Intermission. 

Dispositionsfähigkeit 593 

245. Fall. Zweifelhafte Dispositionsfähigkeit zu einer bestimm- 

ten Zeit 594 

§. 125. Fortsetzung. Verrücktheit. Monomanie. Systematisirter Wahn. 

Fixe Idee 596 

§. 126. Casuistik 600 

246. Fall. Urkundenfälschung. Epileptische Verrücktheit. 

Schwachsinn : . . 600 

247. Fall. Messerstiche. Verrücktheit. Heredität. (Epilepsie?) 605 

248. Fall. Systematisirter Wahn. Tödtung des vermeintlichen 

Nebenbuhlers . 608 

249. Fall. Systematisirter Wahn. Mordversuch .... 613 

250. Fall. Hypochondrischer Verfolgungswahn, ündispositions- 

fähigkeit 616 

251. Fall. Anschuldigung wegen wissentlich falscher Denun- 

ciation. Hypochondrische Verrücktheit. Unzurech- 
nungsfähigkeit . . 617 

252. Fall. Gotteslästerung, aus Hallucinationen hervorgegangen 620 

253. Fall. Verrücktheit. Erhebliche Bedenken, ob Simulation 621 

§. 127. Fortsetzung. Querulantenwahn 629 

§. 128. Casuistik 631 

254. Fall. Ein geisteskranker Querulant 631 

255. Fall. Eine geisteskranke Querulantin 633 

256. Fall. Ein geisteskranker Querulant 634 

257. Fall. Urkundenfälschung durch einen geisteskranken 

Querulanten. Ob zurechnungsfähig 634 



Inhalt. XXI 

Seite 

§. 129. Geistesstörung darch Rausch. Alcoholismus. Trunksucht . 638 

Gesetzliche Bestimmungen 638 

§. 130. Fortsetzung 641 

§. 131. Casuistik 645 

258. Fall. Verletzung im Rausch und Congestionszustand zu- 

gefügt . 645 

259. Fall. Chronischer Alcoholismus. Verwirrtheit . . . 646 

260. Falf. Chronischer Alcoholismus. Schwachsinn ... 647 

261. Fall. Diebstahle. Alcoholismus. Zurochnungsfähigkeit . 648 

262. Fall. Fahrlässiger Bankerott. Zweifelhafte Dispositions- 

fähigkeit 661 

§. 132. Fortsetzung. Schlaftrunkenheit. Nachtwandeln .... 662 

§. 133. Casuistik 664 

263. Fall. Mord dreier, schwere Verwundung eines Menschen. 

Schlaftrunkenheit. Nachtwandeln. Epilepsie oder Lüge 664 

264. Fall. In angeblicher Schlaftrunkenheit erduldeter Beischlaf 672 

265. Fall. Ean dem Nachtwandeln ähnlicher Zustand . . . 673 
§. 134. Fortsetzung. Leidenschaften und Affecte 674 

Gesetzliche Bestimmungen 674 

§. 135. Casuistik 677 

266. Fall. Wahnsinn oder Zomtrunkenheit 677 

267. Fall. Todtschlag in der Nachwirkung efkes starken Rau- 

sches. Verminderte Zurechnungsfähigkeit . . . 678 

268. Fall. Mordversuch gegen den Ehemann auf Eifersucht 

und Rache. Hysterische Geistesstörung. Unzu- 
rechnungsfähigkeit . 681 

§. 136. Geistesstörung. Fortsetzung. Die sogenannten krankhaften Triebe 693 

§. 137. Fortsetzung 695 

• §. 138. Fortsetzung 697 

§. 139. Fortsetzung. Die Stehlsucht. Kleptomanie 700 

§. 140. Casuistik 703 

269. Fall. Diebstahl eines Geistesgestörten 703 

270. FaU. Diebstähle. Geisteskrankheit 705 

271. Fall. Diebstahl in angeblicher Geistesschwäche . . . 706 

272. Fall. Diebstahl einer gebildeten Dame aus Lust am Klange 

des Metalls 708 

273. Fall. Diebstahl in angeblichem Schwangerschafts-Gelüste 715 

274. Fall. Diebstahl in angeblichem Schwangerschafts-Gelüste 717 

275. und 276. Fall. Diebstähle in angeblicher Zerstreutheit verübt 719 
§. 141. Fortsetzung. Der Brandstiftungstrieb. Pyromanie . . . 721 
§. 142. Casuistik 723 

277. Fall. Eine jugendliche Brandstifterin ...... 723 

278. Fall. Wieder die „innere Stimme" eines jungen Brand- 

stifters 724 

279. Fall. Zurechnungsfähigkeit eines schwachsinnigen jungen 

Brandstifters 727 

280. Fall. Vergiftungs- und Brandstiftungsversuche eines 

jungen Lehrlings 730 

Anhang 730 



XXII Inhalt. 

Seite 

281. Fall. Ein junger Gräberverwüster 731 

282. Fall. Ein junger Schwindler ohne anscheinendes Motiv 

zurThat 734 

§. 143. Fortsetzung. Die Aidoiomanie 735 

§. 144. Casuistik 737 

283. Fall. Unzucht gegen ein Kind von einem Geisteskranken 737 

284. Fall. Widerholte Unzuchten und Nothzucht einer Erwach- 

senen von einem Geisteskranken verübt. Fälschlich 

angenommena Simulation 737 

285. Fall. Unzucht mit einem Kinde von einem Schwachsinni- 

gen verübt 741 

286. Fall. ^Aidoiomanie** eine jungen vornehmen Dame . . 742 

287. Fall. Angebliche krankhafte Geschlechts wuth . . . 752 

§. 145. Fortsetzung. Die Mordmonomanie 754 

§. 146. Fortsetzung 758 

§. 147. Verbrecherwahnsinn. Verbrecherpsychose. Moral insanity 

Folie criminelle 762 

Zweite Seetitn. 

Endformen. (Schwachsinn — Blödsinn) 769 

§. 148. Allgemeines 769 

§. 149. Fortsetzung 770 

§. 150. Casuistik 771 

288. Fall. Ein schwachsinniger Dieb 771 

289. Fall. Meineid. Schwachsinn. Unzurechnungsfähigkeit . 778 

290. Fall. Ein schwachsinniger, jugendlicher Betrüger . . 780 

291. Fall. Ob Graf von K. für ^blödsinnig im gesetzlichen 

Sinne ^ zu erachten 782 

292. Fall. Mordversuch von einem Stumpfsinnigen ausgeführt 784 

292. Fall. Brandstiftung durch einen (epileptisch) Schwach- 

sinnigen verübt 786 

293. Fall. Versuchter Kindesmord einer Schwachsinnigen . . 793 
§. 151. Taubstummheit 797 

Gesetzliche Bestimmungen 797 

§. 152. Fortsetzung 799 

§. 153. Casuistik 801 

294. Fall. Versuch eines Taubstummen zur Nohtzucht und zur 

Tödtung 801 

295. Fall. Nichtdispositionsfähigkeit eines Taubstummen . . 801 

296. Fall. Wiedererlangte Dispositionsfahigkeit eines Taub- 

stummen 803 

297. Fall. Beschränkte Dispositionsfähigkeit einesTaubstummen 804 

298. Fall. Ein taubstummes Ehepaar 804 

299. bis 301. Fall. Zweifelhafte Dispositionsfahigkeit von Taub- 

stummen 804 

Register 807 



Allgemeiner TheiL 



Catptr-Liman. 6«riohtL Med. 7. AofL I. 



Einleitung. 



§. 1. Inhalt der Lehre. 

Die gerichtliche Medicin beschäftigt sich mit der Combination bestimm- 
ter Thatsachen zu bestimmten Zwecken. Die Thatsachen sind Natur- 
objecte, die Zwecke die der bürgerlichen und peinlichen Gesetzgebung 
und Rechtspflege. Je mehr die Thatsachen so häufig im Dunkeln lie- 
gen und je wichtiger es ist, die Wahrheit zu finden und das Dunkel 
aufzuhellen, weil im Grossen und Ganzen bei diesem Process das sitt- 
liche Allgemeinwohl betheiligt ist, desto mehr bedarf es Seitens des 
Berufenen, neben der sachlichen wissenschaftlichen Kenntniss, des 
Scharfsinns, um hier sich nicht durch täuschende Nebenumstände blen- 
den zu lassen, um dort aus einer Fülle von Einzelheiten den Kern, 
auf den es ankommt, herauszufinden, um in einem anderen Falle die 
Unwahrheit von der Wahrheit zu unterscheiden, oder um dort bei der 
ünvoUständigkeit der Untersuchungsbefunde vielleicht aus blossen An- 
deutungen wichtige Rückschlüsse zu machen. Die gerichtliche Medicin 
also lehrt die Erforschujig und Verarbeitung von medici- 
nischen und naturwissenschaftlichen Thatsachen für die 
Zwecke der allgemeinen Gesetzgebung und Rechtspflege. 

Sie hat folglich eine, von allen übrigen medicinischen Disciplinen 
ganz verschiedene Tendenz und Beziehung. Sie hat aber auch ihren 
eigen thümlichen, specifischen, wissenschaftlichen Inhalt. Lehren, wie 
die vom Missbrauch und den Verirrungen des Geschlechtstriebes, von 
den simulirten körperlichen und geistigen Krankheiten, von der Dis- 
positions- und Zurechnungsfähigkeit, vom zweifelhaften Leben des neu- 
geborenen Kindes nach der Geburt, von den gewaltsamen Todesarten, 
von den Verwesungserscheinungen, und andere Lehren bilden diesen 
Inhalt, der ihr allein unter den verschiedenen Zweigen der allgemei- 
nen medicinischen Wissenschaft zukommt. Sie ist folglich eine Wis- 
senschaft für sich, und mit Recht ist oft von ihren Bearbeitern be- 
hauptet worden, dass diejenigen, die der gerichtlichen Medicin den 
Charakter einer specifischen Wissenschaft absprechen, weil sie ja nur 
^angewandte Medicin'' sei, dies nur in Unkenntniss derselben thun konn- 



4 §.2. Unterricht in der Lehre. 

ten.*) Weil aber die gerichtliche Medicin einen specifischen wissenschaft- 
lichen Inhalt hat, hat sie auch Alles auszuscheiden, was nicht in ihr 
eigenthümliches Gebiet fällt und was so lange Zeiten hindurch und so 
allgeraein ihr aufgebürdet worden ist. Dies ist fehlerhaft nach zwei 
Richtungen geschehen. Einmal, indem man blosse Vorkenntnisse, und 
zweitens, indem man juristische Theorien, Controversen, Definitionen 
und Spitzfindigkeiten in unsere Disciplin mit aufgenommen hat, welche 
dem Wesen deir gerichtlichen Medicin vollkommen fremd sind, die wohl 
für die Rechtspflege und mittelbar für die Rechtswissenschaft forscht 
und arbeitet, aber nicjit selbst Rechtswissenschaft ist. 

§. 2. Vnterrieht in der Lehre. 

Es ist mit Recht fast allgemein anerkannt, dass ein fruchtbringen- 
der Unterricht in der gerichtlichen Medicin, die eine durchaus practi- 
sche Wissenschaft ist, die sich überall an das Leben anlehnt, und die 
sofort auf Verirrungen und Abwege geräth, wo sie diese Unterlage 
verlässt und sich auf das Gebiet der puren Speculation begiebt, dass, 
sagen wir, ein fruchtbarer Unterricht in derselben nur da möglich ist, 
wo dem Lehrenden ein practisches Unterrichtsmaterial zu Gebote steht. 
Mit änderen Worten: der öflFentliche Lehrer der gerichtlichen Medicin 
muss practischer Gerichtsarzt sein oder gewesen sein, so gewiss der 
klinische Lehrer wirklicher practischer Arzt sein oder gewesen sein 
muss. Mehr und mehr haben die Staatsregierungen in neuerer Zeit, 
von der Richtigkeit dieses Satzes durchdrungen, die hier entscheidende 
und nothwendige Maassregel getroffen, die Aemter des öffentlichen 
Lehrers der gerichtlichen Medicin und des practischen Gerichtsarztes 
in Eine Hand zu legen. 

In Berlin ist dies bereits seit mehr als dreissig Jahren der Fall, 
aber auch andere preussische, so wie einige österreichische, bayersche, rus- 
sische, schwedische Universitäten erfreuen sich dieses Vorzuges und 
sind dadurch in der Lage, brauchbare und wissenschaftlich gebildete 
Gerichtsärzte zu erziehen. Es sollten selbst Opfer nicht gescheut wer- 
den, um diese Einrichtung ganz allgemein zu machen, z. B. durch 
Verlegung von Gerichtsbehörden, Gefängnissen u. s. w. , um dadurch 
strebsame und thätige Lehrer der Verlegenheit zu entheben, die Nie- 
mand schmerzlicher empfinden wird, als sie selbst, der Verlegenheit, 



*) Dies ist ebenso widersinnig, wie wenn man der Astronomie ihren Gharacter 
als Wissenschaft abspräche, weil sie ja nur angewandte Mathematik sei. Sehr richtig 
sagt Hof mann (Lehrbuch der gerichtlichen Medicin): „Ein viel schwererer Irrthum 
ist es jedoch, wenn man in falscher Auffassung der gerichtlichen Medicin als ange- 
wandte Medicin sich der Meinung hingiebt, dass, wenn sonst tüchtiges medicinisches 
Wissen vorhanden sei, sich dessen Anwendung für forense Zwecke von selbst ergebe, 
und sonach der Lehre der letzteren nur eine nebensächliche Bedeutung zukomme. 
Leider ist diese irrige Meinung viel verbreitet , und sie hat es zum grössten Theile 
verschuldet, dass ein Fach von so eminent practischer Bedeutung, wie die gericht- 
liche Medicin, in den letzten Jahren nicht jene Würdigung gefunden hat, die es ver- 
dient.** Illustrirt werden diese Worte durch die Thatsache, dass gegenwärtig in 
Deutschland an keiner Universität ein Ordinariat für Gerichtliche Medicin existirt, 
dass in den Facultäten und nach dem Entwurf des Reichs-Prüfungsreglements auch 
im Staatsexamen das Fach nicht examinirt wird. 



§. 2. Unterricht in der Lehre. 5 

ein Fach zu lehren, in welchem sie selbst, ohne den festen JJodcn der 
Natarbeobachtung unter sich zu haben, sich niemals ganz heimisch. 
fühlen können. 

Allerdings liegt es in der Natur der Sache, das ein forensisf^hes 
Unterrichtsmaterial, wie es nur grosse und grössere Städte liefern können, 
nicht überall zu beschaffen sein wird; allein wenn der Lehrer alljährlich 
seinen Schülern auch nur einige Fälle von zweifelhafter Geisteskrank- 
heit, von Ertrinkungstod, von Atheraproben u. s. w. vorführen, seine 
Kenntnisse der Beziehungen des Gerichtsarztes zu den richterlichen Be- 
hörden auch nur durch ein paarmaliges Auftreten in öffentlichen Au- 
dienzterminen bereichern kann — und ein solches Maass muss sich 
bei entsprechenden staatlichen Einrichtungen auch in kleineren üniver- 
sitats- Städten erreichen lassen — so wird schon dann mit der Zeit 
der Segen für Lehrer, Schüler, für Wissenschaft und Praxis nicht aus- 
bleiben. — 

An einem solchen pragmatischen Unterricht in unserer Wissen- 
schaft wird dann auch der junge Rechtsbeflissene, der, wie ich an einem 
anderen Orte*) näher erörtert habe, noth wendig dem ärztlichen Sach- 
verständigen dasjenige Verständniss entgegenbringen muss, welches er 
vermöge seiner allgemeinen Bildung für die Auseinandersetzungen jedes 
anderen Sachverständigen hat, mit Liebe und wirklicher Belehrung 
Theil nehmen, weil die vorgeführten Untersuchungsobjecte und die daran 
geknüpften Vorträge und Gutachten ihm gleichsam handgreiflich be- 
weisen, dass die hier vorgetragenen Gegenstände seine künftige Stel- 
lung auf das Genaueste berühren. Wir sprechen auch hier aus eigener 
und erfreulicher Erfahrung, die uns auch darüber belehrt hat, dass es 
grade keiner ausgezeichneten Gewandtheit bedarf, um dem jungen Ju- 
risten ein allgemeines Verständniss gerichtlich-medicinischer Dinge zu 
eröffnen. 



*) Vergl. „Lim an, Ueber die Nothwendigkcit des forensischen Studiums für 
Juristen**, v. floltzendorff's Zeitschrift für Strafrechtspflege 1865. S. 585. (Jahrg. 
V. Heft 11. November). 



Erstes Kapitel. 

Die gerichtlichen Medicinal- Personen. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Deutsche Stra/procesBordnung §. 73. Die Auswahl der sususiehenden Sachverst&ndigen 
und die Bestimmung ihrer Ansah! erfolgt durch den Richter. 

Sind fQr gewisse Arten von Gutachten Sachverständige Öffentlich bestellt, so sollen andere 
Personen nur dann gewählt werden, wenn besondere Umstände es erfordern. 

Eben das. §. 75. Der sum Sachverständigen Ernannte hat der Ernennung Folge su leisten, wenn er 
cur Erstattung von Gutachten der erforderlichen Art öffentlich bestellt ist, oder wenn er die Wissenschaft, 
die Kunst oder das Gewerbe, deren Kenntniss Voraussetsung der Begutachtung ist, öffentlich sum 
Erwerbe ausQbt, oder wenn er zur AusQbung derselben bestellt oder ermächtigt ist. Zur Erstattung des 
Gutachtens ist auch derjenige verpflichtet, welcher sich su derselben vor Gericht bereit erklärt hat. 

Dasselbe bestimmt §, 372 der Civilprocessordnung. 

Eben da 8. §. 83. Der Richter Icann eine neue Begutachtung durch dieselben, oder durch andere 
Sachverständige anordnen, wenn er das Gutachten fßr ungenügend erachtet. — In wichtigeren Fällen 
kann das Gutachten einer Fachbehorde eingeholt werden. (Aehnliches bestimmt §. 126 d. Oesterr. 
Strafprocessordnung.) 

E b e n d a 8. §. 218. Verlangt der Angeklagte die Ladung von Sachverständigen aur Hauptverhandlung etc., 
so hat er unter Angabe der Thatsaehen, über welche der Beweis erhoben werden soll, seine Anträge bei 
dem Vorsitsenden des Gerichts su stellen etc. 

Ebendas. §. 219. Lehnt der Vorsitsende den Antrag auf Ladung einer Person ab, so kann der 
Angeklagte die letstere unmittelbar laden lassen. Hiersu ist er auch ohne vorgängigen Antrag befugt. 
(Das Weitere setst die Entschädigung fest.) 

Ebendas. §. 220. Der Vorsitsende des Grerichts kann auch von Amtswegen die Ladung von Sach- 
verständigen anordnen. 

E b e n d a s. §. 87. Die richterliche Leichenschau wird unter Zusiehung eines Arstes« die Leichenöffnung 
im Beisein des Richters von swei Aersten, unter welchen sich ein Gerlohtsarst befinden muss, vor- 
genommen. Demjenigen Ante, welcher den Verstorbenen in der dem Tode unmittelbar vorausgegangenen 
Krankheit behandelt hat, ist die Leichenöffnung nicht su übertragen. Derselbe kann Jedoch aufgefordert 
werden, der Leichenöffnung anzuwohnen, um aus der Krankheitsgeschichte Aufschlüsse su geben. — 
Die Zusiehung eines Arztes kann bei der Leichenschau unterbleiben, wenn sie nach dem Ermessen 
des Richters entbehrlich ist etc. — 

Deutsehe Civilprocessordnung §. 337. Das Processgerlcht kann anordnen, dass bei der 
Kinnahme des Augenscheines ein oder mehrere Sachverständige sususiehen seien. 

Die §§. 369 — 379 Civil -Process- Ordnung enthalten den angeführten Paragraphen der Strafprocess- 
ordnung gleichlautende oder ähnliche Bestimmungen. 

Oesterr. Strafprocessordnung §. 118. Sind bei einem Augenscheine Sachverständige erfor- 
derlieh, so soll der Untersuchungsrichter in der Regel deren Zwei beisiehen. Die Beisiehung eines 
Sachverständigen genügt, wenn der Fall von geringerer Wichtigkeit ist, oder das Warten bis sum Ein- 
treffen eines sweiten Sachverständigen für den Zweck der Untersuchung bedenklieh erscheint 

Ebendas. §. 119. Die Wahl der Sachverständigen steht dem Untersuchungsrichter su. Sind solche 
für ein bestimmtes Fach bei dem Gerichte bleibend angestellt, so soll er andere nur dann susiehen, 
wenn Gefahr am Verzuge haftet, oder wenn jene durch besondere Verhältnisse abgehalten nind, oder in 
dem einzelnen Falle als bedenklich erscheinen. 

§. 3. Deutschland und andere Lander. 

Nicht alle Länder erfreuen sich des Vorzugs, den die meisten 
deutschen Staaten gemessen, eigens angestellte, ad hoc in Eid und 
Pflicht genommene Aerzte zur Ausfuhrung der gerichtlich-medicinischen 



§. 3. Die gerichtlichen Medicinal- Personen. 7 

(und sanitäts-polizeilichen) Geschäfte zu besitzen. In so lioch civilisir- 
ten Ländern, wie England und Frankreich, ebenso in Italien u. s. w., 
herrscht hierin die grösste Willkür Seitens der Gerichtshöfe. Im con- 
creten Civil- oder Strafrechtsfalle, in welchem der Richter der Aufklä- 
rung bedarf, die ihm nur der Arzt geben kann, beruft er beliebig und 
nach eigenem Ermessen einen, zwei, sechs und mehrere Aerzte aus un- 
mittelbarer Nähe oder aus der Ferne, denen er die Untersuchung und 
Berichterstattung überträgt. Hier leitet ihn das persönliche Vertrauen 
zu einem Arzte, dort der Ruf eines allgemein beliebten, ärztlichen 
Practikers, unbekümmert, ob der berühmte Arzt i)der Wundarzt auch 
wohl je etwas vom Ertrinkungstode, von der Athemprobe, vom Straf- 
gesetzbuche u. s. w. gehört, geschweige sich damit beschäftigt hat. 
Devergie und Taylor schildern nach ihren eigenen Erfahrungen in 
lebhaften Farben das Ungenügende eines solchen Verfahrens, das Nie- 
mand verkennen wird. Zu einiger Ausgleichung desselben hat die 
Praxis in Paris und an vielen anderen Orten wenigstens die Modifica- 
tion eingeführt, dass jeder Gerichtshof ein- für allemal eine gewisse An- 
zahl bestimmter Aerzte designirt hat, aus welchen er die jedesnaal er- 
forderlichen Sachverständigen beruft, die dann allerdings mit der Zeit 
die nöthige Uebung und Erfahrung in gerichtlich-medicinischen Dingen, 
und das nothwendige Interesse daran gewinnen werden, um sich mit 
der Wissenschaft und ihren Fortschritten bekannt zu machen. Aber 
auch hierbei ist ersichtlich noch alles Willkür, und jeder neue Gc- 
richtsvorsitzende kann beliebig neue Einrichtungen treffen. 

Anders in Deutschland, dessen medicinisch-forensische Einrichtun- 
gen dem Richter, wie den betreffenden Parteien im Civil-, wie im 
Strafverfahren sicherere Bürgschaften geben ; denn, wenn auch nach dem 
Inkrafttreten der neuen Civil- und Strafprocess-Ördnungen die Auswahl 
und die Bestimmung der Anzahl der zuzuziehenden Sachverständigen 
dem Richter überlassen bleibt, so sollen doch, wenn für gewisse Ar- 
ten von Gutachten Sachverständige öffentlich bestellt sind andere 
Personen nur dann gewählt werden, wenn besondere Um- 
stände es erfordern, so dass diejenigen Aerzte, welche der Staat, 
nach vorgängig erlangter Ueberzeugung ihrer Sachkcnntniss in diesen 
Zweigen, den richterlichen Behörden bezeichnet hat, zunächst heran- 
zuziehen sind*) und eine neue Begutachtung erst dann angeordnet 
werden kann, wenn das Gutachten für ungenügend erachtet wird. Dies 
ist auch der Fall, wenn zwischen mehreren Gutachten Widersprüche vor- 



*) Man meinte in der Kommission des Reichstages, dass in den öffentlich bestell- 
ten Sachverständigen eine grössere Garantie, namentlich bei den Gerichlsärzten liege. 
Unter die besonderen Umstände sei es zu stellen, wenn sich am Orte, wo der Ge- 
richtsarzt wohne, ein besser geeigneter Specialist befinde, femer, wenn ein näher 
wohnender Arzt vorhanden sei, welcher anerkanntermassen gleiche oder grossere Quali- 
fication zum Gutachten habe, als der entfernter wohnende Gerichtsarzt. Schwarze, 
Commentar zu der Deutschen Strafprocessordnung. Leipzig. 1878. S. 200. — Wor 
aber entscheidet über das „anerkanntermassen", wer über die „Qualification**? 
Cavete, Ihr Physici! — Aus Obigem geht auch hervor, dass unter dem „Gcrichts- 
arzt**, dem „öffentlich bestellten Sachverständigen", nur die vom Minister der etc. Med.- 
Angelegenbeiten angestellten Aerzte zu verstehen sind, nicht aber solche, welche 
auf ihr Ansuchen von einem Gerichtsvorsitzenden generell als Sachverständige ver^ 
eidet worden sind und sich dann geni ^ Gerichtsärzte " tituUrejlt 



8 §. 3. Die gerichtlichen Medicinal- Personen. 

banden sind. Zudem ist in den meisten deutschen Ländern noch ein 
Sachverständigen-Instanzenzug organisirt, der über die Gutachten der 
erstinstanzlichen Sachverständigen angerufen werden kann, auf den 
der § 83 der Strafprocess-Ordnung dadurch hinweist, dass er in wich- 
tigen Fällen das Gutachten einer Fachbebörde dem Richter einzuholen 
freistellt. 

Es ist allgemein bekannt, dass der erste Beamte in diesem Per- 
sonal der Physicus ist (Kreis- oder Stadt-Physicus, Gerichtsärzt, 
Landgerichtsarzt u. s. w.). Dass er ein wissenschaftlich gebildeter 
(rite promovirter), in allen drei Hauptzweigen ärztlichen Wissens, Me- 
dicin, Chirurgie und Geburtshülfe bewanderter Arzt, und durch eine 
dies bezeugende, allgemeine staatliche Approbation legalisirt sein müsse, 
fordern die gesetzlichen Bestimmungen in Preussen und anderen Län- 
dern. Aber auch seine speciellen Kenntnisse in den Fächern der öffent- 
lichen Medicin muss er durch eine vorgängige Physicats-Prüfung*), die 
in Preussen vor der obersten Medicinal-Behörde abgehalten wird, dar- 
gethan haben. Rechtswissenschaftliche Kenntnisse dagegen fordert mit 
grösstem Rechte weder der Staat, noch irgend eine Behörde, mit der 
er im Amte zu verkehren hat, jemals von ihm, und es ist ein gänz- 
liches Verkennen des Standpunktes des sachverständigen (d. h. medi- 
cini seh -sachverständigen) Zeugen, wenn so viele gerichtlich -medici- 
nische Schriftsteller das Gegentheil vermeinen. Dagegen ist dem prac- 
tischen Gerichtsarzte die Kenntniss der in sein Gebiet einschlagenden 
Gesetzesstellen durchaus unentbehrlich, weil fortwährend eine Inter- 
pretation derselben von seinem Standpunkte von ihm gefordert wird, 
und, wie die Erfahrung lehrt, diese Kenntniss vom Richter bei ihm (mit 
Recht) vorausgesetzt wird, der sehr häufig eben deshalb sich damit be- 
gnügt, in vorkommendem Falle sein Gutachten „mit Bezug auf §. x. 
der Landesgesetzbücher" zu fordern. 

Die Stellung des Gerichtsarztes ist in unserer Zeit gegen früher 
eine durchaus veränderte geworden. Die Wissenschaft macht höhere 
Anforderungen an ihn in Betreff seiner Qualification und seiner Unter- 
suchungen, und das öffentliche und mündliche Gerichtsverfahren gestattet 
ihm nicht mehr, auch in den zweifelhaftesten oder schwierigsten Fällen 
in der Ruhe des Arbeitszimmers sich zu sammeln, auch Rath bei be- 
währten Schriftstellern für seine Gutachten einzuholen, sondern es for- 
dert dies Verfahren, dass er all sein Wissen stets bereit habe und 
obenein, dass er das Talent besitze, seine Meinung und Gründe münd- 
lich klar und überzeugend vorzutragen. Gegen diese Anforderungen 
und die (namentlich auch in medicinal -polizeilichen Dingen) mannig- 
fachen schweren Pflichten der Physiker in Deutschland sind deren 
Rechte und Beneficien (Besoldung u. s. w.) so unverhältnissmässig ge- 
ringfügig, dass Jeder sich wohl prüfen möge, ehe er unter die Bewer- 
ber zu einer solchen Stelle auftritt, wobei er noch zu erwägen hat, 
dass, wenn er in seiner Aratsthätigkeit seinem Diensteid und seinem 
Gewissen furchtlos als Ehrenmann treu bleibt, er nicht immer auf lau- 
ter Freunde im Publikum und unter seinen Collegen zu rechnen habe. 



•) s. Ministerial-Verfügung vom 10. Mai 1875, betreffend das Reglement für die 
Prüfung Behufs Erlangung der Qualification als Kreis-Physicos. 



§. 3. Die gerichtlichen Medicinal- Personen. 9 

Neben dem Physikus fungirte in Preussen und in den meisten 
deutschen Ländern der Kreis- (Amts-) Wundarzt, der untergeord- 
nete Gebülfe des Ersten da, wo sie (me bei Obductionen) gemein- 
schaftlich berufen wurden. Aus den Zeiten der Trennung der Medicin 
von der Chirurgie datirte der Verwaltungsgedanke, dass man dem Ge- 
richtsarzt einen Gerichts wundarzt zur Seite stellen müsse, und nun 
erst die Kreis- (Amts-) Medicinal-Behörde vollständig organisirt glaubte. 
Mit der Verschmelzung der drei practischen medicinischen Disciplinen 
in Eine, die der wissenschaftlich gebildete Arzt repräsentirt, hat jene 
Trennung keinen inneren Halt mehr, und so ist auch in Preussen der 
Fortschritt gemacht, die „Kreischirurgen"-Stellen, besser die Stellen 
der zweiten Sachverständigen bei Obductionen wirklichen Aerzten an- 
zuvertrauen. 

Aber die Gerichtsärzte haben seit Einführung des neueren Gerichts- 
verfahrens kein Monopol mehr zur Ausführung medicinisch-forensischer 
Geschäfte. Schon früher forderten die gesetzlichen Bestimmungen in 
Preussen in civilrechtlichen Angelegenheiten, namentlich im Verfahren 
wegen einzuleitender Blödsinnigkeits- oder Wahnsinnserklärung, keines- 
wegs ausschliesslich die Zuziehung der beamteten gerichtlichen Aerzte 
(s. spec. Tbl.), Hessen vielmehr auch jeden privaten approbirten Arzt 
zu. Das neuere Gerichtsverfahren gestattet dies aber auch jetzt in 
strafrechtlichen Angelegenheiten, von den geringfügigsten an, die vor 
dem Schöffengericht verhandelt werden, bis den schwersten Schwurge- 
richtssachen. Täglich werden vom Gerichtshofe, Staatsanwalt, Verthei- 
diger neben dem amtlichen Arzt private Aerzte vor Gericht geladen, 
um ihr Gutachten abzugeben, ja nach der neuen Strafprocess-Ordnung 
braucht bei der richterlichen Leichenschau eventuell nur ein „Arzt", 
bei Obductionen nur einer der Aerzte ein Gerichtchtsarzt zu sein [§ 87 
St P. 0.*)] und steht ferner dem Richter so wohl, als auch dem An- 
geklagten, letzterem selbst ohne Zustimmung des Richters und des 
Staatsanwaltes das Recht zu, einen Sachverständigen zur Hauptverhand- 
lung laden zu lassen (§219 St. P. 0.), und so sehen wir eine Annäherung 
an das in den Nachbarländern übliche Verfahren, die wir, aus den oben 
angedeuteten Gründen, für erspriesslich für die Sache im Allgemeinen 
nicht erachten können. Man kann ein höchst achtbarer, allgemein ge- 
bildeter Arzt, gewiegter und erfahrener Praktiker sein, ohne Gesetzes- 
kunde, Bekanntschaft mit den vorschriftsmässigen gerichtlichen Formen 
und die erforderliche Uebung in gerichtlich- medicinischen Angelegen- 
heiten zu besitzen. Immerhin aber besteht in ganz Deutschland gegen- 
wärtig das neuere Verfahren, und kein (auch privater) Arzt würde es 
in seinem eigenen Interesse unterlassen können, sich mit der Wissen- 
schaft der gerichtlichen Medicin vertraut zu machen, um so weniger er 
Begutachtungen, die von ihm gefordert werden, nicht wie bisher, ab- 



*) Der Paragraph enthält die Einschränkung, dass demjenigen Arzte, welcher den 
Verstorbenen in der dem Tode unmittelbar vorangegangenen Krankheit behandelt 
hat, die Leichenöffnung nicht zu übertragen ist; aus der Erwägung dass dem behan- 
delnden Arzte nicht selten derjenige Grad von Unbefangenheit mangeln wird, welcher 
bei den die Leichenöffnung bewirkenden Aerzten als nothwendiges Erforderniss vor- 
ausgesetzt werden muss. Schwarze a. a. 0. S. 2^0, 



10 §.4. Stellung des Gerichtsarztes zum Richter. 

lehnen kann (§. 75. St. P. 0., §. 372. C. P. 0.). Wenngleich die 
Motive (S. 60) es „dem verstandigen Ermessen des Richters überlas- 
sen, in den Fällen, wo Jemand die Verweigerung eines Gutachtens auf 
triftige Gründe stützt, von einer Geltendmachung der gesetzlichen Ver- 
pflichtung desselben abzusehen", so bleibt es immer fraglich, ob die 
Gründe, die für den Arzt triftig sind, auch dem Richter als solche 
erscheinen. Zudem fasst der Gesetzgeber bei dieser Bestimmung den 
Fall in das Auge, dass einmal „Niemand als Sachverständiger thätig 
werden wolle", was allerdings passiren könnte, da für eine zweckmäs- 
sige Gebührenordnung — für Aerzte wenigstens — von Reichswegen nicht 
gesorgt ist, und die in Preussen bestehende dem § 84 St. P. 0. nicht 
entspricht. 

Was jetzt von jedem Arzt, gilt auch von den Apothekern als 
gerichtlichen Sachverständigen. Der Richter setzt bei einem geordne- 
ten Apothekerwesen voraus, dass jeder vom Staate approbirte Apotheker 
die erforderlichen chemischen, botanischen u. s. w. Kenntnisse besitze 
und auch mit den Fortschritten dieser Wissenschaft fortwährend so 
vertraut sei, um ihm in Betreff eines dahin einschlagenden üntersu- 
chungs-Gegenstandes sachkundigen Aufschluss zu geben, und er requi- 
rirt ihn zu diesem Behufe entweder allein, oder nach Umständen unter 
Zuziehung des Gerichtsarztes. i 

An grossen Gerichtshöfen, wo die Geschäfte sich häufen, ist 
wohl überall der höchst zweckmässige Gebrauch eingeführt, einem ein- 
fur allemal vereideten Apotheker, oder, wie in Berlin, einem Chemiker 
von Fach, sämmtliche vorkommende Untersuchungen ausschliesslich zu 
übertragen, der dann ein verdoppeltes Interesse haben wird, mit den 
Fortschritten der Wissenschaft sich vertraut zu erhalten, um seinen 
Ruf zu wahren. 

Ganz dasselbe, wie von den Apothekern, gilt in Betreff der Heb- 
ammen. Die gerichtlich-medicinische Thätigkeit derselben bleibt aber, 
was sehr erfreulich, seitdem bei den Gerichtsbehörden sich die Erfah- 
rung geltend gemacht hat, dass auch jedem wissenschaftlich gebildeten 
Arzte die geburtshülflichen Dinge nicht fremd sind, in der neuern Zeit 
meist auf diejenigen gutachtlichen Aeusserungen beschränkt, zu denen 
sie im concreten Falle durch ihre private Praxis veranlasst worden 
waren. 

Was die superarbitrirenden Behörden, die in Preussen existiren, 
und deren Verfahren betrifft, so ist davon im zweiten Band (allgem. 
Thl.) gesprochen. Ein ähnlicher Instanzenzug findet, wie bemerkt, in 
ganz Deutschland Statt, mag die medicinische Facultät der Landes- 
Universität oder mögen CoUegien unter verschiedenen Namen und amt- 
lichen Befugnissen die höher begutachtenden Behörden sein. 



§. 4. Stellung iles Ceriehtsarites ihu Richter. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Rescript des Preiiss. Justisrai nisters vom 12. October 1811 (auf eine Anfrage des Berliner 
Stadtgerichts): Wenn der hiesige Stadtphysiciis verbunden ist, Jede an ihn ergehende Requisition der 
Criminal-Depntation des Stadtgerichts oder Jedes einseinen Hitgliedes in Botreff einer yorsunehmcnden 



§. 4. Stellung des Gerichtsarztes zum Richter. 11 

Otxiaetion oder Besichtigung anweigerlioh so folgen, wenn derselbe diese seine Amtspflicht erffillt oder 
doch dmzn auf eine etwaige gegründete Beschwerde angetialten werden kann, so bedarf es der in dem 
Bericht vom 10. d. If. nachgesuchten Festsetzungen, dass derselbe dem Collegio subordinirt sei, nicht, 
«o wie denn auch dieses Snbordinations- Verhaltniss nicht stattfindet 

Wir erwähnen diese Frage nur, weil sie von allen Lehrern und 
Schriftstellern behandelt wird, die darüber das Mannigfachste vorge- 
bracht haben, obgleich die Frage zu denen gehört, — die gar keine 
sind. Jeder practische Gerichtsarzt wird sich kaum eines Lächelns er- 
wehren, wenn er sieht, wie die theoretischen Handbücher, Zeitschrifts- 
abhandlungen u. s. w. sich abmühen, auf das Genauste das Verhaltniss 
abzuwägen, in welchem der gerichtliche Arzt zu Richter und Richter- 
coUegien zu stehen habe, die Grenzen dieser Stellung zu bestimmen. 
In älterer Zeit fanden sich wohl Meinungen, nach denen diese Stellung 
eine subordinirte sein müsse, später schraubte man sie zu einer coordi- 
nirten hinauf, und in neuerer Zeit hat man sogar empfohlen, den Ge- 
richtsarzt zum „Beisitzer" des Gerichts zu ernennen! Es gehört diese 
müssige Discussion zu den vielen, die in die gerichtliche Medicin ledig- 
lich hinein geschrieben worden und die für die Praxis ganz werthlos 
sind, da jeder Gerichtsarzt recht gut weiss, dass er — gar keine 
„Stellung", gar kein „Verhaltniss" zum Richter hat, haben kann und 
soll. Dass er als Staatsbürger seinem zuständigen Forum untergeord- 
net ist, kann natürlich nicht gemeint sein und nicht bezweifelt werden. 
Als Arzt aber hat er nicht im Entferntesten irgend eine andere 
„Stellung*' zum Richter, zu keiner Zeit und in keiner Angelegenheit, 
wie jeder andere technische Sachverständige. Als solcher zu er- 
scheinen, wenn der Richter ihn ruft, dazu verpflichtet ihn das Gesetz; 
aber so wenig der Kupferschmied, den der Ri(;hter auffordert, den 
Werth eines gestohlenen Kessels zu taxiren, der Baumeister, von dem 
er den Werth eines Grundstücks abgeschätzt wissen will, der gelehrte 
Dollmetscher, der ihm eine türkische Handschrift übersetzen soll, eine 
„Stellang" zum Richter haben, oder „Beisitzer" des Gerichts werden 
müssen, eben so wenig der Arzt. Denn derselbe ist nichts mehr 
und nichts weniger als ein technischer Zeuge, den der Richter 
fragt, wenn er zur Entscheidung eines Rechtsfalls oder einer zweifel- 
haften, in das ärztliche Gebiet einschlagenden Frage seiner Aufklärun- 
gen bedarf, ein „Gehilfe des Richters", den dieser ruft, wenn er eine auf 
besondere Sachkenntnisse gestützte Beobachtung von Thatsachen oder 
ein Gutachten über feststehende oder als feststehend angenommene 
Thatsachen erstattet, und ein zur Vorbereitung der richterlichen Entschei- 
dung dienendes ürtheil abge^);eben haben will,*) wie er in ähnlichen Fäl- 
len hundert andere Sachverständige ruft, die er mit ihrem Gutachten 
hört, die er vereidigt, denen er dafür die gesetzlichen Gebühren an- 
weist, und die er dann — höflichst entlässt. Wo ist hier von einer 
„Stellung zum Richter" die Rede? Alles, was an gegentheiligen Be- 
hauptungen vorgebracht ist, zeugt von practischer Unkenntniss des 
Standpunktes, ist eitel Wahn und Ausfluss jener irrigen Grundansicht, 
die allerdings die Autorität eines Alters von einigea Jahrhunderteiii 



♦) Schwarze, a. a. 0. S. 207. 



12 §.5. Anwesenheit des Richters bei der Untersuchung. 

aber nur diese, für sich hat, Ausfluss des Irrthums, dass gerichtliche 
Medicin und Rechtspflege, Arzt und Richter eine Art Connubium, eine 
eigenthümliche Mischehe, darstellten, wo man dann folgerecht bemüht 
war, die „Stellung" der Gatten zu einander festzusetzen. Aber ein 
solches Connubium existirt nicht und nirgends: die Richter haben sich 
von jeher mit Recht dagegen gesträubt, hervorragende Juristen im 
achtzehnten Jahrhundert das Kind sogar mit dem Bade ausschütten 
wollen, und ist auflfallend, dass die Aerzte ihrerseits, in der That ganz 
gegen ihr Interesse, immer wieder auf diese Verbindung zurückgekom- 
men sind. 



Zweites Kapitel. 

Die gerichtlich -medicinische Untersuchung. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Untorsackuogen, betreffend zweifelhafte Qemfithssust&nde, i. unten spee. ThL 

Untersnohangen, menschliche Leichen betreffend, s. Bd. II. allg. Thl. 3. Abschn. 

Deutsche Strafprooessordnung §. 78. Der Richter hat, so weit ihm dies erforderlich erscheint, 
die Thätigkoit der Sachverstindigen sa leiten. 

Eben das. §. 82. Im Vorverfahren hingt es von der Anordnung des Richters ab, ob die Sachver- 
stindigen ilir Gutachten schriftlich oder mündlich su erstatten haben. 

Oesterr. Strafproeessordnung §. 122. Die Gtogenst&nde des Augenscheins sind von den 
Sachverstindigen In Gegenwart der Gerichtspersonen su besichtigen und tu untersuchen, ausser wenn 
letstere ans Rflcksicht des sittlichen Anstandes fQr angemessen erachten, bich an entfernen, oder wenn 
die erforderliehen Wahrnehmungen, wie s. B. bei der Untersuchung von Giften, nur durch fortgesetste 
Beobachtungen oder langer dauernde Versuche gemacht werden können. Bei Jeder solchen Entfernung 
der Gerichtspersonen von dem Orte des Augenscheins ist aber auf geeignete Weise dafQr tu sorgen, 
dass die Glaubwürdigkeit der von den Sachverstindigen su pflegenden Erhebungen sicher gestellt werde. 
Ist von dem Verfahren der Sachverstindigen die Zerstörung oder Veränderung eines von ihnen au 
untersuchenden Gegenstandes su erwarten, so soll ein Theil des letzteren, insofern es thunlich erscheint. 
In gerichtlicher Verwahrung behalten werden. 

Ebendas. §. 124. Die Angaben der Sachverständigen über die von ihnen gemachten Wahrnehmungen 
(Befund) sind von dem Protokollführer sogleich aufzuzeichnen. Das Gutachten sammt dessen Gründe 
können sie entweder sofort su ProtokoU geben, oder sich die Abgabe eines schriftlichen Gutachtens 
vorbehalten, wofür eine angemessene Frist su bestimmen ist 

§. 5. AllgeMeines. Anwesenheit des Riehten. 

Da jede gerichtsärztliche Untersuchung eben eine ärztliche ist, 
so bedarf es kaum einer Angabe der allgemeinen Bedingungen und Er- 
fordernisse zu einer gründlichen und befriedigenden Exploration, da 
diese keine anderen sind, als die jeder gründlichen ärztlichen Prüfung: 
Sachkenntniss, Ruhe und Unbefangenheit. 

Aber es kommen bei der gerichtärztlichen Untersuchung im Gegen- 
satze zu der privatärztlichen noch einige wesentlich formelle Punkte 
zur Sprache. Dass erstere nur allein zu geschehen hat auf vorgängige 
amtliche Aufforderung von irgend welcher zuständigen Seite her, wird 
bei Erwähnung der Amtsatteste (§. 14.) noch näher hervorgehoben werden. 



§. 5. Anwesenheit des Richters bei der Untersuchung. 13 

Viel ist darüber gestritten worden: ob die Anwesenheit des 
Richters bei der gerichtsärztlichen Untersuchung noth wendig oder 
zweckmässig sei, oder nicht? Da dieselbe überall nur im Interesse des 
Richters, der allgemeinen Rechtspflege geschieht, so sollte man denken, 
dass diese, dass die Staatsgesetzgebung, nicht die gerichtliche Medicin, 
die Fiage zu beantworten und die Angelegenheit zu regeln habe. Dies 
ist auch der Fall gewesen. 

Gesetzlich ist die Anwesenheit des Richters nur allein bei zwei 
Arten von gerichtsärztlichen Untersuchungen vorgeschrieben, bei den- 
jenigen civilrechtlichen Untersuchungen streitiger Gemüthszustände, deren 
Ausfall einer gerichtlichen Entmündigung resp. der Wiederaufhebung 
der Entmündigung des Interdicenden zur Grundlage dienen sollen, und 
bei den Untersuchungen nienschlicher Leichen. 

Bei Erstem soll sich ja auch der Richter selbst ein allgemeines 
Urtheil über das geistige Verhalten der Untersuchten bilden und ihn 
persönlich vernehmen (§. 598. C.P.O.), und bei den Untersuchungen, 
Leichen betreffend, ist die Anwesenheit des Richters ebenfalls noth- 
wendig und deshalb vorgeschrieben (§. 87. St.P.0*); denn der Richter 
hat vor der Leichenöffnung die Persönlichkeit des Verstorbenen festzu- 
stellen, dem Angeschuldigten die Leiche zur Anerkennung vorzuzeigen 
(§. 88. St. P. 0.) etc., was selbstverständlich richterliche, nicht ärzt- 
liche Functionen sind. 

Für keine andere Art von gerichtlich medicinischen Untersuchun- 
gen, als für die beiden genannten, ist in Deutschland die Anwesenheit 
des Richters gesetzlich vorgeschrieben und in der Regel deshalb auch 
nicht üblich. Anders in Oesterreich. Es könnte dieselbe nur eine 
zweifache Bedeutung haben. 

Entweder nämlich könnte sie eine Controle für ausreichend um- 
fassende und gründliche Untersuchung Seitens des Arztes sein sollen, 
wobei es keiner Ausführung bedarf, dass eine solche ganz illusorisch 
sein würde; oder jene Anwesenheit könnte den Zweck haben, dass der 
Richter selbst Kenntniss nähme von den Haupt- Untersuchungsbefunden. 

In der That schrieb die Preuss. Criminal-Ordnung §. 168. vor: dass 
der Richter bei der gerichtlichen Leichenuntersuchung „sich das- 
jenige, was durch die äussern Sinne wahrgenommen werden kann, vor- 
zeigen lassen soUe^, und bei sinnenfälligen Befunden, wie sie gerade 
diese Untersuchungen häufig ergeben, ist es eben so leicht als mitunter 
zweckdienlich, dem Richter dieselben während der Untersuchung zu 
zeigen. Für die Beurtheilung des Werthes der Befunde bleibt er doch 
immer auf das Gutachten des Arztes angewiesen. 

In weit erhöhterem Maasse gilt dies von Untersuchungen anderer 
Objecte. Welchen Nutzen sollte wohl die Anwesenheit des Richters 
haben bei der gerichtsärztlichen Untersuchung und Feststellung einer 
zweifelhaften Schwangerschaft, einer streitigen körperlichen Krankheit, 
einer angeblichen Nothzucht, einer microscopischen oder chemischea 
Untersuchung u. s. w.? Gewiss nicht den geringsten, da j 
doch niemals eine auf eigener Wahrnehmung beraheadfl 
Ueberzeugung gewinnen kann; ja, seine Anwesenheit kü 
wenigen Fällen sogar wirklich störend werden. 

Die Frage von der Anwesenheit des Richters bei 



14 §.6. Acteneinsicht Behufs der Untersuchung. §. 7. Ort der Untersuchung. 

liehen Untersuchung hat also die Gesetzgebung zu regeln, nicht 
die gerichtliche Medicin. Letztere kann die Anwesenheit nur bei der 
Minderzahl von üntersuchungsobjecten für zweckmässig erklären, hat 
aber kein Interesse daran, zu verlangen, dass diese Anwesenheit auf 
die grosse Mehrzahl aller forensisch -ärztlichen Untersuchungen ausge- 
dehnt werde, und dass die „Leitung der Thätigkeit der Sachverstän- 
digen", von der das Gesetz spricht, sich auf etwas anderes beziehe, 
als auf die denselben vorzulegenden Fragen, ev. den Beirath der Sach- 
verständigen vor Formulirung dieser Fragen*). 

§. 6. Aeteiieiiisieht Behufs der VntersHehung. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Deutsche Strafprocessordnung §. 80. Dem Sachverständigen kann auf sein Verlangen zur 
Vorbereitung des Gutachtens durch Vernehmung von Zeugen oder der Beschuldigten treitere AufkUrnng 
verschafft werden. 

Zu demselben Zweck kann ihm gestattet werden, die Akten einsusehen, der Vernehmung von Zeugen 
oder des Beschuldigten beizuwohnen und an dieselben unmittelbar Fragen su stellen. 

Oesterreich. Strafprocessordnung §. 123. — — Die Sachverständigen können verlangen 
dass ihnen aus den Akten oder durch Vernehmung von Zeugen Jene Aufklärungen Qber von ihnen be- 
stimmt SU bezeichnende Punkte gegeben werden, welche sie ffir das abzugebende Gutachten fQr erfor- 
derlich erachten. Wenn dem Sachverständigen zur Abgabe eines gründlichen Gutachtens die Einsicht 
der Untersuchungs-Akten uncrlässlich erscheint, können ihnen, soweit nicht besondere Bedenken dagegen 
obwalten, auch die Akten selbst mitgetheilt werden. 

Die Frage: ob es noth wendig oder zweckmässig sei, dass dem ge- 
richtlichen Arzte Behufs der Untersuchung und Berichterstattung vom 
Richter Einsicht in die bis dahin verhandelten Akten gewährt werde? 
ist gegenwärtig, sowohl in Deutschland, wie in Oesterreich durch das 
Gesetz entschieden, und zwar zum Vortheil der Sache dahin, dass dem 
Arzte Einsicht in die Akten, wo es erforderlich erscheint, gewährt 
werden kann ( — kann! die unbedingte Befugniss zur Akteneinsicht 
war beantragt, jedoch abgelehnt worden [Prot. S. 84, Sitz. 42] — ), 
denn der Arzt soll nicht Räthsel lösen, sondern dem Richter zur Er- 
mittelung der Wahrheit verhelfen, und gewiss ist es, dass die Kenntniss 
des Akteninhalts der Sache nur sehr förderlich, oft wahrhaft unent- 
behrlich ist, und dass der Gerichtsarzt deshalb ungemein häuflg in die 
Lage kommt, sich die betreffenden Akten vom Richter schon vor der 
Untersuchung, oder nach derselben für sein Gutachten ^u erbitten, wenn 
der Richter nicht aus eigenem Antriebe dieselben ihm zu diesem Behuf 
von vorn herein gleich vorgelegt haben sollte, was wenigstens in der 
Praxis der Berliner Gerichtsbehörden in den betreffenden Fällen üblich ist. 

§. 7. frt der Vntersuehuiig. 

Abgesehen von den Untersuchungen, die in Gegenwart des Rich- 
ters an der Gerichtsstelle oder im Leichenhause auszufuhren sind (§. 5.), 
ist der Ort, an welchem in den meisten Fällen die Explorationen ge- 
schehen, entweder die Behausung des Arztes oder die des zu Unter- 
suchenden. Die Erfahrung lehrt, dass letztere ein weit geeigneterer 



♦) Schwarze, a. a. 0. S. 213. 



§. 8. Zwecke der Untersuchung. 15 

Ort dazu ist, sei sie auch noch so eng und beschränkt, und dennoch 
werden dem Gerichtsarzte sehr häufig die Exploranden vora Richter 
ins Haus geschickt, namentlich weil dies die Kosten der Untersuchung, 
zumal auf dem platten Lande, wo im entgegengesetzten Falle Reise- 
kosten, Diäten u. s. w. liquidirt werden, sehr verringert. Aber wer in 
einer 'gerichtlichen Angelegenheit zum Arzte ins Haus kommt und ihn 
zu egoistischen Zwecken täuschen will, dem wird dies auf diese Weise 
viel leichter gelingen, als wenn er vom Arzte in seiner Wohnung auf- 
gesucht und überrascht wird. Man wird daher gut thun, solche Per- 
sonen, die zur Untersuchung vom Richter zugesandt werden, wenn 
Zweifel aufstossen, nachträglich noch wiederholt in ihren Wohnungen 
aufzusuchen. Dies gilt namentlich auch von den Untersuchungen zwei- 
felhaft geistig Gestörter. Alle Gerichts- und Irrenärzte wissen, wie 
listig und consequent gewisse Wahnsinnige ihre Krankheit v^erbergen 
können, wenn sie ein Interesse am Dissimuliren haben, z. B. (wie ge- 
wöhnlich!) dringend wünschen, ihre Interdiction wieder aufgehoben zu 
sehen. Solche Menschen, vom Richter dem Arzte „sistirt**, erscheinen 
bei ihm in einer Art und Weise, dass er sich wohl von ihrer Wieder- 
herstellung, oder in anderen Fällen von der falschen Imputation einer 
Geistesstörung überzeugt halten möchte. Aber man überrasche sie zum 
Zwecke der Untersuchung in ihrer Wohnung und Umgebung, und man 
wird häufig leichteres Spiel haben, sie z. B. beschäftigt finden mit 
Schreiben von widersinnigen Beschwerdeschriften , dergleichen ganze 
Stösse vor ihnen liegen, u. dgl. m. 

§. 8. Zweeke der Dntersuehiiig. 

Die ärztlichen Untersuchungen am lebenden Menschen in foro kön- 
nen einen siebenfach verschiedenen practischen Zweck für die Rechts- 
pflege haben. Es kann 

1) die Verhaftungsfahigkeit eines Menschen wegen angeblicher 
Krankheit in Frage stehen, weil der zu Verhaftende diese Fähigkeit 
bestreitet; 

2) zur Feststellung eben solcher angeblicher und zweifelhafter 
Krankheit, die dem zu Untersuchenden es unmöglich machen soll, vor 
Gericht zu erscheinen, wird dessen gerichtsärztliche Exploration gefordert; 

3) aus eben diesem Grunde wird es nothwendig, die zweifelhaft ge- 
wordene Arbeits- oder die Fähigkeit eines Menschen, einen öffentlichen 
Dienst anzutreten, oder das Amt, das er längst bekleidet, femer noch 
zu verwalten, amtsärztlich zu prüfen; 

4) werden Verletzungen an Lebenden Gegenstand der sachkenne- 
rischen Untersuchung; 

5) sind zweifelhafte geschlechtliche Momente zu prüfen; 

6) ist der zweifelhaft gewordene Gemüthszustand eines Menschen 
Aufgabe der Prüfung und Feststellung und 

7) endlich kommen verschiedene Zwecke in seltenen Fällen vor, die 
sich nicht in die obigen gewöhnlichen Rubriken einfügen lassen und zu- 
weilen blosse gerichtlich-medicinische Curiosa sind. Unter 9950 bis r 
Schluss des Jahres 1874 von C asper und nach dessen Tode von : 
gerichtsärztlich untersuchten Fällen an Lebenden betrafen: 



16 §.9. Zweifelhafte VerHaftungsfähigkeit. Haft. Strafhaft. 

Streitige Fähigkeit zur Schuldhaft . . . 3884- Mal = 39,0 pCt. 

- Verbüssung einer 

Gefängnissstrafe . 1846 - = 18,5 - 

in foro zu erscheinen 245 - = 2,4 - 

Erwerbs- oder Dienstfahigkeit . 933 - = 9,3 - 

Folgen von Verletzungen . . . 658 - = 6,6 - 

sexuelle Verhältnisse .... 711 - = 7,1 

GemüthsbeschaflFenheit . . . . 1508 - = 15,7 - 

Verschiedene Zwecke 165 - ^ 1,6 - 

9950 Mal = 99,6 pCt. 
In anderen Orten, Bezirken, Ländern mit anderen Gesetzen werden 
sich allerdings diese Verhältnisse modificiren. So hat neuerlich bei 
uns die Aufhebung der Schuldhaft die Zahl der Behufs Verbüssung einer 
solchen Strafe zu Explorirenden fast auf Null reducirt. Ebenso variirt 
natürlich erheblich das Verhältniss der Untersuchungen über die Ge- 
rn üthsbeschafifenheit, weil es von Zufälligkeiten abhängt, ob die Ge- 
richtsbehörde zu den Untersuchungen Behufs Blödsinnigkeitserklärung 
den, Physicus oder einen anderen Sachverständigen heranzieht. Im 
Uebrigen ist das Verhältniss der Untersuchungen zur Gesammtsumme 
ziemlich dasselbe geblieben, weshalb die Tabelle auch nicht über das 
Jahr 1874 hinaus fortgesetzt ist. Die absolute Frequenz der Unter- 
suchungen für die Stadt Berlin repräsentiren die obigen Zahlen nicht, 
da in Berlin zwei Physiker fiingiren, und die Untersuchungen, welche mein 
College im Amt auszuführen gehabt hat, hier nicht mitgerechnet sind. 

§. 9. Ftrtsetsung. 1) Zweifelhafte Yerhaftiingsfahigkeit. Haft. StrafhafL 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Deatsehe Civilprocessordnung §. 787. Giegeu einen Schuldner, dessen G^eeondheit durch die 
VoIlstreekuDg der Haft einer nahen und erheblichen Gefahr ausgosetst wird, darf, ao lange dieser Zustand 
dauert, die Haft nicht rollstreckt werden. 

Deutsche Strafproeessordnnng §. 487. Die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe ist aufxu- 
schieben, wenn der Verurtheilte in Geisteskrankheit verfällt. 

Dasselbe gilt bei andei^n Krankheiten, wenn von der Vollstreckung eine nahe Lebensgefahr fQr den 
Verurtheilten su besorgen steht. 

Die Strafvollstreckung kann auch dann aufgeschoben werden, wenn sich der Verurtheilte in einem 
k5rperlichen Zustande befindet, bei welchem eine sofortige Vollstreckung mit der Einrichtung der Straf- 
anstalt unvertr&glich ist. 

Während, so lange die Schuldhaft bestand, die Untersuchungen auf 
Fähigkeit eine solche Haft zu verbüssen, das tägliche Brod des Gerichts- 
arztes waren, sind Untersuchungen von Personen, welche gemäss den 
Vorschriften der Civil-Process-Ordnung (z. B. wegen Verweigerung des 
Ofifenbarungseides) in Haft genommen werden sollen, oder solchen, die 
wegen Uebertretungen zur Haft verurtheilt sind, äusserst seltene Vor- 
kommnisse und haben kaum ein forensisches Interesse. 

Die Haft ist überall eine leichte Strafe, sie darf sechs Wochen 
nicht übersteigen und besteht in einfacher Freiheitsentziehung (St.G.B. 
§. 18) und darf nicht in einem Räume vollstreckt werden, in welchem 
zugleich Untersuchungs- oder Strafgefangene sich befinden (C.P.O. 
§. 788), so dass überhaupt an den Arzt nur selten die Frage der Voll- 
streckbarkeit derselben noch herantreten wird. Der §. 787 der C. P. 0. 
zeigt überdies, dass nur wegen naher und erheblicher Gefahr für die Ge- 
sundheit dieselbe nicht vollstreckt werden darf. 



§. 9. Zweifelhafte Verhaftungsfähigkeit. Haft. Strafhaft. 17 

Dagegen gehörten Untersuchungen Behufs Verhaftungsfähigkeit zur 
Verbüssung einer Strafhaft zu den häufigen Vorkommnissen, und die 
grosse Verhältnisszahl derartiger Untersuchungen beweist die Häufigkeit 
derselben, aber auch wie häufig sich namentlich zu Gefängnissstrafe 
Verurtheilte derselben durch Vorgeben einer Krankheit zu entziehen 
oder die Strafe hinauszuschieben suchen. 

In neuester Zeit ist allerdings auch solchen oft genug mit der 
grössten Dreistigkeit und bewundernswürdigsten Consequenz Seitens der 
Verurtheilten gethanen Schritten in Preussen durch den üebergang der 
Verwaltung der Gefängnisse von den Gerichts- auf die Polizeibehörden 
insofern ein wirksamer Damm entgegengestellt worden, als gegenwärtig 
die locale Polizei, wenn ihr das ergangene Straferkenntniss zur Voll- 
streckung der Verhaftung oder die Requisition zur Verhaftung eines 
Menschen Behufs der Voruntersuchung zugeht, sofort ohne weiteres zur 
Verhaftung schreitet, wenn der Betreffende nicht geradezu transport- 
unfähig erscheint, odfer seiner Verhaftung durch ärztliche Atteste oder 
Eingaben bei Gericht zuvorgekommen ist. Blosse Krankheit an sich, 
oder angebliche Krankheit schützt ihn nicht, da in allen Strafgefäng- 
nissen Lazarethlocalien und ärztliche Hülfe zu finden sind. Erst also 
wenn die betreffenden Gefängnissärzte den concreten Fall derartig be- 
schaffen finden, dass der Kranke auch selbst im Lazareth d^T Anstalt 
ihrer Ansicht nach nicht verbleiben kann, oder wenn der Richter (jetzt 
Staatsanwalt) durch die Eingaben der zu Verhaftenden sich bewogen 
findet, vor Requistion der Polizeibehörde, dieselben auf seine Haftfähig- 
keit untersuchen zu lassen, erst dann wird der gerichtliche Arzt mit 
der Untersuchung des Verurtheilten beauftragt, um über die Möglich- 
keit, resp. die fernere Möglichkeit der Strafvollstreckung sein Gutachten 
abzugeben. 

Die Fragen, welche hier zu beantworten sind, regelt das Gesetz. 
Der oben angeführte Paragraph der Strafprozessordnung (§. 487) kennt 
drei Bedingungen, welche die Vollstreckung einer Ereiheitsstrafe auf- 
schieben: Geisteskrankheit, nahe Lebensgefahr und solchen körperlichen 
Zustand, mit welchem sich die Einrichtung der Strafanstalt nicht verträgt*). 

Eine Strafhaft ist überall eine harte Strafe. Obgleich die Lo- 
calitat der einzelnen Anstalt vielleicht günstigere Bedingungen für das 
physische Wohl der Einwohner bietet, als die einer anderen, so sind 
doch gewisse Bedingungen durchgehend. Die Strafgefangenen werden 
zu Arbeiten (nach ihren Kräften) angehalten und müssen ihr Tages- 
pensum bei Strafe vollenden. Den Strafgefangenen ist eine Stunde zur 
Bewegung in der Luft auf den Höfen verstattet; jedoch ist seit 1854 
das System der „Aussenarbeit'* und damit verbundener Beschäftigung 
im Freien in Gefängnissen, wie Zuchthäusern eingeführt. Die Ernäh- 
rungsweise endlich ist insofern eine dürftige, als Fleisch in den Zucht- 
häusern sehr sparsam, in vielen nur einige Male im Jahre verabreicht 
wird**). Ausfuhrlicheres findet man in den verdienstvollen Schriften 



•) Vergl. über den Begriff „Geisteskrankheit" den sechsten Abschnitt §. 92. und 
zor «nahen** Lebensgefahr §.15. 

••) In Berlin erhalten die Gefangenen: 1) In der Stadtvoigtei: Morgens drei- 
ricrtel Liter Kaffee oder Mehl-, Grützsuppe, mit Milch oder Butter gefettet, und 208 
Gramm gutes Roggenbrod ; Mittags ein und ein viertel Liter dickbreiig mit Fett oder 

Casper-Liman. GerichtL Med. 7. Aufl. I. O 



18 §.9. Zweifelhafte Verhaftungsfahigkeit. Haft. Strafhaft. 

von Starke und Baer*). Hiernach wird das ärztliche Urtheil betreffend 
einen wirklich kranken oder siechen Strafgefangenen abzuwägen sein. 

Zwei Momente geben dem Begutachter hier eine Erleichterung. 
Bei Straf haft weiss der Gerichtsarzt durch die Requisition des Richters 
genau, auf wie lange Zeit die Freiheitsentziehung (und Arbeitsstrafe) 
erkannt worden ist und zu dauern hat, z. B. einen Tag, sechs Wochen, 
ein, zwei, sechs Jahre, lebenslänglich. So wird er Manchen für meh- 
rere Wochen oder Monate für strafverbüssungsfähig erklären können, 
während er vielleicht Anstand nehmen müsste, dies auf längere Zeit 
hinaus zu thun. 

Das zweite Moment ist nicht weniger erheblich. Eine Strafhaft 
kann unterbrochen werden. Der Gerichtsarzt wird in bedenklichen Fällen 
aufgefordert, zu erklären, ob die Strafvollstreckung aus Gesundheits- 
rücksichten nicht „mit Modalitäten'* wenigstens geschehen könne, und 
er hat dann hier einigen Spielraum, um das zu befürworten, was sich 
in Beziehung auf den vorliegenden Gesundheitszustand des Sträflings 



Fleisch eingekochte, vegetabilische Speise und 209 Gramm Brod; Abends ein Liter 
gefettete Mehl-, Grütz-, Kartoffel- oder Brodsuppe und 208 Gramm Brod, viermal 
im Jahre, an den drei hohen Festtagen und am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers 
V] Liter Bier und 250 Gramm Fleisch im rohen Zustande incl. Knochen. Zur 
Mittagskost ist noch zu bemerken, dass dieselbe 3 mal in der Woche mit Fleisch 
und zwar mit 70 Gramm Rind- resp. Hammelfleisch oder 60 Gramm Schweinefleisch 
gekocht wird, und dass das ausgekochte Fleisch völlig gekleint der Mittagskost bei- 
gemengt wird. Kranke Gefangene werden je nach Ermessen des Arztes nach einer 
der vorgeschriebenen 4 Diätformen verpflegt. Zur 1. — 3. Diät werden die Speisen 
mit 167 Gramm Rindfleisch zubereitet, daneben können je nach Verordnung des 
Arztes Schinken, f. Wurst, geschmortes Obst, Wein, Bier etc. als Extrabespeisung 
zur Stärkung und Erfrischung verabreicht werden. Die 4. Diätform bildet sich aus 
den verschiedenen Extrabespeisungsgegenständen nach Feststellung des Arztes. Für 
Kranke 1. und 2. Diätform wird feineres Roggenbrod, 500 und 333 Gramm, für 
Kranke 3. und 4. Diätform statt Brod Semmel (167 Grm.) oder Zwieback (100 Grm.) 
verabreicht. Gesunde, aber schwächliche Gefangene können auch mit Krankenkost 
verpflegt werden. 2) In der Haus vo igt ei: Morgens Vio I'i^r gefettete Mehl-, 
Hafergrütz-, Gerstgrü4z-, Buchweizgrütz- oder Brodsuppe und 220 Gramm Brod aus 
gebeuteltem (gesiebtem) Mehl; Mittags l'/to Liter Mittagessen bestehend aus Gemüse 
oder Brei, mit Fett eingekocht, und 110 Gramm Brod; Abends Vio I'iter gefettete 
Mehl-, Grütz-, Kartoffel- oder Brodsuppe und 220 Gramm Brod. Sonntags 250 Gramm 
Rindfleisch in rohem Zustande, desgleichen am Geburtstage Sr. Majestät des Königs ; 
wöchentlich einmal und zwar an jedem Donnerstage, an Stelle der Talgfettung, Fettung 
mit 50 Gramm Rindfleisch oder 42 Gramm frischem Schweinespeck. Das Fleisch 
wird an dem Wochentage gekleint der Mittagskost beigemengt. Ausserdem erhält 
jeder Gefangene täglich Vio Gramm Salz. 3) Im. Zellengefängniss, wie in der 
Stadtvoigtei. 4)ImGefängniss amPlötzensee, ähnlich wie in der Stadtvoigtei. 
In der Stadtvoigtei entfallen auf den Kopf dem Soll-Etat nach in Arbeitsräumen 36 
Cubikfuss Luft, in Schlafräumen 300 Cubikfuss Luft, im Lazareth SOO Cubikfuss 
Luft. — Die Gefangenen müssen täglich eine halbe Stunde in die frische Luft ge- 
führt werden. Ohne die ausdrückliche Anordnung des Anstalts-Arztes darf kein 
Gefangener sich dem entziehen. Untersuchungsgefangene können sich nach einem 
etwas reichlicher bemessenen Etat selbst beköstigen. Ausführlicheres in den „Etats 
über Speisung, Bekleidung, Lagerung und Reinigung für die zum Ressort des Mini- 
steriums des Innern gehörigen Straf- und Gefangenen-Anstalten** und den Reglements 
der verschiedenen Anstalten. 

*) Starke, vortragender Rath im Justizministerium. Das belgische Gefängniss- 
wesen. Berlin 1877 (worin sich Vergleiche mit unseren Einrichtungen finden). Baer. 
Die Morbilität und Mortalität in den Straf-Gefangnenanstaltcn in ihrem Zusammen- 
hang mit der Beköstigung der Gefangenen. Deutsche Vierte Ijahrschrift für öffentliche 
Gesundheitspflege. Bd. VIII. Heft L 



§. 10. Bestrittene Möglichkeit, im Termin vor Gercht zu erscheinen. 19 

gewissenhaft befürworten lässt. So begutachtet er die Nothwendigkeit 
der (bessern und verdaulichem) Lazarethkost statt der alltäglichen 
Hauskost, eine häufigere Zahl von Freistunden, eine weniger anstren- 
gende Arbeit, eine allmonatliche Freilassung für so und so viele Tage 
zur Erholung u. dgl. ra. und mag in zweifelhaften Fällen mit dem 
Gefängnissarzte Rücksprache nehmen, ob die Einrichtung der Straf- 
anstalt es gestattet, den kranken Verurtheilten aufzunehmen. 

Die Frage, ob ein Verurtheilter, wenn er die Strafe überhaupt nur 
auf dem Lazareth der Anstalt verbüssen kann, einzuliefern sei, berührt 
meines Erachtens den Arzt nicht, sondern möge er, nachdem er die 
Thatsachen dargelegt und seine Meinung gesagt, die Entscheidung hier- 
über dem Richter überlassen. Aber man sehe sich vor, auch solche 
Begünstigungen nicht ohne dringende ludication zu gewähren, wie über- 
haupt die grösste Strenge gegen sich selbst die Richtschnur 
jedes gewissenhaften Medicinalbeamten bei Erledigung jedes 
einzelnen Falles von streitiger Verhaftungsfähigkeit sein 
und bleiben muss. 

§. 10. FtrtsetsMDS. 2) Bestrittene nögliehkeit^ im Termin rtr Cerielit 

IN erselieinen. 

Wir haben sehr häufig die Aufgabe gehabt, zu bestimmen: ob ein 
Mensch, seines angeblichen Gesundheitszustandes wegen wirlich nicht, wie 
er, mitunter durch ärztliche Atteste unterstützt, behauptete, an Gerichts- 
stelle erscheinen könne? Entweder es wird angegeben, der Kranke könne 
das Zimmer überhaupt zur Zeit nicht verlassen, oder er sei in einem geisti- 
gen oder körperlichen Zustande, der eine Verhandlung vor Gericht als 
gefahrdrohend für ihn erscheinen lassen müsse. Findet man wirklich, 
wie allerdings sehr häufig, den Exploranden krank und ans Zimmer 
oder gar ans Bett gefesselt, so ist der Fall natürlich sehr einfach. 
Aber auch hier kommen, wie überall, die auffallendsten Thatsachen 
vor. Die Beweggründe zur Täuschung des Arztes sind naheliegend. 
Man will aus hundert Gründen keine Zeugenaussage leisten ; ein ander- 
mal behauptet ein als Geschworner Einberufener seines Gesundheitszu- 
standes wegen dispensirt werden zu müssen. Nicht gar selten ist es 
der Angeschuldigte selbst, der durch Nichtabwartung des Termins die 
Sache in die Länge zu ziehen beabsichtigt; in recht vielen Fällen be- 
haupteten die Betheiligten , die zu einem sogen. Manifestationseid — 
die eidliche Aussage über ihren Vermögensstand in Schuldsachen — 
vorgeladen waren, dass sie schwach seien, dass sie den Status ihres 
Vermögens gar nicht übersehen, am Avenigsten ihn jetzt beeidigen 
könnten: in mehreren Fällen von Ehescheidungsklagen verweigerten die 
Frauen zum gesetzlichen Sühnetermin zu erscheinen, weil ihre kranken 
Nerven eine solche Erschütterung gar nicht ertragen würden u. s. w. 
Gewöhnlich sind alles dies und Aeusserungen wie: ,.ich riskire einen 
Schlagfluss" u. dgl. reine Vorwände und Redensarten. Auch hier hemme 
man durch seine Thätigkeit den Gang der Gerechtigkeitspflege nicht an- 
ders, als wenn eine in der Sache liegende, und für diese Frage unge- 
mein leicht von jedem gewissenhaften Arzte zu erkennende Nothwendig- 
keit dazu zwingt. Ist die Gerichtsstelle am Orte selbst, so wird vielleicht 






*20 §. il. Bestrittene Erwerbs- und Dienstfahigkeit. 



i 



I 



11 • 



Ri der Mensch, auch wenn er an irgend einer nicht erheblichen Krankheit 

wirklicli leiden sollte und nicht zu Fuss gehen kann, doch gefahren 
werden können. Bedingt der Terrain eine Reise nach einem ausser- 
halb gelegenen Gericht, so werden in dieser Beziehung die Umstände 
des Falles entscheiden müssen. 

In anderen Fällen kann der vorgefundene Krankheitszustand ein sol- 
cher sein, dass der Arzt dem Richter erklären muss, dass der Betreffende 
zwar nicht in foro erscheinen könne, aber dennoch vernehmungsfähig sei, 
J \ und olt wird dann der Termin in der Behausung des Kranken abgehal- 

ten und der vorliegende richterliche Zweck erreicht werden können. 

Endlich sind uns selbst aber auch Fälle vorgekommen, in denen 
es in von Zeit zu Zeit immer wieder geforderten und ausgeführten 
Explorationen immer wieder bei unsern frühern Gutachten, dass dieser 
Mensch nicht vor Gericht erscheinen könne, um mit ihm zu verhan- 
deln, verbleiben musste, und dass deshalb Untersuchungen u. s. w. 
Jahre lang schweben blieben. Eine alte Frau, die wegen Beleidigung 
eines Beamten zur Untersuchung gezogen war, litt an einem sehr eigen- 
thümlichen und heftigen Brustkrampf, der sie vielmal an jedem Tage 
heimsuchte. Sie sank dann um und fing eine Art brüllendes Geschrei 
' an, das während der ganzen Dauer des Krampfes anhielt, worauf sie 

! sich dann langsam erholte. Sehr oft habe ich mich bei überraschenden 

j Besuchen in ihrer Wohnung, wobei ich sie wohl schon im Krämpfe 

liegend fand, von der Unverstclltheit dieser Zufälle, für die ein materiell 

nachweisbares Leiden nicht aufzufinden war, und deren Vorhandensein 

auch unbetheiligte Hausbewohner bestätigten, überzeugt. Gewitzigt 

aber durch unglaubliche Fälle von ungeahnten und doch vorhandenen 

Simulationen hielt ich es in der Reihe der Jahre, in denen der Fall 

! wegen meiner immer wieder verneinenden Gutachten immer wieder aul- 

t tauchte, endlich doch einmal für gerathen, einen Versuch zur Abhal- 

i tung des Termins zu befürworten. Die Angeschuldigte erschien auf 

i der Anklagebank, war ruhig, gemessen, unverstellt, wurde aber bald 

I von einem heftigen Krampf befallen, der der Verhandlung sofort ein 

Ende machte. Später ist es mir öfters vorgekommen, die Kranke zu 
beobachten, ohne dass sie in meiner Gegenwart Krämpfe bekam, was 
mich nur noch mehr von der Thatsächlichkeit derselben überzeugte. 
Sie ist vor längerer Zeit gestorben, ohne wieder zum Termin erschienen 
zu sein. — Ein Mehlhändler war bei einer Steuerdefraudation betheiligt 
und zur Anklage gestellt. Während der Untersuchung verfiel er in 
Tobsucht und war ein Jahr im Irrenhause. Gegenwärtig ist er in wirk- 
lichen Blödsinn verfallen. Die Untersuchung, die seit Jahren schwebt, 
kann nicht zu Ende geführt werden, weil ich in immer wiederholten 
Explorationen natürlich immer wiederholen musste, dass mit diesem 
Menschen nicht verhandelt werden könne. — Eine Angeschuldigte, 
gegen die verhandelt werden sollte, fand ich zur Zeit des anberaumten 
Termines an Gebärmutterkrebs leidend, hectisch fiebernd und so herab- 
gekommen, dass sie unfähig war, das Bett zu verlassen. In dem Gut- 
achten musste ich aussprechen, dass ihre Wiederherstellung nicht zu 
erwarten stehe, dass ihre Krankheit vielmehr stetig zum Tode führen 
werde, und dass sie daher jetzt und überhaupt nicht mehr fähig sei, 
in einem Termin vor Gericht zu ei scheinen. 



§. 11. Bestrittene Erwerbs- und Dienstfähigkcit. 21 

§. 11. f«rtsetiMBg. 3) Bestrittene Erwerbs- ind Dienstfähigkeit. 

Vergl. die gesetsliehen Bestiminung«!! im yierten Abschnitt spec ThL 

Untersuchungen des körperlichen und geistigen Zustande« eines 
Menschen, von welchem von der einen Seite behauptet, von der andern 
bestritten wird, dass er im Stande sei, sich den nöthigen Unterhalt 
entweder ganz oder wenigstens theilweis zu erwerben, oder 
dass er im Stande sei, irgend ein Amt zu übernehmen, oder das 
von ihm bereits verwaltete noch länger ordnungsmässig fortzuführen, 
werden gar nicht selten vom gerichtlichen Arzte gefordert. 

Vormünder behaupten die eingetretene Erwerbsfähigkeit ihrer heran- 
gewachsenen Curanden, während z. B. die Mutter oder Verwandte der- 
selben sie bestreiten. Kinder, denen die Unterstützung alter Eltern zu 
lästig wird, verweigern dieselbe, und es kommt deshalb zur Klage. 

Wieder in anderen Fällen werden in Folge früher vorangegangener 
Misshandlungen oder Verletzungen von den Beschädigten Ansprüc'hc 
gegen den Thäter oder industrielle Gesellschaften erhoben, wegen be- 
haupteter gänzlicher oder theilweiser, durch die Beschädigung einge- 
tretener Erwerbsunfähigkeit, Fälle, für welche die Erfahrung, wie über- 
haupt für alle, angeblich aus Misshandlungen entstandene Folgen, die 
änsserste Vorsicht im Urtheil zu üben gebietet, weil Rachsucht gegen 
den Beschädiger, oder Trägheit und die Lust auf Kosten eines Anderen 
zu subsistiren, oft zu den äussersten Anstrengungen, einerseits um die 
Wahrheit zu verdunkeln, andrerseits um sich einer lästigen Verpflich- 
tung zu entziehen, veranlassen. 

Die Frage aber von der zweifelhaften Dienstfähigkeit kommt 
namentlich bei Beamten aller Categorien zur Sprache, wenn aus 
Rücksichten für den Dienst, dem sie ihrer Gesundheit und Kräfte 
wegen nicht mehr ordnungsmässig vorstehen zu können scheinen, deren 
Pensionirung bei ihrer Behörde zur Erwägung kommt. 

Gewöhnlich ist es hier das vorgerückte Lebensalter, das jenen 
Zweifel erregt, in anderen Fällen ist es eine bereits lange bestandene 
und anscheinend unheilbar gewordene Krankheit; oder oft wiederholte 
Krankheit und dadurch bedingte häufige Entfernungen aus dem Dienste, 
die endlich die vorgesetzte Behörde nöthigen, eine Entscheidung zu 
treffen, zu welcher eine amtsärztliche Untersuchung des Gesundheitszu- 
standes die Grundlage zu bilden hat. Nicht selten wird man hier 
gerade das Umgekehrte wie bei den Untersuchungen, betrefifend die 
Verhaftungsfahigkeit finden. In beiden Fällen wird eine Täuschung 
des Arztes im egoistischen Interesse versucht; der zu verhaftende Ge- 
sunde stellt sich ihm als krank, der kranke Beamte als gesund vor, 
weil dieser die Einkünfte seines Amtes nicht entbehren, nicht ge- 
schmälert sehen will und kann. Die Untersuchung bietet nichts Eigen- 
thümliches dar, aber auch das Gutachten unterliegt bei der Frage von 
der Dienstlahigkeit in der Regel besonderen Schwierigkeiten nicht, weil 
der Arzt hier genau weiss, oder auf Befragen genau und leicht erfahren 
kann, um was es sich hier handelt. Die Anforderungen und Art und Um- 
fang des Dienstes bei den höheren Beamten aller Collegien, bei den Sub- 
altern -Beamten aller Art, Schreibern, Boten, Gerichtsdienern, Sti" 
Post-, Eisenbahnbeamten, Gefangenwärtern u. s. w. sind allgeme 
kannt. Aus diesem Grunde unterdrücken wir auch hier ca^uistischeJ 



22 §. 11. Bestrittene Erwerbs- und Dienstfähigkeit. 

Dagegen muss ich darauf aufmerksam machen, dass es in allen 
diesen Fällen von zweifelhaft gewordener Dienstfähigkeit sehr häufig 
unmöglich ist, gleich bei dem erstmaligen Auftrage ein entschei- 
dendes Urtheil zu fällen, zumal wenn wirklich irgend eine chro- 
nische Krankheit unzweifelhaft vorliegt. Der jedem Arzte nur zu gut 
bekannte Grund hierfür ist — die Unsicherheit der Prognose und der 
Therapie in so vielen chronischen Krankheiten! Wie häufig bin ich in 
der Lage gewesen, dem Kranken oder seiner Behörde gegenüber nicht 
gleich beim ersten Male die Unmöglichkeit des Gelingens ihm empfoh- 
lener Kurversuche, einer Operation, d. h. der Wiederherstellung des 
Exploraten bis zur Dienstfähigkeit durch dieselben, behaupten zu können. 
Man beantrage in solchen Fällen eine abermalige Exploration in kür- 
zerer oder längerer Zeit und wird dann bei sorgsamer Erwägung des 
Erfolges der eingeschlagenen Kuren und aller Umstände des concreten 
Falles, wenn auch oft erst nach mehrfachen Untersuchungen in vielen 
Monaten, zu einem sicheren Urtheile gelangen. 

Sehr viel grössere Schwierigkeiten bedingen die Fälle von zweifel- 
hafter Erwerbsfähigkeit, die oft wirklich über die Grenze der ärzt- 
lichen Competenz hinausgehen. Denn es müssen hier gar nicht selten 
Dinge und Verhältnisse in Erwägung gezogen werden, die ganz und gar 
nicht heilwissenschaftliche Objecto sind. Und dennoch wird der Gerichts- 
arzt vom Richter gefragt: ob N. N. im Stande sei, sich ganz oder 
wenigstens theilweise seinen Unterhalt zu verdienen, um eine wie grosse 
Quote eventuell die Erwerbsfähigkeit vermindert sei?*). Aber wenn hier 
der eine in Erwägung zu ziehende Factor allerdings der körperliche 
oder geistige Gesundheitszustand des N. N. ist, so ist doch der andere, 
den Arzt als solchen gar nicht berührende, der.Werth des möglicher- 
weise vom N. N. zu Producirenden, verglichen mit dem Preise der 
Lebensmittel und übrigen nothwendigen Bedürfnisse. 

In einer Klagesache wollten Kinder ihrer seit Jahren im Bett liegen- 
den, an den Unterextremitäten paralysirten alten Mutter einen Theil der 
bisherigen Unterstützung entziehen, behauptend, dass sie sich theilweise 
selbst ernähren könne. Die Rückenmarkslähmung war unzweifelhaft, 
aber die Frau strickte allerdings mühsam wollene Strümpfe, von denen 
sie etwa vier Paar im Monat zu Stande brachte. Was ist der Werth 
von vier Paar Strümpfen? Die medicinischen Compendien geben hier- 
auf keine Antwort. Ich führe dies eine Beispiel statt sehr vieler ähn- 
lichen an, um zu beweisen, dass man in solchen Fällen den medicini- 
schen Thatbesiand und Alles, was man über die individuelle Arbeits- 
fähigkeit ermittelt hat, schildern und dann dem Richter überlassen soll, 
zu entscheiden, ob und welches .Maass von zureichender oder unzurei- 
chender Erwerbsfähigkeit hier vorliege. 

In vielen anderen derartigen Fällen wird eine andere Kenntniss 
bei dem Mediitinalbeamten vorausiresetzt, die gleichfalls nicht im Be- 
reich seiner Wissenschaft liegt, ich meine die Kenntniss der Arbeiten 
und technischen Manipulationen in den verschiedenen Handwerken. 
Dies kommt in der gerichtsärztlichen Praxis in den oben schon er- 
wähnten Fällen vor, sowohl bei behaupteter Unmöglichkeit nach er- 

•) Vgl. die Gesetzesstellen im vierten Abschnitt, 



Erwerbsfahigkeit. §. 12. Casuistik. 1. FaU. 23 

littenen Verletzungen das bisherige Geschäft, Handwerk ferner fortzu- 
treiben, wie auch bei jungen Leuten, die sich zu einem Lebensberuf 
in einem oder dem anderen Handwerk entscheiden sollen. Wer aber 
hat den Arzt gelehrt, wie die Schuhmacher, die Gürtler, die Hut- 
macher, die Weissgerber, die Stellmacher u. s. w. ihre Arbeit bis in 
alle Einzelheiten hinein verrichten? wie hier der rechte, dort der linke 
Arm, hier die Brust, dort der Unterleib mehr in Anspruch genommen 
wird? Ein Schumacher litt, in Folge einer vSchlägerei, an einer chro- 
nisch gewordenen Periostitis am linken Schienbein. Da er übrigens 
völlig gesund war, so vermeinte ich, dass kein Grund zu der Annahme 
vorliege, dass er sein Handwerk nicht in gewohnter Weise forttreiben 
könne, wurde aber eines Besseren belehrt, als ich erfuhr, dass der 
Schuhmacher fortwährend auf das Knie hämmert, wonach eine schmerz- 
hafte Erschütterung des kranken Schienbeins allerdings erklärlich wurde. 
Fälle dieser Art von streitiger Erwerbsfähigkeit haben eine solche 
naheliegende Wichtigkeit für beide streitende Theilc und involvircn eine 
so schwere und lästige Verpflichtung für die betheiligien Verklagten, 
dass sie sehr oft Veranlassung geben zu Jahre langen Processen und 
zum Beschreiten aller gesetzlichen medicinischen Instanzen. 

In Folge des Haftpflichtgesetzes*) sind in neuerer Zeit Klagen auf 
Schadenersatz und lebenslängliche Unterstützung wegen Erwerbsunfähig- 
keit gegen industrielle, namentlich auch Eisenbahngesellschaftcn häu- 
figer geworden und ist in Bezug auf Verunglückung auf Eisenbahnen 
namentlich auch auf die durch Hirn- und Rückenmarkerschütterung er- 
zeugten Symptome zu achten**). Wir werden in der gleich folgen- 
den Casuistik auch solche Fälle anführen. 

§. 12. Casiistik. 

1. fall. Ob das Bäcker- oder Klempner-Handwerk zu erlernen? 

Ich hatte mich darüber gegen das Vormundschaftsgericht zu äussern: ^ob das 
Erlernen des Bäcker-Handwerks zuträglicher für den Curanden sei, als der Betrieb 
des Klempner-Handwerks*'? Der 15jährige Knabe hatte eine flache Brust und Tu- 
berkelablageningen in der Spitze der rechten Lunge. Seiner Aussage nach hatte er 
während des Vierteljahres, in welchem er das Klempner-Handwerk zu betreiben an- 
gefangen hatte, viel durch die sauren Dämpfe zu leiden gehabt, die sich aus der 
Salzsäure, welche die Klempner zum Löthen gebrauchen, fortwährend entwickeln. 
Mit dieser richtigen Thatsache waren auch seine Angaben, dass diese Dämpfe ihm 
fortwährend die Athmung erschwerten und ihm zum Husten reizten, in Einklang zu 
bringen und deshalb glaubhaft. In Betracht der entschiedenen Anlage des jungen 
Mannes zur Schwindsucht und in Erwägung, dass die genannten Schädlichkeiten 
bei dem Bäcker-Handwerk nicht vorkommen, bejahte ich die vorgelegte Frage. 



*) Reichsgesetz wegen Verbindlichkeit zum Schadenersatz für die bei dem Be- 
triebe von Eisenbahnen, Bergwerken etc. herbeigeführten Tödtungen und Körperver- 
letzungen vom 7. Juni 1871. (Reichsgesetzblatt S. 207.) 

•*) Erichsen, üeber die Verletzungen der centralen Thcile des Nervcnsystemes 
vorzüglich durch Unfälle auf den Eisenbahnen. Aus dem Engl, von Kelp. Oldenburg' 
1868. — Morgan, J., Injuries of the spine, the result of railway's concussioDS. 
Med. Press and Circ. Jan. 15, 22, 29, 1873. — Lcyden, Ein Fall von Rückenmarka- 
erschütterung durch Eisenbahn-Unfall (Railway Spine) Archiv für Psychiatrie. B( 
ym. Heft I. und dessen Klinik der Rückenmarkskrankheiten 1874/76. I{. S. 99f 



24 Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casuistik. 2. Fall. 

2. Fall« Klage auf lebenslängliche Unterstützung wegen behaupteter 
völliger Erwerbsunfähigkeit, veranlasst durch Eisenbahnunglück. 

Ich lasse hier zunächst die Krankengeschichte, durch Herrn Dr. Solger be- 
arbeitet, folgen, an welche sich mein Gutachten anschliesst. 

Fräulein Ottilie Seh., w^elche gegenwärtig 34 Jahre alt ist, verunglückte am 
22. Mai 1873, Abends zwischen 10 und 11 Uhr auf der Berliner Verbindungsbahn 
in Folge eines Zusammenstosses zweier Züge. 

Nachdem sie zwischen den Wagentrümmern längere Zeit, wie sie angiebt, ge- 
legen und grossen Schrecken und Angst ausgestanden, wurde sie mit Blut über- 
strömt aufgefunden. Die Blutung kam aus einer Wunde in der Gegend des rechten 
Unterkiefers, wo die Arteria maxillaris externa von unten aufsteigend zum Gesicht 
verläuft. Eine ca. 2 Ctm. lange Narbe bezeichnet noch jetzt die Stelle dieser Wunde. 

Herr Dr. Ullrich sah am 23. Mai die Verletzte und dürfte im Stande sein, 
über die Grösse des Blutverlustes, so weit sich solcher aus den nächsten Folgen be- 
urtheilen lässt, sowie auch über den sonstigen Zustand der Verunglückten Auskunft 
zu geben. Er behandelte Frl. Seh. nach seinem bei den Acten befindlichen Zeug- 
niss, bis zum 2. Juni 1873 an der genannten Wunde und an Gehirnerschütterung, 
sowie nach Heilung der ersteren an einem fieberhaften, nervös erregten Zustande, 
der die Kranke vollständig erwerbsunfähig machte, und veranlasste letztere später, 
sich in das Haus ihres Onkels und in meine Behandlung zu beggeben. 

Am 19. Juni 1873 sah ich Frl. Ottilie Seh. zum ersten Male im Hause ihres 
Onkels. Damals war ein fieberhafter Zustand nicht mehr vorhanden, wohl aber be- 
stand ein Zustand bedeutender psychischer Depression. Die Kranke, welche nur 
schwer dazu zu bewegen war, sich gehörig über ihr Leiden auszusprechen, klagte 
über mannigfache Beschwerden , insbesondere über Kopfschmerz und Verdauungs- 
störungen. Die Regel hatte sie nach dem Unfälle nicht wieder gehabt, war an- 
ämisch. Die Digitalexploration ergab einen nicht schmerzhaften, normal gelagerten, 
beweglichen, welken Uterus. Später, nachdem die Kranke einer abführenden Kur 
unterworfen war, traten die Hirnerscheinungen in den Vordergrund. Für diese Hess 
sich ein anderer Ausgangspunkt als die von Herrn Dr. Ullrich erwähnte Hirner- 
schütterung in Verbindung mit den übrigen schädlichen Einflüssen des erlittenen 
Eisenbahnunfalles nicht auffinden. 

W'ie schon in einem Atteste zu den Acten von mir bescheinigt wurde, äusserten 
sich die Himerscheinungen in einem Kopfschmerz, der mehr die Mitte des Kopfes 
einnahm, in Brausen im linken Ohr, welches bisweilen in ein Hören bestimmter 
Töne und Geräusche, selbst Worte überging, in eigenthümlichen Sensationen in den 
Fingerspitzen der rechten Hand (als ob eine Maus daran knabberte, sagte die Kranke), 
Neigung zum Schlafen am Tage und unruhigem Schlafe Nachts. 

Dazu kam die erwähnte psychische Depression. Diese machte es schwer, die 
mannigfachen der Kranken fremden und neuen Sensationen von ihr zu erfahren. 
Bisweilen hatte sie ein lebhaftes Gefühl von Doppelsein, dann Ausbrüche von Weinen 
und Lachen, deren sie sich nicht erwehren konnte. Ende Juni trat Abends ein 
Toben mit sichtlicher Congestionirung des Kopfes ein. wie die Familie mir bei 
meinem folgenden ärztlichen Besuche mittheilte. An einem besseren Ta^e war die 
Kranke Anfangs Juli unter einigem Zwange Seitens ihrer Tante im Stande gewesen, 
einen weiten Weg in die Stadt zu nehmen. 

Schwankend, bald besser, bald schlimmer, zogen sich diese Zustände durch 
den Juli uml August hin. 

Ende Juli war durch die ärztliche Behandlung der Ernährungszustand ein 



Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casuistik. 2. Fall. 25 

wesentlich besserer geworden; die subjectiven Empfindungen in den Fingern und 
Ohren waren zum Theil verschwunden. Dagegen klagte die Kranke gelegentlich 
über Ameisenlaufen in allen Extremitäten, über Kopfschmerz, jedoch weit weniger 
als früher. 

Ihre Stimmung war äusserst wechselnd. Sie war sehr zum Weinen geneigt, 
fasste sich aber bald wieder und kämpfte entschieden ernstlich, ihrer Stimmung Herr 
zu werden. 

Ihr Character hatte sich nach der Aussage ihrer Tante gänzlich gegen früher 
geändert. Früher soll sie unermüdlich thätig, oft Tag und Nacht arbeitend, ge- 
wesen sein, jetzt erwiesen sich alle Bemühungen der sehr energischen Tante, sie an 
Hausarbeiten regelmässig Theil nehmen zu lassen, als fruchtlos und mussten endlich 
als na^htheilig untersagt werden. 

Verlängerte warme Bäder und der Gebrauch des Chloral brachten eine Zeit 
lang im August eine entschiedene Besserung zu Stande. 

In den letzten Wochen d. Mts. befand sie sich wieder sehr schlecht, hatte 
Schmerzen und Schwere im Hinterkopfe, ebenso Beschwerden im ünterleibe. als solle 
die Regel wiederkehren. Indessen diese trat nicht ein. Es wurde durch die An- 
gaben der Kranken und ihrer Tante constatirt, dass gerade an dem Abende des 
22. Mai, als Fräulein Seh. das Haus verliess. um mittelst der Verbindungsbahn nach 
ihrer Wohnung zu fahren, die bei ihr stets regelmässige Menstruation in vollem 
Gange gewesen war. Tags darauf war sie verschwunden und nicht wiedergekehrt. 
Der Zustand des Fräulein Seh. änderte sich im September, October und November 
nicht wesentlich. 

Das Auftreten von periodischen Congestionen der Conjunctivalschleimhaut und 
eines Tlieils des Gesichtes und die Hoffnung, durch den constanten electrischen 
Strom günstig auf die Kranke wirken zu können, veranlasste mich, sie an Dr. B. zu 
weisen. Dieser sah sie meines Wissens zuerst am 24. October. 

Das Resultat seiner mehrmonatlichen Behandlung und Beobachtung im Jahre 
1873 und 1874 ging dahin, dass Frl. Seh. an einer bedeutenden psychischen De- 
pression, einer allgemeinen erhöhten Reizbarkeit gegen den electrischen Strom und 
• insbesondere an einer abnorm erhöhten Erregbarkeit des mittleren Halsganglion, des 
Nervus sympathicus der einen Seite im Verhältniss zu dem der anderen Seite litt, 
dass alle diese Krankheitszustände unter mannigfachen Schwankungen schliesslich 
um nichts gebessert seien, dass der psychische Depressionszustand aber sich ver- 
schlimmert habe. 

Am 21. Januar 1874 hatte Frl. Seh. zum ersten Male ihre Menstruation in 
sehr beschränktem Maasse, so dass an diesem Tage nach dem Berichte ein fast 
handgrosser. blutiger Fleck in der Wäsche zu Stande kam. Dergleichen nur einen 
Tag dauernde, geringe Blutausscheidungen sind von da an nicht regelmässig, aber 
doch in mehreren Monaten eingetreten. 

Von Ende Juni dieses Jahres, wo ich Berlin verliess. bis zum 28. September 
sah ich Frl. Seh. nicht. 

Ich hatte im Frühjahr empfohlen, sie in's Gebirge, zunächst nach Flinsberg 
zu bringen. Sie hatte sich aber, durch äussere Umstände veranlasst, im Sommer 
in die Odemiederung in die Gegend von Stettin begeben, wo sie Pflege auf dem 
Lande fand. 

Jetzt nach ihrer Rückkehr ist ihr Zustand um nichts gebessert, vielmehr ist 
die dauernde psychische Depression in ihrer Erscheinung jetzt tiefer ausgeprägt als 
ZQvor. Ihre Geisteskräfte sind stumpfer. Ihre Angst-, Wein- und resp. Tobanfälle 
werden von der Familie als ein- bis zweimal wöchentlich wiederkehrend berichtet. 



26 Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casuistik. 2. Fall. 

Ueber ihr eine Geistesstörang deutlich bekundendes Gebahren in der Familie muss 
ich. wenn es dessen noch bedürfen sollte, dem Richter anheim geben, die Haus- 
genossen, insbesondere die Tante zu vernehmen. 

Ich schliesse diesen Bericht mit dem Bemerken, dass Frl. Seh. zur Zeit eine 
starke Knickung der Gebärmutter nach vom hat und in Folge dessen bei der ge- 
legentlich sich zeigenden Spur von Menstruation an neuen Beschwerden leidet, und 
fasse mein Urtheil dahin zusammen, dass Frl. Seh. in Folge des ihr am 22. Mai 1873 
wiederfahrenen Eisenbahnunfalls in ihrem Hirn und in verschiedenen anderen Theilen 
ihres Nervensystems krank, in ihren Geschlechtsfunctionen in Folge eben dieses Un- 
faUs dauernd gestört und somit dauernd erwerbsunfähig ist. 

Mein in dieser Sache abgegebenes Gutachten schloss sich dem vorstehenden an. 
„Frl. Seh.", sagte ich, ist „nerven- und hirnkrank-, und haben die psychischen 
Himfunctionen bei ihr gelitten. Ich trete in dieser Beziehung dem Gutachten des 
Dr. Solger vollkommen bei. 

Die 32jährige Person hat ein bleiches, blutarmes Aussehen und ist schlecht 
genährt. Sie beklagt sich über die im Atteßt bezeichneten Beschwerden , einen be- 
ständigen Druck im Nacken und Hinterkopf, Ameisenkriecheu in den Armen, Taub- 
heit in den Händen, Gefühl von Doppeltsein, Angst und Unruhe. Bei der objee- 
tiven Untersuchung ist der Druck auf die Wirbelsäule in der Nackengegend und des 
6. Brustwirbels empfindlich. 

Ein zusammenhängendes Gespräch ist gar nicht mit ihr zu führen. Sie ver- 
fällt sehr bald in Weinen und offenbart in ihren Aeusseningen einen entschiedenen 
Schwachsinn und Gedächtnissschwäche. 

Sie ist u. A. ausser Stande, den Weg zu beschreiben, den sie von ihrer jetzigen 
Wohnung nach der Grossen Frankfurterstrasse nehmen würde, obgleich sie ihn 
früher häufig gemacht hat. Sie weiss nichts anzugeben, was nach ihrem Unfall 
mit ihr geschehen ist, war unsicher, ob sie bei ihrem Bruder an der Spandauer 
Brücke oder in der Grossen Frankfurterstrasse verpflegt worden, während sie die 
Jahreszahl richtig beantwortete, als Monat indess den November anführte, sich dann 
aber corrigirte. 

Sie ist ausser Stande, leichte Rechenaufgaben zu lösen, z. B. wie viel sie 
aus einem Thaler herausbekommt, wenn sie für 12 Gr. Butter, 5 Gr. Eier und 
1 Gr. Grünes einkauft. Auch konnte sie nicht ausrechnen , was sie in drei Wochen 
verdiene, wenn sie täglich 2 Oberhemden ä 15 Sgr. nähe. Erst als man hierbei 
jede einzelne Position mit ihr ausrechnete und sie zur Combination anleitete, gelang 
die Lösung. 

Sie kann daher auch nicht zu Einkäufen durch ihre Umgebung benutzt und 
auch nicht allein sich überlassen werden, denn ihre Tante giebt glaubhaft an, dass 
sie Anfälle von Gereiztheit und Erregtheit bekomme, zeitweise Alles zerkehrt mache 
und nach ihren Aeusseningen während solcher Anfälle an Sinnestäuschungen zu 
leiden scheine. 

Ihr ganzes Benehmen und die Entwicklung ihres Krankheitszustandes schliesst 
den Verdacht einer Simulation oder Uebertreibung aus. Ein Simulant würde nie- 
mals, wie sie es thut, den Fragen gerecht zu werden suchen und sich bemühen, 
eine gestellte Rechenaufgabe zu lösen und endlich nach und nach zur Lösung ge- 
langen. Ebenso schliesst die Entwickelung ihres Krankheitszustandes, wie er durch 
das Solger 'sehe Attest gegeben, eine einfache hysterische Erkrankung aus. 

Explorata ist hiernach zur Zeit sicherlich nerven- und hirnkrank, und es ist 
nach dem bisherigen Verlauf ihrer Krankheit auch gar nicht anzunehmen, dass sie 
sich bessern werde, Sie ist vielmehr als unheilbar zu erachten. 



Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casuistik. 3. Fall. 27 

Nicht minder ist nicht zweifelhaft, dass ihre Krankheit einer Hirn- und Rücken- 
markerschütterung, herbeigeführt durch das Eisenbahnunglück, welches sie bei dem 
Zusammenstoss auf der Verbindungsbahn erlitten hat, ihre Entstehung verdankt, 
weil sie gesund den Waggon bestiegen hat und seitdem stetig kränker geworden ist, 
und erfahrungsgemä^s derartige Vorfälle Krankheitszustände , wie bei der Explo- 
randa zur Folge haben. 

Eine Continuität zwischen Verletzung und ihrem jetzigen Zustand ist unver- 
kennbar. 

Hiemach begutachte ich: 1. dass Explorata him- und nervenkrank ist, 2. dass 
nach dem bisherigen Verlauf der Krankheit die Annahme auf eine Heilung ihres 
Zustandes ausgeschlossen ist, 3. dass durch ihren Krankheitszustand die pp. Seh. 
dauernd erwerbsunfähig ist, 4. dass die Veranlassung zu ihrer Krankheit in dem 
Eisenbahnunglück, welches sie betroffen, zu suchen ist. 



S. Ml. Verunglückung im Eisenbahndienst. Tod. Klage der Erben 
auf Schadenersatz. Divergenz des Gesellschaftsarztes. 

In dieser Sache hatte ich bei Divergenz der Gutachten der Dr. S. und N. als 
Obmann ein Gutachten abzugeben. 

Dr. N. sah den Bahnarbeiter Unde, welcher einen Fall vom Eisenbahn waggon 
derart gethan hatte, dass er rücklings auf eine Nothkette zu sitzen kam, bald nach 
dem Unglücksfall, am 16. Dec. 1874, und fand eine Blutung aus der Harnröhre. Die 
Dammgegend war sehr empfindlich und eine Untersuchung mit dem Katheter ergab 
eine Verletzung der Harnröhre, und zwar in der Pars membranacea, d. h. der der 
Dammgegend entsprechenden Stelle im Verlaufe dieses Canales. Die Blutung aus 
der Harnröhre währte noch einige Tage. Anfangs konnte kein Urin gelassen wer- 
den, später nur uncer grossen Schmerzen und tropfenweis. Nachdem die Blutung 
zum Stehen gebracht war, nahm Unde trotz Verwarnung des Arztes den Dienst 
wieder auf. 

Am 24. Februar 1875 überzeugte sich Dr. N., der gelegentlich eines erneuten, 
kurz vorübergehenden Unfalles zu Unde gerufen war, dass noch unaufhörliches 
Hamträufeln stattfand, dass der Urin stark mit Eiter vermengt war. 

Im März sah N. den Unde fünfmal, und gab ihm wiederholentlich den Rath 
sich einer Operation zu unterwerfen. 

Am 27. Mai wurde N. abermals zu Unde gerufen und fand ihn erheblich krank. 
Nach den von ihm wahrgenommenen Erscheinungen nahm er an, dass die Entzün- 
dung sich von den ursprünglich afficirten T heilen weiter fortgepflanzt habe. 

Nachdem im Juni anscheinend eine Besserung eingetreten war, trat im Juli 
ein beträchtliches Oedem der unteren Extremitäten ein, der Appetit verlor sich, der 
Urin war stark eiweisshaltig, die Nierengegend empfindlich. Der Urin wurde nur 
noch unwillkürlich entleert. 

Auch jetzt noch besserte sich der Zustand wieder in Etwas. Eine jetzt abermals 
aasgeführte Untersuchung mit dem Katheter, welche Patient wiederholentlich hart- 
näckig verweigert hatte, liess erkennen, dass genau der am 26. Dcbr. 1874 als verletzt 
gefundenen Stelle, eine so beträchtliche Verengerung der Harnröhre entsprach, dass 
ein dünner elastischer Katheter nicht über die verengte Stelle hinausdrang (5. August). 

Dieser Befund veranlasste die Ueberführung des Kranken nach dem Kranken- 
haas in Leipzig. 

Port starb der pp. Unde. 



28 Erwerbsfähiglieit. §. 12. Casuistik. 3. Fall. 

Die Obduction der Leiche ergab als Todesursache eine eitrige Entzündung 
beider Nieren, als Folge einer HamrÖhrenverengerung. 

Der Sitz der HamrÖhrenverengerung unterhalb der Schambeinfuge und die 
geknickte Beschaffenheit der verengten Stelle Hessen es dem Prof. Thierse h höchst 
wahrscheinlich erscheinen, dass die Verengerung entsprechend den Angaben des 
Verstorbenen durch eine Quetschung des Mittelfleisches entstanden sei, und ebenso 
hat der Assistenzarzt Dr. Hermann, welcher den Verstorbenen im Krankenhause als 
Arzt behandelte , nach dem Verlauf der ganzen Krankheit und dem Sectionsbefund 
die volle üeberzeugung gewonnen, dass die Verletzung der Harnröhre durch Ein- 
wirkung einer äusseren Gewalt, wie z.B. durch einen Sturz hervorgebracht worden sei. 

Dieser Ansicht der Obducencen kann ich meinerseits nur lediglich beitreten. 

Es ist von dem Tage des Sturzes an, den 26. Dec. 1874, bis zum Todestage, 
17. September 1875, eine Continuität der Krankheitserscheinungen, welche mit der 
Erfahrung congruirt, nachweisbar. 

Die Aeusserungen von Dr. N., welche auf fortgesetzter Beobachtung des Kran- 
ken beruhen, lassen gar keinen Zweifel darüber, dass derselbe durch den Sturz auf 
die Nothkette, durch welchen er gerade mit dem Theil der Harnröhre aufgefallen 
ist, an welchem später bei der Obduction der Leiche die Verengerung vorgefunden 
wurde, sich verletzt habe und zwar allem Anscheine nach eine Contusion (Quet- 
schung) der Harnröhre davongetragen hat. Eine Zerreissung ist um deshalb nicht 
wahrscheinlich, weil sich keine Urininfiltrationen im Laufe der Krankheit ausgebil- 
det haben. Dagegen erklären sich auch durch eine Quetschung selbstverständlich 
mit Gefässzerreissungen , die Blutungen, die nachfolgende Eiterung, die Hambe- 
schwerden , die schliessliche Verengerung der Harnröhre mit den wieder durch sie 
gesetzten Folgekrankheiten, namentlich dem tödtlichen Ausgang durch Pyelonephri- 
tis, welche durch Stauung des ürines erzeugt worden ist. 

Dem gegenüber sind die Angaben und Argumente des Dr. S. hinfällig. 

Zunächst ist hervorzuheben, dass Dr. S. angiebt, den Kranken nach dem 
3. März 1875 überhaupt nicht mehr gesehen zu haben , dass aber über seine Beob- 
achtungen bis zum 1. März aus seinem Gutachten überaus wenig hervorgeht. Wir er- 
fahren eigentlich nicht, auf welche von ihm gemachten Wahrnehmungen hin er seine 
Atteste ausgestellt hat. 

Zunächst hat er am 27. December 1874, seiner eigenen Angabe nach, den 
Kranken nicht hinreichend untersucht. Er hat der Angabe, dass die Blutflecke im 
Hemde durch blutigen Harn entstanden seien, zwar Glauben geschenkt, nicht aber 
die Quelle der Blutung zu ermitteln versucht. Er muss es daher und lässt es daher 
auch ganz unbestimmt, woher etwa die Blutung gestammt habe, und spricht ganz 
allgemein von einer „Quetschung der die Harnorgane umgebenden Weichtheile". 

Dem gegenüber ist aber die durch Dr. N. auf Grund localer Untersuchung fest- 
gestellte Verletzung der Harnröhre schwerwiegend und entscheidend. 

Am 3. März 1875 hat er endlich eine Localuntersuchung vorgenommen und 
jetzt ebenfalls eine sehr bedeutende Verertgemng der Harnröhre constatirt (cf. Attest 
in den Beiacten vom 27. März 1875). 

Während er hier die Möglichkeit zugiebt, dass eine Verletzung der Harnröhre 
die Ursache der Strictur gewesen sein könne, nimmt er Anstand einen Causalzu- 
sammcnhang zwischen Verletzung und Strictur anzunehmen, weil Stricturen auch 
nach Gonorrhöen (Tripper) beobachtet würden und nicht erwiesen sei. dass Unde 
nicht früher einmal einen Tripper gehabt habe. 

Dr. N. hat aber die Genese der Strictur verfolgt, und dem gegenüber ist eine 
aus der Luft gegriffene, durch nichts erwiesene Hypothese hinfällig. Stricturen 



Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casuistik. 4. Fall. 29 

nach Trippern pflegen überdies nur zu entstehen nach langwierigen und hartnäcki- 
gen Trippern, und dass Unde an einer solchen Krankheit gelitten habe, ist nichts 
weniger als actenmässig. 

Am 20. Januar 1875 will Dr. S. dem pp. Unde ein Attest ausgestellt haben, 
worauf er als Nachtwächter der Eisenbahn in Dienst genommen worden ist. 

Dies Attest, resp. die in demselben erhobenen für Gesundheit oder Krankheit 
sprechenden Erscheinungen liegen nicht vor, und kann die blosse Thatsache , dass 
(nach seinem Krankenjoumal) Dr. S. ein Attest ausgestellt habe, unmöglich genü- 
gen, die Gesundheit des pp. Unde zur Zeit zu beweisen. 

Im Gegentheil ist diese Angabe im hohen Grade verdächtig, der positiven An- 
gabe des Dr. N. gegenüber, dass er am 24. Februar unaufhörliches Harn träufeln 
eines stark mit Eiter vermengten Urines wahrgenommen habe. 

Dass endlich der pp. Unde acht Tage nach erlittener Verletzung wieder in den 
Dienst getreten, spricht durchaus nicht für seine Gesundheit. 

Dass er zu dieser Zeit gesund gewesen, hat Dr. S. nicht constatirt. Er 
schliesst es nur daraus, weil Unde in den Dienst getreten. Dr. N. hat aber das 
Vorhandensein der Krankheit constatirt und Unde ge warne vor den Nachtheilen, 
welche er durch Wiederaufnehmen des Dienstes haben werde. Dass dieser sich dar- 
über hinweggesetzt, gestattet aber nicht den Schluss, dass er gesund gewesen sei, 
vielmehr ebenso gut den, dass er trotz vorhandener Krankheit, welche Abwartung 
and Pflege bedurft hätte, dadurch sich neuen Schädlichkeiten ausgesetzt hat, die ihn 
schliesslich zu Grunde gerichtet haben. 

Während Dr. S. am 4. Juli 1876 behauptet, dass mit grösster Wahrscheinlich- 
keit mü dem 1. März 1875 alle krankmachenden Einwirkungen als Folge der er- 
littenen Contusion verschwunden gewesen sind, findet er bei seiner Untersuchung 
am 3. März eine unpassirbare Verengerung der Harnröhre, von der er am 27. März 
1875 aussagt, dass sie möglicherweise mit dem Unfall zusammenhängen könnte, 
wenn nicht etwa ein Tripper voraufgegangen wäre, und kommt dann in dem Gut- 
achten vom 1. Juli 1876 zu dem Schluss, „dass ganz andere Krankheitsursachen, 
ab die im Dienste erlittene Contusion eingewirkt haben können, um die Beschwerden 
bei dem Uriniren hervorzubringen". 

In Erwägung nun aber, dass von anderen Krankheitsursachen gar nichts be- 
kannt ist, als dass der Dr. S. sie hypothetisch introducirt, dass dagegen festgestellt 
ist, dass Unde eine Verletzung der Harnröhre durch den Sturz erlitten hat, dass er 
dauernd an den Folgen dieser Verletzung gelitten hat, in einer Weise, wie dies er- 
fahningsgemäss nach derartigen Verletzungen der Fall ist, und dass die Obduction 
die Narbe der Verletzung und die durch sie bedingten tödtlich gewordenen patholo- 
gischen Veränderungen in den Nieren nachgewiesen hat, gebe ich amtseidlich mein 
Gutachten dahin ab: 

dass der pp. Unde seit dem 26. December 1874 durch den Sturz auf die Noth- 
kette dauernd krank gewesen ist und an den Folgen der durch den Sturz 
herbeigeführten Verletzung gestorben ist. 

4» fiU. Verunglückung im Eisenbahndienst. Klage auf Erwerbsun- 
fähigkeit. Divergenz des Vorgutachters (Gesellschaftsarztes). 

Als feststehend kann erachtet werden, dass der Locomotivführer Schulz am 
22, November 1873 im Dienst verletzt worden ist, und zwar ist er in Folge Zu- 
sammenstosses zweier Locomotiven von der Maschine herabgestürzt und mit dem 
Kopfe voraus auf den hartgefrornen Erdboden. 

Er hatte nach dem Attest des Bahnarztes Dr. E. eine etwa 6 Ctm. lange Kopf- 



30 Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casuistik. 4. Fall. 

wunde, welche die Kopfschwarte durchdrang, in deren Mitte die Knochenhaut in 
Grösse eines Achtgroschenstückes losgelöst war. 

Eine nähere Untersuchung der Wunde ist aus dem sehr flüchtigen Attest nicht 
ersichtlich. Ebenso wenig ist etwas über die weiteren Erscheinungen in jenem 
Atteste gesagt, nur bemerkt, dass sich nach einigen Tagen Rose hinzugesellt habe. 

In seiner Vernehmung vom 25. Januar 1877 verneint Dr. E. das Bestanden- 
haben von Erscheinungen einer Gehirnerschütterung oder sonstiger Gehirnaffectionen. 

Explorat klagte indess über Kopfschmerz, Schwindel, Unfähigkeit die Worte 
zu finden u. s. w. , musste die inzwischen aufgenommene Arbeit bei der Eisenbahn 
wieder aufgeben und erlitt am 21. Januar 1874 einen Anfall, dem bedeutende 
Kopfschmerzen voraufgingen, verbunden mit „Taumlichkeif. 

Dieser Anfall trat nach der Beschreibung des Dr. W. als ein sog. Schlaganfall 
auf, war mit mehrtägiger Bewusstlosigkeit verbunden und von Lähmungserschei- 
nungen linkerseits gefolgt. 

Trotz mehrfacher Curversuche ist der pp. Schulz angeblich bis heute nicht ge- 
nesen, er behauptet erwerbsunfähig zu sein. 

Die Meinungen der gutachtenden Aerzte gehen diametral auseinander. 

Die einen statuiren keinen Zusammenhang zwischen der damaligen Verletzung 
und dem 14 Monate später aufgetretenen Schlaganfall, führen denselben vielmehr 
eventuell auf die Constitution des pp. Schulz zurück, halten seine vor wie nach dem 
Anfall angegebenen Krankheitserscheinungen für simulirt, oder zum Theil bedingt 
durch chronischen Alcoholismus , ihn zum Eisenbahndienst für brauchbar und er- 
werbsfähig. 

Die anderen halten die entgegengesetzte Meinung aufrecht, d. h. sie statuiren 
einen Causalzusammenhang zwischen Verletzung und Schlaganfall und behaupten 
Dienst- und Erwerbsunfähigkeit. 

Schulz ist ein 39 jähriger, ziemlich corpulenter Mensch, mit geröthetem Ge- 
sicht, träumerischem Gesichtsausdruck. Er spricht langsam, aber nicht un<ieutlich. 
Er giebt an, unmittelbar nach dem Fall Uebelkeiten und Erbrechen gehabt zu haben. 
Kach seiner Genesung von der Rose seien Kopfschmerz, Schwind elgefühle , Be- 
nommenheit des Kopfes, Schwierigkeit im Finden der Worte zurückgeblieben. Er 
erzählt dann ferner nach Hörensagen den Schlaganfall. Seit jener Zeit hätten sich 
die Kopfschmerzen gebessert, aber das Schwindelgefühl und Benommenheit seien 
zurückgeblieben, so zwar, dass er beim Bücken wie auch im Gehen ein Schwarz- 
werden vor den Augen bemerke und taumele. Er fühle eine gewisse Unsicherheit 
und UnZuverlässigkeit in den Bewegungen. 

Die objective Untersuchung ergiebt, dass er eine 4 Ctm. lange unregelmässige 
Narbe auf dem rechten Vorderkopf trägt, welche leicht vertieft ist und über den Knochen 
verschoben werden kann. Die Pupillen sind gleich weit, die Sinnesorgane intact. 
das Gesicht in beiden Hälften nicht merklich verzogen, die Zunge wird gerade heraus- 
gestreckt, zittert nicht, ist rosaroth gefärbt, das Zäpfchen steht gerade, Bauch auf- 
getrieben, Stuhlgang träge. Herztöne normal. Herzdämpfung nicht vergrössert , an 
den Lungen nichts Krankhaftes bemerkbar, der Gang etwas plump, leichtes Schleppen 
des linken Beines, die ausgestreckten Hände zittern niclit, mit geschlossenen Augen 
steht Explorat ohne zu wanken, auf dem linken Bein kann er nicht stehen, ohne 
sich an einen Gegenstand zu halten, auf dem rechten etwas l>esser. Gefühllosig- 
keit in den Extremitäten niclit vorhanden. Explorat giebt an öfters Ameisenkriechen 
in den Extremitäten zu empfinden. Blasen- und Mastdarmschliessmuskeln fungiren 
normal. Er ist weinerlich und gemüthlich deprimirt. 

Hiernach leidet m. E. Explorat an einer chronischen Hirnhautentzündung. 



Erwerbsfahigkeit. §. 12. Casuistik. 4. Fall. 31 

Den Verdacht des Dr. F. dass seine Angaben simulirt seien, vermag ich nicht 
zu theilen. 

Die Gründe des Dr. F. für die Behauptung einer Simulation, nachdem er 
Eingangs seines Gutachtens gesagt: „dass wir als glaubhaft annehmen kön- 
nen, dass Explorat an Schwindelanfällen leidet und das Himleben überhaupt 
eine Störung erlitten habe'% nehmen sich etwas sonderbar aus, zumal wenn Explo- 
rat gar nicht eine periodische Gedächtnissschwäche behauptet, sondern nur die na6h 
Kopfverletzungen nicht selten beobachtete Sprachstörung (Aphasie), ferner nur — 
wenigstens mir gegenüber — angiebt, dass beim Fahren auf der Eisenbahn er sich 
furchten müsse längere Zeit aus dem Fenster hinauszusehen, weil sonst dre Gegen- 
stände sich verwirren, er aber ja ohne Gefährdung die Reisen nach Marienbad ge- 
macht habe, und endlich, dass Explorat „ganz wohlgemuth^' sei, was ich nach 
meiner Beobachtung durchaus nicht bestätigen kann. 

Ausserdem hält Dr. F. den Exploraten für einen Säufer. 

Gegen eine Simulation spricht nun der Umstand, dass die Angaben des 
pp. Schulz eine innere, mit der ärztlichen Erfahrung übereinstimmende Wahrheit 
haben, femer dass er sich durchaus von Uebertreibungen fem hätt. Ein Simulant 
wurae doch sicherlich nicht angeben, dass seine Kopfschmerzen gewichen seien, 
nicht auf einem Beine fester stehen als auf dem anderen, nicht ohne Stock und 
ohne Begleitung bei mir erscheinen. 

Ebensowenig sind Anhaltspunkte dafür vorhanden , dass das chronische Hirn- 
leiden des pp. Scuhlz durch Abusus spirituosorum bedingt sei. Nicht jeder fette 
Mensch ist um deshalb, weil er fett ist, ein Säufer. 

Dagegen spricht, abgesehen von der Angabe des pp. Schulz, der Umstand, 
dass seine gastrischen Organe wenig oder gar nicht afficirt sind, dass kein Tremor 
der Hände statffindet. 

Ist aber Simulation ausgeschlossen, und ich habe die Ueberzeugung, dass dies 
der Fall ist, alsdann gewinnen die von dem Exploranden angegebenen Erschei- 
nungen eine diagnostische Bedeutung, und zwar dahin gehend, dass ein chro- 
nisches Himleiden (chron. Hirnhautentzündung) vorliegt. 

Es ist nun aber auch gar nicht zweifelhaft, dass diese jetzt vorhandene Krank- 
heit mit der Verletzung in ursächlichem Zusammenhang steht. 

Zunächst hat Schulz nach dem Sturze sicherlich eine Gehirnerschütterung er- 
litten , trotz der Angabe des Dr. E. , denn abgesehen von der Angabe des Explo- 
randen, dass er Uebelkeiten nach dem Sturz, sowie Benommenheit verspürt habe, 
war jener Sturz nicht nur geeignet eine Hirnerschüttemng zu erzeugen, sondern es 
wäre höchst auffallend, wenn derselbe nicht von einer solchen gefolgt gewesen 
sein sollte. 

Von dieser Zeit ab ist nun ferner bis zu dem Schlaganfall und bis heute eine 
nicht fortzudemonstrirende Continuität der Erscheinungen vorhanden. 

Es ist doch nun höchst eigenthümlich, dass, wenn ein Mensch einen schweren 
Sturz gethan hat, dauernd über Erscheinungen klagt, wie sie erfahrungsgemäss 
nach einem Sturz vorkommen, alsdann eine acute Steigerung der Erscheinungen 
bekommt, der mit mehrtägigem Verlust des Bewusstseins und Lähmungserschei-i 
DUDgen combinirt ist, und nach diesem Anfall sich zwar erholt, aber nach wie vor 
über Gehimerscheinungen klagt, zu behaupten, der Sohlaganfall gehört nicht mit 
dazu, und alles Uebrige ist erlogen. 

Ich meine, die Thatsachen haben den Beweis d6s Gegentheils geliefert, und 
deshalb glaube ich den Aussagen des Exploranden. 

Eine Heilung resp. erhebliche Bessemng ist nicht zu erwarten. 



32 Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casuistik. 5. Fall. 

Was nun die Erwerbsfähigkeit des pp. Schulz betrifft, so ist er selbstverständ- 
lich für den Eisenbahndienst dauernd unfähig, auch im Uebrigen als erwerbsunfähig 
zu erachten, und zwar weil er zu keiner Beschäftigung dauernd brauchbar sein 
wird, schwere Arbeit nicht verrichten und leichte Kopfarbeit ebenfalls nicht leisten 
kann. Es bliebe somit nur leichte Handarbeit übrig, wobei immer noch zu erwägen, 
dass er schwerer Arbeit findet, als ein gesunder Mensch. 

Hiernach gutachte ich dahin: 

1. dass die dem Kläger am 22. November 1873 bei dem Zusammenstoss zuge- 
fügte Kopfverletzung mit dem Schlaganfall, welcher den Kläger am 21. Januar 1875 
betroffen hat, in ursächlichem Zusammenhang steht, und 

2. dass jene Verletzung den Kläger für den Eisenbahndienst dauernd unfähig 
und nahezu vollständig erwerbsunfähig gemacht hat. 

5. Fftll. Verunglückung im Dienst. Klage auf dauernde Erwerbsun- 
fähigkeit. Divergenz des Vorgutachters (Gesellschaftsarztes). 

Zur Frage steht: 

Ob der unter Ko. 1 des Resoluts bezeichnete Unfall vom 29. November 1875 
den jetzigen Krankheitszufall herbeigeführt hat, oder ob Kläger bereits rückenmark- 
leidend gewesen ist, und dies Leiden durch ein Verheben nur beschleunigt und 
verschlimmert sein kann , die jetzige Invalidität des Klägers also nicht nothwendig 
die Folge des Vorfalles vom 29. November 1875 zu sein braucht. 

Es wird nicht bestritten, dass Kläger am 29. November 1875 einen Unfall er- 
litten hat. 

Seine desfallsigen Angaben über den Hergang stimmen mit dem, was die 
Zeugen Do hm und Klose angegeben, überein. 

Danach trugen Ferber und die obengenannten Arbeiter eine 8' 9" lange, 34" 
breite, * ig" dicke, 2 — 3 Centner schwere Eisenplatte der Art, dass Ferber etwa an 
der auf dem nebenanliegenden Modell bezeichneten Stelle vor dem zweiten Vorsprung 
sich befand, Dohm und Klose an den ebenfalls bezeichneten Stellen. 

Bei dem Niederlassen der Eisenplatte auf die Richtplatte , welche etwa einige 
(zwei)Fuss hoch gewesen sein soll, bückte sich Ferber, während die beiden anderen 
Träger sich nicht bückten, sondern die Platte auf ihren Schultern hielten, bis Kläger 
unt€r derselben hervorgekommen war. 

Das heisst, es ruhte während dieser 2^it fast das ganze Gewicht der Platte auf 
Ferber, da sowohl von hinten nach vorn, als von rechts nach links, von Dohm 
nach Ferber zu, die Platte schräg geneigt auf Ferber eindrückte, der sich langsam 
bückend um das Niederlegen derselben auf die Richtplatte zu bewerkstelligen, ihr 
eine ihrem Gewicht proportionale Kraft entgegensetzen musste. 

Es hat also eine sehr erhebliche Last auf ihn gewirkt, und er hat eine sehr 
erhebliche Kraftanstrengung gleichzeitig gebraucht, um das „langsame Nieder- 
setzen", von welchem Dohm spricht, zu vermitteln. 

Abgesehen von alledem hat aber entschieden, wenn Ferber an dem bezeich- 
neten Platze stand , die Platte nicht allein auf die Schulterknochen , sondern auch 
auf die Wirbelsäule, und zwar um so erheblicher gewirkt, je höher Dohm und 
Klose im Verhältniss zu Ferber sich befanden. 

Ferber hat nun bis zu jenem Vorfall, wie der Augenschein lehrt, schwere, und 
zwar sehr schwere Arbeit verrichtet. 

Er hat »seiner eventuell unter Beweis zu stellenden Angabe nach, acht Tage 
früher einen Dach bau in Spandau aufgesetzt. 



Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casuistik. 5. Fall. 33 

Er war also thatsächlich zu schwerer Arbeit bis zu dem Tage der Verun- 
glückung fähig. 

Plötzlich nun, und zwar „als Kläger unter der Platte hervorkam, klagte er 
sofort über Schmerzen im Kreuz und behauptete, dass ihm der Rückgrat gebrochen 
sei'*" (Zeugen Dohm und Klose). 

Nach einer etwas anderen Darstellung, hervorgehend aus dem Attest des 
Dr. T. vom 8. December 1876, hätten Dohm und Klose^ die Platte bei dem Nieder- 
setzen zu früh losgelassen, und dadurch F erber einen Ruck und Schmerz im Kreuz 
sofort verspürt. 

Es wird nicht möglich sein, den Vorfall in seinen Details zu reconstruiren. 

Es interessirt dies auch nicht für die Zwecke der Untersuchung, sondern es 
genügt allgemein einmal die Geeignetheit der qu. Einwirkung zur Entstehung einer 
Rückenmarkskrankheit zu prüfen und zweitens den thatsächlich eingetretenen Erfolg. 

Die Geeignetheit aber, ob nun ein blosser Druck oder ein Stoss stattgefunden 
habe, ist erfahrungsgemäss und kann nicht in Abrede gestellt werden und wird auch 
von Dr. T. nicht in Abrede gestellt, wenn er in seinem Attest ausspricht, dass „ich 
yermuthete, dass das Rückenmark an diesen schmerzhaften Stellen erschüttert sein 
könnte*^ 

Der thatsächlich eingetretene Erfolg ist aber erwiesen dadurch, dass der bis- 
her arbeitsfähige und schwere Arbeit leistende Mensch plötzlich von Stunde an 
schwer krank und arbeitsunfähig geworden ist. 

Die Krankheit schritt weiter fort. Es entwickelte sich eine schwere und 
unheilbare Rückenmarkskrankheit. Dr. T. schildert in seinem Attest vom 17. No- 
vember 1876 dieselbe zutreffend, namentlich auch den jetzigen Zustand, denn wie 
er denselben fand, so finde auch ich den Kranken noch heut, so dass über das Be- 
stehen einer Rückenmarksdogeneration mit den durch dieselbe bedingten Störungen 
der Motilität und Sensibilität gar kein Zweifel herrschen kann. 

Soweit läge also die Beurtheilung des Falles ganz einfach, und wäre ein 
Zweifel an einem Causalzusammenhang zwischen -der durch den Unfall bedingten 
Verletzung und der heutigen durch die ihr folgende Krankheit bedingten Invalidität 
des Klägers gar nicht vorhanden. 

Nun aber macht Dr. T. die Einwendung, dass Ferber, so weit er sich 
entsinnt, schon früher zwei- oder dreimal mehrere Monate vor dem Unfall „flüch- 
tig- • bei ihm gewesen, um sich wegen angeblich rheumatischer Schmerzen in den 
Beinen von ihm etwas zum Einreiben verschreiben zu lassen. 

Es sei daher leicht möglich, dass Kläger bereits damals an beginnender, wenn 
auch latenter Rückenmarksschwindsucht gelitten habe. 

Dr. B., zu welchem er später (Anfang December 1875) den Kläger zur 
electrischen Behandlung geschickt habe, habe unter dem 9. December in seinem 
Journale notirt, nach Angabe Ferber's, seit Monaten habe er Schwäche in den 
ÜDlerextremitäten und Taumel und stände in seinem Journal nichts von einem Un- 
fall als Ursache. 

Es sei daher, sagt er am 6. December 1877, die Möglichkeit nicht aus 
geschlossen, dass Kläger schon zur Zeit des Unfalles rückenmarksleidend gewesr 
sei und dieses Leiden durch den Unfall nur verschlimmert worden sei, somit nio 
die Invalidität verschulde. 

Am 17. November 1876 erklärte Dr. T., dass die Rückenmarksschwindsuclu 
des Klagers als eine Folge der am 30. (sc. 24.) November a. p. erfolgten Veriet» 
des Rückenmarks angesehen werden muss; und 

am 8. December 1876 erklärt derselbe Arzt, dass das jeti 

Casper-Liraan. Oerichtl. Med. 7. 'Aufl. I. 



34 Erwerbsfähigkeit. §. 12. Casatstik. 5. Fall, 

Klägers als eine Folge der am 24. November erfolgten Erschütterung des Rücken- 
markes sehr wohl angesehen werden kann. 

Es ist schwer, aus diesen drei Gutachten nun eigentlich zu entnehmen, was 
die Ansicht des Gutachters ist. 

Jedenfalls deriviren aus denselben die gegen die sehr naheliegende Annahme 
eines Causalzusammenhanges zwischen Unfall und Invalidität in*s Feld geführten 
Bedenken. 

Zunächst halte ich mich verpflichtet, einige Thatsachen zu erwähnen, deren 
Beweisaufnahme eventuell zu erfolgen hätte. 

Dr. T. führt an , dass , soweit er sich entsinne , der Kläger von ihm an rheu- 
matischen Beschwerden in den Unterextremitäten behandelt worden sei. 

Dem gegenüber beliauptet Kläger auf das Bestimmteste, dass er in den letzten 
zwei Jahren vor dem Unfall überhaupt nicht krank gewesen sei, und dass er von 
Dr. T. ausser vom 2. October 1872 eine Woche lang, bis zum 1. Decbr. 1875 
gar nicht behandelt worden sei , von welcher Zeit ab er an seiner jetzigen Krank- 
heit ein Jahr lang unter seiner Behandlung gestanden habe. 

Er beweist dies durch das mir vorgelegte ,, Legitimationsbuch in der Kranken- 
und Sterbecasse der Maschinenbauarbeiter zu Berlin für den Schlosser G. Ferber", 
welches ich nicht beilegen kann, da Kläger es wegen Einzahlungen zur Sterbecasse 
nicht entbehren kann. 

Was das Journal des Dr. B. betrifft, so giebt Kläger an, dass er mit einem 
Zettel zu Dr. B. von Dr. T. geschickt worden sei und daher keine weiteren An- 
gaben gemacht habe, vielmehr von Dr. B. bedeutet worden sei, ,,dass er schon 
wisse'\ 

Unter diesen Umständen ist es gar nicht auffallend, wenn in Dr. B.'s Jour- 
nal nichts von einer Verletzung steht, denn wenn Dr. T. , der den Kläger doch 
deshalb hingeschickt hat, davon nichts mitgetheilt hat, und Dr. B. auf diese even- 
tuelle Veranlassung gar nicht eingegangen ist, wie soll sie in das Journal hinein- 
kommen? 

Keinenfalls kann dieser Umstand hiernach als Beweis dafür gelten, dass 
Ferber schon früher rückenmarkskrank war. 

Es bleibt also nur die — noch dazu bestrittene — Angabe Dr. T.'s, dass 
Kläger, ,,so weit Dr. T. sich entsinnt", 2 oder 3 mal wegen Keissens in den 
Beinen sich bei ihm befragt habe. Aus einer so schwach unterstützten Möglichkeit 
ist es aber nicht erlaubt, so folgenschwere Schlüsse zu ziehen. 

Selbst aber diese Thatsache, dass Dr. T. den Kläger wegen Reissens be- 
' handelt hat, als richtig angenommen, so kann doch daraus, weil unter Anderem 
auch schmerzhafte Empfindungen in den Beinen ein frühzeitiges Symptom des be- 
regten Kückenmarksleidens sind, nicht der Schluss gezogen werden, dass dies 
Leiden in der That bereits vorhanden gewesen sei, wenn eben keine anderen Zeichen 
vorhanden gewesen sind, noch dazu, wenn eine plausible anderweite Veranlassung 
zur Entstehung und Entwicklung der Krankheit nachgewiesen werden kann. 

Abgesehen hiervon, ist aber überhaupt auch nicht anzunehmen, dass ein 
Mensch, der kurze Zeit (2 Monate) vorher an beginnender Rückenmarksdarre leidet, 
zu so schwerer Arbeit, wie sie Ferber geleistet, tauglich sein, und bei einiger Un- 
sicherheit auf den Beinen acht Tage vor dem qu. Unfall soll einen Dachstuhl haben 
aufsetzen können. 

Die gegen das unbefangene Urtheil über den Causalzusammenhang zwischen 
Unfall un<l Invalidität des Ferber vorgebrachten Bedenken erscheinen hiernach hin- 
fällig und begutachte ich deshalb: 



§. 13. 4) Verletzungen; 5) sexuelle Verhältnisse etc. 36 

1. dass der genannte Unfall den jetzigen Krankheitszustand des Klägers voll- 
kommen erklärt und herbeigeführt hat, 

2. dass nicht erwiesen und überhaupt höchst unwahrscheinlich, dass F erb er 
bereits vorher rückenmarkskrank gewesen, und dass dies deshalb auch nicht anzu- 
nehmen ist. 

§. 13. F«rtoeUiing. 4) Yerleüiini^eiij i) sexuelle Verhältnisse; 6) sweifelhafter 

(lemäUisiiistand ; 7) rersehiedene Zwecke. 

Gerichtsärztliche Untersuchungen an Lebenden haben ausser den 
bisher erörterten in vielen Fällen auch noch andere Zwecke. Sie sollen 
die Folgen von Misshandlungen und . Verletzungen am Verletzten in 
crimiuiil- wie in civilrechtlicher Beziehung feststellen; ermitteln, ob am 
Untersuchten ein Geschlechts verbrechen begangen worden; ob Schwan- 
gerschaft vorhanden oder eine Niederkunft Statt gefunden habe; ob der 
geistige Zustand des Betreffenden ein normaler oder abnormer sei? 
u. s. w. u. s. w. Diese Gegenstände, als eigentlicher wissenschaftlicher 
Inhalt des biologischen Theils der gerichtlichen Medicin, werden aus- 
fuhrlich einzeln zu erörtern sein. 

Ausser alle Dem aber wird der practische Medicinal-Beamte nicht 
selten in allerverschiedenster Weise als Sachverständiger zu richterlichen 
Zwecken um sein Gutachten befragt, wobei ich, wie überall hier, von 
der medicinalpolizeilichen Seite der Wirksamkeit des Gerichtsarztes 
ganz absehe. Zu einem vollständigen Bilde der Stellung und Thätigkeit 
des gerichtlichen Arztes, zu einer Belehrung über alle Anforderungen, 
die richterlicherseits an ihn gemacht werden, gehört auch die Erwäh- 
nung solcher Curiosa, die sich in gar keine bestimmte Rubrik einfügen 
lassen, und bei welchen doch immer für die Betheiligten der Ausspruch 
des Gerichtsarztes, als gewöhnlich maassgebend für die richterliche 
Entscheidung, von den wichtigsten Folgen sein wird. Weh^her Arzt 
ist wohl auf die Frage gefasst, die mir vor vielen Jahren vorgelegt 
ward: ob ein viermaliges Passiren der Linie Veranlassung zu einer un- 
heilbaren chronischen Augenentzündung geben könne? — Können Schin- 
ken, Würste und Speck Träger des Choleracontagii werden? Ich ver- 
neinte diese Frage 1849 in einer Nachlasssache, in welcher es sich 
darum handelte, ob diese Esswaaren aus dem Nachlasse eines an der 
Cholera verstorbenen Schlächters gerichtlich verkauft werden könnten, 
dessen Leiche drei Tage in der Schinkenkammer aufbewahrt worden 
war. — Kann ein Mensch, der eine Rippe gebrochen hat, mehrere Tage 
nachher noch karren und gehen? — Kann ein Mensch mit verkrüppelten 
Zehen zwei Meilen ununterbrochen gehen? — Kann Parametritis im Stande 
sein, andauernde Gedächtnissschwäche zurückzulassen? — Ist eine mehrere 
Tausend Thaler werthe Lage Butter und Käse so verdorben, dass die 
Substanzen aufgehört haben, ein Nahrungsmittel für Menschen zu sein? 
Und ist anzunehmen, dass die Substanzen schon ein halbes Jahr früher, 
als sie vom klagenden Käufer auf dem Packhofe übernommen worden 
waren, sich in demselben Zustande befunden haben mussten? (!) — 
Hat der Angeschuldigte vor IV'j Jahren einen Backenbart gehabt (^ 
yerneint werden konnte, da er zur Zeit der Untersuchung noch h 
rasirten Haare hatte)? — Ist ein Hausarzt zur Abstattung perio^ 

8* 



36 Die ärztlichen und gerichtsarztlichen Gutachten und Atteste. 

Besuche Behufs Erkundigung nach dem Gesundheitszustand der Familie 
verpflichtet? — Gehört es zu den Obliegenheiten des Verklagten, als 
des behandelnden Arztes des an Diphtheritis leidenden Kindes das von 
ihm verordnete zweistündige Pinseln im Halse selbst auszuführen? — 
Haben die öffentlich angepriesenen Rheumatismusketten electrische Eigen- 
schaften und haben sie einen Einfluss auf krankhafte Zustände? — Diese 
und eine ganze Reihe ähnlicher, absonderlicher Fragen sind mir im 
Amte vorgekommen. Es lassen sich auch nicht einmal allgemeine An- 
deutungen für die Behandlung von dergleichen Fällen geben. 



Drittes Kapitel. 

Die ärztlichen und geriohtsärztlichen Gutachten und 

Atteste. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Cirealar- Verf flgung dei (Frenss.) Ministerii der u. s. w. Medieinal-Angelegenheiten vom 
90. Januar 1853: Mittelst Erlasies vom 9. Januar v. J. habe ioh die Königlichen Regierungen und das 
Königliche Polizei - Präsidium hierselbst veranlasst , sieh gutachtlich über Massregeln su äussern, durch 
welche eine grössere Zuverlässigkeit ärstlicher Atteste su enielen sein mochte. Nach genauer Erwägung 
des Inhalts dieser, so wie der Sber denselben Gegenstand von dem Herrn Justis-Minister eingeforderten 
Bericht« der Appeliationsgerichte, des Kammergerichts und des General- Procurators su Cüln, erachte ich 
im Einverständniss mit dem Herrn Justis-Minister fQr nothwendig, fQr die ärstlichen Atteste der Medl- 
cinalbeamten eine Form vorsuschreiben, durch welche der Aussteller einerseits genöthigt wird, sich Qber 
die thatsächlichen Unterlagen des absugebenden sachverständigen Urtheils klar zu werden und letsteres 
mit Sorgfalt su begründen, andererseits aber Jedesmal an seine Amtspflicht und an seine Verantwortlich- 
keit für die Wahrheit und Zuverlässigkeit des Attestes erinnert wird. Zu diesem Zwecke bestimme ich 
hierdurch, dass fortan die amtlichen Attest« und Gutachten der Medicinalbeamten Jedesmal enthalten 
sollen : 

1) die bestimmte Angabe der Veranlassung sur Ausstellung des Attestes, des Zweckes, su welchem 
dasselbe gebraucht, und der Behörde, welcher es vorgelegt werden soll; 

2) die etwanigen Angaben des Kranken oder der Angehörigen Aber seinen Zustand; 

3) bestimmt gesondert von den Angaben su 2. die eigenen thatsächlichen Wahrnehmungen des 
Beamten Qber den Zustand des Kranken; 

4) die aufgefundenen wirklichen Krankheitserscheinungen; 

5) das thatsächliche und wissenschaftlich motivirt« Urtheil Sber die Krankheit, Qber die Zulässig- 
keit eines Transports oder einer Haft, oder Qber die sonst gestellten Fragen; 

d) die diensteidliche Versicherung, dass die Mittheilungen des Kranken oder seiner Angehörigen 
(ad 2.) richtig in das Attest aufgenommen sind, dass die eigenen Wahrnehmungen des Aus- 
stellers (ad 3. und 4.) Qberall der Wahrheit gemäss sind, und dass das Gutachten auf Grund 
der eigenen Wahrnehmungen des Ausstellers nach dessen bestem Wissen abgegeben ist. 
Ausserdem mQssen die Atteste mit vollständigem Datum, vollständiger Namensunterschrift, insbeson- 
dere mit dem Amtscharakter des Ausstellers und mit einem Abdruck des Dienstsiegels versehen sein. 
Die Königliche Regierung hat dies sämmtliehen Medicinalbeamten in Ihrem Bezirk zur Nachachtung be- 
kannt zu machen, diese Bekanntmachung Jährlich su wiederholen und Ihrerseits mit Strenge und Nach- 
druck darauf su halten, dass der VorschKft vollständig genügt werde. Um die Königlichen Regierungen 
hierzu in den Stand su setsen, wird der Herr Justis-Minister die Gerichtsbehörden anweisen, von alleo 
denjenigen bei ihnen eingehenden, ärztlichen Attesten, gegen weiche von der Gegenpartei Ausstellungen 
gemacht werden, oder in welchen die Gerichte, resp. die Staatsanwaltschaften UnvoUständigkeit oder 
Oberflächlichkeit wahrnehmen, oder einen der vorstehend angegebenen Punkte vermissen, oder endlich 
Unrichtigkeiten vermuthen, der betreffenden Königlichen Regierung, resp. dem Königlichen Polisel-Pri- 



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§. 14. Allgemeines. 
Dieselben allgemeinen Regeln, welche Gerichtsarzto bei den 
I liehen oder miindlichen Beurtbeilungen der von ibnen uiitersi 
I Objecte oder bei den Beantwortungen der ihnen vom Richter voi 




38 Gerichts<ärztlich€ Atteste. §. 14. Allgemeines. 

ten Fragen stets zu befolgen haben, gelten für kürzere Atteste wie für 
ausführliche Gutachten, für anscheinend weniger erhebliche Zeugnisse, 
wie für die in allen Fällen so wichtigen und folgenreichen raotivirten 
Gutachten, betreffend zweifelhafte Gemüthszustände und Obductionsfälle, 
auf welche beide wir noch zurückkommen. 

Die Form, welche die preussischen Gerichtsärzte bei diesen Docu- 
menten innehalten müssen, ist in der oben mitgetheilten Ministerial- 
Verfügung vorgeschrieben, und ähnliche Vorschriften existiren auch in 
anderen deutschen Ländern. 

Es ist aber darauf aufmerksam zu machen, dass die Verfügungen 
der beiden Ministerien, des Cultus und der Justiz, in ihren den Tenor 
betreffenden Anforderungen nicht überfeinstimmen, und dass die Fassung 
des Justizministers „Gefahr für das Leben oder die Gesundheit" cor- 
recter erscheint, als die des Cultusministers »Gefahr für Leben und 
Gesundheit" da, wo das Leben bedroht ist, auch die Gesundheit Gefahr 
läuft, aber nicht umgekehrt. 

Wenn, wie es mir vorgekommen, Justizbehörden Anstand daran 
genommen haben, dass in dem Gutachten zwar die beregte Gefahr für 
die Gesundheit, aber nicht für das Leben nachgewiesen sei, so 
würden sie hiernach einfach auf die betreffende Verfügung des Justiz- 
ministers zu verweisen sein*). 

Eine fernere Schwierigkeit macht nicht selten das Wort „nahe", 
weil dasselbe kein technischer und ein relativer Begriff ist. Eine 
Schwangere, welche im 8. Monat schwanger ist und drei Monate Ge- 
fängnissstrafe verbüssen soll, ist haftunfähig, weil ihre Entbindung nahe 
bevorsteht, während dieselbe sehr wohl einige Tage Gefängnissstrafe 
verbüssen kann, weil ihre Entbindung nicht so nahe bevorsteht. 

Es dürfte sich daher empfehlen, den Begriff „nahe" dahin zu for- 
muliren, dass die bedeutende und nicht wiedergutzumachende Gefahr 
(jetzt Lebensgefahr) bereits vorhanden sei oder wenigstens sehr bald 
nach erfolgtem Antritt der Strafe zu befürchten stände. 

Selbstverständlich können die Ministerial- Verfügungen vom 20. Ja- 
nuar 1853 und 3. Februar 1853 verbindliche Kraft nur in so weit 
haben, als sie mit den betreffenden Paragraphen der Civil- und Straf- 
processordnung congruiren, und wird hier überall nur die Geisteskrank- 
heit, die nahe Lebensgefahr oder die Unverträglichkeit der Strafanstalts- 
einrichtung mit dem körperlichen Zustand des Verurtheilten zu moti- 
viren sein. (§. 487. St.P.0.) 

Es empfiehlt sich, amtliche Atteste möglichst nur auf vorgängige Requi- 
sition von richterlichen, polizeilichen, Verwaltungs- oder Comraunal-Behör- 
den, oder wenigstens so selten als thuiilich auf privates Anforden des 
Betheiligten oder seiner Verwandten u. dgl. zu ertheilen. Wer sich bei 
dem Arzte zur Einholung eines Attestes meldet, überrascht den Arzt; 
es ist aber viel zweckmässiger, wenn der angeblich Kranke auf den 



*) Wie peinlich Justizbehörden in Auslegunsj dieser Vorschriften mitunter sind, 
geht daraus hervor, das ein Appellationsgericht interpretirte und aussprach: es genüge 
nicht, zu motiviren, dass die qu. Gefahr durch die Inhaftirung vorhanden sei, sondern 
es müsse auch motivirt sein, dass durch die Nichtin haftirung dieselbe ausgeschlos- 
sen sei II 



§. 15. Mündliche Gutachten in den Audienzterminen. 39 

Besuch des Arztes nicht vorbereitet ist, und der Arzt durch den Richter 
(die Acten) über den Stand der Sache in Kenntniss gesetzt ist. 

Dies Verfahren, nicht privatim amtsärztliche Atteste auszuhändigen, 
hat femer im Civilforo den wesentlichen Vortheil, dass der gerichtliche 
Arzt, wenn er die amtliche Aufforderung abgewartet hatte, dann auch 
der Partei gar nicht, sondern- der requirirenden Behörde sein Attest 
oder Gutachten übergiebt, womit er sich viele Weiterungen und unan-^ 
genehme Auftritte erspart, wenn, wie so ungemein häufig der Fall, 
letzteres für den Betreffenden ungünstig ausfallen musste oder ausge- 
fallen war. 

In solchen, wiederum sich sehr häufig ereignenden Fällen aber, 
wo der Explorand sich mit einer amtlichen Anweisung zu einer Unter- 
suchung versehen bei dem Grerichtsarzte meldet, um ein Attest brevi 
manu zu extrahiren, was meines Erachtens der Sache nicht sehr forder- 
lich ist, ist selbstverständlich, ihm dasselbe zu verweigern, wenn ihm 
gewissenhaft das nicht bescheinigt werden kann, worauf es ihm an- 
kommt, z. B. dass er krankheitshalber verhaftungsunfähig, dass er 
zeugungsunfähig sei, dass er sich zur Pensionirung in seinem Dienste 
eigne u. s. w. 

§. 15. HÖHdUeke (liitaehteH h deH Aidieniterminen. 

Auch nach Erstattung schriftlicher Gutachten werden, seit Ein- 
fuhrung des mündlichen und öffentlichen Gerichtsverfahrens, die ge- 
richtlichen Aerzte berufen, ihre Ansicht über die Sachlage mündlich 
vor dem Richtercollegio oder dem Schwurgerichte noch einmal auszu- 
sprechen, wie dasselbe auch in allen solchen Fällen geschieht, in denen 
das Gericht vorher ein schriftliches Gutachten einzuholen nicht für 
erforderlich erachtet hatte. Die Aufgabe, über einen, zumal etwas ver- 
wickelten Fall sich in öffentlicher Audienz mit Darlegung wissenschaft- 
licher Gründe und Beweise klar und befriedigend zu äussern, ist oft 
keine ganz leichte. Im Allgemeinen mögen die im vorigen Paragraphen 
in Betreff der schriftlichen Gutachten empfohlenen Grundsätze auch 
für die mündlichen beherzigt werden. Man spreche möglichst 
kurz, möglichst bestimmt und möglichst (für den Laien) 
verständlich, und man wird seine Wirkung auf Richter und Ge- 
schworene nicht verfehlen*). Man hüte sich aber, diese Wirkung auf 
eine andere Weise, als eben durch die Sache selbst, erzielen zu wollen. 
Wenn Aerzte, wie es vorgekommen, sich hinreissen lassen, das Mitleid 
der Geschworenen für die oder den Angeschuldigten in Anspruch zu 
nehmen, oder umgekehrt ihre Strenge gegen die „verruchte That", 
gegen das ^aller Menschlichkeit Hohn sprechende Verbrechen*' u. s. w. 
anzurufen, wenn sie so ganz ihren Standpunkt als Sachverständige 
verkennen, dann mögen sie sich nicht wundern, wenn sie auf der Stelle 
vom Vorsitzenden des Gerichtshofes in ihre Schranken zurückgewie^^" 
werden. 



•) In neuerer Zeit habe ich, wo der Fall danach aiigethau war^ "»^ 
Demonstration zu Hülfe genommen durch Abbildungen, oder eil 
menschlichen Körper (nach Aazoux), eine Methode, durch welöke 
Zeit erspart werden. 



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40 §. 16. Wissentlich falsch ausgestellte Atteste» 

Ein häufiger Fehler ist die Unklarheit in der Gesammtansicht über 
den Fall oder wenigstens in der oratorischen Darlegung desselben, wie 
sie sich namentlich im fortwährenden Gebrauche von Fremdwörtern 
und technischen Ausdrücken kund giebt. Wie häufig höre ich Aerzte 
vor den Geschworenen und Richtern von ^gesteigerter Sensibilität, Re- 
flexbewegungen, Coma, idiopathisch** u. -s. w. u. s. w. reden, ohne dass 
^ es ihnen einfallt, dass sie für den Laien ganz unverständliche Worte 
reden. Auch der tüchtige und bessere Arzt wird in solchen Fällen, 
wo vielleicht drei, vier Aerzte zur Audienz als Sachverständige geladen 
sind, mit seinem Gutachten kein Glück haben, während ein entgegen- 
stehendes Gutachten vielleicht nur deshalb, und mit Unrecht, angenom- 
men wird, weil es in einfacher, deutscher, klarer, in kurzer Rede aus- 
gesprochen, den Geschwornen fasslich geworden war. 

Wenn ich nicht wiederholen will, was im vorigen Paragraphen 
bereits ausführlich über die Gutachten gesagt ist, so muss ich doch 
endlich noch, in Betreff der mündlichen Gutachten, auf einen Punkt 
hindeuten, der hier gleichfalls nicht ausser Acht gelassen bleiben möge. 
Ich meine — die collegialische Rücksicht gegen den oder die anderen, 
in der Sache gleichfalls zugezogenen, ärztlichen Sachverständigen. Auch 
gegen diesen Punkt wird leider! nicht selten gesündigt. A. kann in 
der Sache vollständig anderer Meinung sein, als B. und C, und er soll 
diese abweichende Meinung, wie Gewissen und der zu leistende Eid es 
fordern, frank und frei aussprechen und wissenschaftlich motiviren. 
Aber nicht geschehe dies mit hämisch-spöttelnden Worten gegen den 
dissentirenden CoUegen, sei es auch der ältere dem jüngeren, der be- 
rühmtere dem unbekannten gegenüber; nicht ergreife man diese, die 
allerunpassendste Gelegenheit, um einer längst genährten, unfreund- 
lichen Gesinnung Luft zu machen. Denn auch hier, wie im ganzen ärzt- 
lichen Leben, gilt der Satz: dass die Aerzte nur auf Achtung 
des Publikums Anspruch machen können, wenn sie sich 
selbst achten*). 



§. 16. Wissentlieh faUek aisgestellte Atteste. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Deutsche! Strafgeietsbaeh §. 278. Aerste und andere approbirte lledicinalpersonen, welche 
ein unrichtiges Zeugniss über den Gesundheitsxustand eines Menschen xum Gebrauche bei einer Behurde 
oder Versicherungs* Gesellschaft wider besseres Wissen ausstellen, werden mit Gefangniss von einem 
Monate bis su swei Jahren bestraft 

Bbendas. §. 377. Wer unter der ihm nicht zustehenden Beseichnung als Arxt oder als eine andere 
approbirte Medicinalperson oder unberechtigt unter den Namen solcher Personen ein Zeugniss Ober 
seinen oder eines Anderen Gesundheitssustand ausstellt, oder ein derartiges echtes Zeugniss verfälscht 
und davon zur Täuschung von Behörden oder Versicherungs* Gesellschaften Gebrauch macht, wird mit 
Gefangniss bis zu einem Jahre bestraft. 

Entwurf, O est erreich. Strafgesetzbuch, §. 301. Aerzte und andere approbirte Medicinal- 
personen, welche ein unrichtiges Zeugniss über den Gesundheitszustand eines Menschen zum Gebrauche 
bei einer Behörde oder Versicherungs-Unternehmung wider besseres Wissen ausstellen, werden mit Ge- 
fangniss von einem Monat bis su swei Jahren, oder an Geld von 100 bis 500 FI. bestraft. 



*) Ueber die Revision der Gutachten und den technischen Instanzenzug s. Band II. 
allg. Thl. 



§. 16. Wissentlich falsch ausgestellte Atteste. 41 

Es ist ein sehr betrübendes Zeugniss für den Maassstab des Ver- 
trauens, welches die Gerichts- und Verwaltungsbehörden in die durch- 
schnittliche Masse der ärztlichen Atteste setzen, dass noch das Deutsche 
Strafgesetzbuch sich veranlasst gesehen hat, einen Paragraphen mit 
Strafandrohung auf wissentlich falsche Bescheinigungen der Art zur War- 
nung aufzunehmen. Diese Bestimmungen fordern nicht nur die Staats- 
anwaltschaften auf, in verdächtig erscheinenden Fällen kraft ihres Amtes 
einzuschreiten, sondern sie geben auch den Behörden, Lebensversiche- 
rungs-Anstalten, ja Privaten u. s. w. einen Halt, um in ihnen geeignet 
dünkenden Fällen mit einer Denunciation gegen den Attestaussteller 
hervorzutreten. Glücklicherweise sind mir nur wenige derartige Fälle 
zur Begutachtung gekommen. Namentlich in grossen Städten, in denen 
es bei der heutigen Verfassung des ärztlichen Standes nirgends an un- 
glücklichen ärztlichen Proletariern fehlen dürfte, die im Kampf zwischen 
leiblicher Noth und ihrem Gewissen nicht zu ängstlich wählen, wird es, 
abgesehen von jener, oben gerügten, überall sich findenden, falschen Hu- 
manität vieler Medicinalpersonen, überall an ähnlichen widerwärtigen 
und gemeinhin höchst schwierigen Aufgaben für die gerichtlichen Aerzte 
gewiss nicht fehlen. Widerwärtig: denn der Gerichtsarzt wird, wenn 
wirklich ein handgreifliches Vergehen bei der Attestausstellung vorliegt, 
nur die Wahl haben, ob er seinen Collegen eine Unwissenheit zeihen, 
oder eine demselben wohlbewusst gewesene Absicht, die ihn dem Straf- 
gesetz überliefen, annehmen will. Schwierig: denn es ist nicht zu ver- 
kennen, dass das Untersuchungsobject zur Zeit der Attestausstellung 
ein anderes war, als zu jener späteren, in welcher der Gerichtsarzt es 
zu prüfen bekam, was nicht nur bei acut, sondern auch selbst bei 
chronisch Kranken bekanntlich einen bedeutenden Unterschied im Urtheil 
über den Fall machon kann. Noch schwieriger wird dasselbe, wenn 
dem Gerichtsarzt nur Akten vorliegen, so dass er sich, beim Mangel 
einer eigenen, selbständigen ärztlichen Untersuchung des betreffenden 
Menschen auf die Aussagen des angeschuldigten Arztes, auf die der 
Laien -Umgebungen des Kranken u. s. w. beschränkt sieht. Hierzu 
kommt, dass, wenn nicht etwa ein gar zu plumper Fall vorliegt, es 
dem superarbitrirenden Arzte oft fast unmöglich sein wird, zu beweisen, 
dass der Angeschuldigte „wider besseres Wissen** gehandelt habe; denn 
wo ist der Maassstab für dieses Wissen? Treffen wir freilich hier auf 
einen Umstand, der die Schärfe des Strafparagraphen für die ange- 
schuldigten Attestaussteller und ihre Vertheidiger erheblich mindert, so 
tritt hierzu ein anderer Umstand, den mich selbst die Erfahrung öfters 
kennen gelehrt hat, ich meine die verschiedene Ansicht der verschie- 
denen Gerichtsbehörden über das, was ihnen bei der Interpretation der 
Gesetzesstelle zukommt, die nicht selten eine dem Angeschuldigten sehr 
günstige ist, und wonach ich z. B. sogar Freisprechungen dann erlebt 
habe, wenn der attestirende Arzt den angeblichen Kranken zur Zeit 
seiner Bescheinigung — gar nicht einmal gesehen hatte. So dürfte 
denn wohl im Ganzen und Allgemeinen die Wirkung der bezeichneten 
Strafparagraphen in der Praxis ziemlich illusorisch, und höchstens nur 
als Drohung wirksam bleiben. 

Als Beispiele zur Behandlung derartiger Fälle mögen die folgenden 
Gutachten dienen. 



42 Falsche ärztUche Atteste. §. 17. Casuistik. 6. Fall. 



§. 17. CasHistik. 

6. Fall. Ob Tuberculosis pulmonum und Magenleiden unrichtig und 

wider besseres "Wissen attestirt? 

Der Fall illustrirt sehr gut das, was oben über die Schwierigkeit derartiger 
Gutachten gesagt worden ist, da die Untersuchung der Explorata durch mich etwa 
drei Wochen nach ausgestelltem Attest Seitens des beschuldigten Arztes, das Gut- 
achten selbst aber erst nach Monaten erfordert wurde. 

Am 22. Juni hatte der Dr. JR,. der wegen wiederholter Hehlerei zu zwei Mo- 
naten Gefangniss und ein Jahr Ehrverlust verurtheilten Ehefrau des Producten- 
händlers E. folgendes Attest ausgestellt: ,.Frau E., 40 Jahre alt, befindet sich be- 
reits mehrere Monate leidend und seit gestern in meiner ärztlichen Behandlung 
(Tuberculosis pulmonum und Magenleiden). Die Patientin kann deshalb nicht zu 
einer Haft ohne Lebensgefahr gebracht werden , deshalb eine längere Dilation der 
ersteren nothwendigerweise befürwortet werden muss'*. 

In Folge einer von mir am 12. Juli c. vorgenommenen, amtlichen Exploration 
der E. hatte ich erklärt, dass aus der Yerbüssung einer zweimonatlichen Geföngniss- 
strafe eine Gefahr für Gesundheit oder Leben der E. nicht zu befürchten sei, viel- 
mehr nicht ohne Grund anzunehmen sei, dass sie geringe, möglicherweise vorhandene 
Verdauungsbeschwerden und rheumatische Affectionen übertreibe, indem bei be- 
hauptetem 20 jährigem Bestehen beider zu erwarten wäre, dass die E., welche 
massig gut genährt sei und nicht fiebere , mehr herabgekommen sein würde. Be- 
stärkt wurde ich in meiner Annahme durch den Umstand, dass die Frau trotz ihrer 
angegebenen langjährigen Leiden sich dennoch vor 4 Jahren verheirathet habe und 
ihrer eigenen Angabe nach ärztliche Hülfe gegen ihre angegebenen Krankheiten 
früher niemals, sondern erst gerade jetzt, wo sie verhaftet werden sollte, nachge- 
sucht habe. 

Was die in dem Atteste des Dr. R. bescheinigte „Tuberculosis pulmonum", 
d. h. Lungenschwindsucht beträfe, so könnte ich mich von dem Vorhandensein dieser 
Krankheit nicht überzeugen , weil die Explorata nicht allein überhaupt gar keine 
Angaben mache , die auf eine Erkrankung ihrer Lungen schliessen Hessen , sondern 
speciell auch keines der sogenannten rationellen Zeichen der Lungentuberoulose, als 
Engbrüstigkeit, Hüsteln, Blutspeien nenne, und ich mich wohl gehütet, dergleichen 
in sie hineinzuexaminiren , sondern vornehmlich, weil die objective Untersuchung 
ihrer Brustorgane mir gar nichts Abnormes ergeben hätte, so dass es ,,mir voll- 
kommen unerfindlich wäre, auf welche Zeichen hin der attestirende Arzt eine Lungen- 
schwindsucht angenommen hätte". 

Auf dieses Gutachten hin wurde die E. verhaftet und hat den Rest ihrer Straf- 
zeit — vom 11. bis 18. Mai hatte sie bereits vor meiner Untersuchung gesessen, war 
aber „wegen bescheinigten Begnadigungsgesuches entlassen" worden — vom 
27. Juli bis 30. September verbüsst, so zwar, dass sie vom 8. bis 20. September 
wieder auf freiem Fusse war, beurlaubt, ,, wegen tödtlicher Erkrankung ihres Vaters". 

Die E. hat somit ihre Strafe ohne jede Fährlichkeit verbüsst, und die heutige 
Untersuchung derselben, zu welcher ich Behufs Abgabe vorliegenden Gutachtens 
veranlasst worden bin, ergiebt, dass sich die E. in keiner irgend erheblichen Weise 
krank befindet. Sie gab vielmehr vor dem Untersuchungsrichter an. dass sie weniger 
über den Magen zu klagen habe, als bisher. Von Zeichen, welche auf eine Erkran- 
kung der Lungen schliessen Hessen, gab sie nichts an. Erst auf mein Befragen, ob 
sie öfter husten müsse, bejahte sie dies, hat jedoch, was ich gleich hier bemerken 



Falsche ärztliche Atteste. §. 17. Casuistik. 6. Fall. 43 

will, während der ganzen Zeit der Untersuchung und obgleich sie dabei wiederholt 
und angestrengt inspiriren musste und mit entblösster Brust eine geraume Zeit vor 
mir sass, nicht ein einziges Mai gehustet. Auch gab sie heut und zwar auf Befragen 
an, dass sie Blut gespieen habe, jedoch erst nach meiner stattgehabten Untersuch- 
ung, am 12. Juli, und zwar sei dies das einzige Mal in ihrem Leben gewesen. Da 
sie aber femer angab, dies Blut habe sie nicht mit Husten entleert, sondern sei es 
von selbst ihr aus dem Munde gekommen, so hat diese Angabe znr Entscheidung 
der vorliegenden Frage gar keinen Werth, Im Uebrigen ist sie nun, das ist das Re- 
sultat der objectiven Untersuchung, nicht kurzathmig, sie ist nicht heiser, hustet 
nicht. Ihr Brustkorb ist etwas flach, hebt sich aber bei tiefer Inspiration auf beiden 
Seiten gleichmässig und massig ergiebig. Die Gegend unter und über den Schlüssel- 
beinen ist etwas eingesunken, so dass die Schlüsselbeine hervorragen, jedoch ist 
dies nicht in höherem Grade der Fall, als bei 40jährigen, eben nicht beleibten Per- 
sonen man dies wahrzunehmen gewohnt ist. Der Percussionston unter und über 
beiden Schlüsselbeinen ist weder gedämpft, noch tympanitisch , auch von beiden 
Seiten von gleicher Schallhöhe. Dasselbe Resultat ergiebt die Percussion der oberen 
Schulterblattgrube. Das Athmungsgeräusch ist in dieser ganzen Gegend vesiculär; 
rechterseits nahe dem Brustbein ist es etwas verschärft, und ist das Exspirations- 
gerausch rechterseits etwas prolongirt, Erscheinungen, welche für sich allein einen 
Schluss auf Erkrankung des Lungengewebes nicht begründen können. Unbestimmtes 
Athmen oder Rasselgeräusche habe ich bei meiner Untersuchung nirgends wahr- 
genommen. Rechterseits resonirt die Stimme stärker, als links unter dem Schlüssel- 
bein, eine Erscheinung, welche ebenfalls bei sehr vielen Personen, welche weder 
lungenkrank sind, noch es werden, wahrgenommen wird. 

Somit muss ich dabei verharren, dass bei derE. eine Lungen tuberculose zur 
Zeit nicht vorhanden ist, und dass auch ein Grund zu der Befürchtung, dass sie 
schwindsüchtig werden möchte, zur Zeit nicht vorliegt. 

Dem gegenüber sagt nun der Dr. R. in seiner Rechtfertigungsschrift, dass er 
eine Tuberculosis pulmonum conclamata, d. h. eine mit Consumtion und hec- 
tischem Fieber verbundene Lungentuberculose nicht attestirt habe. Es bleibt aber 
überhaupt zweifelhaft, was er eigentlich unter dem genannten Krankhoitsnamen be- 
zeichnet wissen will, da er einmal von einer „beginnenden Tuberculose- *, ein ander- 
mal von einer „Schwindsuchtsanlage", oder „Brustcatarrh mit verdächtigen Respi- 
rationswerkzeugen*' spricht, Bezeichnungen, welche sich zu einander verhalten, wie 
eine Möglichkeit und eine realisirte Möglichkeit, d. h. eine Wirklichkeit. Er giebt 
an, am 21. Juni die E. tief in die Betten gehüllt, schwer athmend, fiebernd, mit er- 
höhter Hauttemperatur, stöhnend gefunden zu haben. Die Frau sei sehr herabge- 
kommen gewesen; er habe bei der Untersuchung der Brustorgane unbestimmte Re- 
spiration mit starkem, grossblasigen Schleimrasseln, stellenweis lautes Exspirations- 
geräusch und in beiden Lungenspitzen gedämpften Percussionston wahrgenommen. 
Ausserdem sei Explorata in der Herzgrube bei Druck empfindlich gewesen, und 
habe er hieraus auf einen chronischen Brustcatarrh in Folge von Phthisis und auf 
einen bis zur chronischen Magenentzündung gesteigerten, intensiven Magencatarrh 
geschlossen. 

Es erscheint für den vorliegenden Zweck unerheblich, die gestellte Diagnose 
nach dem angegebenen Befunde zu bemessen, der viel eher eine acute, als eine chro- 
nische Erkrankung zeichnet. Nur das Eine will ich bemerken, dass, wenn Dr. R. 
zur Begründung der Eventualität, dass ich mich ihm gegenüber im Irrthume be- 
finden könnte, ausspricht: „dass es ebenso in der Wissenschaft wie in der Praxis 
feststeht, dass eine beginnende Tuberculosis durch objective Zeichen nur ausser- 



44 Falsche ärztliche Atteste. §. 17. Casuistik. 6. Fall. 

ordentlich schwierig, oft gar nicht erkannt werden kann, und nur aus der längeren 
Beobachtung von dergleichen Patienten die hohe Wichtigkeit der obwaltenden Krank- 
heitsanlage zu eruiren ist'' — (soll wohl heissen: „die obwaltende Krankheitsanlage 
zu eruiren ist*') — ich hiergegen nichts einzuwenden habe, als dass eben sein 
Ausspruch auf eine „längere Beobachtung" nicht zurückzuführen ist. 

Es hat nun aber darin der Dr. R. vollkommen Recht, „dass mein ihm ent- 
gegenstehendes Zeugniss hinsichtlich der Krankheit der Lungen seine wissenschaft- 
liche und practische üeberzeugung nicht umstossen könne", und .,dass kein Gesetz 
existirt, welches dem Gerichtsarzt, auch dem höchststehenden, eine absolute Supe- 
riorität seiner Ansicht über die eines anderen approbirten Arztes zuerkennt". 

Ich bescheide mich auch gern und um so*eher, als es zur Zeit meines Gut- 
achtens vom 12. Jul. c. nicht darauf ankam, den Nachweis zu liefern, dass Dr. R. 
eine falsche Diagnose gestellt habe, die ihm, wenn er ein Schüler wäre, etwa die 
Rüge seines Lehrers zuziehen könnte, sondern darauf, Behufs Haftfähigkeit der E. 
eine amtliche und motivirte Aussage einer privatärztlichen und unmotivirten Be- 
scheinigung gegenüberzustellen , und als es auch jetzt sich nicht um den Nachweis 
handelt, dass Dr. R. eine falsche Diagnose gestellt hat, sondern darum, ob er wider 
besseres Wissen am 22. Juni die Verhaftungsunfähigkeit bescheinigt hat. 

Dieser Nachweis aber wäre nur zu liefern, wenn erweislich wäre, dass die E. 
am 22. Juni überhaupt gar nicht krank gewesen sei, oder wenigstens, dass die Er- 
scheinungen , auf welche Dr. R. hin seine eventuell irrthümliche Diagnose vorhan- 
dener, beginnender oder zu befürchtender Lungenschwindsucht gegründet zu haben 
angiebt, gar nicht vorhanden sein können. 

Dieser Nachweis ist aber nicht zu liefern, denn es ist möglich, dass die E. am 
22. Juni fieberhaft erkrankt gewesen sei, dass sie schwer geathmet, gehustet habe, 
und dass rauhes Respirationsgeräusch, grossblasiges Rasseln, stellenweis lautes Ex- 
spiration sgeräu seh vorhanden gewesen sind, Erscheinungen, welche man bei einem 
fieberhaften und acuten Lungencatarrh vorfindet, der auch sehr füglich bis zum 
12. Juli, wo ich die Explorata sah, wieder geheilt sein konnte. Es bliebe alsdann 
nur noch die vom Dr. R. wahrgenommene Dämpfung unter beiden Schlüsselbeinen 
unerklärt, die, wenn sie vorhanden gewesen wäre und aus Tuberkelablagerungen 
hergeleitet werden sollte , nicht wieder hätte verschwinden können. Es kann aber, 
selbst angenommen, dass die Dämpfung am 22. Juni nicht bestanden habe, dem 
Dr. R. aus der Angabe, dass eine solche vorhanden gewesen, weder eine Fahrlässig- 
keit, noch eine absichtlich gemachte, falsche Angabe nachgewiesen werden, weil 
die durch Percussion des Thorax erhobenen Wahrnehmungen, auf Gehörschärfe und 
Uebung beruhend, subjectiver Natur sind, und in dieser Beziehung sogar Wider- 
sprüche unter Sachverständigen vorkommen können. 

Wenn nun aber, was möglich und nach den von Dr. R. nachträglich gemachten 
Angaben wahrscheinlich, die E. an einem fieberhaften und acuten Lungencatarrh 
erkrankt war, so war sie allerdings zur Zeit verhaftungsunfähig, weil aus einem 
Transport nach dem Gefängniss eine nahe und bedeutende Gefahr für sie durch 
Verschlimmerung ihres Krankheitszustandes zu befürchten war. 

Somit muss ich mich schliesslich dahin erklären, dass nicht nachzuweisen, 
dass das von dem Dr. R. ausgestellte Zeugniss unrichtig und wider besseres Wissen 
abgegeben sei. 



Falsche ärztliche Atteste. §. 17. Casuistik. 7. Fall« 45 

7. FtU. Ob fälschlich bescheinigte Unzarechnungsfähigkeit im 

Augenblicke des Selbstmordes? 

Der sehr eigenthümliche Fall war um so schwieriger, als es sich darum han- 
delte, die Gemüthsstimmung eines Menschen im Momente, in dem er durch einen 
Pistolenschuss sein Leben geendet hatte, nachträglich bei der Prüfung des darüber 
sprechenden ärztlichen Attestes festzustellen und als von dieser Prüfung und Fest- 
stellung die materielle Existenz der Hinterbliebenen wesentlich abhing. Ausdrück- 
lich war hierbei vom Untersuchungsrichter auf den §. 278. des Strafgesetzbuchs 
(s. S. 40) hingewiesen und eine darauf bezügliche Frage uns vorgelegt worden. 
Ein in Berlin sehr bekannter Mann, der Rath E., hatte sich am 27. Juni 18 — mit- 
telst Pistolenschusses während der Revision der Kassen, deren Rendant er gewesen, 
und welche er um mehr als 15,000 Thaler verkürzt hatte, entleibt. Seine Wittwe 
war von ihm in zwei hiesige Wittwenkassen eingekauft worden, und bedurfte es, 
wenigstens bei der einen, um die voUe Pension ausgezahlt zu erhalten, im Falle 
eines Selbstmordes des Ehemanns einer ärztlichen Bescheinigung darüber, dass der 
Selbstmord in unzGrechnungsfähigem Gemüthszustande verübt worden sei. Ein 
solches Attest hat der (jetzt verstorbene) Dr. L. , seit 30 Jahren Hausarzt der Fa- 
milie, unter dem 1. Juli ausgestellt. Er führt darin aus, dass E. seit vielen Jahren 
an einer ungewöhnlichen Reizbarkeit gelitten habe, fast stets sehr exaltirt gewesen 
und er zuletzt auf einen an Wahnsinn grenzenden Grad von Ueberspannung ge- 
langt sei, aus welcher allein sich der Tod erklären lasse, wonach Dr. L. die Ueber- 
Zeugung ausspricht, „dass der Verstorbene in dem Augenblicke, als er sich das 
Leben nahm, sich in einem unzurechnungsfähigen Zustande befunden habe." 

„Der Rath E.'', sagten wir im Gutachten, „war ein mit vielfachen Geschäften, 
namentlich mit Kassen Verwaltungen, betrauter, mit Auszeichnungen, wie Titel und 
Orden, begnadeter Mann gewesen, und Niemand hatte bis zum letzten Augenblicke 
seines Lebens, auf den zurückzukonunen sein wird, jemals an der vollkommenen 
Integrität seiner Verstandeskräfte gezweifelt. Wie klug und gewandt er die grossen 
Defecte, die er ohne Zweifel seit langen Jahren und allmälig verursacht, zu ver- 
decken gewusst hatte, geht namentlich aus der Deposition des Kassenrevisors, Geh. 
Rath N., hervor, und spricht auch dies Benehmen nicht für geistige Störung. Dass 
E. auf eine endliche Entdeckung seiner Betrügereien gefasst, und, wie so viele ähn- 
liche Subjecte, für den gefürchteten Moment sein Leben freiwillig zu enden be- 
schlossen haben mochte, scheint aus dem Umstände hervorzugehen, dass er ein Paar 
Terzerole, die er seit 1848 besass, vier Wochen vor seinem Tode hatte repariren 
lassen. Durch eine Veränderung im Personal der Revisoren rückte der gefürchtete 
Moment heran. E. versuchte vergeblich die ihm angekündigte Revision hinauszu- 
schieben, die zur angesetzten Stunde begonnen ward. In diesem Augenblicke fand 
ihn Geh. Rath N. an seinem Tische arbeitend, eine Cigarre rauchend, und anschei- 
nend in derselben Stimmung, in der er ihn immer gesehen hatte, und die Vorbe- 
reitungen zur Kassenrevision waren formell getroffen. Der zweite Revisor, Geh. Rath 
J., (and ihn noch während der Revision ruhig und heiter, wie er ihn stets gekannt. 
Sehr schlau hatte er eine Summe zu produciren gewusst, die nicht ordnungsmässig 
vorhanden war, und auf den Vorhalt, die noch fehlende Summe, die er angeblich in 
einem anderen Zimmer deponirt haben wollte, herbeizuschaffen, hatte er „„zu be- 
fehlen" * geantwortet, und war hierauf hinausgegangen um — nie wieder zu kom- 
men. Man fand den entseelten Leichnam mit einer tödtlichen Schusswunde in einem 
der Nebenzimmer. Geh. Rath J. ist der Ueberzeugung, dass E. selbst im Augen- 
blicke der Entleibung noch mit „„voller Ueberlegung**'* gehandelt habe, da er vor 



46 Falsche ärztliche Atteste. §. 17. Casuistik. 7. Fall. 

dem Selbstmorde seine Kleider ab- und mit einer gewissen Ordnung auf den Tisch 
gelegt hatte. Ganz ähnlich versichert der Geh. Rath T., betreffend die letzten Stun- 
den aus dem Leben des E., dass er mit demselben am Abend vor dem Selbstmorde 
im Gemeinderath zusammengewesen, und dass E. hier im ungestörten Gebrauche 
seiner Geistesfähigkeiten gewesen sei. Endlich verdient Beachtung das Zeugniss 
eines Bekannten des E. seit 30 Jahren, welcher in Letzterem wohl einen eitlen, ehr- 
süchtigen, sehr heftigen Mann gekannt hat, aber an die Möglichkeit einer Gemüths- 
störung bei ihm nicht glauben kann. Selbst die eigene Frau und Tochter des Ver- 
storbenen, die wohl von seinem leidenschaftlichen, exaltirten Temperamente sprechen, 
gehen nicht so weit, in den gerichtlichen Verhören eine Gemüthsstörung im Augen- 
blicke der That anzunehmen. Hiemach liegt weder in den Thatsachen der Akten, 
noch in der psychologischen Combination der ganzen Sachlage der geringste Grund 
vor, um eine Gemüthsstörung und einen durch sie bedingten unzurechnungsfähigen 
Geisteszustand beim Selbstmord des E. als vorhanden und als Motiv anzunehmen. 
Alles, was der Dr. L. über Temperament und Charakter des Verstorbenen, über 
dessen Reizbarkeit und Nervenstimmung anführt, und dessen thatsächliche Richtig- 
keit um so weniger bestritten werden kann, als dieselbe auch von anderen Zeugen 
und Bekannten bestätigt ist, berechtigt noch keineswegs, daraus allein auf eine 
momentane, „„an Wahnsinn grenzende**** Aufregung zu schliessen. Es kann eine 
solche Richtung des Nervensystems zu Gemüthskrankheiten fahren , wie z. B. eine 
scrophulöse KörperbeschafTenheit zur Lungenschwindsucht führen kann. So un- 
logisch es aber wäre, zu deduciren, dass Jemand eine Lungenschwindsucht habe, 
weil es notorisch, dass er von je an scrophulös gewesen, so wenig darf vom Arzt 
aus der blossen Disposition, wie sie ein reizbarer Charakter liefert, auf factisch ge- 
wordene Gemüthsverstimmung geschlossen werden, deren Annahme vielmehr aus allen 
Umständen der concreten That begründet werden muss. Letztere waren aber im 
vorliegenden Falle so schlagend, die Motive zum Selbstmorde, Furcht vor Entehrung 
und Strafe aus sündhaftem Bewusstsein, so klar vorliegend, jede Spur einer wirk- 
lichen Disposition zu geistiger Störung im früheren Leben so vollständig mangelnd, 
das Benehmen des E. bis zum Augenblicke seiner That so consequent und verstän- 
dig, dass die Annahme seiner vollständigen Zurechnungsfahigkeit keines Beweises 
bedarf. — Wenn ich oben von einem unlogischen Schlüsse sprach, so muss ich bei 
einem approbirten Arzte annehmen, dass er sich eines solchen nicht schuldig machen 
könne. Aber es ist auch vorauszusetzen, dass ein Arzt, der dreissig Jahre Hausarzt 
einer Familie ist, die Verhältnisse derselben genau kennen zu lernen Gelegenheit 
gehabt hat. Namentlich ist nicht anzunehmen, dass dem Dr. L. die Umstände, die 
den Tod des E. herbeiführten, und die in ganz Berlin schon am folgenden Morgen 
notorisch waren, vor Ausstellung seines Attestes, d. h. fünf Tage lang, unbekannt 
geblieben sein können. Er räumt vielmehr selbst das Gegentheil in der Vernehmung 
am 26. v. M. ein. Aber in derselben Vernehmung bekennt er auch, dass er durch 
den Geh. Rath S. von der „„misslichen Lage**** der Familie des E. und von dem 
Zwecke, der durch sein Attest erreicht werden sollte, in Kenntniss gesetzt worden 
sei, und wenn auch bei dem notorisch redlichen Charakter des Dr. L. hierbei nicht 
anzunehmen, dass er leichtsinnig, um einen Betrug zu unterstützen, sich zu der 
Ausstellung dieses Attestes hergegeben habe, so bedauere ich doch, in einem amts- 
eidlichen Gutachten der Annahme nicht ausweichen zu können, dass er wahr- 
scheinlich aus übelverstandener Menschenliebe und Anhänglichkeit an eine ihm 
so lange Zeit her befreundete, unverschuldet in's Unglück („„an den Bettelstab****, 
sagt die Wittwe) gerathene Familie wider besseres Wissen die Unzurechnungsfähig- 
keit bescheinigt habe. Einem strengen und wissenschaftlichen Beweise entzieht 



Falsche ärztliche Atteste. §. 17. Casuistik. 7. Fall. 47 

sich diese Annahme allerdings, wie denn der Dr. L. bei seiner Auslassung im Ver- 
hör von vornherein durch seine Betheuerung des Gegentheils einen solchen Beweis 
abschneidet. Wenn derselbe aber den Satz aufstellt: „„dass der Augenblick des 
beginnenden Wahnsinns plötzlich, gleich einem Schlaganfalle eintrete, wenn das 
Gemüth durch unerwartete Freude oder Schreck ausser Fassung geräth"", und die- 
sen Satz auf den vorliegenden Fall anwendet, so kann ihm wohl nicht entgehen, 
dass mit einer solchen, der von ihm allegirten medicinischen Erfahrung keineswegs 
im Allgemeinen entsprechenden Ansicht, jeder Selbstmord nicht nur, sondern auch 
viele Verbrechen gegen Personen als durch plötzlichen Wahnsinn bedingt angesehen 
werden müssten, was der Dr. L. nicht wird zugeben wollen. Hiernach beantworte 
ich die mir vorgelegte Frage ihrem Wortlaut nach dahin : ^ dass der Dr. L. aus me- 
dicinischen Gründen sich nicht veranlasst sehen konnte, über den Gemüthszustand 
des Raths E. das Attest vom 1. Juli pr. auszustellen und namentlich zu der 
Schlussfolgerung zu gelangen, dass der E. sich im Augenblicke der Selbstentleibung 
in einem unzurechnungsfähigen Zustande befunden habe, und dass (§. 278. Straf- 
gesetzbuch) mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen sei, dass der Dr. L. das qu. 
Attest wider besseres Wissen ausgestellt habe." 

Es war nicht möglich, in diesem merkwürdigen Falle milder zu urtheilen. Die 
Staatsanwaltschaft verfuhr nicht weniger milde, denn sie nahm „eine seltene Un- 
wissenheit" des Dr. L., nicht eine „wissentliche Fälschung" an und Hess die Sache 
auf sich beruhen. 



Specieller Theil. 



C's«per'Liniftiu Oerirlitl. Med. 7. AiiH. i. 






Erster Abschnitt. 



Streitige geschlechtliche Ver- 
hältnisse. 



Erstes Kapitel. 

Streitige Fortpflanzungsfähigkeit. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Prcatt. Allg. Landrecht §. 37. Tit. 1. Tbl. II. Ifannspersonen sollen vor surQckgelegtem ISten 
and Penonen weibliehen Qeschlechta Tor surückgelegtem 14ten Jahre nicht helrathen. 

Prenat. CiTlIgeietsbaoh §. 144. llannaperaonen können nicht heirathen, ehe sie das 18t«, 
Praoenapenonen nicht, ehe sie daa ISte Jahr sarQclcgelegt haben. 

Prcuia. Allg. Landrecht $. 61*9. Tit. 2. Thl. II. Auch J&ngeren (aU 50JIhrigen) Personen kann 
ea, aber aar unter besonderer landesherrlicher Brlaubuiss, gestattet werden ^Kinder xu adoptiren), wenn 
nach ihrem körperlichen oder Qesandheitssustande die Brxeugung natQrlicher Kinder von ihnen nicht 
aa Termathen ist. 

Eben das. §. 695. Bin Ehegatte, welcher durch sein Ketragen bei oder nach der Beiwohnung die 
Brraicbang des gesetsmisaigen Zwecks derselben Torsitzlich hindert, giebt dem andern cur Scheidung 
rechtaisaig Anlaas. 

Ebendas. §. 696.*) Bin auch während der Ehe erst entstandenes, gänxliches und unheilbares Un- 
Tcrmogen sur Leistung der ehelichen Pflicht begrQndet ebenfalls Scheidung. 

Ebendas. §. 697. Bin gleiches gilt Ton unheilbaren körperlichen Gebrechen, welche Ekel und Ab- 
aebea erregen, oder die Brf&Uung der Zwecke des Ehestandes g&nslich hindern. 

Preass. Civilgesetsbuch $. 313. Der Mann (in der Ehe) kann nicht unter AnfQhrung seines 
natQrliehen UnTermögens das (in der Ehe geborene) Kind verläugnen u. s. w. 

Deutsches Strafgesetsbueh $. 234. Hat die KorperTerletzung zur Folge, dass der Verletzte 
CID wichtiges Glied des Körpers, das SehTcrmögen auf einem oder beiden Augen, das Gehör, die Sprache 
oder die Zeugungsflhlgkeit Terliert, oder in erheblicher Weise dauernd entstellt wird, oder 



*) Za §. 696. 

(Zasammenstellung der bei dem Königl. Stadtgericht zu Berlin in Bhesachen zur Anwendung 
koasnenden Omndsltse. 1871.) 

61. Der Seheidangsgrund des UnTermögens zur Leistung der ehelichen Pflicht greift auch in dem 
Falle Platz, dass dasselbe ohne Verschulden des Betroffenen entstanden ist. 

62. Nur Torseltiges Unvermögen zur ehelichen Beiwohnung ist ein Scheidungsgrund. Tritt Impotenz 
in Folge liohen Alters ein, so kann deshalb nicht auf Scheidung geklagt werden. 

49. Vorflbergehendes Unvermögen, auch wenn es der Verklagte verschuldet haben sollt«, entschul- 
digt den die Pflieht versagenden Gatten , dagegen ist vorgerücktes Alter an sich kein Grund , die ge- 
aeblaehtliehe Gemeinschaft abzubrachen und nur dann als Entschuldigungsgrund xu berQcksichtigen, 
w«m •• sait Impotenz verbunden ist. 



52 §.1. Beischlafsunfähigkeit. 

in Siechthum, Lähmung oder Geisteskrankheit verfillt, so ist auf Zurlithaiis bis xu fRnf Jahren oder 
Oofängniss nicht unter einem Jahre zu erkennen. 

Oesterreich. bürgerliches Gesetzbuch §. ri9. — — oder dem Zwecke der Ehe liiiiderllctie 
(iebrechen desjenigen, mit dem die Ehe eingegangen werden will, sind rechtmassige Gründe die Ein- 
willigung zur Ehe zu versagen. 

Eben das. §. 60. Das immerwährende Unvermögen, die eheliche Pflicht zu leisten, ist ein Ehe- 
hinderniss, wenn es schon zur Zeit des geschlossenen Ehevertrages vorhanden war. Ein lilos» zeitliches, 
oder ein während der Ehe zugestossenes , selbst unheilbares Unvermögen kann das Band der Ehe nicht 
auf losen. 

Ebendas. §. 100. insbesondere ist in dem Falle, dass ein vorbeigegangenes und imnierwälirondes 
Unvermögen, die eheliche Pflicht zu leisten, behauptet wird, der Beweis durch Sachverständige, nämlich 
durch erfahrene Aerzte und Wundärzte und nach Umständen auch durch Hebeammen zu führen. 

Ebendas. §. 101. Lässt sich mit Zuverlässigkeit nicht bestimmen, ob das Unvermögen ein immer- 
währendes oder bloss zeitliches sei, so sind die Ehegatten noch durch ein Jahr zusammen zu wohnen 
verbunden, und hat das Unvermögen die Zeit hindurch angehalten, so ist die Ehe fflr ungültig xu er- 
klären. 

Oestcrr. Straf-Ge8etz-Entwurf§. l-'i^^. Hat aber das Verbrechen a) für den Bescliädlgton — 
den Verlust der Zeugungsfähigkeit — nach sich gezogen, so ist die Strafe — 

Ebendas. §. 2.3ß. Hat die Misshandlung zur Folge, dass der Verletxte . . . die Fortpfianzungs- 
fähiKkeit verliert ... so ist wegen schwerer Körper^'erletxung . . . 

§. 1. Beisehlafsinfahigkeit. 

Die Möglichkeit, den Copulationsakt naturgemäss zu vollziehen, 
wird streitig und Gegenstand richterlicher und gerichtsärztlicher Prü- 
fung, sowohl und namentlich in civilrechtlicher, wie in strafrechtlicher 
Beziehung, in ersterer vorzugsweise in Ehescheidungsklagen, da die oben 
angeführten Bestimmungen unseres Gesetzbuches eine bequeme und o(t 
benutzte Handhabe bieten, um wenigstens den Versuch zu machen, eine 
widerwärtig gewordene Ehe gelöst zu sehen, was beide Theile, vorzugs- 
weise aber der weibliche, thun. Während in Preussen ein auch wäh- 
rend der Ehe erst entstandenes gänzliches Unvermögen Scheidung be- 
gründet, muss in Oesterreich solches bereits vor Schliessung der Ehe 
vorhanden gewesen sein. Aber auch jene andere obige Bestimmung 
unseres Landrechtes, welche das Erbrecht berührt, und unter gewissen 
V'erhältnissen Wahrscheinlichkeit darüber fordert, dass aus einer Ehe 
Kinder nicht mehr zu erwarten (§. 669. Tit. 2. Thl. IL), zu welchem 
Zweck natürlich ein amtsärztliches Gutachten erfordert werden muss, 
bringt uns alljährlich mehrere Fälle zur Untersuchung. Seltener kommt 
die Frage von der Fortpflanzungsfähigkeit strafrechtlich vor; es ist dies 
aber zuweilen der Fall bei Anschuldigungen auf Nothzucht und Blut- 
schande, welche die Inculpaten mit der Behauptung ihrer Impotenz 
abzuwehren versuchen, und noch seltener in den Fällen des §. 224. des 
Strafgesetzbuches, wenn ein Verletzter vorgiebt, dass ihm durch die 
erlittene Verletzung die Zeugungsfähigkeit geraubt sei. 

Fast gar nicht dagegen kommt die andere hierhergehörige Frage, 
zu welcher der Wortlaut der Gesetzbestimmung Veranlassung geben 
kann, in der Praxis vor. Die obigen Paragraphen des Preussischen 
und Oesterreichischen Landrechts sprechen von der ^Leistung der ehe- 
lichen Pflicht" im Allgemeinen, ohne — das Maass derselben zu be- 
stimmen! Glücklicherweise sind mir wenigstens unter so zahlreichen 
Fällen kaum drei oder vier vorgekommen, wo gemeine Weiber eine 
Ehescheidung auf Grund der Behauptung nachsuchten, dass ihre Ehe- 
männer „unvermögend'* seien, die „eheliche Pflicht** in dem Maasse, 



§. 1. BiMSchlafsunfahi^rKeit. ').*] 

wie sie es verstanden, zu erfüllen, oder wo Männer aus (§. 695. s. oben) 
die Trennung von der Ehefrau verlangten, diese aber die Klage mit 
der Behauptung abwehrte, dass der Mann die „eheliche Pflicht^ in 
einem solchen Maasse von ihr verlange, dass sie solchem Begeliren 
nicht gerecht werden könnte. Das Gesetz entscheidet hier so wenig, 
als die Wissenschaft entscheiden kann. Die berüchtigte Königin von 
Arragonien, welche gesetzlich die Zahl der ehelichen Beiwohnangen auf 
sechs täglich festsetzte, würde sich (im Norden) weder mit dem Gesetz, 
noch überall mit der Wissenschaft im Einklang befinden. Die schmutzige 
Frage kommt aber nur dann zur Cognition des Gerichtsarztes, wenn 
angeblich die Gesundheit des einen Gatten durch das Uebermaass be- 
droht sein, oder gelitten haben soll, und die ärztliche Entscheidung ist 
hier nicht schwer und nach allgemein ärztlichen Grundsätzen mit Be- 
rücksichtigung der vorliegenden Individualität zu geben. 

Derartige Fälle beweisen schon, was die Erfahrung in allen übri- 
gen hierhergehörigen unzweifelhaft lehrt, und was der ungeübtere Gc- 
richtsarzt sich zur Warnung und Belehrung dienen lassen möge, dass 
in keinem Gebiete der gerichtsärztlichen Thätigkeit dem Practiker so 
unglaubliche Lügen, so freche Behauptungen vorgetragen wer- 
den, um ein günstiges Gutachten zu erzielen, als in diesem. Sehr na- 
türlich, da vom Ausfall desselben in Schwängerungs-, in Vaterschafts-, 
in Ehescheidungsklagen u. s. w. oft die ganze künftige Lebensstellung 
des Individuums abhängig ist, und weil auch dem unkundigsten Laien 
ein Bewusstsein darüber einwohnt, dass in einer Angelegenheit, welche 
Zeugen niemals zulässt, kein Dritter, selbst kein Arzt, entscheidend 
für oder gegen ihn werde auftreten können. 

Ich könnte Bogen füllen, wenn es irgend einen Nutzen hätte, 
wollte ich die derartigen Frechheiten und absurden mir vorgekommenen 
Angaben mittheilen. Hier war es eine frühere an den Genitalien über- 
standene Operation, die den vorgeblichen, unehelichen Schwängerer 
längst beischlafsunfähig gemacht hatte, und die angeblich noch sicht- 
bare Schnittnarbe war — die Raphe des Scrotums! Dort hatte sich 
ein unverschämter die Haare vom Schamberg abrasiren lassen und 
wagte es, sich als missbildet und impotent vorzustellen! Ich werde 
in der Casuistik noch einige Fälle solcher ganz unbegründeten Behaup- 
tungen mittheilen. 

§. 2. Vtrtoetiing. Prafing in beiden Cesehleehtern. I) Beim Manne. 

Gänzlicher Mangel des Penis, sei er, wie in höchst seltenen Fällen, 
angeboren*), oder, wie fast gleich selten, durch Amputation bedingt, 
kann nicht zu Streitfragen Veranlassung geben, indess wollen wir einen 
Fall von Gutherz**) nicht unerwähnt lassen, nach welchem ein 53 jäh- 
riger Mann, bei welchem der Penis in Folge eines Typhus bis auf einen 
V 2 Zoll langen Stumpf gangränös zu Grunde gegangen war, den Bei- 
schlaf mit seiner Frau in befriedigender Weise auszuüben vermochte. 

Desto schwieriger aber ist die Frage: wie ist die zur Begattung 

•) Ein Fall von Gösch 1er in der Präger Vierteljahrsschr. 1859. 111. S, 89. 
•♦) Bayer, ärztl. Intell.-lil. 48. 1863. 



54 §. 2, Boischlafsunfahigkeit. 1) Beim Manne. 

nothwondige Erectionsfähigkeit des Gliedes zu prüfen und festzu- 
stellen? Diese Frage hat schon früh die Gesetzgeber und Aerzte be- 
schäftigt und in Frankreich zu einem gesetzlichen Verfahren Anlass 
gegeben, das bis gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts bestand, 
und dessen wir erwähnen, weil es die Wichtigkeit, wie die Schwierig- 
keit der Frage beweist; wir meinen die Ehestandsprobe, le Congres, 
welcher klagende Gatten sich unterziehen mussten. Nachdem beide 
Theile darauf vereidet worden, dass sie das eheliche Werk bona fide 
verrichten wollten, und ebenso auch die Sachverständigen vereidigt 
worden, wurden die Ehegatten körperlich, nicht selten ganz nackt, 
untersucht. Hierauf wurden Beide in ein Bett gebracht, in welchem 
sie eine bis zwei Stunden blieben, und nun die Sachverständigen ge- 
rufen, die Frau abermals örtlich untersucht, auch namentlich unter- 
sucht, an facta sit immissio, ubi, quid et quäle emissum, worüber dann 
berichtet ward!! Dambre*) berichtet sogar, dass in Gegenwart von 
Sachverständigen, vereideten Matronen und Richtern die Ehegatten 
ermahnt wurden sich zu liebkosen. Eine ehrsame Matrone reicht ihnen 
Liebestränkchen, um ihre Leidenschaften zu entflammen, reibt beide 
Theile gehörigen Ortes und wenn diese einfachen Reizungen fruchtlos 
bleiben, bei einem Feuer von Weinreben mit duftigen Salben!! Im- 
Jahre 1653 heirathete ein Marquis v. Langey ein vierzehnjähriges 
Mädchen und lebte mit ihr vier Jahre in der Ehe. 1657 erhob die 
Gattin Klage auf Unvermögen ihres Mannes, der ^Congress** entschied 
gegen ihn, und die Ehe wurde für nichtig erklärt. Der ^»erwiesene'* (!) 
Unfähige heirathete in zweiter Ehe Diana von Montault und zeugte 
mit ihr sieben Kinder, und endlich wurde dieser scheussliche „Con- 
gress* abgeschafiFt**). — 

Nicht weniger empörend aber, und was die Hauptsache, nicht 
weniger Nichts beweisend sind alle Prüfungsmethoden der Erections- 
föhigkeit, die selbst bessere ältere Handbücher empfehlen, z. B. Mani- 
pulationen, Frictionen, Electricität u. s. w.ü Denn es braucht nicht 
gesagt zu werden, dass solche künstliche Nervenreize eine Erection zu 
Stande bringen können, die unter den natürlichen, in Frage stehenden 
Verhältnissen sich nicht einstellte, wie es bei anderer Individualität 
des Mannes auch sehr wohl möglich ist, dass gerade solches sittenver- 
letzendes, abscheuliches, von einem Manne, dem fremden Arzte, gegen 
ihn geübtes Verfahren gerade die ganz entgegengesetzte Wirkung haben 



♦) Dambre, M6d. leg. Paris 1878. 

••) Als ein anderer Beweis der unglaublichen Gerichtsproceduren in dieser An- 
gelegenheit in älteren Zeiten mag der Ehescheidungsprocess der Gräfin Kssex unter 
Jacob dem Ersten hier kurz erwähnt sein. Sie wollte den Günstling des Königs, 
den mächtigen Grafen v. Somerset, den sie liebte, heirathen und brachte deshalb 
eine Klage auf Trennung der Ehe von ihrem Gatten wegen behaupteter Impotenz 
desselben vor die Richter. Als Beweis brachte sie ihre nach dreijähriger Ehe noch 
bestehende Jungfrauschaft vor. Einige Peersfrauen und Matronen (sie!) wurden mit 
der Untersuchung beauftragt, welche jenen Zustand bestätigten. Es wurde aber 
später bekanitt, dass die Gräfin bei dieser Untersuchung ein junges Frauenzimmer 
ihres Alters und ihrer Statur untergeschoben hatte!! Der Ehemann seinerseits 
räumte ein, seiner Gattin gegenüber, nicht aber absolut, impotent zu sein, und mit 
sieben gegen fünf Stimmen wurde auf Trennung der Ehe erkannt und den Parteien 
das Eingehen einer neuen Ehe gestattet! Hargrave^s state trials 1. S. 315. 



§. 2. Beischlafsunfahigkeit. 1) Beim Manne. 55 

konnte. Aber alle solche, mit Recht für alle Zeiten verlassenen Prü- 
fungsrnethoden sind auch nicht bloss unsittlich und Nichts beweisend, 
sondern auch — ganz überflüssig. Denn, und ich halte dies für einen 
Hauptsatz der gansjen Lehre von der streitigen Fortpflanzungsfahigkeit: 
die Beischlafsfähigkeit kann und braucht vom Arzte gar 
nicht bewiesen zu werden. Sie ist vielmehr innerhalb der natür- 
lichen Altersgrenzen wie jede andere normale Verrichtung vorauszu- 
setzen. Der Arzt kann und braucht eben so wenig z. B. die gesunde 
Verdauungsthätigkeit zu beweisen. Er kann vielmehr nur beweisen, 
dass die Norm im vorliegenden Falle nicht vorhanden ist, wenn seine 
Untersuchung Befunde ergiebt, welche ein Erkranken, eine Abweichung 
von der normalen Function der Verdauung nach allgemeiner Erfahrung 
beweisen. Ganz dasselbe gilt von der Beischlafsfahigkeit. Die Erigir- 
barkeit des männlichen Gliedes kann und darf aus obigen Gründen 
niemals direct geprüft werden. Sie muss aber bei jedem gesunden 
Manne innerhalb der natürlichen Alters-Grenzen (§. 7.) als vorhanden 
vorausgesetzt werden, so lange nicht nachweisbar vorliegende Hinde- 
rungsgründe irgend welcher Art ein entgegengesetztes ärztliches Urthcil 
zu begründen vermögen. Daher muss es für den Gerichtsarzt eine 
£egel sein, seinem Gutachten in allen solchen Fällen eine negative 
Fassung zu geben, selbst wenn der Richter (wie dies gewöhnlich ist) 
eine positive Frage: „ob heisch lafsfah ig ?•* vorgelegt, und er muss z. B. 
antworten: „dass die Untersuchung keine Befunde geliefert habe, welche 
die Annahme begründen könnten, dass Explorat nicht fähig sei, den 
Beischlaf zu vollziehen." Dass damit dem Richter auch immer genügt 
ist, versteht sich einerseits ja ganz von selbst, und habe ich anderer- 
seits in allen von mir begutachteten Fällen erlebt. Hiernach ist also 
die gerichtsärztliche Aufgabe in jedem Einzelfalle von streitig gewordener 
Beischlafsfahigkeit des Mannes die: an dem Individuum zu ermitteln, 
ob Bedingungen, welche die Erigirbarkeit und Immissionsfahigkeit seiner 
Ruthe erfahrungsmässig ausschliessen und aufheben, bei ihm wirksam 
geworden? 

Diese Bedingungen können nun, abgesehen von dem, was später 
bei Gelegenheit der Zeugungsfähigkeit erörtert werden wird, theils ört- 
liche, theils allgemein körperliche, theils psychische sein. 

Zu den örtlichen gehören Verkrümmungen oder Verkrüppelungen 
des Penis durch Narbenbildung sowie unheilbare Krankheiten des Penis, 
welche durch ihre Schmerzhaftigkeit den Beischlaf hindern. Ferner ge- 
hören hierher alte grosse und nicht reponirbare Leistenbrüche, welche 
den Hodensack bis zu Kindskopfgrösse ausdehnen und den Penis voll- 
standig einschliessen , so dass nur eine Andeutung desselben in der 
Scrotalhaut sichtbar ist. Hier zeigt der Augenschein die Unmöglichkeit 
eines Beischlafes, während, was ausdrücklich hervorgehoben werden 
muss, weil in foro häufig als Beischlafshinderniss angegeben, kleine und 
reponirbare Leistenbrüche nicht im mindesten ein Impediment für den 
Beischlaf abgeben. 

Was die allgemeinen körperlichen Hinderungsgründe zum 
Beischlaf betrifft, so sind dieselben entweder begründet in dem zur Be- 
gattung untauglichen Lebensalter, worauf wir bei der Zeugungsfähigkeit 
zurückkommen, oder in unheilbaren Krankheiten des Nervensystemes, 



5(1 §. 2. ll(Mschlafsunfäliij!:l\eil. 1) Beim Manno. 

Gehirnes oder Rückenmarkes, welche nach ihrer Intensität und Dauer 
zu würdigen sind. 

In Bezug auf die psychischen Hinderungsgründe ist Impo- 
tcntia coeundi beim gesunden Manne, d. h. eine wirkliche, absolute 
Unfähigkeit zum Begattungswerk eine kaum vorkommende 
Erscheinung, wogegen ich nicht behaupte, dass die Ansprüche, die 
viele Männer an sich selbst, auch wohl Ehefrauen an ihre Gatten über 
das Maass der Fähigkeit nicht selten machen, überall befriedigt werden 
könnten. Daraufkommt es aber in gerichtlich-medicinischer Hinsicht 
gewiss nie und nirgends an, sowohl in civilreclitlichen Fällen (Schwänge- 
rungsklagen u. s. w.), wie in criminalrechtlichen. Jeder beschäftigte Arzt 
wird oft genug von Männern heimgesucht, die Hülfe gegen ihre vermeint- 
liche absolute Impotenz nachsuchen, von jüngeren, die ihren Tissot 
gelesen und sich unglücklich gemacht haben, von älteren, die aus anderen 
Gründen ein böses Gewissen haben. Aber jeder Arzt weiss auch, dass 
solche, allerdings eine Zeit lang vorhandene und wirksame, psychi- 
sche Hinderungsmittel sich nach und nach von selbst ausgleichen, und 
niemals ein ^gänzliches und unheilbares Unvermögen" zur Folge haben. 
Ganz besonders in Betreif der Ehescheidungsklagen ist dies festzuhalten; 
denn vollends bei einem ununterbrochenen geschlechtlichen Zusammen- 
leben ist eine absolute und andauernde Impotenz des (gesunden) 
Mannes (in den natürlichen Alters-Grenzen) gewiss eine ganz ungemein 
seltene Erscheinung, und immer wird von Zeit zu Zeit der natürliche 
Trieb seine Rechte fordern. 

Anders die relative Beischlafsunfähigkeit, die ja auch das 
Preussische Gesetz berücksichtigt, wenn es (s. oben) von ^unheilbaren, 
körperlichen Gebrechen" spricht, „welche Ekel und Abscheu erregen**. 
Dass die durch Sinneseindrücke und Vorstellungen bedingte Erregung 
des Nervensystems, welche den Reflex Vorgang der Erection vermittelt, 
und welche weit mehr als der Reiz der vorräthigen Samenflüssigkeit 
den Mann zur Begattung anregt und befähigt, durch deprimirende Ge- 
müthseindrücke, Hass, Widerwille, Ekel, Abscheu gegen ein oder vor 
einem gewissen weiblichen Individuum verhindert werden kann, ist 
physiologisch eben so erklärlich, als thatsächlich nachgewiesen, und 
soll hier deshalb auch nicht bestritten werden. Der bekannte, überall 
mit ähnlichen citirte Fall Ruggieri's von der jungen, mit schwarzen, 
krausen Haaren auf dem Körper bewachsenen Frau, der ihr Ehemann 
sich deshalb nicht nähern konnte, mag dafür als ein authentischer gelten. 

Aber der gerichtliche Arzt sei auch bei angeblicher relativer 
Impotenz wieder um so mehr auf seiner Hut, als hier, neben den 
schamlosesten , in foro vorgebrachten Frechheiten (siehe die Casuistik), 
noch obenein das alte de gustibus u. s. w. sich seiner Erwägung 
aufdrängen wird. Bei Cloakenbildung sahen Rossin, Clarus jun. 
u. A. Schwängerung. Gusserow*) beschreibt einen Goburtsfall an 
einer mit Ectopia vesicae behafteten, dem Stubenrauch**) in seiner 
Inaugural-Dissertation 5 andere Fälle aus der Literatur anreiht, wovon 
der eine eine zweimal Geschwängerte betraf. Ich habe wiederholt eine* 

•) I»crl. kliii. Wochuiibchrih. li>79. N\. '2. 
••) liiaugural-DisserUtiou. 1879. 



§. 3. Hcisnhlafsunnihijxkeit. 2) Hoim \Voil»e. 57 

Öffentliche Lohnhore wegen von ihr bestrittener Fähigkeit, eine Strafe 
zu verbüssen, zu untersuchen gehabt, die eine alte Blasenscheidenfistcl 
hatte und deren Nähe wirklich „Ekel und Abscheu" zu erregen ver- 
mochte. Ein anderes Beispiel bot ein vielleicht einzig dastehender 
Fall, in welchem eine Untersuchung wegen verheimlichter Schwanger- 
schaft (nach dem vormaligen Strafgesetz) eingeleitet worden war gegen 
ein cretinenartiges Geschöpf von einigen zwanzig Jahren, die ihr Leben 
in einer Ecke der kleinen Kammer, auf den verkrüppelten und gelähm- 
ten Extremitäten hockend, zubrachte, aus welcher Ecke sie sich lort- 
rutschte, wenn sie ihren Koth unter sich gelassen hatte. Sie war von einem 
Knecht a tergo geschwängert worden!! 

§. 3. Vtrtsetiiiiig. 2) Beim Weibe. 

Der Natur der Sache nach ist eine Prüfung der angeblichen Bei- 
schlafsunfähigkeit beim Weibe durch objective Untersuchung nicht nur 
möglich , sondern auch erforderlich. Vollends selten aber wird man 
sich beim Weibe gewissenhaft veranlasst finden, eine solche Impotenz 
anzunehmen und sich nicht durch die Behauptungen eines oder des an 
deren Theils blenden lassen. Eine schon in alten Beispielen (P. Zac- 
chias) behauptete, so grosse Convulsibilität oder Hyperästhesie der 
weiblichen Geschlechtsorgane, dass dadurch der Begattungsakt 
unmöglich wird, die für ziemlich apocryph und hypothetisch galt, ist in 
unserer Zeit auf den Boden der Thatsachen zurückgeführt worden, na- 
mentlich durch Scanzoni's*) und Marion Sims' u. A. Beobachtun- 
gen**). Letzterer beschreibt unter dem Mamen Vaginismus eine ex- 
cessive Hyperästhesie des Hymen und des Scheideneinganges, verbun- 
den mit so heftigen, unwillkürlichen, spasmodischen Contractionen des 
Sphincter vaginae, dass der Beischlaf nicht ausgeübt werden kann. 
Seine, wie Scanzoni's Beobachtungen beweisen aber, dass diese Zu- 
stände einer Behandlung und Heilung zugänglich waren. Auch Hohl***) 
ist der Meinung, dass diese ungewöhnliche Reizbarkeit, bei welcher sich 
der Eingang so krampfhaft verschliesst, dass schon bei der Annäherung 
der Hand zur Untersuchung als der ersten Berührung die Frau in einen 
hohen Grad von Angst und Unruhe verfällt, weil sie die Schmerzen 
furchtet, durch Schonung Seitens des Mannes und zweckmässige ärzt- 
liche Behandlung zu beseitigen sei. 

Jedenfalls aber muss es auffallen, dass in der ganzen reichen Li- 
teratur dieser Materie nur vereinzelte Fälle zu Ehescheidungsklagen 
Veranlassung gegeben haben. Und auch hier wieder sei man auf falsche 
Angaben vorbereitet. Ein Arzt (!) hatte eine Ehescheidungsklage gegen 
seine junge Gattin aus dem Grunde vorgebracht, weil sie jedesmal beim 
Coitus in „Krämpfe" verfiele, die ihm „Ekel und Abscheu einflössten 
und die Erfüllung der Zwecke des Ehestandes gänzlich hinderten" (§. 
697. Allg. Ijandrecht). Die Untersuchung ergab auch nicht Ein Mo- 

•)Scanzoiii, Lehrbuch der Krankheiten der weihlieheii Sexualuri^aiie. 4. Aull. 
1867. II. S. 263. 

•*) Marion Sims, Klinik der Gebärmutterchirur^ie, übersetzt von 13eij;ei. lS(i(i. 
S. 246. 

♦•♦) Hohl, Lehrbuch der Geburtshülfe. Iö62. S. 2ül. 



58 §. 3. BeisGhlafsnnraliijrkeit. 2) Heim W'eil.c. 

ment, welches auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit für die Behauptung 
des Ehemannes hätte sprechen können, der übrigens erst nach mehr- 
jähriger Ehe mit dieser Anschuldigung hervortrat, der als Arzt und 
Gatte nie auch einen Versuch gemacht hatte, diese angeblichen „Krämpfe" 
zu heilen u. s. w., und es genügte die Anfuhrung dieser Gründe in 
meinem Gutachten, um den Kläger richterlicherseits abzuweisen. 

Auch eine ungewöhnliche Enge des Scheidenkanals als angeb- 
lich absolutes oder relatives Hinderniss des Begattungsaktes — in wel- 
chem letzteren Falle beide Theile zu untersuchen sind — ist höchst 
selten und kann keinen Grund zur Annahme weiblicher Impotenz ab- 
geben. Denn einerseits ist der Kanal einer Erweiterung fähig, wofür 
die gerade für unsere Frage nicht unwichtige Harnröhre ein Beispiel 
giebt, welche in nicht gar zu seltenen Fällen irrthümlich von Männern 
im Akte benutzt und durch allmälige Erweiterung für den Beischlaf 
geschickt gemacht worden ist*); andererseits aber kann jetzt nicht 
mehr daran gezweifelt werden, dass die ungemein geringe Menge des 
Saamens, die zur Befruchtung des abgelösten Eichens nur erforderlich 
ist, auch durch eine sehr verengte Scheide, also, wenn man es so nen- 
nen will, durch einen nur unvollkommenen Beischlaf in den Uterus drin- 
gen kann. Hohl**) hat die Vagina so eng, gleichsam ringförmig ein- 
geschnürt gefunden, dass sie kaum die Spitze des Zeigefingers aufnahm, 
und dennoch bestand Schwangerschaft, und der Beischlaf war öfter voll- 
zogen worden. Derselbe erfahrene Schriftsteller erwähnt einer eigen- 
thümlichen Verengerung des Scheidenkanals durch ein bis in die grossen 
Schaamlefzen sich eindrängendes Mittelfleisch. Ich habe einen derartigen 
Fall in eigener Praxis beobachtet, in welchem nacli siebenjähriger kin- 
derloser Ehe bei der Localuntersuchung der Grund des oft vom Gatten 
wahrgenommenen Hindernisses sich in einem gleichsam hypertrophischen 
Mittelfleisch ergab, welches bis zu einem Viertel der grossen Lefzen 
sich an dieselben hinauf fortsetzte. Wie hier ein einfacher Einschnitt 
eine Remedur und später eine Geburt zu Wege brachte, so wird durch 
angemessene ärztliche Behandlung dies auch oft bei theilweisen Ver- 
wachsungen der Scheide der Fall sein können, welche ihrerseits 
den Beischlaf, also auch den fruchtbaren Beischlaf nicht unmöglich 
machen, wie denn auch hierfür authentische Conceptionsfälle in nicht 
gar geringer Anzahl in Original- und Sammelwerken als Beweise zu 
finden sind. So theilt Louis Mayer***) in einer lesenswerthen Abhand- 
lung über Atresia vaginalis acquisita einen Fall von erfolgter Conception 
mit, bei Stenosirung der Vagina 1 ^ \ Zoll vom Introitus entfernt, so dass 
das Lumen des Kanales an der verengten Stelle nur linsengross war. 
Die Oeffnung selbst war erst das Resultat einer lange währenden Be- 
handlung, da nach einem Typhus mit Vaginal-Diphtheritis eine vollstän- 
dige Atresie der Scheide gefolgt war. Ihiter Anderen erwähne ich noch 
0. v. Franquef), der Schwangerschaft und Geburt in einem ähnlichen 
Falle von Verengerung der Vagina beobachtete, wobei der Goitus nur 



•) Dict. d. Scienc. raedic. Tora. XXIV. S. 210. Mehrcrc Fälle compilirt bei 
Kussmaul, vom Mangel u. s. w. der Gebärmutter. Würzburg 1S5D. S. 76. 
♦♦) Lehrb. d. Geburtshülfe. Leipzig 1862. S. 196. 
•••) Verhandlungen der Gesellschaft für Geburtshülfe 1S66. S. 152. 
t) Wiener med. Halle. 1864. No. 56. 



§. 'S, Beischlafsunfähigkeit. 2) Beim Weibe. 59 

ganz unvollkommen ausgeübt werden konnte. Endlich finden sich in- 
stractive Fälle von beseitigter Atresie der Vagina bei Marion Sims*), 
Scanzoni**). 

Eine relativ zu grosse Enge des Lumens der Vagina wegen zu 
bedeutender Entwickelung der männlichen Gliedes ist gleichfalls, wie 
überhaupt abnorme Dimension der Ruthe, seit den ältesten Zeiten 
als Scheidungsgrund vorgebracht worden***). Hier erst hat weibliche 
Frechheit das freiste Feld. Dass zunächst auch hier ganz aus der Luft 
gegriffene Behauptungen vorkommen, dafür giebt ein unten mitgetheilter 
Fall einen Beweis. Aber wenn einmal eine wirklich ungewöhnliche, gering- 
fügige Entwickelung des Gliedes, wie ich sie sehr oft bei ganz gesunden 
und kräftigen Männern gefunden habe, so dass das Glied im erschlafften 
Zustande nur 1 bis 1 V2 Zoll misst, den Beischlaf und die Befruchtung im 
geringsten nicht ausschliesst, wofür Physiologie und Erfahrung unzwei- 
felhaft sprechen, so ist ganz dasselbe in Betreff einer zu langen und 
zu starken Ruthe und einer relativ zu kurzen Scheidet) ebenso un- 
zweifelhaft anzunehmen. Zunächst giebt es keine Normen für die Di- 
mensionen dieses Organes, und es war ein vergebliches und unwissen- 
schaftliches Bemühen des Oberconsistoriums in Schweden im 17. Jahr- 
hundert, ein solches Normalmass aufzustellen und seinen Entschei- 
dungen in Ehescheidungen zu Grunde zu legen. Sodann aber wird 
nicht bestritten werden können, dass bei einem zu starken männlichen 
Gliede der Saame naturgemäss in die weiblichen Geschlechtsorgane ge- 
bracht werden kann, und auch in einer kurzen Scheide wird, wenn 
nicht Hinderungsgründe nachweisbar sind, der ejaculirte Saame zurück- 
gehalten werden können. Wenn Schriftsteller aber Bedenken in Betreff 
der Gesundheit der Frau erhoben und von Insultationen der Scheiden- 
portion des Uterus mit ihren Folgen u. dg), gesprochen haben, so be- 
seitigen sich diese Bedenken durch die Erwägung der Thatsache, dass 
eine Länge von 5 bis 6 Zoll schon eine ungewöhnliche für ein erigirtes 
Glied ist, während die normale Länge des Scheidenkanals 6 bis 7 Zoll 
betragt, übrigens aber auch die verschiedenartigen Erosionen des Mutter- 
mundes ärztlicher Behandlung und Heilung zugänglich sind. Viele 
Fälle bei den Specialschriftstellern erweisen, dass, wo dergleichen Krank- 
heiten Unregelmässigkeiten der Menstruation zu Grunde lagen und als 
Ursache der Unfruchtbarkeit angesehen werden mussten, nach der 
Heilung Conception erfolgte. 

Eine ungewöhnlich starke Neigung des Beckens kann einem 
weiblichen Individuum beim Vollziehen des Aktes wenigstens in nor- 
maler Rückenlage sehr hinderlich sein: die Bauchlage wird dann das 
Hindemiss heben, wie ich in einem Falle beobachtete, in welchem bei 
einem jungen Ehepaar der Coitus mit der skoliotischen Frau, die ein 
ungemein stark geneigtes Becken hatte, im Anfange der Ehe ganz 
unausführbar war, während in der Bauchlage zwei Kinder erzeugt wurden. 

Endlich sind zu erwähnen alle den Kanal obturirenden Kör- 



♦) a. a. 0. S. 260. 

••) Allg. Wiener med. Zeitung. 1864. No. 4. 
•*•) Ein kurzer Penis ist eine Ursache der Unfruchtbarkeit und kann Grund zur 
Ehescheidung werden, sagt P. Zacchias, Quaest. S. 278, 284. 
t) M. Sims a. a. 0. S. 266. 



()0 $. 4. Hcisclilafsunralunrkcit. Abiioriiie GeschleclitsbiMunjr. 



'O 



per, sehr grosse condylomatöse Wucherungen, grosse Balg-, polypöse 
und andere Geschwülste, grosse, den Scheideneingang verlegende Ge- 
schwülste und veraltete Scheiden- und Muttervorfälle, wobei im con- 
(Tcten Falle nach der Sachlage zu erwägen und anzugeben, in wie weit 
die Kunst das Hinderniss zu beseitigen und das vorhandene Unver- 
mögen zu heilen vermag. Grosse, inveterirte und nicht reponirbare Go- 
bärmuttervorfalle machen das Weib beischlafsunfähig. 

Zu heben dagegen ist das Beischlafshinderniss, wenn es bedingt wird 
durch Abnormitäten des Hymen, durch Atresie oder durch Festig- 
keit desselben, oder durch eine noch seltener als diese vorkommende 
Hypertrophie der Membran, das sogenannte fleischige Hymen, wobei 
die chirurgische der geschlechtlichen Operation zu Hülfe kommen muss. 

In BetrefiF der relativen Hindernisse zum Beischlaf beim Weibe gilt 
Alles im vorigen Paragraphen Angeführte. Eben so schamlose Be- 
hauptungen wie von Ehemännern, werden auch von Ehefrauen in foro 
vorgebracht und eben so wie bei jenen, wird auch bei diesen Gewohn- 
heit, Neigung, Pflichtgefühl manches auszugleichen wissen, was im All- 
gemeinen wohl als „Ekel und Abscheu'* erregend anerkannt werden 
könnte. Wer* kennt nicht glückliche Ehemänner und Väter mit Ozänen, 
stinkenden Fussschweissen u. dgl.! 

§. 4. Vtrtsetiing. Aknome Cesehleehtskildiing. 

Beischlaf und Zeugung können ausser durch krankhaft erworbene, 
durch angeborene Anomalien der Genitalien unmöglich gemacht 
werden. 

Zu den allerseltensten Vorfallen gehören diese angeborenen Miss- 
bildungen der Genitalien in beiden Geschlechtern, mit Ausnahme 
der schon hierher zu zählenden, ganz geringen Grade von Hyposp ad ic 
bei Männern, einer Oeflfnung der Harnröhre noch dicht unterhalb der 
Eichelspitze, die viel häufiger vorkommt, als man wohl glaubt, und für 
unsere Frage noch von gar keiner Bedeutung ist. Anders die Fälle 
von Harnröhrenmündung tiefer nach unten, von der Eichel abwärts bis 
zur Wurzel des Penis, selbst bis in die Raphe hinein, endlich selbst 
mit völliger Schlitzung der Harnröhre. In Betreflf dieser hohen Grade 
von Hypospadie theilten sich die Ansichten der Anatomen und prak- 
tischen Gerichtsärzte, indem dabei theils die unbedingte Unfähigkeit, 
einen (fruchtbaren) Beischlaf auszuüben, angenommen wurde (Teich- 
meyer, Hebenstreit, Haller u. A.), theils die bedingte, je nach 
der höheren oder tiefern Stelle der Harnröhrenöffnung (Zacchias, 
Metzger, Rose, Kopp, Henke u. A.) (s. §. 5.). 

Eine der Hypospadie verwandte, angeborene Missbildung ist die 
Üefl*nung der Harnröhre nach oben (Epispadie, Anaspadie), ent- 
weder auf der Eichel, oder auf dem Rücken des Penis, oder unmittel- 
bar an seiner Anheftun^. Die Epispadie kommt nur äusserst selten, 
am seltensten ohne gleichzeitige, anderweitige angeborne Verkrüppelung 
der Genitalien, namentlich mit völliger Spaltung der Urethra und mit 
mehr oder weniger bloss rudimentärer Bildung des Penis vor. Je mehr 
Letzteres der Fall, desto weniger wird das Individuum zum Begattungs- 
act tauglich sein (vergl. §. 6.). Ein hierher gehöriger Fall kann als 



§. 5. Zeagungsfähigkeit. 1) Hjrpospadie und Epispadie. 61 

Belag zu den angefiihrten Behauptungen der in foro vorkomraenden, 
falschen Angaben nicht übergangen werden. Im Sommer 1847 hatte 
Casper einen 34jährigen gesunden Mann zu untersuchen, gegen den 
eine Schwängerungsklage angebracht worden war, die er auf Grund 
seiner behaupteten, völligen Impotenz ablehnte. Der sehr interessante 
Befund an den Genitalien war folgender: das Scrotura war stark zu- 
rückgezogen, aber an jeder Seite eine Hode von gewöhnlicher Grösse 
mit Saraenstrang deutlich fühlbar; angeborene Inversio vesicae urinariae; 
an der hochrothen Blasenschleimhaut floss fortwährend Urin ab, und 
wenn er kürzlich getrunken hatte, so spritzte von Zeit zu Zeit ein 
dfioner Urinstrahl hervor; der ganz platt gedrückte Penis stellte ein 
Rudiment von einem Zoll Länge und einem Zoll Dicke dar; die nicht 
geschlossene Harnröhre lief als flache, angedeutete Rinne auf dem 
Rücken des rudimentären Gliedes entlang, eine Erection dieses Theils 
wollte Explorat nie empfunden haben. Dieser Mensch sollte ein Kind 
erzeugt haben! Ganz dieselbe Missbildung, so dass die beiden Zeich- 
nungen, die ich bewahre, für Eine gelten könnten, fand sich bei einem 
Fremden im Jahre 1851, der — eine Frau gefunden hat, mit der er 
seit mehreren Jahren, aber kinderlos, verheirathet war. Auch Bergh*) 
beschreibt einen Eplspadiaeus, bei dem die ürethralrinne 1 Ctm. von 
der Spitze der sehr kräftigen Eichel des kurzen und dicken Penis be- 
ginnend, bis an die Abdominalwand und unter die Symphyse sich fort- 
setzte, und der frühzeitig Neigung zu Frauenzimmern verspürte und 
diese bis an sein Ende reichlich befriedigt habe. 

Angeborene Missbildungen dieser Art gehen in die sogenannte 
Zwitterbildung (Hermaphroditismus) über (§. 6.). 

§. 5. Zeisingsfähigkeit. I) lyptspadie und Epispadie. 

Die Zeugung setzt das normale Vorhandensein und die normale 
Verrichtung der beiderseitigen Geschlechtsorgane im Begattungsacte vor- 
aus. Aber Existenz und Function dieser Organe können innerhalb ge- 
wisser Grenzen nocli von der Norm abweichen, ohne dass die Möglich- 
keit des Befruchtens und Empfangens ausgeschlossen bleibt. Wenn wir 
auch hier von den geringern Anomalien ausgehen, so ist bereits (§. 4.) 
erwähnt worden, dass unbedeutende Abweichungen in der Oeffnung der 
Harnröhre nach unten gar kein Hinderniss in der Befruchtung sind. Die 
hohem Grade der Hypospadie bei übrigens normal gebildeten, männ- 
lichen Individuen konnten in früherer Zeit, so lange die Frage von der 
Zeugung sich rein im Gebiete der Hypothese bewegte, auch noch ohne 
alle Einschränkung als Befruchtung gestattend angenommen werden, 
indem man die abenteuerliche Theorie einer Aura seminalis, einer Saa- 
menatmosphäre zu Hülfe nahm, welche allein und ohne die wirkliche 
Materie des Saamens, wenn sie nur an, ja nur in der Nähe der weib- 
lichen Geschlechtstheile gelange, Schwängerung bewirken könne. Selbst 
bedeutende neuere Aerzte haben bis in die ersten Decennien dieses 
Jahrhunderts diese alte Hypothese festgehalten (Kopp, Heim, For- 
mey u. A.), und „Erfahrungen*' (!) von Schwängerung nach Ejacuhi- 
tion des Saamens auf den Bauch der Frau u. dgl. bona fide bekannt 



•) Virchow's Archiv, Bd. 43. S. 305. 



62 §. 5. Zeugungsfähigkeit. 1) Hypospadie und Epispadie. 

gemacht*), ohne zu erwägen, dass man in derartigen Dingen keiner 
Aussage der betreffenden Theile vertrauen darf! Aber bei dem gegen- 
wärtigen Stande der Physiologie, und nachdem das mystische Dunkel 
in der Lehre von der Zeugung aufgeklärt worden, kann von Aura se- 
minalis, von Schwängerung ohne Beischlaf, das heisst von Befruch- 
tung ohne Eindringen der Saamenfäden in die weiblichen 6e- 
schlechtstheile, nicht mehr die Rede sein. Aber es ist bemerkens- 
werth und durchaus hierher gehörig, dass von einem ganz andern 
Standpunkt aus gerade dis neuesten Physiologen wieder die unumgäng- 
liche Nothwendigkeit des Beischlafs, wenn man darunter den gewöhn- 
lichen, normalen Begattungsakt verstehen will, für die Befruchtung in 
Abrede stellen, und den Akt nur als ein Erleichterungsmittel der Zu- 
leitung der Befruchtungsflüssigkeit zu den innern weiblichen Befruch- 
tungsorganen, daher als „eine mechanische Veranstaltung von unter- 
geordnetem Werth** erklären (Leuckärt). „Die bekannten Thatsacheu 
von künstlicher Befruchtung von Thieren", sagt auch Valentin**), leh- 
ren, dass die Begattung (Goitus) kein nothwendiges Bedingungs- 
glied der Befruchtung bildet. Sie ist ein von der Natur gewähl- 
tes Auskunftsmittel, die beiden Arten von Keimgebilden in vielen Gre- 
schöpfen zusammenzubringen. — — Die Steifung der Ruthe bildet 
kein nothwendiges Bedingungsglied des Saamenergusses oder 
der Befruchtung. Sie begünstigt nur die Begattung in wesentlich- 
ster Weise. — — Da der Saamenstrahl einen ziemlich weiten Bogen 
machen kann, so vermag er auch in das Scheidenrohr zu dringen, wenn 
selbst nur die Eichel durch die Schaamspalte geschoben, oder diese auf 
irgend eine Art geöffnet worden. Die selbständige Bewegung der 
Saamenkörper macht es möglich, dass sie später durch den Gebär- 
muttermund in die Höhlung des Uterus gelangen*****). Marion Sims 



*) Die Schrift Lucina sine concubitu ist als ^Hauptquelle" für die Thesis von 
der Aura seminalis in allen älteren Handbüchern so oft citirt, dass es nicht über- 
flüssig erscheint, dieselbe einmal für alle Zeit zu beseitigen. Von dieser sehr seltenen 
Schrift besitze ich zwei Ausgaben, die französische und die deutsche Uebersetzung 
des englischen Originals, das vor hundert Jahren erschien. Erstere hat den Titel: 
Lucina sine concubitu, Lettre adress6e a la soci6t^ royale de Londres, dans laquelle 
il est pleinement d^montr6 etc. Londres 1750. (48. S. 12); die deutsche den Titel: 
«Luc. s. conc, das ist ein Brief an die Königliche Societat der Wissenschaften, worin 
auf eine unwidersprechliche Art, sowohl aus der Vernunft, als aus der Erfahrung 
bewiesen wird, dass ein Frauenzimmer ohne Zuthun eines Mannes schwanger werden 
und ein Kind zur Welt bringen könne. Aus dem Englischen übersetzt." Frankf. 
u. Leipz. 1751. (80 8. 12.) Der Verfasser nennt sich Abraham Johnson. Die 
Schrift ist offenbar eine Satyre auf die Gelehrten der Zeit, namentlich auf die KönigL 
Socictät der Wissenschaften, aufWollaston und Warburton, namentlich auf des 
Ersteren Theorie, «dass Thierchens an bequeme Oerter ausgesäet sind, welche den 
Saamcn von allen Erzeugungen ausmachen**. Der Verfasser sagt: er habe „eine 
wunderbare, cylindrisch-catoptisch-rotundo-concavo-convexe Maschine erfunden, um 
die in der schwängernden Gegend des Himmels fliessenden Thierchens zu fangen*" 
und so weiter! Und diese Schrift ist hundert Jahre in der gerichtlichen Medicin 
als Belag für mögliche Schwängerung ohne Beischlaf ruhig fortcitirt worden!'. 
••) Grundr. d. Physiolog. 4. Aufl. 1855. S. 817. 

•••) Ein Engländer, dem wegen Syphilis der Penis „bis auf eine kleine, warzen- 
artige Hervorragung total fehlte**, welcher Rest der Corpora cavernosa aber bei ge- 
schlechtlicher Aufregung ungefähr einen Zoll lang wurde und so in das Oriflcium 
der Scheide eindringen konnte, soll in glücklicher Ehe Vater mehrerer Kinder ge- 
worden sein. Die Harnröhre endete in einer Vertiefung einen halben Zoll unter dem 



§. 5. Zeugungsfähigkeit. 1) Hypospadie und Epispadie. 63 

gelang die Befruchtung einer Frau durch Einspritzung von Saaroen in 
den Uterus*). 

Seitdem man weiss, dass es für den Befruchtungsprocess auf die 
Masse der Befruchtungsflüssigkeit nicht ankommt, und dass die klein- 
sten Saamenmengen noch grosse Massen der befruchtenden körper- 
lichen Elemente enthalten — in den Versuchen von Prevost und 
Dumas genügten 0,012 Grm. Saamen zur Befruchtung von 112 Kröten- 
eiem — seitdem hat die Frage von dem Verhältniss* der Ausführung 
des Beischlafs zur Zeugung auch für die gerichtliche Medicin eine ganz 
andre Gestaltung gewonnen. Thatsachen, welche über die Befruchtungs- 
fahigkeit übrigens normal gebildeter Hypospadiaeen selbst höherer 
Grade vorliegen, bei denen, wenn auch eine naturgemässe Immission, 
doch nicht eine eben solche Einbringung des Saamens möglich war, 
reden der neuern physiologisclien Ansicht und Beobachtung das Wort, 
so wie ihrerseits jene physiologischen Entdeckungen diese Thatsachen 
erklären und — was für den Gerichtsarzt immer entscheidend sein 
rouss — glaubhaft machen. Nicht nur dass Schenk und Simeons 
Fälle von erblicher Hypospadie sahen, was wohl sehr für die wirkliche 
Zeugung durch den väterlichen Hypospadiaeus spricht, nicht nur dass 
Schweikhard eine Zeugung von einem Hypospadiaeus beschreibt, bei 
welchem sich die Oeffnung der Harnröhre „zwischen den Wurzeln der 
schwammigen Körper und der vordem und obem Hodensackfläche be- 
fand'', wobei die Oeffnung eine „horizontale Richtung hatte, und Urin 
und Saamen durch sie in einem horizontalen Strahle längs der Ruthe 
hin drangen**), so hat Traxler einen sehr merkwürdigen Fall bekannt 
gemacht, der wegen seiner genauen Beobachtung Vertrauen verdient, nach 
welchem das von einem hochgradigen Hypospadiaeus gezeugte Kind 
dieselbe hypospadiaeische Missbildung zeigte, als sein bis dahin für eine 
ledige Magd geltender Vater***). 

Von einer durch einen Epispadiaeus bewirkten Befruchtung ist mir 
kein Beispiel bekannt; es ist zu wiederholen (§. 4,), dass die Epispa- 
die, an sich so äusserst selten, fast niemals rein, d. h. bloss als ab- 
norme Oeffnung der Harnröhre nach oben, vorkommt. 

Nach dem jetzigen Stande der Wissenschaft und Erfahrung aber 
muss über die Zeugungsfähigkeit der Hypospadiaeen und Epispadiaeen 
folgender Satz aufgestellt werden: bei übrigens normaler, männlicher 
Bildung kann Hypospadie und Epispadie an sich keinen Grund 
zur Annahme einer Zeugungsunfähigkeit abgeben, so lange 
nicht die Unmöglichkeit, dass auch nur etwas Saame in den 
Scheidenkanal dringen konnte, im concreten Falle erweis- 



nicht zerstörten Theil des Penis. Obwohl nun nach Angabe des Mannes das Ru- 
diment einen Zoll lang werden und in die Vagina eindringen konnte, so blieb doch 
die Urethra in ihrer Vertiefung am Scrotum versteckt, und konnte sonach der Saame 
nur gegen die Vulva, nicht aber wirklich innerhalb der Scheide ejaculirt werden. 
(Chance in Dubl. Journal XXXII. 1861; s. Schmidt's Jahrbücher 1862. No. 5. 
S. 241.) — Der Fall ist doch so eigenthümiich, dass ich seine Glaubwürdigkeit zu 
verbürgen Anstand nehmen würde. 

•) M. Sims, Gebärmuttfcrchirurgie. 1866. S. 285. 
♦•) Kopp, Jahrb. der Staatsarzneik. III. Frankf. 1810. S. 246. 
•••) Prager Vierteljahrsschrift 52. Bd. S. 103. — Wiener medicin. Wochenschrift 
1856. 18. 



64 §. G. Zeu^ngsfähigkeit. 2) Zwitter. 

lieh ist, z. B. wenn sich die Harnröhre senkrecht nach dem Mittel- 
fleisch hin geöffnet zeigt. 



§. 6. Vtrtsetmns. 2) Zwitter. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Prenns. Allg. Larfdrecht §. 19. Tit. I. ThI. 1. Wenn Zwitter geboren werden, »o bPütiinraen 
tüp Eltern, zu welrlicm Gcflchleclit nie erxogen werden sollen. 

§. 20. Jedoch steht einem solchen Mennchen nach surQekgelegtera achtxehnten Jahre die Wahl frei, 
7.U welchem Geschlecht er sich halten wolle. 

§. 21. Nach dieser Wahl'werden seine Rechte kOnftig benrtheilt. 

§. 22. Sind aber Rechte eines Dritten von dem Geschiechte eines Termeintlichen Zwitters abhängig, 
HO kann Erstercr auf eine Untersuchung durch Sachverständige antragen. 

§. 2'i. Der Befund der Sachverständigen entscheidet auch gegen die Wahl des Zwitters und seiner 
Eltern. 

Aechte Hermaphroditen, d. h. Doppelorgane mid Doppelfunc- 
tion beider Geschlechter in Einem Individuum, kommen beim Menschen 
nicht vor. Die gegentheiligen angeblichen Thatsachen bei den altern 
Schriftstellern beruhen auf Täuschung, die bei dem damaligen Stande 
der Wissenschaft um so erklärlicher, als die pathologischen Anatomen 
noch heut wenigstens nicht über alle Fragen, betreffend den mensch- 
lichen Hermaphroditismus, einig sind. Auch der neuste Fall, betreffend 
die Katharine Holzmann*) (auch Hohmann), bei welcher neben 
anscheinend vorhandenen Doppelorganen, eine Doppelsecretion (Sperma- 
tozoen und Blutungen) vorhanden sein sollen, bedarf zu endgültiger 
Feststellung der klinischen Beobachtung wie der Obduction. Man un- 
terscheidet einen Hermaphrod. lateralis, wobei ein Hoden auf einer, ein 
Eierstock auf der anderen Seite, letzterer meist verkümmert ist oder 
ganz fehlt, der Hoden, oft klein im Becken oder Leistencanal lagernd, 
ohne Vas deferens, Uterus normal, häufiger verkümmert oder halb, äusser- 
lich Hypospadie, und ferner einen Hermaphrod. transversalis, in wel- 
chem die Keimdrüsen dem einen Geschlecht und die mittlem und äussern 
Genitalien dem andern angehören. Wenn Bergmann in einem übrigens 
vortrefflichen Aufsatze**) sagt: dass alle Requisite eines doppelt ftinc- 
tionsfähigen Zwitters, die Verbindung der Hoden durch Vas deferens 
und Saamenbläschen mit einem zum Coitus fähigen Penis, und andrer- 
seits eine Tube, Uterus und Scheide in Einem Individuum sich verei- 
nigt „denken*' lassen, so wollen wir darüber nicht rechten. Wenn aber 
Bergmann selbst hinzufügt, dass „eine solche Bildung vielleicht nur 
unter Billionen Menschen Einmal vorkommen könne**, so ist damit das 
Urtheil für die gerichtlich -medicinische Beantwortung der Frage von 
selbst gesprochen. Ueberhaupt aber haben wir der pathologischen Ana- 
tomie die Lehre von der Entwickelung der Zwitterbildung aus der ur- 
sprünglichen morphologischen Identität der beiderseitigen Geschlechts- 
organe zu überlassen und nur zu erwägen, wie die forensischen Fragen der 

•) Ik'cr, lieschreibuiij; eines llurmaphroditeii. Deutsche Klinik. 1367. No. 4. 

— Rokitansky, Fall von Hermaphrod. vera lateralis. All^. Wien. med. Ztg. No. 27. 

— Schulze, Der Hermaphrodit Katharine Holzmann aus Meesichstadt. Virchow*s 
Archiv. 43. S. 329. 

♦♦) R. Wairner, Handwörterb. d. Physiologie. III. S. 127, 131. 



^. ß. Zetigunt;srHhigki'it. 2) ZwltU'r 



fiÖ 



rGescWechtsbestiminuiig, der Ehe, der Zeugmigsfiihigkeit solcher Pseaiio- 
f hermaphroditen mit Allem, was davon für das Individuum abhängt, in 
I jedem concreten Falle zu lösen sind. Sie hat die nicht geringe Zalil 
1 Ton Fällen von in einem Individuo gleichzeitigem Vorkommen der 
I beiderseitigen GesflilechlMorgane, mehr oder weniger rudimentärer Penig 
ond Uterus, Hodo und Eierstock, als erwiesen anzunehmen"). Und 
I hier lebrl die Erfahrung, dass fast immer ia solchen Fällen das männ- 
liche Geschlecht überwiegt, dass „weibliciie Zwitter" viel seltener sind, 
' and dass eigentlich nur ganz mit Unreeht solche nur höchst selten beob- 
1 achtete, mehr oder weniger normal gebildete Weiber so genannt worden 
I sind, bei denen eine ungewöhnlich entwickelte Clitoris eine Aehnlichkeit 
, mit einem Penis hervorrief**). 

Die dem Gericbtsarzt vorkommenden Fälle aber betreffen lebende 

Menschen, und was an diesen sinnlich wahrnehmbar und erweislich ist. 

Hiernach kommt dann neben dem, was bereits (§. 5.) über Hyposp&die 

und Gpispadie angetührt worden, im concreten Falle zur Erwägung, ob 

ein oder zwei Hoden im missbildeten Scroto, das, wie wir selbst ge- 

i sehen haben, beim Zurnckgezogensein in der Raphe und der Bildung 

I eines blinden Ganges grossen Schaamlefzen selir ähnlich werden kann, 

I vorhanden sind oder nicht, wobei noch im letztern Falle immer die Mög- 

I lichkeit einer Kryptorchie (§. 7.) vorliegt, oder ob im andern Falle die 

I Untersuchung per vaginam die Existenz eines Uterus annehmen Jässt. 

Nicht weniger wichtig als die Berücksichtigung der Bildung der 

I Geschlechlst heile ist die des allgemeinen Geschlechtstypus. Hier mache 

I ich aber darauf aufmerksam, dass zumal bei schon älteren Individuen der 

[ allgemeine Habiius täuschen kann. Denn es ist ja allgemein bekannt, 

[ dass ältere Weiber, bei denen die geschlechtliche 'fhätigkeit längst auf- 

I gehört hat, leicht einen männlichen Character annehmen, wofür ich zahl- 



•) F. J. C. Mayer, Icones sekolae elc, Bonn 1831. Siebenhaar, Encyclop. 
I Uudb. der gut. Arzaeik. li. S. 880- Uaret in Uahon, H^dic. legale 1. S. ttiO; 
lere Fälle von Berlbold, Abhandlgn. der GöUingur Socielat ISibi Barkow 
i ,in Caiper's med. Wochenschrift 1845. No. ~23,; der mit einer vortrefflichen Sec- 
I tiomgesehictite tod Mayer (mit Abbild.) bukiinnt gemacbtä Fall des so viel tic- 
iproehenen Carl Durrgä, ebcadas. 1835. S. 80Ü. Uoden mit Vas defcrens unii 
I-Ut«rui mit Tubi'H (Prä[)arat in der Würzburger Sammlung) bei Kiwisob, Klin. 
\ VorIliKe II. 3. Auflage. Hrag 1857. S. 393. Gespaltenes Scrotum, Penis mit un- 
I dnrcblKibrter Eichel, rechter Hode mit Saamenleit«r, Uterus mit linker Trompete und 
rOv>niini, Urethra über dur Ocffoung der , Vagina" utid Prostata, bei Dr. W. Gruber, 
l'Eber den seitl. Uermajihroditism, u. s. w. Petersburg 1859. 4. u A. Heppner, 
I Itailer*» Archiv 1871. S. 679: Hypoapadie, Canal, uroscnitalia, Prostata, gut auage- 
I liildelcr Ulerus mit Ovarien. Vor diesen an der Vorderflächo des Lig. uteri latum 
) liegen diu Hode». (Der Fall aber butrifft ein 7wücbentliehea Kind, dessen Üigan« 
I mehrere Jahre vor der Untersuchung in Alcoho! conservirt worden waren.) 

") Fälle der oben erwShnlen, sogen, .weiblichen Zwitter" sind fast gar nicht 

i bi-'kaDiil geworden. Luit^i de Creocbio, Sojtra un coso diu appareuKC ririli in 

I nuA donns. Napoli 1S65 (aimtomlscb, wie psychologisch sehr .interessanter Fall). 

I Einen hoch interessanten Fall von Pseudobermaphroditiamus fumininus (mit alveola- 

1 Sorcom des Uic-niä) haben wir selbst tat Obductioii bekommen. Dr. Lesaer 

' Itkt denselben beschrieben. Deutsche Zeitschrift für pract Hedioin 187S, No. 10. 

Eise p«nisartige Clitoris sah Parent Duohatelct (Prcstitut, dans la ville de Paris) 

Bitr dreimal unter vielen Tausenden von ihm untersuchten Pariser Lohn hure u. lie- 

sehrcibung und Abbildung eines solchen, durch Operation geheilten Falles in der 

UeineD Schrift: E. Halvani, Rendiconto delle ammalate ricoverata neP ospizio cel- 

I etc. Turin 1839, i 



ßß §.6. Zeugungsfähigkeit. 2) Zwitter. 

reiche Beispiele namentlich bei alten, lange im Gefängniss oder im 
Irrenhause lebenden Weibern fortwährend sehe, bei denen die Brüste ganz 
schwinden, Bartwuchs sich um die Lippen und Kinn, eine rauhe, männ- 
liche Stimme einstellt, und die man, namentlich wenn sie im Bett bis 
auf die Brust bedeckt liegen, leicht für einen Mann halten wird; ganz 
ähnliche Beobachtungen sind von Physiologen im Thierreich gemacht 
worden. Aber man wird im Allgemeinen zu beachten haben: dürftigen 
oder mangelnden Bartwuchs, Stellung der Haare auf dem Schaamberg 
(bei Männern sich, wenn auch nur in einer dünnen Schicht bis zum 
Nabel hinauf fortsetzend, bei Weibern kreisförmig den Schaamberg um- 
grenzend)*), das Prominiren des Kehlkopfes, das den Mann gegen das 
Weib charakterisirt, die männliche oder weibliche Stimme, das Vorhan- 
den- oder nicht Vorhandensein von Brüsten, den Bau des Beckens, den 
allgemeinen körperlichen Habitus, ferner den Umstand, ob bei dem pseudo- 
hermaphroditischen Subjecte sich das Vorhandensein von Saamen (durch 
' Pollutionen, die er etwa angiebt, durch anscheinende und mikroskopisch 
zu prüfende Flecke in der Wäsche u. s. w.), oder etwa von einem 
Menstrualflusse ermitteln lässt, während auf angegebene geschlechtliche 
Neigungen wenig Werth zu legen ist, da bei solcher körperlichen Zwit- 
terhaftigkeit auch eine so zu sagen geistige bei einem Menschen, der 
sich selbst weder ganz als Mann, noch ganz als Weib fühlt, sehr ge- 
wöhnlich und erklärlich ist. Marie Rosine Göttlich, entschieden 
ein Mann, aber mit wirklich zwitterhaften, äusseren Genitalien, den 
wir wiederholt untersucht haben **), hatte sich fortwährend als Weib 
gebrauchen lassen. Maria Arsano starb 84 Jahr alt, hatte ihr Leben 
lang als Weib gegolten, war als solches verheirathet, und erst bei der 
Obduction wurden an ihr die wesentlichen Attribute des Mannes vor- 
gefunden***). Alexina bei missbiideten Geschlechtstheilen als Mäd- 
chen dem Standesbeamten erklärt und als solches erzogen, wurde Leh- 
rerin in einer Mädehenpension , enfilirte sich mit der Tochter der Vor- 
steherin, wechselte aus eigenem Ansrieb unter grossen Schwierigkeiten 
ihr Geschlecht, konnte aber als Mann nicht bestehen, endete in Elend 
und Verzweiflung durch Selbstmord, 25 Jahre alt. Bei ihrer Obduction 
fand man eine Scheide, grosse Lefzen, selbständige weibliche Harn- 
röhre und Hoden. Sie hat ihre Lebensschicksale selbst aufgezeichnet, 
die psychologisch höchst interessant und lesenswerth sindf). Giuseppe 
März oft), entschieden ein Weib, von seinem 10. Jahre an als Mann 
angesehen, geberdete sich sein Leben lang als solcher, lief den Weibern 



•) Ausnahmen hiervon jedoch kommen vor, wie ich aus eigener Erfahrung be- 
stätigen kann, nach B. Schultze (Jenaische Zeitschr. Bd. IV. Hft. 2. S. 312) sogar 
nicht zu selten, der unter 100 Weibern im jugendlichen Alter bei fj die Haare Um 
zum Nabel sich hinaufziehend und bei 34 Männern unter 140 im Alter von 19 bis 
22 Jahren die Haare kreisförmig den Schaamberg umgrenzend fand. 

••) s. Schilderung und Abbildung in Casper*s Wochenschrift. 1833. 1. No. 3. 
Späteres Obductions- Pro tocoll, das auch die Mannheit bestätigt hat, s. K. A. Pech, 
Auswahl einiger seltener und lehrreicher Fälle u. s. w. Dresden 1858. 

•••) Tardieu, Ann. d'hygiene etc. II. Ser. Tom. 38. 
t) Tardieu, Question med. legale de Pideniite dans ses rapports avec les vices 
de conformations des organes sexuels contenant les Souvenirs et impressions d'un 
individu dont le sexe avait 6t6 raeconnu. Paris. 1872. 

tt) Crecchio, a. a. 0. 



§. 6. Zeugungsfabigkeit. 2) Zwitter. 67 

9 

nach, litt zweimal am Tripper, trank, rauchte, führte gern obscöne 
Reden und that sich viel auf seine galanten Abenteuer zu Gute. 
Sophie Lippert, der von mir beobachtete, oben erwähnte Fall, hatte 
ihr Leben lang als Weib gegolten und sich von beiden Geschlechtern 
fem gehalten. Clara Meier, ein ebenfalls von mir beobachtetes Indi- 
viduum, ein entschieden männlicher hochgradiger Hypospadiaeus, hatte 
stets als Weib gegolten und war als solches erzogen worden; sie er- 
schien bei mir, weil sie „umgetauft werden** wollte, schämte (!) sich 
aber sich untersuchen zu lassen und benahm sich dabei, wie eine ver- 
schämte und sich zierende Jungfer! — Andere derartige Individuen 
wieder wurden päderastisch gemissbraucht. 

Die in der Medicina forensis althergebrachten Eintheilungen und 
Benennungen: androgyni oder männliche, androgynae (gynandri) oder 
weibliche Zwitter sind zu verwerfen, da sie gar nichts Thatsächliches 
und wissenschaftlich Getrenntes bezeichnen, abgesehen davon, dass das 
Wort androgyni bei den Alten in einem ganz andren Sinne gebraucht 
worden. 

Käme es in einem concreten Falle darauf an, das zweifelhafte 
und bestrittene Geschlecht eines Menschen gerichtsärztlich festzustellen, 
so würde keine systematische Classification der hermaphroditischen 
Bildung, am wenigsten ■ eine so oberflächliche und nichtssagende, wie 
die genannte, die Diagnose erleichtern, die sich vielmehr auf die indi- 
viduellen Verhältnisse des concreten Falles, so weit sie am lebenden 
Menschen erforschbar sind, stützen müsste. Dergleichen Untersuchungen 
können vorkommen und sind in seltenen Fällen vorgekommen zur 
Entscheidung der Fragen: namentlich von der Ehcföhigkeit in beiden 
Geschlechtern*), oder von der Fähigkeit, ein männliches Erbe (Sitz 
im Peers- oder Herrenhause, Majorat u. s. w.) anzutreten, oder (wie 
in Aroerika ein Fall vorgekommen) von der Fähigkeit, ein politisches, 
nur Männern zustehendes Recht (actives oder passives Wahlrecht) aus- 
zuüben u. dgl. Der Gerichtsarzt würde in solchem Falle zu entschei- 
den haben: ob das Individuum als Mann oder als Weib zu erachten, 
und er würde dann auf obige Kriterien sein Gutachten zu begründen 
haben. In keiner Frage allerdings ist ein Irrthum seinerseits leichter 
möglich und zu entschuldigen, da er ja nur die äusserlich wahrnehm- 
baren Merkmale, nicht die innern anatomischen für sein ürtheil be- 
nutzen kann. Carl Durrge, früher Maria Derrier, hatte eine eben 
so grosse Sammlung von Attesten damaliger namhafter Anatomen und 
Aerzte für seine weibliche, wie für seine männliche Bildung aufzuwei- 
sen. Im Ganzen aber ist festzuhalten, dass in den überwiegend meisten 
Fällen es Individuen männlichen Geschlechtes mit missbildeten äussern 
Genitalien sind, welche unter dem Anschein der Weiblichkeit zu Irr- 
tbümern und Reclamationen Veranlassung gegeben haben. So auch 
wieder zwei neueste Fälle, die ich amtlich zu untersuchen und zu be- 
gutachten hatte. 



*) Tardieu au a. 0. 



()8 §. 7. Zeugungsanfähigkeit beim Manne. 



§. 7. Fortsetiung. I) Xeagvngsaiifahigkeit beim Hanae. 

Es versteht sich von selbst, dass alle in den vorigen Paragraphen 
augeführten Bedingungen zur Beischlafsunfähigkeit auch die Befruch- 
tungsfähigkeit ausschliessen, aber nicht umgekehrt. Denn die Mehr- 
zahl der vorkommenden Fälle sind gerade solche, in denen bei wirk- 
licher Unfruchtbarkeit, namentlich in Jahre lang bestandenen Ehen, 
doch der Coitus beiderseitig vollkommen normal von Statten geht. 
Auffallender Weise nimmt, meinen Erfahrungen nach, die Gerichtspraxis 
keine Rücksicht auf diesen grossen Unterschied in Fällen streitiger 
Fort Pflanzungsfähigkeit, namentlich bei Schwängerungsklagen, und ver- 
langt in solchen Fällen gewöhnlich nur die sachkundige Ermittelung 
darüber: ob der Mann den Beischlaf zu üben nicht unfähig sei, 
gleichsam im Bejahungsfalle die dann vorhandene Befruchtungsfähigkeit 
von selbst voraussetzend. Es ist aber Pflicht des Arztes, bei sich dazu 
eignender Sachlage den Richter eines Besseren zu belehren und ihm 
bemerklich zu machen, dass es nicht wenige Behinderungsmittel der 
Fruchtbarkeit des Beischlafs giebt, wenn der vorliegende Fall dazu 
Veranlassung giebt. 

Die Zeugungsfahigkeit des Mannes setzt zunächst die Existenz von 
Hoden an sich voraus. Die Duplicität derselben ist ein Luxus der 
Natur*), denn dass Ein Hode vollständig zur Zeugung hinreichend 
(Monorchiden) — es braucht jetzt nicht mehr hinzugefügt zu werden, 
auch zur Zeugung beider Geschlechter!! — dafür habe ich selbst bei 
zwei Männern in glücklichen Ehen Beobachtungen gemacht, wie dies 
wohl auch nirgends mehr bestritten wird. Eben so wenig wie Hoden- 
duplicität ist die Lage des Testikel im Scrotum nothwendige Bedingung. 
Sixtus der Fünfte erklärte 1587 in einem Schreiben au seinen Nun- 
tius in Spanien, vermuthlich wohl nicht, ohne Sachverständige vorher 
gehört zu haben, dass allen Männern, bei denen keine Hoden fühlbar 
seien, das Eingehen einer Ehe versagt bleiben solle, und noch 1665 
verfuhr das Pariser Parlament nach dieser canonischen Bestimmung, die 
nicht wenige Männer ganz ungerechtfertigt getroffen haben dürfte. Denn 
bei der zuweilen vorkommenden Bildung, bei welcher die Testikel dicht 
vor dem Bauchring liegen bleiben und daselbst noch sehr deutlich 
wahrgenommen werden können, liegt kein Grund vor, an der Befruch- 
tungsfahigkeit solcher Individuen zu zweifeln, obgleich ihre Hoden im 
Hodensacke nicht fühlbar sind. So fand Beigel**) in einem neueren 
Falle, einen 22jährigen Menschen betreflfend, in der ejaculirten Flüssig- 
keit Spermatozoon in grosser Menge. 

Was aber die Fruchtbarkeit der höheren Grade versteckter Hoden 
betrifft, wo die Hoden an ihrer ursprünglichen Stelle in der Bauchhöhle 
zurückgeblieben sind (Kryptorchiden, Testiconden), so wäre die- 
selbe zwar nach den Untersuchungen von Curling***) stark zu bezwei- 



•) Die ^mehrfachen Hoden**, wie sie ältere Schriftsteller beschreiben, sind nach 
Förster's gewiss richtiger Ansicht ungenaue Beobachtungen: Handb. d. spec. pathol. 
Anatomie. Leipzig. 1854. S. 249. 

••) Beigel, Fall von doppelseitigem Kryptorchismus. Virchow*s Archiv. 
***) Curling, Observations on sterility in man. Avril. 1864. 



§. 7. Zengungsunfahigkeit beim Manne. 69 

fein und nur als eine Ausnahme zu betrachten, denn er fand das eja- 
fulirt« Spenna nur aus einer klaren, visciden Flüssigkeit, entsprechend 
den Secreten der Saanienwege, bestehend, die sowohl des characteristi- 
schen Saamengeruches , wie der Spermatozoen entbehrte; die Hoden 
selbst kleiner, die Saaraenkanälchen collabirt, verwachsen, mit fettig 
degenerirten Zellen gefüllt, die Hodensubstanz in eine bindegewebsartige 
Masse verwandelt, und auch die französische Schule vertreten durch 
Goubana, Follin, Gosselin, Godard*) ist dieser Ansicht; indess 
sind doch auch Fälle von Testiconden bekannt, welche in verschiedenen 
Ehen Kinder zeugten**), und Angesichts solcher Thatsachen kann man 
sich nicht unbedingt und allemal für die Sterilität von Testiconden 
aussprechen, üebrigens ist die Moriorchidie und mehr noch die Krypt- 
orchidie ein seltenes Vorkommniss. Marshall fand unter 1000 Re- 
kruten nur einen Monorchis und unter 10,000 einen Testiconden. In 
dem vollends seltenen, mir noch niemals vorgekommenen streitigen 
Falle würden, da die Kryptorchie am Lebenden sich nicht ermitteln 
oder beweisen lässt, alle übrigen Charactere der Mannheit um so schär- 
fer zu prüfen, vor Allem auch die Beschaifenheit des ejaculirten Saa- 
mens in's Auge zu fassen sein. 

Eine jener müssigen Subtilitäten der älteren gerichtlichen Medicin, 
an denen sie so reich war, ist die: ob ein beider Hoden Beraubter kurz 
nach der Castration noch zeugen könne? Abgesehen davon, dass alle 
Gesetzgebungen seit der römischen einen Endtermin für die Schwanger- 
schaft (Vaterschaft) aufstellen und für die Castraten keiner Exemtion 
erwähnen, dass folglich, wenn ein Castrirter bald nach der Operation 
den Coitus vollzöge, die weibliche Person sich in Folge desselben für 
schwanger erklärte und die Geburt innerhalb der gesetzlichen Frist er- 
folgte, der Castrat ohne Gutachten der Sachverständigen in der Regel 
als Vater präsumirt werden würde, so liegen noch andere Gründe vor, 
um die Frage vom practischen Standpunkt aus als eine müssige er- 
scheinen zu lassen. 

Dass nämlich ein Castrirter nicht von Stunde an beischlafs un- 
fähig wird, ist nicht zu bezweifeln. Peter Frank (medic. Polizei) 
erzählt die Fälle von vier (castrirten) Sopransängem, die in einer klei- 
nen italienischen Stadt so viel geschlechtlichen Unfug mit Weibern trie- 
ben, dass sie ausgewiesen wurden. A. Cooper***) kannte einen Mann, 
dem beide Hoden exstirpirt worden, während 29 Jahren. Die ersten 
12 Monate hatte dieser Mann nach seiner Angabe bei Befriedigung des 
Geschlechtstriebes Ejaculationen oder wenigstens das Gefühl, als 
ob dergleichen Statt fänden. Später hatte er, doch nur selten, Erec 
tionen und befriedigte den Geschlechtstrieb ohne das Gefühl der Ejacu- 
lation, und nach zwei Jahren waren die Erectionen sehr selten und 
unvollkommen, und sie hörten, sobald er den Coitus zu vollziehen 

*) E. Godardj Recherches sur les cryptorchides chez rhominc. Paris. 1856. 
(Virchow, Archiv u. s. w. XII. 1. S. J28), begründet seinen Zweifel durch die 
nicht völlige Glaubwürdigkeit der Frauen in solchen Fällen. 

•^ Taylor, Med. jurisprudence. London. 1865. p. 867. — Pelikan (das 
Skopzeitthum in Russland. 1876. S. 43 — 50) erwähnt einen Fall von offenbarer Krypt- 
orchie, wonach das Individuum in legitimer Ehe mehrere Kinder erzeugt hatte« 
•♦•) Die Büdupg und Krankheitep des Hodens. Weimar. 1832. S. 21. 



70 §• 7. Zeugungsunfähigkeit beim Manne. 

suchte, sogleich auf. Zehn Jahre nach der Operation theilte er A. 
Co per mit, dass er während des verflossenen Jahres den Geschlechts- 
trieb einmal befriedigt habe. Achtundzwanzig Jahre nach Exstirpa- 
tion gab er an, dass er schon seit vielen Jahren selten Erectionen habe, 
und dass sie dann nur unvollständig seien. Seit vielen Jahren habe 
er nur selten und ohne Erfolg versucht, den Geschlechtstrieb zu be- 
friedigen, und nur ein paarmal habe er wollüstige Träume ohne Ejacu- 
lation gehabt. Ein noch schlagenderes Beispiel bietet der von Krah- 
mer erzählte Fall*). Ein 22 jähriger junger Mann schnitt sich beide 
Hoden und Nebenhoden mit einem Rasirmesser ab. In der Nacht vom 
11. zum 12. Tage hatte er eine freiwillige Saamenergi essung, jedoch 
wurde das Ejaculirte nicht microscöpisch untersucht. Seitdem hatte die 
Geschlechtsthätigkeit des Menschen (18 Jahre nach dem Vorfalle) ganz 
aufgehört. Aber man setzte nun voraus, dass ein unlängst Castrirter, 
da er ja als solcher immerhin noch beischlafsfähig sei, beim ersten 
Beischlaf mit dem nunmehr noch in den Saamenbläschen vorhandenen 
und befruchtungsfahigen Saamen zeugen könne. Erwägt man indess 
das lange Krankenlager, das der Castrirte nach der Operation auszu- 
halten hat, die lästigen Bandagen, die knappe Diät u. s. w., so wird 
man sich nicht irren, wenn man annimmt, dass er in den ersten 
Wochen wohl schwerlich sich zu einer geschlechtlichen Thätigkeit an- 
geregt fühlen wird, und dass wahrscheinlich schon früher, entweder 
wie im eben erwähnten Falle, die Natur durch spontanen Saamenerguss 
die überflüssig gewordene Keimflüssigkeit fortschaffen oder die Keim- 
elemente anderweitig zu Grunde gegangen sein werden. Hierzu kommt 
aber endlich eine andere Erwägung, die nämlich, dass eine Castration 
an sich in der weitaus grössten Mehrzahl aller Fälle schon eine lange 
bestandene, vorangegangene Krankheit der Hoden voraussetzt, welche 
die Organe längst für ihre Function untauglich gemacht haben musste. 
Alle diese Gründe und Thatsachen berechtigen zu der Annahme: dass 
die Frage von der möglichen Zeugungsfahigkeit der Castrirten nicht 
die geringste practische Wichtigkeit hat, welcher Ansicht sich 
auch Pelikan (a. a. 0. S. 95) anschliesst. 

Aber die Existenz der Hoden an sich ist wieder nur in sofern 
nothwendige Bedingung der Zeugungsfahigkeit, als sie das Saamen be- 
reitende Organ sind. Sie fungiren indess bekanntlich nicht in dieser 
Weise zu allen Zeiten und unter allen Umständen, physiologisch nicht 
in gewissen Lebensaltern, pathologisch nicht bei gewissen Krankheiten, 
denen sie unterworfen, und wohin Carcinom, Atrophie, Cystosarcom, 
Tuberculose und Enchondrom zu zählen sind. Hierher gehören weiter 
auch die Krankheiten der Saamenbläschen, welche die pathologische 
Anatomie aufzählt: chronische Entzündung mit Hypertrophie und Ver- 
eiterung der Wände, Tuberculose und Carcinom; ferner Krankheiten, 
namentlich Verstopfung der Ausführungsgänge der Hoden durch vorauf- 
gegangene, doppelseitige Epididymitis gonorrhoica oder tuberculosa, wo- 
bei die Beischlafsfähigkeit erhalten bleiben, die Befruchtungsfähigkeit 
der Ejaculation, die auf eine geringe Quantität klarer viscider Flüssig- 
keit reducirt werden kann, durch Fehlen der Spermatozoen aber ver- 



•) Handbuch d. ger. Merl. Halle. 1857. S. 303. 



§. 7. Zeagungsunfahigkeit beim Manne. 71 

loren gehen kann. Endlich ist auch hier noch eines anderen Hinder- 
nisses zur Befruchtung trotz vorhandener Beischlafsfähigkeit zu erwähnen, 
nämlich hochgradiger Harnröhrenstricturen , durch welche dem Saamen 
der Austritt verwehrt wird, so dass er während der Copulation in die 
Blase regurgitirt. Dieser Zustand ist indess durch angemessene Be- 
handlung heilbar und als ein dauerndes Befruchtungshinderniss nicht zu 
erachten *). 

Viel häufiger vorkommend als die pathologischen, und viel schwie- 
riger zu beurtheilen, wo es in foro als solches angegeben wird, ist 
jenes physiologische Hindemiss, das zur Zeugung untaugliche 
Lebensalter. Es ist gewiss, wenn auch in der Regel hierin kein 
Unterschied gemacht und nur im Allgemeinen von Pubertätsentwicklung, 
von Mannbarkeit gesprochen wird, dass die Fähigkeit zum Beischlaf 
beim Manne früher beginnt und später aufhört, als die Zeugungsfähig- 
keit. Der Römer P. Zacchias**) lässt jene mit zwölf, diese meistens 
mit dem fünfzehnten Jahre beginnen und die Potentia coeundi im 
siebenzigsten Jahre aufhören. . Für unser nördliches Klima ist aber 
jedenfalls, der Termin hinauszurücken, und die Beischlafsfahigkeit junger 
Männer etwa von dem dreizehnten, die Zeugungsfahigkeit etwa von 
dem fünfzehnten bis sechszehnten Jahre an zu datiren, während nicht 
durchaus behauptet werden kann, dass die letztere mit siebenzig Jahren 
unbedingt aufhöre. Mir wenigstens ist der unverdächtige Fall eines 
hiesigen' Uni versitäts- Pedells bekannt, welcher mit 75 Jahren seine 
39jährige (verwachsene Frau) in zweiter fhe geheirathet hat, und die- 
selbe im ersten Jahre seiner Ehe eines Knäbleins genesen sah. Auch 
wurde an dem Sarge eines hiesigen berühmten Professors der Juris- 
prudenz, welcher 70 Jahre alt starb, dessen jüngstes Kind getauft. 
Wir legen im üebrigen weniger Werth auf die zahlreichen, bekannt 
gemachten Fälle von ungewöhnlich frühen und ungewöhnlich späten 
Vaterschaften, von angeblichen Schwängerern von 12, oder von 96, 
100, 115, 118 Jahren***), weil diese Fälle nicht Stand halten vor der 
Kritik, die wir nirgends mehr als auf diesem Felde in der gerichtlichen 
Medicin festhalten müssen. Wichtiger aber ist die Thatsache, dass 
Duplay in 37 Fällen bei 51 Greisen, von denen 9 daä achtzigste 
Lebensjahr überschritten hatten, Saamen mit Saamenfädchen fandf), 
wie ich auch selbst bei den Obductionen von Männern zu Ende der 
siebenziger Jahre dergleichen wiederholt gesehen habe, ja sogar einen 
Fall von Vorkommen von Saamenfädchen im sechsundneunzigsten Lebens- 
jahre anführen kann. Wenn aber für den concreten gerichtlichen Fall, 
in welchem diese Frage erhoben wird, schon die schwankende Bestim- 
mung, betreffend das zeugungsfähige Alter, an sich eine Schwierigkeit 
bietet, so erhöht sich dieselbe noch in der Erwägung, dass mannigfache 
individuelle Umstände innerhalb der schwankenden Grenzen noch 
wieder Verschiedenheiten bedingen. Es ist allgemein bekannt, wie 
sitzende Lebensweise, Verzärtelung, Aufregungen der Phantasie, kräftige 



*) S- Curschmann in Ziemssen, Pathologie Bd. [X. 2. 
••) Quaest. S. 267. 
***) Eine Sammlung von Cilaten hv\ Sieben haar a. a. 0. S. 609. 
t) Valentin, Grundr. d. PhysioU 4. Aufl. 1855. S. 80?. 



72 §. 8. Unfruchtbarkeit beim Weibe. 

und erhitzende Nahrung u. s. w. die Geschlechtsentwickelung begünsti- 
gen und beschleunigen, wie die entgegengesetzten aetiplogischen Mo- 
mente sie verzögern, allgemein bekannt, wie körperliche Krankheit und 
Schwächlichkeit, Excesse in venere u. s. w. die Zeugungsföhigkeit ab- 
nutzen, wie die entgegengesetzten Verhältnisse sie lange hinaus erhalten 
können. Auf alle diese Umstände ist deshalb bei der Beurtheilung 
des individuellen Falles mit und neben der Erwägung des in Frage 
stehenden Hauptmoments, des Lebensalters, Rücksicht zu nehmen. Der 
Gerichtsarzt wird hierbei freilich oft genug in den Fall kommen, für 
die Möglichkeit der Zeugung bei halben Knaben oder bei Greisen stim- 
men zu müssen, wenn auch seine moralische üeberzeugung, die er 
aber überall schweigen lassen muss, ihm die gegründetsten Zweifel an 
der vorgeblichen Vaterschaft aufdrängen sollte. In zwei Fällen muss- 
ten wir in dieser Lage die Zeugnissfähigkeit junger Männer als mög- 
lich annehmen, von denen der Eine 13 Jahre 10 Monate, der Andere 
14 Jahre 2 Monate alt war. Beide aber ungewöhnlich früh vollkom- 
men entwickelt. Beide schon in den Geschäften ihrer Väter selbst- 
ständig thätig, obgleich in beiden Fällen die angeblich von ihnen Ge- 
schwängerten notorisch liederliche Dirnen waren! (12. Fall.) Nicht 
viel anders war der unten folgende 13. Fall, einen angeblichen 74jäh- 
rigen Schwängerer betreflfend. 

§.8. Fortsetiang. 2) Vntriehtliarkeit Mm Weibe. 

Mit der im vorigen Paragraphen genannten Maassgabe und Aus- 
dehnbarkeit lassen sich die Altersgrenzen der weiblichen Fruchtbar- 
keit genauer bestimmen, als beim Manne, da die Natur in der durch 
die Menstruation sinnlich wahrnehmbaren Lostrennung der Fruchtkeime 
vom Eierstocke und durch das Aufhören dieses Processes im spätem 
Alter deutlichere Grenzen gesteckt hat, während die blosse Beischlafs- 
fähigkeit beim Weibe unter ihren allgemeinen, normalen Bedingungen 
(§§. 3. und 6.) niemals im Leben aufhört. Die im December 1878 in 
Berlin ermordete 82jährige Wittwe Hall hat, wie actenmässig festge- 
stellt, Liebhaber unterhalten. Unter Berücksichtigung der obigen Mo- 
dalitäten lässt sich der Anfang der Fruchtbarkeit bei Mädchen in 
unserm Klima vom dreizehnten bis fünfzehnten Jahre datiren, und 
habe ich selbst mehrfach Schwangerschaften im fünfzehnten und sechs- 
zehnten Lebensjahre beobachtet. Das Ende der Fruchtbarkeit lässt 
sich vom fünfzigsten bis zweiundfunfzigsten Jahre annehmen. Dr. Cortis 
in Boston sah im Armenhause der Stadt ein Mädchen, welches im Alter 
von 10 Jahren 8 Monaten und 7 Tagen von einem ausgewachsenen, 
männlichen Kinde, welches 8 Pfund wog, entbunden worden. Die Mutter 
hatte vor der Schwangerschaft ein oder zwei Mal menstruirt. Dunlop, 
der Herausgeber der englischen Ausgabe von Beck's Handbuch*), sah 
in Bengalen „zuweilen eine unter zwölf Jahre alte Mutter" und ver- 
sichert, dass die Fabrikmädchen in den grossen Baumwollenfabriken von 
Manchester und Glasgow, die auch in sehr hoher Temperatur und unter 
den entsittlichendsten Verhältnissen leben, zuweilen ähnliche Fälle lie- 



*) Elements of med. jurispr. London 1825. S. 83. Anm. 



§. 8. Unfruchtbarkeit beim Weibe. 73 

ferten. De Soyre*) entband eine dreizehn Jahre alte Mutter von einem 
lebenden Kinde, die selbst gesund blieb, und ich sah hier in Berlin ein 
nach vollendetem 11. Jahre geschwängertes Mädchen, welches eines 
lebenden Kindes entbunden wurde. Solche Fälle sind glaubwürdig, wie 
auch andererseits Fälle von 52jährigen, ja 53-, 54jährigen Müttern von 
Carpenter, Powell, Bloxam**), Sims***), Stoltzf) mitgetheilt 
werden, während ein Fall von einer 58- bis 60jährigen Zeugerin von 
Sims selbst zweifelhaft gelassen wird und auch die mehrfach berichteten 
Fälle (Sieben haar a. a. 0.) von fruchtbaren Frauen von 60 und 
70 Altersjahren lebhaftem Zweifel Raum geben müssen. Devergie 
(MM. legale I. S. 435) berichtet, dass ein Mann, dessen Erbfähigkeit 
man im Jahre 1754 bestritt, weil seine Mutter von deren Mutter erst 
mit 58 Jahren geboren worden sein sollte, sich bei der Academie Raths 
erholte, und dass diese aus den „Annalen der Medicin" folgende Fälle 
zu seinen Gunsten citirt habe. 

„Cornelia, ans der Familie der Scipionen, gebar einen Sohn mit 60 Jahren. 
Marsa, ein Arzt in Venedig, irrte sich in Betreff der Schwangerschaft bei einer 
60jährigen Fran, die er an Wassersucht leidend hielt. Delamotte citirt einen Fall 
eines 51jährigen Mädchens, welches Mutter wurde, nachdem sie sich nie, ans Furcht, 
Kinder zu bekommen, hatte verheirathen wollen. Capuron sagt, dass es in Paris 
for gewiss gilt (sicl), „dass eine Frau in der Strasse de la Harpe" (wer Paris 
kennt, weiss, welche Klasse der Bevölkerung dort wohnt, kleine Krämer, Handwerker 
o. dgl.) „mit 63 Jahren eine Tochter gebar.'' 

Sind das Beobachtungen, die irgend eine wissenschaftliche Beglau- 
bigung haben? Wir haben bereits angeführt (§. 1.), dass uns alljähr- 
lich Fälle vorkommen, in welchen richterlicherseits in Frage gestellt 
wird, ob eine bejahrte Frau in ihrer jetzigen, oder in einer zweiten von 
ihr einzugehenden Ehe muthmaasslich noch Kinder (Erben) gebären 
werde? Gewöhnlich sind dies Frauen, die sich dem fünfzigsten Jahre 
nähern, wenn nicht dasselbe schon längst überschritten haben, und die 
bereits seit längerer Zeit nicht mehr menstruirten. Mann achte dann 
darauf^ ob sich bei solchen Frauen die allgemeinen Zeichen begonnener 
oder voi^erückter Decrepidiiät kund geben, altes Aussehen, geschwun- 
denes Fettpolster, welke, mehr oder weniger geschwundene Brüste, ab- 
gemagerte Schenkel, und wird dann bei solchen Befunden, in Verbin- 
dung mit der Berücksichtigung der Altersjahre, mit mehr oder weniger 
Sicherheit das ürtheil abgeben können, dass von dieser Frau Leibes- 
erben nicht mehr zu „vermuthen" sind. (Allg. Landrecht.) Ich weiss 
nicht, ob der Gericht^arzt eine Regressklage zu besorgen hätte, wenn 
der Erfolg späterhin sein Gutachten Lügen strafen und die Frau doch 
noch wieder schwanger werden sollte, kann aber versichern, bis jetzt, 



*) Gaz. des hopitaux. 1863. 111. 

••) British med. Joum. Novbr. 1863. No. 151. 
••♦) Sims a. a. 0. S. 24. 

+) Stoltz nach Montgomery p. 194. in Ann. d'hygiene JuiUet 1873. p. 15C 
Hier befindet sieb folgende Statistik : In dem Gebärhaus von Manchester waren e* 
geschrieben unter 10,000 Weibern 463 oder 4V5 pCt. über 40 Jahr, und zwar 
bis 50 Jahr 385; 46 Jahr 12; 47 Jahr 13; 48 Jahr 8; 49 Jahr 6; 50 Jahr 9; 
Jahr l; 53 Jahr 1; 54 Jahr 1. 



74 §. 8. Unfruchtbarkeit beim Weibo. 

bei sorgsamer Erwägung der obigen Momente, noch niemals in solchen 
Fällen in unangenehme Weiterungen gekommen zu sein. 

Wir haben vom natürlichen Aufhören des Menstruationsprocesses 
gesprochen. Blosse Menstruationsanomalien, wie z. B. ein Vor- 
handengewesensein der Katamenien, Verschwinden derselben lange vor 
der Zeit, jahrelange Cessation, höchst unregelmässiges Erscheinen, Ab- 
weichen in Qualität und Quantität des Blutes von der Norm u. s. w., 
können niemals als Grund zur Annahme der Unfruchtbarkeit der Be- 
treifenden geltend gemacht werden. Denn abgesehen von niclit wegzu- 
leugnenden Erfahrungsthatsachen von Schwängerungen in allen jenen 
Fällen*), sind dieselben auch physiologisch ganz erklärlich. Denn nicht 
die Blutung ist das wesentliche Moment der Menstruation, dieser „weib- 
lichen Brunstzeit**, sondern die Evolution der Graafschen Bläschen, 
die periodische Reifung und Lösung der Eichen, verbunden mit einem 
Organismus in den innern Genitalien, der allerdings in der Regel eine 
üterinblutung zu Folge hat. Die Menstruation ist ein Zeichen der Ovu- 
lation. Denn dass die Quelle des Menstrualflusses der Uterus ist, 
wofür gewöhnlich die eine Section von Mauriceau angeführt wird, der 
bei einer während der Menstruation gehängten Verbrecherin die innern 
Wände der Gebärmutter mit Blut bedeckt fand, was ich in zahlreichen 
Fällen bei plötzlich während der Menstruation verstorbenen Weibern 
ebenfalls gefunden habe, wird heut nicht mehr bezweifelt werden, wo 
so detaillirte Untersuchungen über die Beschaffenheit der Schleimhaut 
und den Vorgang der Menstruation von Virchow, Reichert, Wyder 
etc. etc. vorliegen. 

Ein Weib muss unfruchtbar sein: 

1) Wenn die äussern oder die innern Gesclilechtstheile ganz fehlen. 
Gänzlicher Mangel der Scheide aber ist eben so selten, wie das voll- 
ständige Fehlen des Uterus, und dann gewöhnlich mit anderweitigen 
Bildungsfehlern der innern und äussern Genitalien verbunden**). 

2) Wenn die Befruchtungsorgane wegen krankhafter Aifection ihre 
normalen Verrichtungen eben so wenig, wie jedes andre kranke Organ 
die seinige ausüben können. Freilich schliessen nicht alle Krankheiten 
des Uterus und der Ovarien die Conceptionsfähigkeit aus, namentlich 
bedingen Skirrh und Carcinom der Scheidenportion und Polypen des 
Uterus nicht absolut die Unfruchtbarkeit, wohl aber hypertrophische 
und atrophische Degeneration des Uterusparenchyms oder der Ovarien 
u. dergl. 

3) Wenn die Befruchtungsflüssigkeit nicht zum Eichen gelangen 
kann. Hierhin gehören natürlich schon alle jene Momente, welche die 
Beischlafsfahigkeit ausschliessen (§. 3.), sodann obturirende Körper im 



*) s. u. A. Remer's Anmerkun^^ zu §. 494. von Metzgcr's System; Mongiar- 
diui in Harlcss' und Ritter's Journal d. ausl. Liter. V. 2.; Meckel's Archiv für 
Physiol. Bd. IV. u. VIU. ; Flechuer in Oesterr. med. Jahrbücher. Bd. XXX. St. 4. 
Ich selbst habe eine kräftige, gesunde, 32jährige Bäuerin gesehen, die in ihrer Ehe 
bereits drei Kinder geboren hatte, ohne bis dahin jemals menstruirt gewesen zu sein. 
Der Fall war kein gerichtlicher, folglich Lüge und Simulation ganz ausgeschlossen. 
Aehnliche Fälle bei Sims a. a. 0. S. 24. Hogg, Notes on menstruation. Med. Times 
and Gaz. Nov. 4. 1871. 

•*) Kiwisch, Klinische Vorträge. II. 3. Aufl. Prag. 1857. S. 373. 



§. 8. Unfruchtbarkeit beim Weibe. 75 

obern Theil des Scheidenkanals (Geschwülste, incruslirte oder über- 
haupt fest liegende, nicht ohne Beihülfe zu entfernende Pessarien), Ver- 
wachsungen oder Verengerungen des äussern oder Innern Muttermundes, 
die manchmal so bedeutend, dass kaum die feinste Sonde einzudringen 
venriag*), völlige Ausstopfung des Uterus mit Geschwülsten, Ver- 
wachsung der Tuben u. dgl. Bemerkenswerth ist auch, dass nach des 
sehr erfahrnen C. Mayer Beobachtungen Anteflexionen und Retro- 
flexionen des Uterus, wegen gehinderter Leitung des Saamenstrahls, 
eine verhältnissmässige häufige Ursache der Conceptionsunfähigkeit sind, 
denn Mayer fand (a. a. 0.) unter 272 sterilen Frauen 97, also mehr 
als den dritten Theil, die an Flexionen litten, und Marion Sims**) 
berichtet, dass unter 250 verheiratheten Frauen, welche niemals ge- 
boren hatten, bei 103 Anteversionen, bei 68 Retroversionen bestanden, 
und dass unter 255, welche geboren, aber aus irgend einem Grunde 
vor der natürlichen Zeit zu gebären aufgehört hatten, 61 an Antever- 
sion und 111 an Retroversion litten, welches ein Verhältniss von etwa 
zwei Dritttheilen repräsentirt***). 

In gerichtlich-praktischer Hinsicht ist aber zu erwägen, dass viele 
der aufgezählten Momente im Leben sich schwer mit einiger Sicherheit 
oder gar nicht diagnosticiren lassen, dass andere nur vorübergehend und 
heilbar sind, und dass folglich mit der Möglichkeit der Beseitigung des 
Hindernisses auch die Möglichkeit der Conceptionsfahigkeit gegeben ist, 
und dass, wie die Erfahrung mich gelehrt hat, alle diese aufgezählten 
Ursachen in foro kaum je und ungemein häufiger vielmehr ganz indivi- 
duelle, angebliche Hinderungsgründe der Fruchtbarkeit zur Sprache 
kommen. Dahin gehört namentlich die schon oben erwähnte, vorgeb- 
liche «unüberwindliche Abneigung** gegen den Ehemann in Eheschei- 
dungsklagen, welche oft durch die absurdesten Motive glaubhaft zu 
machen versucht wird; das angebliche gänzliche Fehlen der Wollust- 
empfindung im Begattungsakt, die für die Frage durchaus unerheblich 
ist, u. dgl. m. Bei allen Angaben, rein psychische Gründe zur Con- 
ceptionsfahigkeit betreffend, muss zunächst immer wieder die äussersto 
Vorsicht das Urtheil leiten, weil diese Angaben sich jedem Beweise 
entziehen und eben deshalb auch so oft ganz aus der Luft gegriffen 
werden, und ferner lehrt die alltägliche Erfahrung, dass alle rein psych- 
ischen Bedingungen zur (relativen) Unfruchtbarkeit, auch wo sie zuge- 
geben werden mögen, sich, wie alle blosse Stimmungen, oft genug mit 
der Zeit ganz von selbst ausgleichen. In den Ehen der niedrigen Volks- 
klassen sieht man zahlreiche Misshandlungen aus gegenseitigem Hass 
mit zahlreichen Schwängerungen fortwährend im schönsten Verein! 

Anderen behaupteten Bedingungen zur Conceptionsfahigkeit, wie 
z. B. der schon von P. Zacchias angegebenen, dass Coitus im Stehen 
die Befruchtung hinderet), oder derjenigen, auf die Ho hl ff) aufmerk- 
sam macht, dass nämlich das Abfliessen des Saamens aus der Scheide 
beim Beischlaf die Conception verhindere, ist ein Werth für gerichtliche 



•) C. Mayer in Virchow's Archiv f. path. Anat 1856. Heft 1. u. 2. 
♦•) M. Sims, a. a. 0. S. 181. 
••*) s. Rheinstaedter, Ueber Sterilität. D. Med.- Wochenschrift 18. 1S79. 

t) Quaest. S. 632. 
tt) a. a. 0. S. 129. 



76 Zeugungsfähigkeit. §. 9. Casuistik. 8. — 9. Fall. 

Fälle nicht zuzugestehen, einerseits, weil auch hier wieder der Beweis 
der Wahrheit nicht zu fuhren, und sodann, weil die Physiologie sich da- 
gegen sträubt, da die erforderliche, so äusserst geringe Menge ßefruch- 
tungsflüssigkeit bei jeder Begattungslage in die Scheide zu dringen ver- 
mag, wenn nicht anderweitige Gründe dies verhindern. 

Insofern aber die Conceptionsfahigkeit als Begriff identisch ist mit 
dem der Fortpflanzungsfähigkeit, wird ein Weib auch für unfruchtbar 
zu erklären sein, wenn sie zwar concipiren, aber die concipirte Frucht 
nicht gebären kann, sondern voraussichtlich bei der Geburt ihr Leben 
riskirt (z. B. Deformitäten des Beckens, Conjugata von 2 Zoll u. dgl.), 
oder mindestens in Folge der Geburt von einem bedeutenden, unheilbaren 
Gebrechen bedroht wird, z. B. Zerreissung der Scheide und des Mast- 
darms. Die Erfahrung*) hat uns zu dieser neuen Ausdehnung des 
BegrifTes Conceptionsfahigkeit genöthigt, die besonders criminalistisch 
von grosser Wichtigkeit ist, da das Deutsche Strafgesetzbuch von einem 
„Verlust der Zeugungsfähigkeit** durch Körperverletzungen spricht, ein 
Weib aber durch Verletzungen, ohne eigentlich conceptionsunfähig zu 
werden, gebärunfähig werden kann, und dann eben so wenig zur Fort- 
pflanzung tauglich ist, als wenn sie conceptionsunfähig wäre. 



§. 9. Casnistik. 

8. und 9. Fall. Ob zwei Gatten in zeugungsfähigemAlter? 

Nach einer testamentarischen Bestimmung sollte ein Ehepaar ein Kapital, von 
dem es bisher nur den Niessbrauch (zu Gunsten liünftiger Kinder) hatte, ganz aus- 
gezahlt erhalten, wenn von diesem Paare Kinder nicht mehr zu erwarten wären. 
Dies der Grund der gerichtsärztlichen Exploration. Der Mann, ein Arzt, war drei- 
undsiebenzig Jahre alt, sein jüngstes Kind war vor 27 Jahren gezeugt worden. 
,,Er ist ein schwächlicher Mann, fast ganz zahnlos, mit grauen Haaren und hat 
einen grossen Scrotalbruch und den Charakter der völligen Decrepidität. Die An- 
gabe desselben, dass er bereits seit Jahren keine freiwillige nächtliche Saamen- 
ergiessungen mehr gehabt, erscheint hiemach völlig glaubhaft." — „Wenn aber'*, 
sagte ich weiter im Gutachten, „einzelne Beispiele von Zeugungskraft bei Männern 
in noch vorgerückterem Alter in der Erfahrung vorliegen, so darf in Fällen, wie der 
vorliegende, wo nur allein das Alter zu Zweifeln Anlass giebt, eine absolute Im-, 
potenz nur mit der äussersten Vorsicht angenommen werden. Ich muss mich des- 
halb dahin äussern : dass der Dr. X. mit höchster Wahrscheinlichkeit keine Kinder 
mehr zeugen wird, dass derselbe jedoch in Beziehung auf seine jetzige Ehe als 
impotent betrachtet werden muss. Seine Ehefrau nämlich ist d rein nd sechzig 
Jahre alt, mit welcher Angabe iiir Aeusseres übereinstimmt. Mit 45 Jahren, folglich 
seit bereits 18 Jahren, will sie ihre Regeln verloren haben, was in Betracht ihrer 
sieben Entbindungen und des Umstandes, dass diese Function bei ihr schon sehr 
früh eingetreten, nicht unwahrscheinlich ist. Die X. ist übrigens eine schwächliche, 
ganz abgelebte Frau, die seit 27 Jahren nicht mehr concijnrt hat, und ich nehme 
keinen Anstand mich dahin zu äussern: dass (iiesoll»o jetzt nicht mehr im Stande 
ist, zu empfangen. In Beziehung auf die Ehe beider Exploratcn aber gebe ich mein 



•) s. einen derartigen Fall im Kapitel „Verletzungen**, 



Zeugungsfahigkeit. §.9. Casuistik. 8. — 10. Fall. 77 

Gutachten dahin ab : dass aus der Ehe des Dr. X. mit seiner jetzigen Gattin Kinder 
nicht mehr zu erwarten sind." — Beide sind später kinderlos gestorben. 

In einer grossen Menge Fälle, Weiber von nachweislich mehr als 50 Jahren 
betreffend, die immer theils (eine in 30jähriger Ehe) niemals, theils seit vielen 
Jahren nicht mehr concipirt, die Menses seit Jahr und Tag oder seit vielen Jahren 
nicht mehr gehabt hatten und den allgemeinen Charakter der Decrepidität zeigten, 
wurde stets positiv geurtheilt, dass sie nicht mehr im Stande seien, Kinder zu 
empfangen. 

19. ML Behauptete Unfruchtbarkeit. 

In einer Erbschaftsangelegenheit behauptete die zur Wahrnehmung ihrer 
Interessen und Behufs Nachweises ihrer Behauptung aus Süditalien, ihrer jetzigen 
Heimath, hierher gereiste Dame und stand unter Beweis, dass sie nicht mehr Mutter 
werden könne. 

Zur Empfangnissfähigkeit des Weibes, sagten wir in unserem Gutachten, sind 
drei Bedingungen unerlässlich: 1) das zeugungsfähige Lebensalter, 2) ein normaler 
Bau der Geschlechtstheile, oder wenigstens die Abwesenheit solcher angebomer oder 
erworbener Abnormitäten, welche erfahrungsgemäss Beischlaf und Befruchtung ver- 
hindern, und 3) normale Function der Geschlechtstheile und allgemeine körperliche 
Gesundheit, oder wenigstens die Abwesenheit solcher bedeutenden Krankheiten, vqn 
denen das eben Gesagte gilt. Was nun diese Bedingungen in Beziehung auf Fräu- 
lein A. betrifft, so befindet sich dieselbe ad 1. im Lebensalter von (in wenigen 
Wochen vollendeten) vierzig Jahren, wie der in den Akten befindliche Taufschein 
erweist. Sie ist folglich jetzt und noch für eine Reihe von Jahren in Betreff ihres 
Alters unzweifelhaft empfängniss- und folglich fähig, llutter zu werden, da die 
weibliche Zeugungsfähigkeit nicht schon mit 40, sondern durchschnittlich erst gegen • 
das öOste Lebensjahr erlischt. Was ad 2. der Bau ihres Körpers in geschlechtlicher 
Beziehung ergiebt, so hat meine Untersuchung Folgendes ergeben: Explorata ist 
grade und gut gewachsen und leidet nicht an Verschiebungen des Rückgrats und 
des Beckens. Ihre Brüste sind massig, aber ausreichend entwickelt und zeigen die 
jungfräuliche Beschaffenheit. Die Neigung des Beckens ist eine völlig normale, so 
dass ein Beischlaf in gewöhnlicher Rückenlage wie bei der grossen Mehrzahl der 
Weiber möglich wäre. Die Bildung ihrer Geschlechtstheile ist völlig normal. Die 
grossen nnd kleinen Schaamlefzen sind, letztere ziemlich stark entwickelt, vorhanden. 
Das erhaltene Jungfernhäutchen, das nur eine kleine Oeffnung hat (so wie das er- 
haltene Scheidenbändchen), beweisen die noch bestehende Jungfernschaft der Ex- 
plorata. Der Scheiderieingang ist, wie bei Jungfrauen sehr häufig, sehr eng, was 
an sich erfahrungsgemäss kein Hindemiss für Beischlaf und Schwängerung abgeben 
würde. Ein kleiner Vorfall (Erschlaffung) der vorderen Scheidenwand ist in dieser 
Beziehung von keiner Erheblichkeit. Es folgt hieraus, dass auch der Körperbau, 
namentlich der Bau der Genitalien der A. in keiner Weise die Unmöglichkeit einer 
künftigen Mutterschaft anzunehmen gestattet. 

Was nun ad 3. den Gesundheitszustand des Fräuleins A. betrifft, so ist der- 
selbe, abgesehen von der in Quantität und Qualität als normal zu erachtenden 
Menstruation, nach ihrer eigenen Angabe, so wie nach den Behauptungen der 
neapolitanischen Aerzte, durch hysterisch-krampfartige Leiden zerrüttet. Aber ab- 
gesehen davon , dass jene in den Akten befindlichen , zum Theil sogar unorthogra- 
phischen ärztlichen Zeugnisse so oberflächlich und ungenügend sind, dass sie nicht 
das geringste Vertrauen verdienen, so wie abgesehen von den Angaben der Explo- , 



78 Zeugungsfahigkeit. §.9. Casuistik. 10. — 11. Fall. 

rata, die höchst unbefriedigend sind und sich nur in ganz allgemeinen Redensarten, 
wie „zerstörte Gesundheit", „untergrabenes Nervensystem" und dergl. bewegen, 
abgesehen, sage ich, von dem Allen, ist, die Richtigkeit der Thatsache voraus- 
gesetzt, dieselbe, wie die t<ägliche Erfahrung lehrt, durchaus nicht als eine Bedin- 
gung zur Unmöglichkeit einer Mutterschaft anzusehen. Denn es ist allgemein, auch 
Laien, bekannt, wie oft die schwächlichsten, reizbarsten, hysterischen, wie oft auch 
an Krämpfen leidende Weiber empfangen und Mütter werden. Allerdings ist das 
Aussehen der A. bleich und der Körper nur massig genährt, aber sie erfreut sich 
im Allgemeinen einer ganz befriedigenden Gesundheit und leidet am allerwenigsten 
an Krankheiten, wie z. B. Mutterkrebs u. A., die einem Zweifel darüber Raum 
geben könnten, dass sie nicht mehr im Stande sei, zu empfangen und zu gebären. 

Aus dem Vorstehenden folgt und gebe ich mein Gutachten dahin ab: dass 
die Behauptung, dass Fräulein A. wegen der Beschaffenheit ihres Körpers und ihrer 
Gesundheit nicht mehr die Möglichkeit habe, Mutter zu werden, der Begründung 
ermangelt. 

In den Akten ist von einer früheren Geisteskrankheit der A. die Rede, welche 
behauptet und bestritten worden ist. Ich habe nicht geglaubt, diese angebliche 
Geisteskrankheit in den Bereich meiner Erwägungen ziehen zu müssen, da selbst- 
redend eine selbst noch jetzt bestehende, sogar sehr stark ausgesprochene, geistige 
Störung die Möglichkeit einer Schwängerung nicht ausschliessen würde. 

11. Ml. Wegen jugendlichen Alters und Anlage zur Schwindsucht 
behauptete Unfähigkeit, eine Ehe einzugehen. 

Diesen Einwand machte der Vormund einer wohlhabenden jungen Dame gel- 
tend, welche die Absicht hatte, sich zu vermählen. Im Gutachten sagten wir: 

Die E. giebt an, dass sie ihre Eltern verloren habe, als sie 9 Monat resp. 
5 Jahre alt gewesen sei. Ihre Mutter sei etwa 22 Jahre, ihr Vater 30 Jahre alt ge- 
wesen. An welchen Krankheiten die Eltern gestorben seien, wisse sie nicht. Ein 
Theil ihrer Familie behaupte, dass die letzte Krankheit ihres Vaters oder ihrer 
Mutter Schwindsucht gewesen sei, ein anderer Theil bestreite dies. Krankheits- 
zeichen, welche bei dem einen oder anderen ihrer Eltern vorhanden gewesen seien, 
kenne sie nicht. Die Geschwisterzahl ihres Vaters kenne sie nicht, sie wisse nur, 
dass noch ein Bruder lebe. Geschwister der Mutter seien nicht vorhanden gewesen. 
Die Grosseltern mütterlicherseits seien beide todt, im Alter von 65 resp. 70 Jahren 
gestorben, und zwar am Schlagfluss resp. an einem Krebsleiden. Eine Schwester 
ihrer Grossmutter und ein Bnider derselben leben noch, 70 resp. 80 Jahre alt. Von 
den Grosseltern väterlicherseits lebe die Mutter noch, die Todesursache des Gross- 
vaters kenne sii» nicht. — Sie selbst sei das einzige Kind ihrer Eltern. 

Ihren Gesundheitszustand betreffend giebt sie an, abgesehen von Kinderkrank- 
heiten, vor einiger Zeit bleichsüchtig gewesen, jetzt indess vollkommen gesund zu 
sein, namentlich und speciell danach gefragt, will sie nicht husten, niemals Blut 
ausgeworfen haben, nicht engbrüstig oder kur/athmig sein, keinen Schmerz beim 
Athmen an irgend einer Stelle der Brust empfinden. Ihre geschlechtlichen Func- 
tionen anlangend giebt sie an, dass der monatliche Blutlluss bereits seit Jahren 
vorhanden sei, dass sie stets und namentlich auch jetzt regelmässig geregelt sei, 
dass die Blutung etwa 8 Tage dauere und das Blut von der gewöhnlichen Farbe , 
des Blutes sei, wogegen es zur Zeit der Bleichsucht blassroth ausgesehen habe. Sie 
sei jetzt 17 * \ Jahr alt. 

Explorata ist diesem angegebenen Alter gemäss gut entwickelt, von mittlerer 



Zeugungsrah]>keit. §. 9. Casaistik. 11. Fall. 79 

Grösse, gedrungenem Körperbau, zartem Teint, der noch durch die auflFallende 
Weisse der Haut die frühere Bleichsucht verriith; ihre Muskulatur ist kräftig, ihr 
Ernährungszustand gut, ihre Formen voll, ihre Brüste üppig. Speciell den Bau des 
Brustkastens betreflFend. so hat derselbe in der Achselhöhlen-Gegend 28V .j Zoll, in 
der Gegend der unteren wahren Rippen gegen 25 Zoll Umfang. Unter, wie über 
den Schlüsselbeinen befinden sich keine Einsenkungon, vielmehr sind diese Gruben 
wohl ausgefüllt. Das Brustbein ragt in der Gegend der zweiten Rippe nicht be- 
sonders hervor. Beim Athmen dehnt und hobt sich die Brust angemessen der 
Tiefe der gemachten Inspiration. Der Percussionsschall ist überall, namentlich auch 
in den Schlüsselbeingegenden, wie in den Schulterblattgruben normal, die Herz- 
dämpfung normal. Die Auscultation ergiebt überall, namentlich auch in den ge- 
nannten Gegenden der Schlüsselbeine und des Schulterblattes, reines vesiculäres 
Athmen, ohne verlängerte Exspiration ; die Stimme erzeugt nirgend die Erscheinung 
der Bronchophonie. Die Herztöne sind durchweg, so wie auch die Töne der grossen 
Gefasse des Herzens normal. Explorata hustet nicht, das Athmen geht frei von 
Statten und ist ergiebig. Der PuLs normal. 

Aus Obigem folgt, dass Explorata, was ihre gegenwärtige körperliche Con- 
stitution und ihren Entwickelungszustand betrifft, mannbar und vollkommen im 
Stande ist, ohne Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Leben, den Pflichten als Gattin 
und Mutter zu genügen. 

Was die geltend gemachte, erbliche Anlage zur Schwindsucht betrifft, so ist 
zunächst zu bemerken, dass aus den mir gemachten Angaben der Explorata, und 
eine andere Quelle steht mir nicht zu Gebote, eine erbliche Anlage zu dieser 
Krankheit gar constatirt, weil nach den Angaben der Explorata gar nicht feststeht, 
dass einer von ihren Eltern an der Schwindsucht gestorben sei, und die positiven, 
von ihr gemachten Angaben über die letzten Krankheiten ihrer Grosseltern in keiner 
Weise dazu berechtigen, eine solche erbliche Disposition in ihrer Familie überhaupt 
anzunehmen. Zur Annahme der Erblichkeit einer Disposition zu einer Krankheit 
;rehört aber zunächst der Kachweis, dass diese Krankheit in den voraufgegangenen 
Generationen existirt habe, welcher Kachweis, wie gesagt, vollkommen fehlt. Ob- 
jective Zeichen dafür, dass eine an einem Individuum nachgewiesene Anlage eine 
erbliche sei, giebt es nicht. Eine solche Anlage nun zu einer Krankheit kann in 
einem Individuum vorhanden sein, ohne dass objectiv dieselbe nachzuweisen ist. 
Man pflegt speciell aber von einer Anlage zur Schwindsucht zu sprechen, wenn 
entweder der Bau des Brustkastens auffallend eng. flach, oder wenn er fassförmig 
ist; wenn das Athmen flach ist, wenn eine Neigung zu Catiirrhon, zu Lungenfell- 
entzündungen. oder Lungenentzündungen verräth, dass die Werkzeuge der Athmung 
eine Pars minoris resistentiae sind, scrophulöse Leiden voraufgegangen sind, und 
gniciler Körperbau, leicht erregbarer Puls, erregtes Nervensystem die noch beste- 
hende Schwäche des Individuums bezeugen. Von alle dem ist bei der Explorata 
nichts nachzuweisen, indem kein einziges objectives Syniptom vorhanden ist, wel- 
ches berechtigte, eine solche Anlage bei ihr anzunehmen. .Ja es spricht im Gegen- 
theil der Umstand, dass ihre Bleichsucht, welche, den y:emachten Angaben nach, 
ziemlich intensiv gewesen ist, bis auf geringe Reste mit zunehmender Entwi<:kelung 
geschwunden ist, eher gegen, als für eine Anlage zur Schwindsucht. Mit Vorste- 
heodem ist selbstverständlich nicht ausgeschlossen, dass unter concurrirenden, be- 
günstigenden Umständen dennoch in späteren Jahren eine Lungenschwindsucht \m 
der Explorata sich entwickeln könne, indess ist dies weder durch ein subjectives, 
von der Explorata genanntes Zeichen, noch durch irgend eine objectiv an derselben 
wahrzunehmende Erscheinung nachzuweisen. Dass nach vorstehenden Erörterungen 



80 Zeugungsfähigkeit. §. 9. Casuistik. 12. u. 13. Fall. 

eine Lungenschwindsucht selbst bei ihr nicht in der Entwickelung begriffen ist, ist 
selbstverständlich und bedarf keiner Ausführung. 

Ich gebe demnach mein amtseidliches Gutachten dahin ab: 1) dass die E. 
körperlich so weit entwickelt ist, dass sie ohne Gefahr für ihre Gesundheit und ihr 
Leben eine Ehe eingehen kann ; 2) dass nach den mir gewordenen Mittheilungen 
die Erblichkeit einer Anlage zu der Schwindsucht überhaupt gar nicht constirt; 
3) dass weder durch subjective Zeichen , noch durch objective Wahrnehmungen an 
der Explorata eine Anlage zu der Lungenschwindsucht zu erweisen; 4) dass eine 
Lungenschwindsucht bei ihr nicht in der Entwickelung begriffen ist. 

12. Fall. Wegen jugendlichen Alters streitige Zeugungsfähigkeit. 

Es lag die Frage vor: ob der Gymnasiast U., dessen Vater eine gegen seinen 
Sohn eingelegte Schwängerungsklage abwehrte, in der Zeit vom Januar bis 26. März 
18 — zeugungsfähig gewesen? Ich hatte die Untersuchung am 28. Juni des fol- 
genden Jahres auszuführen, also ein Jahr und drei Monate nach dem letzten Termin. 
Der junge Mann, Jude, mit reichen schwarzen Haaren, war zur Zeit sechzehn, also 
am 26. März vierzehn und drei Viertel Jahre alt und von sehr kräftigem Bau 
und allgemeiner Gesundheit. Der Bartwuchs war erst beginnend, aber die Stimme 
männlich. Der Penis zeigte sich gross, vollständig normal, die Schaamhaare waren 
sehr reichlich und die Hoden stark entwickelt. Auf subjective Angaben, betreffend 
geschlechtliche Neigungen, Pollutionen u. dgl. , ging ich nicht weiter ein , ifveil ich 
doch die Wahrheit nicht erfahren haben würde, und urtheilte: „dass aus der Ex- 
ploration sich Nichts ergeben habe, was die Annahme, dass Ezplorat am 26. März 
pr. zeugungsunfähig gewesen, bestätigen könnte. '^ 

13. fall. Wegen hohen Alters bestrittene Beischlafsfähigkeit. 

Ein nicht alltäglicher Fall. In einer Schwängerungssache war von der un- 
ehelichen Mutter der Rentier (I) T. als Vater ihrer Kinder angegeben worden, von 
denen das eine am 10. November 1848, das andere am 4. November 1850 geboren 
worden war. Der Verklagte wandte ein , dass er zufolge seines körperlichen Za- 
standes nicht nur jetzt, sondern auch schon vor dem Jahre 1848 „zu jeder Bei- 
schlafsvollziehung durchaus unfähig gewesen sei^'. In seinem Requisitionsschreiben 
an mich sagte das Gericht: „für die Entscheidung des Processes kommt es nicht 
sowohl darauf an, ob Beklagter zu einem befruchtenden Beischlaf, resp. zu einer 
Ejaculatio seminis fähig gewesen sei, sondern allein darauf, ob vor dem 30. Januar 
1848"' — (die 285 Tage des Gesetzes bei unehelichen Geburten) — „der körper- 
liche Zustand des Beklagten oder sonst welche Ursache eine Erection des männlichen 
Gliedes desselben und eine demnächstige Immission in die weibliche Scheide ermög- 
licht und zugelassen hat, oder ob Umstände vorhanden sind, welche die Annahme 
rechtfertigen, dass der Verklagte sich schon vor dem 30. Januar 1848 in einem Zu- 
stande befunden, welcher eine Erectio penis und dessen Immissio unmöglich gemacht 
habe?'' Der Process schwebte bereits in der Appellations-lnstanz , in welcher der 
Verklagte sich auf mein Gutachten berufen hatte, das gewiss bei solcher vorgelegten 
Frage nicht leicht war. Der T.. den ich am 4. April 1853 untersuchte, war gerade 
an diesem Tage — achtzig Jahre alt geworden. „Er war also'% sagte ich im Gut- 
achten, ..zur Zeit vor dem 30. Januar 1848 vierundsiebzig und drei Viertel 
Jahre alt. Erheblich krank ist derselbe, seiner eigenen Angabe nach, damals nicht 
gewesen , und ist er auch jetzt für sein hohes Alter verhältnissmässig gesund , hat 



Zeugungsfahigkeit. §. 9. Casuistik. 14. Fall. 81 

eine kräftige Constitution, gesunde Gesichtsfarbe, normale Athmung und Herzschlag 
a. s. w. Eine Staarblindheit, die vor Jahren eine (gelungene) Operation er- 
heischte, und eine leichte Anschwellung der Beine können für die vorliegende 
Frage nicht in Betracht kommen. Was nun insbesondere die Geschlechtsthätigkeit 
betrifft, so bemerke ich, dass T. in zwei Ehen drei Kinder — dss letzte vor vierzig 
Jahren — erzeugt hat, und dass seine Genitalien vollkommen gesund anzufühlen, 
auch ein grosser Bruch u. dgl. nicht vorhanden. Wenn es nun auch im Allgemeinen 
ungewöhnlich, dass ein Mann von 75 Jahren beischlafsfähi^ sein sollte, so sind doch 
einzelne Fälle von Beischlafs- und selbst von Zeugungsfähigkeit in so hohen Jahren 
zu oft authentisch beobachtet worden, um die ^„Unmöglichkeit*"^ quaest. annehmen 
zu können. Ich kann jedoch nicht unterlassen, hierbei darauf aufmerksam zu 
machen, dass als authentische Beispiele dieser Art nur solche angesehen werden 
können, in denen ein Verdacht auf Betrug auszuschliessen ist, d. h. in solchen Ehen, 
in denen der Wandel der Gatten einen solchen Verdacht beseitigt. Hierbei kommt 
dann femer vom ärztlichen Standpunkt sehr in Betracht, dass beim ehelichen Zu- 
sammenleben zwischen einem Greise und einer noch fruchtbaren Frau der der Be- 
gattung günstige Moment abgewartet werden, und dass ein solcher nach langen, 
fruchtlosen Versuchen eintreten kann. Bei unehelichen angeblichen Schwängerungen 
treten ganz andere Bedingungen ein, vorausgesetzt, dass nicht ein wirkliches Con- 
cubinat zwischen beiden Theilen existirt. Wenn mir der T. beiläufig und ohne alle 
Absicht, nur um mir ihren Character zu bezeichnen, mittheilte, dass die angeblich 
von ihm Geschwängerte ihm einmal einen Fusstritt vor den Unterleib gegeben habe, 
so würde, die Wahrheit dieser Angabe vorausgesetzt, ein solches Verhältniss in der 
Regel um so weniger geeignet sein, einen 75jährigen Mann noch zur Vollziehung 
des Beischlafs zu befähigen. Mit Rücksicht auf alles Angeführte muss ich mein 
Gutachten mit Bezug auf die vorgelegte Frage dahin abgeben : dass es höchst wahr- 
scheinlich ist, dass der Verklagte sich schon vor dem 30. Januar 1848 in einem Zu- 
stande befunden, welcher eine Erectio et Immissio penis unmöglich gemacht habe.** 

14. MI« Bestrittene Beischlafs- und Zeugungsfähigkeit wegen 

schwerer Krankheit. 

In Sachen S. contra S. wegen Illegitimitäts-Erklärung der Pauline S. ist von 
der verklagten Partei auf des Unterzeichneten Gutachten provocirt worden, welches 
hiermit im Nachfolgenden erstattet wird: 

Am 25. November 1861 früh zwischen 7 und 8 Uhr verstarb der 30 Jahre alte, 
seit einem Jahre kinderlos verheirathete Freisteller S. zu Ch. in Schlesien mit Hinter- 
lassung seiner Frau und zweier Brüder als Erben. Am 23. September 1862 früh 
ein Uhr, also am 302. Tage nach dem Tode des S., wurde seine Wittwe von einem 
Mädchen entbunden, dessen Legitimität die klägerischen Erben bestreiten, zunächst 
weil das Kind nicht, nach dem Wortlaut des Gesetzes, „bis zum'*, sondern am 
302. Tage nach dem Tode des Ehemannes geboren worden — worüber der Unter- 
zeichnete nicht zu befinden hat — sodann und namentlich aber auch deshalb, weil 
sie behaupten, dass der Verstorbene unvermögend gewesen, innerhalb der gesetz- 
lichen Zeit — welche hier auf den Todestag fallen Inirde — mit seiner Frau den 
Beischlaf zu vollziehen, da derselbe nach lange dauernder Schwindsucht an gänz- 
licher Entkräftung gestorben sei. Abgesehen von den ärztlichen Attesten, die Kläger 
beibringen , und auf welche ich zurückkomme , behaupten sie , dass der Geistliche 
beim wiederholten Spenden des heiligen Abendmahls schon am 29» Juni und 20. No- 
vember 1861 den S. ganz abgemagert und vollständig entkräftet gefunden habe, sie 

Catp«r-Linian. Uerlchtl. Med. 7. Aufl. 1. o 



82 ZeujETiingsrahigkeit. §. 9. Casuistik. 14. Fall. 

behaupten, dass er sich in den letzten Tagen im Bette weder habe aufrichten, noch 
wenden können, dass er den Stuhl unter sich gelassen, dass ihm Nahrung und 
Arznei in den Mund habe gegossen werden müssen, weil er zu schwach gewesen, 
den Löffel zum Munde zu führen, und dass er vollständig durchgelegen gewesen. 
Die Zeugenaussagen haben diese Angaben zum grössten Theile bestätigt, wobei ich 
andere klägerische Behauptungen, wie, dass seine Frau sich vor dem S. geekelt habe, 
dass sie nicht in sein Zimmer gekommen sei, als unerheblich und nicht einmal be- 
stätigt, auf sich beruhen lasse. Die Zeugen J. und K. waren von 7 Uhr Abends bis 
Mitternacht vor dem Tode desS.bei demselben und fanden ihn zu dieser Zeit,, mit dem 
Tode kämpfend". Auch die verehelichte K. sah ihn in derselben Nacht und fand 
ihn ,,sehr schwach; er konnte sich nicht melir rühren und nicht reden." Die Dienst- 
magd P., die bis zu dessen Tode im Hause war, weiss, dass er in den letzten Le- 
benstagen das Bett nicht mehr verlassen, sich nicht mehr habe aufrichten, den Löffel 
nicht zum Munde führen können, dass er aus dem Bette habe gehoben werden 
müssen und durchgelegen gewesen sei, Thatsachon, die ebenmässig von den Zeugen 
J., K., dessen Ehefrau und der Wärterin S., die den Kranken in den letzten acht 
Tagen Tag und Nacht pflegte, bestätigt werden. K. setzte noch hinzu, dass S. am 
Tage vor seinem Tode sich im Bette habe weder wenden, noch aufrichten können. 
Der oben erwähnte Geistliche deponirt, dass derselbe am 20. November (also 5 Tage 
vor seinem Tode) so entkräftet war, dass er nur mit leiser Stimme sprechen konnte, 
dass sein Körper nur „aus Haut und Knochen" bestanden habe, und dass er zum 
Genüsse des Abendmahls mühsam habe aufgerichtet werden müssen. Der Lehrer R. 
bestätigt, dass S. sich in den letzten Lebensmonaten nur mit äusserster Anstrengung 
ein wenig bewegen konnte, aber gar nicht mehr am Nachmittige vor seinem Tode, 
und dass er nur ganz leise und gebrochen zu sprechen vermochte. Der Barbier K. 
hat schon Anfangs August 1861 (also 4 Monate vor dem Tode) die durchgelegenen 
Stellen am Kreuzbein des Verstorbenen selbst gesehen, und musste er ihn schon 
damals liegend rasiren, da er sich nicht mehr aufrichten konnte. Eine gegen solche 
Thatsachen sehr auffallende Behauptung der Verklagten, dass S. noch im September 
18G1 (nicht 1862, wie es heisst) in der Ernte auf dem Felde selbst thätig gewesen, 
wird von dessen Dienstjungen S. und der Dienstmagd P. bestritten. Eine andere 
Behauptung der Verklagten, dass S. am 8. August 1861 noch eine Fahrt von zwei 
Meilen gemacht habe, ist nicht weiter verfolgt worden und für mich unerheblich, für 
den es vorzugsweise auf den Todestag ankommt. 

Eben so unerheblich ist das Attest des Dr. St. vom 29. September 1862, der 
den Verstorbenen im Jahre 1861 allerdings zwar bis 17 Tage vor dessen Tode ärzt- 
lich behandelt, aber denselben niemals gesehen und nur nach den Berichten der 
Boten seine Verordnungen gesendet hat. Dagegen bescheinigt der Dr. F. am 24. Sep- 
tember 1862, dass S. am 9. Mai 1861 (also 6 Monate vor seinem Tode) „sich im 
letzten Stadium der Lungenschwindsucht befunden habe, dass er abgemagert, sehr 
schwach gewesen sei, starken Husten mit blutigem Auswurf und colliquative 
Schweisse und Durchfälle gehabt habe". Später fügte dieser Arzt ergänzend hinzu, 
dass S. am genannten Tage, dem letzten, an welchem er ihn gesehen, nicht im 
Stande gewesen, den Beischlaf zu vollziehen, wie er nach den Kegeln der Wissen- 
schaft annehmen müsse, und erklärte, nach Vorhaltung der obigen Zeugenaussagen, 
dass er auch mit Bestimmtheit behaupten könne, dass S. in den letzten Tagen seines 
Lebens völlig ausser Stande gewesen, den Beischlaf zu vollziehen. Verklagte be- 
mängeln dies Attest, namentlich weil es aus dem Mai schon von einem ..letzten 
Stadium'' der Lungenschwindsucht spricht, welches Stadium sonach noch fast 7 Mo- 
nate gewährt hätte. 



Zeugangsfahigkeit. §. 9. Casnistik. 14. Fall. 83 

Diese Ansstellnng ist irreleyant, da im strengen Wortsinne eigentliche fest- 
begrenzte Stadien bei der „Lungenschwindsucht" gar nicht existiren, während in 
der gewöhnlichen ärztlichen Sprache allerdings ein Zustand, wie ihn das beregte 
Attest schildert, allgemein verständlich als sogen, „letztes Stadium'^ bezeichnet wird. 
Wohl aber ermangelt das Attest im Allgemeinen der wünschenswerthen Correctheit, 
und ist streng genommen nicht einmal daraus zu schliessen, dass der Verstorbene 
grade an „Lungenschwindsucht^ ' gelitten habe, was allerdings höchst wahrscheinlich 
ist. Es kann aber auf eine ganz scharfe Diagnose hier gar nicht ankommen, da es 
unzweifelhaft nach dem Attest und nach allen Zeugenaussagen feststeht, dass S. an 
einer erschöpfenden Zehrkrankheit gestorben, gleichviel für die vorliegende Frage, 
in welchem Organe dieselbe ihre Quelle gehabt habe. Diese Krankheit documentirte 
sich durch Husten, Auswurf, Fieber, Sinken der Kräfte und der Ernährung, so dass 
der Kranke zunächst nur „Haut und Knochen" zeigte und sich im Bette nicht ein- 
mal mehr umwenden, nicht die Hand zum Munde führen konnte, durch erschöpfende 
Schweisse, Durchfälle und Durchliegen, die gewöhnlichen Symptome jeder, also 
auch der Lungen-Schwindsucht. Diese Krankheitszeichen hatten, wie gewöhnlich, 
kurz vor dem Tode den allerhöchsten und letzten Grad erreicht, und um Mittemacht 
zum 25. November 1861, als die oben genannten Zeugen den Kranken verliessen, 
„kämpfte er mit dem Tode", der ja auch nur etwa 7 Stunden später wirklich ein- 
trat. In diese wenigen Stunden «aber musste der bestrittene Beischlafs- und Zeu- 
gungsakt fallen, wenn angenommen werden soll, dass das fragliche Kind noch inner- 
halb des gesetzlichen Zeitraums geboren worden. Nun kann allerdings nicht in 
Abrede gestellt werden, dass der Begriff „Beischlaf" keineswegs, namentlich wenn 
es sich, wie hier, lediglich um einen befruchtenden Beischlaf handelt, ein so ein- 
lacher ist, wie ihn die Volkssprache bezeichnet. Es ist kein Streit mehr in der 
Wissenschaft darüber, dass eine Vollständige Vereinigung der beiderseitigen Ge- 
schlechtstheUe, ein so zu sagen vollendeter und vollkommener ,, Beischlaf" zur Be- 
fruchtung nicht erforderlich ist, und dass dazu nur die geringfügigste Menge männ- 
lichen Saamens ausreicht, wenn dieser auch nur durch Einbringen der Spitze des 
männlichen Gliedes naturgemäss in die weiblichen Sexualtheile eingefühi't wird, 
wozu es obenein nicht einmal einer vollständigen und kräftigen Erection des Zeu- 
gnngsgliedes bedarf. Zwei andere Bedingungen aber sind zur Vollziehung auch 
eines nur unvollkommenen Beischlafs, resp. zur Befruchtung durch denselben, un- 
umgänglich und physiologisch erforderlich, der geschlechtliche Anreiz und ein ge- 
wisses Maass von Muskelaction. Dass schwindsüchtige Kranke, auch selbst in vor- 
geschrittenen Stadien ihrer Krankheit, des ersteren nicht ermangeln, ist eine uralte 
ärztliche Erfahrung, und schon Hippocrates sagt: Phthisici salaces. Allein 
mochte dies vielleicht noch Monate, Wochen vor dem Tode des S. auch für diesen 
Grehung gehabt haben, oder nicht, für seine fraglichen letzten Lebensstunden kann 
dies nicht angenommen werden, denn er war schon um Mitternacht ein Sterbender, 
er „kämpfte mit dem Tode", eine Zeugenausssage, die ich acceptiren muss, auch 
wenn sie nur von Laien kommt, da die Richtigkeit einer derartigen (und bald darauf 
bestätigten) Beobachtung auch Laien zugemuthet werden kann. Indess sogar zuge- 
geben, dass selbst der Sterbende noch vielleicht dunkel empfundene, geschlechtliche 
Regungen gehabt habe, so fehlte doch ganz unbestreitbar jene zweite obige Bedin- 
gung der nothwendigen Muskelaction. Selbst die Sprachmuskeln versagten schon 
ihren Dienst, und die Hand konnte längst nicht mehr zum Munde geführt werden, 
fiel weniger konnte es dem Sterbenden möglich sein, energischere und complicirtere 
Mnskelactionen auszuüben, wie sie auch der unvollständigste Beischlaf noch erfordert, 

6* 



I 



I 



84 Zeagungsfähigkeit. §. 9. Oasuistik. 15. Fall. 

da er sich schon seit längerer Zeit, viel weniger also jetzt, nicht einmal mehr im 
Bette umwenden konnte. 

Nach sorgfältiger Erwägung alles Vorstehenden gebe ich demnach schliesslich 
mein Gutachten dahin ab : dass mit Gewissheit anzunehmen, dass der Freisteller S. 
am 25. November 1861 unmöglich habe den Beischlaf vollziehen und zeugen können. 

IS. MI« Behauptete Beischlafs- und Zeugungsunfähigkeit wegen 

syphilitischer Krankheit. 

In Folge Auftrages in der Appell-Instanz vom 30. November, c, mich gutacht- 
lich darüber zu äussern: 

ob es nicht möglich, dass ein Mann, welcher wie der Verklagte laut Attestes vom 
25. Februar 1864 und laut Zeugnisses des Dr. B. von Anfang Mai bis Anfang 
September 1862 an venerischen Geschwüren und Bubonen behandelt worden ist, 
in der Zeit vom 14. Mai 1862 bis 28. Juli 1862 mit einem Mädchen habe den 
Beischlaf vollziehen können, und wenn die Beischlafsvollziehung möglich gewe- 
sen, ob alsdann das Frauenzimmer von dem Manne angesteckt worden, und ob 
das in Folge dieses Beischlafes geborene Kind hätte angesteckt zur Welt kommen 
müssen? 
berichte ich nachstehend ergebenst. 

Zunächst steht gar nicht fest, dass der Verklagte in der Zeit vom 14. Mai bis 
im Monat Juni 1862 überhaupt an einer syphilitischen Krankheit gelitten habe, und 
es steht femer nicht fest, in welcher Weise etwa der Verklagte von da ab bis Knde 
September syphilitisch krank gewesen sei. 

Das Attest des (Wundarztes) B. vom 25. Februar 1864 sagt zwar ganz allge- 
mein, dass der S. von ihm an ,, venerischen GeSthwüren mit Bubonen'* von Anfang 
Mai bis Anfang September des Jahres 1862 behandelt worden sei. indess präcisirt 
der B. sich in seiner protokollarischen Vernehmung vom 4. Mai 1864 genauer da- 
hin, dass ,,im Monat Mai 1862 der Beklagte bei ihm mit Bubonen erschienen sei", 
und thut eines Geschwüres oder mehrerer Geschwüre keine Erwähnung, gicbt viel- 
mehr an, erst „im Juni 1862 ein Schankergeschwür am Gliede" gefunden zu haben. 
Somit muss angenommen werden, dass ein Geschwür am Gliede um diese Zeit von 
Anfang Mai bis „im Juni'' überhaupt nicht existirt habe. Ob nun die Bubonen, an 
denen der B. den Beklagten behandelt hat, überall syphilitischer Natur gewesen 
sind, muss vollständig dahin gestellt bleiben, denn dass der B. dieselben für syphi- 
litisch gehalten hat und danach seine Behandlung einrichtete, kann nicht für ihre 
syphilitische Natur geltend gemacht werden. Es kann sogar das mit Bestimmtheit 
behauptet werden, dass die Meinung des B., dass dieselben ,,secundäre Syphilis" 
gewesen seien, eine irrige ist, weil Anschwellungen der Leistendrüsen, welche mit 
Infection der Blutmasse (secundäre Syphilis) verbunden vorkonmien, nicht eitern. 
Der B. aber giebt an, die Bubonen ,,absentirten sich", was offenbar ein Schreib- 
fehler für ,,abscedirten sich" ist, da ersteres gar kein gebräuchlicher, noch ein tech- 
nischer Ausdruck ist. Was nun den ferneren Zeitraum vom Juni bis September be- 
trifft, so steht auch hier nichts weniger als fest, ob und namentlich in welcher 
Weise etwa der Verklagte syphilitisch gewesen. Es ist nichts weiter bekannt, als 
dass derselbe ein Geschwür am Gliede hatte, das der B. für ein Schankergeschwür 
hielt, und das bei „energischer Behandlung*' einen bösartigen Character annahm, 
und von welchem nach B.'s Angabe ,,sich annehmen lässt, dass es ein Wiederaus- 
bruch eines alten vernarbten Schankergeschwürs möglicherweise gewesen sei**. Ob- 
Jeetive Merkmale zur Beurtheilung der Natur dieses Geschwürs, obJecti\e Merkmale 



7pn{nina:srahis:keit. 5. fl. Casuialik. 15, Fall. 



1«5 



Ktar Ücurtlipilanji; iliiriibnr. oh mne all|r<'tneine Infection der Süriemassc des BrUn^- 
l»ii M liiesor Zeit vorhanden war, fehlen vollständig, und ist os unmÖKlich. hus Aq- 
gslieii. welche so gänilicb jeder wissenschaftlichen Unterlage entbehren, anch nur 
^«lirscheinlii^lip Schlüsse xa ziehe u. 

l'nter iliesen Umständen bleibt nur übri^, uiit Rücksicht auf die vorhan<lBiiun 
hleiu die verschiedenen Möglichkeiten hinsichtlich der zu beantwortenden Fragen 
u erwiigen. 

Die Bulionun, welche 'ler B. im Mui und Juni bobnnilelt hat, sind entweder Fo)- 

a eines Schankergescliwürs gewesen, oiler nicht. Im letüteren Falle wären es so- 

Mnnl« rhennnatlsclie Bnbenen gewesen, welche mit der Syphilis gar nichts zu 

n haben nnd die Bnischlafsfilliigkoit des Beklagten in keinerWeise becintiüchtigt 

I, einn Ansleokuug der Matter, wie des Kindes auch gur nicht hätten znr Folge 

l können. Im ersteren Falle wäre ein sogenannter weicher Schanker vorauf- 

resen. welcher zur Zeit, als B. den Beklagten in Behandlung nnhm. 

b»reits wieder VKrnarht wnr. Alsdann wäre die Beischlafsfähiglioit des Verklagten 

twnfalls in keiner Weise beeinträchtigt gewesen, eine Ansteckung des gezengten 

IMnites Mtte nicht erfolgen können, weil die Krankheit des Beklagten eine rein ört- 

> gewesen, und eine Ansteckun^r der Mutter liiitle nur dann erfolgen können, 

mn znßlUg sur Zeit der Eiterung der Bubonen. Eiter auf eine wunde Stelle ihres 

Keqiers übertragen worden wiire. was der Fall hatte sein können, aber nicht müssen. 

s Qitschwür. welclieä der B. im .luni am Gliede des Beklagten fand, konnte nnn 

HttwTAder ein sogenanntes [nnniäres Schankergeschwür sein, oder es konnte dies Ge- 

■ der B. ab möglich annimmt, ein durch allgemeine Syphilis erzeu|t:tes 

^kundäres Geschwür sein. In Bezug auf die erstere Alternative lehrt die Erfahrung. 

i gar nicht seltwi trot;t vorhandener Snlmnkerge schwüre am Gliede. namentlich 

t dieselben eine gewisse Höhe erreicht, haben, der Beischlaf ausgeübt wird. Bo- 

I dafür ist die täglich beobdchtele Fortpflanzung der syphilitischen Kr.inklieil 

tnfänpni Individnum aufdasandere. Eben dieselbe tägliche Erfahrung lehrt aber auch. 

bw» Nne Ansteck nng des anderen Theiles hierdurch nicht nothwendig erfolgen muss. 

» Itonnle unter solchen Umständen der Beklagte den Beischlaf ausgeübt haben mit 

r Klägeriu. (iline dass diese nothwendig deshalb syphilitisch werden musste. Die 

Micrtmgung niif die Frucht wird bei einem primären, d. h. örtlichen Geschwür 

lieimJB beobachtet. Endlich die letzte AlteiTiative betrelTend, dass der Beklagte 

^trklich allgemein syphilitisch gewesen sei. so würde hierdurch die Möglichkeit dos 

)(iisi$hlnfea. ehe das Geschwür erheblichere Dimensionen erreicht hatte und ..bös- 

' gewonlen war, ebenfalls nicht an sge schlössen gewesen sein. Eine Ansteckung 

> Pnnenxiuiniers würde onter diesen Umständen erfahningsgemäss ein Seltenheit 

n Ansbmch nugeliomer und hereditärer Syphilis bei dem Kinde würde sehr 

tM oSgltch, keineswegs aber eine absolute Vothwendigkeit gewesen sein, und es 

rStde ciu sehr gewagter Schluss sein, daraus, dass ein Kind nicht mit hereditärer 

ikilis behaftet zur Welt gekommen, behaupten za wollen, dass sein Vater an sy- 

lllQitischer Infcction nicht gelitten haben könne. 

Kach obigen Ausführungen gebe ich mein anitseidliches Gutachten dahin ah: 
B) ttass nicht ei-wiesen. dass der Beklagte im Mai und .luni 1862 syphilitisch krank 
dass nicht erwiesen, in welcher Weise der Verklagte vom Mai bis Sep- 
nlier 1863 etwa syphilitisch erkiitnkt gewesen sei: 2) dass unter der Annahme. 
t«M der Beklagte syphilitisch krank gewesen sei, nicht erwiesen, dass derselbe in 
" T Zeil vom U. Mai 1862 bis 28. Juli 18(52 mit einem Mädchen den Beischlaf nicht 
^t« mlliiehen können, und dass Gi'önde. welche diese Möglichkeit ausgeschlossen 
tfttUn, nicht geltend gemacht sind ; S) dass durch eine Beisohlafsvollziebung Seitens 



86 Zeu)a:ungsfähip:keit. §. 9. Casuistik. 16. u. 17. Fall. 

des Beklagten unter den angeführten Umständen weder eine Ansteckung des Frauen- 
zimmers erfolgen musste, noch dass das in Folge dieses Beischlafes geborene Kind 
syphilitisch zur Welt kommen musste. 

16. Fall. Wogen zu kurzen Penis und Phimose behauptete Zeugungs- 
unfähigkeit. 

In einer Schwängemngsklago, welche in der Appellinstanz schwebte, hatte 
ich zu begutachten, ob der Verklagte Schmidt wegen eines zu kurzen Gliedes und 
einer Phimose, welche die naturgemässe Vollziehung des Beischlafes verhindert, 
zeugungsunfähig ist. 

Der pp. Schmidt ist ein 52jähriger, seinem Alter entsprechend aussehender, 
massig gut genährter Mensch, welcher normal gebildete Geschlechtstheile, Hoden im 
Hodensack hat, und an welchem Missbildungen oder Krankheiten, welche Beischlafs- 
und Zeugungsfähigkeit behinderten, nicht vorhanden sind. 

Was die von Dr. A. behauptete relative Kleinheit des Penis betrifft, so ist eine 
solche durchaus nicht vorhanden. Der Penis des pp. Schmidt misst im nicht eri- 
girten Zustande 2 bis 2V2 Zoll und ist etwa ^ ^ Zoll dick, was durchaus kein ab- 
norm kleiner Penis genannt werden kann, auch nicht gegenüber der sicherlich 6 Fuss 
nicht übersteigenden Körpergrösse des pp. Schmidt. Uebrigens gestattet auch ein 
relativ kleiner Penis die Einführung und naturgemässe Ejaculation des männlichen 
Sciamens in weibliche Geschlechtstheile und behindert, wie^Physiologie und Erfah- 
rung beweisen, durchaus nicht die Beischlafs- und Begattungsfähigkeit. 

Was den zweiten von A. vorgebrachten Hinderungsgrund für Beischlaf und 
Zeugung betrifft, nämlich das Vorhandensein einer hochgradigen Phimose, so ist 
richtig, dass die Vorhaut bei dem pp. Schmidt etwas lang und enge ist, etwa um 
einen knappen halben Zoll die Eichel überragt. Aber ohne erhebliche Mühe lässt 
sich die Vorhaut so weit zurückziehen, dass die Hamröhrenöffnung sichtbar wird. 

Da somit ohne weiteres Hinderniss der Harn entleert wird, ist nicht abzusehen, 
warum nicht auch männlicher Saame bei der Ejaculation sollte entleert werden kön- 
nen, und weiter, bei einer Entleerung des Saamens in die weibliche Scheide bedarf 
CS erfahrungsgemäss nichts, um Schwängerung möglich zu machen. 

Es ist also auch keineswegs in dem vorhandenen geringen Grad von Phimose 
ein Behinderungsmittel für Beischlaf und Zeugung gegeben. 

Da nun der pp. Schmidt sich im zeugungsfähigen Alter befindet, thatsäch- 
lich auch, wie er einräumt, Erectionen und Pollutionen hat, so hat, wohin ich mein 
Gutachten abgebe, die Untersuchung keine Befunde ergeben, welche die Annahme 
begründen könnten, dass Explorat nicht fähig sei, einen befruchtenden Beischlaf zu 
vollziehen, dass namentlich derselbe weder wegen eines zu kurzen Gliedes, noch 
wegen einer (angeborenen) Phimose, welche die naturgemässe Vollziehung des Bei- 
schlafs verhinderte, zeugungsunfähig sei. 

17. Fall. Behauptete, durch Syphilis erzeugte Impotenz. 

Der nachstehende Fall gehört zu den interessanteren. Es hatte das Gericht in 
einer Ehescheidungsklage mein Gutachten erfordert darüber, ob Verklagter an un- 
heilbarer syphilitischer Krankheit leidet, ob in Folge dessen ein ehelicher Umgang 
der Klägerin mit demselben ihr Leben oder Gesundheit gefährdet. — event. ob Ver- 
klagter in Folge dieser Krankheit impotent ist und unheilbar an Inconiinenz des 
Urins, auch des Koths sehr häufig des Nachts leidet. 



ZeußfuniQ^sßihigkeit. §. 9. Casuistik. 17. Fall. 87 

Ein Arzt hatte bescheinigt, dass er den Verklagten an einem Rückoninarks- 
Iciden. ..das sich als ein secundär syphilitisches charakterisirt«", ohne diese Cha- 
raktere anzugeben, behandelt habe, und dass derselbe — seiner Angabe nach — 
impotent sei. Mein Gutachten lautete : 

Der 47jährige, blass und nicht gesund aussehende Mann hat normal gebildete 
Geschlechtstheile, an welchen etwas Krankhaftes ausser einer weichen und weissen 
Narbe an der linken Seite der Eichelrinne nicht wahrzunehmen ist. Letztere kann 
sehr füglich von einem vor der Ehe. d. h. vor 18 Jahren bestandenen Chankcr. wie 
Explorat behauptet, herrühren. Zeichen secundärer S}T)hilis sind gegenwärtig nicht 
vorhanden und waren auch angeblich während der Dauer der Ehe niemals, wohl 
aber vor derselben vorhanden. Ein Schinnenausschlag, den er auf dem Kopfe hat, 
isl nicht syphilitischer Natur. 

Demnach leidet Explorand gegenwärtig nicht an einer unheilbaren syphiliti- 
schen Krankheit, in Folge deren ein ehelicher Umgang der Klägerin mit demselben 
ihr Leben oder ihre Gesundheit gefährdete. 

Explorat behauptet, nicht impotent zu sein, vielmehr des Nachts Erectioncn. 
zuweilen auch Pollutionen zu haben und hat angeblich zwei eheliche Kinder erzeugt. 
IHe normal gebildeten Hoden sind im Hodensack fühlbar, und sind örtliche Hinde- 
rungsgründe zur Ausübung des Beischlafes nicht vorhanden. 

Dennoch befindet sich Explorand nicht in der normalen Breite der Gesundheit. 

Ich fand das Hemd, das er trug, in der Aftergegend ziemlich stark kothbesudelt, 
auch vom im Hemd vielfach grosse Flecken, die offenbar von Urin herrührten. Im 
Bettlaken befanden sich ebenfalls einige Kothflecken. Die Kothflecken können mög- 
licherweise .auf einen Mangel an Reinlichkeit zurückgeführt werden, die Urinflecke 
schwerlich. Sie setzen voraus, dass die Hamausleerung nicht ganz normal ist In 
der That giebt auch Explorand an. dass er bei Entleerung dos Harnes zu drängen 
irenöthigt ist. indem der Urin Anfangs in einem Strahle entleert werde, später aber 
stocke und dann das Drängen benöthige. Dabei komme es vor, dass ihm auch Koth 
abgehe. 

Dies sind beginnende paralytische Erscheinungen, erzeugt durch ein Rücken- 
niarksleiden. Hierfür sprechen andere an dem Exploranden zu beobachtende Er- 
scheinungen. Die Pupillen sind ungleich, die rechte weiter als die linke, beide con- 
trahiren sich bei einfallendem Licht träge. Explorand spricht mitunter nicht ganz 
deutlich. Bei geschlossenen Augen und aufrechter Stellung schwankt er. Sein Gang 
hat etwas Unsicheres. Wenn er steht, muss er sich gewöhnlich anhalten, weil er 
eine Schwäche in den Beinen verspüre, und er giebt auf Befragen an, dass er die 
Treppe unsicher herabgehe. 

Alle diese Erscheinungen stehen in Zusammenhang und sind auf ein Rücken- 
marksleidcn zurückzuführen. Es ist daher auch möglich, dass dieses Leiden auf die 
Energie der Geschlechtsfunctionen Einfluss habe. Sein Zustand ist unheilbar. Schon 
jetzt aber ein gänzliches Unvermögen zur Ausübung des Beischlafes anzunehmen, 
liegt kein Grund vor, weil die Rückenmarkskrankheit so weit noch nicht gediehen 
ist. um dies mit Sicherheit annehmen zu müssen. 

Aber worauf es hier ankommt, es ist kein Zusammenhang zwischen dieser. 
jetzt bestehenden Krankheit und der früher vorhanden gewiesenen Syphilis nach- 
weisbar, und deshalb gebe ich in Bezug auf (lie eventuelle Frage mein Gutachten 
dahin ab: 

dass kein Gi*und vorliegt zu der Annahme, dass Verklagter in Folge der 

früher vorhanden gewosenenSyphilis impotent sei und an unheilbarer 

Incontinenz des Urins, auch des Kothes sehr häufig Nachts leide. — 



88 Zengangsfähigkeit. $.9. Casaistik. 18. — 21. Fall. 

Der Gerichtshof wies Syphilis und Impotenz zurück, trennte aber die Ehe we- 
gen unüberwindlicher Abneigung, die sich auf die genannten unheilbaren Gebrechen, 
ferner auf von Zeugen bekundetes häufiges Trunkensein, Nachtschwärmen und Unter- 
schlagungen des Mannes gründete. 

18. Fall. Wegen Impotenz bestrittene Schwängerung der eigenen 

Tochter. 

In dieser grässlichen Anklage wegen Blutschande war der zur Zeit dreiund- 
sechzig Jahre alte Handwerkmeister N. beschuldigt, mit seiner Tochter — die er 
stets auf das Eifersüchtigste bewachte II — fünfKinder gezeugt zu haben!! 
Er berief sich auf sein Alter, auf eine frühere venerische Ansteckung, und darauf, 
dass beide Ursachen ihn schon seit zehn Jahren impotent gemacht hätten. Er war 
von kleinem, gedrungenem Körperbau, brünetter Hautfarbe und sah zwar bejahrt, 
jedoch immer noch jünger aus, als er war. Am Kopf, im Gesicht und am Schaam- 
berg reichliche schwarze Haare. Seine Stimme war männlich, das Glied von nicht 
gewöhnlicher Dimension, und nicht die geringste Abweichung von der Norm war 
an den Genitalien wahrnehmbar. Eine feine Schnittnarbe Hess allerdings auf einen 
ehemaligen Bubo schliessen. der aber natürlich ganz unerheblich für die Frage war. 
Das ausführlich motivirte Gutachten musste mit dem Satze schliessen: „dass die 
ärztliche Exploration keinen Anhaltspunkt nachgewiesen habe, um die Annahme zu 
rechtfertigen, dass N. schon seit zehn Jahren ausser Stande gewesen sei, den Bei- 
schlaf zu üben und Kinder zu zeugen^ S 

19. bis 21. Fall. Klagen von Ehefrauen auf Impotenz ihrer Männer. 

19. Die verehelichte R. behauptet, dass ihr Gatte es in der Ehe nie „zu einer 
gehörigen Erregung seines männlichen Gliedes und zu einem Saamenergusse habe 
bringen können*', und klagt auf Ehescheidung. R. bestreitet dies und behauptet, 
namentlich in den letzten fünf Wochen mit der Klägerin zweimal „vollständig"' den 
Beischlaf vollzogen zu haben. Ich führe diesen und die folgenden Fälle, an sich 
höchst einfach, nur als thatsächliche Beweise der oben von mir behaupteten Frech- 
heiten in dieser Frage an. R. war 52 Jahre alt, sah aber bei allgemeiner strotzen- 
der Gesundheit viel jünger aus. Alle Charactere der Mannheit waren ganz normal- 
nüissig vorhanden, und ich musste äussern: .,dass gar kein Grund vorläge, um an 
der Fähigkeit des R., den Beischlaf zu vollziehen, zweifeln zu können". 

20. Die verehelichte Tabackshändler M. verlangt die Scheidung von ihrem 
Manne, der wegen übermässig getriebener Onanie impotent geworden sei. Dieser 
ist 48 Jahre alt und — sagten wir — wie schon seine ganz gesunde Leibesbeschaf- 
fenheit und kräftige Gesundheit nicht dafür sprächen, dass er übermässig Onanie 
p:etrieben habe oder treibe, so habe sich an dem vollkommen normalen und männ- 
lich gebildeten Körper auch nicht ein einziger Befund ergeben, der das Urtheil be- 
gründen könnte, dass M. beischlafs- und zeugungsunfähig sei. 

21. In diosom Ffille klagte eine Frau ebenfalls wegen unheilbaren Unvermö- 
gens zur Leistung der ehelichen Pllicht. und mussten wir. ein relatives Unvermögen 
nach Lage des Falles annehmen. Expiorat nämlich gab an, dass. nachdem er im 
Jahre 1864 seine erste Frau, welche in der Entbindung gestorben, verloren habe, er 
am 6. April c. seine zweite Frau geheirathet habe. Er habe bisher mit ihr nicht 
cohabitirt, aber zweimal versucht, den Beischlaf mit ihr auszuüben, das erste Mal 
am 6. April Morgens nach der Hochzeit, er habe aber viel getrunken gehabt und ihr 



Zengungsfahiglceit. §. 9. Casuistik. 22. — 24. Fall. 80 

gesagt, dass „er heut nicht recht koscher sei" ; das zweite Mal, etwa am 10. April. 
habe seine Ehefrau, als er den Versuch gemaclit, sein erigirtes Glied zu immittiren. 
geäussert: ..Geh' doch, Du verstehst das ja nicht, das ist ein Scheidegrund, ich 
werde mir einen Hausfreund halten, ich bin Berlinerin". Diese Aeusserung habe 
ihn abgeschreckt, so dass er den Beischlaf alsdann unterlassen habe und auch er- 
neute Versuche nicht gemacht habe, weil seine Frau, so oft er versucht habe, sich 
ihr zärtlich zu nähern, ihn kalt zurückgewiesen habe. Explorat ist 45 Jahre alt. 
massig kräftig gebaut und genährt. Seine Genitalien sind vollkommen normal, gut 
entwickelt, die beiden Hoden im Hodonsack fühlbar, gut genährt und gesund anzu- 
fühlen. Auch will er nächtliche Pollutionen mit Erectionen verbunden haben. Hier- 
nach sind Gründe, welche die Fähigkeit des S., den Beischlaf auszuüben, aus- 
schliessen, nicht vorhanden, und gebe ich mein amtseidliches Gutachten dahin ab: 
dass, wenngleich der Ehefrau gegenüber ein relatives Unvermögen zur Ausübung dos 
Beischlafes bestehen mag, bei dem S. Bedingungen, welche ein unheilbares Unver- 
mögen zur Leistung der ehelichen Pflicht begründeten, nicht vorhanden sind. 

22. Ms 24. Fall. Klagen auf verweigerte eheliche Pflicht. 

22. In der Z.'schen Ehescheidungssache klagt die Frau gegen ihren Mann auf 
Scheidung, behauptend, dass er während ihrer vierjährigen Ehe noch nie den Bei- 
schlaf mit ihr vollzogen habe, und tritt den Beweis onit der Behauptung — ihrer 
Jungfernschaft an. Ich hatte nur letztere zu constatiren und fand an der jetzt acht- 
andvierzigjährigen, buckligen Frau, die ein jetzt achtundzwanzigjäh- 
riger Mann (wegen einiger Hundert Thaler Vermögens der Frau!) geheirathet hatte. 
in der That ein vollständig erhaltenes, nicht erweitertes, nicht eingerissenes Hymen, 
so dass ich erklären musste, ,,dass ein vollendeter Beischlaf mit wirklicher Immis- 
sion des männlichen Gliedes an der Z. noch nicht vollzogen worden sei". 

23. Ganz derselbe Fall lag in der Klage der P. 'sehen Ehegatten vor. Die 
Frau hatte auf Scheidung wegen Verweigerung der ehelichen Pflicht geklagt, der 
Mann behauptet, dass sie an einem „gänzlichen und unheilbaren Unvermögen" leide 
(§. 696. des A.L.R. s. oben S. 51), indem es ihm nicht möglich sei, in ihre Ge- 
srhlechtstheile einzudringen. Der Mann war 28, die Frau 51 Jahre alt, und Beide 
seit drei Jahren kinderlos verheirathet, doch hatte der junge Gatte die alte Frau 
schon drei Monate nach der Trauung wieder verlassen ! I Letztere fand ich aller- 
dings unentjungfert, im Uebrigen vollkommen normal und gesund, und die Behaup- 
tung des Mannes war wieder einmal völlig aus der Luft gegriffen. 

24. Gerade umgekehrt hatte in einem anderen Falle der Victualienhändlor K. 
eine Klage auf Scheidung von seiner Frau wegen hartnäckiger Verweigerung der 
ehelichen Pflicht eingelegt, in welcher Klage die Frau behauptete. ,,dass sie an einem 
Bruche leide, und durch ihren körperlichen Zustand gar nicht oder doch nicht ohne 
Gefahrdung ihrer Gesundheit den Beischlaf vollziehen könne." Es fand sich ein 
I^istenbruch linkerseits von der Grösse einer halben Wallnuss, der ganz verschieb- 
bar und in der Rückenlage kaum sichtbar war. Eben so wenig aber war auch übri- 
gens am Körper irgend ein anderer Hinderungsgmnd des Beischlafs aufzuriinlon. 
vielmehr war die K. vollkommen normal gebaut, und halte auch in ilirer Khe fünf 
Kinder, das letzte erst vor neun Monaten,« geboren! Das Urtheil ergab sich hiernach 
von selbst. 



92 Zeusrungsfahigkeit. §.9. Casuistik. 31. — 35. Fall. 

möge, dass dieses üebel unheilbar, und dass die Verklagte hierdurch die eheliche 
Pflicht zu leisten für immer ausser Stande sei''. Es genüge mit Einem Worte zu 
bemerken, dass ich die fraglichen Geschlechtstheile weder „Terknorpelt'*, noch „ver- 
engt", sondern im ganz vollkommen normalen, folglich für die Leistung der ehe- 
lichen Pflicht durchaus geeigneten Zustande und deflorirt fand II 

32. Der Maler E. behauptete in seiner Ehescheidungsklage, dass seine Frau 
wegen ihres falschen Gebisses auf eine unerträgliche Weise aus dem Munde röohe, 
und dass ihre Geschlechtstheile so schlecht gebaut und so verknorpelt seien, dass 
es ihm unmöglich, den Beischlaf mit ihr zu vollziehen. , .Beide Behauptungen sind 
vollkommen aus der Luft gegriffen. Die E. hat zwar ein künstliches, halbes Gebiss 
im Oberkiefer, was sie jedoch — wobei ich bemerke, dass sie auf meinen Besuch 
gar nicht vorbereitet sein konnte — reinlich hält, und es ist nicht der geringste 
üble Geruch aus ihrem Munde bemerkbar. Eben so wenig hat die Ocularinspection 
und die Manualexploration ihrer Geschlechtstheile irgend etwas von der Norm Ab- 
weichendes ergeben. Der Bau derselben ist ganz natürlich, die Scheide wohl noch 
etwas, aber nur verhältnissmässig eng. da die E. erst seit Kurzem verheirathet ist, 
und, wie sich aus der Beschaffenheit ihres Körpers ergiebt, namentlich noch nie ge- 
boren hat. Am wenigsten ist eine Spur von einer ,. „Verknorpelung"'* vorhanden.'* 
Natürlich erklärte ich mit Rücksicht auf die gesetzlichen Bestimmungen: .,dass die 
E. weder an einem Abscheu und Ekel erregenden, noch an einem unheilbaren Uebel 
leide, vielmehr gesund und vollkommen für den Zweck der Ehe geeignet sei*'. 

33. Schiffer S. brachte in seiner Ehescheidungsklage vor: dass seine Frau 
,.ein Zwitter, gänzlich und unheilbar unfähig zur Leistung der ehelichen Pflicht sei, 
und dass noch kein Mann ihr beigewohnt habe'*. Die Untersuchung würde hier- 
nach versprochen haben, eine sehr interessante zu werden, wenn wir nicht längst 
den Werth solcher Anschuldigungen kennen gelernt hätten. Was fanden wir? Ein 
48 Jahre altes, vollkommen normal gebildetes Weib! Das .lungfernhäutchen war 
fleischig, aber, wenn auch erhalten, doch eingerissen, was auch auf vollzogenen 
Beischlaf schliessen Hess. 

Schwieriger war das Gutachten im 

34. Falle. Die Ehefrau F. sollte nach Behauptung ihres kla^^enden Mannes 
gleichfalls „unfähig zur Vollziehung des Beischlafs und zur Kinderzeugung*' sein. 
Wir fanden einen Scheidenvorfall, der einen halben Zoll aus der klaffenden Scheide 
hervorragte, aber, wie gewöhnlich, leicht reponibel war. ..Durch einen eingebrach- 
ten Schwamm*', mussten wir hiernach sagen. ..könnte der Vorfall ganz zurückge- 
bracht und zurückgehalten werden. Es würcle dann aber eine Empfängniss sehr 
erschwert und wahrscheinlich ganz unmöglich gemacht werden, wenn nicht vor 
jedesmaligem Beischlaf der Schwamm entfernt würde. Dies ist indess sehr wohl 
ausführbjir. und da der Vorfall an sich das Eindringen des männlichen erigirten 
Gliedes wohl noch gestattet so ist ein absolutes Hinderniss eines fnichtbarön Bei- 
Sf'hlafs nicht vorhanden." 

35. In diesem Falle haben wir eine Definition von ..Ekel und Abscheu er- 
rooend** versucht, weshalb wir ihn millheilon. 

In <ler M. 'sehen Ehescheidun}):ssache ))ohauj)ti'l(' der Klicinanii. ^^a^s seine Fnui 
an einem Ekel um! Abscheu erregenden, nnheilbaren Gebrechen leide, welches die 
Zwecke des Kheslandos ausschliesse. Im GulachtcMi sagten wir: 

Die oiijährijre Fniu leidet an einem Vorfall der Scheide und tiadurcli Hervor- 
treten der Gebärmutter, so dass die ol»ere Scheidenwand etwa ' ._, Zoll weil aus der 
Schaamspalte hervorsteht. Dieser Vorfall ist bereits alt, und wenn ich ihm auch 
eine Zeildauer nicht bestimmen kann, so lässt sich mit Bestimmtheit aussprechen. 



Zeugungsfahigkeit. §. 9. Casuistik. 35. Fall. 93 

dass er über Jahr und Tag alt ist. Es geht dies daraus hervor, dass die vorgefal- 
lene Schleimhaut das Ansehen der äusseren Haut gewonnen hat, was nur bei ver- 
alteten Vorfällen vorkommt. Die Frau behauptet, den Vorfall seit 1848 zu haben, 
welcher Angabe der objective Befund nicht widerspricht. 

Dieser Vorfall ist sehr leicht und ohne Mühe reponibel und hindert in keiner 
Weise das Eindringen eines erigirten männlichen Gliedes, noch den Beischlaf. — 
Das Leiden ist zwar unheilbar, doch kann ein solcher Vorfall durch Tragen eines 
Srhwammes oder eines Mutterkranzes zurückgehalten werden, Bandagen, welche den 
Fniuen die Körperarbeit erleichtem und Abends entfernt werden, da im Liegen der 
Vorfall an und für sich weniger stark ist. — Eine Befruchtung ist schon an und 
für sich durch das Alter der Frau ausgeschlossen. 

Ekel und Abscheu erregend kann diese Krankheit nicht bezeichnet werden, 
insofern ein Sinnesorgan dadurch nicht beleidigt wird. ErfahrungsgemUss leiden 
viele Frauen an mehr oder weniger grossen Scheidenvorfällen, ohne dass dadurch 
die Beischlafslust ihrer Ehemänner beeinträchtigt würde. — Ein weisser Fluss ist 
bei der M. nicht vorhanden. 

Hiernach gab ich mein Gutachten dahin ab: dass die M. an einem Scheiden- 
und Gebärmuttervorfall mittleren Grades, nicht aber am weissen Fluss leidet; dass 
erst^re Krankheit zwar unheilbar, jedoch nicht Ekel und Abscheu eiTegend ist und 
die Erfüllung der Zwecke des Ehestandes nicht behindert. 

Man sieht aus der Auswahl der vorstehenden Fälle, dass ich bemüht 
gewesen bin, aus meinen gesammelten Beobachtungen eine Zusammen- 
stellung aller möglichen, in unserer Frage vorkommenden Combinatio- 
nen zu Hefern, um auf diese Weise genügende Thatsachen für die im 
Texte dieses Kapitels aufgestellten Sätze beizubringen. In aller Kürze, 
der Raumersparniss wegen, will ich nur noch bemerken, dass in ße- 
treflF der ^unheilbaren körperlichen Gebrechen, welche Ekel und Ab- 
scheu erregen, oder die Erfüllung der Zwecke des Ehestandes gänzlich 
hindern** (§. 697. des Eherechts im Allgem. Landrecht, s. oben S. 51), 
mir, ausser den im Obigen bereits erwähnten, eine reiche Anzahl noch 
anderer Fälle vorgekommen ist. Es betrafen dieselben eben so viel 
Männer als Frauen, denen vom anderen Gatten solche Uebel angeschul- 
digt wurden, und diese angeblichen „Gebrechen** sollten namentlich sein: 
übelriechende Schweisse, stinkender Athem oder stinkende Füsse, grüngelber 
stinkender Ausfluss aus der Nase, unwillkürlicher Harnabgang, ekelhafte 
Geschwüre und Hautkrankheiten, namentlich (die so häufig vorkommenden) 
Fussgeschwüre, „ätzender** oder „ekelhafter** weisser Fluss, Grind und 
ähnliche Kopfausschläge, Scheiden- und Gebärmuttervorfall und syphi- 
litische Formen. Nicht in einem einzigen Fall habe ich bei der 
Untersuchung der betreffenden Individuen die Anschuldigung bestätigt 
und das imputirte „Gebrechen** wirklich vorgefunden!! Nur einmal fand 
ich bei einem Ehemann zwar nicht den angeschuldigten „übelriechenden 
Knochenfrass am Oberschenkel**, wohl aber ein fistulöses, kleines Ge- 
schwür, das Jahrzehnte lang bestanden hatte, aber durchaus keine 
^ekelerregende** Secretion zeigte. In allen diesen Fällen ohne Aus- 
nahme mussten demnach Gutachten erstattet werden, deren Folge eine 
Abweisung der Klage war. 



94 Streitiger Verlust der Jungfrau schaft. 



Zweites Kapitel. 

Streitiger Verlust der Jungfrauschaft. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Deutsches Strafgesetxb. §. 17:t. Der Beischlaf zwischen Verwandten in auf- und absteigender 
Linie wird an den ersteren mit Zuchthaus bis xu fQnf Jahren, an den letxteren mit Qef&ngniss bis cu 
zwei Jahren bestraft. 

Der Beisclilaf zwischen Verschw&gerten auf- und absteigender Linie, sowie zwischen Qeschwfstem 
wird mit Qefängniss bis zu zwei Jahren bestraft 

§. 174. Mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren werden bestraft: 

1) Vormünder u. s. w. ; 

2) Beamte u. s. w. ; 

3) Beamte, Aerate oder. andere Medicinalpersonen, welche in Gef&ngnissen oder in öffentlichen, 
zur Pflege von Kranken, Armen oder anderen HfiUlosen bestimmten Anstalten beschäftigt 
oder angestellt sind, wenn sie mit den in das Qefängniss oder in die Anstalt aufgenommenen 
Personen unzüchtige Handlungen vomehmen. 

Sind mildernd« Umstände vorhanden, so tritt Qefängnlssstrafe nicht unter sechs Monaten ein. 
Bbcndas. §. 176. Mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer 

1) mit Gewalt unzüchtige Handlungen an einer Frauensperson vornimmt oder dieselbe dnreh 
Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zur Duldung unzüchtiger Handlun- 
gen nüthigt; 

2) eine in einem willenlosen oder bewnsstlosen Zustande befindliche oder eine geisteskranke 
Frauensperson zum ausserehelichen Beischlaf missbraucht, oder 

.')) mit Peisonen unter 14 Jahren unzüchtige Handlungen vornimmt oder dieselben aur VerÜbung 
oder Duldung unzüchtiger Handlungen verleitet. 
Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Geßngnissstrafe nicht unter 6 Monaten ein. 

Eben das. §. 177. Mit Zuchthaus wird bestraft, wer durch Gewalt oder durch Drohung mit gegen- 
wärtiger Gefahr für Leib oder Leben eine Frauensperson zur Duldung des ausserehelichen Beischlafs 
nuthigt, od er wer «ine Frauensperson zum ausserehelichen Beisclilaf missbraucht, nachdem er sie zu die- 
item Zwecke in einen willenlosen oder bewusstlosen Zustand versetzt hat. 

Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Gefängnissstrafe nicht unter einem Jahre ein. 

Eben das. §. 178. Ist durch eine der in den §§. 176. und 177. bezeichneten Handlungen der Tod 
der verletzten Person verursacht worden, so tritt Zuchtliausstrafe nicht unter zehn Jahren oder lebens- 
längliche Zuchthausstrafe ein. 

Eben das. §. 179. Wer eine Frauensperson zur Gestattung des Beischlafs dadurch verleitet, dass er 
eine Trauung vorspiegelt u. s. w., wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft. Sind mildernde Um- 
stände Torlunden, so tritt Gefängnissstrafe nicht unter sechs Monaten ein. — Die Verfolgung tritt nur 
auf Antrag ein. 

Ebendas. §. 182. Wer ein unbescholtenes Mädchen, welches das sechssehnte Lebensjahr nicht roll- 
endet hat, zum Beisclüafe verführt, wird mit Gefängniss bis zu einem Jahr bestraft. 

Die Verfolgung tritt nur auf Antrag der Eltern oder des Vormundes der Verführten ein. 

Preuss. Gesetz vom 24. April 1854. §. 1. Eine Frauensperson, welche 1) durch Nothzueht, 2) im 
bcwus&tlosen oder willenlosen Zustande geschwänf^ert worden (§. 176. 177.), oder 3) durch Vorspiegelung 
u. s. w. — ist zu verlangen berechtigt, dass ihr das im AUg. Landrecht Thl. II. Tit. 1. §. 787. vor- 
geschriebene, höchste Maass der Abfindung zugesprochen werde. 

Oesterr. Strafgesetzb. §. 125. Wer eine Frauensperson du:c.i persönliche Bedrohung, wirklieh 
ausgeübte Gewaltthätigkeit oder durch arglistige Betäubung ilxrer Sinne ausser Stande setzt, ihm Wider- 
stand zu thun, und sie in diesem Zustande zu ausserehelichem Beischlaf missbraucht, begelit ein Ver- 
brechen der Nothzucht. 

Ebendas. §. 126. — — Hat die Gewaltthätigkeit einen wichtigen Nachtheil der Beleidigten an 

ihrer Gesundheit oder gar am Loben zur Folge gehabt, so soll die Strafe . Hat das Verbrechen den 

Tod der Beleidigten verursacht, so tritt lebenslanger — — 



streitiger Verlust der Jungfranschaft. §. 10. Allgemeines. 95 

Eben dat. §. 127. Der an einer Fraaensperson, die sich ohne Zuthnn des Thäters im Zustande der 
Wehr- oder Bewusstlosigkeit befindet, oder die noch nicht das 14. Lebensjahr znrückgelegt hat, uutcr- 
noinniene, aussereheliehe Beischlaf ist gleichfalls als Nothzucht anzusehen 

Ebcndas. §. 128. Wer einen Knaben oder Mädchen unter 14 Jahren, oder eine im Zustande der 
Wehr- und Bewusstlosigiceit befindliche Person zur Befriedigung seiner Lüste auf eine andere als die ira 
§. 137. bezeichnete Weise geschlechtlich missbrancht, begeht das Verbrechen der Sch&ndung — — 

Entvr. Oesterr. Strafgesetzbuch §. 188. Der Beischlaf zwischen Verwandten auf- und ab- 
steigender Linie (Blutschande) wird an den crsteren mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren, an den letzteren 
mit Gefingniss bis zu z^ei Jahren bestraft. — Der Beischlaf zwischen Verschwägerten auf- und abstei- 
»cender Linie, sowie zwischen voll- und halbbQrtigen Geschwistern ist mit Gefängniss bis zu zwei Jahren 
zu bestrafen. — Die Bestrafung der Verwandten und Verschwägerten absteigender Linie tritt Jedoch nur 
dann ein, wenn sie zur Zeit der That das achtzehnte Lebensjahr nicht vollendet haben. 

Eben das. §. 189. Mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder Gefängniss nicht unter drei Monaten 
w^Tden bestraft: 

1) Eltern, Adoptiv- und Pflegeeltern, welche mit ihren Kindern, Vormünder oder Mitvormüuder, 
welche mit ihren Pflegebefohlenen, Lehrer und Erzieher, welche mit ihren minderjährigen 
Schülern oder Zöglingen, Geistliche, welche bei ihren Verrichtungen als Seelsorger oder aus 
Anlass derselben mit den ihrer geistlichen Obhut unterstehenden Personen oder Beichtväter, 

« welche mit ihren Beichtkindern unzüchtige Handlungen vornehmen; 

2) Beamte, die mit Personen, gegen welche sie eine Untersuchung zu führen haben, oder welche 
dienstlich ihrer Obhut anvertraut sind, unzüchtige Handlungen vornehmen; 

'.i) Beamte und andere Bedienstete, Aerzte und andere Medizinalpersonen, welche in Gtofangnissen, 
Zwangsarbeitshäusern oder anderen Detentions-Austalten, oder in öffentlichen, zur Pflege von 
Kranken, Armen oder anderen Hilflosen bestimmten Anstalten beschäftigt oder angestellt 
sind, wenn sie mit den in die Anstalt aufgenommenen Personen unzüchtige Handlungen vor- 
nehmen. 
Eben das. §. 191. Mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder mit Gefängniss nicht unter sechs Mona- 
t*»n wird bestraft, wer 

l) mit Gewalt unzüchtige Handlungen an einer Frauensperson vornimmt oder diese durch Dro- 
hung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zur Duldung unzüchtiger Handlungen 
nöthigt ; 

3) eine Frauensperson, die sich im Zustande der Wehr- oder Willenlosigkeit befindet, zum 
ausserehelichen Beischlaf missbrancht; oder 

3) mit Personen unter vierzehn Jahren unzüchtige Handlungen vornimmt, oder dieselben zur 
Vorübung oder Duldung unzüchtiger Handlungen verleitet. 

Ist dnrch die Handlung eine der in den §§. 335. Z. 1. und 236. bezeichneten Folgen verursacht 
worden (Körperverletzung), so tritt Zuchthaus bis zu'^fünfzehn Jahren, und wenn dadurch der Tod ver- 
ursacht wurde, Zuchthaus bis zu zwanzig Jahren ein. 

Eben das. §. 192. Wegen Nothzucht wird mit Zuchthaus bis zu fünfzehn Jahren oder mit Gefäiii;- 
nt»si nicht unter einem Jahre bestraft, wer durch Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr 
f3r Leib oder Leben eine Frauensperson zur Duldung des ausserehelichen Beischlafs nöthigt, oder wer 
eiae Frauensperson zum ansiierohelichen Beischlaf missbrancht, nachdem er sie zu diesem Zwecke in 
einen Zustand der Wehr- oder Willenlosigkeit versetzt hat. — Wird die Nothzucht an einer geschlecht. 
lieh bescholtenen Frauensperson verübt, so tritt Gefängiüss nicht unter einem Jahre ein. — iKt durch 
die Handlung — (Strafmaass). 

Eben das. §. 193. Analog dem §. 179. D. Strafgesetzbuchs. 

Eben das. §. 196. Analog dem §. 182. D. Strafgesetzbuchs. 



§. 10. AllgemeiMes. 

Zu allen Zeiten und bei allen Völkern, selbst uncivilisirten, ist die 
Thatsache der weiblichen Jungfrauschaft in der Volksmeinung als Sym- 
bol weiblicher Schaam und Sittlichkeit hoch gehalten worden, denn nicht 
immer wusste man, dass auch viele weibliche Thiere das Organ haben, 
welches mit Recht von jeher als Hauptkennzeichen der Jungfräulichkeit 
betrachtet wurde, das den Eingang in die weibliche Scheide versperrende 
Hymen (Jungfernhäutchen, Scheidenklappe). Die alten Juden trugen das 
Hemde der jungen Neuvermählten mit den blutigen Spuren der frischen 
Verletzung des Hymen, als Zeichen der bis dahin bewahrten Keusch- 



98 §.11. Diagnose der Junp:frauschaft. 

bis in spätere Jahre, sogar über die Mannbarkeit hinaus, und vielleicht ist 
es nicht ein Zufall, dass ich bei einer, gelegentlich eines schweren Cri- 
rainalfalles angestellten Untersuchung mehrerer idiotischer, bereits zum 
Theil mannbarer Mädchen, diese kindliche Form, das prominirende 
oder manschettenförmige Hymen, wie ich es nenne, gefunden 
habe. Doch bin ich ihm auch bei nichts weniger als idiotischen Mäd- 
chen begegnet. Die Consistenz eines solchen Hymens ist nicht die 
einer groben Membran, sondern es ist mehr oder weniger dick und 
fleischig. Als eine sehr seltene Abart dieser Form sah ich einige 
Male ein gelapptes Hymen. Hier waren mit grosser Regelmässig- 
keit zu beiden Seiten dachziegelförmig einzelne Lappen, drei bis vier an 
der Zahl, am Grunde verbunden, über einander gestellt, und dass hier 
nicht gewöhnliche Einrisse vorlagen, die mich getäuscht hätten, sondern 
dass es sich hier um eine primäre Bildung handelte, ging zur Evidenz 
daraus hervor, dass dieselbe Bildung sich an dem die Harnröhre um- 
gebenden Wulst wiederholte. Die Membran ist auch bei regelmässiger 
Configuration verschieden in ihrer Nachgiebigkeit, bald schlaff, bald re- 
sistent. Ihre Breite ist oft äusserst gering, die Oeffnung gross, so dass 
sie die Spitze eines Fingers bequem aufnehmen könnte, ohne dass Ein- 
risse in die Membran verursacht werden müssten. 

Die Oeffnung fanden wir nicht immer oval oder rund, sondern in sehr 
seltenen Fällen durch einzelne Hautbrückchen verlegt, eine Form, die man 
als gegittertes oder bandartiges, überbrücktes Hymen (F. B. 
Osiander*), E. Hofmann**), Paschkis***)) beschrieben hat, der wir 
noch eine andere Form anreihen, welche durch einen vom unteren Rande 
nach oben, oder vom oberen Rande nach unten verlaufenden Zapfen, derHy- 
menalöffnung eine herzförmige oder umgekehrt herzförmige Gestalt 
verlieh. Ebenso beobachtete ich verschiedene Mal ein lippenförmiges 
Hymen, d. h. statt der kreisrunden oder semilunaren Membran gleich- 
sam eine Wiederholung der kleinen Schaamlefzen, die in einem Falle 
sogar doppelt war. Endlich fanden sich in seltenen Fällen auch die 
sonst glatten und scharfen Ränder in sehr gleichmässiger und symme- 
trischer Weise, mehr oder weniger tief, rundlich gefranzt, und 
dass auch hier wieder nicht etwa eine Verwechselung mit vernarbten 
Randeinrissen vorlag, bewies die gleiche Bildung des Wulstes der Harn- 
röhre. Noch kürzlich gab ein solcher Art gestaltetes Hymen wieder zu 
einem Irrthum des attestirenden Arztes Veranlassung. Diese sammt- 
lichen, letztgenannten Varietäten fand ich bei kleinen Kindern. Bei 
diesen ist das Hymen, wenn nicht Insultationen stattfinden, leicht zu 
finden. Man muss, während man die Schaamlefzen auseinanderzieht, 
gleichzeitig dieselben nach unten ziehen, weil das stark vorspringende 
Frenulum labiorum den Scheideneingang verdeckt und nicht behutsam 
behandelt, einreisst, und den Kindern solchen Schmerz macht, dass fortan 
eine Untersuchung zur Unmöglichkeit wird. Bei Erwachsenen können 



*) Denkwürdigkeiten, Göttingen 1775. 
♦♦) Vierteljahrschr. f. ger. Med. N. F. Bd. 12. S. 229. 
***) Hymen columnatus und Vagina duplex. Wiener med. Presse. 1877. No. I. 
Die Beobachtungen sind auf der Abthdlung für Syphilitische gemacht. Die Brücken 
waren bei dem Coitus nicht zerrissen, die eine Hälfte der Hymenalöffnung weiter als 
die andere. 



§. 11. Diagnose der Jnngfranschaft. 99 

einzelne Umstände die Diagnose erschweren: so mussten wir in einem 
Falle an der Leiche uns es durch genauere Untersuchung erst klar 
machen, ob die von ihrem Geliebten erschossene, junge, kräftige Per- 
son noch Jungfrau gewesen; sie war es allerdings, aber ein kleiner 
Vorfall der vorderen Vaginalwand aus der sehr erweiterten Oeffnung 
des kreisrunden Hymen bot den sehr täuschenden Anblick eines fehlen- 
den Hymen. 

An sich kann auch die Existenz des Hymen nicht die vorhandene 
Jungfrauschaft beweisen, denn dass ein einmaliger, selbst mehreremal 
vollzogener Beischlaf dasselbe nicht immer zerstört, wissen Tausende 
von Ehemännern und lehrt die Erfahrung in den nicht allzu seltenen 
Beobachtungen von gleichzeitig bestandener Schwangerschaft und Hy- 
men (Walter, Hellmann, Osiander, Nägele, Fod6r6, Krüger, 
Heim, Ribke u. A., auch ein unten mitgetheilter Fall), welche Fälle 
nach unserer jetzigen Kenntniss der Vorgänge bei der Zeugung auch 
vollkommen erklärlich sind. Ein derartiges Zusaramentrefifen im con- 
creten Falle würde indess die Diagnose wohl nicht erschweren, da man 
dafür, trotz des erhaltenen Hymen, ja doch die Kriterien der Schwan- 
gerschaft benutzen würde. In anderen Fällen ist das Hynaen nur an 
einzelnen Stellen eingerissen, nicht ganz zerstört (§. 14.). Wir müssen 
aber auch zugeben, dass umgekehrt auch das Hymen zerstört sein kann, 
ohne dass eine geschlechtliche Defloration vorangegangen, namentlich 
durch eine ausgeführte, indicirt gewesene Operation, oder durch über- 
mässig getriebene onanistische Reizungen. Die oft angeführten Mög- 
lichkeiten einer Zerstörung durch Ritt, Sprung, Tanz und dergl. müssen, 
wenn man die tief innere Lage der Membran erwägt, in das Kapitel 
der angeblichen venerischen Infectionen bei Männern* durch fremde Ab- 
tritte und dergl. verwiesen werden, und wenn Fodöre und Belloc 
meinen, dass bei der Menstruation durchgehende Blutgerinnsel das Hy- 
men zerreissen könnten (!), so wollen wir uns auch dadurch in Beur- 
theilung des Werthes dieses Zeichens nicht beirren lassen, welches das 
diagnostisch werthvollste unter allen betrefifenden bleibt. Sehr 
richtig sagt der erfahrene Devergie*): wenn ein Hymen nicht ge- 
funden wird, ist unter Tausend Fällen 999 Mal die Defloration wirklich 
geschehen. 

Die nach seiner Zerstörung zurückbleibenden Residuen, myrthenfor- 
migen Carunkeln, kommen sehr verschieden vor. Sind sie frisch, so 
zeigen sie sich noch mehr oder weniger geröthet und gereizt, als zwei 
bis drei und mehr kleine Excrescenzen an jeder Wand; älter werden 
sie welk und klein und können zuletzt wenig sichtbar werden. Es ist 
wichtig, auch diese Differenzen zu beachten, denn es kommt dem Ge- 
richtsarzt auch die Frage vor: wann, nicht bloss, ob eine Entjungfe- 
rung vorgefallen sei? in Betreff welcher Frage De vergie a. a. 0. ganz 
richtig bemerkt, dass, wenn die Defloration alt, man dann ihr keine 
Zeit mehr bestimmen kann (vgl. §. 14.). Unter die Fabeln, die über 
das Hymen verbreitet werden, rechne ich auch die von einer Möglich- 
keit der Wiederherstellung desselben nach seiner Zerstörung, ein Iix- 
thom« bedingt durch die Unkenntniss der so verschiedenen Formen ' 



♦) a. a. 0. I. S. 346. 



100 §. 12. Diagnose der Jungfrauschaft. 

Hymen. Substanzverluste in mit Blutgefässen versehenen Theilen wer- 
den übrigens immer nur durch Narbenbildung ersetzt. 



§. 12. hrtsetsing. 

3) Ein enges Aneinanderschliessen der grossen Lefzen, 
die die Nymphen und Clitoris ganz bedecken, ist jungfräuliche Be- 
schaffenheit, besonders nach der Pubertät, während vorher noch oft die 
Clitoris etwas sichtbar ist. Der Unterschied dieser und jener Beschaffen- 
heit der Genitalien, die sich nach langem Geschlechtsverkehr, wohl gar 
nach Entbindungen zeigen, der Unterschied jener vollen, ziemlich der- 
ben, schliessenden Lefzen mit diesen klaffenden, welken, schmutzig 
bräunlich-gelblichen Labien, zwischen denen die eben so welken, epi- 
dermisartigen Ueberzug zeigenden, oft hypertrophischen Nymphen herab- 
hängen, ist allerdings sehr sinnenfällig. Allein nicht so die Ueber- 
gänge; einmaliges und mehrmaliges Cohabitiren verändert die Lage und 
Beschaffenheit der Labia majora noch keinesweges sichtlich, und auch 
namentlich bei älteren und mageren, aber jungfräulichen Individuen, 
findet man prominirende, braungefärbte trockne Nymphen. 

4) Ganz dasselbe gilt von der Enge des Scheidenkanals, die selbst 
nach schon häufig genug exercirtcm Beischlaf in jugendlichen Ehen in 
der ersten Schwangerschaft oft noch erheblich genug vorgefunden wird. 
Die Falten der Scheide sind kaum als diagnostisches Zeichen der 
Jungfrauschaft zu nennen, denn einmal sind sie gar nicht wahrnehmbar, 
so lange das Hymen noch vorhanden, durch das man zuweilen, wie man 
bei Leichen erproben kann, wohl allerdings hindurch exploriren kann, 
was man aber bei der Lebenden unterlassen muss. Es wäre diese Unter- 
suchung auch vollkommen überflüssig, da die rugöse Beschaffenheit der 
Scheiden wände sich erst bei der ersten Geburt verliert, nicht durch 
blossen Geschlechtsverkehr. 

5) AUe diese Gründe treten auch dem Werthe des Beweises von 
der Querspalte des äusseren Muttermundes entgegen, die allerdings 
so lange erhalten bleibt, bis zum erstenmale Schwangerschaft eingetre- 
ten (ich habe sie an einer 73jährigen jungfräulichen Leiche gesehen), 
sich eben also durch blosse unfruchtbar gebliebene Vermischung nicht 
verändert, und die man gleichfalls bei erhaltenem Hymen nicht ermit- 
teln kann. 

Auf alle übrigen neueren, älteren und ältesten Zeichen am weib- 
lichen Körper, welche die nicht verletzte Jungfrauschaft beweisen sollen, 
ist nicht das mindeste Gewicht zu legen. So nicht auf „frische, rothe 
Lippen und helle, glänzende Augen mit einem freien und bescheidenen 
Blick***), was zu individuell .verschieden ist, am wenigsten auf das alt- 
römische Matronenzeichen des durch die Defloration anschwellenden 
Halses, weshalb es eine Hochzeitssitte war, den Hals am Tage vor und 
nach der Vermählung zu messen**), auf die angeblich veränderte Körper- 
ausdünstung, auf den Strahl des Urins u. s. w., Zeichen, wofür in der 



♦) Hohl, a. a. 0. S. 114. 
**) Collum circumdarc filo. Martial. 



F 



§. 12. Dia«:nose der Junprfrauschaft. 101 

alten Medicina forensis Citate als Beläge (!) zu finden, die aber als 
Ruinen einer vergangenen Wissenschaft zu erachten sind. 

Nie untersuche man zur Feststellung streitig geworde- 
ner Jungfrauschaft das Subject durch Eingehen in die Scheide 
mit dem Finger, was in Erinnerung an die geburtshülf liehe Explo- 
ration so überaus häufig von zu erster Feststellung des That- 
bestandes hinzugerufenen Aerzten geschieht, und nicht allein unnützer 
Weise, sondern zum Nachtheil der Sache*). Denn man läuft da- 
durch Gefahr, selbst die Defloration zu veranlassen; und wenn auch 
dies nicht geschehen wäre, so wird in einem gegebenen Falle nicht mit 
Unrecht die Vertheidigung sich der Thatsache einer auf diese Weise 
geschehenen Untersuchung bemächtigen und, wie ich Beispiele anführen 
könnte, es doch als zweifelhaft erscheinen lassen, ob nicht der Finger 
des untersuchenden Arztes der Deflorator gewesen sei, um auf diese 
Weise eine Pression auf die Geschworenen auszuüben. Ferner unter- 
suche man zur Feststellung der Jungfrauschaft niemals während der 
Menstruation, während welcher die Ocular-Inspection getrübt ist und 
die Genitalien sich in einem veränderten Zustande befinden. Man scheue 
sich selbst nicht, sogar eine ofl^ene Gerichtssitzung, wenn man erst wäh- 
rend derselben zur Exploration aufgefordert wird, durch seine Weigerung 
betreffenden Falls aufheben zu lassen. Die Casuistik wird eine Aus- 
wahl von Fällen zeigen, in denen begutachtende Sachverständige ein 
(für Ungeübte sehr zu entschuldigendes)**) ganz irriges ürtheil abge- 
geben hatten, welches dann zu bestätigen oder zu berichtigen war, und 
Gewissen und Würde der Stellung des Gerichtsarzl^s gebieten im vor- 
kommenden Falle selbst jenes Verfahren nicht zu scheuen, für den 
Augenblick die Untersuchung abzulehnen und die s[iätere Untersuchung 
zu beantragen. Denn Fälle, in denen die möglichst schleunige Explo- 
ration erforderlich (§. 13. bis 15.), kommen natürlich in den Audienz- 
verhandlungen nicht vor, da diese der Natur der Sache nach erst lange 
nach der streitigen That und nach geschlossener Voruntersuchung Statt 
finden. 

Nicht der unbegründeten Skepsis huldigend, die sich auch bei die- 
ser Frage in alten und neuen Zeiten geltend gemacht hat, müssen wir 
behaupten, dass, wenn der gerichtliche Arzt ein noch erhaltenes 
und auch nicht mit Randeinrissen versehenes Hymen, dazu 
(bei jüngeren Personen) jungfräuliche Beschaffenheit der Brüste 
und äusseren Geschlechtstheile findet, dass er dann berech- 
tigt ist, mit Gewissheit ein Urtheil über die bestehende 
Jungfrauschaft abzugeben und umgekehrt. 



*) s. einen solchen Fall in der Casuistik. 

**) Nicht zu entschuldigen aber war wohl das in einer die Nothzucht eines Kin- 
des betreffenden Sache ausgestellte und in der öffentlichen Verhandlung wiederholte 
Ati«st des ei*st untersuchenden Arztes, wonach das Hymen „perforirt" angegeben und 
diese Perforation auf „einen Act roher Sinnlichkeit und Gewalt" zurückgeführt wurde, 
wahrend doch das Hymen, wie ich zu bemerken nicht umhin konnte, vollkommen 
unverletzt war. Der „Sachverständige" hatte die normale Hymenalöffnung für eine 
Verletzung gehalten und erklärte auf mein ihm widersprechendes Gutachten, dass 
er bis dahin noch niemals ein Hymen gesehen habe! 



102 §. 13. Nothzucht. 



^. 13. Nothneht 

Der gemeine Sprachgebrauch nennt den mit einem Frauenzimmer 
ohne ihre Einwilligung gepflogenen Beischlaf: Nothzucht. Für die 
Zwecke der Strafrechtspflege musste aber erheblich sein, ob ein solcher 
Akt bloss versucht, oder vollzogen, ob dabei List und Verführung, oder 
selbst Gewalt angewandt worden, ob das weibliche Individuum in einem 
geistigen Zustande war, um überhaupt seine Zustimmung geben zu kön- 
nen oder nicht? u. s. w. So sind denn die Begriffe Nothzucht uud 
Schändung von den Strafrechtslehrem und den verschiedenen Straf- 
gesetzgebungen verschieden aufgefasst worden, wie die oben angeführten 
Gesetzesstellen darthun. Die Discussionen über dies rein criminalrechts- 
wissenschaftliche Thema gehören nicht in die gerichtliche Medicin, und 
der deutsche Gerichtsarzt wenigstens hat um so weniger ein practisches 
Interesse daran, als sein Strafgesetzbuch nicht einmal das Wort Noth- 
zucht kennt (während das Oesterr. Strafgesetzbuch in §. 126. und 127. 
die Nothzucht definirt). Der deutsche Strafgesetzgeber spricht vielmehr 
nur, wie oben gezeigt worden, von „unzüchtigen Handlungen'* von Vor- 
mündern, Beamten, Aerzten u. s. w. gegen gewisse Personen im §. 174. 
und 176., endlich von ausserehelichem „Beischlaf** im §. 176. und 177., 
welchen es dem Begriff der „auf Befriedigung des Geschlechtstriebes 
gerichteten, unzüchtigen Handlungen** des §. 144. Pr. St.G.B. substi- 
tuirt hat, wegen der Unbestimmtheit des Thatbestandes, wie die Motive 
sagen, und weil der Thatbestand der Nothzucht als eines besonderen 
Verbrechens wiederherzustellen, auch dasselbe auf die Erzwingung des 
ausserehelichen Beischlafes zu beschränken sei. 

Was Alles unter den erstgenannten, sehr weiten Begriff der un- 
züchtigen Handlungen zu subsummiren, das ist wieder unsererseits den 
Rechtspractikern zu überlassen*). 

Ebenso wird der juristischen Commentation zu überlassen sein, ob 
unter Beischlaf die „körperliche Vereinigung** des früheren Sächsischen, 
die „Vereinigung der Geschlechtstheile'* des früheren Baierschen Straf- 
gesetzbuches zu verstehen sei, oder ob hierunter der streng medicinische 
Begriff einer derartigen Vereinigung der beiderseitigen Geschlechtstheile 
zu bezeichnen sei, dass bei etwaiger Ejaculation des Saamens die Mög- 
lichkeit einer Befruchtung vorhanden ist, eine Definition, welche wir 
mehrmals in foro angewendet haben (siehe die Casuistik). Immerhin 
ist bemerkenswerth, dass das neue Strafgesetzbuch im Gegensatz zum 
früheren alten auch für die Blutschande (§. 173.) dem unbestimmteren 
Begriff der Unzucht den bestimmteren des Beischlafs substituirt (Oester- 
reich. Entw. bestraft auch Eltern, welche unzüchtige Handlungen mit 
ihren Kindern vornehmen), und dass dasselbe im §. 177. den gewalt- 
sam etc. vollführten Beischlaf als ein besonderes und härter zu bestra- 



*) In den Verhandlungen höre ich den Bc^riflf der unzüchtigen Handlungen 
häufig als solchen definiren, welche das Sittlichkciis- und Schaamgefühl in gröblicher 
Weise verletzen. — Das preuss. Ober-Tribunal hat angenommen, dass die Frage: 
welche Handlungen als „unzüchtige** zu betrachten? thatsächlichor Nalur und durch 
die Geschworenen zu beantworten sei. Oppenhof, das Strafgesetzbuch f. d. preuss. 
Staaten. 5. Auflage. Berlin. 1867. S. 239. 



§. 13. Nothzucht. 103 

fendes Verbrechen aas den „unzüchtigen Handlungen** des §. 170. be- 
sonders hervorhebt. Eine anderweite Veränderung des Deutschen Straf- 
gesetzbuches gegen das frühere Preussische ist die, dass in dem Alin. 1. 
des §. 176. die Worte „Personen des einen oder des anderen Geschlechts" 
des früheren Strafgesetzbuches, in die Worte „an einer Frauensperson'* 
geändert sind. Hiernach erleidet auf Männer als Object des Vergehens 
der Paragraph keine Anwendung, aber es ist dem practischen Bedürf- 
niss dennoch genügt, denn einmal würde wegen gewaltthätiger Unzucht 
von Frauenzimmern gegen Männer verübt, welcher Fall uns bisher 
nicht vorgekommen ist, aus §. 240. des Deutschen Strafgesetzbuches 
vorgegangen werden können*), andererseits bietet Alinea 3. des §. 176. 
ausreichende Handhabe für die Fälle, wo Männer oder Weiber wegen 
unzüchtiger, mit Knaben unter 14 Jahren verübter Handlungen unter 
Anklage zu stellen sind. Denn dieser Absatz des §. 176. (Oesterreich. 
Entw. §. 181. Alinea 3.) spricht nicht mehr von weiblichen Kindern 
unter 14 Jahren, sondern von „Personen** dieses Alters. 

Wenn Fälle, wo Weiber unter Anklage des §. 176. figuriren, auch 
nicht häufig sind, so kommen sie doch gelegentlich vor. So hatten wir 
einen sechsjährigen Knaben zu untersuchen, dessen sehr sittsam und 
züchtig aussehende Erzieherin ihn oftmals Nachts zu sich in's Bett 
genommen und zur Stillung ihrer Lüste an ihre Brüste und Genitalien 
gelegt und bei dieser Gelegenheit mit dem Tripper, den sie ^ich durch 
den heimlichen Umgang mit ihrem Liebhaber zugezogen, angesteckt 
hatte! Eine 31jährige Diaconissin liess einen 5 V2 jährigen Knaben sich 
auf den Rücken legen, huckte sich breitbeinig über ihn und rieb ihre 
Geschlechtstheile an denen des Kindes. In einem andern, noch weit 
grässlichem Falle, hatte die eigene eheliche Mutter ihren neunjährigen 
Sohn zur Befriedigung ihrer unnatürlichen Lüste gemissbraucht, an 
dessen Körper übrigens weder local noch im Allgemeinen etwas zu ent- 
decken war! In wieder einem anderen Falle war der achtjährige Knabe 
von den beiden Dienstmädchen seiner Eltern längere Zeit in der Art 
gemissbraucht worden, dass 'sie ihn erst manustuprirten, wobei Erection 
entstand und prostatische Flüssigkeit entleert wurde, und dann den 
erigirten Theil an ihre Genitalien brachten und sich durch Bewegungen 
ihres Körpers befriedigten. Ein 20jähriges Dienstmädchen nahm den 
8 */2 jährigen Knaben Morgens und Abends in ihr Bett und führte dessen 
erigirtes Glied in ihre Scheide, wo, wie der Knabe aussagte, „er immer 
habe stossen müssen". Er wollte „seine Pauline" nicht fortziehen 
lassen!! Ebenso haben wir unzüchtige, von Männern gegen Knaben 
unter 14 Jahren ausgeübte Handlungen zu beurtheilen gehabt. Wie 
hiemach kein Geschlecht, so ist auch kein Alter gegen Nothzucht, resp. 
mit Gewalt verübte, unzüchtige Handlungen geschützt. Der 27 Jahre 
alte Raschmacher X. war der 68jährigen Wittwe W. vor einem Thore 
Berlins begegnet und hatte ihr, nachdem er sich schon den mit einer 
Schnalle versehenen, ledernen Riemen von seinen Beinkleidern abge- 



*) §. 240; Wer emen Anderen widerrechtlich durch Gewalt oder Bedröhang mit 
ttiDem Verbrechen oder Vergehen zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung 
nöthigt, wird mit Gofängniss bis zu einem Jahre oder mit Geldbusso bis zu zwei- 
b lindert Thalem bestraft. 



104 §. 13. KothzAirht. 

schnallt hatte, Anträge zum Beischlaf gemacht. Da sie sich weigerte, 
schlug er sie mit dem Riemen und der Schnalle in die linke Schläfen- 
seite, verletzte sie aber nur ganz unerheblich. Die Gemisshandelte 
zeigte sich bei unserer Untersuchung als eine bereits decrepide Frau 
mit einem von Pockennarben ganz zerfetzten Gesicht! Ein Mann mitt- 
lerer Jahre machte einen Nothzuchtsversuch an einer 47jährigen Frau, 
die zahnlos, decrepid war und in Folge einer Krankheit der Wirbel- 
säule und des Rückenmarkes unaufhörlich an sehr heftigen veitstanz- 
artigen Verdrehungen der Extremitäten litt, desgleichen an Verzerrungen 
der Gesichtsmuskeln und krampfhaften Bewegungen der Zunge, so dass 
sie grösstentheils nur unarticulirte Laute hervorbrachte, wenn sie sprechen 
wollte. — Ein 33jähriger verheiratheter Aufseher wurde auf einer Bank 
in flagranti ergriffen, als er mit seiner 64jährigen verwittweten Mutter 
den Beischlaf vollzog. — iVuch Elvers*) theilt einen Fall mit, wonach 
ein 23jähriger, schon einmal wegen Nothzucht angeklagter Jäger eine 
66jährige decrepide Wittwe nothzüchtigte und erschlug. — Jedoch blei- 
ben derartige Fälle immer nur die seltensten, während die Mehrzahl 
natürlich Fälle von unzüchtigen Handlungen aller Art von jüngeren 
und — sehr häufig — von älteren Männern gegen jugendliche Frauens- 
personen und weibliche Kinder verübt, betrifft. 

Bis zum Schluss des Jahres 1874 haben wir vierhundertund- 
sechs Individuen wegen gegen sie verübter Nothzucht untersucht, wo- 
bei die von Skrzeczka untersuchten Fälle, die durchschnittlich min- 
destens mit Hundert veranschlagt werden können, nicht mitgerechnet 
sind. Unter den von Casper, später von mir untersuchten Fällen 
waren 

von 24—3 .lahrcn (!)... 8 

- 3 — 6 - .... 64 

- 7—10 - .... 161 

- 11 — 12 - .... 59 

- 13—14 - .... 60 

- 15—18 - .... 35 

- 19—25 - .... 14 

[\0 .Jahre alt 1 

32 - - 1 

35 - - 1 

47 - - 1 

68 - - 1 



406, 

folglich mehr als 70 Procent kleine Kinder unter 12 Jahren!! mehr 
als 84 Procent unter 14 Jahren! 

Diese Thatsache ist nicht vereinzelt, sondern überall machen sich 
die Verbrechen gegen die Sittlichkeit in erschreckender Progression gel- 
tend. In Frankreich nahmen in neuester Zeit die Verbrechen gegen 
Personen im Allgemeinen alljährlich ab, die gegen die Sittlichkeit all- 
jährlich zu. Von 1826 — 1830 bildeten die Attentats aux moeurs in 
Frankreich nur ein Fünftel aller Verbrechen gegen Personen, jetzt schon 

♦) Vierteljahrsschr. f. ger. Med. 1878. XXIX. 1. 



§. 13. Nothzucht. 105 

mehr als die Hälfte (53 pCt). Und wenn die Zahl der gegen Kinder 
verübten Unzuchten von 1826 — 1830 nur y\^ aller derartigen Anklage- 
falle ausmachte, so hat sie von 1856 — 1860 schon ein Drittel dersel- 
ben betragen, wie die amtliche Statistik nachweist.*) 

Wenn, wie zu vermuthen, von anderen grossen Städten sich be- 
stätigen sollte, was ich von Berlin versichern kann, so verdient die 
Angelegenheit auch noch von einem anderen Standpunkt, als dem unsri- 
gen, die eindringlichste Erwägung. In dem Jahrzehnt von 1842 — 1851 
hatte C asper nur 52 Individuen, also 5 durchschnittlich im Jahre zu 
untersuchen, wogegen das letzte Jahrzehnt 1852 — 1861 ihm 183 Fälle 
von festzustellender Nothzucht an weiblichen Kindern und Erwachsenen 
bra(;hte, d. h. fast 14 im Jahresdurchschnitt, während ich allein seit 
meinem Amtsantritt schon durchschnittlich 17 im Jahre zu untersuchen 
hatte, eine Zahl, die sich verdoppeln dürfte, wenn man hierzu die von 
Skrzeczka beobachteten Fälle rechnet, eine Progression, die sich nicht 
allein durch die gestiegene Bevölkerung erklärt, da in den Jahren 1852 
bis 1856 auf 100 derartige Untersuchungen überhaupt 69,8 Kinder 
unter 12 Jahren kamen, während 1857 — 1861 die Verhältnisszahl auf 
81,1 gestiegen war, und sich seitdem eher vermehrt, als vermindert 
hat. Nach Einführung des Deutschen Strafgesetzbuches hatte die Zahl 
dieser Untersuchungen abgenommen, weil die Verfolgung aus §§. 176. 
und 177. nur auf Antrag eintrat. Durch Gesetz vom 26. Febr. 1876 
ist aber das Erforderniss des Antrages wieder beseitigt, und damit 
haben diese Untersuchungen auch wieder zugenommen. 

Der gerichtliche Arzt kann aber in allen solchen Fällen bei der 
Untersuchung und dem darauf zu gründenden Urtheile gar nicht vor- 
sichtig genug zu Vy^erke gehen, denn nicht nur die unbegründetsten 
Anschuldigungen aus hysterischem Irresein, wofür Beispiele bekannt 
geworden^, oder von angeblicher Stuprirung im Chloroformrausch***), 
häufiger aus den gemeinsten Beweggründen, wofür schon P. Zacchias 
Erfahrungen bekannt gemacht hat, können dem noch weniger Erfah- 
renen imponiren, der noch nicht durch längeren Verkehr mit der Hefe 
des Volkes gelernt hat, wie weit menschliche Verderbtheit und Nichts- 
würdigkeit reicht, sondern Irrthümer sind auch in Betreif der einzelnen 
Zeichen der Nothzucht sehr leicht möglich, deren genaue Kenntniss und 
Würdigung deshalb äusserst wichtig ist. 

Aber eine andere Schwierigkeit bietet die Entscheidung dieser 
Frage in der gerichtlichen Praxis in dem Umstände, dass die Explo- 
ration des angeblich gemissbrauchten Subjectes fast in allen Fällen, 
wie es im polizeilich-gerichtlichen Geschäftsgange sehr natürlich ist, 
dem Gerichtsarzt erst so spät nach der That übertragen wird, dass 



*) Compte rendu de la justice criminelle en France de 185ß — 18^0. 
•*) s. u. A. Cavalier, Denunciation calomnieuse. Montpellier racdical. 1873. 
Aoüt bis Decembre. — Auch die bekannte Affaire Hessels-Wurmb gehört zu die- 
sen Fällen. — 

•*•) s. z B. einen neueren Fall in British med. Journ., Nov. 17. 1877.. in w.lchtMn 
schon allein der Umstand, dass eine Zeuf^in, welche die angeblich Stuprirtc während 
der Chloröformirung eine Viertelstunde verlicss und bei ihrer Rückkehr die.sell)e in 
derselben sitzenden Stellung, aber sprachlos, wiederfand, in welcher sie sie verlassen 
hatte, die Illusion im Chloroformrausch beweist. 



106 §. 14. Nothzucht. Oertliche Symptome. 

viele Wirkungen am Körper, oft die entscheidendsten, dann schon ver- 
wischt oder ganz wieder verschwunden sind. Sehr richtig sagt wieder 
Devergie*): En matiere de viol une d^floration est döja ancienne au 
bout de 9 ä 10 jours. Aber nicht nach 9 bis 10 Tagen, sondern oft 
viel später werden die zu Untersuchenden vorgestellt, deren ungesäumte 
Beobachtung dann wenigstens der Arzt sich zur Pflicht machen wird. 

Wie stellen sich nun dann aber wieder die Rathschläge der Lehr- 
bücher zur forensischen Praxis, wenn wir z. B. in dem Handbuch von 
Mende und in noch neueren Handbüchern finden: man solle Behufs 
Feststellung des Thatbestandes der Nothzucht mit darauf achten, ob 
Knöpfe am Bocke des angeblichen Stuprators fehlen, ob die Kleidungs- 
stücke der angeblichen Stuprirtcn in Unordnung, ob sie beschmutzt 
sind und der Schmutz zu dem Boden passe, auf welchem der Vorfall 
Statt gefunden haben soll! Warum nicht lieber gar: ob die Bettfedern 
an den Röcken des weiblichen Theils zu denen des Bettes quaest. 
passen! Wie durchsichtig ist es hier wieder, dass die Schriftsteller 
statt der mangelnden Beobachtungen nur ihre Phantasie-Combinationen 
als Lehrsätze hinstellen. Man vergisst, dass der angebliche Stuprator 
oft gar. nicht bekannt ist, dass er, wenn bekannt, läugnet, dass, ehe 
er vorgeführt wird, er den verrätherischen , abgerissenen Knopfe* längst 
ersetzt haben wird, dass die Kleider der angeblich Stuprirten nicht mehr 
in Unordnung oder beschmutzt sein können, da man sie erst nach Tagen, 
Wochen oder noch später zu besichtigen bekommt. 

Diese ganz späten Untersuchungen können namentlich dann jede 
Entschiedenheit des gerichtsärztlichen Urtheils ganz unmöglich machen, 
wenn, was mir ebenfalls vorgekommen, die Frage entsteht: wann eine 
Entjungferung stattgefunden? Die Beantwortung derselben kann für den 
Strafrichter von grosser Wichtigkeit werden, wenn die „unzüchtige 
Handlung'' noch in den strafgesetzlich wichtigen Termin ^vor dem vier- 
zehnten Jahre" fiel, das weibliche Individuum aber jetzt, zur Zeit der 
Untersuchung, diesen Termin längst überscli ritten hatte. 



§.14. hrtoetiMiig. Magnose. a) •erüiehe Synptome. 

Da, wie wir oben gesehen, gerade die unzüchtigen Handlungen 
gegen Kinder einen so häufig mit Hülfe des Arztes festzustellenden 
Thatbestand bilden, so haben wir hier gleichzeitig auf die an Kindern 
beobachteten Erscheinungen unser besonderes Augenmerk zu richten. 

Abgesehen von seltener vorkommenden, gegen kleine Mädchen von 
Männern verübten, geschlechtlichen Brutalitäten, die hier nicht erwähnt 
werden können, aber auch nicht erwähnt zu werden brauchen, weil sie 
keine Spuren am Körper zurücklassen, die den Gericht^arzt leiten 
könnten, kommen diese Unzuchten entweder vor als blosse Fingermani- 
pulationcu an den Genitalien Seitens Dritter, oder als wirkliche Bei- 
schlafsversuche. Jene Manipulationen kann man oft, vorausgesetzt eine 
Untersuchung in den ersten 6 — 8 Tagen nach der That, sehr deutlich 
feststellen, denn man findet wirkliche, kleine Hauterosionen in der 



•) a. a. 0. S. 348. 



§. 14. Nothzucht. Oertliche Symptome. 107 

Schleimhaut am Introitus vaginae und Nägelzerkratzung, oder und mit 
ihnen zugleich hochrothe, entzündete, bei der Berührung schmerzhafte, 
linsen- bis erbsengrosse, geschundene Stellen ebendaselbst. Bei späterer 
Untersuchung — und diese ist, der Natur der Sache nach, leider! die 
Regel — ist der kleine traumatische Eingrifif ganz verschwunden und 
der Befund ein durchaus negativer, 'Dies ist so thatsäc.hlich richtig, 
dass ich Dutzende von Belägen dafür zur Casuistik mittheilen könnte, 
wenn davon ein Nutzen zu erwarten wäre. Aber es folgt hieraus, 
dass deshalb, weil in vielen derartigen Fällen die Untersuchung des 
Kindes keine Spur einer Anomalie an den Geschlechtstheilen ergiebt, 
nicht die betreffende Anschuldigung ohne Weiteres als Lüge zu erklären, 
so weit die Thätigkeit des Arztes hierbei mitzuwirken hat, wie vor- 
sichtig, wie misstrauisch, wie ungläubig a priori man auch immer hier- 
bei mit Recht sein möge. Hiernach ist dem Arzt die Linie für sein 
Gutachten für derartige Fälle, sowie für alle ähnliche, auch wenn 
Beischlafsversuche unter Anklage stehen, von denen man keine Spur 
mehr am Kinde findet, genau vorgezeichnet. Er erkläre nämlich, dass 
und wie der Befund rein negativ gewesen sei, wahre aber sein Gewissen 
und gebe dem Untersuchungsrichter Anlass zu fernerer Thätigkeit seiner- 
seits durch den Zusatz: „dass der negative Befund die angeblich Statt 
gehabten Manipulationen u. dgl. nicht ausschliesse". Recht eigentlich 
gilt dies auch f&r die seltenen Fälle, in denen Knaben zu Unzuchten 
von Frauenzimmern gemissb raucht wurden, wenn der Befund, wie 
immer, wo nicht etwa gar eine Infection Statt gefunden hatte, ein ganz 
negativer war. 

Sind wirkliche Beischlafsversuche der Gegenstand der Untersuchung, 
so ist zu unterscheiden, ob ein solches Missverhältniss im Bau der bei- 
derseitigen Geschlechtstheile vorauszusetzen ist, dass eine bedeutendere 
Insultation der weiblichen erwartet werden kann, wie bei älteren Kin- 
dern; oder ob dies nicht der Fall war, wie bei Herangewachsenen, bis 
zur That aber noch jungfräulich gebliebenen Subjecten; oder endlich ob 
bei den Beschädigten der jungfräuliche Zustand längst vorher schon ge- 
schwunden und die Geschlechtstheile an das Eindringen eines fremden 
Körpers längst gewöhnt gewesen waren. Im erstem Falle werden alle 
Zeichen sogenannter Nothzucht am Körper gefunden werden, in den 
beiden letzten können immer noch einige derselben gefunden werden, 
vorausgesetzt st«ts, dass die Untersuchung möglichst rasch der angeb- 
lichen That folgte. Es gehören zu diesen Gesaramtbefunden folgende: 

1) Entzündliche Röthung, selbst leichte Excoriation der 
Schleimhaut im Introitus vaginae, eine Wirkung der bedeutenden Fric- 
tion, die bei Kindern niemals ganz fehlt und sich sehr bald nach der 
That einstellt, aber, zumal wenn nicht bald ein geeignetes ärztliches 
Verfahren dagegen eingeschlagen wird, mehrere Wochen andauern kann. 
Es kann eine solche entzündliche Reizung aus catarrhalischer Ursache 
entstehen, in Verbindung aber mit anderen Symptomen wird das Zei- 
chen nicht täuschen. Bei Erwachsenen, bis dahin Jungfrauen, findet 
man es schon nicht, oder sehr wenig angedeutet, bei Entjungferten nie- 
mals. Einige Male habe ich auch Entzündungen der grossen Lefzen, 
resp. Abscedirungen derselben als Folge von Beischlafsversuchen bei 
Kindern gesehen. 



108 §. 14. Nothzucht. Oertliche Symptome. 

2) Eitrig- schleimige Secretion der Vaginalschleirahaut, die 
ein grüngelbes, mehr oder weniger zähes, alle Wäsche stark beschmutzen- 
des Secret mehr oder weniger reichlich absondert, das nach Farbe und 
Consistenz vom Trippersecret in den ersten Stadien der Gonorrhoe ganz 
und gar nicht zu unterscheiden ist und besonders leicht ^ für Produkt 
wirklicher Tripperinfection geKalten werden kann, wenn, was zuweilen 
vorkommt, auch die Harnröhrenschleimhaut von der entzündlichen Rei- 
zung mit ergriffen ist und gleichfalls secernirt. Dieser Befund ist 
äusserst wichtig, denn man findet ihn namentlich und vorzugsweise bei 
Kindern bis zum zwölften und vierzehnten Jahre, wenn wirklich rohe 
Berührungen der Genitalien durch Nothzuchtsattentat oder sonstwie Statt 
gefunden hatten, fast beständig. Es kann derselbe Produkt der trau- 
matischen Schleirahautentzündung sein, wenn, wie recht häufig, bloss 
der Finger des Angeschuldigten der insultirende Körper gewesen ist. 
Man darf deshalb nicht mit Nothwendigkeit auf das Bestehen eines 
Trippers bei dem Stuprator zurückschliessen , den man doch sehr oft 
vollkommen gesund findet. In vielen anderen Fällen fanden wir die 
angeschuldigten Männer nur noch mit einer ungewöhnlichen Feuchtigkeit 
in der Harnröhre, die einzelne Tropfen glasartigen Schleim ausdrücken 
Hess, behaftet, dazu einzelne wenige Fleckchen in der Wäsche, wie sie 
diis letzte Stadium der ürethralblennorrhoe bezeichnen, aber auch aus 
catarrhalischer und anderen Ursachen nicht selten bei Männern vor- 
kommen. Ich habe aber aus einer sehr grossen Anzahl derartiger Beob- 
achtungen längst die üeberzeugung gewonnen, dass die kindliche Schleim- 
haut weit empfänglicher für den Reiz des Trippercontagiums ist, als 
die der Erwachsenen, und dass noch in den späten Tripperstadien An- 
steckung bei Kindern leicht erfolgt. Sicherer wird die Diagnose in 
zweifelhaften Fällen, wenn man sicli davon überzeugen kann, dass nur 
die Hamröhrenschleimhaut die Quelle der Secretion ist. Dies ist aber 
bei Kindern äusserst schwierig, oft ganz unmöglich. Findet man aus- 
nahmsweise wirkliche Urethritis, so wird man nicht irren, wenn man 
auf Tripperinfection schliesst, da alle anderen bekannten Ursachen. zu 
Genitalschleimflüssen die Harnröhre nicht berühren. Kann vollends der 
Angeschuldigte auch untersucht werden, und findet man bei ihm, wenn 
auch nur das allerletzte Stadium eines Nachtrippers, dann erhöht sich 
die Sicherheit der Diagnose. 

Der 19jährij>:e K. war seit fünf Monaten mit tiem Tnj>per behaltet. Am 23. De- 
cember hatte er sich die 6jährige Hulda auf den Bauch i^ele^i und Immissionsver- 
suche gemacht. Schon am vierten Tage hatte das Kind nach dem ärztlichen Attest 
,,weissen Fluss''. Bei meiner Untersuchung am 12. Februar (nach 7 Wochen) klagte 
das Kind noch über Schmerz beim Uriniren und Stuhlganjr. Hymen und Frenulum 
waren vollkommen unversehrt, der Scheidenein ^ang leicht geröthet und eine Blen- 
norrhoe vorhanden, deren Sitz ganz deutlich die Harnröhre war. 

Der 30jährige S. hatte 3 Wochen vor meiner L-ntersucliunji die lOjährige Marie, 
und G — 8 Wochen vorher die 7jährige Anna und die 7jähri<ro ßertlia 2:oinissbraucht. 
Ich fand bei ihm die Hamröhrcnmündung nicht mehr geröthet, noch ^^oscliwollcn, aber 
feucht, und beim Druck Hess sich, wie t^ewöhnlich noch in dor hH/Aen /eil des Trip- 
pers, ein Tröpfchen glasartigen Schleims ausdrücken, während das Hemd auch noch 
verdächtige grüne Flecke zeigte. Alle drei Kinder aber, bei denen die Untersuchung 
noch sehr schmerzhaft war, hatten eine gerölhete Schleimhaut des Introitus vaginae, 



§. 14. Nothzucht. Oertliche Symptome. 109 

die Mündungen der Harnröhren waren etwas geschwollen, das üriniren angeblich 
schmerzhaft, und ein starker, wirklicher Tripperausfluss war bei allen Kindern vor- 
handen. 

Im AUgemeiaen aber ist aus der Beobachtung der kindlichen Ge- 
scMechtstheile die Unterscheidung einer traumatischen von einer infec- 
tiösen Blennorrhoe schwierig und mit Sicherheit nicht festzustellen. 
Dieser Meinung ist auch Paschkis*). 

Adjuvirend für die wirkliche Trippernatur des Secrets ist ferner die 
Profusion des Ausflusses aus der Harnröhre, die bei keinem ander- 
artigen, ähnlichen so stark ist. Namentlich pflegt die traumatische 
Blennorrhoe weit weniger profus und von kürzerer Dauer zu sein. Des- 
halb wird man in zweifelhaften Fällen wohl thun, das Kind nach 8 bis 
10 Tagen zum zweitenmal zu untersuchen. Findet man dann die Blen- 
norrhoe gehoben oder wesentlich gemindert, so hat man alle Ursache, 
anzunehmen, dass nicht eine Tripperinfection, sondern eine blosse Blen- 
norrhoe durch Reizung der Schleimhaut vorliegt. — Blennorrhoen durch 
Wurmreiz veranlasst, sind an sich sehr selten und auch durch Mangel 
an Reinlichkeit erzeugte, sowie catarrhalische und scrofulöse Scheiden- 
schleimflüsse bei kleinen Mädchen spontan nichts weniger als häufig. Für 
die Annahme oder Nichtannahme der letzteren ist der allgemeine Habitus 
entscheidend. Wenn vollends das Kind blühend, kräftig, gesund, wenn gar 
kein anderweitiges Scrofelsymptom am Körper wahrzunehmen ist, dann 
hat der Arzt keinen Grund, eine Genital blennorrhoe als scrofulös zu 
erklären. — Mit entscheidend für die Feststellung des Charakters des 
Schleimflusses ist endlich auch die Zeit seines Entstehens im Vergleich 
zu der Zeit der angeschuldigten That. Traumatische Blennorrhoen ent- 
stehen gewöhnlich unmittelbar danach ; bei einem drittehalb Jahre alten, 
ebenso bei einem fast 7jährigen Kinde sah ich sie noch an demselben 
Tage entstanden, während der Tripper bekanntlich ein Incubationssta- 
dium hat, und die Tripperblennorrhoe sich gewiss nur in den seltensten 
Fällen vor dem dritten, vierten Tage nach der Ansteckung zeigen wird, 
nach Zeissl allerdings bereits früher. Da aber neben der Infection 
gleichzeitig stets ein Trauma eingewirkt hatte, so wird auf diesen Unter- 
schied zwischen traumatischer und infectiöser Blennorrhoe ein erheb- 
licher Werth nicht zu legen sein. Ermittelt es sich, dass die Blen- 
norrhoe erst wochenlang nach der angeschuldigten Unzucht bei dem 
Kinde bemerkbar geworden war, was gleichfalls nicht selten angegeben 
wird, dann hat man ein starkes diagnostisches Indicium für die nicht- 
tripperartige, sondern für die catarrhalische Natur der Krankheit. Bei 
Erwachsenen ist eine traumatische Blennorrhoe nicht mehr zu erwarten, 
ein catarrhalischer Ausfluss bekanntlich alltäglich. 

Es entsteht nicht selten in foro die Frage, weil die Vertheidigm»«^ 
sie aufwirft, ob der gefundene Ausfluss, oder noch andere der i 
zu nennenden Befunde nicht durch Selbstbefleckung der Eine 
zeugt sein könnten und somit also gar nichts für die Anklage bei 
Ich habe mehr als einmal Aerzte in Beantwortung dieser Frage. w 
müthig werden und dem öfifentlichen Ankläger dadurch den Bod 
Thatbestandes unter den Füssen fortziehen sehen, wahren'^ 



♦) Paschkis, Wien. med. Presse. No. 47. 1876. 



110 §.14. Nothzucht. Oertliche Sjrmptome. 

non liquet der Sache weniger nachtheilig gewesen wäre. Aber ich bin 
der Meinung, dass dieses non liquet man auszusprechen nicht nöthig 
habe. Schon a priori wird man dazu geführt, die oben genannte Be- 
hauptung der Vertheidigung zu verneinen. Die Onanie ist unter kleinen 
Mädchen aller Stände häufig verbreitet, und es würde ja eine jedem 
beschäftigten Arzte ganz bekannte und oft vorkommende Thatsache sein, 
dass er die hier beschriebenen Erscheinungen ohne den mindesten Ver- 
dacht gegen dasselbe ausgeübter Brutalitäten bei einem Kinde zu be- 
handeln hätte, wenn lediglich die Onanie sie erzeugte, von der nicht 
abzusehen, warum sie nur bei schlecht bewachten und der Gefahr 
eines Attentates ausgesetzten Kindern allein diese Wirkung haben, bei 
den vor dem letzteren geschützten Kindern aber diese Wirkung nicht 
haben sollte. Aber auch die direct« Beobachtung ergiebt das Gegen- 
theil. Die onanistischen Reizungen der Kinder beschränken sich grössten- 
theils auf Reizungen der Clitoris durch Frictionen, Betastungen und 
Zerrungen der kleinen Lefzen, in selteneren Fällen wird ein wollüstiges 
Einführen eines Fingers in die Vagina versucht und vorkommen, was 
selbstverständlich nur allmälig und ohne Schmerzgefühl ausgeführt 
wird. Erwarten kann man daher durch habituelle Onanie allenfalls die 
Befunde einer schlaffen, vergrösserten Clitoris, welker Lefzen, livider 
Röthung des Scheideneinganges, erweiterter Hymenalöffnung, Ausfluss 
eines blassen schleimigen Secretes. Ich sage erwarten, denn ich bin 
weit entfernt diese Zeichen beobachtet zu haben, die, wenn sie gefunden 
werden, vielleicht die Annahme habitueller Onanie rechtfertigen würden, 
ebenso als sie sichtlich von den hier genannten, subacuten, traumatischen 
Erscheinungen verschieden sind. Aber in der That ist es sehr zweifel- 
haft, ob diese genannten Erscheinungen, wenn sie sich finden, auf 
Rechnung der Onanie zu schieben wären. Dr. Ideler, Arzt am grossen 
städtischen Waisenhause, versichert wenigstens, und ich trete ihm nach 
den relativ viel weniger zahlreichen Beobachtungen, die ich gemacht, 
vollkommen bei, dass, wo er bei seinen Untersuchungen die unzweideu- 
tigsten Angaben und Eingeständnisse habitueller Onanie an den Kindern 
gehabt habe, er vollkommen intacte, in nichts von der Norm abweichende, 
kindliche Geschlechtstheile beobachtet habe, während andererseits er in 
vielen Fällen welker grosser Clitoris, welker Lefzen, chronisch gereizter 
Schleimhaut mit blassem catarrhalischen Secret wieder gar keine An- 
haltspunkte für die Annahme habitueller Onanie gehabt habe. Minde- 
stens folgt aus dem Vorstehenden, dass in foro das gewöhnlich ganz 
unsubstanziirte und eben nur als Einwand vorgebrachte Bedenken der 
Vertheidigung Seitens des Arztes aus seiner Wissenschaft zurück- 
gewiesen werden muss. 

3) Blutung oder angetrocknetes Blut in den Geschlechts- 
theilen oder in deren Umgebung ist ein Befund, den man namentlich 
bei kleineren Kindern gewöhnlich vermissen, dagegen bei Erwachsenen, 
bis dahin Jungfern, auf frischer That Untersuchten stets finden wird, 
wenn die Defloration wirklich zu Stande kam und die Gefässe des Hy- 
men zerrissen wurden. Es liegt auf der Hand, dass hier eine doppelte 
Täuschung möglich ist. Bei falschen Anschuldigungen werden die 
Theilc, die Wäsche absichtlich mit Blut besudelt, um die Klage zu be- 
gründen, und bei Subjecten im menstruationsfähigen Alter kann Men- 



§. 14. Nothzncht. Oertliche Symptome. 111 

strualblutang mit dieser traumatischen um so eher verwechselt werden, 
als es keine Unterschiede zwischen beiden Blutarten an sich giebt. Die 
besten neueren Beobachter, Bouchardat, Henle, Whitehead, J. 
Vogel, Donn6, Leuckardt, Scanzoni u. A., stimmen darin über- 
ein, dass das Menstrualblut dem gewöhnlichen Blut ganz gleich zu- 
sammengesetzt ist, dass es den Eiweissstoff, die Salze und nament- 
lich auch den ihm früher bekanntlich abgesprochenen Faserstoff des 
gewöhnlichen Blutes hat. Robin*) behauptet, dass das Menstrual- 
blut, auser den gewöhnlichen Blutelementen, eine Mischung der üte- 
rin- und Vaginal -Epithelialzellen und der Schleimkügelchen zeige, wie 
man sie in dem aus Gefässen geflossenen Blute nicht findet. Für die 
Nothzuchtsfirage aber ist dieser Befund nicht zu verwerthen, da die 
letztgenannten Elemente auch in der Vagina ohne Menstruation vor- 
kommen, folglich das untersuchte Blut auch ausserhalb der Menstrua- 
tionszeit dieselben Bestandtheile zeigen wird. Nicht einmal für absicht- 
lich mit anderem Blut auf der Wäsche erzeugte Flecke kann dieses 
Zeichen benutzt werden, da auch getragene Wäsche nicht frei von Epi- 
thelialzellen ist. Aber beide Möglichkeiten einer anderartigen Blutung 
werden zu verwerfen sein, wenn die übrigen Befunde dagegen sprechen. 

In einem schweren Criminalfall war uns die Frage vorgelegt, 
ob das Blut im Herade des Mannes von dem stuprirten und ver- 
letzten Kinde stamme, oder, wie Angeklagter behauptete, Menstrual- 
blut seiner Frau sei. Die microchemische Untersuchung Hess diese 
Frage nicht entscheiden, wohl aber unterstützte die blasse, röth- 
iich- gelbliche Farbe des ungewaschenen Fleckes die Angabe des An- 
geklagten. Dass übrigens grobe Unwissenheit eines Arztes einen 
Unschuldigen unter schwere Anklage bringen kann , beweist der 
von Romberg mitgetheilte , auch uns sehr wohl bekannte Fall 
von einem verstorbenen Berliner Arzte, der bei einem Kinde Blut- 
coagula vor den Geschlechtstheilen und Saamenflecke in dessen Hemde, 
als Resultate einer gegen dasselbe verübten Nothzucht, gefunden zu 
haben bescheinigte, während die oberflächlichste Untersuchung sogleich 
ergab, dass das geronnene Blut — Fflaumenmuss und die Saamen- 
flecke — Fettflecke gewesen waren, herrührend vom Genuss eines Ge- 
bäcks, welches das Kind am Abend vor dem Einschlafen im Bette ver- 
zehrt hatte!**) 

4) Erweiterung des Scheideneinganges. Da das Scheiden- 
rohr bei Kindern durch die Labia majora ganz verdeckt ist, und man 
dieselben nur in der Gegend der Clitoris allenfalls klaffend findet, so 
ist es von hoher Bedeutung, wenn man das umgekehrte Verhältniss, 
die Labia in der Vaginalgegend klaffend und den Eingang schwach aus- 
gebnchtet findet. Je jünger das Kind, desto weniger wird man geneigt 
sein, bei solchem Befunde etwa an Wirkungen der Onanie zu denken, 
wenn diese, wie bereits auseinandergesetzt, überhaupt diese Wirkung 
hat, was ich bezweifle. Vielmehr spricht eine solche Erweiterung ent- 
schieden für öfter wiederholte, theilweise Einpressung eines dickeren 
fremden Körpers, Fingers oder Eichelspitze, und in Fällen, in denen 



•) Annales d'Hygiine publ. 1858. X. S. 421 u. f. 
•^ s. den Fall in Casper's Wochenschrift. 1838. S. 234. 



112 §.14. Nothzucht. Oertliche Symptome. 

ein längerer Missbrauch von Kindern Statt gefunden hatte, habe ich diesen 
klaffenden Scheideneingang wiederholt gesehen. Dass eine einmalige, 
oder ein paarmal wiederholte Unzucht die Lage der Scheidenwände nicht 
verändern werde, versteht sich von selbst, so dass ein Fehlen dieses 
Befundes nichts für den Angeschuldigten beweisen kann. 

5) Eine frische gänzliche Zerstörung des Hymen oder (was 
nicht hinreichend bekannt ist und doch bei noch jungen Mädchen viel 
häufiger gefunden wird, als diese) ein oder mehrere Einrisse in die 
Ränder des Hymen. Die Einrisse können flacher oder tiefer sein, 
d. h. durch die ganze Duplicatur der Scheidenklappe bis zu ihrem Ansätze 
an den Scheideneingang sich erstrecken. Sie befinden sich vorzugsweise 
im mittleren und unteren Segmente der Klappe, doch auch im oberen. 
Mathematische Bestimmungen, wo das Hymen je nach seiner Form 
einreissen müsse, das lippenformige nach unten, das semilunare an zwei 
seitlichen, das annulare an vier Stellen, wie sie Tardieu aufstellt und 
Hofmann wiederholt, halte ich für eine müssige Spielerei, da selbst- 
verständlich dies von der Dimension und Gewalt des eindringenden 
Körpers abhängt, andererseits die Erfahrung solchen Constructionen Hohn 
spricht. Die Thatsache, dass Einrisse bestehen und sie als solche zu 
constatiren, ist das Wichtigste. 

So leicht bei unberührten Kindern das Hymen gefunden werden 
kann, so schwer, ja geradezu oft unmöglich ist es, die Membran auf- 
zufinden, wenn wirklich die zarten, engen Theile durch eine geschlecht- 
liche Brutalität, mag sie mit dem Gliede oder dem Finger u. s. w. be- 
wirkt worden sein, entzündlich gereizt worden sind und man die Unter- 
suchung in den ersten Tagen, selbst einige Wochen nachher auszuführen 
unternimmt. Die Schmerzen beim Auseinanderlegen der Schenkel und 
bei der manuellen Berührung der Genitalien sind dann den Kindern, 
zumal ganz kleinen, so höchst empfindlich, ihre Unruhe so gross, dass 
man sehr oft gezwungen ist, für jetzt abzustehen, oder sich, wie es 
wohl geschieht, mit einem oberflächlichen, raschen Einblick zu begnügen, 
der dann aber ungemein oft täuscht. Wie man das Hymen am 
Besten untersucht, sowie über den Gebrauch der Knopfsonde, ist schon 
oben berührt worden. In manchen Fällen ist es zweckmässig, die 
Kinder ä la vache zu untersuchen. Im Uebrigen findet man fast in 
keinem einzigen Falle bei kleineren Kindern bis zu 10 und 11 Jahren 
das Hymen zerstört, namentlich dann nicht, wenn nicht etwa Finger- 
manipulationen, sondern Frictionen mit einem männlichen Gliede vor- 
gekommen waren, weil ein solches bei der ausserordentlichen Enge des 
Scheidenkanales gar nicht, auch nicht mit der Eichelspitze, bis zur 
Insertionsstelle des Hymen gelangen kann. Bei 12 — 13jährigen Kindern 
fanden wir schon vollständige Entjungferung. Bei einem 13jährigen 
Mädchen z. B. drei Tage nach dem Attentat das Jungfernhäutchen ge- 
schwollen, blauroth, namentlich an der linken unteren Seite, und an 
zwei Stellen rechts unten mit gerötheten , leicht blutenden Rändern 
durchrissen. Dagegen können blosse Randeinrisse des Hymen durch 
Immissionsversuche auch schon bei kleinen Kindern erzeugt werden. 
Bei der 7 jährigen Hulda, die der Angeschuldigte vor 14 Tagen mehreremal 
auf seinen Schooss genommen, und bei der er dann Immissionsversuche 
gemacht haben sollte, fand ich ein sehr fleischiges, hochrothes Hymen 



§. 15. Kothzucht. Allgemeine Symptome. 113 

mit einem Einriss in den rechten Rand. — An der 8jährigen W. war 
ein Versuch zum Coitus vor 10 Tagen gemacht wordea, wir fanden an 
beiden Seiten je einen hochrothea, frisch vernarbten Einriss. Gerade 
diese kleineren Verletzungen des Hymen werden sehr häufig übersehen 
und können sehr leicht sich der Beobachtung entziehen, um so mehr, 
je kürzer nach der Entstehung die Untersuchung geschieht. Dagegen 
habe ich bei der so grossen Zahl derartiger Beobachtungen an Kindern 
^Zerreissungen" an den Genitalien bisher nur einmal bei einem 5jähri- 
gen Mädchen gesehen, bei welchem Scheide und Damm eingerissen 
waren (Fall 60). Ferner sah ich einmal bei einer erwachsenen, angeb- 
lich genothzüchtigten Person, die von hinten her vom Stuprator über- 
fallen worden sein wollte, einen erheblichen Dammriss. Albert*) be- 
schreibt eine durch ehelichen Beischlaf erzeugte Vaginalperforation bei 
einem 11 jährigen, unentwickelten Mädchen, die (in Arabien) ein 16 jäh- 
riger, vollkommen entwickelter Mann geheirathct hatte. Bei Erwach- 
senen, frisch Deflorirten ist die Untersuchung des Hymen leichter und 
ergiebiger, und eine frische von einer älteren Ein- oder Zerreissung 
der Membran nicht schwer zu unterscheiden, wie schon §.*11. bemerkt 
worden ist. 

§. 15. fortsetiing. b) Allgemeine SyvpUme. 

6) Die entzündliche Reizung in den äusseren Geschlecht^theilen, 
die sich auf die Nachbarorgane fortpflanzt, macht es erklärlich, dass 
eine fast niemals fehlende Folge einer gewaltthätigen Berührung der 
weiblichen Genitalien ein erschwertes Gehen mit instinctmässig beim 
Gange auseinandergehaltenen Schenkeln ist. Man findet dies nicht nur 
bei Kindern, bei denen dies auffallende und wegen der Unbekanntschaft 
des Publikums damit, höchst selten nur simulirt vorkommende Zeichen 
beobachtet, oder als vorhanden gewesen von den Angehörigen berichtet 
wird, sondern auch bei Erwachsenen nach der vollzogenen Entjungferung, 
auch wo sie, wie in der Ehe, mit völliger Zustimmung geschah; aber 
bei Erwachsenen verliert es sich schon nach wenigen, oft schon am 
folgenden Tage, während man es bei kleinen Kindern wohl noch nach 
8 bis 14 Tagen sieht. Aehnliches gilt 

7) vom schmerzhaften ürinlassen und Kothabgang, wobei 
die Vorsicht gebietet, nicht zu vergessen, dass diese subjective Angabe 
objectiv nicht festgestellt werden kann. Bei Kindern sind diese Zeichen 
sicherer zu verwerthen, als bei Erwachsenen, weil bei jenen an eine 
Simulation nicht zu denken ist. Gewöhnlich sind diese Klagen des 
Kindes da^ Erste, was die Mutter oder die Angehörigen des Kindes auf- 
merksam macht und den Vorfall zu ihrer Kenntniss bringt, den, auf- 
fallend genug, die Kinder fast in allen Fällen verschweigen, da sie durch 
die kleinen Belohnungen oder die Strafandrohungen der Thäter befangen 
gemacht und eingeschüchtert sind, auch wohl den Vorfall bald wieder 
vergessen. — Mit den angeführten Befunden am Körper ist die Grund- 
lage für das ürtheil gegeben, das aber durch anderweitige Untersuchun- 
gen noch erleichtert und zumal in schwierigem und zweifelhaften Fällen 



*) Recueil de xn6m. de m6d. milit. Fevr. 1870. 

Caiper-Liraan. GerichtL Med. 7. Aufl. L o 



114 §• 15- Nothzucht. Allgemeine Symptome. 

befestigt werden kann. Weniger Werth in dieser Beziehung legen wir 
im Allgemeinen 

8) auf Verletzungen am Körper der Geraissbrauchten , Kratz- 
wunden, Sugillationen, Stichwunden h. dgl. Bei Kindern kommen sie 
aus ersichtlichen Gründen fast niemals, wenigstens nur ausnahmsweise 
vor; wohl aber bei Erwachsenen, die mit Bewusstsein einen Kampf 
gegen den Angreifer unternommen hatten. Ein junger Schweinehirt über- 
fiel auf dem Felde ein Gänse hütendes Mädchen, nachdem sie sich An- 
fangs gewehrt hatte, mit einem Stich mit ihrem eigenen Brodmesser in 
den linken Oberarm, wodurch sie erschreckt und betäubt und seinen 
Zwecken nun dienstbar wurde. In einem Falle sahen wir eine Stran- 
gulationsmarke, welche, nach consumirter That, vom Stuprator durch 
versuchte Strangulation erzeugt worden war. Bemcrkenswerth sind hier 
namentlich auch Sugillationen an der Innenfläche der Schenkel, den 
Knieen. Erwähnt sei hierbei aber, dass nach Hof mann 's Mittheilung 
ein Arzt halbmondförmige pigmentirte Hautstellen, welche sich bei 
brünetten Weibern an der Innenfläche der Oberschenkel, den unteren 
Rand der Genitocruralfurche bildend, symmetrisch zu finden pflegen, 
mit Sugillationen verwechselte. Ein Kampf braucht aber nicht immer 
Spuren zurückzulassen, wenn z. B. beim kräftigen üeberfall und Nie- 
derwerfen sogleich alle Röcke der Frauensperson über den Kopf ge- 
worfen werden u. s. w., wie in dem 65. Fall die Spuren vonVerletzungen 
sich nur auf einen unerheblichen Nadelritz beschränkten. Dazu kommt, 
dass geringfügige VerletÄungsspuren, wie eben Nadelritze, Kratzwunden 
u. dgl., gewöhflttlich schon zur Zeit der späteren Untersuchung wieder 
verschwunden sind. Endlich ist nichts leichter und oft genug vorge- 
kommen, als künstliches und absichtliches Hervorrufen von derartigen 
Verletzungsspuren, um eine falsche Anschuldigung Seitens der denun- 
cirenden Partei glaubhafter zu machen. 

9) Muss ich dringend bei dieser schwierigen Frage, in der, ich 
wiederhole es, so oft die gröbsten Täuschungen verursacht werden, auf 
die Wichtigkeit einer psychologischen Diagnostik, mit und neben 
der somatischen, aufmerksam machen. Wo irgend möglich, überrasche 
man die Exploranda mit seinem Besuch und der Untersuchung, um sie 
darauf unvorbereitet zu treffen. Man folge genau dem Berichte über 
den angeblichen Hergang mit seinen etwa einleuchtenden Inconsequenzen, 
man frage sich: wen man hier vor sich hat? und man wird oft wich- 
tige, vielleicht entscheidende Andeutungen finden. In einem Falle 
mussten wir kein unerhebliches Gewicht darauf legen, dass ein Mäd- 
chen, welches in einem Garten mit einer offenen Mulde mit Fischen 
unter dem Arme hausiren gehend, überfallen und genothzüchtigt worden 
und dann fliehend davon geeilt sein wollte, weder die Mulde, noch auch 
nur einen einzigen Fisch am Orte der That verloren und zurückgelassen 
hatte. In einem anderen Falle behauptete ein Mädchen von einem Manne 
mit Gewalt entjungfert und dabei ihrer in zwei Thalern bestehenden 
Baarschaft beraubt worden zu sein. Nach einer Weile habe sie der 
Angeschuldigte gegen Entgeld von 50 Pf. noch einmal gebraucht. Wir 
fanden sie altentjungfert. 

Zur psychologischen Diagnostik in Betreff angeblich genothzüch- 
tigtcr Kinder, fast ohne Ausnahme der niederen Volksklasse, rechne 



§. 16. Nothzucht. Die Wäsche. 115 

ich ferner die Beachtung des Verhaltens der Mütter oder der Ange- 
gehorigen und des Verhaltens der Kinder selbst beim Examen. Ein 
äusserst wichtiger Punkt! Man hüte sich entschieden, in das Kind 
hinein zu examiniren, sondern lasse dasselbe und seine Mutter frei ge- 
währen und sich äussern. Aber auch dann wird man häufig wichtige 
Winke erhalten. Allerdings ist die Verderbniss auch bei noch unent- 
wickelten Mädchen häufig eine grosse und entsetzliche. Ein 13jähriges 
Mädchen, geschlechtlich noch ganz unentwickelt, aber, wie ich fand, 
durch drei grosse Einrisse in das Jungfernhäutchen bereits vor län- 
gerer Zeit deflorirt, die mit dem Angeklagten auf dem Abtritt zusam- 
men betroffen war, sagte im Schwurgerichtssaale aus, dass der Ange- 
klagte sie aufgefordert habe „Sein's in Ihres stecken zu lassen", und 
dass sie gewusst habe, was das bedeutet, ^da ihr Stiefvater es schon 
immer mit ihr so gemacht habe** (der deswegen im Zuchthaus sitzt!), 
und dass der Angeklagte, da sie sich dessen geweigert habe, sie ge- 
beten habe, ^ihm einen **, was sie denn auch gethan habe. In 

zahlreichen Fällen habe ich aber viel jüngere und aufgeweckte Kinder 
mit der grössten Unbefangenheit oder Frechheit den Hergang bei der 
angeblichen That mit allen in solchem Fall erschreckenden, kleinsten 
Einzelheiten sit venia verbo ableiern hören, so dass wenig Scharfsinn 
dazu gehörte, um hierin nicht sogleich ein dictirtes und auswendig ge- 
lerntes Pensum zu erkennen, und selten geschah es in solchen Fällen 
dann, dass der objective Befund meinen Verdacht nicht bestätigt hätte*). 
Ein Tjähriges Kind, welches in kecker Weise von „Mein's und Sein's** 
spricht, ein 12 jähriges Mädchen, welches von ihrem Seitens der Eltern 
angeschuldigten Onkel sagt: „er hat zweimal mit mir den Beischlaf 
vollzogen'* (!), ein 6j ähriges Kind (!), welches sagt: „er hat mir Seinen 
hineingesteckt und mir sein weisses Zeug (!!) in die Mimi eingespritzt", 
werden den Verdacht erwecken, dass man ihnen ihre Aussage soufflirt 
habe, wogegen unverdächtige Kinder sehr häufig und charakteristisch 
sich des Ausdrucks bedienen: ^er hat mich angepisst" oder „er hat 
mich unten gepiekt*», oder „er hat mich dahin gefasst", oder auch gar 
nichts sagen, sondern, gefragt was mit ihnen geschehen sei, weinend 
mit der Hand nach der Schaamgegend zeigen. 

10) Dass endlich auch ein negativer Beweis in Nothzuchtsfragen 
in sofern entscheidend werden kann, als eine wirkliche Defloration zur 
Zeit der That vorgegeben wird, während die Untersuchung zeigt, dass 
die Betreffende mindestens damals nicht mehr Jungfrau gewesen sein 
kann, da sie bereits früher — geboren haben musste, auch dafür sind 
uns lehrreiche Beispiele vorgekommen. 

§. 16. fortsetiing. e) die Wasche. 

Von grosser Wichtigkeit für die Diagnose dieser streitigen gesetz- 
widrigen Geschlechtsbefriedigung ist in allen Fällen die genaue Unter- 
suchung der Leib- und Bettwäsche, Kleidungsstücke, welche zur 



•) Ich habe hier die Zeit der Voruntersuchung im Auge, denn zur Zeit der 
Audienztermine, Monate nach der quäst. That, reproduciren die Kinder sicherlich 
nicht mehr ihre eigenen Wahrnehmungen, sondern auswendig Gelerntes. 

8* 



116 §. 16. Nothzucht. Die Wäsche. 

Zeit mit dem angeblich gemissbrauchten Körper (beiden Geschlechts, s. 
§. 13.) in Berührung gewesen war, welche Untersuchung ich fortwäh- 
rend, sowohl in den mir hier vorkommenden, gerichtlichen Fällen, alj 
auch vielfach von auswärtigen Gerichtsbehörden durch Einsendung dei 
Wäschestücke damit betraut, anzustellen in der Lage bin. Es sind 
dies die Untersuchungen auf Blut und männlichen Saamen, deren An- 
stellungsweise wir im zweiten Bande allg. Thl. ausführlich angeben 
werden. 

Blutflecke auf weissen Wäschestücken sind schon mit dem unbe- 
waffneten Auge ziemlich sicher zu erkennen, und vollständige Sicherheit 
giebt die speciellere Untersuchung. 

Dagegen sind für das Diagnosticiren der Saamenflecke in Wäsche 
der Augenschein, der Finger (durch Zerreiben der Wäsche) und die 
Nase (durch den Geruch der aufgeriebenen und in Wasser aufgeweichten 
Stellen) durchaus unzuverlässige Hülfsmittel. Denn, abgesehen von 
ungemein leicht möglichen Täuschungen durch Schleim, Eiter, Tripper- 
ausfluss, ist der männliche Saame nicht immer derselbe, und es hinter- 
lässt z. B. der Saame eines kräftigen, jungen, gesunden Mannes ganz 
andere Flecke, als der wässrige eines alten oder kranken Mannes; die 
Beimischung einer grösseren oder geringeren Menge prostatischen Li- 
quors bedingt eine verschiedene Beschaffenheit der Flecke. 

Endlich hat Gas per*), wie ich aus eigner Erfahrung bestätige, 
auf eine Schwierigkeit dieser Untersuchungen aufmerksam gemacht, die 
die späteren Schriften nun allgemein anerkannt und aufgenommen haben. 
Der Gerichtsarzt nämlich hat nicht in solchen Fällen zum Untersuchungs- 
object die weissen, feinen, oft gewechselten, und deshalb säubern Hemden 
der Menschen aus den höheren Ständen, sondern es sind fast ohne Aus- 
nahme groblinnene, abgetragene, vielfach mit allerhand Materien und 
Farbstoffen besudelte Hemden, in denen der Augenschein allein gar 
nichts Entscheidendes herausfindet, und nur die microscopische Unter- 
suchung den Zweifel lösen kann. 

Ausser in Kleidungsstücken kann auch der Nachweis von Saamen 
an dem weiblichen Körper von grosser Wichtigkeit für die Unter- 
suchung sein, so an den Schaamhaaren (Pf äff), in dem Scheidenschleim 
des nach dem Beischlaf getödteten Weibös. 

Durch immer fortgesetzte derartige Untersuchungen bin ich ferner 
auf ein sehr merkwürdiges Ergebniss gekommen, das heut ebenfalls 
nicht mehr bezweifelt wird. Mehr und mehr ist es mir nämlich auf- 
gefallen, in solchen Fällen von Nothzucht, in denen die Untersuchung 
des weiblichen Subjectes, so wie der Wäsche nach dem Augenschein, 
endlich der ganze Hergang des concreten Falles nach aller Erfahrung 
auf eine wirklich geschehene Saamenejaculation zu schliessen berech- 
tigten , dennoch diese Vermuthung durch die microscopische Unter- 
suchung nicht bestätigt gefunden zu haben, indem die:3elbe auch bei 
wiederholtem Untersuchen in den verdächtigen Flecken kein Saamen- 
fädchen nachwies. Die Erwägung nun, dass bei manchen Thieren, 
namentlich bei Vögeln, der Saame nicht zu allen Zeiten, sondern nur 
in der Brunstzeit Spermatozoon enthält, dass deren Ent Wickelung bei 



•) s. Vicrtcljahrsschr. für gerichtl. Med. Bd. I. S. 50. 



§. 16. Xothzucht. Die Wäsche. 117 

Bastarden gehemmt wird*), und die Erfahrung, dass die Saamenflecke 
in der Wäsche unter übrigens gleichen umständen keinesweges immer 
dieselbe Farbe und Consistenz zeigen, bei jungen, gesunden Männern 
anders aussehen, als bei alten und kranken u. s. w., die Thatsache 
endlich, dass Duplay in seinen Beobachtungen (S. 71) bei 51 Greisen 
14mal keine Fädchen im Saamen gefunden, veranlassten mich zu neuen 
Untersuchungen, die sehr merkwürdige Ergebnisse geliefert haben. 

In einer relativ grossen Anzahl von Fällen fand ich trotz aufmerk- 
samster Untersuchung in den Leichen Verunglückter, Selbstmörder oder 
sonst plötzlich verstorbener Menschen, obgleich sie im zeugungsfähigen 
Alter standen, weder in der Harnröhre, noch in den Saamenbläschen 
oder Nebenboden, wo sie doch sonst so leicht und unverkennbar wahr- 
zunehmen sind, Spermatozoen , und während in anderen Fällen wohl 
die Menge derselben wechselnd war, in vielen reichlicher Vorrath vor- 
handen war, in anderen einzelne wenige, erst nach längerem Suchen 
sparsam aufzufinden waren, fanden sich in anderen gar keine Saamen- 
fädchen vor. Aus einer grösseren Anzahl von Beobachtungen führe ich 
folgende an: 

1) Bei der Obduction eines erst vierundfünfzig.lahie alten Tischlermeisters. 
der einen Stich in's linke Ellenbogengelenk bekommen, die Resection des Olecranon 
(iherstanden, sechs Wochen in der Krankenanstalt gelegen hatte und an Pyümie ge- 
storben war, und der einen ungewöhnlich stark entwickelten Penis hatte, fanden 
wir in den SAamenbläschen keine Fädchen. 

2) Ein vierunddreissigjähriger, sehr gesunder und kräftiger Mann war vor 
drei Tagen ertranken. Die Leiche hatte nur achtzehn Stunden (im März) im Wasser 
gelegen and war sehr frisch. Der Saame in den Bläschen hatte das ganz normale 
Ansehen und zeigte keine Fädchen, auch in den ganz normalen Hoden und Keben- 
hoden keine Fäden. 

3) Ein droiund sechzigjähriger, aber viel älter aussehender Schuhmacher 
mit ganz weissgrauen Haaren, zusammengefallenem Gesicht und nur noch mit 2 bis 
3 2^hnen im Munde, war vier Tage vor der gerichtlichen Obduction auf der Char- 
lottenburger Chaussee übergefahren worden und gleich todt geblieben (Ruptur der 
Leber). Der etwas grün-gelblich-dickflüssige Saamen in den Saamenbläschen ent- 
hielt keine Spermatozoen. Auf mein Befragen erklärte mir dessen bei der gericht- 
lichen Obduction anwesende, bejahrte Ehefrau, dass der Mann ihr schon seit vielen 
Jahren nicht mehr beigewohnt habe. 

4) Ein fünfunddreissigjähriger Arbeiter, der sich erhängt hatte. Der toros 
iresialtete Mensch war 5 Fuss 4 Zoll gross, sehr fett; die sulzige Araclmoidealexsu- 
«lation erwies den Säufer. Ein Tropfen Feuchtigkeit in der Harnröhre enthielt kein 
Fädchen, aber auch in den Saamenbläschen fand sich kein einziges. 

5) Gärtner H., dreiunddreissig Jahre alt. ebenfalls ein toroser Mensch mit 
sehr starkem Backen- und Kinnbart, kräftigem Penis, starkem SchaamhaanÄ^ifhs. 
war. in einer Lehmgrabe schlafend, verschüttet worden. Bei viermaligen Unter- 
suchungen fand sich kein Fädchen in den Saamenbläschen. 

6) Ein neunzehn Jahre alter Lehrling war an Lungentuberculost- fünf \\o- 
rhen im Krankenhausc behandelt worden und gestorben. Keine Spermatozoen in 
den Bläschen. 



♦) J. Müller, Handb. d. Physiol. U. 1840. S. 637. 



118 §.16. Nothzucht. Die Wäsche. 

7) !Nacli nur eintiigigor Behandlung in der Charite war der vierzehn und 
ein halbes Jahr alte Lehrling B. an Lungenentzündung gestorben. Noch keine 
Spur von Bart an dem blonden, übrigens kräftigen Individuum. Am Schaamberg 
einzelne wenige Haare hervorspriessend. Das wässrige Secret in den Bläschen zeigt 
keine Spermatozoon . 

8) Ein ertrunkener dreissigjähriger Tischlergesell, gedrungenen Wuchses, 
hatte sehr frischen Saamen in den Bläschen, in welchem sich aber keine Spur 
von Spermatozoen fand. 

9) Im Februar war der vierund vi er zigjährige Drehorgelspieler N. inKohlen- 
oxydgas erstickt todt gefunden worden. Einige Tröpfchen milchiger Flüssigkeit in 
der Harnröhre Hessen eben so wenig auch nur eine Spur von Fädchen entdecken, 
als wiederholte Untersuchungen des Inhalts beider Saamenbläschen, der für das Auge 
durchaus saamenartig war. noch auch des Vas deferens, noch auch der Hoden selbst. 
Also wieder gänzliche Abwesenheit von Spermatozoen; der Mann hatte zwar 
sehr spärliches Kopfhaar, aber sehr starken Schnurr- und Kinn hart, einen entwickel- 
ten Penis und grosse, ganz gesunde Tcstikel. war auch im Allgemeinen durchaus 
gesund, ohne ein einziges krankes Organ und robusten Baues. 

10) In der Leiche eines dreiundvierzigjährigen, mit seinem Weibe in Koh- 
lenoxydgas erstickten Musikanten wurden weder in der Harnröhre, noch in den 
Saamenbläschen Spermatozoen gefunden. 

11) N., Erhängter von fünfunddreissig Jahren, sehr kräftiger Mann; Tod 
vor 38 Stunden. In einem Tröpfchen aus der Hjunröhre kein, aber auch in den 
Bläschen keine Fädchen. 

12) Gar keine bei einem einundachtzigjährigcn beim Mittagessen erstick- 
ten Manne. 

13) Ebenfalls gar keine bei einem einundachtzigjährigcn, übergefahrenen 
Schiffer. 

14) Auch bei einem ne u nun dz w an zigjährigen Erhängten fanden wir keine 
Fädchen. 

15) Ein kräftiger, sechzigjähriger, vcrheiratheter, im Microscopiren geübter 
Naturforscher, den ich für diese Frage interessirte, Vater einer zahlreichen Familie, 
untersuchte mit mir längere Zeit hindurch seinen eigenen Saamen nach dem Bei- 
schlaf. Hier sahen wir die grössten Abweichungen, die von uns gemeinschaft- 
lich jienau angezeichnet wurden. Am dritten Tage nach dem Beischlaf, vom letz- 
ten Akte ab gerechnet, eine grosse Anzahl sehr kleiner Spennatozoen ; nach er- 
neutem Coitus am vierten Tage wenige und kleine, nach nur zweitägiger Pause 
des Aktes keine, nach nur eintägiger Pause ein >vässeriges Sperma, in dem keine 
Fädchen gefunden wurden. Zu anderer Zeit am fünften Tage nach dem letzten Coi- 
tus sehr zahlreiche, ein andermal bei nach sechs Tagen erneutem Beischlaf we- 
nige, aber grosse, nach 72 stündiger Wiederholung des letzten Aktes, vier Monate 
s[»äter als die letzte Untersuchung, massenweise sehr kleine Fäden, und ein an- 
dernml am dritten Tage nach dem letzten Akte unzählige. Unmittelbar nach dem 
Beischlaf und vor Entleerung der Blase wurde die Harnröhre zweimal untersucht. 
Nach 24 Stunden auf den letzten gefolgten Coitus fanden sich darin in einem aus- 
j^edrückten Tröpfchen zahlreiche kleine, dagegen ein andermal drei Tage nach 
dem letzten Begattungsakt nicht ein einzij^es Fädchen. 

Diese Beobachtungen zeigen, dass nicht jeder Saame jedes Mannes 
immer Saaraenfädchen enthält, dass aber auch nicht bei einem und 
demselben Manne dergleichen zu allenZeiten sichtbar sind. Ob, wie 



$• 17. Nothzuchi. Controversen. 110 

es den Anschein hat, lange Krankheit, ob Excesse in venere, gonor- 
rhoische Hodenkrankheiten auf die Erzeugung und Wiedererzeugung 
dieser Organismen Einfluss haben, darüber werden erst fortgesetzte 
Beobachtungen entscheiden müssen. Neuere Untersuchungen lehren in der 
That, dass die »Azoospermie'* durch Excesse in Venere, Spermatorrhoc, 
doppelseitige (gonorrhoische) Entzündung der Hoden (Epididyraitis) oder 
durch Verschluss der Saamenwege jenseits der Prostata entsteht*). 

Für die forensische Praxis genügen schon unsere negativen Beob- 
achtungen, denn sie beweisen: dass zwar Saaraenflecke als solche 
constatirt sind, wenn das Microscop in ihnen jene specifi- 
schen Elemente des Saamens nachweist, dass jedoch die Ab- 
wesenheit von Spermatozoen in den Flecken nicht beweisen 
kann, dass dieselben nicht von wollüstiger Ejaculation aus 
der Harnröhre herrührten. Der Gerichtsarzt wird hiernach sein 
Urtheil zu formuliren haben. 

§. 17. fortsetiiig. d) Centrofersen. 

Seit alten Zeiten hat die Nothzucht zu einigen Streitfragen Anlass 
gegeben, die wir jetzt als entschieden betrachten können. Man hat 

1) bezweifelt, ob ein gesundes, bewusstes, erwachsenes 
Frauenzimmer von einem einzelnen Mann überhaupt so bewältigt 
werden könne, um den Beischlaf wider ihren Willen erdulden zu 
müssen? Bei den so häufigen falschen Anschuldigungen aus gemeinen 
Motiven, wie Rache, Gelderpressung u. s. w., hat, abgesehen ausserdem 
von der Frage wegen der Möglichkeit der Schwängerung, die Frage 
anscheinend ein practisches Interesse. Allerdings hat ein Frauenzimmer 
unter jenen Bedingungen Mittel, durch Bewegungen des Beckens die 
ganzliche Vollziehung eines Beischlafs zu verhindern, und die Unmöglich- 
keit würde sofort anzunehmen sein, wenn das weibliche Individuum 
gesund, bewusst und erwachsen, dabei auch noch ein sehr kräftiges, 
der Mann aber alt, krank, schwächlich gewesen wäre. Umgekehrt aber 
würde sich der Fall ganz anders gestalten, wenn das Weib, immerhin 
gesund, bewusst und erwachsen, doch nur schwächlich, der Mann dagegen 
sehr muskelstark und im kräftigsten Alter gewesen wäre. Hieraus 
geht schon hervor, dass auch bei dieser Frage, wie fast überall in gc- 
richtlich-medicinischen Dingen, nicht absolut, sondern concrct zu 
entscheiden, und der einzelne Fall als solcher mit allen seinen Um- 
standen in's Auge zu fassen ist. Bei ungefährer gleicher Kraft auf 
beiden Seiten würde man allerdings besonders vorsichtig sein müssen. 
Bestürzung, Furcht, augenblickliche Betäubung durch Niederwerfen auf 
der einen, ungewöhnliche Kraft und Geschlechtswuth auf der anderen, 
männlichen Seite können die betreffende Aussage der Gemisshandelten 
vollkommen glaubhaft machen. Der seltene 68. Fall, so wie einige 
andere, unten folgende, geben hierfür lehrreiche Beispiele. Im Uebrigen 
nehmen die neuern Gesetzgebungen gar keine Rücksicht mehr auf diese 
alte Controverse, die sonach an sich allen Werth verloren hat. Die 
Sache liegt in jedem einzelnen Falle so, dass der Gerichtsarzt den ob- 



*) Rheinstädter, 1. c, Carschmann, i. c. 



120 §. 17. Xothzucht. rontrovprson. 

jcctiven Tliatbcsttind, der Richter den subjectiven festzustellen hat; dass 
Jener nach den obigen Kriterien zu erklären hat: dass die N. N. eine 
derartige Brutalität erlitten, dass dieser dann prüfen wird, ob der An- 
geschuldigte N. das Verbrechen begangen habe, und wenn Umstände 
physischer Natur vorliegen, die dem Richter Zweifel darüber aufdrän- 
gen, ob dieser Mann überall dieses Weib habe bewältigen können 
und dem Sachverständigen dann diese Frage vorgelegt wird, so wird 
derselbe nach dem, was wir ausgeführt haben, wohl unschwer sein ür- 
theil abgeben können. Eine allgemein gültige Thesis, betreffend diese 
Möglichkeit der Nothzüchtigung eines erwachsenen, bewussten, nur 
massig kräftigen Frauenzimmers durch einen einzelnen Mann, ist sonach 
gar nicht haltbar. 

2) Kann ein Frauenzimmer im Schlaf stuprirt werden? wobei 
der natürliche Schlaf, nicht aber künstlich durch Spirituosa, Narcotica 
u. s. w. bewirkter, oder selbst nur krankhafte Schlafsucht verstanden 
sein soll, welche ein anderer Zustand ist. Metzger*) wirft die schon 
vor Jahrhunderten erwogene Frage auf, ohne sie irgendwie zu beant- 
worten; die Neueren erwähnen sie nur ganz beiläufig, während immer 
wieder die Gutachten der Leipziger und der Hallischen Facultät bei 
Zittmann und Tropanegger citirt werden. Bei Zittmann**) war 
es ein 20 jähriges Mädchen, die niederkam, aber ihren Eltern, ^die sie 
aufs Härteste zur Rede gesetzt, zum Höchsten betheuert, dass sie von 
keiner fleischlichen Berührung das Geringste wisse. Einstens aber hätte 
sie einen empfindlichen Traum erlitten, darüber sie aufgewachet und 
einige Nässe im Schoosse empfunden, wüsste aber bis diese Stunde nicht, 
woher?"* u. s. w. Das Responsum der Leipziger Facultät bezweifelte nach 
diesem Sachverhalt (!) gar nicht die Möglichkeit des Beischlafs im 
Schlafe und meinte, es -miig wohl sein**, dass die Schlafende dabei habe 
concipiren können. Noch weit interessanter nimmt sich der zweite Fall 
bei Zittmann an der Quelle aus. Hier war das Mädchen, angeblich 
auf einem Lehnstuhl sitzend, eingeschlafen, von einem Barbiergesellen 
stuprirt worden, und die Facultät begutachtet, dass unter diesen Um- 
ständen ^solches nicht vor ganz unmöglich zu achten sei", und ,, wel- 
ches**, wird von dieser jungen, gewiss sehr glaubwürdigen Dame hin- 
zugefügt, ^hier um so eher geschehen konnte, da Stuprator solche schon 
vor etlichen Wochen einsten im Bette würklich und vollkommen fleisch- 
lich erkennet und violiret**. (!!) Und solche Fälle wurden bona fidc 
als wissenschaftliches Material hingenommen! Es ist gewiss ein neuer 
lehrreicher Beweis für die Art der Bearbeitung der gerichtlichen Medi- 
cin, wenn ich anführe, dass diese Zittmann 'sehen (Leipziger) Fälle 
nun wieder als „Citate** (!) von der Halleschen Facultät benutzt wur- 
den, die in einem späteren Falle***), in welchem eine Jungfrau, durch 
Sern, strammonii betäubt, stuprirt worden sein sollte (..auf einem kleineu 
Stühlgon ohne Lehnen sitzend !**), eine Geschichte, die wieder nur auf 



♦) System ii. s. w. 5. Aiill. Köni^'sborir. 1820. S. 537. 

**) Medic. forensis h. u. re.sponsa fac. racJ. Lipsiciis. etc. Francof. 17Ö6. S. 
llofi, Ca.s. '2\.: an virpo alto .somno .sepulta dcflorari et imi»raesj:iiari possit? S. Ifi42, 
Cas, 77.: dormiens in sella virgo an in.scia dellorari possitV an citra iraraissionem 
seminis per solain hiijus spiritu ascentiam concipere qiieat? 

•••) Tropanegger, Decisiones etc. Dresden. 1733, S. 298. 



§. 17. Nothzucht. Controversen. 121 

der eigenen Angabe des Mädchens beruht, sogleich in ihr Responsiim 
den Satz aufnahm: „so leicht nun eine Virgo auf einem kleinen Stuhl 
kann deflorirt werden bei natürlichem tiefen SchlaflF, wenn der Situs cor- 
poris bequem** u. s. w.! Ich werde weiter unten einen hierhergehöri- 
gen Fall aus eigener Erfahrung mittheilen. Es lohnt aber wohl in der 
That nicht der Mühe, darzuthun, dass solche Thatsachen, wie die obi- 
gen, allen und jeden Haltes entbehren, und dass man solche Albern- 
heiten, welche liederliche Dirnen vorbringen, um sich als schuldloses 
Opfer darzustellen, nicht besser abthun kann, als mit den Worten des 
alten Valentin: non omnes dormiunt, qui clausos et conniventes habent 
oculos!*) 

Wenn nun gar Schürmayer**) behauptet, dass „Fälle practisch 
geworden**, in denen ^ein geistesgesunder Mann im Schlafe und, ohne 
der Sache bewusst zu werden, einer weiblichen Person, neben der er 
im Bette liegt, beiwohnen könne*, so müssen wir die Beweise dieser 
Behauptung erwarten. 

3) Was ist willenlos, bewusstlos und geisteskrank im Sinne 
des §. 176., von welchen Alinea 2 dieses Paragraphen spricht. Die 
Frage nach der Willenlosigkeit, resp. Geisteskrankheit einer Person, 
welche stuprirt worden, kommt nicht gar zu selten in foro vor und 
hat uns mehrfach beschäftigt. 

Es kann sich hier nicht um die physische Unmöglichkeit, seinen 
Willen zu bethätigen, handeln, um den Zustand der Wehrlosigkeit, wie 
von Einigen der Begriff der Willenlosigkeit gegenüber dem der Geistes- 
krankheit aufgefasst worden ist (den der Oesterr. Entw. §. 131. aus- 
drücklich benennt), ein Zustand, welcher den ärztlichen Sachverständi- 
gen nicht berührt. 

Es kann hier nur in Frage stehen derjenige Mangel an Willen 
und Willensenergie, welcher, abgesehen von künstlicher Betäubung (Bc- 
wusstlosigkeit), z. B. durch Rausch, bedingt wird durch zurückgebliebene 
oder krankhaft gehemmte, psychische Entwicklung, d. h. also es lian- 
delt sich um die Beurtheilung mehr oder weniger von Haus aus schwach- 
sinniger oder durch Psychose schwachsinnig gewordener Frauenspersonen. 



•) Ein höchst sonderbarer Fall ist im Edinburgh medic. Journal, Decembor 
1862, S 570, vom Advocaten Cowan aus Dumfries in Schottland mitgetheilt. Eine 
seit 16 Jahren verheirathete Gastwirthin, Mutter dreier Kinder, hatte sich Nachts, 
nachdem sie, die Nacht zuvor wach geblieben und von Anstrengungen sehr ermüdet 
war, zu Bett gelegt und zwar — ganz angekleidet, mit Röcken und Crinolin'^ und, 
nach Gewohnheit, auf die linke Seite. Sie fiel in festen Schlaf. Nachdem sie eine 
halbe Stunde geschlafen, fühlte sie einen schweren Druck auf sich, glaubte ihr Mann 
läge auf ihr, richtete sich auf, wobei sie bemerkt, dass sie jetzt mehr auf dem Rücken 
lag, und sah nun, dass ihr Stallknecht, der seit Jahren in ihren Diensten war, auf 
ihr lag, und ^dass sein Körper mit dem ihrigen in Berührung und seine Geschlechts- 
theile in den ihrigen waren". Sie war ganz nass geworden. Der Knecht hob sich 
von ihr hinweg, sie sah, wie er sich die Hosen zuknöpfte, rief ihren Ehemann, der 
nt>ch im Nebenzimmer die Zeitungen las, Iheilte ihm sofort Alles mit, tmd der Kneeht 
wurde augenblicklich der Polizei übergeben. Die Geschworncn sprachen das Schuld ij;- 
aus, und der Angeklagte wurde zu zehn Jahren Strafarbeit verurtheili Aerzte siml 
nicht befragt worden. — Auf der linken Seite liegend? Mit Röcken und Crinoline 
bekleidet? Und ein consumirter Beischlaf? Das muss allerdings ein sehr fester 
Schlaf gewesen sein!! 

♦^ Lehrbuch d. gerichtl. Medicin. Erlangen. 1861. S. 363. 



122 §. 17. Nothzucht. Controversen. 

Der Gesetzgeber zeigt uns meines Erachtens den Wog, den wir 
bei Erklärung dieses Begriffes zu gehen haben, denn er stellt die 
Willenlosen zusammen mit den noch nicht 14jährigen Kindern. Von 
diesen nimmt er vermöge ihres jugendlichen Alters an, dass sie noch 
nicht das ünterscheidungsverraögen für die in Rede stehende Handlung 
besitzen und deshalb willenlos einem anderen Willen Preis gegeben 
sind. Ebenso ist nun aber auch eine Person über 14 Jahren, wenn 
sie vermöge ihres geistigen Zustandes das strafrechtliche Unterschei- 
dungsvermögen für die qu. Handlung nicht besitzt, d. h. nicht fähig 
war, die Bedeutung der mit ihr vorgenommenen Handlung und ihrer 
Folgen zu übersehen und sich deshalb für Zulassung oder Verweige- 
rung derselben zu entscheiden, als willenlos im Sinne des §. 176. zu 
erachten. 

Auch unter „Geisteskrankheit** wird hiernach analog dem §. 51. 
D. St. G. eine krankhafte Störung der Geistesfunctionen, durch welche 
die freie Willensbestimmung aufgehoben war, zu verstehen sein. In 
zwei Fällen, die ich beispielsweise anführe, habe ich entsprechend den 
oben aufgestellten Grundsätzen geurtheilt*). Dass nichtsdestoweniger 
der Geschwornenrichter unabhängig von solcher Ausführung sich oft sein 
ürtheil bildet und danach entscheidet, darf uns in Abgabe unseres 
Gutachtens in ähnlichen Fällen nicht beirren. 

4) Kann ein Frauenzimmer im Akte der Nothzucht, also bei het- 
tigstem Widerwillen, oder selbst, wenn sie während dieses Aktes ganz 
bewusstlos geworden wäre, geschwängert werden? Erfahrung nnd 
Physiologie vereinigen sich, um die Frage unbedingt zu bejahen. In 
älterer Zeit hielt man die entgegengesetzte Ansicht fest, von der Hypo- 
these ausgehend, dass Wollustempfindung Bedingung zur Empfangniss 
sei, jene aber unter den gedachten Begattungsverhältnissen nicht auf- 
kommen könne. Schon Haller aber, Roose u. A. beriefen sich auf 
die Erfahrungen der Aerzte von ehelichen Geburten ohne jemals da- 
gewesene Wollustempfindung der Mütter im Connubiura. Und welcher 
ältere Arzt, fragen wir, hätte dergleichen glaubwürdige Beobachtungen 
nicht, wie wir, oft genug gemacht? Besonders beweisend sind solche, 
häufig genug vorgekommene Fälle, wo eine und dieselbe Frau erst in 
späteren Jahren ihrer Ehe allmälig die Wollust empfinden lernt und 
dies dem Gatten oder dem Arzte ihres Vertrauens mittheilt, eine Täu- 
schung also gar nicht aufkommen kann. Im üebrigen und physiologisch 
betrachtet, braucht die Befruchtung des Eies wohl eben so wenig em- 
plunden zu werden, als dessen Ablösung aus dem Graafschen Folli- 
feel jemals empfunden wird. Mit Recht zweifelt deshalb der Gesetz- 
geber seinerseits durchaus nicht an der Möglichkeit der Befruchtung in 
Nothzucht oder im bewusstloscu Zustande, und bestimmt die Ent- 
schädigung für solche Fälle. Bei uns und unter allen ähnlichen Ge- 
setzgebungen hat sonach diese Frage allen practischen Wcrth verloren. 

5) Wie weit bestätigen venerische Symptome bei der angeb- 
lich Genothzüchtigten den Thatbestand? Eine sehr wichtige und durch- 
aus practische Frage, die uns sehr häufig im Leben beschäftigt hat. 
Nichts scheint einfacher und geschieht auch allerdings Seitens noch 



♦) Vgl. auch Krafft-Ebiug. Fried rcich's Blätter 1873. 2. 



§. 17. Nothzucht. Controversen. 123 

wenig Erfahrener leichter, als dass vorhandene Blennorrhocn oder gar 
Ulceratiouen an den Genitalien des weiblichen, wohl gar sehr jugend- 
lichen Subjects, wohl gar endlich des Kindes, sofort für die Diagnose 
der Nothzucht vollkommen bestätigende Erscheinungen gehalten werden. 
Allein man hüte sich vor voreiligen Schlüssen. Dass nicht Alles, was 
an blennorrhoischen Ausflüssen bei kleinen Kindern nach wirklich ge- 
schehenen Brutalitäten beobachtet wird, für Tripper zu halten, ist schon 
oben gesagt, und andererseits muss darauf aufmerksam gemacht wer- 
den, dass, wenn der Stuprator einen Tripperausfluss zur Zeit der Unter- 
suchung nicht hat, daraus in doppelter Beziehung nicht folgt, dass 
nicht dennoch er das Kind gemissbraucht haben könne. Denn einerseits 
wiederhole ich, dass fast in allen Fällen die blosse Friction Kindern 
eine Blennorrhoe verursacht, und andererseits ist zu erwägen, dass der 
Angeschuldigte zur Zeit der That allerdings noch einen Tripper im letz- 
ten Stadium gehabt haben, der jetzt, oft viele Wochen lang später, zur 
Zeit der Untersuchung seines Körpers verschwunden sein kann; eben- 
falls mir häufig vorgekommene Fälle. 

Nun aber, abgesehen von spontanen Genitalblennorrhöen, die, wie 
schon bemerkt, bei Kindern wenigstens, selten vorkommen, und die mit 
einer etwaigen Nothzucht nicht das Geringste gemein haben, können 
auch Geschwürsformen täuschen. Paschkis*) hebt hervor, dass es 
eigentlich keine Eigenthümlichkeiten des einfachen venerischen Ge- 
schwürs giebt, dass kleine Verletzungen, namentlich Risswunden, Kratz- 
wunden, wenn sie längere Zeit nicht gereinigt wurden, von dem Scheiden- 
secret stets besudelt werden, einen grauweissen, diphtheritischen Belag 
annehmen, und dass auch bei solchen (traumatischen) Geschwüren sich 
unterminirte Ränder finden, so dass ein Auseinanderhalten dieser von 
venerischen Geschwüren oft absolut nicht möglich ist. Ferner aber 
giebt es auch eine eigene Form von aphthösen, diphtheritischen, leicht 
brandig werdenden Geschwüren an der Schleimhaut der grossen und 
kleinen Lefzen (Noma pudendorum), die nach kreisrunder Form, Härte 
der Ränder, speckigem Grunde u. s. w. die allergrösste Aehnlichkeit 
mit primären Chankern haben, ganz spontan entstehen und leicht auf 
venerische Infection irrthüralich schliessen lassen können. In einem 
Falle, in einer Familie höheren Bürgerstandes, in welchem ein solcher 
Fall ausserordentlich täuschend vorlag, ist durch mein ganz bestimmtes, 
später in allen Punkten bestätigtes ürtheil grosses Unglück für die 
Betheiligten verhütet worden. In einem anderen Falle, der in der Hefe 
der Berliner Vorstädte vorkam, fand sich ein eben solcher Pseudo- 
chanker an den grossen Labien eines (genau wie im vorigen Falle) vier- 
jährigen Mädchens, und hier hatte der Vater den Zuhalter seiner Frau, 
diese den Vater beschuldigt, das Kind gemissbraucht und inficirt zu 
haben! Beide Männer waren aber gesund gewesen und geblieben, und 
das Geschwür heilte mit blosser Reinlichkeit in 10 bis 14 Tagen. Auch 
Andere haben dasselbe beobachtet, ja diese Geschwüre sind in fast 
epidemischer Verbreitung vorgekommen. Percival**) erzählt den er- 
schreckenden Fall von Jane Hampson, vier Jahre alt, die 1791 ins 



•) 1. c. 
♦•) Beck, a. a. 0. S. 55. 



124 §. 17. Nothzucht. rontrovorsen. 

Krankenhaus (zu Manchester) aufgenommen wurde, mit sehr entzünd- 
lichen, „geschwürigen** und schmerzhaften Geschlechtstheilen und Schmer- 
zen beim üriniren. Das Kind hatte, wie festgestellt ward, zwei oder 
drei Nächte mit einem vierzehnjährigen Knaben in Einem Bette ge- 
schlafen. Es starb nach neun Tagen: der Chirurg Ward gab ein 
Gutachten, dass des Kindes Tod durch „äussere Gewaltthätigkeit" ver- 
anlasst worden sei, und die Folge war ein Geschwornenwahrspruch auf 
^des Mordes schuldig" ! Nach einigen Wochen kamen „verschiedene ähn- 
liche Fälle" vor, und auch einige dieser Kinder starben. Das Verdict 
konnte glücklicherweise noch zurückgenommen werden. Ganz ähnlich sah 
Capuron*) 1802 ein vierjähriges Mädchen, die einen scharfen Vaginal- 
schleimfluss hatte. Die grossen Lefzen waren roth, schmerzhaft, ge- 
schwollen, und selbst recht tiefe Ulcerationen- waren sichtbar. Die Eltern 
behaupteten Nothzucht. Es war aber „nichts anderes, als eine catarrhali- 
sche Affection, die zur Zeit in Paris epidemisch herrschte". Einen ganz 
ähnlichen Fall sah Capuron 1809 noch einmal. Ebenso ist ein neuerer 
Fall von Wilde in Dublin mitgetheilt. **) Ein lOjähriges Mädchen 
hatte am 22. October 1857 mit einem Knecht in der Stube ihrer Eltern 
in einem Bett geschlafen, die in der Nacht nichts Auffallendes gehört 
hatten. Drei Tage später erkrankte das Kind. Es entstanden sich rasch 
verbreitende, brandige Geschwüre an den Genitalien, und dreizehn Tage 
nach jener Nacht starb das Kind. Man fand brandige Zerstörung bis 
zum Uterus und zur Harnblase, das Perinaeum zerstört u. s. w. Der 
der Nothzucht angeschuldigte Knecht wurde zu lebenslänglicher Straf- 
arbeit verurtheilt, während es nach Wilde 's genauer Darstellung unzwei- 
felhaft ist, dass hier gar keine Nothzüchtigung Statt gefunden hatte, 
sondern dass ein Noma pudendi vorlag. Vergebens petitionirle Wilde 
bis in die höchste Instanz, um den unglücklichen Knecht zu retten, und 
citirt A. Cooper, welcher schon behauptet hat, dass gewiss viele An- 
gcs(jhuldigte aus einem ähnlichen schrecklichen Irrthum gehängt worden 
seien (die frühere Strafe in England bei Nothzucht)! Ein ähnlicher Fall 
wie der Wilde'sche, gleichfalls mit tödtlichem- Ausgang, ist, wie der 
eben genannte, erwähnt von M. Heine***). Das sind sehr warnende 
Beispiele. 

Man wird deshalb mit grösster Vorsicht und mit genauer Beach- 
tung des Gesammtfalls, der übrigen sich etwa vorfindenden oder nicht 
vorfindenden Zeichen der Nothzucht, und namentlich Beachtung des 
Stadiums des anscheinenden venerischen üebcls, verglichen mit 
der Zeit seines angeblichen Entstehens durch die vorgebliche Noth- 
zucht, zu verfahren und darnach sein Urtheil abzumessen haben. Die 
Diagnose wird erleichtert werden, wenn man gleichzeichtig den Ange- 
schuldigten zu untersuchen in der Lage ist und bei ihm die gleiche 
Form der Affection findet. 

Einen nicht kleinen Thcil der von mir Untersuchten fand ich aber 
wirklich venerisch angesteckt, und zwar meistens mit wirklichem 
Tripper, fünfmal mit ächten primären Chankern und dreimal mit spitzen 



*) Devcrgio, a. a. 0. S. 359. 
*•) Annalcs (rUygienc publique 1850. S. 347. 
•••) Prager Vicrteljahrschrift 1859. iV. S. lOS. 



§. 17. Nothzucht. Controversen. 125 

Condylomen. Bekannt ist wohl, dass im gemeinen Volke, nicht allein 
bei uns, das absurde und grässliche Vorurtheil herrscht, dass ein vene- 
risches üebel am sichersten und schnellsten durch Beischlaf mit einer 
reinen Jungfrau, am zweifellosesten mit einem Kinde, zu heilen sei, 
woraus sich unsere zahlreichen Befunde erklären. Findet man nun die 
oben angegebenen Zeichen einer frischen Nothzucht, findet man Glaub- 
würdigkeit in den Aussagen des Subjects oder der ^Angehörigen, be- 
treffend Schmerzen beim Stuhl und Uriniren vor Entstehung der 
Blennorrhoe, und beachtet man, wie gesagt, das Stadium und das, was 
über den Verlauf der Krankheit berichtet wird, so wird man dann 
mit gutem Gewissen den Fall beurtheilen können und ihn richtig beur- 
theilen. Aber noch in einer andern Beziehung endlich wird man erst 
^durch Erfahrung klug" und lernt man erst durch längern Verkehr mit 
der Hefe des Volks, wie weit menschliche Verderbtheit gehen kann! 
Das ganz jugendliche Subject hat wirkliche, primäre, syphilitische Sym- 
ptome und hat sie angeblich von dem als solchen denuncirten Stuprator 
davongetragen. Der Fall ist noch nicht durch lange verflossene Zeit 
verwischt. Aber der Angeschuldigte ist ganz gesund. Wieder urtheile 
man nun nicht umgekehrt voreilig, in Erinnerung etwa an unsere obigen 
Warnungen, dass hier gar keine Ansteckung vorliege. Sie lag aller- 
dings vor bei der elQährigen Tochter einer Schuhflickerfrau, welche 
gegen einen durchaus unbescholtenen Mann eine Anschuldigung auf Noth- 
zucht des Kindes vorgebracht hatte, das er bei gelegentlichen Ankäufen 
in seinem Laden gemissbraucht und angesteckt haben sollte. Die 
grossen Lefzen des Kindes klafften; dieClitoris war ungewöhnlich ent- 
wickelt, der Introitus vaginae entzündlich geröthet, ohne Simulation 
sehr schmerzhaft für die Berührung, das Hymen erhalten, aber sehr 
erweitert, und eine wirkliche, sehr copiöse Urethral-Tripper-Blennorrhoe 
vorhanden. Das Gutachten ging dahin: dass eine vollständige Immission 
nicht, wohl aber Versuche dazu mittelst eines tripperkranken männ- 
lichen Gliedes stattgefunden hätten. Die weitere Untersuchung ergab 
die Richtigkeit des Urtheils, nicht aber die der Denunciation. Es wurde 
nämlich ermittelt, dass die Mutter, nachdem sie vergeblich versucht, 
Geld von dem Kaufmann zu erpressen, ihr Kind ihrem eignen Zuhalter, 
von dem sie wusste, dass er mit dem Tripper behaftet war, mit wel- 
chem er sie selbst — wie ich später fand — angesteckt, absichtlich 
übergeben hatte, um den Kaufmann mit dem vorauszusehenden Erfolg 
zu erschrecken und so die — pecuniäre Nothzucht gegen ihn auszu- 
fuhren!! In einem ähnlichen Falle (bei Fodcre*)) von heftigem Harn- 
röhrentripper eines zwölQährigen Mädchens wurde der ganz unschuldige, 
50jährige, angeschuldigte Gefangene (!) entlassen, als sich ermittelte, 
dass man das Kind bei einer Lohnhure hatte schlafen lassen. — Dass 
endlich venerische Symptome gefunden werden können, ohne dass deren 
Entstehung auf geschlechtliche Berührung zu schliessen berechtigt, weil 
dieselbe aus anderweitiger Berührung mit dem venerischen Virus her- 
vorgegangen sein kann, wie durch blosses Zusammenliegen in Einem 
Bette, durch gemeinschaftliche Nachtgeschirre, Handtücher u. s. w., 
weiss jeder Arzt. Taylor erzählt einen Fall von unbegründeter An- 



♦) La M^dccine etc. IV. S. 365. 



126 §. 18. Casuistik. 36. FaU. 

schuldigung auf Nothzucht, in welchem es sich ermittelte, dass die bei- 
den syphilitischen Kinder einen Waschschwamm benutzt hatten, dessen 
sich gleichzeitig ein inficirter junger Mann bediente. Aber jeder Arzt 
weiss auch aus seiner AUtagspraxis, wie misstrauisch man bei allen 
solchen Angaben, betreffend eine aussergeschlechtliche Entstehung von 
Tripper, Chanker u. s. w. sein muss. 

5) Ist die Nothzucht gleichzeitig als eine ^Verletzung" im 
Sinne des Strafgesetzes zu erachten? Diese Frage ist nirgends erwähnt, 
und dennoch kommt sie in der forensischen Praxis vor. Es können 
hierbei unter den in den Strafgesetzbüchern genannten Folgen von Ver- 
letzungen nur in Betracht kommen: ^Gesundheitsstörung", ^unheilbare 
Krankheit", ^ Berufsunfähigkeit " oder ^Verstümmelung* (Oesterreich), 
„Verunstaltung oder immerwährendes Siechthum** (Deutschland, Oester- 
reich), oder „Beraubung der Zeugungsfähigkeit** (Deutschland, Oester- 
reich), oder allenfalls noch „Versetzung in eine Geisteskrankheit* 
(Deutschland, Oesterreich). Abgesehen nun von möglichen, ganz ausser- 
gewöhnlichen, mir in eigner Beobachtung nur. selten vorgekommenen 
Fällen, wo wirklich neben der Nothzucht noch anderweitige rohe 
Gewalt durch Misshandlung u. s. w. verübt worden war, bin ich noch 
niemals in der Lage gewesen, die Nothzucht als „schwere** Verletzung 
erklären zu können, selbst wenn ein Beischlaf ganz consumirt und das 
Hymen vollständig zerstört worden war. Denn dass dadurch die Be- 
troffene „der Zeugungsfähigkeit nicht beraubt* werden konnte, bedarf 
keiner Ausführung; aber auch eine „Verstümmelung* oder auch eine 
„Verunstaltung* kann die Zerstörung des Hymen nicht genannt werden. 
Auch eine „Gesundheitsstörung** wird bei der gewöhnlichen Nothzucht 
eben so wenig erfolgen, als eine „unheilbare Krankheit**, ein „immer- 
währendes Siechthum**, es müsste denn gleichzeitig eine syphilitische 
Ansteckung gesetzt worden oder eine Nerven- oder Gehirnkrankheit gefolgt 
sein, Fälle, auf welche der §. 224. D.St.G. Anwendung finden wird^. 



§. 18. Casuistik. 

A. Nothzucht an Kindern. 

36. Vall. Fingermanipulationen. Objectiver Befund negativ. 

Die Mutter des Kindes bekundet, dass ihr ihre Tochter erzählt, wie ein Mann 
am 14. Juni, nachdem er zwei Finger an der Zunge befeuchtet, auf der Treppe ihr 
mit den Fingern zwischen den Beinen gerieben habe. Darauf hätte er etwas aus 
den Hosen gelangt, woran Schmalz gewesen wäre, und ihr damit, indem er sie um- 
gefasst, öfter an die Mimi gestossen. Sie (die Mutter) hätte darauf gleich ihre Toch- 
ter durch den Dr. U. untersuchen lassen, welcher indess die Geschlechtstheile nur 
^eröthet fand und Kaltwasserumschläge verordnete, nach deren Anwendung die Rö- 
thung alsbald verschwand. 

An den Geschlechtstheilen des Kindes habe sie eine klebrige Feuchtigkeit nicht 
gefühlt, dagejjcn in den Hosen, Unterrock und Schürze frische Flecke, namentlich 
an den ersteren. welche von männlichem Saamen herzurühren schienen, wahrgenom- 



♦) Krafft-Kbing, Vierte Ijahrsschr. f. ger. Med. N. F. Bd. 21. S. 60. 



§. 18. Casuistik. 87. u. 38. Fall. 127 

men. Ein Zeuge bekundet, dass er den Mann mit dem Kinde auf der Treppe ge- 
sehen habe, der, als er ihn gewahr wurde, es losgelassen habe. Er habe gesehen, 
wie der entblösste Geschlechtstheil ihm aus den Hosen herausstand. 

Der Angeschuldigte bestreitet jede unzüchtige Berühning der Helene. 

Diese, 5^ ^ Jahre alt, am 17. Juni untersucht, ist körperlich normal entwickelt 
und hat regelmässig gebaute Geschlechtstheile, an welchen ausser einer geringen 
Röthung des Scheideneinganges und Jungfernhäutchens Krankhaftes nicht wahrzu- 
nehmen ist. Ein Ausfluss ist nicht vorhanden. Das Jungfernhäutchen ist kreisför- 
mig und unverletzt. 

Hiemach sind, sagten wir im Gutachten nach der am 17. Juni angestellten 
Untersuchung, objective Zeichen von gewaltsamen Angriffen gegen die Geschlechts- 
theile des Kindes nicht vorhanden, da die geringe Röthung auch anderweitigen Ur- 
sprungs sein kann, womit selbstverständlich nicht ausgeschlossen ist, dass Berüh- 
rungen leichter Art mittelst Fingers oder männlichen Gliedes vor 3 Tagen an den 
Geschlechtstheilen der Explorata stattgefunden haben. 

37. Fall. Beischlafsversuche an einem 8jährigen Kinde. Negativer 

Befund. 

Der Angeschuldigte, Hausknecht R., 18 Jahre alt, räumt vor Gericht ein, dass 
er die Martha in den letzten Wochen 2 bis 3 Mal in der Strohkammer, ihm das Ge- 
sicht zugewendet, vom Fussboden aufgehoben, mit der einen Hand an sich gedrückt, 
mit der anderen aber sein männliches Glied entblösst und mit letzterem ihren ent- 
blössten Körper zwar berührt, aber nicht in ihre Geschlechtstheile einzudringen ver- 
sucht habe. Eine Reizung bis zum Saamenerguss habe dabei niemals stattgefunden, 
und es habe auch die Martha dabei niemals über Schmerzen geklagt. 

Die Martha sagt auf Befragen aus, dass derR. sie in die Strohkammer gelockt, 
dann sie, ihm das Gesicht zugewendet, hochgehoben, sie an sich gedrückt, ihre 
Röcke vom in die Höhe geschoben, und aus seinen Hosen das Ding herausgeholt 
habe, womit er immer an ihre Mimi gestossen habe. Dies sei zu vier verschiedenen 
Malen geschehen. 

Die 8jährige Martha, am 20. Juni untersucht, ist körperlich, wie geistig, ihrem 
Alter angemessen entwickelt und hat normal gebaute Geschlechtstheile, bei deren 
Untersuchung sich objective Zeichen einer entzündlichen Reizung nicht ergeben 
haben. Das Jungfemhäutchen ist unverletzt und der Scheideneingang nicht erwei- 
tert. Ein Ausfluss ist nicht vorhanden. 

Hiernach sind Beweise dafür, dass irgend ein erheblicher, mechanischer Reiz 
mittelst Finger oder männlichen Gliedes an den Geschlechtstheilen des Kindes statt- 
gefunden habe, nicht vorhanden, wodurch selbstverständlich nicht ausgeschlossen 
ist, dass leichtere Berührungen der kindlichen Geschlechtstheile durch Eines oder 
das Andere stattgefunden haben. 

38. Wl. Beischlafsversuch. Negativer Befund an den Geschlechts- 
theilen. Saamenfädchen im Hemde. 

Die Emilie bekundet: Am Tage nach dem Himmelfahrtstage (6. Mai), es war 
ein Freitag, schickte R. meine Grossmutter fort. Als sie fort war, verriegelte R. die 
Stubenthür, verhing das Stuben fenster, nahm mich auf seinen Arm und legte mich 
der Länge nach mit dem Rücken auf sein Bett, hob mir die Röcke in die Höhe, 
knöpfte vom seine Hosen auf, holte seinen Geschlechtstheil hervor, legte sich der 



128 §. 18. Casuistik. 39. Fall. 

Länge nach aaf mich, so dass wir einander das Gesicht zuwendeten, steckte seinen 
Geschlechtstheil in den meinigen und bewegte denselben darin so lange hin und her, 
bis aus seinem Geschlechtstheil etwas Nasses hervorkam, was, weil unmittelbar vor- 
her R. sein Diuj? zurückgezogen hatte, nicht in meine Mimi, sondern auf das Hinter- 
theil meines Hemdes spritzte. Es that mir das weh und wollte ich schreien, R. ver- 
bot es mir und hielt mir den Mund fest zu. Demnächst stand er von mir auf, ich 
sagte zu ihm: Sie haben mich bepinkelt, worauf er erwiderte, das ist nicht wahr 
und mit seinem Hemde meine Mimi abwischte. Er sagte zu mir, dass ich fürchter- 
liche Schläge bekommen würde, wenn ich Jemand etwas davon sagte. 

Die 11', 2 jährige Emilie ist (Untersuchung am 29. Mai) körperlich wie geistig 
normal entwickelt, sogar etwas über ihr Alter hinaus. Ihre Angaben, z. B. „dass 
R. seinen Geschlechtstheil in ihren gesteckt habe'', bezeugen, dass sie anscheinend 
mit mehr Verständniss von der Sache spricht, als man sonst ivohl von einem Mäd- 
chen dieses Alters erwarten könnte; jedoch ist sie auch körperlich, was ihre Ge- 
schlechtstheile betrifft, relativ vorgeschritten in der Entwickelung, da jene anfangen, 
eben behaart zu werden, und ist ihre Clitoris (Kitzler) gross. Oertliche Verletzun- 
gen finden sich an den Geschlechtstheilen nicht vor, eine Röthung des nicht erwei- 
terten Scheideneinganges ist nicht vorhanden; ein geringer milchweisser Ausfluss 
befindet sich an dem Scheideneingange. Das Jungfernhäutchen ist prominirend, 
lippenförmig und unverletzt. Auch wiederholt sich eine leichte lippenförmige Bil- 
dung an dem Eingange in die Harnröhre. 

Ein objectiver Beweis dafür, dass ein erigirtes männliches Glied bei der Emilie 
über die Hymenalöffnung hinaus gedrungen wäre, ist nicht vorhanden, auch kann 
der geringe weisse Fluss catarrhalischer Entstehung seinen Ursprung verdanken, 
doch ist damit die Möglichkeit, dass ein wiederholtes Andrängen eines erigirten 
männlichen Gliedes gegen die Geschlechtstheile der Emilie stattgefunden und durch 
■diese Reizung der weisse Fluss entstanden sei, nicht ausgeschlossen. Es findet viel- 
mehr diese Vermuthung in der Angabe, dass sie am Tage nach dem ersten Atten- 
tate Sclimerzen beim Gehen und Urinlassen gehabt habe, eine Bestätigung. Uebri- 
gens findet sich ein Ausfluss aus der Harnröhre nicht vor. 

Es wurde mir zugleich ein asservirtes Mädchenhemde zur Untersuchung auf 
Saamenflecke eingehändigt, in welchem sich Flecke vorfanden, die zu Folge ihrer 
graugelben Farbe, ihren schwärzlichen Rändern und Steifung der Leinwand mit 
blossem Auge wohl als Saamenflecke angesehen werden konnten, die sich auch 
durch microscopischen Kachweis von Saamenfädchen als solche documentirten. 

39. Vall. Beischlafsversuch. Negativer Befund. 

Eine Nothzucht en miniature ! Die Wilhelmine sagt aus : Ich sass am 19. Mai 
Nachmittags auf der Treppe. Da kam der Richard H. (9 Jahre alt) und sagte zu 
mir, ich sollte mit in M.'s Wohnung kommen; er schenkte mir auch ein Bild. Ich 
sagte nein; da kam auch der Oscar M. und beide zogen mit Gewalt mich nach M.'s 
liiislerer Kammer. Während mich dort M. an beiden Armen festhielt, griff mir H. 
von vorn unter die Röcke und zwischen den Beinen an die Mimi, krabbelte daran 
mit «len Fingern und steckte mir auch einen Finger hinein, was mir weh that. Darauf 
Indle M. sein Ding hervor und sagte, ich sollte daran spielen, was ich aber nicht 
tliat. Darauf hat mich M. hingeschmissen, dass ich mit dem Rücken auf die Erde 
zu liegen kam. Kr hob mir die Röcke auf, setzte sich auf mich und machte, als 
wenn er ritt, worauf er mit seinem Dinge immer an meine Mimi kam. Darauf legte 
4.*r sich der Länge nach auf mich und steckte mir etwas in die Mimi, womit er im- 



§.18. Gasuistik. 40. —42. Fall. 1-29 

mer gegen dieselbe stiess, was mir weh that. Ich schrie und hielt nieht still, wes- 
halb H. nach M.'s Aufforderung mich an beiden xVrmen festhielt. Als ich sagte, es 
klopft, meine Mutter kommt, Hessen sie mich los. 

Die 8jährige Wilhelmine ist (Untersuchung am 25. Mai) normal entw^ickelt und 
hat regelmassig gebildete Geschlechtstheile. Der Schoideneingang ist in leichter 
Weise geröthet. Ein Ausfluss ist nicht vorhanden. Das Jungfernhäutchen, welches 
unverletzt ist, erinnert durch Hervorragung und Faltenbildung, so wie Trichterform 
an den fötalen Zustand. 

Die Wilhelmine giebt an, an den ersten Tagen Ucach dem Attentat Schmerzen 
bei der Urinentleerung und beim Gehen gehabt zu haben. 

Aus Vorstehendem folgt, dass die Angaben des Mädchens durch die Untersuchung 
nicht widerlegt werden, dass aber eine Entjungferung nicht stattgefunden hat, und 
dass die mir von M. gemachte Angabe, nur auf der Wilhelmine gelegen zu haben, 
ohne eine Einführung seines Gliedes in ihre Geschlechtstheile ausgeführt zu haben, 
ebenfalls objectiv bewahrheitet wird. 

Uebrigens ist M., damals 15, zur Zeit der Untersuchung 16 Jahre alt, ein etwa 
4 Fuss grosser Bursche mit noch kindlichem Habitus, dessen Geschlechtsfunctionen 
sich zu entwickeln anfangen, dessen Schaamberg schon mit V2 Zoll langen Haaren 
bedeckt ist, und der, wie er mir gegenüber überhaupt die That eingesteht, in glaub- 
hafter Weise noch angiebt, dass nicht auf der Wilhelmine, sondern erst, nachdem 
er von ihr aufgestanden, unter Wollustgefühl ihm sein Hemde nass geworden sei. 

Befragt, ob ich dem M. Unterscheidungsvermögen beimesse, muss ich mich 
dahin formuliren, dass ich nach seinem ganzen Auftreten und nach der Art des reu- 
müthigen, seiner Angabe nach der Einwirkung des Predigers zu verdankenden Ein- 
geständnisses nicht bezweifle, dass M. das Unrechte und Strafbare seiner Handlungs- 
weise zwar gekannt hat, dass ich es aber dahingestellt sein lassen muss, ob er in 
Bezug auf den sittlichen Unterschied und die strafbaren Folgen für ihn, einen Unter- 
schied zwischen einem 8jährigen und über 14jährigen oder erwachsenen Mädchen 
zur Zeit der That zu machen verstanden hat. 

49t Fall. Beischlafsversuche. Negativer Befund. 

Einen ganz ähnlichen Fall hatte ich Betreffs eines geständigen 14jährigen 
Knaben und zweier 6 resp. 9 Jahr alter Mädchen zu begutachten. Bei beiden fan- 
den sich keine Zeichen der Defloration. Es war also das Glied des Knaben nicht 
wirklich eingedrungen. 

41. Fall. Fingermanipulationen. Excoriation der rechten Nymphe. 

Mit dem BVjJ^l^i'i^^n Kinde hatte der 20jährige Angeschuldigte unzüchtige 
Handlungen durch Fingermanipulationen vorgenommen. Wir fanden bei der bald 
nachher vorgenommenen Untersuchung eine bohnengrosso, entzündete, excoriirte, 
schmerzhafte Stelle an der rechten Nymphe und urtheilten, dass diese Abschindung 
vor wenigen Tagen durch Finger entstanden sein könne. Im Uebrigen war weder 
Ausfluss, noch Verletzung des Jungfernhäutchens vorhanden. 

42. Fall. Beischlafs versu h. Vaginitis. 

Ein Kutscher ist angeklagt und geständig, ein 11 jähriges Mädchen genoth- 
züchtigt zu haben. Er gesteht ein, dass er das Kind ge . . . habe, und dass er unter 

Cafper-Liman. Ckrichtl. Med. 7. Aufl. 1. ^ 



130 §. 18. Casuistik. 43. —45. FaU. 

diesem Ausdrucke die Einführung seines Gliedes in die Geschlechtstheile des Kindes 
und Hin- und Herbewegen desselben verstehe bis zur Ejaculation des Saamens. Das 
Kind hat sofort nach der That über Schmerz bei der Urin- und Kothentleerung ge- 
klagt. Wir fanden bei der einige Tage später angestellten Untersuchung bei dem 
sonst gesunden Kinde eine purulente Blennorrhoe, Unversehrtheit des halbmond- 
förmigen Hymens. Der Angeschuldigte hatte keinen Tripper. (Der erstunter- 
suchende Arzt hatte auch hier, wie so oft, Zerstörung des Hymens, Ansteckung 
durch Tripper attestirt.) Der Fall ist aber classisch für den Nachweis traumatischer 
Blennorrhoe. 

43. Ml. Beischlafsversuch. Vaginitis. Einrisse in das Hymen. 

Die 8jährige Marie war vom Angeschuldigten ihrer kindlichen Aussage nach 
förmlich gemissbraucht worden. Es war danach eine Blutung aus den Genitalien 
und Schmerz eingetreten. Der Scheideneingang geröthot, purulenter Ausfluss und 
sehr deutlich waren wahrzunehmen zwei mit hochrother Narbe vernarbende Einrisse 
und ein klaffender Einriss links in das kreisförmige Hymen. 

44. Vall. Beischlafsversuche bei einem 6jährigen Kinde. Entzündliche 
Reizung der Geschlechtstheile. Einriss in das Hymen. 

Die Mutter der 6jährigen Franzisca sagt aus: Dass meine Tochter an den 
Geschlechtstheilen krank sei, bemerkte ich erst am letzten Sonntag. Auf Befragen 
gestand meine Tochter, dass sie am Sonnabend, den 18. Juli, von dem in demselben 
Hause wohnenden (40jährigen) Landwirth B. vom Hofe mit auf seine Stube ge- 
nommen worden sei, woselbst er mit ihr unzüchtige Handlungen derart vorgenom- 
men habe, dass er versucht, sein männliches Glied in ihre Geschlechtstheile zu 
zwängen. Auch schon früher, am Dienstag und Freitag voriger Woche, hat B. 
meine Tochter an sich gelockt, an diesen Tagen aber nur, nach Aussage des Kindes, 
dessen Geschlechtstheile mit den Fingern berührt. 

Das 6jälirige Kind ist (am 10. August) körperlich und geistig normal ent- 
wickelt und macht dieselben Angaben, welche in den Acten enthalten sind. Sie 
hat normal gebildete Geschlechtstheile. Der Rand der grossen Lefzen ist geröthet. 
Der gamze Scheideneingang ist gereizt, und ergiesst sich aus demselben eine eitrig- 
schleimige Flüssigkeit in ziemlich reichlicher Menge. Der Scheideneingang ist ge- 
röthet und bei Berührung sehr empfindlich. Das Jungfernhäutchen, welches kreis- 
förmig ist, ist geschwellt, geröthet und hat an der rechten Seite, etwa in der Mitte, 
einen durch die ganze Dicke der Membran sich erstreckenden Einriss. Auch die 
Umgegend der Harnröhre ist geröthet und empfindlich. 

Aus vorstehendem Befunde folgt, dass ein fremder harter Körper (Finger oder 
erigirtes männliches Glied) mit den Geschlechtstheilen des Kindes in Berührung 
gewesen ist und dieselben entzündlich gereizt hat, insofern Krankheitsursachen, 
welche den Ausfluss erzeugt haben könnten, nicht vorliegen. 

45. Fall. Wiederholte Beischlafsversuche bei einem 11jährigen 
Mädchen. Vaginitis. Erweiterter Scheideneingang. 

Die Anna bekundet: Etwa in der ersten Hälfte des Juli d. J. nachtete der K. 
bei meinen Pflegeeltern, den S. 'sehen Eheleuten. Er schlief in der Küche vor dem 
Herde auf einem Brett. Am andern Morgen früh 6 Uhr musste ich nach der Küche, 



§. 18. Casuistik. 46. FalJ. 131 

um Kaffee zu kochen. Der K. erfasste mich , legte mich rücklings auf das Brett, 
steckte sein Glied in meine Geschlechtstheile, bewegte es darin hin und her, bis ich 
nass wurde. Ich versuchte Widerstand zu leisten, doch hielt K. meine Hände fest. 

In derselben Zeit musste ich dem K. häufig Gegenstände nach seiner Woh- 
nung nachbringen, die er bei meinen^Pflegeeltern vergessen hatte, wofür er mir 
jedes Mal einen Sechser oder Groschen gab. So oft ich auf diese Weise zu dem K. 
kam, hat er mich rücklings auf das Sopha gelegt und in gleicher Art, wie vor an- 
gegeben, gemissbraucht. Schon seit dem ersten Male, wo K. solches mit mir ge- 
trieben, habe ich Schmerzen in meinen Geschlechtstheilen gespürt. 

Der Angeschuldigte, Porzellanmaler K., 27 Jahre alt, bestreitet, die Anna je 
anzüchtig berührt zu haben. 

Die IOV4 J^^r© *lte Anna ist (am 14. August) körperlich und geistig normal 
entwickelt, auch hat sie normal entwickelte Geschlechtstheile. Die grossen Lefzen 
klaffen, wenn man die Beine auseinander spreizen lässt, leicht, und erscheint der 
Scheideneingang etwas erweitert. Das Jungfernhäutchen ist kreisförmig und un- 
verletzt. Der ganze Scheideneingang ist geröthet und noch jetzt ein grüngelber, 
zäher Ausiluss vorhanden, Harnröhre frei. An der oberen Spitze der linken grossen 
Lefze sieht man eine erbsengrosse, nicht harte Geschwulst, welche geröthet ist und 
welche an der Oberfläche nur sehr dünn behäutet, der Rest eines bestandenen Ge- 
schwürs sein kann. Die Leistendrüsen sind nicht geschwollen. Zeichen einer all- 
gemeinen syphilitischen Erkrankung sind mit Sicherheit nicht zu constatiren, na- 
mentlich sind Hautausschläge, Rachengeschwüre, Knochenauftreibungen zur Zeit 
nicht wahrnehmbar. 

Die mir von der Anna gemachten Angaben sind dieselben, wie in ihrer ge- 
richtlichen Auslassung und gewinnen dadurch, dass eine Erkrankung der Ge- 
schlechtstheile besteht, für deren Entstehung andere Ursachen nicht wahrnehmbar 
sind, eine objective Unterlage dahin, dass unzüchtige Berührungen mittelst eines 
tripperkranken oder nicht tripperk ranken, männlichen Gliedes stattgefunden haben. 
Eine eigentliche Immission hat Angesichts des unverletzten Jungfernhäutchens 
sicherlich nicht stattgefunden. 

Der K. leidet gegenwärtig an keiner Geschlechtskrankheit, namentlich hat er 
zur Zeit keinen Tripper und keine Erscheinung allgemeiner syphilitischer Erkrankung. 

4C. Ml. Beischlafsversuch. Yaginitis. Saamenfädchen im Hemd. 

Die Louise hat vor Gericht ausgesagt: Am Montag, den 29. November, hörte 
ich auf unserem Hofe einem Leierkasten zu. Da kam aus der F. 'sehen Restauration 
der Mann, welchen meine Mutter vorher abgebürstet hatte, und sagte zu mir, ich 
solle mit ihm kommen, er würde mir Geld für meine Mutter geben. Er ging mit 
mir um die Strassenecke in einen halb offenen Thorweg hinein, legte mich hier auf 
die Erde, hob mir vorn die Röcke in die Höhe, kniete zwischen meine Beine nieder 
und hat mir sein Ding in mein Pissloch gesteckt. Da mir das weh that und ich 
schrie, gab mir der Mann eine Maulschelle und sagte, ich solle still sein. Der 
Mann hat meine Mimi auch nass gemacht. 

Der Angeschuldigte, 30jährige Privatsecietair v. Gh., bestreitet, die unzüch- 
tigen Handlungen mit der Louise vorgenommen zu haben. 

In dem von ihr am qu. Tage getragenen Hemde befanden sich an dem Vorder- 
thcil desselben Flecke, welche sowohl dem äusseren Augenscheine nach, als auch 
durch Nachweis von Saamenfädchen, als von männlichem Saamen herrührend, er- 
kannt wurden. 



13-2 §. 18. Casuistik. 47. Fall. 

Die 5jährige Louise ist (am 15. December untersucht) körperlich und geistig 
ihrem Alter angemessen entwickelt und macht ihre Angaben in kindlicher Weise. 
Ihre Geschlechtslheile sind normal entwickelt umi durchaus unverletzt, auch in Bezug 
auf das Jungfernhäutchen, welches kreisförmig ist und eine relativ grosse Central- 
öfTnung bietet; jedoch ist der ganze Scheideneingang geröthet, und zwar, wie die 
mitanwesende Mutter sagt , röther als sonst , auch soll sich das Kind an den Ge- 
schlechtstheilen seit dem betreffenden Vorfalle wegen Juckens reiben. Ein Ausfluss 
ist zur Zeit nicht vorhanden, jedoch giebt die Mutter an, und zwar nicht aus freiem 
Antriebe, sondern erst, nachdem sie darauf hingeführt und aufmerksam gemacht 
worden, dass in dem Hemde, welches das Kind von Montag, den 29. November er., 
an Stelle des damals eingelieferten getragen hat und am Sonntag, den 5. Decem- 
ber er. , gewechselt worden ist, sich gelbliche, bis zu Achtgroschenstück grosse 
Flecke gefunden haben, auch glaubt sie sich nicht zu in-en, dass in dem am Sonn- 
tag, den 12. December er., gewechselten Hemde sich eben solche Flecke befunden 
haben, überhaupt aber habe sie ein strenges Augenmerk darauf nicht gerichtet, 
weil sie das nicht gekannt habe. 

Wenn hiernach aus dem objectiven Befunde auch ein strenger Beweis dafür, 
dass mechanische Reizung der Geschlechtstheile der Explorata durch einen harten 
Körper Seitens eines Dritten stattgefunden hat, nicht erbracht ist, so werden doch 
andererseits durch die Befunde und die erwähnten Angaben der Mutter die Aus- 
sagen der Ersteren über den fraglichen Vorfall wesentlich unterstützt. 

47. MI. Denunciation eines 14jährigen Mädchens wegen Blutschande. 

Negativer Befund. Was ist Beischlaf? 

Die Anna sagt aus: Meine Mutter ging wegen Krankheit am 26. December zur 
Charite, so dass in der Nacht vom 26. bis 27. December mein Stiefvater mit mir 
und meiner Schwester Auguste in unserer Kammer allein schlief. In dieser Nacht 
forderte er mich auf, zu ihm ins Bett zu kommen; ich tbat dies auch. Hier hob 
er mir das Hemd in die Höhe, spielte mit der Hand an meinen Geschlechtstheilen, 
steckte auch einen Finger in diese und Hess mich erst in Ruhe, als ich laut zu 
weinen anfing. Schmerzen von dieser Berührung habe ich nicht empfunden. 

In der folgenden Nacht forderte mich mein Stiefvater wiederum auf, zu ihm 
ins Bett zu kommen, und da ich dies zu thun mich weigerte, nahm er mich und 
legte mich der Länge nach auf sein Bett. Ich fing wiederum laut zu weinen an, 
worauf er mir gestattete, dass ich auf mein Lager zurückkehren durfte, wo ich 
neben meiner Schwester einschlief. Im weiteren Verlaufe der Nacht erwachte ich 
und fühlte, dass Jemand auf mir lag und ein harter Gegenstand in meiner Mimi 
steckte, sich aber darin nicht hin- und herbewegte und mir auch keine Schmerzen 
verursachte. Es war finster und ich konnte nicht erkennen, wer auf mir lag, ebenso, 
ob der Gegenstand, der in meiner Mimi steckte, ein Finger oder der Geschlechts- 
theil eines Mannes war. Auf mein Schreien entfernte sich die Person von mir. Ich 
muss annehmen, dass mein Stiefvater es war, der auf mir lag, da eine andere Per- 
son, ausser uns Schwestern, in der Kammer nicht schläft. Ich habe weder Kitzel 
noch Schmerzen in meiner Mimi empfunden und habe auch nicht bemerkt, dass 
ilieselbe nass gemacht worden. 

Der Angeschuldigte, 37 Jahre alt, bestreitet, dass er die von seiner Stieftochter 
angegebenen, unzüchtigen Handlungen mit dieser vorgenommen habe. Die Denun- 
ciation sei von ihr jedenfalls angebracht aus Groll über Züchtigungen, welche er 
ihr öfter habe ertheilen müssen (!). 



§. 18. Casuistik. 47. Fall. 1 3.3 

Die fast 14jährige Anna ist (am 4. Januar) körperlich und geistig normal 
entwickelt, hat auch normal gebildete Geschlechtstheile, welche eine dem Alter an- 
gemessene EingangsöfTnung haben. Die innere Fläche der kleinen Schaamlefzen ist 
geröthet, und ist ein gelinder rahmartiger (milchartiger) Ausfluss vorhanden. Die 
EingangsöfTnung ist verlegt durch ein fleischiges prominirendes, nach vorn 
trichterförmig klaffendes Jungfernhäutchen, welches schlaff ist und 
nicht aus einer einzigen Membran besteht, sondern aus mehreren, 
fächerförmig übereinander geschobenen Blättern, welche sich von einan- 
der abheben lassen, keine wunden, oder gerötheten Ränder darbieten, und welche 
mit einer gewissen Regelmässigkeit gestellt, ein aus mehreren Lappen gebildetes 
Jungfernhäutchen darstellt. Es ist übrigens durch die Schlaffheit des Jangferii- 
häut^hens möglich, die Spitze meines Zeigefingers über die HymenalöfTnung hinaus 
ohne jedwede Schmerzhaftigkeit einzuführen, wie denn auch die ganze Untersuchung 
ohne Schmerzensäusserung Seitens der Explorata von Statten ging. Es ist mir nicht 
wahrscheinlich, dass diese BeschaiTenheit des Jungfernhäutchens überhaupt mecha- 
nischen Eingriffen ihre Entstehung verdanke, auch läugnet Explorata, sich je selbst 
die Finger in die Geschlechtstheile eingeführt zu haben. Ich bin vielmehr der Mei- 
nung, dass diese Beschaffenheit des Jungfernhäutchens, nach Analogie anderer Fälle, 
angeboren sei (gelapptes Hymen). 

Keinesfalls kann man annehmen, dass eine event. Zerstörung des Hymens von 
solcher Ausdehnung, wie die hier beobachtete, schmerzlos, ohne Blutung, ohne nach- 
folgende Absonderung grüngelben, zähen, eitrigen Schleimes und ohne nachfolgende 
Beschwerden, wie sie eine mechanisch hervorgerufene Entzündung der Geschlechts- 
theile bedingt (erschwertes Gehen, Schmerz beim üriniren etc.), welche sämmtlich 
Explorata in Abrede stellt, vorübergegangen sei. — Der vorhandene Ausfluss trägt 
den Gharacter des gewöhnlichen weissen Flusses der Weiber, und ist auch diesem 
die geringe Röthung der inneren Fläche der kleinen Schaamlefzen zuzuschreiben. 
Es wäre auch sehr ungewöhnlich, wenn heute nach 8 Tagen sämmtliche Erschei- 
nungen, welche das mit einer solchen Zerstörung des Hymens verbundene Ein- 
dringen des erigirten männlichen Gliedes eines erwachsenen Mannes in kindliche 
Geschlechtstheile, wie diejenigen der im Ganzen noch unentwickelten Explorata, zur 
Folge zu haben pflegen, schon wieder spurlos verschwunden sein sollten. 

Wenn hiernach auch ein objectiver Beweis dafür, dass ein erigirter mänidlcher 
Penis in die Geschlechtstheile der Explorata gewaltsam eingeführt worden, zur Zeit 
nicht vorliegt, und demnach nicht abzusehen ist, auf welche Zeichen hin der Dr. 0. 
laut Polizeibericht die zweifellos stattgehabte Vornahme irgend einef unzüchtigen 
Handlung an der Explorata am 28. v. M. constatirt hfit (25 Stunden nach dem Atten- 
tat), so soll damit keineswegs die Möglichkeit der Wahrheit der Angaben der'Explo- 
rata in Abrede gestellt werden, da nach der beschriebenen Beschaffenheit ihres 
Hymens das Eindringen der Spitze eines männlichen Gliedes oder Fingers sehr wohl 
ohne Schmerzerregung und Hinterlassung bleibender Spuren ausführbar erscheint. 

In der mündlichen Verhandlung, in welcher übrigens der Vater wegen man- 
gelnden objectiven Thatbestandes für nichtschuldig erklärt wurde, kam die in- 
teressante Frage: „was ist Beischlaf zur Erörterung. Bekanntlich hat das 
Ober-Tribunal den Ausdruck „Unzucht" im §. 141. in „Beischlaf* interprctirt. 
Ich wurde gefragt, ob eventuell liier ein Beischlaf vorliege. Ich erwiderte, dass ich 
unter Beischlaf eine derartige Vereinigung der beiderseitigen Geschlechtstheile ver- 
stehe, dass dadurch eine Ejaculation, welche befruchtend wirken könne, ermöglicht 
.sei. und dass daher im vorliegenden Falle unzweifelhaft eventuell ein Beischlaf 
stattgefunden habe. Der Staatsanwalt meinte, dass die lyaculation unmöglich mit 



134 §. 18. Casuistik. 48. Fall. 

in die Bedingungen des Beischlafs gezogen weiden könne, weil sonach, wenn jemand 
den Beischlaf vor der Ejaculation unterbreche, ein Beischlaf nicht stattgefunden 
habe. Ich repliciile indess, dass ich nicht von stattgehabter, sondern von ermög- 
lichter Ejaculation gesprochen habe,, und dass daher, meines Erachtens, auch 
ohne dass es zu einer solchen gekommen zu sein brauche , ein Beischlaf stattgefun- 
den habe. 

48. MI. Fingermanipulationen und wiederholte Beischlafsversuche. 

Einriss in das Hymen. 

Die Anna bekundet: M. ist dieses Jahr und schon voriges Jahr fast jeden 
Abend mit wenig Ausnahmen in mein Bett gekommen und jedes Mal wohl eine 
Viertelstunde bei mir liegen geblieben, wobei er noch immer seine Hosen an hatte. 
Er hatte mich dahin gefasst, woraus ich pinkle, hat mich daran gekitzelt und seinen 
Finger hineingesteckt. Er holte dann jedesmal aus seinen Hosen etwas heraus, 
woran ich meine Hand legen musste, was an seinem Bauch angewachsen war und 
sich wie ein harter, warmer Stock anfühlte ; auch reiben habe ich ihm daran müssen. 
Er hat dann auch jedesmal sich ganz auf mich hinaufgelegt, diesen Stock zwischen 
meine Beine in meinen Leib hineingesteckt und sich hin- und herbewegt, und ich 
habe dann manchmal gefühlt, dass ich nass wurde. Wenn ich weinte, wenn es mir 
weh that, hat er mich geschlagen. Zwischen meinen Beinen war es fast immer 
wund und ein paarmal so sehr, dass ich zu Bett bleiben musste, Medicin einnahm 
und kalte Umschläge zwischen meine Beine gemacht wurden. 

Der 60jährige Angeschuldigte leugnet. 

Die fast 10jährige Anna P. ist (am 26. October) körperlich kräftig entwickelt 
und geistig recht geweckt. Sie macht die in den Acten entlialtenen Angaben be- 
stimmt, doch nicht in frecher, unzüchtiger Weise. Ihre Geschlechtstheile sind nor- 
mal gebildet. Das nach Angabe der Mutter vor zwei Stunden rein angezogene 
Hemde ist ohne Spur eines Ausflusses. Es fällt sofort auf, dass der ganze Scheiden- 
eingang klaffend ist, während sonst auch bei massiger Spreizung der Beine beide 
Ränder der grossen Schaamlefzen sich berühren, oder um so weit nähern, dass sie 
den Scheideneingang bedecken. Hier im Gegentheil liegt dieser zu Tage , sich 
trichterförmig verjüngend. Zerrt man die grossen Lefzen massig auseinander, so 
sieht man den gerötheten Scheideneingang, der massig weit und gegen Berührung 
äusserst empfindlich ist. Das Jungfernhäutchen, kreisförmig, ist entzündlich ge- 
röthet, und befindet sich an seinem unteren Theile, dicht neben der Mittellinie des 
Körpers nach rechts hin, ein etwas schräg nach aussen verlaufender, die ganze 
Dicke der Membran durchdringender Einriss, dessen Ränder ebenfalls hochroth sind, 
und der, wie die Membran selbst, mit einer sparsam grünlich-gelben Absonderung 
bedeckt ist, nach deren Abtrocknung die genannten Erscheinungen (Röthung, Ein- 
riss u. s. w.) deutlicher hervortraten. Ein profuser Ausfluss war nicht vorhanden, 
doch soll nach Angabo des Kindes solcher früher und auch jetzt noch stattfinden, 
und will die Mutter das Kind Behufs des Termins erst vor 1' j Stunden gewaschen 
haben, was nach dem augenscheinlich neu angezogenen, auch im übrigen flecken- 
losen Hemde glaublich ist. Auch an der linken Seite des Jungfernhäutchens ist 
eine Stelle vorhanden, welche als ein kleiner Randeinriss gedeutet werden könnte, 
doch will ich mich über die (Qualität dieses, als eines nicht unzweifelhaften Ein- 
risses, nicht aussprechen. 

Aus vorstehenden Befunden musste geschlossen werden: 1. dass ein fremder, 
barter Körper (Finger oder erigirtes, männliches Glied) mit den Geschlechtstheüen 



§. 18. Casuistik. 49. FaU. 135 

des Kindes in Berührung gekommen und unter Beschädigung des Jungfernhäutchens 
über die Hymenalöffnung hinausgedrungen ist; 2. dass die Behauptung des Kindes 
von häufig wiederholter Vornahme unzüchtiger Handlungen in der Weise , dass ihr 
M. seinen Finger, resp. sein männliches Glied in ihren Leib hineingesteckt und sich 
dann hin- und herbewegt habe, objectiv begründet wird. Auf Befragen erklärte 
ich noch : dass etwa die Anna durch Onanie selbst diesen Zustand ihrer Geschlechts- 
theile erzeugt hätte, ist schon deshalb nicht anzunehmen, weil die Erzeugung des- 
selben schmerzhaft gewesen wäre, das Kind aber kein idiotisch oder sonst geistig 
krankes ist, weil ferner ihr eigener Finger gar nicht ein solches Klaffen des Schei- 
deneingangs bewirkt haben würde, und gar kein Grund vorliegt zu der Annahme, 
dass sie sich etwa zu derartigen Manipulationen eines anderen, harten, fremden 
Körpers dauernd bedient hätte. 



4t. MI. Beischlafsversuch bei einem Kinde. Abscess in der linken 

grossen Schaamlefze als Folge desselben. 

Ein nicht gewöhnlicher Fall. Der Angeschuldigte ist geständig, vor etwa 
14 Tagen mit dem Mädchen ^den Beischlaf vollzogen zu haben**, will jedoch nicht 
gewusst haben, dass sie unter 14 Jahr alt gewesen sei. 

Das Mädchen sagt bei ihrer Vernehmung: „. . Darauf warf der Herr sich auf 
mich, hob mir Röcke und Hemd hoch, machte mit den Händen meine Kniee ausein- 
ander und stiess fortgesetzt mit seinem steifen, männlichen Gliede gegen die linke 
Seite meines Geschlechtstheiles, bis dieser anfing, davon nass zu werden, worauf er 
plötzlich von mir aufsprang und aus seinem Dinge etwas weiss, wie Milch aus- 
sehendes, auf den Fussboden spritzte. Die Stösse des Herrn gegen die linke Seite 
meines Geschlechtstheiles verursachten mir Schmerzen, so dass ich weinte. Nach- 
dem sich die anfänglichen Schmerzen verloren, schwoll nach 8 Tagen meine linke 
Leiste an, es trat ein blutig -eitriger Ausfluss aus meinen Geschlechtstheileu ein, 
und ich konnte vor Schmerzen nur breitbeinig gehen , wodurch meine Tante auf- 
merksam wurde, der ich, was mir passirt war, gestand. Der Ausfluss hat aufge- 
hört, nachdem meine Tante mir denselben einige Mal ausgedrückt hat, so wie sich 
auch die Geschwulst in der Leiste nach Anwendung von Bleiwasserumschlägen ge- 
legt hat, doch habe ich noch Schmerzen in der Leistengegend.*' 

Ich fand die 13 V2 jährige Minna ihrem Alter entsprechend körperlich ent- 
wickelt, und machte sie den Eindruck eines noch nicht erwachsenen Mädchens, 
desse äussere Erscheinung jedoch gegenüber einer etwaigen Angabe, bereis 14 Jahr 
alt zu sein, keinen Zweifel erregen würde, so dass Explorata keines Falls als hinter 
ihrem Alter zurückgeblieben zu erachten ist. 

Ihre Geschlechtstheile fangen eben an behaart zu werden, sind regelmässig ge- 
bildet, es ist ein gelinder weisser Fluss vorhanden, welcher nach Angabe der Explo- 
rata sich vor dem Attentate nicht gezeigt haben soll. 

Die grossen Schaamlefzen schliessen wie bei Jungfrauen aneinander und be- 
decken vollkommen die kleinen. Diese letzteren sind von gewöhnlicher Grösse und 
hat ihre Schleimhaut die gewöhnliche rosarothe Farbe. Die linke grosse Schaam- 
lefze ist an ihrem unteren Theile etwas geschwollen und in ihrer Innenfläche unter- 
halb der Stelle, wo sich die kleine Schaamlefze einsetzt, geröthet. 

Das Jungfernhäutchen ist prominirend, vollständig intact, zeigt insbesondere 
auch keine Randeinrisse. Hart neben dem linken Flügel des Jungfernhäutchens, ar 
der Innenfläche der grossen Schaamlefze, einige Linien über dem ganz unverletKl 



136 §. 18. Gasuistik. TiO. u. 51. Fall. 

• 

Schaamlippenbändchen, sieht man eine hirsekorngrosse , hochrothe Stolle, aus wel- 
cher bei gelindem Drucke sich ziemlich reichlich Eiter ergiesst. 

Hiernach, begutachtete ich, ist Explorata noch Jungfrau und leidet an einem 
Abscess der linken grossen Schaamlefze, womit ihre Angabe, dass Blut und Eiter 
an dieser Stelle sich vor einiger Zeit entleert haben, dass sie Schmerzen in der 
linken Leistengegend gefühlt habe und noch jetzt fühle, dass sie beim Gehen be- 
hindert gewesen, vollkommen übereinstimmt. Wenngleich dergleichen Abscesse 
spontan oder durch anderartige, mechanische Reizungen als die des Beischlafs ent- 
stehen können, durch letztere, vorausgesetzt, dass der Beischlaf normal vollzogen 
worden, sogar selten entstehen, so gewinnt man im vorliegenden Falle doch eine 
sehr gewichtige Unterlage für die Entstehung des vorhandenen Abscesses durch die 
Angabe der Explorata, dass der B. mit seinem erigirten Gliede fortgesetzt gegen die 
linke Seite ihrer Geschlechtstheile gestossen habe; eine mechanische Reizung, 
welche als vollkommen ausreichend zur Entzündung und Eiterung dieser grossen 
Schaamlefze erachtet werden muss. 

Spuren erlittener Gewalt finden sich am übrigen Körper der^xplorata nicht vor. 

S9. tM, Beischlafsversuche und Fingermanipulationen. Vaginitis. 

Der nachstehende Fall ist Avieder deshalb wichtig, weil ein Eingeständniss 
vorliegt, und weil er ein 3* ^ jähriges Kind betrifft. Der 14 Jahre alte Tapezier- 
lehrling P. hat gerichtlich zugestanden, dass er, nachdem er schon früher einmal 
der Clara von vorn unter die Röcke und an die Geschlechtstheile gefasst und an 
denselben mit den Fingern gespielt hatte, dieselbe eines Nachmittags kurz vor 
Weihnachten dergestalt rittlings auf den Schooss genommen, dass Beide das Gesicht 
sich zuwendeten, ihr vorne die Rocke in die Höhe gehoben und einige Male mit 
seinem steifen Gliede in die Geschlechtstheile gestossen habe. Der Saamen sei 
nicht in die Geschlechtstheile der Clara abgegangen. Oefter als diese beiden Male 
will er mit der Clara Gemeinheiten nicht getrieben haben. 

Die 3jährige Clara ist (am 14. Januar) körperlich normal gebildet, hat nor- 
male Geschlechtstheile, der Scheideneingang ist geröthet, empfindlich, die Schleim- 
haut desselben, wie die des Jungfernhäutchens geschwellt und ein noch jetzt recht 
reichlich eitrig- schleimiger Ausfluss vorhanden. Die Beschaffenheit des Jungfern- 
häutchens konnte ich wegen grosser Unruhe des Kindes nicht wahrnehmen, und rauss 
ich, wenn es erfordert wird, dieselbe zu untersuclien , darum bitten, nach 3 bis 
4 Wochen, wo das Kind genesen und weniger empfindlich sein wird, mir dasselbe 
abermals vorzustellen. 

Die wahrgenommenen Erscheinungen lassen, da anderweitige Gründe zur Ent- 
zündung der Geschlechtstheile und zu einem Ausfluss aus denselben nicht vorhanden 
sind, annehmen, dass ein fremder, harter Körper, Finger oder erigirtes männliches 
Glied, mit diesen Theilen des Kindes in Berührung gewesen ist. 

Bei dem gleichzeitig untersuchten Arrestanten ist eine syphilitische Krankheit 
nicht vorhanden, so dass die wahrgenommenen Erscheinungen an den Geschlechts- 
theilen der Clara, wie häufig, lediglich die Folgen mechanischer Reizungen sind. 

U. Fill, Tripperinfection bei einem Kinde. 

Der Angeschuldigte war der 18jährige S. Er stellte nicht in Abrede, vor 
6 — 7 Wochen tripperkrank gewesen zu sein, und gestand, aucli vor dem Richter 
(seltener Fall!), am 29. Mai der fünfjährigen B. nicht nur an die entblössten Ge- 



§. 18. Casuistik. 51. u. 52. Fall. 137 

schlechtstheile gefasst, sondern auch sein erigirtes Glied denselben nahe gebracht 
za haben. Zwei Tage darauf fand der Polizeiarzt Dr. R. ihn noch mit einem „Nach- 
tripper" behaftet. Meine Untersuchung beider Individuen fand elf Tage später 
Statt. Die etwas aufgewulstete Harnröhrenmündung des S. und ein hervorquellen- 
der, glasartiger Schleim Hessen noch jetzt auf das Vorhandengewosensein eines 
Trippers zurückschliessen. Die Mutter des Kindes hatte nicht nur an demselben 
einen erschwerten Gang, Röthung und „Eiterung" an den Geschlechtstheilen und 
Beschmutzung der Wäsche wahrgenommen, sondern auch Dr. R. hatte am 31. Mai 
wesentlich dasselbe, wie ich am 11. Juni vorgefunden, nämlich — bei unverletzter 
jungfräulicher Beschaffenheit — entzündliche Reizung der Schleimhaut des Schei- 
deneinganges, sowie des Hymen und der Harnröhrenmündung und copiösen Ausfluss 
eines dicklichen, gi-üngelblicheu Sclüeims, der die benachbarten Theile empfindlich 
geröthet hatte. Die wirklich gonorrhoische Xatur des Secrets konnte hiernach nicht 
zweifelhaft sein. „Die Befunde an beiden Personen", sagte ich, „passen nicht nur 
zu einander, sondern unterstützen auch die Anschuldigung. Ein Schleimfluss aus 
scropholöser Ursache u. dergl. ist bei dem sehr gesunden und blühenden Kinde 
nicht anzunehmen, wogegen um so mehr der Trippercharacter des Schleimflusses 
anzunehmen ist, als S. auch mit einem schon 6 — 7 Wochen bestandenen, sogenann- 
ten Nachtripper die Ansteckung fortpflanzen konnte, und die Erfahrung mich ge- 
lehrt hat, dass kindliche Geschlechtstheile für die Tripperinfection noch weit em- 
pfanglicher sind, als die Erwachsener, und Tripper sich auch noch in seinen 
spatesten Stadien leicht Kindern mittheilen lässt. Hierzu kommt, dass die Mutter 
des Kindes schon vier Tage nach der That Flecke im Hemde desselben und bei der 
Besichtigung am fünften Tage wahrnahm, „dass das Kind vom After bis an den 
Geschlechtstheil förmlich blutig, wund und geschwollen und das am Morgen rein 
angezogene Hemd von Materie förmlich steif war." Alle diese Thatsachen beweisen 
eine syphilitische Ansteckung u. s. w. Das Endgutachten lautete hiernach: „dass 
S. noch heute an den letzten Spuren eines Trippers leidet, und dass die Erschei- 
nungen am Körper des Kindes auf eine geschehene Tripperansteckung schliessen 
lassen." Die Geschworenen nahmen die Thäterschaft des S. an, der zu mehrjähri- 
ger Zuchthausstrafe verurtheilt ward. 

Wt, Fall. Urethralblennorrhoe als Folge der Nothzucht. 

Es lag der sehr seltene Fall der wirklichen Entjungferung eines acht- 
jährigen Kindes, Marie D. , durch einen Franzosen vor. Die Scheide war unge- 
wöhnlich erweitert, ein grünlicher Tripperschleim floss reichlich aus der Urethra, 
das Kind hatte Brennen beim Uriniren, und es war noch schwieriger als gewöhn- 
lich, eine genaue Exploration der sehr entzündeten Theile vorzunehmen, die jedoch 
gelang und eine frische Zerstörung des Hymen ergab. Das Gutachten war leicht 
und konnte mit Bestimmtheit abgegeben werden. Der Angeschuldigte, welcher, wie 
sich ergab (ich habe ihn nicht untersucht), notorisch am Tripper gelitten hatte, 
Tersuchte sich zu exculpiren, indem er behauptete, das Kind müsse den von ihm 
benatzten Nachttopf gebraucht und sich so inficirt haben. Mit Beziehung hierauf 
wurde mir später die Sache noch einmal vorgelegt, um mich darüber zu äussern. 
Ich brauche wohl nicht anzuführen, dass ich erklärte, dass die Möglichkeit einer 
solchen Fortpflanzung des gedachten Contagii nicht geläugnet werden könne . dass 
jedoch niemals in diesem Falle die Erweiterung des Sclieideneinganges und der 
Verlust des Hymen dadurch hätte entstehen können, vielmehr das frühere Gutach- 
ten, dass der Tripper bei dem Kinde dem Eindringen eines tripperkranken Gliedes 



138 §. 18. Casuistik. 53. u. 54. Fall. 

seine Entstehung verdanke, aufrecht erhalten werden müsse. Der Angeschuldigte 
wurde zu einer vieljährigen Zuchthausstrafe verurtheilt, 

S3. Ml. Tripper bei dem Kinde, Bubo bei dem Angeschuldigten. 

Der Angeschuldigte gehörte nicht der niedern Volksklasse an. Er sollte die 
8V2 Jahre alte Auguste am 30. November auf einen Tisch gesetzt und sie dann 
^vorgenommen** haben. Angeblich hatte das Kind danach viel Schmerz empfunden, 
in den nächsten Wochen ungewöhnlichen Drang zum Harnlassen gehabt, und war 
auch der Mutter ein erschwerter Gang aufgefallen. Anfangs December fand der 
Dr. K. es mit einem wirklichen Tripper behaftet. Am 22. Januar fand ich noch 
eine lebhafte Röthung im Scheideneingang und einen geringen, aus der Harnröhre 
kommenden Schleimfluss. Das Jungfernhäutchen war durchaus unverletzt. Ich 
musste nach dem Befunde erklären: „dass das Kind durch die Berührung seiner 
Geschlechtstheile mit Trippergift inficirt worden. ** Zwei Tage später untersuchte 
ich den Angeschuldigten und fand denselben bettlägerig und mit einem handgross- 
geöfTneten Bubo behaftet. Anderweitige syphilitische Symptome oder Spuren der- 
selben waren am ganzen Körper nicht wahrnehmbar. „Der bestehende Befund 
indess**, erklärte ich, „lässt sehr wohl die Annahme zu und macht sie sogar höchst 
wahrscheinlich, dass vor einiger Zeit ein Schanker bei dem Kranken bestanden habe, 
der entweder mit Tripper verbunden gewesen , oder seinen ursprünglichen Sitz in 
der Harnröhre gehabt habe, welches Letztere um so mehr zu vermuthen, als äusser- 
lich an den Geschleohtstheilen Schankernarl*n nicht wahrnehmbar sind. Unter 
diesen umständen gewinnt die Anschuldigung gegen S., das Kind venerisch inficirt 
zu haben, einen bedeutsamen Anhalt, wobei ich, da es mir nicht obliegt, den sub- 
jectiven Thatbestand festzustellen, als selbstverständlich darauf aufmerksam 
machen muss, dass auch ein Anderer als S. das Kind inficirt haben kann.*' Höchst 
wahrscheinlich war es aber eben kein Anderer gewesen, denn S. ist bald nach 
meiner Untersuchung — landesflüchtig geworden! 

S4. hll. Schanker bei dem Kinde und bei dessen Vater. 

Die 11jährige Ida gab in diesem schrecklichen Fall von Blutschande an, dass 
ihr Vater sie viermal, zuletzt Mitte Februar, zu sich ins Bett genommen und Mani- 
pulationen mit ihr vorgenommen habe , die nach ihrer Schilderung eine Beischlafs- 
vollziehung voraussetzen Hessen. Ich fand die Genitalien des Kindes ringsum mit 
Schankergeschwüren umgeben, dergleichen sich auch einige am After befanden. 
Das Hymen war am rechten Rande etwas eingerissen, und das Organ selbst, so wie 
der Eingang in die Scheide etwas geröthet und schmerzhaft. Der Vater hatte an 
der Eichel eine kupferrothe, kreisrunde Narbe mit etwas Substanzverlust (in deren 
Mitte noch eine nadelspitzgrosse OefTnung sichtbar war), <lie sich hiernach als ächte 
Schankernarbe characterisirte. Ausserdem fand sich am Vorhautbändchen ein noch 
offenes, kleines Geschwür und das Bändchen selbst war zerstört. Das Gutachten 
musste, bei der sehr harten Strafe, die dem Angeschuldigten drohte (und die auch 
verhängt worden ist), luit besonderor Vorsicht erstattet werden. l(^h erklärte: 
1) dass S. noch vor kurzer Zeil niit Schankeriüjoschwüren behaftet j^cwesen und 
noch jetzt niciit völlig geheilt sei; 2) dass Ida S. mit denselben (leschwüren be- 
haftet sei; 8) dass diese Geschwüre durch eine Berührung ihrer Geschlechtstheile 
mit denen eines mit Schanker behafteten Mannes 'veranlasst worden seien, wie na- 
mentlich die Beschaffenheit des (eingerissenen) Jungfernhäutchens ergebe; 4) dass 



§. 18. Casuistik. 55. bis 57. Fall. 139 

aus dem Befunde an sich mit Gewissheit nicht zu bestimmen, dass gerade der 
Angeschuldigte jener Mann gewesen sein müsse; dass jedoch 5) der Befund eben 
so wenig das Gegentheil beweise und mit den Angaben der Ida nicht im Wider- 
spruch stehe. 

SS. Ml. Breite Condylome bei dem Kinde. Keine Syphilis bei dem 

Angeschuldigten. 

Am 13. April hatte ich die 5jährige Emma zu untersuchen, welche angegeben 
hatte, dass der Angeschuldigte sie an den Geschlechtstheilen gekitzelt habe, und 
zwar am 9. April ejusd. Ein ärztliches Attest bekundete eingerissenes Hjrmen, 
Risswunden am Scheideneingang, starke Röthung des Scheideneinganges. Der 
Angeschuldigte gab nur zu, sich in das Bett, in welchöm das Kind schlief, gelegt 
zu haben, weil ihn gefroren habe. Ich fand keine Einrisse am Hymen noch Riss- 
wnnden am Scheideneingang, wohl aber deutlich ausgesprochene Feigwarzen an 
den kleinen Nymphen und dem Scheideneingang. Selbstverständlich konnten diese 
nicht vom 9. April herrühren; auch war der Angeschuldigte frei von Syphilis. Ihr 
Ursprung blieb unaufgeklärt. 

SC. FtU. Verletzungsspur am Kindeskörper nach Nothzuchtsversuch. 

Vier Tage vor meiner Untersuchung der 10 jährigen Minna hatte der 32jährige 
Maurergeselle M. einen förmlichen Nothzuchtsversuch an ihr gemacht, sie nämlich 
aufs Bett geworfen und mit starken Drucken, die sehr schmerzhaft waren, die 
Schenkel des Kindes auseinander gehalten und dann eine Immission versucht. Ich 
fand an der innern Seite des Oberschenkels deutlich die bei der Berührung noch 
schmerzhaften Sugillationen von Fingereindrücken. Uriniren und Defäcation waren 
sehr schmerzhaft und hatten mit Cataplasmon und Ricinus-Oel erleichtert werden 
müssen. Das Gehen war sehr beschwerlich. Ausfluss aus der Vagina fand nicht 
Statt. Die grossen Lefzen waren etwas geschwollen, eben so der Rand der Ham- 
röhrenöffnung, dessen Berührung sehr schmerzhaft war. Das Hymen war unver- 
letzt, aber. stark injicirt. M. war ganz gesund. 

57. Fall. Angebliche Nothzucht und Blutschande. 

Vielfach habe ich in der Casuistik dieses Werkes Einblicke in eine Welt thun 
lassen müssen, welche Millionen von Menschen niemals kennen lernen, ja von der 
sie kaum eine Ahnung haben. Eins der haarsträubendsten Specimina aus dieser 
Welt aber war gewiss das Subject dieses Falles, die Tochter eines Maurergesellen, 
erst 13 Jahre alt, aber viel älter aussehend. Sie trat mit der Denunciation auf, 
dass ihr Vater, ihr leiblicher Vater, einmal vor zwei Jahren (!) zu ihr ins Bett 
gekommen, in welchem sie mit einer jüngeren Schwester schlief, und sie stuprirt 
habe. Der Vater, erklärte sie auf die Frage: warum sie nicht geschrieen und als 
ein so kräftiges Mädchen sich gar nicht gesträubt und gewehrt habe, habe ihr mit 
einer Hand das Kopfkissen auf den Mund gedrückt und mit der anderen ihre beiden 
Hände gehalten!! Sie will auch nicht gleich aufgewacht sein, als der Vater zu ihr 
ins Bett kam, sondern erst, als derselbe auf ihr lag! Weiter gab sie an, dass sie 
bei dieser Gelegenheit nass geworden, dass sie am anderen Tage und nun acht 
Tage lang Blut verloren, auch Blutabgang beim Stuhlgang, Stiche im Bauche ^und 
Wandsein an den Lenden^ gehabt habe. Dass alle diese Angaben grobe Lügen 



140 §. 18. Casuistik. 58. u. 59. Fall. 

seien, war um so mehr anzunehmen, als die ungünstigsten Zeugnisse über das Mad- 
chen von der Verwaltung des Waisenhauses vorlagen, in dem sie sich jetzt befand, 
und wodurch festgestellt war, dass sie schon Diebstähle begangen, grosse Gewandt- 
heit im Lügen zeige, Neigung zum Umhertreiben und selbst schon Verkehr mit 
Männern getrieben habe. Der Befund nun war folgender: anfangender Schaamhaar- 
wuchs; das Scheidenbändchen erhalten, der Scheideneingaug nicht ungewöhnlich 
erweitert und gar nicht entzündet oder gereizt; das fleischige Hymen zeigte rechts 
einen anderthalb Linien tiefen, klaffenden, vernarbten Einriss; kein Ausfluss. Der 
angeschuldigte Vater läugnete alle und jede verbrecherische Berührung der Tochter, 
und unvergesslich für immer bleibt mir die Schauder erregende Confrontation des- 
selben mit ihr, in welcher er Rache als Beweggrund ihres Auftretens gegen ihn an- 
gab, während sie ihm mit ekelhaftem Detail ihre Anschuldigung ins Gesicht schleu- 
derte ! I Es versteht sich nichtsdestoweniger, dass unser Gutachten sich so objectiv 
als möglich hielt. Es lautete: ,,dass aus dem Befunde zu schliesson, dass ein har- 
ter fremder Körper eine Insultation der fraglichen Geschlechtstheile bewirkt habe, 
und dass es wohl möglich, dass ein erigirtes männliches Glied dieser Körper ge- 
wesen sei, dass jedoch die Angaben der N. es durchaus unwahrscheinlich machten, 
dass die von ihr angegebene Nothzucht so stattgefunden, wie sie es behauptet.** — 
Der Vater wurde hiernach ausser Anklage gesetzt. 

58. Fall. Gewohnheitsmässige unzüchtige Berührungen der 

Geschlechtstheile. Onanie. 

Der nachstehende Fall ist recht wichtig für die durch Onanie bedingten Ver- 
änderungen. Die jetzige Pflegemutter des Kindes hatte denuncirt gegen den frü- 
heren Pflegevater. Sie hatte nämlich bemerkt, dass das Mädchen stark onanire, 
und dasselbe hatte ihr angegeben, dass sie sich das angewöhnt habe, >veil ihr 
voriger Pflegevater durch 8 Monate hindurch ihr an den Geschlechtstheilen gespielt 
habe, was ihr Vergnügen gemacht, auch sie habe ihm an den Geschlechtstheilen 
gespielt. Er habe gegen sie stets nur die Finger gebraucht. Schmerzen habe sie 
niemals empfunden. Das 8jährige Kind ist blühenden Aussehens, lebhaft, intelli- 
gent und erregt. Die Genitalien regelmässig gebildet, nicht welk noch schlaff. 
Die Vorhaut gross, ebenso die Clitoris und hat hier die Schleimhaut ihren Glanz 
und ihre Feuchtigkeit verloren, sie gleicht in Farbe und Aussehen der Epidermis. 
Die Vaginalöffnung nicht erweitert, aber geröthet, auch die Ilarnröhrenöffnung ist 
gereizt. Ein schwacher, grüngelblicher, nicht consistenter Ausfluss aus der Vagina 
ist vorhanden. Das häutige Jungfernhäutchen ist halbmondförmig, unverletzt und 
auch nicht mit Randeinrissen versehen. Hiernach musste ich begutachten: dass 
wiederholte und gewohnheitsmässige Berührungen und Reizungen der Geschlechts- 
theile des Kindes stattgefunden haben, dass ein fremder liarter Körper in die Ge- 
schlechtstheile, bis über die Hymenalöffnung hinsaus, nicht eingedrungen sei. Es 
ist mir nicht bekannt geworden , dass der Sache weiterer Forlgang gegeben wor- 
den sei. 

59. Fall. Einriss in das Hymen vom Angoschuldigteiu uder vom unter- 
suchenden Arzte gemacht? 

Statt vieler derartiger, mir vorgekommener Fälle, zur Warnunji; und Bestäti- 
gung des Seite 101 Gesagten theile ich den nachslehonden Fall mit. Es war neben 
Vaginitis ein Einriss in das Hymen vorhanden nach voraufgegangenen, eingestan- 



§. 18. Casuislik. 60. u. (il. Fall. 141 

denermaasscn verübton Fingermanipulationon des Angeschuldigten. Es musste aber 
zweifelhaft bleiben, ob der untersuchende Arzt nicht die Defloration bewirkt habe. 
Ich beschränke mich auf die Mittheihmg dos Gutachtens, welches lautete : 

Die fast 8jährige Ernestine St. ist ihrem Alter entsprechend körperlich und 
geistig entwickelt; ihre Geschlechtstheile sind normal gebildet und in folgender 
Weise krankhaft verändert. Die Umgegend der Geschlechtstheile, die grossen 
Schaamlefzen sind noch jetzt geröthet durch den noch jetzt, wenn auch spärlich 
vorhandenen Ausfluss zähen, eitrigen Schleimes, mit welchem auch das mir hier 
vorgelegte Kinderhemd stark besudelt ist. 

Das Jungfernhäutchen ist kreisförmig, anscheinend etwas geschwollen, links 
und unten hochroth, und hierselbst ein Einriss in die Substanz wahrnehmbar. Bei 
Berührung dieser Stelle mit einem weichen Läppchen zeigt sich das allerdings im 
Ganzen sehr ängstliche Kind äusserst empfindlich. Hiernach liegt eine acute Ent- 
zündung der Genital -Schleimhaut vor, welche sehr füglich durch vor 17 Tagen 
ausgeübte, mechanische Reizung der Geschlechtstheile der Explorata mittelst eines 
.Mannsfingers oder erigirten männlichen Gliedes hervorgerufen sein kann. Was den 
Einriss in das Jungfernhäutchen betrilTt, so würde er das eben Gesagte zur Evidenz 
constatiren, wenn nicht der Dr. M. in seinem Attest vom 20. huj. besagte, dass er 
den kleinen Finger in die Scheide unter äusserster Schmerzhaftigkoit des Kindes 
eingeführt und denselben, mit von blutigen Streifen durchzogenem Eiter bedeckt, 
wieder herausgezogen habe, während er vorher das aus der Schaamspalte fliessende 
Secret nur als hellgelb und eitrig bezeichnet, ohne Blutstreifen desselben zu er- 
wähnen. 

Durch dieses unsachgemässe Verfahren muss es dahingestellt bleiben, ob nicht 
etwa erst der kleine Finger des Dr. M. den vorhandenen Einriss des Hymens verur- 
sacht hat. 

Aber auch abgesehen hiervon bleibt das oben gefällte Urtheil bestehen, dass 
im Uebrigen die Erkrankung des Kindes auf die am 13. huj. stattgehabten Vorfälle 
zurückzuführen ist. 

C9. MI. Zerreissung der Geschlechtstheile. Mord durch Erwürgen. 

In diesem entsetzlichen Falle fanden sich an dem fünfjährigen Kinde ausser 
den Spuren der Erwürgung am Hals und Kratzwunden um die Respirationsöffnungen 
Verletzungen der Geschlechtstheile. Die Umgegend derselben war theils mit Blut, 
Iheils mit Russ besudelt. An dem rechten Oberschenkel, an der Innenfläche, an 
der linken Hinterbacke, femer an dem äusseren Rande der linken Schaamlefze 
je eine hanfkorngrosse Hautabschürfung. Der Eingang in die Geschlechtstheile ist 
der Art aufgerissen, dass die hintere Scheidenwand 6 Ctm. tief eingerissen ist, des- 
gleichen das Unterschleimhautgewebe bis auf die vordere Wand des Mastdarmes. 
Die Grundfläche des Einrisses enthält zahlreiche Blutergüsse. Von hier aus verfolgt 
man einen Einriss in den Damm mit zerfetzten Rändern, so dass man bei aus- 
einandergeschlagenen Schenkeln eine dreieckige Oeffnung mit der Basis mach oben 
vor sich hat. Die Ränder sind blutig, ihre Umgebung blutunterlaufen. Die After- 
öfTniing unverletzt. Das Kind, welches am Abend des 12. Mai vermisst worden 
war, war am 13. Morgens im Keller todt aufgefunden worden. 

61. MI. Schändung von Kindesleichen. 
Psychologisch rätiiselhaft und bisher unaufgeklärt sind die beiden folgenden 



U2 §. 18. Casuistik. 61. u. 62. Fall. 

auf ein und denselben Thäter hinweisenden Fälle, deren der eine im Juli, der andere 
im November desselben Jahres vorkam. Beide Fälle betrafen bereits seit einigen Tagen 
beerdigte Kinderleichen, die eine die eines 3^ Monat, die andere die eines 3i Jahr alten 
Kindes. Sie waren auf dem (katholischen) Kirchhof ausgegraben, die Särge mit ihrem 
Inhalt eine gute Strecke Weges entfernt geschafft, geöffnet worden. In dem ersten 
Falle fand man das Kind im unteren Theil des Sarges liegena, die Bekleidung in 
Ordnung, die Blätter eines Myrthenkranzes , den die Leiche auf dem Kopfe gehabt, 
um den Sarg zerstreut, den oberen Theil desselben eine Strecke weit fortgeschleppt. 
Im zweiten Falle fand man den unteren Theil des Sarges entleert, den oberen Theil 
eine Strecke davon entfernt über die Kindesleiche gestülpt vergraben, was im erste- 
ren Falle, wo ein Kornfeld die Leiche den Augen entzog, nicht noth wendig er- 
schien. In beiden Fällen fanden sich durchaus gleichartige Verletzungen, nämlich 
Aufschlitzen des Bauches, so dass die Eingeweide vorgefallen waren, und eine Zer- 
reissung der Geschlechtstheile. Ersteres durch einen von der Mitte der Brust bis 
auf die Geschlechtstheile herab geführten scharfrandigen Schnitt, welcher im zwei- 
ten Falle sogar gleichzeitig die Sjrmphyse durchtrennt hatte, letzteres durch Zer- 
reissung des Schaamlefzenbändchens , des Jungfernhäutchens und der hinteren 
Scheidenwand. In dem einen Falle fand sich in der Tiefe der Scheide ein Blätt- 
chen, welches mit denen des Myrthenkranzes congruirte, in dem anderen Falle 
hatten die an und in den Geschlechtstheilen vorgefundenen Verletzungen mehr den 
Gharacter der Schnitt- als der Risswunden. Hier waren beide Scheidenwandungen, 
vordere und hintere, längs durchtrennt, die Harnröhre durchschnitten. Saamen- 
fädchen wurden in beiden Fällen auf der Vaginalschleimhaut nicht vorgefunden, 
und ich muss bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, dass man sich 
durch Epithelien der Blasenschleimhaut und der Harnröhre nicht täuschen lassen 
darf, welche bei schwachen Vergrösserungen sehr leicht zu Täuschungen Veran- 
lassung geben können, und uns Anfangs (die Harnröhre war durchschnitten und 
beim Ueberstreichen mit dem Scalpell über die Scheidenschleimhaut unvermeidbar 
gleichzeitig die Schleimhaut der Harnröhre zu berühren) auch täuschten. Eine 
wiederholte und genaue Untersuchung Hess aber in den keulenförmigen Epithelien, 
die übrigens grösser als Spermatozoen sind, den Kern nicht vermissen. Es liegt 
sehr nahe, in diesen Schändungen eine geschlechtliche Tendenz zu vermuthen. 
Es wird doch aber gut sein, hier nicht zu voreilig zu urtheilen. 



B. Nothzucht an Erwachsenen. 

62. Fall. Erhaltenes, nur eingerissenes Hymen mit Schwangerschaft. 

Ein 20jähriges Mädchen hatte sich erhängt, und Kratzwunden am Halse waren 
Veranlassung zur gerichtlichen Obduction geworden. Von dieser erwähne ich nur 
das Hierhergehörige. Das Hymen war vollständig erhalten. Es war gerade so 
gross und geformt wie eine gewöhnliche Mandel in der Schaale und kreisförmig, 
nicht seminular. Sein unterer Rand, aber nur dieser, war eingerissen und zeigte 
kleine Wärzchen (Caininkeln). Der ganze übrige Theil war vollkommen wohl er- 
halten, wovon sich alle unsere umstehenden Zuhörer überzeugten, und die Oeffnung 
gross genug, um wenigstens theilweis Immission zu gestatten. Der Scheidenein- 
gang war etwas weiter als gewöhnlich im jungfräulichen Zustande, das Frenulum 
unverletzt. Der bis zum Isabel reichende Uterus enthielt eine weibliche Frucht von 
15 Zoll Länge, welche noch verschlossene Augenlider, sehr klaffende Lefzen, kaum 
angedeutete Fingernägel, aber schon ziemlich feste Nasen- und Ohrknorpel hatte. 



§. 18. Casuistik. 63. bis 65. Fall. 143 

63. fall. Nothzucht einer Erwachsenen. 

Dieser empörende Fall kam im November 185* vor und betraf — ein ganz 
blödsinniges, vie rundzwanzigjähriges Mädchen. Sie war von zwei Männern, von 
dem Einen im Liegen, und gleich darauf von dem Andern, während Ersterer sie 
hielt, im Stehen gemissbraucht worden I Die nach Wochen angestellte Untersu- 
chung konnte nichts ergeben, denn das Mädchen hatte schon (vor zwei Jahren) ge- 
boren, und zwar — geschwängert von einem Arzte, der sie vorher mit einem Spe- 
cnlum untersucht gehabt hatte. 

14. lall. Nothzucht einer Erwachsenen im willenlosen und bewusst- 

losen Zustande derselben. 

Am alle, 22 .Jahre alt, litt seit fünf Jahren an epileptisch -hysterischen 
Krämpfen, die jedesmal mit Erbrechen anfangen , und denen dann ein Zustand von 
Bewusstlosigkeit folgt, der von Einer bis sechs, sieben Stunden dauert. Wenn man 
ihr darin einen Arm oder Bein hochhebt, so fällt das Glied mechanisch wieder nie- 
der. Bei Anrufen ihres Namens ist es vorgekommen, dass sie zusammenschreckte. 
Am 2. August Abends hatte sie in der Küche Erbrechen bekommen und da sie Vor- 
boten des eintretenden Krampfs spürte, sich in das nahe Zimmer auf ein Sopha 
gelegt. Hier fand sie bei seiner Rückkehr ins Haus der Arbeitsmann A., der diese 
Krampfzustände bei ihr kannte, und nachdem er sie zuerst mit dem Strohhalm an 
die Nase gekitzelt und, da dies keine Reaction veranlasste, mit einer brennenden 
Lampe ihr unter die Nase gefahren war (wovon ich noch später den kleinen Brand- 
schorf fand), er sich hiernach von ihrer gänzlichen Bewusstlosigkeit überzeugt 
hatte, trug er sie vom Sopha auf einen Stuhl, und vollzog hier, Angesichts eines 
Kameraden, der in der anstossenden Kammer zusah, den Beischlaf! Nach dem 
baldigen Erwachen spürte das Mädchen Schmerzen und Nässe an den Genitalien 
und sah den A. noch mit den offenen Beinkleidern vor sich stehen, so dass bei ihr 
kein Zweifel darüber war, dass sie gemissbraucht worden. A. läugnete in der 
Untersuchung keineswegs den Beischlaf, wohl aber die Bewusstlosigkeit, und be- 
hauptete, dass sich das Mädchen willfährig gezeigt habe. Ich habe sie aus diesem 
Gründe geschlechtlich gar nicht zu untersuchen, sondern nur über den Krank- 
heitszustand, mit Rücksicht auf §. 176. ad 2. des D. Str.G.B., der sich auf 
solche Zustände bezieht, mich zu äussern gehabt. In der Audienzverhandlung er- 
gab es sich nun allerdings, dass Am alle schon mehrfach mit Männern cohabitirt 
hatte, es wurde aber auch von mehreren Zeugen nicht nur das Bestehen von 
Krämpfen, sondern auch durch jenen Augenzeugen beim angeschuldigten Vorfall 
das Bestehen des bewusstlosen Zusta.ndes zur Zeit des fraglichen Beischlafs fest- 
gestellt. Es wurde hiernach vom Schwurgerichtshof auf eine dreijährige Zucht- 
hausstrafe gegen A. erkannt. 

65. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen. 

Am Sonntag den .... 1843 waren vier Männer in ein Haus gedrungen, in 
welchem sie die einzige Dienstmagd allein im Hause wussten. Beim Klingeln öffnete 
ihnen dieselbe die Thür, sie stiessen sie sofort bei Seite, misshandelten sie durch 
.Sehläge auf den Kopf und Niederreissen auf den steinernen Fussboden. Während 
nun zwei der Räuber die Schränke erbrachen, wurden ihr von den Andern die Hände 
gebunden, die Kleidungsstücke über den Kopf geschlagen, und Einer befriedigte 



144 §. 18. Casuißtik. 65. u. m. Fall. 

seine Wollust an ihr. Der Andere Hess der noch angeblich betäubt Daliegenden 
seinen Koth in's Gesicht, und der Zweite stopfte ihr ein in den Koth getauchtes Pa- 
pier und eine damit besudelte Aderlassbinde, die sie von einem erst an dem Abend 
gemachten Aderlasse noch am Arm hatte, in den Mund!! Sie will zwar nicht eine 
Saamenergiessung, wohl aber die Immissio penis des Räubers gefühlt haben. Ein 
Arzt, der sie unmittelbar nach der unerhörten That gesehen, hatte bescheinigt, dass 
er Kinn und Brust noch mit Menschonkoth beschmutzt gefunden habe. Die Frevel- 
that erregte solches Aufsehen, dass in der Stadt eine öffentliche Collecte für das 
Mädchen gemacht wurde. Vier Tage später hatte ich die Gemisshandelte zu unter- 
suchen. Abgesehen von einer allgemeinen, schweren Depression des ganzen Nerven- 
systems und angeblichen Krämpfen, die ich jedoch nicht gesehen habe, fand ich die 
linke Backe leicht geschwollen und in ihrer Mitte einen frischen V3 Zoll langen 
Nadelritz. Sie wollte von den Räubern an den Haaren gezerrt worden sein, und die 
Dienstfrau legte einen ansehnlichen Bausch Haare vor, welche genau mit dem Kopf- 
haare der Kranken übereinstimmten und am andern Morgen durch blosses Kämmen 
abgegangen sein sollten; es fanden sich auch haarentblösste Stellen an der rechten 
Seite des Kopfes. Ferner sollten die Räuber Haare an ihren Schaamtheilen ausge- 
rissen haben, und bei genauer Vergleichung des Haarwuchses an beiden grossen 
Lefzen fand ich auch allerdings eine di'mner bewachsene Stelle an der rechten. An 
der Innern Seite des rechten Oberschenkels, dicht am Eingange in die Scheide, zeigte 
sich eine etwas dunklere Hautstelle, angeblich empfindlich beim Druck, gleichsam 
als wenn ein starker Druck mit den Fingern, um die Schenkel von einander zu ent- 
fernen, hier eingewirkt hätte. Die Vagina selbst war unverletzt, das Scheidenband- 
chen erhalten, das Hymen aber fehlend. „Ich stehe indess nicht an, trotz der Be- 
theuerung der Z., dass sie nie früher den Beischlaf vollzogen habe, bestimmt zu 
behaupten, dass diese Zerstörung des Hymen nicht von einer erst vor viermal 24 
Stunden erfolgten Entjungferung herrühre, da alle Spuren einer so frischen gewalt-. 
Samen Defloration, Quetschung, Entzündung, Blutung, Ausfluss u. s. w. hier ganz 
und gar fehlen und die Carunkeln des Hjonen fest und ganz unempfindlich sind. 
Hierzu kommt, dass die Z. einräumte, Schmerz weder beim Gehen, noch beim Uri- 
niren oder Kothlassen empfunden zu haben, was gleichfalls gegen eine gewaltsame, 
erst vor wenigen Tagen erfolgte Defloration spricht. ^ Im Hemde war die Spur einer 
Blutung von einer Zerreissung des Hymen ebenfalls nicht wahrzunehmen, und ein 
verdächtiger Fleck am Hintertheil desselben zeigte wohl Schleimzellen, aber keine 
Saamenfädchen. Ich erklärte hiemach mit Bestimmtheit: dass an der Z. Sparen 
einer kürzlich (vor vier Tagen) Statt gehabten Entjungferung oder eines kürzlich 
vollzogenen, gewaltsamen Beischlafes nicht vorhanden seien, dass die Z. vielmehr 
schon vor längerer Zeit deflorirt worden sei. Der Verlauf der sehr langen Unter- 
suchung hat die vollkommene Richtigkeit dieses Ausspruchs ergeben, indem durch 
Zeugnisse aus ihrer Heimath festgestellt wurde, dass die Z. vor di*ei Jahren dort 
schon einmal abortirt hatte, so dass sie sogar später noch bestraft wurde, weil sie 
gegen mein Gutachten eidlich bekundet halte, noch nie früher sich fleischlich ver- 
mischt gehabt zu haben. — Die Urheber des unerhörten Frevels wurden mit zwan- 
zig Jahren Zuchthaus bestraft. 

66. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen. 

Einer der lehrreichsten Fälle aus der ganzen Reihe meiner Beobachtungen, 
weil er ein kräftiges, erwachsenes, gesundes Frauenzimmer betraf, die von einem 
einzelnen Manne angeblich vullstämlig gewaltsam stupriri sein wollte, und wobei ich 



§. 18. Ciisuistik. 67. u. GS. Pall. 



145 



jar schwankte, bevor icti mich in meinem Urtheil entschied. Am 16. Januar hatte 
i die fonfundzwanzigjahrige F. im Dankein nach dem Thicrgarten gelockt, und 
•obdem er erst bei ihrem Sträuben verjreblich versucht hatte, sie an einem Baum 
k mlssbraucbeu, sie um den Leib gepackt, zur Erde geworfen und nun, da sie an- 
tlich ilirer Widerstandskraft beraubt war, ihr die Rücke über den Kopf geschlagen 
e genoth züchtigt. Neun Tage darauf hatte ich die F. zu exploriren. Sie hatte 
k scb&chtemea, anscheinend jungfräuliches Wesen und war ohne Verstellung tief er- 
ilTen von dem. was ihr widerfahren. Der Kingang in die Scheide war noch jetzt ge- 
., bei der Berührung und Erweiterung schmerzhaft, das Hymen ganz zerrissen 
1 hoohrothe, noch leicht geschwollene Carunkoln sichtbar. Das ächaambändchen 
t erholten, unauftjefordert aber und nur nach allgemein gehaltenen Fragen 
r ihr körperliches und geistiges lioRnduii ilussorte sie, dass sie vor mehreren Ta- 
1 mehr noch als jetzt, nur mit einiger Beschwerde habe gehen und Urin utid Koth 
MD können. Alles hier in Getraclit kommende sorgfältig erwägend, entschind ich 
Ich für das Gutachten: dass an der F. eine Nothzucbt consunirt worden. In der 
mtlicben Audienz kamen nun nocli Momente zur Sprache, die mich dieses Urtheil 
r noch zu bestätigen veranlassten. Die Polizei beamten, welche auf das Geschrei 
t P. herbeigeeilt waren, bestiitigten, dass der Boden au der Stelle, an welcher 
B H&dohen niedergeworfen worden, hart gefroren war, und sie deponirten, dass 
L noch bei der Verhaftung und nach .Stillung seiner Begierde sich in einem Zu- 
1 wirklicher Satyriasis befunden habe. Man wird das Interesse dieses 
dchligen Falles nicht verkenmm, in welchem also ein junges, gesundes, kräftiges 
'teuenzimmer allerdings von einem eiuzelnen Manne vollständig stuprirt worden, 
i wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurtheilt. 



». Vall. Angebliche Nothzi 



:hLe 



achsi 



Den nachstehenden Fall, welcher an sich nichts AussergcwÖholiches enthält, 
ülo ich der Belehrung halber mit, weil hier jedes bestimmte Gutachten durch die 
F *araArgegangene. ärztliche, unbedivchte Untersuchung vereitelt wurde, was, wie 
iwhori oben bemerkt, leider Öfter der Fall ist. Die 22jährige Clara war am 11. 
*ui^«hlieh vom Schmiedegosellon S, überfallen, niedergeworfen und gonothniiohtigt 
'oK^en. Sie zeigte sich als ein stumpfsinniges Subject. Am 13. ejusd. hatte sie 
^- H. nutersucht und Eöthe und Emplindlichkeit an der Schleimhaut der grossen 
"i»i kleinen Lefüen, Schleiiullusa und den Bing der Scheidenklappe unverletzt, aber 
^ ScIilalT gefunden, dass er dem eindringenden Finger (11) keinen starken 
*•*! erstand entgegen setzte. Wir fanden am 21. ejusd. an der unteren Commisaur 
^i* Schleimhaut noch geröthet. schmerzhaft bei Berührung, das Hymen kreisförmig 
•""» rschler Seita einen kloinon, noch frischen Einriss und massige Blennorrhoe der 
^g^stlde. Wir urtheilten, dass der Gesaninitbefund beweise, dass vor Kurzem ein 
Afsversueh Statt gefunden habe, oder wenigstens eine Insultation durch einen 
I, harten Körjier, Finger oder erigirtcs männliches Glied, dass zwar die Mög- 
"keil nicht aufschlössen sei, dass Dr. H. bei seiner Untersuchung die Verleti- 
WR herbnigefübrl habe, dass aber der übrij^'o Befund dennoch immer für anderwci- 
t>Sv Entstehung spreche. 



fiS. r«ll. Nothzucht c 



mit Schwä 



Ji# unverehelichte 19jährige, sehr gut beleumundete Christiane deponirte: 
Knde Februar dieses Jahres brachte der balJ seit 2 Jahren auf dem Hofe des 



146 §. 18. Casuistik. 68. Fall. 

Hauses wohnende, angeschuldigte B. eines Vormittags, als meine Mutter gerade mit 
der Frau des B. zum Markte gegangen und mein Vater auf Arbeit war, den Wasch- 
kellerschlüssel, der stets nach vollendeter Wäsche von den einzelnen Mietbem bei 
uns abgegeben werden muss, weil mein Vater in unserem Hause zugleich die Stelle 
eines Portiers versieht, zu mir in die kleinere Stube. Er hat dabei seinen Weg von 
hinten durch die grössere Stube gewählt, und wollte ich, als er den Schlüssel an 
mich, die ich ganz allein in unserer Wohnung war, abgegeben und sich wieder in 
die grössere Stube entfernt hatte, den Ausgang dieser letzteren Stube verriegeln, 
was ich bis dahin aus Vergesslichkeit unterlassen hatte. Ich traf, als ich dem B. 
aus der kleineren in die gi'össere Stube folgte, ihn noch unfern der Verbindungsthür 
zwischen beiden Stuben stehen. Ich ging auf ihn zu in der Erwartung, dass er sich 
entfernen würde, um dann die Thür hinter ihm zu verriegeln. Er machte indessen 
keine Anstalt fortzugehen, fasste mich vielmehr, als ich bis zu ihm herangekommen 
war, ohne Weiteres und ohne Etwas zu mir zu äussern, namentlich ohne eine Frage, 
die seinen Wunsch ausgedrückt hätte, mit mir den Beischlaf zu vollziehen, an mich 
zu richten, mit beiden Armen um die Taille und drückte mich fest an sich. Auf 
mein lautes Schreien, dass er mich zufrieden lassen solle, drückte er mich nur noch 
fester an sich, so dass mir die Luft verging und ich nicht weiter schreien konnte. 
Dann warf er mich, während er ;nich noch fest umfasst hielt, mit solcher Heftigkeit 
zur Erde, dass mein Hinterkopf auf die Dielen schlug und ich einen ziemlich hef- 
tigen Schmerz am Kopfe davon trug. Er nahm sodann seinen einen Arm von meiner 
Taille fort, während er mit dem anderen mich noch mit aller Kraft an sich drückte. 
Ich versuchte zwar, ihn, während er auf mir lag, durch Gegenstemmen meiner bei- 
den Hände gegen seine Brust und sein Gesicht von mir abzuwehren, war dies aber 
nicht im Stande. B. hob mir darauf mit seiner freien Hand meine sämmtlichen 
Kleider so weit in die Höhe, dass meine Geschlechtstheile vollständig entblösst wur- 
den. Ich fühlte dann, wie etwas in meine Geschlechtstheile eindrang und hatte 
hiervon die heftigsten Schmerzen. Dies hielt einige Minuten an, wo ich dann fühlte, 
dass meine Geschlechtstheile wieder frei und nass wurden, wonächst B. von mir 
aufstand. Ich habe auch deutlich gefühlt, dass das in meinen Geschlechtstheil Ein- 
gedrungene in demselben hin und hergeschoben wurde. Während B. dies mit mir 
vornahm, war ich der Ohnmacht nahe, wegen seines heftigen Druckes kaum zu ath- 
men fähig und ausser Stande, mich seiner kräftig zu erwehren, obgleich ich den 
Versuch dazu machte. Nachdem sich B. von mir erhoben, verliess er die Stube 
durch den hinteren Eingang, und riegelte ich diesen, nachdem auch ich mich er- 
hoben, hinter ihm ab. Beim Hinwerfen war ich so gefallen, dass ich auf dem Rücken 
lag. Meine Beine waren dabei in eine etwa.s gekrümmte Lage gerathen und schlös- 
sen auch nicht dicht aneinander. B. hielt mit seinen Beinen, indem er diese fest 
auf meine eigenen Beine drückte und dadurch bewirkte, dass die letzteren gerade 
gestreckt wurden, meine Beine so fest, dass ich diese nicht bewegen konnte und 
durch den gleichzeitigen Druck seines Armes um meine Taille am Boden festgehal- 
ten wurde. In dieser Lage nalim er dann das oben Angegebene vor. 

Aus Schaam über das, was mir passirt, hatte ich nicht den Muth, meinen 
Eltern über die Handlungsweise des B. Mittheilung zu machen. 

Als sich bei mir dann die Kegeln nicht zur richtigen Zeit einstellten, ge- 
brauchte ich zunächst mir angerathene Hausmittel, wurde aber schliesslich, als auch 
noch im Monat Juli die Kegeln ausblieben, von meiner Mutter zu dem Dr. R. ge- 
schickt. Derselbe verordnete mir Kamillenbäder, die indessen nicht anschlugen. 

Ich habe auch zu dieser Zeit, obgleich es mir unzweifelhaft war, dass B. mit 
mir den Beischlaf vollzogen, noch nicht die Besorgniss gehabt, dass ich schwanger 



§. 18. CÄSuistik. 68. Fall. 147 

sein könne, weil ich keine Ahnung davon hatte, dass eine Schwangerschaft schon 
nach einmaligem Beischlaf eintrete. Ich habe deshalb auch bis dahin weder meinen 
Eltern, noch auch dem Dr. R. von dem fraglichen Vorfalle etwas mitgetheilt. Erst 
als ich am 16. d. Mts. nach erfolglosem Gebrauch der Kamillenbäder zu dem Dr. G. 
ging, eröffnete mir dieser, nachdem er mich untersucht, dass ich schwanger sei. 
Da ich dies nicht glaubte, wandte ich mich am 18. d. Mts. nochmals an den Dr. R., 
welcher bestätigte, dass ich in andern Umständen sei. Ich habe mich dann am 
Abend desselben Tages endlich, nachdem ich aus Verzweiflung und Schaam bis zum 
Abend umhergeirrt war, meinen Eltern entdeckt. 

Ich kann mit gutem Gewissen angeben, dass ich niemals mit Männern fleisch- 
lichen Umgang gehabt, und dass nie Jemand mit mir ausser 6. bei der gedachten 
Grelegenheit den Beischlaf vollzogen hat. 

Ich habe auch dem B. niemals zu der Annahme durch mein Benehmen Ver- 
anlassung gegeben, dass ich mich ihm gutwillig Preis geben würde. Er hat auch, 
wie schon gedacht, vor dem fraglichen Vorfalle keine Aeusserung zu mir gethan, 
dass er Last habe, mir fleischlich beizuwohnen, sondern er hat mich gewaltsam zur 
Erde geworfen und, ohne dass ich es verhindern konnte, den Beischlaf mit mir vor- 
genommen. 

Ich kann nur durch diesen Beischlaf schwanger geworden sein. 
Richtig ist, dass einige Zeit vorher B. einmal in einem Keller, wo das Wasch- 
gefass aufbewahrt wird, als ich von dort eines Vormittags Lumpen holen wollte, 
mich um die Taille und auch an die Brüste gefasst hat. Ich habe dies aber nicht 
gatwillig geduldet, sondern habe mich von ihm losgerissen und den Keller verlassen. 
Ich bemerke noch, dass in einem neben uns belegenen Keller noch Leute woh- 
nen, die aber zur Zeit des fraglichen Vorfalles nicht zu Hause waren, und ist es 
daher gekommen, dass mein anfängliches, lautes Schreien von Niemand gehört wor- 
den ist. 

Der Angeschuldigte behauptet, dass er nur einen nicht ernstlich abgewehrten 
Beischlafsversuch unternommen habe, dass weder eine Immissio penis, noch eine 
^jaculatio seminis Statt gefunden habe. Er selbst aber könne der Christiane nur 
^«a Zeugniss eines ordentlichen und sittsamen Mädchens geben. 

Meine Ende August vorgenommene Untersuchung ergab: Die 19jährige Ex- 

piorata macht mir dieselben Angaben, welche bereits oben verzeichnet sind, über 

öi© ATorkommnisse, welche bei ihrer Entjungferung stattgefunden haben sollen, und 

^ ihre ganze Schilderung und ihr Benehmen bei der Erzählung der Vorkommnisse 

^^^ Solches, dass es mir den Eindruck innerer Wahrheit machte. Dieselbe hat regel- 

®*^3ig gebildete Geschlechtstheile, das Jungfernhäutchen, welches kreisförmig ist 

^^ «ine grosse Centralöffnung hat, so dass ein männlicher Finger, ohne dasselbe zu 

*^^^t<)ren, eindringen könnte, hat nichtsdestoweniger rechts und unten einen durch 

^ ^nze Dicke der Membran sich erstreckenden Einriss , zum Beweise , dass ein 

7*^*t©rer, harter Körper als ein männlicher Finger über die Hymenalöffnung hinaus 

^ ^iie Geschlechtstheile eingedrungen ist. Die Warzenhöfe sind stark gebräunt, die 

"Pillen im Warzenhofe entwickelt, Colostrum befindet sich in den Brüsten. Die 

^^•^^rmutter ist bis eine Hand breit unter dem Kabel hin im Bauche zu fühlen. Der 

^^«ärmutterhals ist verkürzt, schlaff, seine Oeffnung rundlich, bei Druck gegen das 

^*^^idengewölbe fühlt man einen harten, runden Körper auf dem Finger tanzen, 

^^is unten in der Unterbauchgegend hört man den fötalen Herzschlag. Hiemach 

^^ndet sich die Christiane in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft. 

Es widersprechen die Befunde, namentlich auch die psychologischen, meiner- 
seits gemachten Elrhebungen nicht der Annahme, dass die Explorata bis zu dem 

10» 



148 §. 18. Casuistik. 68. n. 69. Fall. 

fraglichen Vorfalle noch Jungfer gewesen sei, sie weiss nicht, was eigentlich die 
Entjungferung sei, und erscheinen ihre Angaben, dass sie z. B. nicht wisse, ob sie 
Wollustgefühl bei dem fraglichen Beischlaf gehabt habe, weil sie einerseits vor 
Schmerz, andererseits vor Bestürzung und Furcht benommen gewesen sei, nicht allein 
glaublich, sondern bestätigen auch ihce Unkenntniss der geschlechtlichen Vorgänge. 

Wenn nun im Allgemeinen auch nicht anzunehmen, dass ein bewosstes, er- 
wachsenes Frauenzimmer von einem Manne allein, wider ihren Willen, überwältigt 
und zur Duldung des Beischlafs genöthigt werden könne, so sind doch andererseits 
auch Fälle vom Gegentheil vorgekommen, und ist hierbei Kraft und geschlechtlicher 
Ardor auf der einen Seite, Bestürzung, Furcht, Schreck, welche lähmend auf die 
Körperkräfte wirken, auf der andern Seite zu berücksichtigen, um im concreten Falle 
zu entscheiden, ob dieser Mann dieses Frauenzimmer habe bewältigen können, 
und unter den angegebenen Bedingungen das gegenseitige Kräftemaass abzumessen. 
Die Explorata ist für ein 19 Jahre altes Mädchen zwar entwickelt, aber nicht sehr 
kräftig, während der Angeschuldigte ein ziemlich grosser, l^räftiger Mann ist. 

Dass übrigens Schwängerung nach Nothzucht und bei jeder Lage, sowie beim 
Mangel an Wollustgefühl auf Seiten der Stuprirten vorkommt, ist durch medicinische 
Erfahrung bestätigt, da es nur zur Schwängerung nöthig ist, dass männlicher Saame 
in die weibliche Scheide eingespritzt werde und einem befruchtungsfähigen Eichen 
in der Gebärmutter begegne, welche Möglichkeit um so grösser ist, wenn ein der- 
gleichen Vorkommniss bald nach der monatlichen Reinigung, welche ein die Los- 
stossung der Eichen begleitendes Phänomen ist, stattfindet. Nach den Angaben der 
Explorata hat dieselbe am 19. Februar d. J. ihre Regeln bekommen, und wäre das 
fragliche Attentat am 24. oder 27. Februar (einem Markttage, Mittwoch oder Sonn- 
abend) geschehen. 

Hiernach gebe ich mein amtseidliches Gutachten dahin ab: 1) dass Explorata 
entjungfert ist, 2) dass dieselbe schwanger ist, 3) dass keine Bedenken ärztlicher- 
seits der Annahme entgegenstehen, dass die Entjungferung den Umständen des Falles 
nach als mit Gewalt und gegen die Einwilligung der Explorata vollführt sei. 

Die Geschwornen bejahten die Schuldfrage, und wurde der Angeschuldigte zu 
mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt. 

69. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen. Schwängerung. 

Auch der nachstehende Fall gehört zu den interessantesten, weil er die 
Möglichkeit der Kothzüchtigung einer bewussten und erwachsenen Person durch 
einen einzelnen Mann erweist. Die unverehelichte Auguste bekundet: Bei dem 
Angeschuldigten bin ich einige Monate mit Nähen beschäftigt worden. Am 10. Mai er, 
verliess ich diese Beschäftigung, weil derselbe grob gegen mich gewesen war. Am 
11. Mai er., Abends um 6 Uhr, fand sich Angeschuldigter in meiner Wohnung ein 
und ersuchte mich, ein Jaquet bis nächsten Abend zu fertigen. Ich übernahm die 
Anfertigung, und der Angeschuldigte breitete das mitgebrachte Zeug auf dem Tische 
aus. Während ich letzteres besah und dem Angeschuldigten den Rücken zugewen- 
det hatte, ergriff dieser mich plötzlich von hinten an beiden Oberarmen und warf 
mich rücklings auf mein am Fussboden bereitetes Bettlager, wobei Angeschuldigter 
selbst der Lange nach, mir das Gesicht zugewendet, auf mich fiel. Demnächst er- 
hob sich L. etwas von mir, liess meinen einen Arm los und versuchte mit demselben 
mir die Röcke in die Höhe zu heben. Ich stiess den L. sogleich mit der Hand vor 
die Bnist, vermochte auch demnächst mich bis zu einer sitzenden Stellung aufzu- 
richten. L. drückte mich indess wieder auf das Bett nieder, zog mir das an der 



§. 18. Casuistik. 69. Fall. 149 

Wand liegende Deckbett über das Gesicht, so dass ich nicht schreien konnte, hob 
mir vom Rock und Hemde hoch, machte mit seinen Knieen die meinigon auseinan- 
der and steckte mir sein steifes männliches Glied in die Goschlechtstheile, in wel- 
chen er dasselbe auf und ab bewegte, was mir sehr wehe that. Er Hess erst von 
mir, nachdem der Saamenerguss in meine Geschlechtstheile erfolgt war. Der L. ist 
die einzige Person, die mit mir geschlechtlich in Berührung gewesen. 

Der Angeschuldigte, Schneidermeister L., 38 .Jahre alt, giebt zu, dass er am 
11. Mai er. die Auguste geschlechtlich gebraucht habe, doch sei dabei von ihm nicht 
die geringste Gewalt angewendet worden, vielmehr habe sich dieselbe, nachdem er 
ihr einen seidenen Paletot versprochen, freiwillig preisgegeben. 

Die 19jährige Auguste ist regelmässig gebaut, aber ein etwas bleichsüchtig 
aassehendes, nicht kräftig zu nennendes Mädchen. Die Details des fraglichen Noth- 
zachts-Actes giebt sie mir in derselben Weise an, wie zu ihrer heutigen Aussage. 
Ich füge dem hinzu, da^ss sie und zwar, ohne besonders durch Fragen darauf hin- 
gewiesen zu sein, angiebt, beim Eindringen des Penis Schmera empfunden zu haben. 
Auf meine Fragen: Haben sie sonst noch etwas bemerkt? Blut im Hemde! Hatten 
Sie Ihre Regel? Nein, so viel war es nicht. Wie viel war es denn, wie zwei Thaler 
gross? Wohl noch etwas mehr. Wie lange bluteten Sie? ^ur einige Stunden. Wie 
lange haben Sie Schmerzen gehabt? Am Abend bin ich darüber eingeschlafen, am 
anderen Tage waren sie fort. Haben Sie sonst noch etwas bemerkt? Nein. Konn- 
ten Sie gut Urin lassen? Das ist wahr, dabei hatte ich auch Schmerzen, solch 
Schringen. War das auch am nächsten Tage fort? Das dauerte etwas länger. Hat- 
ten Sie mehr Schmerz, wenn Sie sassen oder gingen? Im Sitzen auch, aber mehr 
noch beim Gehen. Wie gingen Sie denn, um den Schmerz zu vermeiden? So breit- 
beinig. Hatten Sie auch Schmerz beim Stuhlgang? Nein. Haben Sie andere Ver- 
letzungen oder Zerkratzungen an Ihrem Körper in Folge des qu. Auftritts gehabt? 
Nein, nur am Knie hatte ich solchen Schmerz, als er sie mir auseinander machte. 
Die örtliche Untersuchung ergiebt Einrisse in das Hymen von der Farbe der 
umgebenden Schleimhaut, deren Entstehungszeit nicht mehr zu bestimmen ist, die 
aber sehr füglich vor 5 Wochen entstanden sein können. Der Scheideneingang ist 
nicht erweitert. Ob, wie Explorata fürchtet, weil ihre Regel ausgeblieben sei und 
sie Elrbrechen habe, eine Schwangerschaft vorhanden sei, ist zur Zeit nicht zu be- 
stimmen. 

Hiemach steht fest, dass eine Defloration stattgefunden hat. Die von der 
Auguste angegebenen Erscheinungen unterstützen die objectiven Befunde und wider- 
sprechen nicht der Annahme, dass diese Defloration am 11. Mai er. stattgefunden 
habe. Der Behauptung, dass diese Defloration mit Gewalt stattgefunden habe, 
stehen objective Befunde nicht entgegen, es gewinnt vielmehr dieselbe eine gewisse 
Unterstützung durch ihre anscheinend nicht sehr bedeutenden Körperkräfte, die im 
Augenblicke des Ueberfalles durch Schreck und Bestürzung noch vermindert sein 
können. 

Der wenig weite Scheideneingang lässt der Vermuthung nicht Raum, dass Ex- 
plorata bereits häufig cohabitirt habe. 

Der Audienztermin brachte zu dem Obigen noch einiges Neue, welches psy- 
chologisch wichtig ist und die Annahme des consumirten Stuprums unterstützt. 

Die Auguste, polizeilich als „arbeitsam und sittenrein ** bezeichnet, hatte einen 
Bräutigam, welcher mit Bewilligung des Vaters sich seit Anfang des Jahres als sol- 
cher gerirte. Sie ernährte sich hier als Nähterin. Der Bräutigam besuchte sie fast 
allabendlich, und verliess sie, nach dem Zeugniss der Nachbarn, um 9 Uhr. Bei der 
Werbung hatte der Vater ihm wiederholentlich erklärt, dass, wenn er etwa mit der. 



150 §. 18. Gasuistik. 70. Fall. 

Tochter vor der Ehe geschlechtlichen Verkehr haben werde, dieselbe von ihm ent- 
erbt werden würde. Nach dem beregten Attentat fand er das Mädchen weinend auf 
dem Bett sitzen, sie entdeckte ihm die Angelegenheit aber erst zwei Tage später, 
nachdem sie die Arbeit bei L. aufgegeben hatte. Der Bräutigam denuncirte. Es 
erschien nunmehr die Frau des Angeklagten bei der Geschwächten und bat sie, die 
Sache zurückzunehmen. Sie erklärte, sie sei bereit, Falls sie etwa geschwängert 
sein sollte, das Kind ihr abzunehmen und als das ihrige zu halten. Der Bräutigam 
kehrte zu ihr zurück, weil er sie für so schlecht nicht halten könne. Sie bemerkte, 
dass sie schwanger sei. Der Bräutigam heirathete sie nichtsdestoweniger im Juli 
und trotzdem der Vater des Mädchens weder den Consens gegeben, noch das Erb- 
theil verabfolgt hatte. Auch er hatte übrigens eine untadelhafte Vergangenheit. 
Beide junge Ehegatten schworen im Termin, dass sie vor der Ehe und dem qu. 
Attentat keinen geschlechtlichen Verkehr mit einander gehabt hätten. Nach meiner 
im Termin angestellten Untersuchung war Explorata im 7. Monat schwanger. — 
Entweder nun, die Auguste hat gelogen, oder sie hat die Wahrheit gesagt. Hat sie 
gelogen, so muss man annehmen, dass ihr Bräutigam als Schwängerer, und dass 
sie im Einverständniss mit ihm die ganze Nothzuchtsklage in Scene gesetzt habe, 
um des Erbtheiles nicht verlustig zu gehen. Zu solcher Annahme liegt aber nach 
den Antecedentien beider Personen kein Grund vor. Zudem würde alsdann ver- 
muthlich die Auguste schon vorgerückter in ihrer Schwangerschaft sein, da nicht 
zu vermuthen, dass sie früher als nach einigen Wochen die Existenz derselben be- 
merkt hätte. Nimmt man das eben entwickelte Motiv aber nicht an, so wird die 
Anschuldigung gegen L. ganz motivlos. Abgesehen von allen übrigen Thatsachen 
bestimmen auch diese Gründe, hier eine wirklich consumirte Nothzucht eines er- 
wachsenen und bewussten, allerdings schwächlichen Mädchens durch einen einzelnen 
Mann anzunehmen. 

W. Fall. Nothzuchtsversuch an einer Erwachsenen. Was ist Beischlaf? 

Nicht allein wegen der letzteren Frage, sondern an sich ist dieser Fall äusserst 
interessant und lehrreich. 

Die richterliche Frage lautete: Ob die unverehelichte K. durch Gewalt zur 
Duldung des ausserehelichen Beischlafes genöthigt worden sei (§. 177. D.Str.G.B.), 
eventuell ob §. 176. Alinea 1. anwendbar sei. 

Die 18jährige K. denuncirte am 11. Februar er. bei der Polizei, dass sie am 
10. ej. Abends gegen 9 Uhr von dem Friseur D. mit Gewalt gemissbraucht worden sei. 

Sie habe, sagt sie in ihrer gerichtlichen Vernehmung, bei demselben seit dem 
31. Januar im Dienst gestanden, und habe er sich seit etwa dem vierten Tage ihres 
Dienstantrittes unsittliche Handlungen gegen sie erlaubt, deren sie sich erwehrt habe. 

Am 10. Mittags, während sie den Tisch abgeräumt habe, habe er sie um den 
Hals gefasst, um ihr einen Kuss zu geben, und ihr dabei den rechten Ohrring heraus- 
gerissen, so dass das Ohr geblutet habe und die Bommel an die Erde fiel. Ebenso 
habe er ihr einen Kuss gegeben und ihr dabei in die Lippe gebissen und ihr unter 
die Röcke fassen wollen. 

Am Abend nach 9 Uhr, als sie die Ladenjalousien heruntergelassen hatte und 
das Bett des Angeschuldigten in dem Nebenzimmer zurecht gemacht hatte, kam D. 
auf sie zu, stellte sich in die Tluir und verhinderte sie am Fortgehen. Er fasste 
sie um die Taille, riss ihr dieselbe vorn auseinander und wollte ihre Brüste betasten. 
Sie habe sich gewehrt, er sei dringlicher geworden und habe das etwa eine Viertel- 
istunde gedauert. Sie habe ihm gesagt, er wäre zu stark, und wenn er sie nicht 



§. 18. Casiiistik. 70. Fall. 151 

bald horausliesse, so würde sie ihm keinen ^Viderstand mehr leisten können. .Sie 
wäre durch den voraufgegangenen Blutverlust — sie habe ihre Regeln gehabt — 
angegriffen gewesen. Mit den Worten: ^wollen Sie sehen, wie stark ich bin^, habe 
der Angeschuldigte sich seine Hosen aufgeknöpft und seine Geschlechtstheile ent- 
blösst. Es sei ihr gelungen, an ihm vorüber bis zur Thür zu kommen. Er habe 
sie von hinten gepackt und sie lücklings auf das Bett geworfen, so dass dieses (eine 
eiserne Bettstelle, die allabendlich aufgeschlagen wurde), zusammengeklappt sei. 
Ehe sie sich noch aufrichten konnte, habe er sie gepackt und auf die Diele nieder- 
geworfen, wo er ihre Röcke zurückgesclilagen habe, so dass dieselben ihr über den 
Kopf gefallen seien und ihr Unterkörper entblösst gewesen sei. Sie habe etwas mit 
dem Rücken gegen ein Spind gelegen und der Angeschuldigte sie mit einem Ruck 
nach vorwärts gezogen, so dass ihr Kopf auf der Diele zu liegen kam. Sodann habe 
er mit beiden Beinen auf ihrem Unterschenkel gekniet und sich auf sie geworfen. 
Nachdem der.Vngeschuldigte ihre Geschlechtstheile wiederholentlich mit den Fingern 
betastet, habe er sein männliches Glied in diese hineingesteckt und mit ihr den 
Beischlaf vollzogen. Sie habe deutlich das Eintreten und eine kurze hin- und her- 
reibende Bewegung bemerkt. Einen eigentlichen Saamenerguss habe sie während- 
dessen nicht wahrgenommen, jedoch später, bei Besichtigung ihres Unterkörpers, 
am linken Knie eine schleimige Flüssigkeit wahrgenommen. Die ganze Beischlafs- 
vollziehung habe nicht einmal eine Minute gedauert, dann habe sie wieder etwas mehr 
Kraft bekommen, den Angeschuldigten in seinen Bart gefasst und ihn etwas zur Seite 
geworfen; Schon vorher und so lange sie gekonnt habe, habe sie das Wort „Portier^ 
gerufen, da dieser sich in der Regel auf dem Hausflur befunden habe. Der Ange- 
schuldigte habe dann losgelassen, so dass sie habe aufstehen können. 

Sie habe sich sofort in die Hinterstube begeben, um ihr aufgelöstes Haar und 
ihre Kleidung zu ordnen; D. sei ihr gefolgt, habe sich seine Hände, die ganz blutig 
waren, und seine Geschlechtstheile gewaschen. Sie habe für ihn Cigarren holen 
müssen und sei bei dieser Gelegenheit dem Portier begegnet, der sie gefragt habe, 
warum sie so geschrieen habe. Sie erwiderte, sie habe geglaubt, er würde ihr zu 
Hülfe kommen. Der Portierfrau habe sie schon von dem zu Mittag gegen sie ver- 
übten Attentat Mittheilung gemacht. Am nächsten Tage Nachmittags habe sie nach 
Besorgung der W^irthschaft den Dienst verlassen und der Polizei Anzeige gemacht. 

Früher habe sie nie einem Manne den Beischlaf gestattet. Ihre Regeln seien 
Ittnf Tage nach dem qu. Vorfall fortgeblieben, dann aber wiedergekommen. 

Aus den Zeugenaussagen ist hervorzuheben, dass der Portier ein Hin- und 
Herlaufen in den Zimmern und den lauten Angstruf einer weiblichen Stimme wie 
^Petrus^ gehört haben will (der Vorname des D.), und dass die K. ihm den Vorfall 
erzählt und gefragt habe, warum er ihr nicht zu Hülfe gekommen sei. 

Bei der Portierfrau hat sie sich bereits früher beklagt, da«?s der Petrus D. „zu 
galanf* gegen sie sei, und es ihr bei demselben deshalb nicht gefiele. 

Der 27jährige D. giebt zu, dass es möglich sei, dass er sich am qu. Abend 
einige Zeit mit der K. in seinem Laden, wo er sein Bett habe, aUein befunden habe, 
bestreitet jedoch, dass er ihr irgend welche Gewalt angethan, oder sie zur Duldung 
einer auf Befriedigung des Geschlechtstriebes gerichteten Handlung gezwungen habe. 
Alles, was sie in dieser Beziehung vorgebracht habe, sei unwahr. 

Die am 5. er. vorgenommene Untersuchung des 18jährigen, normal entwickel- 
ten und kräftigen Mädchens ergiebt in Bezug auf ihre Geschlechtstheile, dass die- 
selben normal gebildet sind. Die grossen, wohlgenährten und straffen Schaamlefzeri 
klaffen nicht, der Scheideneingang ist eng. das fleischige, kreisförmige Jungfern- 
häutchen liegt ziemlich tief und ist weder zerstört, noch sind frische oder vernarbte 



152 §. 18. Casuistik. 70. Fall. 

Einrisse an demselben vorhanden. Der vorsichtige Versuch, mit meinem Zeigefinger 
in die Scheide zu gelangen, erregte Schmerz und würde ohne Anwendung von Zwang 
nicht ausführbar gewesen sein, wozu gar keine Veranlassung vorlag, um so weniger, 
als dadurch vielleicht erst ein Einriss in das Hymen bewirkt worden wäre. 

Explorata zeigt mithin Geschlechtstheile, welche als jungfräuliche zu bezeich- 
nen sind, und an denen Spuren einer am 10. Februar verübten Nothzucht nicht 
wahrgenommen werden. 

lieber den fraglichen Hergang äussert sie sich in derselben Weise, wie oben 
nach den Akten angegeben ist. 

Ihre Angaben selbst, abgesehen davon, dass sie sich auf dem Gebiete der 
Wahrscheinlichkeit halten, haben eine innere Wahrheit und macht die Explorata 
nicht den Eindruck, als ob die ganze Angelegenheit zum Zweck einer Erpressung 
erlogen sei, wobei ich nicht unbemerkt lassen will, dass Exploranda mir gegenüber, 
da ich von einem Schadenersatz u. dgl. sprach, unter Thränen nur einen Ersatz 
an Lohn etc. für die Zeit, die sie ausser Dienst gewesen, beanspruchte. 

Wichtiger für die Beurtheilung der Wahrhaftigkeit der Angaben der K. ist 
der Umstand, dass sie sich bereits vorher wiederholentlich über Unanständigkeiten 
des D. gegen sie zu verschiedenen Personen (ausser zu der Portiersfrau, nach dem 
Polizeibericht, auch gegen den Kaufmann T.) beklagt hat, und dass sie während 
des Attentates so laut um Hülfe gerufen hat, dass der Portier den „Angstruf einer 
weiblichen Stimme ** gehört hat. 

Bei dieser Lage der Sache fragt es sich, ob der Befund am Körper der K. ihre 
Angaben Lügen straft. 

Zur Erhebung allgemeiner Befunde am Körper, wie namentlich einer etwaigen 
Contusion in der Schultergegend, durch das Niederfallen erzeugt, über Schmerz- 
haftigkeit welcher Gegend die K. sich dem Portier gegenüber beklagt haben soll, 
war die Zeit, zu welcher meine Untersuchung Statt fand, zu spät. 

Diese konnten nicht mehr vorhanden sein. 

An den Goschlechtstheilen hat sich nichts vorgefunden. 

Aber dieser negative Befund widerspricht nicht allein nicht, sondern congruirt 
mit den Angaben der Exploranda, die ja eigentlich erzählt, dass und wie sie sich 
des D. erwehrt habe, und wie er zu seinem Ziele nicht vollständig gelangt sei. Die 
geschlechtliche Berührung ist eine überaus kurze gewesen und hat bei der noch 
jungfräulichen Beschaffenheit der Genitalien der K. nicht ausgereicht, um eine De- 
floration zu bewirken. Der geschlechtliche Act bestand danach mehr in einem An- 
dringen, als in einen^ Eindringen des Gliedes des D. 

Es scheint dem zu widersprechen, dass die K. aussagt, sie habe das Eintreten 
des Gliedes „in ihre Geschlechtstheile'' deutlich gefühlt. 

Ich muss aber hierbei bemerken, dass nach meiner Erfahrung die Frauen- 
zimmer, namentlich unerfahrene, als in ihren Geschlechtstheilen befindlich einen 
Finger oder ein männliches Glied bezeichnen , sobald es sich in der Schaamspalte 
befindet, ohne Rücksicht darauf, ob gerade die Hymenalgegend passirt ist oder nicht. 
Zudem liegt das Hymen in dem Scheidoneingang bei der Exploranda vermöge der 
fettgepolsterten Schaamlefzen ziemlich tief und ist etwa das erste Glied des Fingers 
seitlich umschlossen, wenn die Spitze an dem Scheidoneingang ruht. 

Bei einem in der weiteren gerichtlichen Vernehmung angestellton Versuch hat 
denn auch die Exploranda ausgesagt, dass sie einen zwischen ihren Schaamlefzen 
befindlichen Körper bereits als in ihren Geschlechtstheilen befindlich hezeichne. 

Es widerspricht demnach der örtliche Befund an den Geschlechtstheilen der 
K» nicht ihren Aussagen. 



§. 18. Casuistik. 70. u. 71. Fall. 153 

Eine andere wichtige, hierher gehörige Frage ist die, ob das Vorgefallene 
— als richtig vorausgesetzt — ein Beischlaf sei. 

Ich meinestheils verstehe unter Beischlaf eine derartige Vereinigung der bei- 
derseitigen Geschlechtstheile , dass dadurch eine Ejaculation, welche befruchtend 
wirken kann, ermöglicht ist. 

Durch die Erfahrung belehrt, dass und welche Entgegnungen Seitens der 
Staatsanwaltschaft, resp. der Vertheidigung, diese Definition erfahren hat, muss 
ich darauf aufmerksam machon, dass ich nicht von stattgehabter, sondern von er- 
möglichter Ejaculation spreche, dass daher unzweifelhaft ein Beischlaf auch 
stattgehabt haben würde, wenn der Act vor erfolgter Ejaculation unterbrochen 
worden wäre. Ferner aber, dass die Möglichkeit der Befruchtung bereits gegeben 
ist, wenn männlicher Saame in die weibliche Scheide ejaculirt wird, wozu eine 
eigentliche Immissio penis gar nicht erforderlich ist, sondern es genügt, dass die 
Spitze des Gliedes in der Schaamspalte zufällig zweckmässig lagert und soweit vor- 
gedrungen ist, dass ein Theil (und eventuell ein sehr kleiner Theil) des ejaculirten 
Saamens in die Scheide geschleudert wird. 

Es sind auf diese Weise Schwangerschaften bei unverletztem Hymen beob- 
achtet worden und von namhaften Geburtshelfern bekannt gemacht worden. 

Während demnach eine Wollustbefriedigung in irgend einer anderen Höhle, 
oder an irgend einer anderen Stelle des weiblichen Körpers ein Beischlaf nicht ge- 
nannt werden kann, treffen für den in Rede stehenden Act meines Erachtens die 
Kriterien eines Beischlafes zu, insofern hier eine Vereinigung, wenn auch nur eine 
kurze, der beiderseitigen Geschlechtstheile stattgefunden hat, und unter günstigen 
zusammentreffenden Umständen eine Befruchtung der K. möglich gewesen wäre. 

Sollte diese Exposition als zutreffend aber nicht angenommen werden, so wird 
es keinem Zweifel unterliegen, dass, die Richtigkeit ihrer Angaben vorausgesetzt, 
mit Gewalt an ihr unzüchtige Handlungen vorgenommen worden seien. 

Hiemach gab ich mein Gutachten dahin ab: 

dass die örtlichen Befunde an den Geschlechtstheilen der K. ihren An- 
gaben nicht widersprechen, und 

dass, die Richtigkeit ihrer Angaben vorausgesetzt, dieselbe durch Ge- 
walt zur Duldung des ausserehelichen Beischlafs genöthigt worden sei. 

Anklage wurde nicht erhoben, da Klägerin ihren Antrag zurücknahm gegen 
von D. gezahlte 100 Thlr. 

71. hIL Behauptete Nothzucht einer Erwachsenen. 

Das Mädchen behauptet, durch den Angeschuldigten in der Art bewältigt wor- 
den zu sein, dass er sie unerwartet erfasste und von hinten her sein Glied einge- 
führt habe, indem er mit den Händen ihreGreschlechtstheile auseinander gezerrt habe. 

Die am 29. August angestellte Untersuchung ergab: Die zweiundzwanzigjäh- 
rige Hedwig ist körperlich, ihrem Alter angemessen, entwickelt, hat regelmässig 
geformte Geschlechtstheile; das Jungfernhäutchen ist durch mehrfache Einrisse zer- 
stört; der Scheideneingang nicht besonders erweitert. Die Einrisse in dem Jung- 
fernhäutchen und die Reste desselben haben eine der Umgebung gleiche Farbe, sind 
weder geröthet noch entzündet; ein schleimiger Ausfluss ist nur in sehr sparsamer 
Weise vorhanden. 

An der unteren Verbindung der beiden grossen Schaamlefzen findet sich nach 
der linken Seite hin eine eingerissene, flache, geschwürige, d. h. in leichtem Maasso 
eiternde, beim Auseinanderzerren der Schaamlippen noch jetzt blutende Stelle. 



154 §. 18. Casuistik. 71. u. 72. Fall. 

Expiorata giobt an, wie schon im Polizeiboricht erwähnt, dass sie beim Hin- 
einstecken des männlichen Gliedes lebhafte Schmerzempfindung gehabt, aufge- 
schrieen, nachher stark geblutet habe, dass sie etwa Anfangs voriger Woche ihre 
Regeln bekommen, dass diese etwa letzten Sonnabend aufgehört hätten, und dass sie 
in der Zwischenzeit zwischen Attentat und Regeleintritt, hin und wieder einige 
Tropfen Blut im Hemde bemerkt habe. Auch will sie beim Uriniren, Stuhlgang. 
Gehen u. s. w. Schmerzen gehabt haben. 

Aus Obigem folgt, dass Expiorata deflorirt ist. Aus der beschriebenen Ver- 
letzung ist zu entnehmen, dass mit Gewalt und Brutalität an ihren Geschlecbts- 
theilen operirt worden ist, und ist es sehr glaubhaft, dass bei einem Versuche, das 
Glied von hintenher einzuführen, und einer damit verbundenen Zerrung der Ge- 
schlechtstheile der qu. Einriss entstanden sein kann. Durch diesen erklärt sich 
auch die verhältnissmässig starke Blutung, welche der ür. A. wahrgenommen hat, 
weil bei einer einfachen Einführung des männlichen Gliedes in weibliche Ge- 
schlechtstheile ohne andere Verletzungen als die des Jungfernhäutchens eine solche 
zu den grössten Seltenheiten gehören würde. Es ist nun dieser Verletzung nicht 
anzusehen, dass sie gerade am 24. .Juli entstanden sei, jedoch durch das nicht ganz 
frische Aussehen derselben einerseits, durch die von dem Dr. A. allerdings nicht 
mit Angabe der Quelle bescheinigte Blutung am 24. und durch die Angabe des 
Mädchens, dass sie zwischen Stillung der Blutung und Regeleintritt noch hin und 
wieder Blutspuren bemerkt habe, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Einriss an 
dem qu. Tage entstanden sei. 

Die Beschaffenheit des Jungfernhäutchens beweist nicht, dass nur ein einma- 
liger Beischlaf stattgefunden, es könnte derselbe auch bei ganz ebenso beschaffenen 
Geschlechtstheilen excl. des Einrisses auch schon früher ausgeübt worden sein, 
d. h. die objective Untersuchung ergiebt nicht, dass Expiorata bis zum 24. Juli er. 
.^Jungfrau** gewesen sei. Andererseits aber steht die objective Untersuchung dieser 
Annahme nicht im Mindesten entgegen, weil Einrisse in das Jungfernhäutchen rela- 
tiv schnell vernarben und eine Defloration nach 5. 6, 9 Tagen in Bezug auf ihre 
objectiven Kennzeichen schon als eine alte anzusehen ist. Immerhin beweist aber 
der geschilderte Einriss, dass eine Brutalität gegen die Geschlechtstheile der Expio- 
rata ausgeübt ist. 

Eine Verletzung im Sinne des §. 224a wird hierdurch nicht constituirt. 

Die i>olizeilichen Recherchen haben ergeben, dass G. die angebliche Nothzucht. 
wenn solche überhaupt stattgefunden haben sollte, anscheinend in seiner Wohnung 
auf dem Sopha ausgeführt hat, wie dies durch iMuen grossen frischen Blutfleck do- 
cumentirt wird. Bei der Recherche» war dieser Fleck durch die verehelichte G- 
schon ausgewaschen, jedoch hatten sich die Blutspuren nicht vollständig verwischen 
lassen. Ausserden fand der genannte Beamte auf dem Flur, direct vor der Thür 
des G., einige frische, noch unverwischte Blutflecke. 

G. räumt ein, am 24. Juli Nachmittags txogQw 5* .j Uhr den Beischlaf mit der 
H. voUzojren zu haben; er will jedtjch schon früher 3 Mal im Einverständniss der- 
selben, das eine Mal vor qu. Vorfall am 7. Juli d. J. den Beischlaf mit ihr vollzogen 
haben, und zwar an diesem Tage 2 Mal. Später soll dies dann noch einmal am 
20. oder 21. Juli vorgekommen sein. 

7S. Vall. Fälschlich aii^ri'M-hu hlij^ti^ Nolhzucht. 

Die beinahe 1(> Jahr alte, unverehelicht!' Caroline saf^lo aus: Am Sonntag 
war ich zum Besuch bei meiner Schwester, der verehelichten M. Dieselbe ging aus, 



f Ift. ra-snistik. 73. ii. 73 Fall. 



155 



ilGh lilieb niH itireru ElinmnnD in der Wohnung zurück. Als ich minh um 
'/,10 Chr Abends entferaen wollte und dorn M. guUi Nachl wünschte, saglo er zu 
mir: .Na kommst Du nicht hör um! gilbst mir die Hand?" Als ich ihm hieiwif 
di« Hand reichte, zog er mich neben sich auf das Sopha. Währemi er mir tilsdaun 
den liuken Arm um den Hals legle, fusste er mir mit der rnchten Hand zwischen 
dir Beinti aiid an die Geschlocblstbeile und versuchte mich auf dem äopha iu eine 
liegende Stellung zu bringen, was ihm auch gttlang, worauf er mit Gewalt seinen 
Geschlechtstljeil in den meinen steckte etc. etc. 

Die riinr Wochen spfiter ausgeführte Untersuchung ergab: Die Caroline ist 
körperlich (wie auch geistig) ihrem Alter entsprechend enlwickolt, sie hat normal 
gebildete, bereits behuarle Gtischlenlitstheile , welche durchaus jungfräulich be- 
schaffen sind, und an welcboa Zeichen einer stattgefundenen Dctloration nicht wahr- 
nphoibar sind. Das kreisförmige Jung(ern häutchen, welches eine einige Linien im 
Durchmesser haltende, ovale OelTnung hat, ist unverletzt. 

Ks fehlt somit an jeder objectiven ünterstut/uog. dass an der Explorata ein 
Briscblnfs versuch mit Iminissio ponis stattgefunden liabe. Nach diesem Gutachten 
erklärte Eiplorata. dass sie zu ihrer Angabe durch ihre SidiwosLnr verleitet wor- 
deu .«ei, melehi- auf Grund ihres Zeugnisses von ilirem Manne geschieden zn wer- 
den boffie. 



13. rill. Ist die Notbzncht an eiuer wilienlvaeB Frauensperson 
C§. 176. Alinea 2.) verübt? 

Das Ubjeot dieser Heobachtung, ein Mädchen, das zuui Spulen in einer Fabrik 
b«nBUl wurde, war von vier jungen Burschen der Art gemissbraucht worden, dass 
wiederhole ntüch alle vier, einer nach dem andern, den Beischlaf mit ihr ausgeübt 
hatlen. Der Befund ergab zur Zeit meiner Untersuchung, dass sie seit etwa sechs 
Monaten schwanger war, was mit der Zeit der qu. Attentate übereinstimmte. In 
Bezug auf die Frage nach der Willenlosiglieit äusserte ich 'mich: 

Die 19jährige Agnes K. ist, wie bereits der Herr Unters uchitngsric hier be- 
merkt bat, obgleich körperlich normal entwickelt, schwachsinnig. Nach Aussage 
der Mutter ist sie von Jugend auf In diesem Zustande, hat erst mit dem 7. Jahre 
s|irecljen gelernt, kam ersl mit neun Jahren in die Schule, wo sie indess wenig be- 
grilT, wurde eingesegnet und tvii'd zum Spulen bei einem Weber verwendet. Ob- 
gleich auch in ihrer Familie als ein schwachsinniges Mädoheu betrachtet, die t. B. 
nicht allein sich zurecbt linden könne, wenn sie weitere Wege geschickt wird, son- 
flem der Begloilang ihrer jüngeren Geschwister bedürfe, sei sie doch nicht böse 
geartet. Sie nascbe und stehle nicht, liefere regelmässig das verdiente Geld ab, 
sei sogar sparsam, nicht putzsnchtig. 

I)aa .Mädchen selbst macht gleich bei ihrem ersten Erscheinen auch auf den 
Laien den Eindruck eines schwachsinnigen Geschöpfes, Sie übrigens, wie ich gleich 
vorweg bemerken will, ihren Zustand nicht übertreibt, sondern sich giebt, wie sie 
«beu ist und was sie hat. Sie weinte während der ganzen Exploration, ohne eigent- 
liche andere Veranlassung als sichtliche Beschränktheit, ist itidalenl, und sind .ant- 
worten AUS ihr nur mit grosser Mühe zu extrahiren. Jedenfalls ist sie weit entfernt 
dAVon, so zusammen hü ngendo Aeusseningen m machen, wie sie sich in ihrer Ver- 
DBbmnng vom 6. Hära 1872 finden. Sachlich sagt sie »war auf vieles Hin- und 
IlM'fragun, welches nlirigeus mit erhobener Stimme geschehen muss. weil sie schwer- 
hörig iil, etwa dasselbe, was in jener Verhandlung ordniingsmSssig und i:Bsammeii-j 
hängend niedergeschrieben ist. aber die Art und die Form ihrer Aeusserangen il 



156 



^. 18. Casuistik. 73. Fall. 



davon durchaus verschieden, einsilbig oder in kurzen, abgebrochenen Aeusserungen 
oder Sätzen, deren Zusammenhang man sich erst bilden muss, mit monotoner 
Stimme und bei Gelegenheit der auf den in Rede stehenden Gegenstand gegebenen 
Antworten, von Schluchzen und Thränen unterbrochen, vorgebracht. 

In der Schule hat sie wenig gelernt, doch giebt sie Namen, Alter, Geburts- 
tag etc. richtig an. Sie rechnet auch z. B. 53 von 72 abgezogen, oder wie viel sie 
aus einem Thaler herausbekomme , wenn sie ein Pfund Butter mit 8 Sgr. bezahlt, 
doch brachte sie die fernere Aufgabe, wie viel sie nach Haus brächte, wenn sie 
davon noch wieder 7 Sgr. ausgegeben habe, erst nach mehrfachen, falschen Lösun- 
gen heraus. Sie weiss, dass sie in Berlin lebt, kennt aber nicht den Fiuss, au dem 
die Stadt liegt, weiss nichts vom Lande Preussen, kennt nicht den König des Lan- 
des, sondern antwortet, nach dem Namen desselben gefragt, „Kaiser". Ueber die 
von ihr begangene Handlung, unter deren Folgen sie jetzt zu leiden hat, weiss sie 
sich nur höchst unvollkommen und nothdürftig zu äussern. 

Während ihr Gedächtniss also ziemlich gut ist, ist ihr ürtheil und ihre Lebens- 
erfahrung eine äusserst geringe. 

Ich versuche, soweit es mir nach dem Gedächtniss möglich ist, den haupt- 
sächlichsten Theil der Unterredung wiederzugeben , mit dem Bemerken , dass , um 
eine Antwort zu erhalten, oft mehrfache Fragen gethan werden mussten. 



Frage. 

Seit wie lange hast Du Deine Regeln ver- 
loren? 

War das, wie P. das mit Dir gethan hat? 

Hattest Du damals schon das Blut? 

Wo hat Dich denn P. hingelegt? 

Kanntest Du noch Andere? 

Hast Du Dir denn das Alles gefallen 
lassen? 

Warum hast Du Deiner Mutter davon 
nichts gesagt? 

Was fürchtetest Du denn von Deiner 
Mutter? 

Also Du weisst doch, dass Du Unrecht 
gethan hast? 

Merktest Du denn keine Veränderang an 
Deinem Körper seit Weihnachten? 

Du bist doch aber dicker geworden? 

Bist Du schwanger? 

WeisstDu nicht, wasdasheisst, „schwan- 
ger sein?** 

Du wirst ein Kind bekommen. 

Aber wusstest Du denn nicht, dass Du 
von dem, was Du gethan hast, ein 
Kind bekommen könntest? 

Wusstest Du nicht, dass Du durch, die 
Dummheiten , die Du mit den .lungon 
gemacht hast, ein Kind bekommen 
könntest? 



Antwort. 
Seit Weihnachten. 

Der hat schon vor zwei Jahren. 

Es hat gleich geblutet, wie er bei mir war. 

Aufn Abtritt. 

Die andern Jungens. 

Ich habe gesagt, sie sollen mir zufrieden 

lassen. 
(Erst auf wiederholtes Fragen.) Ich traute 

mir nicht. 
Schläge. 



Ja. 



Nc. 

Früher war ich nicht so dick. 
(Schweigt.) 

Ne. 

Ich weess doch nicht, wenn ich eens be- 
komme. 
Ich weess nicht wenn eher. 



^e. 



§. 18. Casuistik. 73. Fall. 



157 



Frage. 

Wenn Du nun ein Kind bekommst, ist das 
ein Glück oder ein Unglück? 

Für wen ist es ein Unglück? 

Für wen ist es noch ein Unglück? 

Warum ist es für Dich ein Unglück? 

Warum ist es für Deine Mutter ein Un- 
glück? 

Warum nicht? 

Was willst Du mit dem Kinde machen? 

Willst Du es gleich in die Schule schicken? 

Hast Du schon ein so kleines Kind ge- 
sehen? 

(Die Mutter hat einen 

Weist Du denn nun jetzt, dass Du 
schwanger bist? 

Wenn P. oder die Andern wieder sagen 
werden, komm' 'mal, Agnes, wirst Du 
kommen? 

Das hast Du ihnen ja schon damals ge- 
sagt, und wenn sie sich nun nicht 
drücken? 

Na wirst Du denn das wieder thun? 

W'eisst Du denn jetzt, dass man davon 
ein Kind bekommen kann? 



Antwort. 



Unglück. 



Für mich. 

Für Mutter. 

(Schweigt.) 

Für die ist es kein Unglück. 

Die kann nichts für. 
(Schweigt.) 
(Schweigt.) 
Mutter hat eins. 

Säugling auf dem Arm.) 
Ich kann noch arbeiten. 

Ich sage, sie sollen sich drücken. 



(Schweigt.) 



Nein. 

Ich weess nicht wenn eher. 



Bei vielen Fragen weinte Explorata heftiger und meinte, dass sie nichc wüsste, 
wie sie sagen sollte. Zu ihrer ferneren Charakteristik führe ich an, dass sie bisher 
mit der Mutter über das, was ihr bevorsteht, nicht gesprochen, geschweige denn 
über ihre und des Kindes Zukunft auch nur den Anschein einer Ueberlegung und 
einer Disposition zu treffen versucht hat. Sie hat weder von Kinderzeug gesprochen, 
noch ob die Mutter sie behalten werde, wo sie Wochen halten könne etc. etc. Kurz, 
sie lebt in den Tag hinein, im wahrsten Sinne, wie ein unmündiges Kind, das die 
Sorge für sich einem Anderen überlässt, weil es diese Sorge nicht kennt. 

Was die Familie der Explorata betrifft, so ist der Vater ein armer Weber, und 
so weit ich ermessen konnte , geht es in der Familie ehrbar und gesittet zu, jeden- 
falls habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Aussagen der Eltern über das 
Mädchen auf W^ahrheit beruhen. 

Nach Vorstehendem ist Explorata ein, was ihren Allgemeinzustand betrifft, 
schwachsinniges Individuum, welches unentwickelt und unentwickelungsfähig ist 
und seiner Eutwickelung nach, etwa einem zwölfjährigen Mädchen gleich zu achten 
ist, welches civiliter für „blödsinnig'* zu erachten ist, bei dem die sittlichen An- 
schauungen, welche überhaupt vorhanden sind, nicht durch selbständige Repro- 
duction von sinnlich und geistig Aufgenommenem erzeugt, sondern lediglich durch 
Nachahmung, Dressur erborgt und äusserlich sind, bei dem criminalistisch in Bezug 
auf die von ihr begangene unsittliche Handlung wohl eine äusserliche Kenntniss 
der Strafbarkeit derselben', aber nicht eine Erkenntniss des Unsittlichen derselben 
vorhanden ist. Es entbehrt Explorata in Bezug auf die in Rede stehende Handlung 
«les „Unterscheidungsvermögens**, wenn ich die Definition desselben zu Grunde 



158 §. 18. Casuistik. 73. u. 74. Fall. 

lege, welche die Motive für den Entwurf des Strafgesetzbuchs für den Norddeutschen 
Bund anführen: ^zur Annahme des ünterscheidungsvermögens genügt nicht, wenn 
im Allgemeinen der Thäter Recht von Unrecht, Erlaubtes von Unerlaubtem zu unter- 
scheiden vermag, es ist vielmehr noch derjenige Grad von Yerstandesentwickelung 
nöthig, welcher zur Vornahme jeder Unterscheidung rücksichtlich der concret be- 
gangenen Handlung und der sie als eine strafbare charakterisirenden Merkmale er- 
forderlich ist; der Thäter muss zu erkennen im Stande gewesen sein, dass seine 
Pflicht die Unterlassung jener speciellen Handlung fordere.^ Explorata fürchtet 
sich nur vor Schlägen, als der Folge der von ihr begangenen Handlung, wenn sie 
dieselbe ihrer Mutter mittheilte, von den weiteren Folgen für ihre Person, von dem 
Unglück, dass ihre Eltern, neben den zahlreichen, eigenen Kindern, deren Er- 
nährung ihnen schwer fällt, auch noch das ihrige ernähren sollen, ganz abgesehen 
von tieferen ethischen Gefühlen und Vorstellungen, der Schande und Beschimpfung 
ihrer Familie hat sie gar keine Vorstellung. Sie entbehrt hiernach auch offenbar 
für den concreten Fall des Unterscheidungsvermögens. 

In diesem Sinne war und ist Explorata noch jetzt „willenlos", willenlos, wie 
dies auch ein Kind „unter 14 Jahren" genannt werden muss. 

Im Äudienztermin bekundete Explorata die Stufe ihrer Entwickelang u. A. 
auch dadurch, dass sie, das 19jährige Mädchen, ganz unbefangen sagte: „die 
Jungens haben mir ge . . . ." — 

Einer der Geschwornen erhob das Bedenken, dass die Clara sich „auf Erfor- 
dern" hingelegt habe. Trotzdem der Vorsitzende bemerkte, dass dies ein Hund 
auch thue, sprachen die Geschwornen die Angeschuldigten frei. (!) 

74. hll. Ist die Genothzüchtigte als geisteskrank anzusehen und 
zwar der Art, dass dies den mit ihr verkehrenden Personen füglich 

nicht hat entgehen können? 

Ein Maurergeselle hatte ein fast 16 jähriges Mädchen, die epileptisch war, 
unter dem Vorgeben wiederholentlich gemissbraucht, dass er sie dadurch von ihren 
epileptischen Krämpfen befreien wolle. Es war in dieser Sache bereits ein Gut- 
achten von meinem Collegen erstattet worden und nachträglich, da die in Rede 
stehende Frage unerledigt geblieben war, auch von mir ein solches erfordert. 

In seinem Gutachten hat Herr Professor Skrzeczka bereits ausgeführt, dass 
die Explorata in Folge häufig wiederkehrender, epileptischer Krämpfe, an welchen 
dieselbe sei ihrem dritten Lebensjahre leidet, schwachsinnig sei, der Art, dass sie 
unverwendbar sei, wenig oder nichts gelernt habe. 

Ich schliesse mich in Allem, was er über die Erscheinung, Körperbeschaffen- 
heit, Benelimen der Explorata sagt, aus eigener Beobachtung an und stimme ihm 
auch namentlich darin bei, dass sie nicht so „entschieden geistlos und leer" aus- 
sieht, dass ein Ungeübter ihr ohne Weiteres einen hervorragenden Grad des Blöd- 
sinnes ansehen könnte, so wie, dass sie auch auf die zur Frage stehenden Hand- 
lungen gebracht, nichts Freches, sondern ein „übemaives" kindliches Wesen zeigt, 
welches zu ihrer für ihr Alter von fast 16 Jahren vollständigen, körperlichen Ent- 
wickelung in auffallendem Gegensatz steht. 

Es tritt dagegen bei der Unterhaltung mit ihr schnell und unzweideutig ein 
beträchtlicher Grad von Schwachsinn hervor. 

Ich führe, um dies anschaulicher zu machen, in Folgendem die mit ilir ge- 
pflogene Unterhaltung an , wobei ich mich bemühe , möglichst wörtlich ihre Aus- 
dnicksweiso wiederzugeben. 



ij. 18. Casuistik. 74. Fall. 



159 



Praff(^. 

Wie heissen Sie? 

Wie alt sind Sie? 

Welche Jahreszahl schreiben wir? 

Wie viel ist 16 von 73 abgezogen? 

Wie viel 24 von 73? 

Wenn Sie nun 1849 geboren wären, wie 

alt würden Sie jetzt sein? 
Bis zu welchem Jahr sind Sie in die 

Schule gegangen? 
Was hatten Sie für Stunden? 

Nicht auch Schreiben und Lesen? 

Sie sagen Vatorlandskunde? W^as ist Ihr 

Vaterland? 

Die Frage wird mehrfach wiederholt. 



Haben Sie mal etwas von Frankreich ge- 
hört? 

Was ist das? 

Erinnern Sie sich, dass wir einen grossen 
Krieg gehabt haben? 

Gegen wen war der Krieg? 

Wann war er? 

Hatten Sie Verwandte, die mit waren? 

Sind sie verwundet? 

Haben Sie sich nicht darum gekümmert, 

in welcher Schlacht der verwundet ist? 
Wie heisst unser Kaiser? 
Der wie vielste? 
Wovon ist der Kaiser Kaiser? W^ie heisst 

das Land, über welchem er Kaiser ist? 
Wie heisst die Stadt, in der wir leben? 
Und wie der Fluss, der hier durchfliesst? 
Fahlen Sie, wenn die Krämpfe kommen? 

Haben Sie sich dabei die Zunge zer- 
bissen? 

Seit wie lange haben Sie die Krämpfe? 

Wissen Sie, dass Sie nachher krank sind ? 

Wenn Sie wieder zu sich kommen, ist 
das schnell oder allmälig? 

Wissen Sie alsdann, was Sie zuletzt vor 
den Krämpfen gesagt oder gethan 
haben? 



Antwort. 

Clara Marie Sophie. 

6. April werde ich 16 Jahr. 

1873. 21. Januar. 

1857. 

49. 

(Nach langem Rechnen und Zählen) 25. 

13. Jahr. 

Gebote, Rechnen, Singen, Vaterlands- 
kunde. 
Ja. 
Deutschland und das Alles giebt es. 

Die Antworten sind: 
In die Kirche, wenn man so geht. 
(Sieht fragend die Mutter an.) 
Ich vergesse es immer. Wenn man nach 

der Kirche geht. 
Ja, ich habe schon gehört. 

Ist des Deutschen Vaterland. 
Ja. 

Gegen unsem Kaiser. 

Das ist schon lange her. 

Ja, zwei Brüder, die sind schon aus dem 

Krieg wieder raus. 
Ja, Einer. 
(Schüttelt den Kopf.) 

Friedrich Wilhelm. 

Der Dritte. 

(Nach langem Besinnen) Deutschland. 

Berlin. 

(Langes Besinnen — keine Antwort.) 

Nein. Ich weiss gar nicht, wie das so 
kommen thut. 

(Sie weiss es nicht, doch hat sie sich 
dabei einige Zähne ausgebissen.) 

14 Jahr. 

Nein. 

(Es bedarf diese Frage mehrfacher Aus- 
andersetzung.) Allmälig. 

Nein. Ich vergesse immer Alles. 



160 



§. 18. Casuistik. 74. Fall. 



Frage. 
Wie oft bekommen Sie die Krämpfe? 

Haben Sie Ihre Regeln? 

Regelmässig? 

Bleiben sie mitunter fort? 

Was ist denn mit Ihnen geschehen? 



Wodurch denn? 



Also wussten Sie, dass das unanständig 
war? 



Wenn Sie wussten, dass es unanständig 
war, warum litten Sie es denn? 

Und Sie haben sich das ganz ruhig ge- 
fallen lassen? 
Es war Ihnen auch ganz angenehm? 



Haben Sie ihn dazu aufgefordert, das 

wieder zu thun? 
Er hat Ihnen gesagt, ich komme den und 

den Tag wieder? 
Sie haben ihn erwartet? 
Ist Ihnen denn kein Zweifel gekommen, 

als der Mann das zu Ihnen sagte? 
Sie haben doch gewusst, dass Sie etwas 

Heimliches vorhaben? 



Haben Sie nicht gewusst, dass ein an- 
ständiges Mädchen so etwas nicht 
thut? 



. Antwort. 

Manchmal alle 3 Wochen, alle 7 Wochen, 
14 Tage, wie das so kommt. 

Ja. 

Nein. 

Ja. 

Der Mann hat gesagt, dadurch wurde 
meine Krankheit vergehen. Ich wollte 
es erst nicht, er hat gesagt, ich könnte 
es ihm sicher glauben, dadurch würde 
sie vergehen. 

Na, dann hat er es so mit mir gemacht, 
so unanständig mir das so gemacht und 
gesagt, er müsse das alle'drei Taige so 
mit mir machen oder alle vier Tage. 

Ja. Ich habe das mich so gedacht. Er 
meinte, dadurch, dass ich eingesegnet 
wäre, dadurch würde es nu gerade 
vergehen, eher dürfte er das nicht so. 

Ich hatte die Krämpfe nicht bekommen 
und vier Wochen, sagte er, müsste er 
es mit mir machen. 

Ja. 

(Ohne jede AfTectation oder Anflug von 
Schaamhaftigkeit, sondern ganz kalt 
und kindlich) Ja. 

Nein. 



Ja. 



Ja. 

Ich dachte, dass ich das verlieren würde. 

Er hat gesagt, ich soll es nicht sagen. 
Wenn die vier Wochen um sind und 
meine Krämpfe weg, dann könnte ich 
es meiner Mutter erzählen. 

Ich habe so was gar nicht gewusst. Er 
hat mir erst gesagt, eingesegnet und 
darum könne er es mir machen, eher 
dürfte er es nicht. Mit zwei Mädchen 
hat er es ebenso gemacht etc. (erzählt 
geläufig das schon bekannte). 



Auf meine Vorhaltung, dass sie durch ihr Verhalten sich selbst und ihrer 
Muttor Schande bereitet habe und letzterer auch noch möglicherweise die Last auf- 
gebürdet hätte, ein von ihr j^eborones Kind zu ernähren, bleibt sie ohne jode Reac- 
tioii und versteht offenbar meine Vorhaltung nicht. 



§. 18. Casuistik. 74. Fall, 



161 



Frage. 

Wenn Ihnen der Mann nun gesagt hätte, 
Sie sollten etwas aus einem Laden 
heimlich stehlen, dann würden Sie 
Ihre Krämpfe verlieren, hätten Sie 
denn das gethan? 

Haben Sie denn nicht gewusst, dass Sie 
davon ein Kind bekommen können? 

Wovon bekommt man denn ein Kind? 

Haben Sie den Mann schon lange ge- 
kannt? 

Wie lange? 

War er, wenn er zu Ihnen kam , immer 
lange bei Ihnen? 

Hat er sich was mit Ihnen erzählt? 

^Hat er Sie geküsst? 
Haben Sie ihn auch nicht geküsst? 



Sie haben das also nur als eine heilsame 
Körperbewegung betrachtet? 

Wollen Sie sich verheirathen? 



Können Sie denn einem Hausstande vor- 
stehen? 

Sie hätten doch Manches davon schon 
gelernt haben müssen? 



xintwort. 

Das habe ich noch nie gethan, in einem 
Laden gestohlen; und das hat er auch 
nicht gesagt, dass ich was stehlen soll. 
Stehlen würde ich nicht gethan haben, 
so dachte ich das denn so, dass ich 
dadurch würde die Krämpfe verlieren. 

Nein. 

Wenn man sich verheirathen thut. 
Ja. 

Paar Jahre. 
Ganz kurz. 

Bloss von die Krämpfe. Das würde rich- 
tig wahr sein. 

Nein. 

Nein. Bloss von die Krämpfe. Weiter 
haben wir doch nichts vorgehabt. (Da 
ich lächle, wird sie erregt und sagt 
mit lauterer Stimme): Ne, weiter haben 
wir doch nichts vorgehabt. 

(Sie bleibt zu dieser Bemerkung ganz in- 
dolent und versteht sichtlich dieselbe 
nicht.) 

Ja, das will ich mal. Vorläufig kann ich 
noch nicht dran denken; in 6 — 8 Jah- 
ren. Jetzt bin ich noch zu jung. 

Das muss ich noch Alles lernen. 

Ich vergesse das immer wieder durch die 
Krankheit. 



Es ist nach Vorstehendem gar keinem Zweifel unterworfen, dass Explorata in 
Folge der langjährigen Epilepsie, wie in so vielen anderen Fällen dies beobachtet 
wird, schwach- resp. blödsinnig geworden ist und bei Fortdauer der die psychischen 
Energien schwächenden Krämpfe auch in weiteren psychischen Verfall gerathen 
wird, dass, da hier ein durch Epilepsie bedingtes, psychisches Himleiden vorliegt, 
sie somit auch eine „Geisteskranke^ ist. 

Es fragt sich aber weiter, ob ihr Zustand die Bedingungen des §. 176. AI. 2. 
erfüllt. 

Dieses Alinea straft den Missbrauch zum Beischlaf mit einer in willenlosem 
oder bewusstlosem Zustand befindlichen oder einer geisteskranken Frauens])erson. 

Meines Erachtens deutet der Gesetzgeber dadurch, dass er die Willenlosij^keit, 
Bewusstlosigkeit und Geisteskrankheit zusammenstellt mit der geistigen und körper- 
lichen ünentwickeltheit der Kinder unter 14 Jahren an, dass es ihm hier nicht auf 
die absolute Willenlosigkeit oder auf jede beliebige, psychische Anomalie (Geistes- 
krankheit) ankommt, sondern, dass Willenlosigkeit resp. Geisteskrankheit im Sinne 



Catper-Liman. Qerichtl. Med. 7. Aufl. L 



u 



1 62 §. 18. Casuistik. 74. u. 75. Fall. 

dieses Paragraphen vorhanden ist, wenn das obwohl älter als 14jäbrige Individuum 
vermöge seiner zurückgebliebenen oder krankhaften, psychischen Entwickelung 
herabgedrückt wird unter den Standpunkt eines vierzehnjährigen Kindes, und wenn 
ihm eben vermöge seiner Geisteskrankheit resp. Willenlosigkeit das ^ünterschei- 
dungsvermögen'* in Bezug auf die zur Frage stehende Handlung fehlt, welchen Be- 
griff die Motive zum Strafgesetzbuch genauer definiren. 

In dem weiteren Gutachten hatte ich dasselbe auszuführen, wie in dem vori- 
gen Fall, weshalb ich dasselbe hier unterdrücke. 

In Bezug auf die zweite Frage äusserte ich mich : 

„Dieser ihr psychischer Zustand der Schwäche ist aber ein so grosser, di^ss 
er thatsächlich den mit ihr verkehrenden Personen aufgefallen ist. Nicht nur ihrer 
Mutter und Schwester, sondern auch z. B. der Frau Müller, welche aussagt, d&ss 
sie „kein Begriffsvermögen*' habe. 

. Die Mutter führt in dieser Beziehung an, dass sie sie nicht gut habe allein 
lassen können, sondern wenn sie fortgegangen, gewöhnlich Jemand von den Nach- 
barn gebeten habe, nach ihr zu sehen. 

Bei einer Unterredung mit ihr wird ihr Schwachsinn auch sofort dem weniger 
Gebildeten klar, und es liegt kein Grund vor zu der Annahme, dass dem Heinrich, 
welcher das Mädchen bereits von früher her gekannt und in demselben Haus, resp. 
auf demselben Flur gewohnt hat, und der doch wohl, bevor er seine «Cur** begann, 
sich des Weiteren mit ihr unterhalten hat, diese Thatsache entgangen sein sollte, 
sofern er nicht selbst etwa ein schwachsinniger Mensch ist. Es spricht aber zu- 
meist die Art, wie er das Mädchen und die Vorspiegelung, unter der er dasselbe 
zum Beischlaf verleitet hat, dafür, dass er sehr wohl gewusst habe, wem er die Zu- 
mnthung mache, und dass er den Schwachsinn des Mädchens zu seinen Zwecken 
ausgebeutet hat. 

Hiemach gab ich mein Gutachten dahin ab: 

dass die A. schwachsinnig ist und zwar in so hohem Grade, dass sie im 
Sinne des §. 176. AI. 2. in Bezug auf die in Rede stehenden Handlungen 
als willenlos resp. geisteskrank zu erachten ist, und dass dieser Zustand 
psychischer Schwäche den mit ihr verkehrenden Personen nicht füglich 
hat entgehen können.** 

Anklage wurde nicht erhoben, weil der Antrag zurückgenommen wurde. 

75. Fall. Nothzucht und versuchter Mord. 

Die 23jährige Dienstmagd Seh. giebt an, dass sie von dem in den Akten näher 
bezeichneten Droschkenkutscher am Montag, den 3. Nachts in der Droschke mit 
Gewalt gemissbraucht worden sei, nachher von ihm aus der Droschke gerissen und 
mittelst eines ledernen Gurtes gewürgt worden sei, so dass sie die Besinnung ver- 
loren habe. Als sie wieder zu sich gekommen, habe sie sich an der Erde gefunden, 
ohne Strangwerkzeug um den Hals, und sei die Droschke nebst Kutscher ver- 
schwunden gewesen. In Betreff der Nothzucht selbst detaillirt sie sich dahin, dass 
der Mann zunächst sie in unanständiger Weise angefasst, dass sie sich wohl anfangs 
gesträubt, dass sie aber, da sie sich gefürchtet und gesehen, dass es ihr doch nichts 
helfe, habe geschehen lassen. Eine Immission des Gliedes habe übrigens nicht 
Statt gefunden, da dasselbe nicht in ihre Geschlechtstheile eingedrungen sei, jedoch 
habe sie sich, nachdem der Mann von ihr abgelassen, besudelt gefühlt. — Jetzt 
fühle sie sich, abgesehen von einiger Unbequemlichkeit im Bewegen des Kopfes, 
wieder wohl. 



§. 18. Casuistilf. 7fi. u. 77. Fall. 



163 



I 



Die Gflscblechlstheilo der Explorato sind normal gebant. Am Scheideneingange 
si«ht niftn diu Rost« des zerstörten Jungfernhäutchens als sog. myrtenförmige Carun- 
tebi. welche die Farbe der Schleimhaut haben und eine langst geschehene Ent- 
jnngfening beweisen. Der Gebärmulterniund zeigt eine Querspalte, welche nicht 
geÄffnet ist. und befindet sich an der hinteren Muttermund slippe eine seichte Ein- 
kerbung. Der Hof der Brustwarzen ist gross und schwach braungelb gefärbt. Die 
B«Dclibsut leigt keine Narben. Diese Befunde beattligen die Angabe der Explo- 
rata. dass sie bereits geboren habe, und bewahrheiten ihre Angabe, dasa ihr Kind 
nicht volbtändig ausgetragen gewesen sei. Frische Verletzungen an unt] in der 
OmgebuDg der Genitalien. Spuren von Gewalt Ihätig keilen an den Lenden finden 
sioh nicht vor. so dass Zeichen einer physischen yeriibten yothzuoht nicht vorhan- 
d«n sind. 

Am Halse, rechts vom Kohlkopf «eigt sich eine platte, halbmond förmige, 
' ', Zoll lange, etwa 1 Linie breite, weisse, glanzende Narbe, welche von einer ober- 
flächlichen Hautvorletzung herrührt, deren Alter jetzt nicht mehr zu bestimmen ist, 
welche aber sehr füglich die in dem Atteste des Dr. G. beschriebene Nagelkratz- 
wonde sein kann. Andere Verletzungen am Halse fanden sich nicht Tor, auch ist 
dieser so wenig, als das Gesicht geschwollen. Im linken Auge ist die Bindehaut 
blutig suffundirt. Diese Verletzungen können von einem Erwärgungsversuche her- 
Hlbren. Derselbe hat aber, da Explorata jetzt wieder hergestellt ist und ihrer Ar- 
beil iiarhgeht. einen erheblichen Nacbtheil ihrer Gesundheit und Gliedmaassen nicht 
gehabt, noch eine länger dauernde Arbeitsunfähigkeit bedingt, und ist Eiplorata 
jettl vollkommen vernehmunes- und sistimng.«! fähig. 

Da sich ergab, dass Eiplorata bereits deflorirt, auch dauernd geschloDhUichen 
Verkehr unterhalten, so war man auf das ^usserste misstrauisch gegen ihre An- 
gaben und vermuthete irgend einen Betrug, inde.'fa erhalten dieselben ein ganz 
anderes Relief dadurch, dass einige Tage nachher aus einer Stadt Ost-Preussens die 
Nachricht einlief, dass der des obengenannten Attentats venläohtige Kutscher, von 
hi«r Oüchtig. sich daseibat erschossen habe. 



I 
I 



76. FiU. Nothzucht vor Augenseagen. 

Ein Landmann in der Sähe von Berlin, fiintundsechsiig Jahre alt. war 
angeschuldigt, die zehTuährige Marie sehr häußg geschlechtlich gemissbraucht zu 
haben. Das letzl* Mal halte eine Frau, die in der Scheune sprechen hörte, worin 
beide sich befanden, aus Neugier dnrch eine Bretterwand gesehen, und von Anfang 
an die ganze Procedur, namentlich beobachtet, dass Inculpat sich erst i 
Kinde hatte niaiiustupriren lassen u. s. w.I Der Befund war: kindliche Brüste und 
G«9Chlechlstheile ; Introitus vaginae erweitert, ger6thet und sehr empftndlich. Das 
Hjmen erbalten, aber aufgelockert und gerothet. Kein Ausfluss. keine Blutung; 
dos Frenulutn erhalten. Das Urtheil lautete: .,dass keine vollständige Immiasio 
penis stattgefunden, dass die BesohulTenheit der Genitalien aber beweise, dass 
mechanische Insultationen derselben stattgefunden hatten, von welchen indoss 
(vonarh auch hier wieder noch nach dem alten Strafgesetz gefragt worden war) 
nachtheilige Folgen nicht zu besorgen seien." 



Wegen dieser nicht gewöhnlichen Frage glaube ich dsn Fall nicht mit der 
sen, nicht weiter hier zu erwähnenden Menge der übrigen bei Seite lassen z 



164 §. 18. Casuistik. 78.— 80. Fall. 

dürfen. Ausser der Feststellung des Thatbestandes und seiner Folgen für die Ge- 
sundheit nämlich, wonach ein Buchbinder anderthalb Jahre lang mit einem zur Zeit 
der Entdeckung 14 Jahre alten Mädchen in seinem Laden wöchentlich ein- bis zwei- 
mal Unzucht getrieben haben sollte, war die Frage zu entscheiden: ob es wahr- 
scheinlich, dass M. nur mit der Hand manipulirt habe und weder mit seinem Gliede 
in die Scheide eingedrungen sei, noch auch einen Versuch dazu gemacht habe? 
(Der Fall kam vor dem Strafgesetz von 1851 vor.) Ich fand das Mädchen so wenig 
entwickelt, dass sie kaum für ein zwölQahriges zu halten war. Die grossen Lefzen 
waren schlaff und welk und klafften etwas von einander. Besonders an der untern 
Commissur war der Eingang erweitert, was für das Alter des Mädchens sehr auf- 
fallend erschien. Die Schleimhaut der Nymphen, der ganze vordere Theil des In- 
troitus vag. mit Harnröhrenmündung, Vorhaut der Clitoris und Hymen waren stark 
und lebhaft geröthet und so gereizt, dass die Berührung höchst schmerzhaft war. 
Das Hymen war erhalten, aber entzündlich geschwollen, was ein anderer Arzt schon 
vierzehn Tage früher gleichfalls gesehen und bescheinigt hatte, und sein Ausschnitt 
ungewöhnlich erweitert. Ausfluss oder sonstige Abnormitäten waren nicht vorhan- 
den. Das eben erst angelegte Hemd war rein, aber zwei früher getragene Hemden 
zeigten zahlreiche, gelbgrünliche Schleimflecke. Beide Eltern versicherten, dass 
das Kind längere Zeit einen auffallenden wackligen Gang gezeigt, aber über Schmer- 
zen beim Urinlassen und Stuhl nicht geklagt habe. Ich erklärte, dass die Jung- 
fräulichkeit des Mädchens unverletzt, dass es aber unwahrscheinlich sei^ dass blosse 
Manipulationen mit dem Finger stattgefunden hätten. Denn abgesehen von der 
sichtlichen Erweiterung der untern Partie der Scheide, die durch blosses Anlegen 
von Fingern wohl nicht entstanden sein könne, würde auch durch blosse onanisti- 
sche Reizungen niemals eine so lebhafte, entzündliche Anschwellung der Geschlechts- 
theile mit ihren Folgen, abnormer Gang, Schleimfluss u. s. w. hervorgerufen. Es 
sei deshalb mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass M. mindestens 
Versuche zur Immission des erigirten männlichen Gliedes in die noch so engen Ge- 
nitalien gemacht habe, wogegen die Erhaltung des Hymens keineswegs spräche. 

78. bis 89. hll. Nachgewiesene Spermatozoen. 

Von mehreren im Titel bezeichneten Fällen erwähne ich die folgenden, weil 
genau die Zeit feststand, in welcher nach der wirklich ausgeführten That die Saa- 
menfädchen in der Wäsche entdeckt wurden. 78) Der 31jährige Angeschuldigte 
sollte am 10. Januar die vierjährige Anna gemissbraucht haben. Nach elf Tagen, 
am 21., untersuchte ich Hemden und Hosen des Kindes und fand eine grosse Anzahl 
Saamenfädchen. 79) Am 12. April hatte der R. (in Pommern) eine erwachsene Per- 
son angeblich stuprirt. Eine Woche später untersuchten wir das uns eingesandte 
Hemd, das, wie gewöhnlich, mit Blut, Koth, Urin und Schmutz sehr verunreinigt 
war. An der hinteren Seite befand sich namentlich ein Fleck von der Grösse eines 
Handtellers, der sich durch landkartenähnliche Beschaffenheit, Steifigkeit und dunk- 
lere Randfärbung wie ein Saamenfleck verhielt. In der That wurden darin, trotz 
der Verpackung und Reise des Hemdes, sehr viele noch wohlerhaltene Spermatozoen 
nachgewiesen. 80) Gleiches geschah nach sieben Wochen (vom 12. November 
bis zum 30. Docember). Die Flecke in diesem Hemde befanden sich sowohl an der 
vordem als an der hintern Fläche. 



§. 18. Casuistik. 81. u. 82. Fall. 165 



81. Ml. Ob und wann in früherer Zeit ein Stuprum geschehen? 

Wie überhaupt, so kann namentlich die Frage nach der Zeit, in welcher das 
angebliche Verbrechen wirklich begangen worden, von grosser Wichtigkeit werden, 
wenn diese Zeit noch in das Alter der Verletzten unter 12. resp. 14 Jahren, also in 
das höchste Strafmaass fällt, diese Jahre aber zur Zeit der Anschuldigung längst 
vorüber sind. Gerade dieser Fall trat in der Untersuchung wider H. ein. Der ver- 
heirathete Mann sollte die damals 9 Jahre 10 Monate alte Auguste in's Haus ge- 
nommen und angeblich bald nachher und drei Jahre lang fast allnächtlich mit ihr 
cohabitirt haben, so dass das Kind nass geworden sei. Nachdem später das Mäd- 
chen entlassen und jetzt fünfzehn Jahre alt geworden, soll H. neuerlichst wieder 
versucht haben, ein Verhältniss mit ihr anzuknüpfen, und hat nun seine Ehefrau 
die Sache zur Anzeige gebracht. Am 8. April hatte der gerichtliche Wundarzt K. 
attestirt, das Mädchen sei „längst deflorirt, das Hymen zeige rechts in der Mitte 
und unten einen völlig vernarbten Einriss, im oberen Drittel links einen noch ziem- 
lich frischen 8 — 10 Tage alten Einriss, der bei der Berührung leicht blute. Auch 
sei die Vaginalschleimhaut sehr geröthet, entzündet und bei der Berührung höchst 
schmerzhaft, und das Hemd sei durch einen copiösen, gelbgrünlichen Ausfluss sehr 
gefleckt^. Der Angeschuldigte, jetzt 55 Jahre alt, räumt ein, das Kind damals 
öfters in's Bett genommen, aber, da er zur Zeit impotent gewesen sei (III) — er 
hat in der Zwischenzeit in seiner Ehe drei Kinder gezeugt I — nur mit den Fingern 
manipulirt gehabt zu haben. Am 24. April, also 16 Tage nach dem Wundarzte, 
untersuchte ich das Mädchen und fand : starken Fluor albus. Die grossen Lefzen 
bedecken die nur ganz rudimentär vorhandenen Nymphen; Clitoris wenig entwickelt; 
Introitus nicht, eben so wenig wie die Vagina besonders weit, diese aber entzünd- 
lich geröthet und die Untersuchung noch heute sehr schmerzhaft. Das Hymen war 
noch theilweise erhalten und zeigte rechts und links warzenartige, kleine Carunkeln. 
Die grosse Gereiztheit und Schmerzhaftigkeit veranlasste mich zu einer ernsten 
Nachfrage, indem ich der jungen Person das Unhaltbare ihrer Aussage klar machte. 
Nach langem Zögern räumte das sehr verschämte, dumme, kleine, noch kindliche, 
obschon seit einem Jahre menstruirte Mädchen endlich ein, dass eines Abends auf 
der Strasse vor vier Wochen ein Unbekannter sie in ein Haus gelockt habe und 
rasch mit der Hand unter ihre Röcke gefahren sei, so dass sie geschrien habe und 
fortgelaufen sei. Offenbar war dies nicht der wahre Hergang. Ich erklärte auf die 
richterlichen Fragen: dass Auguste vor längerer Zeit entjungfert sein müsse, dass 
aas dem Befunde aber nicht hervorgehe, dass die Zerstörung des Hymen schon von 
den Jahren 1852 — 54 herdatire, dass sie jedoch aus dieser Zeit datiren könne, 
dass bei der grossen Enge der Scheide nicht anzunehmen, dass ein männliches Glied 
oft wiederholt in diese eingedrungen gewesen sei, und dass die Defloration auch 
darch andere feste Körper, namentlich durch Finger, bewirkt worden sein könne. 

82. fall. Ermittelung der Nothzucht an einer Leiche. 

Ein sonderbarer und psychologisch ebenfalls unaufgeklärter Fall. Ein 16jäh- 
riges Mädchen hat sich mit Schwefelsäure vergiftet und zum Fenster hinausgestürzt. 
Schwer verletzt wird sie in das Krankenhaus gebracht und giebt als Motiv für ihre 
That an, dass sie Tags zuvor genothzüchtigt worden sei. Kurz darauf stirbt sie. 
Der Thäter, verhaftet, leugnet. An der Leiche fanden wir ein mehrfach eingerisse- 
nes Hymen, jedoch waren die Einrisse alt-vernarbt, und sicherlich nicht von einem 



166 Streitige widernatürliclie Unzucht. §. 19. Allgemeines. 

Icura zuvor verübten Attentat herrührend ; der Scheideneingang ziemlich weit. Aus- 
serdem aber fand sich eine frische, vom After über den Damm hinlaufende, an der 
Commissur der Labien endende hochrothe, frische Kratzwunde. Im Schleim der 
Vagina keine Spermatozoon aufgefunden. Hemd und Unterbeinkleider wurden erst 
nach Tagen (l) in Beschlag genommen und mir bereits gewaschen übergeben, so 
dass eine Untersuchung dieser Gegenstände zwecklos gewesen wäre. Ausserdem 
fanden wir Vergiftung durch Schwefelsäure und vielfache Brüche der Extremitäten. 
Wir konnten nur aussagen, dass das Mädchen bereits seit längerer Zeit entjungfert 
sei, dass aber höchst wahrscheinlich an ihren Geschlechtstheilen kurze Zeit vor 
ihrem Tode manipulirt worden sei. Dass ein Beischlaf kurze Zeit vor ihrem Tode 
Statt gefunden habe, sei durch die Obduction nicht erwiesen. 



Drittes Kapitel. 

Streitige widernatürliche Unzucht. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

DeutsohesStrafgesetsb. §. 175. Die widernat&rliche Unsneht, welche swischen Pertooen mins- 
lieheo Oesohlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gef&ngniss la bestrafen, aaeh 
kann auf Verlast der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden. 

Oeiterr. Strafges. §. 139. Als Verbrechen werden auch die nachstehenden üninchten bestraft: 
Unsacht wider die Natur, d. i. a) mit Thieren; b) mit Personen desselben Geschlechts. 

Bntw. Oesterr. Strafges. §. 190. Analog §. 175. D. Strafges. 

VergL aach die oben 8. 94 schon angefahrten §$. 174. and 176. 8. des Deatschen Strafgesetsbaohs. 



§. 19. Allgemeines. 

Die alten, zahlreichen, gelehrten strafrechtlichen Erörterungen und 
Streitigkeiten über die zweckmässige Begrenzung der Begriffe: Unzucht, 
widernatürliche Unzucht, Sodomie u. dgl., die noch fortwährend, selbst 
in den richterlichen Erkenntnissen in den verschiedenen Instanzen ver- 
schiedene Ansichten hervorrufen*), berühren die gerichtliche Arznei- 
wissenschaft nicht. Diese hat vielmehr nur Kenntniss zu nehmen von 
jenen Arten der unnatürlichen Wollustbefriedigung, gleichviel welchen 
Namen Rechtswissenschaft und Strafgesetz ihnen beilegen mögen, welche 
mehr oder weniger Spuren am Körper hinterlassen, die im streitigen 
Falle als Beweise gegen den Angeschuldigten benutzt werden können, 
und zu deren Ermittelung dann natürlich der gerichtliche Arzt vom 
Richter aufgefordert werden wird und muss. Es fragt sich hiernach 
nun, welche unter den äusserst mannigfachen Geschlechtsverirrungen, 
welche die Phantasie des Menschen zu allen Zeiten und in allen Ländern 
in erschreckender Anzahl ersann, gehören in die obige Kategorie, also 



*) Einen Beweis hierfür und die Entscheidung unseres ohersten Gerichtshofes 
8. im Arcb. f. preuss. Strafr.' Y. 2. S. 266. 



§. 20. Päderastie. 167 

zur Gompetenz der gerichtlichen Medicin? und welche diagnostisclie 
Hülfsmittel für die Herstellung des Beweises bietet unsre Wissenschaft 
bei diesen widerwärtigen Handlungen? Die Schriftsteller berühren das 
Thema nur sehr oberflächlich und ganz traditionell, beides aus sehr 
erklärlichem, gänzlichem Mangel an eigenen, glücklicherweise so selten 
und nur in den grössten Hauptstädten zu machenden Naturbeobach- 
tungen*). Auch hier sind deshalb durch das kritiklose Abschreiben 
die grössten diagnostischen Irrthümer verbreitet worden. Ich lialte mich 
verpflichtet, dieselben zu berichtigen und meine Erfahrungen in allen 
denkbaren derartigen Scheusslichkeiten, die sämratlich aus dem früh- 
sten Alterthum auf die Jetztzeit überkommen sind, mit jener Zurück- 
haltung, die der Gegenstand erheischt und mit der Beschränkung auf 
das für die Praxis Allernothwendigste, hier bekannt zu machen. 



§. 20. Päderastie. 

Schon der Name (Knaben- oder Jünglingsliebe) passt nicht für diese 
Wollustbefriedigung zwischen männlichen Individuen, denn wir werden 
in der Casuistik Fälle von gegenseitigen Päderasten viel höherer Lebens- 
jahre anführen. Das „schauerliche Geheimniss", wie ein geistvoller 
öffentlicher Ankläger es in einer Audienz psychologisch sehr richtig be- 
zeichnete, und das noch weit geheimnissvoller erscheint, wenn man seine 
Tiefen kennen gelernt hat, ist asiatischen Ursprungs und wanderte über 
Greta nach Griechenland, wo dann in späterer Zeit Athen besonders 
berüchtigt dafür wurde (»griechische Liebe**). Von Gross-Griechenland 
kam die Päderastie nach Rom, und von den scheusslichen Verbindungen 
und Scenen, wie sie namentlich unter Tiber, Caligula u. s. w. vor- 
kamen, haben die alten Dichter und Schriftsteller der Nachwelt Kunde 
gegeben. Ihre Schilderung der Folgen am Körper, welche diese und die 
ähnlichen Verirrungen hinterliessen, sind zugleich die sichersten Beweise 



•) Seit der zweiten Auflage dieses Werks hat A. Tardieu in Paris in den Anna- 
les d'Hyg. 1858. Bd. IX. (auch separat abgedruckt, Paris. 1858) eine ißtude ra6- 
dicoUgale sor les attentats aux moeurs bekannt gemacht, worin auch der Päderastie 
Erwähnung geschieht. Des Verfassers Studie beruht auf mehr als 200 Untersuchun- 
gen von Subjecten, die bandenweise vereinigt waren und aufgehoben wurden. Man 
erfahrt daraus zunächst, dass in Paris diese Geschlechtsverirrung bei Männern von 
Bosewichtern zu Betrug, Gelderpressung, ja zu Raubmorden benutzt wird, wozu eben 
dergleichen Banden sich vereinigen. Schon diese Thatsache hätte den Verfasser darauf 
hinführen müssen, dass ein grosser Theil seiner Fälle als Untersuchungsobjecte zu 
streichen war, der nur die Werkzeuge betraf, die zu jenen verbrecherischen Zwecken 
von den Leitern benutzt wurden. Ein anderer nicht geringer Theil ist überall zu 
streichen, alle diejenigen nämlich, die nur zu onanistischen und ähnlichen Zwecken 
benutzt werden, welche folglich gar keine Untersuchungsobjecte liefern können, wie 
wir oben weiter ausfuhren. Aber Tardieu hat seine Abhandlung auch sonst mit 
mehr Eifer für den wichtigen Gegenstand und mit mehr Phantasie, als mit der nöthi- 
gen unbefangenen Kritik geschrieben. So nimmt er z. B. bei activen Päderasten als 
.wenn nicht immer** doch oft, einigermaassen (sie!) charakteristisch ein Glied an, 
das sich nach der Eichel mehr und mehr verdünnt und um sich selbst gewunden 
ist, so dass der Urinstrahl nach rechts oder links geht**, was er aus der schrauben- 
förmigen Immission erklärt, die beim Widerstand des Sphincter ani erforderlich wird! 
Kine solche Angabe richtet sich selbst. 



168 Widernatürliche Unzucht. §. 20. Päderastie. 

für das Vorkoraraen der Syphilis schon im Alterthum*). Das Laster 
ist aber weder durch Chriitenthum, noch durch Civilisation und Straf- 
gesetz getilgt worden. Gewiss aber ist es höchst bemerk enswerth , zu 
sehen, wie im Laufe der Zeiten sich die Ansichten der Strafgesetzgeber 
über dies geheimnissvolle Laster geändert, wie mit dem Fortschreiten 
der Civilisation das Urtheil über derartige Sünder ein immer milderes 
geworden ist. Im Alterthum und bis in unsere Zeiten (England, Ame- 
rika) mit dem Tode bedroht und bestraft, wurde ihnen schon nach dem 
Preussischen Strafgesetz der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts 
(Thl. II. Tit. 20. des Pr. Allg. Landr.) nur langjährige Zuchthausstrafe 
und ^ewige Verbannung aus dem Orte, wo ihr Laster bekannt gewor- 
den'' angedroht. Bei der Zuchthausstrafe wenigstens sind auch die mei- 
sten der neuern Gesetzbücher noch stehen geblieben, so namentlich auch 
das ßaiersche Strafgesetzbuch von 1861 (Art. 214.), dagegen war das 
Preussische Strafgesetz (§. 143.) bereits bis auf eine einfache Gefang- 
nissstrafe, in minimo bis auf sechs Monate herabgegangen, und das 
Deutsche Strafgesetzbuch hat auch dieses Minimum von sechs Monaten 
beseitigt und bestraft einfach mit Gefängnissstrafe, welche bekanntlich 
in minimo 1 Tag, in maximo fünf Jahre beträgt (§. 16. D. St. G.). 
Kann daraus nicht gefolgert werden, dass im ferneren Lauf der Zeiten 
die Päderastie ganz aus den Strafgesetzbüchern verschwinden werde? 
Die Frage ist bei Gelegenheit der Emanirung des Norddeutschen Straf- 
gesetzbuches discutirt worden, und erhebliche Zweifel gegen die Wieder- 
aufnahme des betreffenden Paragraphen sind von der wissenschaftlichen 
Deputation geltend gemacht worden. Die gesetzgeberischen Factoren 
haben indess an der Strafbarkeit festgehalten, und die Motive recht- 
fertigen dieselbe damit, dass das Rechtsbewusstsein im Volke diese 
Handlungen nicht bloss als Laster, sondern als Verbrechen beurtheile, 
und der Gesetzgeber diesen Rechtsanschauungen Rechnung tragen müsse. 
Bei den meisten, die ihm ergeben sind, ist dies Laster angeboren, 
mindestens die anomale Geschlechtsrichtung bis in die Kinderjahre hinab 
zu verfolgen und gleichsam wie eine geistige Zwitterbildung. Diese 
haben einen wahrhaften Ekel vor geschlechtlicher Berührung von Wei- 
bern, und ihre Phantasie ergötzt sich an schönen jungen Männern und 
an Statuen und Abbildungen von dergleichen, womit sie sich gern um- 
geben und ihre Zimmer schmücken. Bei dieser zahlreichen Klasse 
von Päderasten wirkt also nicht eine verderbte Phantasie, eine Entsitt- 
lichung durch Uebersättigung im naturgemässen Geschlechtsgenuss, wie 
diese allerdings bei nicht wenig Andern das Agens wird. Aus einem 
solchen eingebornen Drange — dem traurigen Vorzug der Menschen- 
species, denn meines Wissens kommt etwas derartiges im ganzen Thier- 
reich bei männlichen, resp. bei weiblichen Thieren (denn auch für die 
Tribadie gilt ganz dasselbe!) nie und nirgends vor — aus dem eingebor- 
nen Drange erklärt es sich auch, warum sehr viele Päderasten einer 
mehr platonischen Wollust fröhnen, mit einer Gluth, heisser, als die 
naturgemässe in den verschiedenen Geschlechtern, sich zu dem Gegen- 



*) s. für das ganze obige Kapital als gelehrte und lehrreiche Quelle; Bösen bäum, 
die Lustseucbe im Alterthum. Halle. 1839. 8. 



§. 20. Päderastie. 169 

stände ihrer Sehnsucht hingezogen fühlen*), dass sie ihre Befriedigung 
in andern Fällen in blossen gegenseitigen, raasturbatorischen Reizungen 
finden, die natürlich für die etwaige gerichtsärztliche Feststellung un- 
eatdeckbar sind, wogegen solche Individuen die ekelhafte Befriedigung 
per anum, die einzige, die auffindbare Spuren ara Körper hinterlassen 
kann, nicht selten perhorresciren. Dass diese anonoale Geschlechtsrich- 
tnng Symptom eines psychopathischen, resp. neuropathischen Zustands 
sein kann und vielleicht öfter ist, als gemeiniglich angenommen wird, 
betont Westphal**). Gewiss aber ist ferner und für die ärztliche Ex- 
ploration bemerkenswerth, dass nicht wenige der eigentlichen Päderasten, 
die auf jene mechanische, beischlafsähnliche Weise sich befriedigen, zu- 
gleich heute activ agiren und morgen sich passiv hingeben, heute sich 
als Mann, morgen als Weib fühlen, heute sich einen männlichen, mor- 
gen einen weiblichen Vornamen geben! Man wird bei jeder ärztlichen 
Untersuchung eines angeschuldigten Individuums hierauf zu achten 
haben, denn wie wenig irgend zuverlässig auch die Zeichen der activen 
Päderastie sein mögen, so kann doch eine Complication von Umständen, 
z. B. eine syphilitische Form u. dgl., zur Aufhellung des Falles dienen, 
wenn man vielleicht nach ziemlich festgestellter Diagnose der passiven 
Päderastie, nun auch noch Spuren einer activ getriebenen bei demselben 
Individuum findet. 

Bei anderen Männern dagegen ist die Neigung zu diesem Laster 
eine im Leben erworbene und eine Folge der üebersättigung in den 
natürlichen Geschlechtsgenüssen. Bei solchen Subjecten ist es nichts 
unerhörtes, sie in ihren grobsinnlichen Neigungen zwischen den Ge- 
schlechtem wechseln zu sehn! Auch nach venerischer Ansteckung bei 
Frauenzimmern, sah ich einen Menschen angeblich aus Furcht vor er- 
neuter Ansteckung zur Päderastie übergehen. (Er war ebenfalls ein 
schwachsinniges Individuum.) In allen grossen europäischen Städten 
schleicht das Laster für den Uneingeweihten im Finstern umher: 
aber es scheint keinen bewohnten Fleck zu geben, wo es nicht gefunden 
würde. Für den Uneingeweihten, sage ich, denn schon im Alterthum 
hatte die Brüderschaft ihre Erkennungszeichen. Der passive Theil (Pathi- 
eus, Einaede, Androgyn***)) hatte schon in Griechenland seine Zei- 
chen, womit er den activen lockte, seine weibische Tracht, seine weibisch 
geflochtenen Haare u. s. w. Aber Aristoteles, Polemon, Aristo- 
phanes, Lucian u. A. geben auch Kennzeichen an, um an Gang, Blick, 
Haitang, Stimme u. s. w. den Pathicus und den Päderasten zu erkennen. 
Untereinander erkennen sich diese Menschen, die man übrigens in 
allen Schichten der Gesellschaft, keine einzige ausgenommen, findet, 
noch heute sofort. „Wir finden uns gleich**, sagt der Verfasser des 
anten folgenden Bekenntnisses, „es ist kaum ein Blick des Auges, und 



*) Vgl. die Schriften von NumaNumantius, Anthropologische Studien über 
mannmänn liehe Geschlecbtsliebc. Incubus. Leipzig. 1869. (N. ist selbst Päderast!) 
•*) Die conträre Sexualempfiiidung. Archiv für Psychiatrie etc. Bd. II. Heft. 1. 
— S. auch den in der Casuistik dieses Werkes befindlichen Fall. — Scholz, Be- 
kenntnisse eines an perverser Geschlechtsrichtung Leidenden. Vierteljahrsschr. für 
ger. Med. October. 1873. 

••*) Dass das Wort diese Bedeutung hatte, darüber siehe Rosenbaum a. a. 0. 
S. 175. 



170 §. 21. Päderastie. 

hat mich bei einiger Vorsicht noch nie getäuscht. Auf dem Rigi, in 
Palermo, im Louvre, in Hochschottland, in Petersburg, bei der Landung, 
in Barcelona fand ich Leute, die ich nie gesehen und die ich in einer 
Secunde erkannte "* u. s. w. !! Aber diese subjective Diagnose existirt 
nicht für den Richter und Arzt. Nicht wenige solcher, mir bekannt 
gewordener Männer pflegen freilich allerdings ein mehr weibisches 
AcuLSsere zu haben, was sie in ihrer Art sich zu kleiden und zu putzen 
und zu schmücken darthun. Aber ganz unzweifelhafte Päderasten stellen 
sich auch unter ganz andern Formen dar und sehen, zumal ältere 
Männer, viel eher schlaflF, träumerisch und in ihrer Kleidung und Hal- 
tung vernachlässigt aus, wie sich endlich Päderasten aus der niederen 
Klasse in ihrem Aeussern in Nichts von Andern ihres Standes unter- 
scheiden lassen. In Beziehung auf das psychologische Moment und auf 
den ganzen äussern Habitus kann ich sonach den Satz des alten Römers 
P. Zacchias, der als wirklich erfahrner Beobachter spricht, wie ich 
noch zeigen werde, dass „medici de hac re facile veritatem pronunciare 
poterunt** nicht unterschreiben, selbst „magna cautela adhibita, non 
neglectis etiam conjecturis et praesumptionibus, etiam quae extra artem 
haben possunt*.*) 

§. 21. SelbstbekeBBtnisse eises Päderasten. 

Bereits in den Novellen zur gerichtlichen Medicin hat C asper ein 
ihm anonym zugegangenes Schreiben eines der Männerliebe ergebenen 
Mannes veröffentlicht, welches ich seiner psychologischen Wichtigkeit 
wegen hier reproducire. 

Der Schreiber characterisirt sich als Mann von Bildung und Er- 
ziehung, als Weltmann und den höheren Ständen angehörig. In vielen 
Stücken stimmt dasselbe mit den Aufzeichnungen in den Tagebüchern 
des alten Grafen Cajus (S. 89 — 94), des inveterirtesten Päderasten, 
völlig überein, was eine werthvoUe Bestätigung seiner innern Wahrheit 
abgiebt. 

„Es sind bereits Jahre, als aus Ihrer Hand ein Aufsatz erschien**), der ein 
seltsames Aufsehen erregte; damals schon wünschte ich mir erlauben zu können, 
an Sie zu schreiben, doch in dieser argwöhnischen Zeit, wie konnte ich da wissen, 
ob ich dem Arzte oder Gerichtsarzte schrieb. Heute, wenn meine Worte für Sie 
copirt werden, blüht italischer Himmel über ein leidendes Menschen herz ; wenn 
ich heimkehre, dann suche ich wahrscheinlich, ein alternder Mann, das Grab meiner 
theuren Mutter, die keine Ahnung von meinem Elend hat, und meine Vaterstadt ist 
mir eine fremde geworden. Verzeihen Sie mir, wenn mich die Stunde eines langen 
Abschiedes, die Erinnerung an eine jahrelange Verstellung und Qual weich und 
etwas breit macht, doch, Herr, grade Sie in Ihrer Stellung können ja so viel für 
einen armen Pariah thun, und ein gelöstes Glied an dieser Kette der Verachtung 
ist schon für uns Gewinn ! — Verzeihen Sie auch, wenn ich voransetze, dass ich 
die Liebe ausgezeichneter Menschen besitze, dass ich jederzeit wegen meines christ- 



♦) Quaest. IIb. IV. Tit. IL Quaest. V. S. 382. 

**) Der Verfasser meint die Abhandlung über Nothzucht und Päderastie in der 
Vierteljahrsschrift L 1. 1852. 



§. 21. Päderastie. 171 

liehen Wandels, meiner Milde und Menschenliebe von meinen Leuten verehrt wurde, 
dass ich, Gott ist in dieser Stunde gegenwärtig, nie wissentlich Böses yerübte, dass 
ich hundertmal zu Füssen gesunken, um Lösung gefleht und nichts gefunden habe, 
als Alles: den Trost des Evangeliums, und wie ich vor Gott um des Einen willen 

kein Sünder sein könne. Ali?^ein Schulknabe von acht Jahren sass 

ich neben einem etwas älteren Knaben, wie glücklich war ich, wenn er mich be- 
jahrte, es war das ersce unbestimmte Gefühl einer Neigung, die mir bis zu meinem 
nennzehnten Jahre ein Geheimniss war. Nie habe ich onanirt, nie mich in der 
Schale mit anderen Knaben befleckt; ich hatte einzelne, zu denen ich eine unbe- 
arariogliche Neigung empfand, an die ich meine Verse richtete. Ich war fast acht- 
sehn Jahre, als mich ein geliebter Freund, der meine Tugend verspottete, zu einem 
JPiaaenzimmer nahm. Ich empfand einen tiefen Ekel, denn ich war noch ganz un- 
Bchuldig (und Sie würden das glauben, wenn Sie heute, nach fast zwölf Jahren des 
Genasses, meinen ausgezeichneten Körper, den Ausdruck von tugendhaftem Lebens- 
^wandel, wie mir Jeder sagt und Jeder es glaubt, sähen), dennoch schämte ich mich 
00 sehr vor meinem Bekannten, dass ich das Mädchen wiederholentlich besuchte. — 
^ie aber empfand ich einen Genuss, wie meine Freunde ihn hatten, ich musste an 
sie denken, um mich zu befriedigen. — So trieb ich es länger als ein Jahr; ich 
zwang mich zu den Mädchen und wurde von ihnen förmlich verfolgt; immer un- 
glücklicher wurde mein Zustand. — Meine Jugendfrische verschwand, ich konnte 
die Abneigung, die ich gegen den Genuss bei Frauen empfand, nicht mehr über- 
-winden and mied sie über ein halbes Jahr, immer aufgeregt, wenn ich einen hüb- 
schen Mann sah, wie seit meinem achten Jahre. — Es war ein qualvoller Zustand ; 
ich war so unendlich unglücklich, weil ich mich für das einzige so seltsame Wesen 
bielt; mehr wie einmal lag die Pistole vor mir; nur meine religiöse Erziehung 
rettete mich vor einem Verbrechen. Keine Beschreibung würde ausreichen, Ihnen 
dieses Unglück des Wahns , allein mit solcher Neigung zu sein , zu schildern und 
seltsam I wenn unter meinen Bekannten über so „gemeine Menschen*^ geschimpft 
und gerichtet wurde, schimpfte ich ahnungslos mit, denn ich dachte ja nicht, dass 
meine Gefühle solche seien, sondern hielt sie immer noch für Sehnsucht nach Freund- 
schaft and dachte mir einen Genuss unmöglich, obschon meine Verlangen immer 
sinnlicher worden. — Sie mögen jetzt lachen, dennoch spreche ich die reine Wahr- 
heit: in meinem Trübsinn warf ich mich vor Gott in den Staub — lassen wir es 
auch den Teufel gewesen sein : aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut, 
dass ich meinte, sie in meinem Zimmer zu hören: .»Gehe nach den Linden !** — 
Selten oder nie hatte ich die innere Promenade betreten ; es war vor achtundvierzig 
and die Beleuchtung wohl nicht so glänzend wie heute. Ich ging unbewusst und 
hatte die Worte längst vergessen. — Nach einiger Zeit gesellte sich ein Herr zu 
mir; er sprach mir liebenswürdig zu, und wir gewannen denThiergart^n. Ich empfand 
ein wanderbar seliges Gefühl, als er mich an sich zog, mich leidenschaftlich küsste 
and endlich mich angriff und durch Onanie meine Natur befriedigte. — Jetzt aber 
bemächtigte sich meiner eine wahre Verzweiflung, ich weinte vor Schaam, als sich 
der Fremde verwundert zu mir wandte: „Was gebehrden Sie sich so? das thun ja 
Hunderte!^ Nie in meinem Leben habe ich je wieder. Gott vergebe es mirl ein so 
seliges Wort gehört, es war mir, als erwachte ich zu neuem Leben und ich wurde 
nea geboren! Der Fremde theilte mir Vieles mit, wovon ich einiges nachfolgen 
lasse aus eigener Erfahrung. Acht Tage jedoch wagte ich nicht die Promenade zu 
betreten, ich war von Allem so angegriffen, die wenigen Tage hatten mich (warum 
soll ich es nicht schreiben, es ist mir hundertmal gesagt worden) zu dem Apoll ge- 
macht, der ich noch heute Vielen bin, und dennoch, ob ich wohl eine interessantere 



172 §. 21. Päderastie. 

Geschichte denn Ninon schreiben könnte, hat mich alle Verehrang, Anbetung könnte 
ich es nennen, nur demüthiger gemacht und meine Stimme so leise! (?) Ja, mein 
Herrl denn es handelt sich hier darum, dass die Wissenschaft suche und vielleicht 
neben dem Wunderbaren in der Natur auch dies anerkenne — ja, alle Verehrungen 
und Huldigungen, die je eine schöne Frau empfangen, sind mir geworden. Zu 
meinen Füssen schmachteten Prinzen und Männer von Geist, auf die Europa stolz 
ist, ich habe Hunderte von Männern, weit über meinen Stand, beglückt, habe die 
wundersamsten Liebesabenteuer erlebt! — Und dennoch leide ich, leiden Hunderte 
unter der tiefsten Verachtung, in einer Neigung, gegen die alle Moral, alle Religion, 
Weiberumgang nichts hilft; ach, ich spreche es nicht aus mir; aus Vieler, Vieler 
Munde habe ich das! und nie habe ich einen Bekannten, als aus guter bürger- 
licher Gesellschaft mindestens, gehabt. — 

Also, ich betrat nach acht Tagen die Promenade der Linden wieder und schloss 
eine Bekanntschaft, die auf mich den grössten Einfluss hatte; es war eine jugend- 
lich schöne Persönlichkeit der höchsten Gesellschaft, jetzt seit Jahren todt und 
glücklich! Wir liebten uns bald zärtlich, auf diese Weise lernte ich nach und nach 
mehrere Leidensgenossen kennen. — Ich ging nach England, nachher begrub ich 
meine Liebe. — Später verweilte ich öfter in Paris , in Italien , Wien , überall fand 
ich uns Arme! — 

Und man wähnt uns alt, hässlich, abgelebt, der Ausschweifung müde. Nie 
habe ich mich der Umarmung eines alten Mannes hingegeben; wir haben unsere 
Neigungen so gut wie die Frauen; ich könnte dreissig solcher Männer nennen, die 
als Schönheiten ersten Ranges gelten würden, tugendhaft, wohlthätig und liebens- 
würdig sind. Sie müssen jedoch nicht wähnen , diese Neigung sei allzuverbreitet. 
nein ! Die gütige Natur hat uns einen gewissen Instinct verliehen, der uns. gleich 
einer Brüderschaft, vereint; wir finden uns gleich, es ist kaum ein Blick des Auges, 
wie ein electrischer Schlag, und hat mich bei einiger Vorsicht noch nie getäuscht. 
Ich kenne hier in Berlin Wenige, par Renomme Einige. — Auf zehntausend Seelen 
mag wohl nur eine solche arme höchstens kommen ; natürlich drängen sich in Paris 
und Neapel dergleichen Personen mehr zusammen. Sie müssen auch nicht glauben, 
wir trieben Päderastie. Nie habe ich das gethan und verabscheue mit Vielen, den 
Meisten, diese Neigung. Wir befriedigen uns durch Küssen und gegenseitiges An- 
fassen der Schaam. Oft ist der Reiz so gross, und ich habe dies oft bei mir aus 
Erfahrung gefunden, dass die Saamenergiessung durch die reine Umarmung erfolgt. 

— Allerdings läugne ich die Päderastie bei einigen ausgearteten, hässlichen Men- 
schen nicht, diese kaufen auch manchmal den Genuss von Leuten, die sich dazu 
hergeben, und kommen eben zu Ueberreizungen , wie so viele bei den Frauen dazu 
kommen. Wir aber lieben uns, wechseln wohl unter einander, und ab und zu ist 
wohl ein Alberner, der da sagt: man verbrannte sonst auch Hexen, auch unsere 
Zeit wird kommen. Nein, sie wird und kann nicht kommen, aber Sie. Herr Geheimer 
Rath, üben Sie Mitleid mit so armen Wesen, wenn ein Vorurtheil sie zu Ihnen 
bringt; sei es ein Irrthum der Natur oder ein Becher schwer zu prüfenden Geheim- 
nisses; glauben Sie: wir können nicht dafür, können nicht gegen die Natur, ich 
habe Alles das, die tiefsten Kämpfe von mehr denn hundert j u n g e n Leuten erlebt. 

— Schrecklich, wenn dieser Schleier sich erst in der Ehe lüftet; Choiseul Praslin 
steht nicht so furchtbar da. wenn schon er ein gemeiner Verbrecher war.*) Ich 



*) Der Herzog von Praslin, der bekanntlich in Paris seine Gattin vor mehreren 
Jahren auf die grüsslichste Weise ermordete. Dass derselbe Päderast gewesen, erfahrt 
man zuerst aus diesem Briefe. 



Päderastie. §. 22. Diagnose. 173 

kenne Manchen, der seufzt, und manche junge Frau, die dadurch unglücklich ist; 
ist die Neigung, das Bewusstsein erst erwacht, kein Pflichtgefühl hält dagegen 
Stand. Wie so ganz anders würde mancher grosse, mancher kleine Mann beurtheilt 
werden, wüsste man des Grames, des Ehrgeizes, des Feiems Quell. — Glauben sie, 
wir sind im Allgemeinen bessere, begabtere Naturen, als die Anderen (!) ; wie man- 
cher ist mir in tiefer Melancholie schon weit in den Zwanzigern begegnet, den ich 
über seinen Zustand aufgeklärt; wurde er auch nicht viel glücklicher, so war er 
doch keine ^ wilde Bestie'' seinem Gewissen gegenüber, natürlich war ein Ehemann, 
Gott gelobt I nie darunter. Wäre unsere Sünde so gross, wie konnte ein Plato, 
Julius Cäsar, Friedrich, Gustav der Dritte, so Viele sie ausgeübt haben; waren 
Winckelmann und Platen gemeine Naturen? Wir haben meistens schöne Augen, 
und das Auge ist doch etwas der Spiegel der Seele ! — Auf dem Righi, in Palermo, 
im Louvre, in Hochschottland, in Petersburg, ja, bei der Landung in Barcelona 
fand ich Leute, die ich nie gesehen, die in einer Secunde an mich gebannt 
waren, ich an sie, kann das Verbrechen sein? Wir waren selig, glücklich, 
dankten Gott, ich sehe sie vielleicht nie wieder, aber ich denke oft an sie, sie an 
mich so oft, nie werden wir uns vergessen. — Auch jetzt eile ich in einem solchen 
Verhältniss dem Süden zu; man liebt mich, ich habe seit meiner todten Liebe nie 
tief empfunden (denn auch wir habe tiefe, ja tragische Neigungen), in dem freien 
Italien denkt man etwas leichter; meine Familie quält mich mit glänzenden Hei- 
rathen; soll ich eine Frau unglücklich machen, könnten Schätze für mich Werth 
haben, ich könnte davon wie ein Crösus besitzen. — Herr Geheimer Rath! man 
sagt, Sie seien ein edler Mensch und glücklicher Vater. — Lehren Sie Ihren Kin- 
dern die Welt mit mildem Blick betrachten (I !) und Chateaubriand's Worte kommen 
mir: „Que pensierez-vous donc, si vous eussiez ete temoin des meaux de la societe, 
si, en abordant sur les rivages de TEurope, votre oreille eüt ete frappee de ce long 
cri de douleur, qui s'eleve de cette vieille terre.'^ — 

Zwar gehöre ich selbst einer edlen Familie an und mehr als ich brauche, ward 

mir zu Theil, dennoch sehe ich im Geringsten meinen Bruder, so ist es fast bei uns 

Alien, ich habe Handwerker in den Häusern von Herzogen gesehen, sich frei be- 

tiregend — also nur weil wir Ausgestossene. sind wir Menschen! Vielleicht wären 

anders gemeinere Naturen geworden!^ — 



Dies gewiss merkwürdige Bekenntniss bedarf keines Commentars. 
W^:ir um Missverstündnissen zu begegnen, die in der Praxis irre leiten 
kömnten, muss ich bemerken, dass nicht alle Päderasten, die vor den 
Iti echter und den Gerichtsarzt gestellt werden, solche „religiöse, edle Na- 
tot:Ä~en'* sind, wie der Briefschreiber sie schildert. Sind mir auch nicht 
l>i ^ lier Mörder vorgekommen, wie sie Tardieu*) in Praxis in den Ban- 
d^ «^ gefunden, die das Laster bloss benutzen, um ihre Opfer zu umgar- 
^ö?Ä^, so habe ich doch zahlreiche gemeinste Naturen aus der Hefe des 
Vc^lkes zu beurtheilen gehabt! 

§. 22. Biagnose. 

A. Die passive Päderastie. Es ist einleuchtend, dass auch 
Y^^ männlichen Individuen, die sich ganz unzweifelhaft hingegeben ha- 
im Anfange Spuren so wenig am Körper zu erwarten sind, als 

*) Etüde m6d. legale sur les attentats aux moeurs. 5. ed. Paris. 1867. 



174 Päderastie. §. 22. Diagnose. 

gefunden werden, was nicht selten in der Praxis vorkommt. Grewöhn- 
lich aber hat ein längerer Verkehr Statt gefunden, ehe derselbe ent- 
deckt wird, und dann kann man in manchen Fällen ein gewisses, in 
andern vielleicht ein ürtheil mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit 
abgeben, üeber den Werth der Befunde zu diesem Zweck bemerken 
wir folgendes: 

1) Die allgemeine Gesundheit. Ich stelle mit Entschiedenheit 
wiederholt in Abrede, dass, auch selbst bei längerm Hingeben, wie alle 
theoretischen Schriftsteller behaupten und wie selbst Tardieu, aller- 
dings mit Zurückhaltung, annimmt, sich Allgemeinleiden mannigfacher 
Art ausbilden, Abmagerung, Tuberculose u s. w., denn die unzweifel- 
haftesten Gegenbeweise stehen mir zur Seite.*) Erwägt man aber, dass 
bei solchen verächtlichen Individuen, die sich als formliche Prostituirte 
Männern Preis geben, Nachtwachen, Trunk, onanistische Schwächungen 
und ähnliche Momente nothwendig mehr oder weniger mitwirkend wer- 
den, so wird man zugeben wollen, dass bei Einzelnen, wobei obenein 
doch auch die resp. Krankheitsanlage noch zu erwägen bleibt, allgemeine 
Krankheiten beobachtet werden können und vorgekommen sind. Ein 
innerer Zusammenhang mit der Päderastie an sich findet aber hierbei 
keinesfalls Statt, und möge sich kein Arzt zu einem irrigen Urtheil 
verleiten lassen, wenn er — wie es uns sehr oft begegnet — einen der 
passiven, päderastischen Prostitution Beschuldigten mit rothen Backen 
und strotzender Gesundheit vor sich sieht. 

2) Die Beschaffenheit der Hinterbacken. Ein fast werthloses 
Zeichen. Bei jungen kräftigen Kynäden (passiven Päderasten) findet 
man sie oft sehr gewölbt und fleischig, angemessen dem allgemeinen 
Körperhabitus, aber ebenso oft in anderen Fällen und bei weniger 
kräftigen, zumal bei alternden Individuen ganz gewöhnlich beschaffen. 
(Vgl. sub 4.) 

3) Anus infu'ndibiliformis, eine trichterförmige Ein Senkung des 
Afters, nennt Tardieu ^ ein fast beständiges und ungemein beweisendes 
Zeichen der passiven Gewohnheiten der Päderasten*. Diese Beschaffen- 
heit des Afters, die gar nicht übersehen werden kann, habe ich mit 
Ausnahme eines einzigen Falles nicht angetroffen. Tardieu's Beob- 
achtungen sollen damit nicht in Zweifel gezogen werden, nur als , be- 
ständiges** Symptom kann ich diesen trichterförmigen After nicht gelten 
lassen. Tardieu sagt übrigens selbst: dass er bei sehr fetten und bei 
sehr magern Individuen „oft fehle". Wenn er aber meint, dass ich, 
trotz meines Widerspruchs, dennoch Werth auf dieses Zeichen lege, weil 
das von mir so hoch gehaltene Zeichen einer 

4) duten förmigen Einsenkung der Nates zum After hin 
nichts als eine Varietät des Anus infundibiliformis sei, so waltet hier 
ein Missverständniss ob, das zur Vermeidung von Irrthümern aufgeklärt 
werden muss. Der Trichter-After betrifft die Beschaffenheit des Mast- 
darms, die dutenförmige Einsenkung betrifft die Hinterbacken. Passive 



*) Auch Polak, der in Pcrsien, wo die Päderastie ganz allgemein und scheuas- 
lich herrscht, viele Beobachtungen gemacht hat, bemerkt, dass ihm wenige physische 
Folgen vorgekommen, und nennt als solche nur bleiche Gesichtsfarbe (!) und ein 
weibisches Aussehen. Wien. med. Wochenschr. 1861. S. 629. 



Päderastie. §. 22. Diagnose. 175 

Grewohnheits-Päderasten zeigen diese Einsenkung wirklich fast con- 
stant. Man sieht sie oft schon, ohne dass man die Nates auseinander- 
legt, besser nachdem dies geschehen. Ein solcher Hintere zeigt nicht 
die gewöhnlichen Halbkugeln, sondern die Innenseite ist 1 Vo bis 2 Zoll 
vom After abgeplattet, und dadurch entsteht eine gewisse Höhlung zwi- 
schen den Backen, eine dutenformige Einsenkung. Bei Jüngern Männern 
wird diese Beschaffenheit immer den dringendsten Verdacht erwecken 
müssen; bei altern muss man sie vorsichtiger würdigen, da ich diese 
Nates bei solchen Männern, zumal bei schon schlaffen und welken Hin- 
terbacken, auch in ganz unverdächtigen Fällen angetroffen habe. 

5) Grosse Ausdehnung der Afteröffnung mit und ohne Mast- 
darmvorfall, mit und ohne Kothincontinenz, von der, wie von 

6) Einrissen in den Sphincter ani — die man nur in den sel- 
tensten Fällen, und auch dann nur bei frischer Untersuchung derselben 
findet — so viel in den Büchern zu lesen, nimmt doch auch selbst 
Tardieu Anstand, als allgemein gültiges Zeichen aufzustellen. Nichts 
ist trügerischer und weniger geeignet, als Grundlage für ein criminal- 
gerichtliches Gutachten zu dienen, als diese Befunde, oder wohl gar 

7) Wucherungen der Haut und der Mastdarm-Schleimhaut (Ma- 
risken, Cristen) oder Hämorrhoidalknoten, die Tardieu selbst doch 
auch nur „seltene" Folgen der Päderastie zn nennen vermag. Alle 
diese Befunde zu 5 und 6 sind ebenso ungewöhnliche Folgekrankhei- 
ten auch bei den prostituirten Päderasten, als sie, namentlich Ausdeh- 
nung der Afteröfifnung (durch dicht am Schliessmuskel sitzende Va- 
rices), Mastdarm Vorfall und Cristen, wie jeder erfahrene practische Arzt 
weiss, bei ganz unverdächtigen Männern häufig genug vorkommen, wenn 
sie Hämorrhoidarier oder mit Mastdarmfisteln behaftet sind. Bei jun- 
gen und gesunden Männern, bei denen man eine ungewöhnliche Oeflfnung 
des Aftors findet, wird indess dieser Befund als auffallender zu ver- 
werthen sein. 

8) Syphilitische Symptome am After. Ich habe in unzweifel- 
haften, päderastischen Fällen Schankergeschwüre oder Narben und Con- 
dylome am Anus beobachtet. Wenn der active Sünder bekannt und 
gleichfalls zur Untersuchung vorgestellt ist, so wird man die etwa auch 
bei ihm vorhandene, syphilitische Form nicht nur, sondern auch das 
Entwicklungsstadium der Geschwüre u. s. w. vergleichend bei Beiden zu 

E rufen haben und in Zusammenstellung mit den übrigen Befunden sein 
^rtheil über den Fall abmessen. Denn der niemals fehlende Einwand, 
dass die Ansteckung auf gewöhnliche, nicht verpönte Weise erfolgt ge- 
wesen, ist begreiflich nicht mit Gründen zurückzuweisen. Ebenso wenig 
mit absoluter Sicherheit der andere Einwand, dass die Ansteckung des 
A. durch den inficirten B. durch blosses, unschuldiges Zusammenschlafen 
Beider in Einem Bette, wenn diese Thatsache festgestellt ist, enstauden 
gewesen. Die Gesammtbefunde werrlen hier entscheidend sein. Noch 
entscheidender werden syphilitische Befunde am After bei Knaben, weil 
hier wenigstens die Entstehung auf gewöhnliche Weise ausgeschlossen 
ist. Eine derartige Beobachtung kam in einem der unten folgenden 
Fälle vor. 

9) Das werth vollste aller Zeichen, dem auch Tardieu sein volles 
Recht widerfahren lässt, ist die faltenlose Beschaffenheit der 



176 Päderastie. §. 22. Diagnose. 

Haut um die Afteröffnung herum bei Kynäden jeden Alters, so dass 
die sternförmige Bildung dieses Hauttheils, wie man sie in beiden Ge- 
schlechtern findet, ganz verwischt ist. Wenn man nämlich bei beiden 
Geschlechtern die Hinterbacken entfernt, so treten bekaniltlich in der 
Haut am After Furchen hervor, die sich concentrisch nach der After- 
öffnung verbreiten. In der Jugend und im vollkräftigen Alter sind diese 
Furchen am deutlichsten wahrnehmbar; sie verlieren sich aber auch 
selbst bei älteren Personen nicht ganz. Um so auffallender musste mir 
ihr Mangel bei den Männern sein, die geständlich oder wenigstens nach 
allen Indicien Pathici gewesen waren. Ich. glaubte eine Entdeckung ge- 
macht zu haben, da ich darüber nie etwas gefunden hatte, fand aber 
später bei P. Zacchias (a. a. 0.) meinen Befund schon wörtlich wie 
folgt angeführt: »multo magis frequentem tam nefandi coitus usum 
significare poterit ipsius podicis constitutio, qui cum ex natura rugosas 
existat, ex hujusmodi congressu laevis ac planus efficitur, obliterantur 
enim rugae illae in ani curriculo existentes ob assiduam membri attri- 
tionem". Warum die späteren Abschreiber des P. Zacchias diesen, 
von allen unsichern noch sichersten „Fundbeweis" übergangen ha- 
ben*), dafür findet sich bei Michael Alberti (Syst. jurisprud. med. 
Hai. 1782. I. §. 18.) die Aufschluss gebende Stelle. Indem er nach 
Zacchias die Zeichen eines solchen nefandum stuprum anführt, fugt 
er hinzu: „addit Zacchias evanescentiam rugarum in sphinctere ani 
(nicht im Sphincter!) ob frequentem attritionem Penis, quae tarnen ob- 
servatio rationi et cxperientiae ad amussim non respondet**! Dieser 
Autorität wollte nun, wie es scheint, zumal bei jedem Mangel eigener 
Beobachtung, kein Späterer widersprechen. Aber woher hat der Halle- 
sche Professor sein Recht genommen, dem alten Römer, der viel ge- 
sehen hat, entgegenzutreten? Schwerlich aus eigener „Experientia'*, denn 
es ist wenigstens auffallend, dass unter der ungemein grossen Anzahl 
von Casibus und Responsis, die er mittheilt, auch nicht ein einziger, 
diesen Gegenstand betreffender Casus sich befindet, und die Annahme 
ist daher nicht gewagt, dass Alberti vor mehr als hundert Jahren in 
seinem sehr kleinen Halle nicht ein einziges derartiges Subject selbst 
untersucht hat, folglich mehr rationi als experientiae gefolgt ist. Ob 
diese Beschaffenheit von der oft wiederholten Zerrung der Haut bei 
den Acten, oder, wie Tardieu sehr annehmbar meint, vom Missbrauch 
fettiger und öliger Einreibungen, deren sich diese Menschen bedienen, 
herrühre, kann dahingestellt bleiben. Die Thatsache hat sich mir auch 
in allen meinen neuern Untersuchungen bestätigt, wie die unten fol- 
gende Casuistik beweist. Endlich muss noch zugegeben werden, dass, 
wenn wirklich von einem erwachsenen, kräftigen Manne ein Knabe, ein 
junger Mensch, mit mehr oder weniger Zwang gemissbraucht worden, 
dass dann örtliche Befunde, wie örtliche Einrisse, Entzündung, Quet- 
schung, Mastdarmvorfall u. s. w. , möglicherweise allerdings erwartet 
werden können. Mir sind einige derartige Fälle vorgekommen, und 
daraus wohl der Schluss zu ziehen, dass diese Species des scheusslichen 
Lasters bei uns zu Lande nicht wie im ganzen Orient, in Russland, in 



♦) Dohrn (a, a. 0. S. 237) hat ihn genau wie ich und nach meiner Schilderang 
bei seinem alten päderastischen üospitaliten gefunden. 



Päderastie. §. 22. Notlizuclil. 



177 



^S^wl Q. s, w. SO leicht vorkommt, da sie sonst, wie die Nothzucht 
u weiblichen Kindern, sich gewiss doch in einzelnen Fällen der Ent- 
deckung entzogen haben würde. 

Als diagnostische Schlusssätze für die passive Päderastie müssen 
wir nun folgende aufstellen: 1) Alle von den Schriftstellern angegebe- 
nen, örtlichen und allgemeinen, diagnostischen Erkenn ungszei'ihen der 
Päderastie verdienen keine Beachtung, da sie nicht auf Beobachtungen 
beruhen, sämmtlich fehlen können und meistens fehlen. 2) Eine duten- 
förmige Einsenkung der Nates nach dem After zu ist ein beachtens- 
werthes, diagnostisches Zeichen für passiv getriebene Päderastie. 3) Die 
fiüteolose Beschaffenheit der Haut in der Umgegend des Anus ist von 
allen unsichern noch das sicherste Kennzeichen für passiv erduldete 
Hännerschändung. 

B. Die active Päderastie. Meine Behauptung: dass am Körper 
•> activen Theils gar kein betreffender Befund zu erwarten ist und er- 
liobeu wird, wird lebhaft von Tardieu bestritten, der auch in der neue- 
sten Auflage seiner Schrift seine Schilderung der eigenthümlichen Be- 
schaffenheit des Penis solcher Subjecte festhält und, wie seine Gutach- 
ten zeigen, grossen Werth darauf legt. Das Glied ist nach ihm auffal- 
' iend dünn, oder seltener sehr dick, charakteristisch aber die Form, die 
«Canum more- von der Wurzel bis zur Spitze sich verdünnt, oder 
bloss die Eichel ist verlängert, dabei ist das Glied gewunden, so dass 
' <Üe Hamröhrenöffnung schief steht. Oder der Penis ist, und zwar bei 
<Jen Masturbatoren „en massue" gebildet, d. h. sein Ende ist kugüg ge- 
schwellt und die Eichel breit und wie abgeflacht. Die Erklärung Tar- 
diea's, dass die Zuspitzung und Torsion des Gliedes von wiederholter 
£in2wängung desselben durch den Schliessmuskel, durch die schrauben- 
■ßrmige oder pfropfenzieherartige Einführung des Gliedes allmäÜg ent- 
stehe, wird durch die Thatsache widerlegt, dass ich bei notorischen 
aktiven Päderasten das Glied grade so ungemein verschieden in Dimen- 
sion und Form und so wenig abweichend von der normalen Beschaffen- 
heit gefunden habe, wie bei allen andern Männern, und dass es mir 
oameullich auch in allen, seit der ersten Bekanntmachung Tardieu's 
^_ mir vorgekommenen, mit verdoppelter Aufmerksamkeit darauf unter- 
^^h suchten Fällen nicht ein einziges Mal gegeben war, jene Behauptung 
^^m bestätigen zu können. Höchst uuS'allend ist es hierbei, dass Tardieu, 
^^B der unter seinen .'206 Fällen" sage 19 in der Casuistik und zwar ge- 
^^■-fadc solche mittheilte, „die ihm am bedeutungsvollsten erscheinen", 
^^B'ly einen einzigen Fall mit jener eigenthümlichen Gliedbildung anzu- 
^^^^hren hat. Man lese aber diese 19 Fälle, und man wird erschrecken 
^^^^ber die Bestimmtheit des abgegebenen Gutachtens, das Einmal sogar 
^^V^f eine Mastdarrafistel mit begründet ist, in andern Fällen auf Ma- 
^^P^kcii, auf ein etwas dünnes Glied u. dgl. als Beweise der Päderastie!! 
^^ -Kann die Kritik es gelten lassen, wenn der Verfasser, einer der unten 
"*> §. *26. zu erwähnenden Unzüchtigkeiten gedenkend, nicht ansteht, 
'" liehaupten, dass er bei zwei Individuen jener Art, ,die sich zu den 
S^^neinsten Gefälligkeiten erniedrigen, eine eigenthümliche Bildung des 
"^ndes angetroffen, namüch einen schiefen Mund, kurze Zähne {!!), 
wke, eingestülpte (!), verbildete Lippen, completemenl en rapporl avec 
\DSage infame auquel elles servaient'ü Und doch haben die neueston 



I 



I 



178 §. 23. Verfjleichung der Päderastie mit der Nothzucht. §. 24. Tribadie. 

deutschen, gerichtlich-medicinischen Schriftsteller diese Tardiea'schen 
Phantasiestücke bona fide als Thatsachen acceptirt! Sowohl also, was 
die active als die masturbatorische Päderastie betrifift, kann der Ge- 
richtsarzt nach unserer Erfahrung auch nicht mit einiger Wahrschein- 
lichkeit ein Drtheil fallen. 

§. 23. Ver|;leiekiBs der Päderastie mit der Nothsielit 

Die noch von keinem Schriftsteller* erwogene Frage: kann ein 
männliches Individuum von einem anderen wider seinen Wil- 
len päderastisch gemissbraucht (genothzüchtigt) werden? ist mehrmals 
in der criminalistischen Praxis an mich herangetreten. Der erste Fall 
betraf einen jungen, blöden, schwächlichen Menschen, der von seinem 
Dienstherrn, einem notorischen Päderasten, Morgens auf dessen Bett 
gezogen, erst durch Schmeicheleien u. s. w. geködert und zum Ent- 
kleiden genöthigt wurde, dann unter vorgängigen Manövern, die ich 
hier nicht schildern kann, und die unter dem Schein und Vorwand 
eines blossen Scherzes die Möglichkeit des Actes vorbereiten sollten, 
plötzlich päderastisch mit grosser Heftigkeit angegriffen wurde. Der 
junge Mann wehrte sich, das Verbrechen wurde vereitelt, und bei einer 
Untersuchung sehr bald nach dem Vorfall fand ich nichts als einige 
Zerkratzungen und kleine Sugillationen von Fingerdrücken an Nates und 
Oberschenkeln. In einem anderen wichtigen Rechtsfalle, der für den An- 
geschuldigten nicht nur schwere Strafe, sondern auch erhebliche Ent- 
schädigungsansprüche herbeizuführen drohte, in welchem Falle ein Ge- 
richtsarzt in seinem ausfuhrlichen Gutachten gradezu die Nothzucht an 
Weibern mit der Päderastie in Beziehung auf den möglichen Zwang 
am Individuum, auch bei Widerstreben desselben, in Parallele brachte, 
und ich meinerseits die Richtigkeit dieser Ansicht zu prüfen aufgefor- 
dert worden war, habe ich in dem betrefifenden Gutachten die meinige 
ausgesprochen und diese gewiss practisch wichtige Frage erörtert. Dass 
dieselbe durch Wehiiosmachung des betreffenden Individui, so wie bei 
Kindern und Schwachsinnigen, Einschränkungen erleidet, und dass bei 
letzteren eine „Nothzüchtigung** nicht in Abrede zu stellen sein wird, 
zeigt die unten folgende Casuistik. Endlich ist mir aber auch in einem 
Falle, um die Parallele mit der Nothzucht am Weibe vollkommen zu 
machen, die Frage vorgelegt worden, ob ein männliches Individuum im 
Schlafe, und ohne der Sache sich vollkommen bewusst zu werden, pä- 
derastisch gemissbraucht werden könne. 

§. 24. Tribadie. 

Schon im alten Testamente ist nicht undeutlich auch von dieser 
geschlechtlichen Verirrung die Rede. So alt ist also schon auch diese 
quasi umgekehrte Päderastie, die Wollustbefriedigung zwischen Weib und 
Weib. Wie ungemein sie in Griechenland im Schwünge war, beweist 
schon der Euphemismus: lesbische Liebe, und wie in Rom, davon wis- 
sen die Dichter zu erzählen. Unter uns kommt diese Verirrung, nach 
allen Anzeichen zu urtheilen, nur äusserst selten vor und nicht nur, 
dass mir selbst kein einziger Fall amtlich zur Untersuchung vorgekom- 



§. 24. Tribadie. §. 25. Sodomie. 179 

men, so ist meines Wissens auch überhaupt niemals in Berlin in foro 
davon die Rede gewesen, wogegen das Zusammenleben wollüstiger, lieder- 
licher Dirnen in df^n Weiber-Gelangnissen und Spitälern von Paris dazu 
eine nicht seltene Veranlassung giebt. Hat schon d'^shalb diese ^wider- 
natürliche Unzucht" kaum ein Interesse für die gerichtliche Medicin, 
so kommt noch hinzu, dass sie keine Spur ihres Daseins als ünter- 
suchungsobject am Körper hinterlässt. Denn dass die dafür im Alter- 
thum besonders berüchtigten Milesierinnen sich dazu eines künstlichen 
Penis 1)edienten, der allenfalls eine nachzuweisende, physische Defloration 
zu Stande bringen könnte, darüber spöttelt wohl Aristophanes; aber 
man wird hierin keine Quelle für unsere Wissenschaft erblicken wollen. 
Eben so wenig Halt hat Forberg's Meinung von einer Verlängerung 
<ler Glitoris, die durch keinen einzigen, wirklich beobachteten Fall er- 
härtet ist. Alles und selbst der Name (rptßadeg, frictices der Römer), 
lässt vielmehr annehmen, dass hier wieder ganz dieselbe Verirrung vor- 
liegt, die dort den Mann zum Manne, hier das Weib zum Weibe hin- 
zieht, und dass nur körperliche Berührungen und Frictionen bis zur 
Befriedigung des Wollustdranges das Laster constituiren. — Der ge- 
richtliche Arzt würde sich im etwa vorkommenden Falle für incompe- 
tent erklären müssen, da seine Wissenschaft ihm keine Beweismittel an 
die Hand giebt und geben kann. 

§. 25. Sodomie. 

Im 2ten Buch Moses Kap. 2*2 V. 19. heisst es: «Wer ein Vieh 
l)eschläft, der soll des Todes sterben**. — So wahr ist, was wir oben 
l>ebaapteten, dass die Abirrungen des Geschlechtstriebes zu allen Zei- 
ten und bei allen Völkern, und im?ner als dieselben vorgekommen sind. 
Ö^nn dass auch die Thierschändung, Sodomie im engeren Wortsinne, 
floch jetzt, weniger in Städten als auf dem platten Lande umherschleicht, 
^^ kein Geheimniss*). Zumeist sind die Betreffenden Knechte und Hir- 
^ö, die im kräftigsten Alter sich tagelang mit ihrem Vieh mehr oder 
'•^diger allein befinden, also Mann mit weiblichem Thier. Dass im Al- 
I^J'^lium (3te Buch Moses Kap. 20 V. 16.) und selbst noch in spätem 
^*^ whunderten auch Weiber mit männlichen Thieren, namentlich mit 
Hengsten und Eseln scheussliche Unzucht getrieben haben sollen, ist 
zw^:p vielfach bei den Alten citirt, und auch plastische, antike Kunst- 
^^^lc:e und neuere Monumente, Reliefs u. dgl. sind als Beweise heran- 
gezogen worden. Erwägt man jedoch das ausserordentliche Missverhält- 
nisa der beiderseitigen Geschlechtstheile, so wird man in jenen plasti- 
schen Darstellungen nur symbolische Andeutungen eines sehr aufgereg- 
teu^ weiblichen Wollusttriebes sehen wollen, wie dergleichen ja in der 
aÄt%ken Kunst so zahlreiche andere vorkommen. Der Geschlechtsmiss- 
\)T^uch zwischen Mann und weiblichem Thier soll hier nicht in Abrede 
gestellt werden. Gerichtsärztlicher Untersuchungsgegenstand wird er in- 
4cS8 wohl nur höchst selten werden können, denn es ist nicht abzuse- 
^eü, welche Spur am Körper des Mannes derselbe zurücklassen sollte, 



•) Nach Polack (a. a. 0.) ist sie unter den persischen Soldaten sehr verbreitet, 
fird aoeh vieliach von persischen Aerzten als Heilmitlei gegen Gonorrhoe verordnet (!). 

12* 



180 §. 26. Irrumare. Fellare. Der Cunnilingus. Der Koprophage. 

und der Rath eines neueren Handbuchs, dass man ermitteln solle, ob 
sich männlicher Saame in den Geschlechtstheilen des Thieres finde, ist 
für Jeden, der das practisch- gerichtliche Leben kennt, zu unhaltbar, 
um weiter erwogen zu werden. Derartige Dinge kommen fast niemals 
sofort zur Untersuchung des Technikers! Bevor dieser requirirt werden 
kann, ist der Inhalt der thierischen Scheide längst entfernt!*) 

Pf äff**) theilt einen Fall mit, wonach zwischen den Schaamhaaren 
der betreffenden Magd ein schwarzes Hundehaar gefunden wurde, wel- 
ches mit den Haaren des grossen schwarzen Kettenhundes, mit dem 
jene Person in verdächtiger Attitüde betroffen war, übereinstimmte. 

§. 26. Immare. Vellare. Ber CanMiliBgas. Her Kepropkage.***) 

Ich bin mit allen diesen Scheusslichkeiten amtlich befasst gewe- 
sen ! ! Hier wird man für Augenblicke irre an der Menschennatur. Wer 
hätte nicht einen sinnlos Betrunkenen liegen gesehn und dabei gedacht, 
dass er hier die Kluft zwischen Mensch und Thier ausgefüllt sähe? So 
hier bei allen oben genannten, schon im frühsten Alterthum vorgekom- 
menen, beschriebenen und von den Satyrikern gegeisselten, „widerna- 
türlichen Unzuchten**. Und doch kommen, meines Wissens, im ganzen 
Thierreich nur der Cunnilingus und etwa die Koprophagie als viehische 
Geschlechtsgenüsse vor; das Irrumare und Fellare hat der Mensch für 
sich voraus ! ! Der heilige Zweck der Wissenschaft würde es rechtferti- 
gen, wenn ich Selbsterfahrenes auch hier näher schilderte: aber über 
dem heiligen Zweck der Wissenschaft steht der heiligere der Sittlich- 
keit, der ein weiteres Eingehen in diese Dinge verbietet. Helfe sich 
jeder Gerichtsarzt im etwa ihm vorkommenden Falle, wie er kann! 
Der beste Rath ist, sich auch hier für incompetent zu erklären, was 
er mit gutem Gewissen thun kann, da keine dieser Unzuchten 



*) Ausnahmen kommen hier natürlich, wie überall, vor; s. den interessanten 
Fall von Kutter in Vierteljahrsschrift 1865. 1. Heft, in welchem der Zufall die 
Untersuchung auf frischer That möglich machte, und Haare von den Genitalien der 
gem issbrauchten Stute in der Falte zwischen Vorhaut und Eichel des Angeschuldigten 
den Thatbestand selbst in Ermangelung einer microscopischen Prüfung verdächtiger 
Flecke feststellen Hessen. — Wie übrigens sich unsere ehrlichen Altvordern halfen, 
davon geben die beiden Fälle bei Zittmann und Tropanneger Beweise. Bei 
Zittmann (Med. forens. S. 1217) respondirt die Leipziger Facultät in einem zweifel- 
haften Falle von Sodomiterei mit einem Hunde: „über die Frage, ob dergleichen 
sodomitischer Coitus auf diese oder andere Art geschehen mögen, lasset sich honeste 
nicht wohl speculiren, doch ist auch nicht glaubscheinlich, dass Inquisit ohne Erfassung 
und Haltung des Hundes dergleichen Leichtfertigkeit hätte verüben mögen** (Joni 
169V). Tropanneger (Decis. cas VIII. de sodomia cum capra, vacca et equo S. 
310) bezieht sich auf den Leipziger Fall, und nachdem er in Betreff des Angeschuldig- 
ten, den er als geistesschwach schildert, aus den Umständen der Selbstanklage ,»die 
Impossibiiität der Actus, welche er mit den Bestien vorgenommen haben will**, scharf- 
sinnig deducirt, äussert er sich dahin: „die beste Kur dürfte sein, wenn er ohne 
alle fernere Untersuchung in diesem Stücke um alles Aergerniss zu vermeiden, auf 
den Festungsbau gebracht, zur Arbeit angehalten und im Christenthum besser infor- 
mirt werde". (1733.) 

**) Das Haar in forensischer Beziehung. 1866. p. 79. — Dass an diesem Haare 
Spermatozoen microscopisch nachgewiesen worden seien, wie Hof mann (p. 197) iir- 
thümlich citirt, hat Pf äff nicht berichtet. 
*♦♦) Gelehrte Nachweisungen bei Rosen bäum a. a. 0. 



Päderastie. §. 27. Casuistik. 83. Fall. 1 8 1 

beweisende Spuren weder an einem, noch an dem andern Körpor 
zurücklässt, die ein Untersuchungsobject abgeben könnten. 



§. 27. Casiistik. 

83. bis 88. fall. Päderastie. 

83) Die Untersnchungssache, die mir sieben Genossen zur Exploration auf 
Päderastie zuführte, war neu und unerhört in den Annalen der Psychologie und 
Criminalrechtspflege. Sie betraf eine ganze Gesellschaft von Männern, einen alten 
Grafen Cajus an der Spitze, bis herab zu den untersten Klassen. Unerhört, sage 
ich, denn wer hat wohl von schriftlichen Tagebüchern gehört, von täglichen Auf- 
zeichnungen eines Päderasten über seine Abenteuer, Liebschaften, Empfindungen, 
wie sie bei Cajus bei seiner Verhaftung in Beschlag genommen wurden?*) Der 
Angeschuldigte erkannte vom ersten Verhör an den Inhalt dieser (sauber und zier- 
lich geschriebenen und gebundenen) höchst voluminösen Selbstbekenntnisse mit der 
grossten Naivetät an und bekannte mit der unbefangensten Offenheit, dass er seit 
See hsund zwanzig .Jahren sich fortwährend und, wie aus den Tagebüchern her- 
vorging, wöchentlich gewiss drei- bis viermal Männern Preis gegeben habe! Sein 
"Weibisch-kindliches Wesen und seine Unbefangenheit machten seine Aussage, dass 
«r nicht gewusst. dass so Etwas nach den Gesetzen strafbar sei, einigermaassen 
leiaablich. Im Uebrigen war er keineswegs etwa geistesschwach oder gar indispo- 
sitionsfahig. Er war zur Zeit meiner wiederholten Explorationen, bei denen ich, wie 
»öS seinen Tagebüchern, die grossten Aufschlüsse durch seine Offenheit über das 
ganze Treiben der Genossenschaft gewann, 58 Jahre alt, gracil gebaut, mit blondem, 
iETekräuseltem Haar, litt an beginnender Amblyopie, sprach stets sehr leise und hatte 
^iö sonderbare Gewohnheit, im Gespräch stets an den Fingern zu lecken. Bis in 
seirx 32tes Jahr hatte er mit Weibern verkehrt, und zwei beabsichtigte Heirathen 
iiatt^n sich zerschlagen. Dann will er durch eine Kupplerin zu dem ^Genuss mit 
Minnem** verführt worden sein, und es war eben so geheimnissvoll unerklärlich, 
ala ^derstrebend und ekelhaft, wenn er fortwährend (wie in seinen Tagebüchern) 

in <i«n Unterredungen sich über seine Empfindungen ausliess . Er hatte 

gftY^z gesunde, massig stark entwickelte Geschlechtstheile, einen doppelten Leisten- 
bruch und einen sehr welken und decrepiden Körper. Die sehr magern und welken 
'^Mäs klafften dutenförmig, und die Falten, die um die Afteröffnung zu sitzen pfle- 
g^^. fehlten gänzlich. Die Afteröffnung selbst war sichtlich erweitert, ohne trichter- 
0nnig zu sein. Vorfall, Einrisse oder Narben von solchen am Schliessmuskel fan- 
den sich eben so wenig, als andere Abnormitäten, mit Ausnahme von zwei verödeten 
Hämorrhoidalknoten von Haselnussgrösse Die vorsichtig ausgeführte Exploration 
per rectum verursachte ihm vielen Schmerz, den er auch jedesmal als Kinaede em- 
pfanden zu haben nie in Abrede stellte I! Und dies war Alles, was wiederholte 
körperliche Untersuchungen bei einem Manne ergaben, der eingesländlich seit fast 
einem Menschenalter passive Päderastie getrieben hatte! Gewiss einer der lehr- 
reichsten Fälle.**) 



*) Auch Tardieu theilt Stellen aus einem derartigen Schriftstück, „ma con- 
fes&ion" betitelt, mit, in welchem sich die leidenschaftlichen Ergüsse einer brennen- 
den Liebe finden. 

**) Der alte Mann ist später, nach mehrjähriger Strafhaft, im Gefängniss gestorben- 



182 Päderastie. §.27. Casuistik. 84. — 88. FaU. 

84) Ein anderer Edelmann, schon früher wegen unnatürlicher Sünden in ün- 
tersochung gewesen, der in Cajus' Tagebüchern sehr oft citirt ist, war ebenfalls 
ein schon vorgerückter Fünfziger, aber noch kräftig. Er hatte ganz normale Ge- 
nitalien, keinen Bruch, nicht auffallend magere Hinterbacken, keine Hämorrhoidal- 
knoten, keine Einrisse in den Sphincter ani, keine Erweiterung der Afteröffnang. 
Aber auch bei ihm klafften die Nates und spitzten sich dutenförmig nach der After- 
öffnung hin zu, und auch hier fand sich deutlich die faltenlose Beschaffenheit der 
Haut am After. 

85) Mehr noch als bei beiden Vorigen war die dutenförmige Einsenkung der 
welken Hinterbacken bei dem 53 Jahre alten, bleichen N. bemerkbar, gegen welchen 
sich Cajus in seinen Tagebüchern oft mit grosser Eifersucht ausspricht! Auch 
bei N. fand ich weder einen Bruch, noch Quetschung oder Einrisse in den Sohliess- 
muskel, noch Prolapsus, noch Hämorrhoidalknoten, noch eine anderweitige Abnor- 
mität. Auffallend aber war auch bei diesem Subject die faltenlose Beschaffenheit 
der Haut am After. 

86) Der vierte Untersuchungsgefangene war ein 52jähriger Mann, der in seiner 
Jugend Schauspieler gewesen war und aller Ort^n, so auch in Berlin, besonders in 
carrikirten Weiberrollen ziemlichen Beifall geerntet hatte. Er war schon damals 
wegen seines weibischen Aeussern, Haarlocken, Ringe, Riechfläschchen u. dgl. all- 
gemein aufgefallen. Jetzt war Haar und Bart ergraut, der Körper fett, die derben 
und fleischigen Nates deutlich dutenförmig klaffend, der After, an dem sich ein 
kleines Hämorrhoidalknötehen zeigte, war durch den unverletzten Sphincter wie ge- 
wöhnlich geschlossen, der Mastdarm nicht erweitert, Penis und Hoden sehr auffallend 
klein. Eine faltenlose Beschaffenheit der Haut am After war sehr deutlich wahr- 
zunehmen. Ich bemerke, dass diese vier Beobachtungen sehr lehrreich sind, denn 
alle vier Männer waren, nach den Aufzeichnungen von Cajus, ganz unzweifelhafte, 
passive Päderasten und Genossen seiner „Theegesellschaften'^, so dass hier die Unter- 
suchung kein Räthsel zu lösen, sondern nur eine Thatsache zu constatiren hatte. 
Dagegen war es 

87) bei — n — , einem Manne von 32 Jahren, der auch an den Zusammen- 
künften bei Cajus vielfach Theil genommen hatte und seit Jahren bei der Sitten- 
polizei als verdächtig gekannt war, zweifelhaft, ob er activ oder passiv Theil genom- 
men hatte. Er hatte starken Bartwuchs und jugendlich-männlichen Habitus. Sein 
Glied, ohne Spur früherer, venerischer Krankheit, zeigte sich lang und ziemlich dünn, 
die sehr enge Vorhaut bedeckte eine ziemlich kleine Eichel. Die Hoden hatten die 
gewöhnliche Grösse, die Hinterbacken waren fest und nicht dutenartig klaffend, der 
After vollkommen normal beschaffen. Irgend ein Beweis wenigstens für passive Pä- 
derastie lag hier folglich nicht vor. Eben so wenig 

88) bei dem 21jährigen Bärbier L., von dem man nach Cajus' Tagebüchern 
wusste, dass er dessen begünstigter, letzter Liebhaber gewesen war! Ein blonder 
junger Mensch mit wenigem Bart, an dessen Genitalien und Nates sich durchaas 
nichts Abnormes vorfand. Die sternförmigen Hautfalten um den Anus waren sogar 
(bei diesem activ en Päderasten) sehr ausgesprochen. Ganz denselben Befund end- 
lich erhob ich bei dem letzten in dieser Sache Betheiligten, dem ehemaligen Solda- 
ten H., 22 Jahre alt, welcher angab, bloss zu onanistischen Reizungen bei einem 
andern Betheiligten gemissbraucht worden zu sein, was nach dem, was oben an- 
geführt worden, eben so glaubhaft als natürlich gerichtsärztlich gar nicht nachzu- 
weisen war. 



Päderastie. §.27. Casuistik. 89. — 92. Fall. 183 



8*. md M. ML Zwei Päderasten. 

Der Fall war für die oben besprochene, psychologische Seite der Päderastie 
ein ungemein lehrreicher und betrübender. Ein allgemein geachteter, höchst un- 
terrichteter und gebildeter Seminarlehrer hatte seine Neigung einem jungen Tauge- 
nichts der unteren Klassen zugewandt und war angeschuldigt, längere Zeit päderasti- 
schen Umgang mit ihm gepflogen zu haben. Dieser wusste, wie so Viele seines 
jGrleichen, das Verhältniss auszubeuten, ging als Stutzer gekleidet einher, verschwen- 
dete das erpresste Geld, bis endlich, nachdem £., der Lehrer, Alles, Alles, zuletzt 
noch sein schönes Mikroskop verkauft hatte, um seinen unersättlichen Geliebten zu 
befriedigen (I), er sogar zur Fälschung schritt, um sich Geld für den Bösewicht zu 
rerschaffen, der ihn ganz in seiner Macht hatte, und er nun der Criminaljustiz in 
die Hände fiel. Bei der Exploration des 47jährigen, gesunden Mannes fand ich 
seine Genitalien vollkommen normal und durchaus nichts Auffallendes. Die Nates 
senkten sich allerdings etwas dutenförmig ein, aber die sternförmigen Falten waren 
vorhanden und stark ausgesprochen, der After ganz normal. Ich urtheilte hiemach : 
^dass der Befund nicht ausreiche, um die Annahme passiv getriebener Päderastie 
zn begründen, und dass Zeichen einer activ getriebenen überhaupt nicht existirten.^ 
Der höchst liederlich und gemein aussehende, jetzt ganz zerlumpte L. war 21 Jahr 
alt und gesund. Sein Glied war lang und stark, übrigens völlig normal. Die Nates 
klafften nicht, aber die sternförmigen Falten waren ganz und gar verschwunden. 
Ihxa kam, dass die Oeffnung des Afters nicht geschlossen, sondern wie ein Silber- 
«ecbser gross geöffnet war. Hiernach nahm ich an: „dass der Befund mit der 
^Tossten Wahrscheinlichkeit annehmen lasse, dass L. sich wiederholt passiv 
X^orastisch prostituirt habe.^ Beide Angeschuldigten wurden verurtheilt. 

M. mmi 92. Fall. Zwei Päderasten. 

Wieder waren hier beide Theile verhaftet und zu exploriren, und hier sollte, 

nacb der Anschuldigung, einer jener oben besprochenen Fälle vorliegen, in denen 

^on Einem Päderasten abwechseln activ und passiv verfahren sein sollte. Der Buch- 

l>iii^er R., 35 Jahre alt, der, wenigstens jetzt in der Gefangenenkleidung, in seinem 

•Aeu-ssem nichts Auffallendes zeigte, aber schon längst bei der Criminalpolizei der 

Pi^«rastie verdächtig war, sollte mit S. in der Nacht zum 16. October in Einem 

^tt« liegend mit diesem gegenseitige, active und passive Päderastie getrieben haben. 

Ein Zeuge, der mit ihnen in demselben Zimmer schlief, wollte beide auf eine auf- 

^li^ Weise haben stöhnen hören. Bei R. in Beschlag genommene Briefe , worin 

*'" V€)n unbekannten Personen um Geld angesprochen wurde, waren ihrer Fassung 

''••^h ganz ungemein verdächtig. Bei meiner Untersuchung nun zeigte R. ein nur 

7**^>-^ies, übrigens völlig normales Glied, gewöhnlich entwickelte Hoden, aber deut- 

^™ eine dutenformige Einsen kung der Nates und ganz faltenlose Haut um den 

^^^^"^x. Dessen Schliessmuskel war unverletzt, der Anus nicht trichterförmig, und 

^'^^^^ an der Partie nichts Auffallendes. — Auch der Andere, der 20jährige S., war 



^'"'^ mts seit zwei Jahren der Polizei als Päderast bekannt. Er war ein sehr kräfti- 

^^-^ blonder, bartloser Mensch. Auffallend war das Glied wegen seiner ungewöhn- 

"^^^u Kleinheit, sonst aber, wie die Hoden, ganz normal beschaffen. Auch bei ihm 

^^■^ten sich die Hinterbacken dutenförmig nach dem After ein, aber die sternför- 

^^S'^n Falten waren bei dem jungen kräftigen Menschen nicht ganz geschwunden, 

^^'^ngleich sichtlich nur in geringem Maasse vorhanden. Der Schliessmuskel des 

M^Ts und der ganze Hintertheil war übrigens auch hier völlig normal. Ich nahm 



184 Päderastie. §. 27. Casuistik. 93. FaU. 

an : „dass der ganze körperliche Befund bei A. wie bei S. die Vennuthung begründe, 
dass Beide sich wiederholt der passiven Päderastie hingegeben hätten.** Sie wor- 
den verurtheilt. 

93. tili. Zwei Päderasten. Was ist widernatürliche Unzucht? 

Der 18 V4 jährige Arrestat B. ist körperlich kräftig entwickelt, hat stark ge- 
baute, kräftige Geschlechtstheile und einen Hinteren , dessen beide Backen fest an 
einander schliessen. 

Die AfteröfTnung ist ebenfalls Yollkommend schliessend, die sternförmigen Fal- 
ten um dieselbe sind nicht verstrichen, sondern wohl erhalten. Einrisse in die 
Schleimhaut, oder Narben solcher Einrisse sind nicht vorhanden. 

Hiemach sind objective Merkmale dafür, dass die Afteröffnung des B. fort- 
gesetzt und gewohnheitsmässig zur Einführung eines, harten, fremden Körpers (eri- 
girten männlichen Gliedes) benutzt worden sei, nicht vorhanden. Es schliesst dies 
nicht aus, dass event. eine einmalige oder seltener wiederholte, derartige Einfüh- 
rung stattgefunden habe, wie auch selbstverständlich die Vornahme anderer un- 
züchtiger Handlungen in der Gegend der Geschlechtstheile oder des Afters hiermit 
nicht ausgeschlossen ist. 

2) Der Arrestat B. (38 Jahre alt) ist ein blutarmer, in geringem Grade ver- 
wachsener, nur massig genährter, schlaff und träumerisch aussehender Mensch. 

Seine Geschlechtstheile sind seinem Alter entsprechend beschaffen, keineswegs 
schlaff zu nennen, auch ist die Form des männlichen Gliedes nicht verändert. Hin- 
terer und Afteröffnung sind normal beschaffen. 

Hiemach sind auch an diesem Exploraten Merkmale fortgesetzt getriebenen 
activer oder passiver Päderastie nicht wahrzunehmen , welcher Befund indess nicht 
ausschliesst. dass B. activ fortgesetzt, oder passiv in vereinzelten Fällen Päderastie 
getrieben hat. 

Im Audienztermine gab B. zu. dass er vielmals zwischen den Lenden des B., 
die er eingeölt habe, sich befriedigt habe, ohne jedoch eine Immissio in anum vor- 
genommen zu haben, während B. ihn beschuldigte, dies wiederholentlich versucht 
zu haben. Psychologisch interessant war, dass B. stets exculpirend angab, sie 
hätten sich gegenseitig in der Noth beigestanden, ihr Essen getheilt, er habe dem 
B. ein Chemisett machen lassen etc. Uebrigens hatte B. , wie er mir in der Vor- 
untersuchung angab, früher mit Weibem verkehrt, sei einmal angesteckt gewesen, 
habe aber schon seit geraumer Zeit den Umgang mit Weibem gemieden. 

In diesem Falle fragte der Richter, ob ich die angegebenen Manöver für wider- 
natürliche Unzucht halte. Ich führte aus, dass dies richterlichem Ermessen anheim 
gestellt bleiben müsse, dass aber, wenn ich nach meiner subjectiven Meinung gefragt 
wäre, ich den Begriff der widematürlichen Unzucht nicht auf die Immissio penis in 
anum beschränken und nicht begreifen könne, dass der Podex des Mannes allein 
der gesetzlich geschützte Ort sein solle, während die Unzucht nicht widematürlich 
sein solle, wenn derselbe Ort der Weiber, oder der Mund bei einem oder dem an- 
deren gebraucht sei. Die Beschränkung der widernatürlichen Unzucht auf die Ein- 
führung des Gliedes in den männlichen After widerstreite meinem moralischen, wie 
Rechtsgefühl. Der Gerichtshof verurtheilte beide Männer zu drei und einem Monat 
Gefängniss, 



Päderastie. §.27. Gaauistik. 94. — %. FaU. 185 

f4. Fall. Ein geständiger Päderast. 

Mit grosser Schaamlosigkeit hatte dieser junge Mensch eingestanden, sich 
förmlich der päderastischen Prostitution hingegeben zu haben, und ohne Hehl eine 
Reihe ?on — zum Theil sehr bekannten! — Männern Berlins als seine Genossen 
genannt. Ich fand in ihm einen 17jährigen, grossen, rothbackigen Burschen mit 
derber Musculatur und eben solchen Hinterbacken. Es war belehrend, daäs er, bei 
aller Offenheit, dabei blieb, dass ein förmliches Eindringen in anum niemals Statt 
gehabt habe. Auch fand ich weder am Schliessmuskel, noch an der Mastdarm- 
Öffnung irgend eine Abnormität. Aber sehr auffallend war auch bei diesem so kräf- 
tigen und jungen Mann die trichterartige Einsenkung der Nates und das gänzliche 
Fehlen der sternartigen Falten der Haut am Anus. Mein Urtheil war das des vori- 
gen Falles. Der gerichtliche Ausfall der Sache ist mir in diesem Falle nicht be- 
kannt geworden. 

f5. VftU. Active oder passive Päderastie. 

Der Angeschuldigte war ein Kellner in einem öffentlichen Vergnügungsiocale, 
der Denunciant ein Kanonier. Die Verbindungen dieser Leute waren nach den er- 
hobenen Ermittelungen und Zeugenaussagen sehr verdächtig. Denunciant hatte 
angegeben, dass der Kellner ihn im Thiergarten kennen gelernt, sich ihm vertrau- 
lich genähert, ihn gekilsst und ihn dann zu sich eingeladen gehabt habe, wo er 
ihm, unter Darreichung kleiner Geschenke, zuerst Digitum in anum immittirt (mir 
bis dahin unerhört!) und dann ihn päderastisch gemissbraucht habe. Angeschul- 
digter leugnete Alles. Es war ein unverheiratheter Mann, von 45 Jahren, mit 
schwarzer, in Locken gekräuselter Perrücke und von ziemlich gemeinem Aussehen. 
Das Glied war auffallend klein und retrahirt, aber in jeder Beziehung ganz normal, 
nichts weniger als canum more (Tardieu!) zugespitzt, auch wurde der Harn in 
ganz gewöhnlichem Strahl gelassen. Das Scrotum war gut entwickelt und die 
Hoden stark. Der Verdacht auf — wie so oft — gleichzeitig passiv getriebene 
Päderastie bedingte auch die Untersuchung der Posteriora: die Hinterbacken waren 
fett and gewölbt, doch zeigten sie nahe am After eine sichtliche, wenn auch gerin- 
gere Ausbuchtung oder dutenförmige Einsenkung. als ich sie in anderen Fällen 
gesehen, von sternförmigen Hautfalten am After war nichts zu sehen, der Schliess- 
muskel war etwas tief eingesenkt, aber fest geschlossen. Von Verletzungen, Hä- 
morrhoidalknoten u. dgl. keine Spur. Hiemach musste ich erklären, dass Zeichen 
activ getriebener Päderastie an dem Angeschuldigten, wie dergleichen überhaupt 
nicht existiren, nicht gefunden worden, wohl aber Befunde erhoben worden, die es 
nicht unwahrscheinlich machen, dass er sich der passiven Päderastie wiederholt 
hingegeben habe. 

M. Fall. Angebliche Päderastie. 

Der 40jährige Angeschuldigte war der Päderastie verdächtig. Er leugnete 
dieselbe und gab an, öfter mit Frauenzimmern den Beischlaf versucht, aber wogen 
Mangels an geschlechtlichem Turgor, und weil sein Glied in steifem Zustande unter 
der Eichel nach vom hakenförmig umgebogen sei, nicht zu Stande gekommen zu sein. 

Die örtliche Untersuchung ergiebt: 1. Einen Leistenbruch auf der rechten 
Seite. 2. Eine rosenkranzförmige Entartung des Vas deferens — Tuberculose der 
Nebenhoden — beiderseits. 3. Eine Hypospadie mittleren Grades, d. h. es ist die 



186 Päderastie. §. 27. Casuistik. 97. FaU. 

Harnröhrenmündung etwa 1 Zoll hinter der Eichel gelegen und von da ab eine Harn- 
röhre nicht weiter vorhanden, so dass die Eichel undurchbohrt ist und nar einen 
derselben entsprechenden Schlitz hat. Die Farbe der Rinne ist die der äusseren 
Haut, und scheint sich in diesem Schlitz eine flache Narbe zu befinden. Bemerkt 
soll noch werden, dass auch im schlaffen Zustande der Penis hinter der Eichel wink- 
lig geknickt erscheint und dadurch die in dieser Beziehung gemachte Angabe des 
Angeschuldigten, dass er nur selten Frauenzimmer besucht^ mit dem Beischlaf nicht 
zu Stande gekommen und sich genirt habe, an Glaubwürdigkeit gewinnt. Uebrigens 
ist der Penis an der Wurzel weniger umfangreich als an der Spitze. 4. Bemerkt 
man einen anscheinend syphilitischen Ausschlag, namentlich an der äusseren Fläche 
des linken Schenkels ein handtellergrosses Geschwür, dessen Ursprung wohl 3 Jahre 
zurückliegen kann , zu welcher Zeit der Angeschuldigte an Syphilis in der Charit^ 
behandelt worden sein will. 5. Die Aftergegend ist vollkommen normal bis auf 
einige Hämorrhoidalknoten. 

Aus obigem Befunde, sagte ich, folgt, dass Explorat anomal gebildete, äussere 
Geschlechtstheile und kranke, saamenausführende Organe hat. Erfahrungsgemäss 
hindert im Allgemeinen der hier stattfindende Grad der Vcrbildung und Krankheit 
nicht den Beischlaf, jedoch erscheint die Angabe des Exploraten mit Rücksicht auf 
die erwähnte Knickung seines Gliedes, dass er mit Ausübung des Beischlafs nicht 
zu Stande gekommen, nicht unglaubwürdig. 

Dafür, dass Explorat passiver Päderast sei, giebt die Untersuchung objective 
Anhaltspunkte nicht, womit selbstverständlich nicht ausgeschlossen, dass wohl ein 
oder mehrere Male eine Einführung eines männlichen Gliedes in seinen After statt- 
gefunden haben könnte. Dafür, dass er activer Päderast sei, sind objective Merk- 
male ebenfalls nicht vorhanden , und muss bemerkt werden , dass die Wissenschaft 
solche, welche dieses Laster bewiesen, überhaupt nicht besitzt. 

Vi. Ml. Kann ein Mann von einem Anderen mit Gewalt päderastisch 

gemissbraucht werden? 

Das auswärtige Gericht hatte mir mit den Acten wider Z. die Frage vorge- 
legt: „ob es möglich ist, dass auch dann eine Beischlafsvollziehung zwischen Män- 
nern in der Art, dass das männliche Glied des Einen in den After des Anderen ein- 
dringt und bis zum Saamenerguss darin verbleibt. Statt finden könne, wenn die 
Person , mit welcher in. dieser Art Unzucht getrieben wird , sich mit allen Kräften 
dagegen sträubt ?** 

Ich antwortete wie folgt: 

^Der Schlossergeselle H. aus Berlin denuncirte in etwas verhüllten Worten 
am 18. Februar v. J. den Rentier Z. in ***, dass ihm dieser, nachdem er ihn in 
Berlin kennen gelernt und ihn beredet habe, seinen Obsthandel aufzugeben und in 
seinen Dienst als Bedienter zu treten, nach einiger Zeit des Dienstes „„den Antrag 
gemacht habe'*^ und ihn durch Ränke, Vorspiegelungen und Weintrinken „„so 
weit gebracht'*'^ habe. „„Was er dann mit ihm gemacht"^, wisse er nicht, und 
da er das „„Versprochene^" nicht erhalten könne, „„bekenne er sich als reuiger 
Sünder" **. Weit freier und genauer deponirt er dagegen in seiner Vernehmung 
vom 1. Juni: „„Z. kam eines Abends, als ich von vielem Wein angetrunken war, 
in mein Bett, küsste mich heftig, und obgleich ich mich aus allen Kräften sträubte^ 
so gelang es ihm. als dem viel stärkeren Manne, doch, mich zu überwältigen und 
Päderastie mit mir zu treiben, d. h. er drang trotz meines Widerstrobens mit seinem 
männlichen Gliede in meinen After ein und stiess dort so, dass ich Schmerzen am 



PädBraslie. §. 27. 



iuistik. 



17. Fall. 



18 



I 
I 



Hutdann empfand, bin ond her, bis ihm der Saame abging."'' Vori^halten, nie 
unwahrscheinlich seine Angabe sei, dass wider seinen Willen und troti seines emst- 
licheo Straubens Z. habe zum Ziel gelangen können, verblieb er bei Seiner Aus- 
uge. hiniufügend. dass dies das Erste- and Einzigemal gewesen, dass er auf soiehe 
Weise gemiss braucht worden sei. In einer späteren Vernehmung, am 16. August pr. 
sagt« er: ,,Ich hatte tüchtig mit ihm getrunken and mich um 11 Uhi ins Bett ge- 
legt. Z. hat sich in meine Stube eingeschlichen und sich auf mich gelegt. Ich 
hab« ihn nicht abwerfen können, und er hat seine Wollust befriedigt und mich za 
Sobuden gemacht, indem er mir den Mastdarm zerstossen hat. Ich habe dabei 
auf dem Rücken gelegen. ''•' Dr. K. hat bei der Untersuchung des Körpers des H. 
keine Sporen am After oder sonst wahrgenommen, die auf eine Ver^wulliguog in 
unaitllicher Bedehuog hindeuten, namentlicb keine Erweiterung des ScbliossmuKkels 
and trichterförmige Verliefung. Diese Behauptung bestätigt Dr. J. nach seiner 
Untersuchung des H.* 

,Am 23. Juni pr. hat Denunciant einen Mordrersuch gegen Z. ausgeführt, 
angeblich weil seiner DenunriatioD kein Fortgang gegeben wurde und er sich in 
«einer Hoffnung auf Entscliädigung gelliuscht sah . und sein Benehmen . wie das 
spätere im Gefängniss. wo er sich höchst aufgeregt zeigt«, gab Veranlassung zur 
Prüfung seines Gemütbszustandes. Ich führe in dieser Beziehung hier nur an. dass 
nacheinander sowohl die Herren DDr. R. and ,1,, wie der Kr.-Phys. Dr. E. seine 
geistige Gesundheit und Zarechnungsfähigkeit zur Zeit des Mordversuchs ausser 
Zweifel gestellt haben. Diese Frage berührt aber den Unterzeichneten nicht, viel- 
nwbr nur die ihm vorgelegte, oben bereits bezeichnete." 

.üdber dieselbe hat sich bereits der genannte Dr. E. »u äussern gehabt. Der- 
selbe führt in seinem Gutachten vom 23. v. M. aus, dass er selbst keine Erfahrun- 
gen betreffend Päderastie besitze, und er benutzt deshalb da^enige, was der Unter- 
uichnete aus eigenen Beobachtungen in seinem Handbuch der gerichtlichen Medicin 
bekannt gemacht hat. Der Verfasser des Gutachtens parallelisirt die Päderastie 
mit der Hotbzucht und indem er. auf Grund meiner Beobachtungen und Behaup- 
!■ tangen, dass unter Umständen ein erwachsenes Frauenzimmer auch von einem Bin- 

^^^ nlnen Manne stuprirt werden könne, im Allgemeinen aus der Analogie die Möglich- 
^H keit zugiebt, dass auch ein Mann, selbst bei Widerstreben und Aufwand aller seiner 
^^P KiifU, von einem Manne paderastisch gemissbraucht werden könne, meint er doch 
Mbliesalich sich ausser Stande zu belinden, ein bestimmtes Urtheil über den con- 
Cteten Fall abzugeben. Bei dieser Unbestimnilbeit der Auslassung wurde auf An- 
trag der Königl. Staatsanwaltschaft mein Superarbitrium erfordert." 
^_ „Die uunatürliche Gescblechtsneigung. die den Mann zum Mann oder Knaben 

^^m kiuieht, wird in einer grossen, vielleicht der Hehrzahl von Fällen keineswegs 
^^M immer anf die bekannte ekelhafte, beisohlafsähn liehe Weise befriedigt. Vielmehr 
^^1 btgliiigt sich eine grosse Zahl dieser Männer mit einseitigen oder gegenseitigen. 
^^B ounistischen Reizungen, oder mit unzüchtigen Berührungen des Körpers, namenl- 
^H iKtt allerdmgs des Bintertheils, des passiven Thoils bis zur SaumenentJeerung. wie 
^^B in anderen Fällen der Mann bei solcher unbegreiflichen, geschlechtlichen Verirrung 
^^m neb darin gefällt, bald eine active, bald eine passive Rolle zu spielen. Auf weitere 
^^H Einielheiten einzugehen, zu schildern, wie dergleichen Männer sich weibliche Namen 
^^H n geben lieben, auch wohl in ibren geheimsten Vereinigungen sich gern in Weiber- 
^^P kkiider stecken n. s. w., kann nicht der Zweck dieses Gutachtens sein. Wohl aber 
^H bilte ich es für nicht unerheblich, hier annufübren, dass meines Wissens in solchen 
^B Fällen, wo eine wirkliche Beischlalsvollziehung per anum vom l'aderasten zur Bo- 
^B Medigong gefordert wird, e ige nthüm liehe Erleichterongsmittel des nicht ganz leicht 



188 Päderastie. §. 27. Casuistik. 97. Fall. 

zu Yollziehenden Aktes angewandt zu werden pflegen, die theils dazu dienen, den 
Widerstand der Bauchpresse, theils den des Afterschliessmuskels zu verringern, 
theils den Eingang des männlichen Gliedes in den Mastdarm zu erleichtem , theils 
endlich das Durchreiben an den gemissbrauchten Körpertheilen zu verhüten. Schon 
hieraus geht hervor, dass die vom Kr.-Phys. Dr. E. herangezogene Analogie der 
Päderastie mit der Kothzucht für nicht ganz zutreffend erachtet werden kann. Denn, 
abgesehen von der gesellschaftlichen und sittlichen Stellung des Weibes im Ver- 
gleich zu der des Mannes, wonach in solchen Momenten Furcht, Schreck, Schaam, 
Bestürzung sie leichter wehrlos machen kann, als den Mann, so bietet schon der 
anatomische Bau der beiderseitigen, hier in Betracht kommenden Körpertheile die 
grössten Verschiedenheiten dar. Die weibliche Scheide, von. der Natur zur Voll- 
ziehung des Zeugangsactes bestimmt, ist ein viel weiterer Canal, als der Mastdarm 
und stellt dem Beischlafsact kein Hindemiss entgegen, als welches bei der Jungfrau 
das den Eingang noch sperrende Hymen nicht gelten kann, da dasselbe sogleich bei 
der Defloration, und in der Mehrzahl der Fälle leicht, zerstört wird. Der Mastdarm 
dagegen ist am After durch einen Schliessmuskel verschlossen, der jedem von aussen 
eindringenden Körper, selbst einem dünneren, wie dem Rohr der Klystirspritze oder 
dem Bougie des untersuchenden Arztes, mehr noch dessen Finger, und weit mehr 
noch dem erigirten, männlichen Gliede des Päderasten einen energischen Wider- 
stand entgegenstellt. Es geht hieraus hervor, wie mannigfache Bedingungen zu- 
sammentreffen müssen, damit eine wirkliche, vollständige Immission des Gliedes in 
anum und ein bis zum Ziel getriebener Coitus — H. behauptet, dass dies der Fall 
gewesen, und dass Z. ihm den „„Mastdarm zerstossen ^ ** habe — gelingen könne. 
Schon ohne Anwendung eines der oben angedeuteten Erleichterungsmittel, weit 
mehr aber noch, wenn dann obenein der zu Bewältigende durch innere oder äussere 
Muskelaction sich geg(in den Angriff wehrt, z. B. durch kräftiges Zusammenziehen 
des Afterschliessmuskels, durch Aneinanderpressen der Hinterbacken, geschweige 
durch Zuhülfenahme seiner Extremitäten u. s. w. „„sich mit allen Kräften 
gegen den Angriff sträubt^**, wie die obige Frage lautet, wird es einem ein- 
zelnen Manne unmöglich sein, zum Ziele zu gelangen und einen wirklichen Bei- 
schlafsact der beregten Art zu vollziehen.^ 

„Wenn ich keinen Anstand nehme, dies als allgemein gültigen Satz aufzu- 
stellen, so folgt aus demselben von selbst, dass auch der concrete Fall danach zu 
beurtheilen sein würde. Derselbe bietet aber noch sehr beachtenswerthe Momente 
dar. die das Urtheil noch mehr erleichtern. Wenn zunächst es begründet sein 
sollte, dass der Rentier Z. in dem Verdacht päderastischer Neigungen steht, wie H. 
behauptet, so würde, nach dem, wa^ ich oben über diese Männer angeführt, es sich 
zuvörderst fragen: ob er wirklich so zu sagen mechanische Päderastie treibe oder 
nicht, in welchem letzteren Falle die Anschuldigung des H. in Nichts zerfiele, was 
ich jedoch ganz auf sich beruhen lasse, als nicht strenge mein Gebiet berührend. 
Unterlassen aber kann ich nicht , darauf aufmerksam zu machen , wie auffallend 
schwankend H. in seinen Aussagen sich gezeigt hat, und wie er von anfänglichen, 
ganz unbestimmten Andeutungen, wie oben angeführt, sich endlich zu dem Climax 
des ^„ganz zerstossenen Mastdarms'"* und der „„zur Schande gewordenen Gesund- 
heif"* gesteigert hat. während doch nicht einzusehen, wanim er mit der Anzeige 
so schwerer Nachtheile bei seinen Denunciationen so lange gezögert hat. Und hier 
muss ich den Denuncianten offenbarer Unwahrheiten beschuldigen. Selbst wenn 
ich zugeben wollte, was von einigen Seiten behauptet, von mir aber in zahlreichen, 
betreffenden Fällen niemals beobachtet worden . dass durch Coitus per anum der 
Mastdarm verletzt oder entzündlich gereizt und in Geschwürsbildung versetzt wer- 



fl Päderastie. §. 27. Casuistik. 07. u. 98. Fall, 
iiöglicli z 



18! 



ite, so ist es dücli als uniiiögliclj zu erauhlen, ilass solche Folgen von eineai 
nor einmaligen Acte, wie er liier nur in Rede steht, ontslehon küunteii, aus wel- 
cbuu Gruude das Felüeu der Zeichen am Körper des H. nach den ärztlichen Berich- 
Un auch Nichts heweisen kann. Noch entschiedener wo möglich ist die Aiigahe 
des II. zurückzuweisen, duss durch eine solche eiumjitii;e Brutalität die allgemeine 
(tesuudbeil dauernd zerstört werden könne, was wohl keiner weiteren, sachrerstan- 
digen Erörterung bedarf. Männer aus meiner eigenen, amtlichen Beobachtung, die 
sich Jahre lang passiver Päderastie als sog. Kynäden hingegeben hatten, haben 
dadorcb nicht die geringste Beeinträchtigung ihrer Gesundheit erlitten. - 

, llervonu heben ist femer die unglaubwürdige Aussage des II. im Verhör vom 
16. August pr., wonach Z. ihn im Bett überfallen und sich auf ihn gelegt habe 
D. s. w. Man inüsste hiernach annehmen, dass er sich auf den Bauch gelegt 
habe, um einzuschlafen! Wenn er aber — olTenbar auf die sehr natarliche Frage 
lies Untersuchungsrichters — hinüufügt- dass er „^dabei auf dem Racken ge- 
feg»ii habe'', so wird seine Aussage vollkommen unglaubwürdig. Denn nachdem, 
v»s oben über die Schwierigkeit dieser unnatürlichen Beischlafsvollziehung ange- 
i&lin worden, ist eine Möglichkeit, wie Z. bei dieser Lage 'des U. ihn habe so 
Biüabraucben können, wie er liehauplet, in keiner Weise anzunehmen." 

«Ich habe endlich noch eines erheblichen Momentes zu erwähnen, das bei 

Vergewaltigungen durch Nothzucht, wie durch Päderastie sehr bedeutend ins Qe- 

ichl fallt, ich meine die respectiven Körperkräfte der beiden TheJle. H. nennt 

cwar einmal den p. p. Z. im Vergleich zu sich den ^o^'^' stärkereu Mann"", die 

klUCB ergeben aber Nichts, was dieses tirtbeil begründen könnt«. Wohl aber sagen 

■wölben, dass H., von dem nirgends bemerkt ist, dass er krank oder kränklich sei, 

Zeit 29, Z. aber (>7 Jahre alt war, wobei ich des Letzteren Angabe über seine 

►«chwächt« Gesundheit ganz dahin gestellt sein lasse. Iliemaoh war im Allge- 

biuen unzweifelhaft die Kraft zum Widerstand grosser, als die zum Angriff, und 

sabsumirt sich der concret TorUegende Fall durchaus unter die oben aufgestellte, 

f^nieiiie Kegel. Hiernach beantworte ich schliesslich die mir vorgelegte Frage 

*in : dass es nicht möglich ist, dass auch dann eine Beischlafsvollziehung zwi- 

>Ofi Uäanern in der Art, dass das männliche Glied des Einen in den After des 

dercQ eindringt und bis zum Saamenergusa darin verweilt. Statt linden könne, 

'ui die Person, mit welcher ui dieser Art Unzucht getrieben wird, sich mit allen 

'ften dagegen sträubt." 



m. KM. Er/wu 



e Pädej 



Ganz anders verhielt sich der Befund im folgenden Falle, denn es war eine 
^ ^V' ehrlos mach u Dg verbundene Nothzucht am männlichen Subject, und die Uuter- 
-ntang konnte auf frischer That oder sehr bald darauf geschehen. Der Sljälirige 
i^>«nie X. war. weil er die Liebe squälereieu seines Herrn und die körperlichen 
^uilfion nicht langer ertrugen wollte, eines Morgens, nachdem derselbe ihn auf 
"* B«U gezogen und angeblich gemissbraucht halt« — seine Angaben betrelTend 
B Uiitslände von der That und den dazu benutzten Appa at hab ch bei der 
^**R&Mchnng bestätigt — schnurstracks zum Polizeibeamt o g laulen der mir den 
"^«U Mann augenblicklich zurührtu. Ich fand in diesem Fall kl inen, zwei 

^***'*n tiefen Einriss in den Sphincter ani linkerseita uni d g öphincler ge- 

Wttl imj schmerzhaft für die llerührung. Im Uebrige « b il ormes am 

***p«r wolin.iinelimen. 



190 Päderastie. §.27. Casuisiik. 99. u. 100. Fall. 

ff« VftU. Erzwungene Päderastie. 

Dieser betraf einen 16jährigen Knaben, der aber körperlich und geistig nur 
die Entwicklung eines 12jährigen Kindes zeigte. Derselbe war von dem Stuben- 
maler X. überredet worden, die Nacht mit ihm im Bette zuzubringen, und bei dieser 
Gelegenheit ge missbraucht worden. Der Angeschuldigte hatte, nach der Angabe 
des Knaben, ^seine Schaam ihm hinten eingebohrt, wobei er nass geworden'*, und 
es waren danach Schmerzen beim Gehen und beim Stuhlgang entstanden. Am 
fünften Tage nach jener Nacht untersuchte ich den Knaben. Derselbe zeigte sehr 
deutlich ein Klaffen der Nates und eine dutenförmige Einsenkung nach dem After, 
wichtiger aber war ein frischer, zwei Linien langer Einriss rechts in die Haut dicht 
am After, der etwas eiterte. Zwei kleine, blaue, gefüllte Venensäckchen , die Tor 
dem After lagen, mussten bei dem kleinen Knaben auffallen. Der Schliessmuskel 
war unverletzt und der After normal geschlossen. Aber die Untersuchung war dem 
Knaben sehr schmerzhaft und seine Angäbe , dass er noch jetzt (nach fünf Tagen) 
sehr starken Schmerz bei der Ausleerung fühle, um so glaubhafter, als ein Versuch 
bei meiner Exploration, den Mastdarm hervorpressen zu lassen, sogleich heftigen 
Schmerz bis zum Weinen verursachte. Unser Urtheil ging dahin: dass der Unter- 
suchungsbefund Thatsachen geliefert habe, welche die Anschuldigung unterstützten. 

199. VftU. Päderastische Nothzucht mit Verstümmelung und 

Mordversuch. 

Der furchtbare, sich dem im folgenden Bande (s. Ertrinkungstod) mitzuthei- 
lenden päderastischen Attentat gegen den Knaben Corny anschliessende Notb- 
zuchtsact gegen den 5jährigen Knaben Handtke, als dessen Urheber der etc. 
V. Zastrow verurtheilt wurde, über dessen Zurechnungsfähigkeit wir ebenfalls 
weiter unten ein Gutachten mittheilen werden, ist einzig in seiner Art dastehend, 
und finden wir nur bei Tardieu eine von zwei Thätern verübte, derartige Schand- 
that berichtet. 

Nachdem am 17. Januar Nachmittags das Verbrechen verübt war, hatten wir 
am 19. den Knaben zu untersuchen und wiederholten, da am genannten Tage die 
Untersuchung wegen lebensgefährlicher Erkrankung des Knaben nur oberflächlich 
sein konnte, dieselbe am 27. und 28., nach welcher wir, wie folgt, berichteten: 

Wir fanden den fünfjährigen Knaben stark fiebernd mit ausgebreitetem Bron- 
chialcatarrh und drohenden Erscheinungen einer Bauchfellentzündung bei unserem 
ersten Besuch, welche Krankheitserscheinungen bei dem zweiten an Intensität er- 
heblich nachgelassen hatten. 

Verletzungen fanden sich am After, am männlichen Gliede, im Gesicht und 
am Halse. 

1. Am After befinden sich im Ganzen vier Verletzungen. Zunächst eine 
grosse, klaffende Wunde nach vorn zu, etwas nach links neben der Dammleiste 
(Raphe). Hier ist die Haut und der ganze Schliessmuskel des Afters durchrissen 
in ungleichen Rändern, und erstreckt sich die Wunde einen halben Zoll in das 
Mittelfleisch hinein, der Art. dass etwa der dritte Theil des Dammes, d. h. die zwi- 
schen Ansatz des Hodensackes bis zum After hin gelegene Stelle interessirt ist. Oh 
hier, eventuell wie weit auch der untere Theil des Mastdarmes eingerissen, haben 
wir unsererseits nicht festgestellt, weil, nachdem die behandelnden Aerzte mehr- 
fache Untersuchungen schon vorgenommen, wir durch erneutes Eingehen mit dem 
Finger die Wunde nicht reizen und dem Kinde nicht Schmerzen bereiten wollten. 



Päderastie. §. 27. Casaistik. 100, Fall. 191 

Die Wände klaffte fast einen halben Zoll weit, und eiterten die Wandflächen stark. 
Es stellt diese Wunde eine nach vorn hin spitz zulaufende und bedeutende Erwei- 
terung der Afteröffnung zu einer Höhle dar. Durch sie vornehmlich ist die Func- 
tion des Sohliessmuskels des Afters aufgehoben, so dass die Kothmassen nicht auf- 
gehalten werden können. 

Ausserdem befinden sich am After noch drei kleinere und seichtere Verletzun- 
gen, welche die Haut und die oberflächlichen Schichten des Schliessmuskels betref- 
fen. Zwei von ihnen beginnen im hinteren Umfang der Afteröffnung und verlaufen 
divergirend gegen das Steissbein zu. Die dritte liegt zwischen diesen und der vor- 
deren, grossen Wunde und verläuft quer gegen den Sitzknorren hin. Sie sind drei 
bis vier Linien lang, ihre Ränder erscheinen ziemlich glatt und eitern stark. Das 
ganze Mittelfleisch bis zum Gliede hin ist geschwollen. 

Die beschriebenen Verletzungen setzen eine gegen die Afteröffnung stumpf 
wirkende Gewalt voraus, durch welche der Schliessmuskel ein- und durchgerissen 
worden ist. 

Während die drei letztgenannten Verletzungen wohl lediglich durch das Ein- 
dringen eines männlichen Gliedes eines erwachsenen Mannes erzeugt sein können, 
ist dies von der ersteren Verletzung nicht füglich anzunehmen, weil der Schliess- 
muskel dehnbar ist. 

Wohl aber kann sehr füglich diese erstere Verletzung hervorgerufen sein durch 
gewaltsames Auseinanderreissen der beiden Hinterbacken in der Grena ani, um auf 
diese Weise das Eindringen des männlichen Gliedes zu erleichtem. 

Es erklärt diese Annahme zugleich den Umstand, dass an dem inneren Vor- 
hautblatt des angeschuldigten v. Z. Einrisse nicht vorgefunden wurden, die bei der 
Eo^ seiner Vorhaut, und wenn sein Glied den Weg sich hätte bahnen müssen, 
nmtlunaasslich entstanden sein würden. 

Diese Verletzung allein constituirt jedenfalls eine erhebliche im Sinne des 
§• 192a. (Pr.St.), ganz abgesehen von dem längeren Krankenlager, wegen der jeden- 
falls lange Zeit hindurch währenden Incontinenz der Kothmassen. Bei einer dauem- 
^^ Incontinenz aber, welche vorab noch nicht zu entscheiden ist, würde sie auch 
^ «ine Verstümmelung im Sinne des §. 193. aufgefasst werden können. 

2. Am männlichen Gliede des Kindes fanden wir die Vorhaut frisch und zwar 
™ter der Eichel getrennt. Es waren beide Blätter der Vorhaut von der Verletzung 
*^^roffen und das Zellgewebe einige Linien hinter der Eichel bis auf die schwam- 
™*€^ii, den Penis constituirenden Körper blossgelegt. Die Ränder der Wunde er- 
schieu^jj scharf, zu beiden Seiten befand sich je ein kleiner Zacken. 

Wir erklären uns nach mehrfacher und reiflicher Erwägung diese Verletzung 
^*^urcii am ungezwungensten entstanden, dass die Vorhaut weit hervorgezogen 
^^ itind hemm getrennt worden, und dann der Rest derselben gewaltsam hinter 
™ Hlichel zurückgezogen worden ist, um diese gänzlich frei zu legen. Diese Ver- 
»tmun^ wird voraussichtlich einen bleibenden Nachtheil nicht haben. 

3. Die Verletzungen im Gesicht bestehen in einer Anzahl von Hautabschür- 
lUQ^ii (welche durch eine Photographie versinnlicht wurden) und in einigen ande- 
'•^^ auf welche wir bei Besprechung der Verletzung am Halse zurückkommen. 

Ausser einigen linsen- bis erbsengrossen Hautabschürfungen, einer auf der lin- 

w^ VTange, finden sich nämlich eine Anzahl kreisförmig gestellter, linsengrosser, 

»•^lieber Hautabschürfungen seitlich vom Munde auf der linken Wange. Der durch 

Ai^Sftlben gebildete Kreis hat P g Zoll Horizontal-, 1 Vj Zoll Vertical-Durchmesser. 

Die Stellung und Form dieser Hautabschürfungen machen es höchst wahr- 

sCuelnlich, dass dieselben durch Biss erzeugt sind. Diese Wahrscheinlichkeit wird 



192 Päderastie. §. 27. Casuistik. 100. Fall. 

erhöht dadurch, dass der ganze, von ihnen umschlossene Kreis zur Zeit unserer 
ersten Untersuchung ein leicht geschwollenes, zur Zeit der zweiten Untersuchung 
ein bläulich gefärbtes, sugiilirtes Ansehen hatte, wie dies durch heftiges Saugen 
sehr füglich erzeugt sein kann, und wie man Aehnliches, nur viel stärker und deut- 
licher, nach Application eines Schröpfkopfes beobachtet. 

Es sind auf der Photographie' sehr deutlich zunächst dem Mundwinkel drei 
Eindrücke zu sehen, von denen drei Ausläufer auf die Wange des Kindes hingehen, 
die beiden unteren sind nur oberflächlich, während der obere tiefer in das Unter- 
hautzellgewebe hineingeht. 

Nimmt man an, dass diese drei Verletzungen den oberen drei Zähnen des Z. 
entsprechen, so würden die sieben unteren Verletzungen den sieben unteren Zähnen 
desselben entsprechen. 

Dass bei Z. der grössere Zahn auf der linken Seite sich befindet, bei dem Kna- 
ben rechts die tiefere Furche zu sehen, widerspricht der Annahme, dass die Schram- 
men durch die drei oberen Schneidezähne entstanden, nicht, weil die Zähne nicht 
rechtwinklig auf die Backe gewirkt zu haben brauchen, bei einer Einwirkung aber 
in einem spitzen Winkel, so dass die rechte Backe Z.'s sich nahe der linken Backe 
des Knaben befunden hat, sehr füglich der am meisten nach rechts stehende Zahn 
Z.'s tiefer gegriffen haben kann, als der längere, nach links stehende. Auch der 
Umstand widerspricht der Annahme nicht, dass die Lücken zwischen den Marken 
auf der Backe des Kindes an einzelnen Stellen grösser erscheinen, als die Lücken 
zwischen den Zähnen Z.'s, weil ja selbstverständlich während des Saugens die Pe- 
ripherie des Kreises auf der Backe eine kleinere gewesen, als sie jetzt erscheint. 

Wir wollen indess nicht mit apodictischer Gewissheit aussprechen, dass die 
Verletzungen gerade durch die entsprechenden Zähne in dieser Weise erzeugt seien, 
ohne dass wir deshalb die Meinung aufzugeben vermögen, dass sie überhaupt 
durch Biss entstanden seien. 

Auch die oberhalb dieser Verletzungen befindlichen Hautabschürfungen auf 
der linken Wange können diesen Ursprung haben. 

Nimmt man an. dass der Angeschuldigte sich hinter dem Knaben, der etwa 
über einen Gegenstand gelagert war, befunden habe, so würde er sehr füglich auf 
diese Weise den Mastdarmschliessmuskel mit den Händen haben zerreissen, den Pe- 
nis immittiren und gleichzeitig sich vornüberbeugend von links her mit seinem Munde 
die linke Wangengegend des Knaben haben erreichen und in der Weise , wie die 
Photographie es versinnlicht, an der bezeichneten Stelle haben saugen resp. beissen 
können. Gerade dann würde der rechte obere Schneidezahn im spitzen Winkel auf 
die Wange haben auffallen können. 

Ebenso würde dies auch möglich sein, wenn der Knabe etwa auf dem Schoosse 
des Thäters in reitender Stellung, den Kopf nach ihm zugewendet, sich befanden 
hatte. 

Wenn der Knabe in dieser Stellung den Kopf nach seiner rechten Seite ge- 
wendet, der Angeschuldigte sich selbst, und den Kopf nach links beugend, zu ihm 
herunter gebeugt hat, so war er auch so im Stande, mit seinen oberen Zähnen die 
bezeichnete Stelle in der Gegend des Mundwinkels des Knaben zu treffen. 

Dass in der That eine der beiden Stellungen stattgefunden haben müsse, kön- 
nen wir nicht behaupten. Wir erwägen sie nur, weil sie vor allen die natürlichsten 
erscheinen. 

Ob die Manipulationen am Gliede des Knaben diesen beiden Verletzungen ge- 
folgt, oder ihnen voraufgegangen sind, vermögen wir aus dem objectiven Befunde 
nicht zu sagen. 



Päderastie. §. 27. Casuistik. 100. Fall. 193 

4. Am Halse des Knaben fanden wir eine Strangmarke. Dieselbe verlief über 
den Kehlkopf und stieg beiderseitig nach hinten schnäg auf in der Richtung des 
Haaransatzes. Vom hatte die Marke eine gelbliche Färbung, rochterseits war ihr 
oberer Rand ecchjrmosirt, zum Theil fanden sich in derselben punktförmige Blut- 
austretungen, mehrfach war zu beiden Seiten die Marke excoriirt. Ihre Breite be- 
trog ' 2 Zoll. 

Diese Marke entspricht dem uns durch die Polizeibehörde vorgezeigten, baum- 
wollenen Tuch, welches zusammengedreht um den Hals des Knaben gefunden wurde. 
Als Effect der Strangulation ist eine Ecchymosirung beider Augenbindehäute 
in den äusseren Augenwinkeln anzusehen, welche wir wahrnahmen. Auf Rechnung 
ihr Strangulation fällt auch eine Gruppe kleiner, stecknadelspitzengrosser Blutaus- 
tretungen unter der Stimhaut, gerade in deren Mitte. 

Es fand sich noch eine Blutunterlaufung an der Spitze der linken Ohrmuschel, 
für welche wir eine bestimmte, mit den in Rede stehenden Handlungen zusammen- 
gehörige Deutung nicht haben. Sie kann, wie auch die an derStim, durchscheuern 
an einen Gegenstand entstanden sein. 

Es ist anzunehmen, dass die Strangulation nach dem päderastischen Angriff, 
denn als solchen characterisiren sich die sub 1., 2. und 3. beschriebenen Verletzun- 
gen, gefolgt sei, weil anderweitig schon während des Actes die Erstickung des Kin- 
<ies gefolgt sein würde, da, nach den Wirkungen der Strangulirung zu urtheilen, 
diese eine das Leben des Kindes bedrohende gewesen sein muss. Andernfalls müsste 
dAs Tuch schon vor Beginn des päderastischen Actes, resp. sehr bald wieder ge- 
lockert worden sein. 

Was den Angeschuldigten betrifft, so hatten wir denselben am 20. Januar zu 
untersuchen und fanden an dem Körper des 51jährigen Mannes, namentlich an seinen 
ffänden, keine Verletzungen. 

Das männliche Glied erschien für die Grösse des Exploraten von circa 6 Fuss 

etwas klein, jedoch sind die Dimensionen desselben keineswegs aufTdllig klein zu 

nennen. Es hat ungefähr eine Länge von 2ZoU und ist in seiner Mitte etwa V4Z0II 

dick^ Auffallend war uns eine schnelle Zuspitzung (Verjüngung) der Eichel von 

deren Grunde zur Spitze hin. Diese ist nicht blosszulegen, da sie von der Vorhaut 

bedeekt und diese wegen Enge ihrer vorderen Oeffnung, ohne übermässig lang zu 

^^•1, nicht zurückzustreifen ist. Man kann, indem man sie zumckzuziehen versucht, 

et-wi^ nur 2 Linien der Eichelspitze sichtbar machen. Das innere Blatt der Vorhaut 

ist riicht verletzt. Zwischen Eichel und Vorhaut war etwas von der Schleimhaut 

*^g"^sondertes Smegma sichtbar. — Der Habitus des Gliedes ist nicht übermässig 

^^^l^-ff, wie auch ausgedehnte Venen am Gliede so wenig, als am relativ kleinen 

^ß<i schlaffen Hodensack nicht wahrzunehmen waren. — Die Aftergegend bietet 

^^^^^^^t:« Auffallendes, noch Abnormes dar. — Die Hinterbacken sind nicht übermäs- 

^^S" Entwickelt, die Crena ani schliesst der Art, dass beide Backen sich berühren, 

verki-^ Explorat vornübergebeugt steht; eine dutenförmige Einsenkung derselben nach 

<löiri. ^fter hin, ein Offenstehen des Schliessmuskels, wie auch ein Verstrichensein 

rte»r IT'alten um den After herum haben wir nicht wahrgenommen. Die Aftermün- 

<i^Tig und deren Umgegend war etwas mit Koth besudelt. 

In psychologischer Beziehung bemerken wir, dass Explorat sich mit einer ge- 
"^J^&s^^ Bereitwilligkeit der Untersuchung unterzog und nach derselben seine Un- 
sci^xild betheuerte. 

Aus vorstehenden Befunden ergiebt sich, dass solche Zeichen, welche habituelle, 

V^sive Päderastie objectiv nachweisen lassen, bei dem Exploraten nicht vorhanden 

^^^^ und dass auch solche Zeichen, welche active Päderastie beweisen, nicht wahr- 

^«tper>LimaD. Gerichtl. Med. 7. Aufl. T. ^^ 



194 Päderastie. §. 27. Casuistik. 100. u. 101. Fall. 

genommen sind. Was letztere betrifft, so sind die von den Schriftstellern, auch den 
neuesten, angegebenen Zeichen, hergenommen von der Conformation des Penis, nicht 
zweifelfrei, so dass in der Mehrzahl der Fälle selbst habituelle, active Päderastie 
sicliere Erkennungszeichen nicht zurücklassen dürfte. Was erstere betrifft, so 
schliesst das Fehlen der für die Erkennung passiver Päderastie geltend gemachten 
Zeichen nicht aus, dass dennoch solche ausgeübt worden sei, da erst bei vielfach 
wiederholtem Verkehr sie sich einstellen sollen. 

Wir haben ausserdem für nothwendig erachtet, den Mund des Z. hinsichtlich 
der Stellung und Bildung seiner Zahne zu untersuchen. 

Im Oberkiefer befinden sich drei Schneidezähne, welche noch eine schadhafte 
und dadurch scharfkantige Krone haben, nämlich die beiden mittleren und der linke 
Schneidezahn. Letzterer überragt an Länge die beiden mittleren. Sämmtliche 
übrigen Zähne sind Stümpfe, von denen einige das Zahnfleisch nicht oder nur sehr 
wenig überragen. 

Im Unterkiefer befinden sich nebeneinander sieben Zähne, und zwar in der 
Mitte die vier Schneidezähne, an der linken Seite daneben der Eckzahn und erste 
Backzahn, an der rechten der Eckzahn. Diese Zähne sind geeignet zum Beissen, 
die übrigen Zähne bilden Stümpfe, welche die Kronen verloren haben, und die das 
Zahnfleisch gar nicht oder nur in kleinen Spitzen überragen. 

IM. ¥M, Von einem Knaben an einem Knaben erzwungene Päderastie. 
Saamenfädchen. Zeugungsfähigkeit des Knaben. 

Mit Beseitigung anderer Fälle muss ich noch den folgenden, ungemein lehr- 
reichen anführen, weil er eine ungewöhnliche, gerichtsärztliche Beweisherstellung 
für das Verbrechen lieferte und insofern ganz neu war. Ich war von einem frem- 
den Schwurgericht mit der Ermittelung beauftragt. Eine Bäuerin hatte einen vier- 
zehn und ein halb Jahre alten Bauerburschen angeschuldigt, ihren achtjährigen 
Sohn gegen das Versprechen eines Butterbrodes verführt und päderastisch auf dem 
Felde gemissbraucht zu haben, nachdem sie Verletzungen am After des Kindes wahr- 
genommen hatte. Der Knabe schob diese auf einen Ritt auf einer Kuh, der auch 
erwiesen wurde. Ich fand an beiden Nates, dicht am After, zwei ganz gleiche, wall- 
nussgrosse, abgeschundene, aber bereits trockene, rothbraune, schmerzhafte Stellen, 
im Uebrigen After und alle andern Theile vollkommen normal. Es war in der That 
kaum anzunehmen, dass diese Excoriationen von einer Action eines männlichen Glie- 
des hätten herrühren können, während ihre Entstehung durch einen Ritt auf der 
Kuh (im August, bei einer Bekleidung mit linnenen Hosen) viel erklärlicher war. 
Der angeschuldigte Bursche läugnete Alles. Aber — an dem später in Beschlag 
genommenen Hemde des Kindes fand ich, und zwar an dem unteren Theile der 
Hinterseite, ganz deutliche, anscheinende Saamenilecke, und die (sechszehn Tage 
nach dem Vorfall ausgeführte) microscopische Untersuchung zeigte deutlich wohl- 
erhaltene Saamenfädchen. In Ei*wägung nun, dass das Kind erst acht Jahre alt, 
folglich eine Saamenboreitung bei ihm noch nicht anzunehmen war, musste mit Be- 
stimmtheit die Quelle dieser Flecke in einem älteren männlichen Subjecte gesucht 
werden; in Erwägung ferner der Stelle, an welcher dieselben gefunden wurden, 
naiim ich keinen Anstand, mit Gewissheit eine gegen den Knaben verübte, päxJe- 
rastische Unzucht zu behaupten. Einen Monat später hatte ich den Angeschuldigten 
im Gefängniss zu exploriren; ich fand einen kräftigen, musculösen, starkknochigen 
Burschen von oben angegebenem Alter, der allerdings noch keinen Bartwuchs, keine 
ausgebildete männliche Stimme und keine Haare am Schaamberg hatte, sehr bemer- 



Päderastie. §.27. Casuistik. 102. — 104. Fall. 195 

kenswerth für den vorliegenden Fall! Das männliche Glied hatte die gewöhnlichen 
Dimensionen dieses Alters, aber die Hoden, noch von geringer Grösse, lagen nicht 
im Scrotum, sondern dicht vor dem Bauchring*). Der Bursche räumte ein, zu Zeiten 
Erectionen gehabt zu haben. Es handelte sich meines Erachtens nur darum, zu be- 
stimmen, ob bei demselben bereits eine Saamenbereitung und der Drang, den Saa- 
naen zu ejaculiren, angenommen werden könne, und ich bejahte beides, wobei ich 
natürlich jede Behauptung der von ihm ausgeführten vorliegenden Schandthat zu- 
rückhielt. Er wurde indess überführt und verurtheilt. — Es ist einleuchtend, dass 
der Befund von Saamenfädchen im hinteren Theile des Hemdes eines schon saamen- 
b^reitungsfähigen Menschen im streitigen derartigen Falle keinen Beweis liefern 
Iconnte. Das Eingetretensein der Thatsache bei diesem Kinde macht den Fall so 
lehrreich für etwaige ähnlich vorkommende. 

IM. mki 193. VftlL Masturbatorische Reizungen bei Knaben und 

Mädchen. 

102) Diese hatte der Portier F. an fünf Knaben lange und auf die furcht- 
b^tJTste Weise taglich wiederholt verübt, wobei er selbst ganz un betheiligt blieb! 
Auffallend war der wirkliche Affenschädel des Angeschuldigten , mit ganz flacher 
Szim und prominirenden Jochbeinen und Oberkiefern. Ich hatte vor den Geschwor- 
nen nur über die gesundheitsschädlichen Folgen dieser Misshandlungen zu entschei- 
den. F. wurde zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurtheilt. 

103) Es schliesst sich hieran der Fall des 38jährigen Buchhändlergehülfen S., 
"welcKer lange Jahre hindurch Knaben an sich zog, mit ihnen Spaziergänge machte, 
sie in Badestuben mitnahm und hier unzüchtige Handlungen mit ihnen trieb, die 
^'^sstentheils auf onanistische Reizungen hinausliefen , wobei er jedoch, auch als 
P^^siver Päderast sie benutzte und während eines solchen Aktes sich manustuprirte. 
■^^^er-e Scheusslichkeiten niederzuschreiben, sträubt sich meine Feder. Diesen Mann 
**** ich im Gefängniss. Er beweinte sein „Unglück^. Mit 17 Jahre zur Onanie 
Terftiljrt, will er durch die Leetüre der Alten zur Päderastie gekommen sein. Er 
hatte sein letztes „Verhältnisse zu lösen beabsichtigt, weil er sich verheirathet 
"*^>^- Ein Mädchen will er niemals berührt haben, weil er keine Neigung zu 
"^^enzimmern empfunden, auch seine Frau, mit der er seit einem halben Jahre 
verheirathet, habe er niemals berührt. Er habe gehofft, dass dies nach Auflösung 
seines Verhältnisses werde geschehen können, doch habe er sich geschämt, ihr seine 
^^'^'^öde zu gestehen, da „es nicht gegangen^ sein würde. Die örtliche Unter- 
sucli^j^g zeigte mir Geschlechtstheile, wie After, vollkommen normal. Letzteres 
^*^^ dadurch erklärlich, weil er selbst aussagt, dass vollkommene Immission der 
^^^iiohen Glieder nicht Statt gefunden habe. Er wurde verurtheilt. 

■^*« ftlL Masturbatorische Excesse mit einem Knaben und Miss- 
handlung desselben. 

Der 10jährige Knabe Max giebt an, dass der W., als er 
Ki^al>en auf der Strasse spielte, am 25. December, 4 Uhr, sich 

^ *) Hof mann obducirte einen Knaben von 14 Jahren, dr 
^?*^öinmen infantiler war, und an dessen Schaamberg e 
fi.cntbar war, bei dem in Hoden und Saamenbläschen «• 
^^licke Spermatozoen sich fanden. 



196 Päderastie. §. 27. Casuistik. 104. Fall. 

gefragt, ob einer von ihnen einen Brief gegen 5 Silbergroschen besorgen wolle. ^Einer 
ist genügt, habe er dabei bemerkt. Der eine Knabe ging mit ihm in ein Haas, wo 
er ihn um die Taille fasste und küsste, aber, da ihm unheimlich wurde, entlief ihm 
der Knabe. Nachdem er zu den anderen zurückgekehrt war, ging Max mit dem Freunde. 
Er führte ihn in ein Haus der Kanonierstrasse, bat ihn, gegen einen Thaler gegen ihn 
gefällig zu sein, holte den Penis heraus, und forderte ihn auf, ihn zu drücken, was 
Max auch that, und W. Hess sich von ihm auch seinen Penis zeigen. Dass seine 
Hand bei diesen Manipulationen nass geworden, hat der Knabe nicht bemerkt, 
jedoch giebt er an, dass W. zu ihm gesagt, er solle sich abwischen, er habe „Rotz*^ 
an seinem Kittel. ^V. nahm ihn darauf mit sich. Sie gingen über Schöneberg nach 
Zehlendorf zu. Unterwegs ging W. zweimal in eine Destillation. Da der Knabe 
nach Haus verlangte, hat er ihn misshandelt, mit einer Ruthe geschlagen, gegen 
den Hinterkopf gestossen, an den Haaren gerissen und über eine Rasenbank gelegt 
und geprügelt. Darauf hat er sich noch einmal an den Penis drücken lassen, auch 
den Knaben dorthin gefasst, ihm den Hintern gekniffen und an seine Lippen ge- 
bissen, so dass diese blutig waren. 

Als der Knabe nach Haus kam, schickten die erschreckten Eltern zu einem 
Arzt. Dieser fand am Hinterkopf eine kahle Stelle von 3 Vj Zoll Länge und IV4 Zoll 
Breite, die Kopfhaut selbst nicht verletzt (noch empfindlich). Beide Ohren stark 
geröthet, heiss, besonders an den Ohrläppchen stark angeschwollen und empfind- 
lich. An der Innenfläche der linken Ohrmuschel nach, innen am Antitragus eine 
linsen- bis bohnengrosse, schwach erodirte Stelle. Linke Wange und Nasengegend 
ziemlich stark geschwollen ; am linken unteren Augenlid eine zolllange Blutunterlaa- 
fung, kleinere desgleichen am linken oberen Augenlid. Blutunterlaufene Stellen in 
der linken Schläfengegend. Am Handrücken der rechten Hand rothe Flecke und 
Schwielen, die Hand selbst geschwollen. Die Unterbauchgegend zeigt einzelne, 
bohnengrosse Sugillationen. An der rechten Hinterbacke 3 Zoll lange, 2V4 Zoll 
breite, sehr starke Blutunterlaufung. Desgleichen auf der linken Hinterbacke. Der 
rechte Oberschenkel und rechte Unterschenkel zeigen rothe Flecke und blutunter- 
laufene Schwielen. Genitalien unverletzt. 

Ich fand bei meiner 14 Tage später angestellten Untersuchung: 

1) An der Innenfläche der Ohrmuschel eine kleine Borke. Beide Ohrläppchen 
noch zur Hälfte geröthet und auf denselben eine deutliche Abschilferung der Haut, 
durch welche eine frühere entzündliche Anschwellung derselben höchst wahrschein- 
lich wird. 

2) Am linken unteren Augenlid, besonders nach aussen, femer 

3) auf der linken Wange etwa 8 Groschen grosse, gelbbraune Stellen , welche 
durch Sugillation vor 14 Tagen entstanden sein können. 

4) Zwei striemenartige Flecjce, je einer auf jeder Hinterbacke, gelbbraun, 
welche aus derselben Ursache entstanden sein können. 

5) Die Genitalien unverletzt. 

6) Am Hinterhaupt vom Scheitel nach abwärts in Handtellergrösse eine des 
Haares entblösste Stelle, glatt und ohne Ausschlag, in welcher strehnenartig and 
gruppenweis die Haare in gewöhnlicher Länge stehen geblieben sind. Wenngleich 
die Unmöglichkeit, dass durch einen in der Kindheit vorhanden gewesenen Kopf- 
ausschlag die Haare verloren gegangen seien, nicht geleugnet werden kann, zumal 
Röthung und Empfindlichkeit der Kopfhaut nicht notirt sind, so spricht die streh- 
nenartige Disposition gruppenweis stehengebliebener Haarbüschel viel eher für ge- 
waltsame Entfernung der Haare (was wesentlich dadurch unterstützt wird, dass am 



Päderastie. §. 27. Casuistik. 105. FaU. 197 

Obertheil des Kittels noch jetzt einzelne und halbe Haare, welche denen des Knaben 
analog sind, sich vorfinden). 

Der Gesammtbefund der Verletzungen, sagte ich. ist der Art, dass der Knabe 
sich dieselben nicht selbst erzeugt haben kann, sondern, dass sie auf eine Miss- 
handlung zurückzuführen sind. 

Das mit Blut getränkte Taschentuch, sowie der mir ü bergebene, dunkelblaue 
Kittel, den der Knabe am fraglichen Tage getragen, zeigten keinen Fleck, welcher 
auch nur annähernd als Saamenfleck hätte untersucht werden können. 

Der Angeklagte, welcher zwar Alles in Abrede stellte, wurde durch Zeugen, 
die ihn mit dem Knaben gesehen, vollkommen überführt und zu langjähriger Zucht- 
hausstrafe verurtheilt. 

NS. Fall. Kann ein Mensch im Schlafe päderastisch gemissbr aucht 

werden? 

Diese Frage trat an mich heran in einer Verhandlung, welche ebenfalls unter 
Lehrlingen abspielte. Ein 17 jähriger Bursche Hermann, der schon mehrfach theils 
geschlechtliche, theils andere Bubenstreiche gegen seine Kameraden begangen hatte, 
dem einen einen Ring um den Penis gelegt, dem andern im Schlafe kaltes Wasser 
in das Bett gegossen , war von einem 16jährigen Burschen beschuldigt, ihn pä- 
derastisch gemissbraucht zu haben. Er will nämlich auf dem Bauch liegend ge- 
schlafen haben und plötzlich dadurch erwacht sein, dass er das Glied des Hermann 
in seinem After gefühlt habe, welches letzterer hin- und herbewegt habe. Beim 
Erwachen habe er vor Schmerz sofort nach dem After gegriffen und deutlich ge- 
fühlt, dass er das nunmehr herausgezogene Glied des H. berühre. Dieser sei dann 
fortgelaufen. Er sei am After nass gewesen und habe sich mit dem Hemde abge- 
wischt. Ich war in der Voruntersuchung nicht requirirt, an dem angeblich Gemiss- 
i^rauchten den Thatbestaiid festzustellen, sondern war mir nuc das Hemd zur Unter- 
suchung auf Saamen übergeben worden. Es war dies eines jener vielgetragenen, 
schmutzigen und besudelten Hemden, an dem man wohl noch Kothflecke, aber mit 
olossem Auge keinen auch nur als solchen zu vermuthenden Saamenfleck erkennen 
konnte. Auch die microscopische Untersuchung der fraglichen Gegend Hess voll- 
koinnaen im Stich und ergab keine Saamen fadchen. Im Termin nun, da die An- 
^t^en des Denuncianten doch sehr abenteuerlich klangen, citirte mich der Staats- 
^n^iralt zur Entscheidung der Frage, ob anzunehmen, dass einem Schlafenden, ohne 
^^s er dessen bewusst werde, ein erigirter Penis in den After eingebracht und hin- 
^^ Herbewegt werden könne? Ich verneinte diese Frage, indem ich daran erinnerte, 
^le Y^nangenehm und schmerzhaft bereits das Einführen eines Fingers über den 
^^wliessmuskel, Behufs Untersuchung des Mastdarmes, hinaus sei, selbst da, wo es 
"^5*^t.sam und mit Wissen und Willen des Untersuchten geschähe, wie femer der 
^^icl er stand des Sphincter ein schwer zu überwältigender sei etc., wogegen ja das 
Andx-sijig^n an den beregten Theil immerhin stattgefunden haben könne. 

Der Bursche wurde in Anbetracht der schon längere Zeit verbüssten Unter- 
sucuvingshaft auf Antrag des Staatsanwalts wegen dieses Verbrechens frei gespro- 
caen, wegen anderen Unfugs aber noch zu 14 Tagen Gefangniss verurtheilt. 



I«6. Fall. 



riiileiviPlie. §. 27. Cn'^i.isiik. Infi. Fall, 



üttclung dei 



irho* 



-Auch dies<>r Fall stehl einzii^ da. Ein Ilnndlungsdiener halto sich mit Schi 
fülsiinro vLTgiftet. tind es lag Verdacht von gegen ihn verübter Päderastie vor. 
oben orwiihnte, fremde Sc hwtirge rieht forderte mich auch hier nuf, diese Leiche i 
Spuren des Verbrechens zu untersuchen. Der After stand offen und vm Koth ni 
geflossen, worauf, als auf einen aUtliglichen Befund hei Leichen, nicht i 
geringste Werth zu legen war. Weit auffallender war der Befund zweier erbst 
grosser. Dach vertiefter, kreisrunder, scharfrändriger, dicht nebeneinander sitsteiu 
Natbon auf der Schleimhaut des Hastdarms links dicht am Eingang i 
Afters. Die Narbun, die alle Charaktere der Narben von Chankergeschwüren n 
ten, waren um so aufßlliger, als sich sonst weder am Penis, noch in der ganj 
Gegend der Genitalien Geschwüre. Narben oder andere Abnormitäten vorfanden d 
primäre Clianker im Mastdarm durch Infection auf gewöhnlichem Wege nicht n 
Bukonimen pflegen. Dazu kam, dass auch hier wieder bei dem jugendlichen (eim 
zwanzig Jahre alten) Subjecte die Haut in der Umgegend des Afters deutlich ^ 
und fallenlos war. Hiernach urtheilte ich: dass nach den Erscheinungen an j 
Leiche die Annahme, dass F. iiiT Füdernstle ^cmissbraucht worden, eine sehr wa| 
scheinliche sei. ! 



•) Vgl, d«Ti i'itll, den 
Ertriukungetodu, 



Zweiter Abschnitt. 



Streitige Schwangerschaft. 



we- 




Gesetzliche Bestimmungen. 

Pr. Allg. Landr. Thl. IL Tit. 2. §. 2. Gegen die gesetxliohe Vermuthung (der Vatersctiart in der 

^M-m. «SB gebomer Kinder) soll der Mann nur alsdann gehört werden, wenn er überseugend nachweisen kann, 

er der Praa in dem Zwischenraum vom dreihundertundaweiten bis sweihu ndertund- 

nten Tage Tor der Geburt des Kindes nicht ehelich beigewohnt habe. 

§. 3. Gründet er sich dabei in einem ZeugungsunTermögen, so muss er nachweisen^ dass dergleichen 

"^^ .X^Bges UnTerm5g«n w&hrend dieses ganzen Zeitraums bei ihm obgewaltet habe. (§. 4. betrifft die Ah- 

snheit des Mannes.) 

Pr. CiTÜgesetabuch Art. 312. Ein während der Ehe empfsngenes Kind hat den Mann xum 
r. Dieser kann gleichwohl das Kind Terläugnen, wenn er beweist, dass er während der swischen 
dreihundertsten und hundertundachtsigsten Tage vor der Geburt des Kindes ver- 
!nen Zeit wegen Abwesenheit oder durch irgend einen Zufall sich in dem Zustande einer physischen 
öglichkeit befunden habe, «einer Frau ehelich beituwohnen. 

Tr. AI lg. Landr. Thl. IL Tit. 2. §. 19. Ein Kind, welches bis aum dreihunndcrtundzweitc n 
"•"i^^^ nach dem Tode des Ehemannes geboren worden, wird fQr das eheliche Kind desselben geachtet. 

¥r. CiTÜgesettbuch Art. 315. Die eheliche Geburt eines Kindes,' welches dreihundert Tage 
"^^^'^^ Auflösung der Ehe geboren ist, kann bestritten werden. 

Vr. Allg. Landr. Thl. IL Tit 2. §. 20. Die Erben des Mannes können die eheliche Geburt eines 
*^^*^^«n Kindes (§. 19.) nur innerhalb der Zeit und nur aus den Grf^nden anfechten, wo und aus welchen 
^'erstorbene selbst daau berechtigt sein wQrde (s. §§. 2., 3. oben). 

$. 21. Ergiebt sich Jedoch aus der Beschaffenheit eines su fr&hseitig geborenen Kindes, dass nach 

ordentlichen Lauf der Natur der Zeitpunkt seiner Erzeugung nicht mehr in das Leben des Ehemannes 

^ and kann sugleich die Wittwe eines nach seinem Tode mit anderen Mannspersonen gepflogenen, 

^^htigen Umgangs fiberfQhrt werden, so ist das Kind fTir ein uneheliches zu achten. 

^eichsgesetz vom 6. Februar 1875 Qber die Beurkundung des Personenstandes und über die 

^^^iessung. §. 35. Frauen dürfen erst nach Ablauf des zehnten Monats seit Beendigung der fr&hercn 

«ine weitere Ehe schliessen. Dispensation ist zulässig, 
^r. Allg. Landr. Thl. IL Tit 2. §. 22. Hat die Wittwe wider die Vorschrift der Gesetze zu früh 






ei», 



^^ ^ivathet, dergestalt, dass gezweifelt werden kann, ob das nach der anderweitigen Trauung geborene 
^ "^^ in dieser oder der vorigen Ehe erzeugt worden, so ist auf den gewöhnlichen Zeitpunkt, nämlich 
^weihundertundsiebenzigsten Tag vor der Geburt, RQcksicht zu nehmen. 
$. 23. Fällt dieser noch in die Lebenszeit des vorigen Mannes, so ist die Fracht für ein eheliches 
**^ desselben zu achten (u. s. w.). 

^bendas. ThL 11. Tit. 1. §. 1077. Alle gesetzlichen Entschädigungen kann die GcKchwächte nur 
^^^<^n fordern, wenn die Niederkunft innerhalb des zweihundertundzehnten und zweihundert 
^^ f dnfundachtzigsten Tage nach dem Beischlaf erfolgt ist. 

^r, Gesetz vom 24. April 1854. §. 1. Eine Franensperson , welche 1) durch Nothzucht, 2) im be- 
^^^tlosen oder willenlosen Zustande geschwängert worden, oder 3) durch Vorspiegelung u. s. w., ist zu 
^^^Qgen berechtigt, dass ihr das im Allg. Landr. ThL IL Tit 1. §. 785. vorgeschriebene, höchste Maass 
^' Abfindung zugesprochen werde. 



200 Schwangerschaft. §. 28. Allgemeines. 

§. 6. Die Bestimmung des §. 2. findet sucli ftuf den Fall Anwendung, wenn ein onbesehoitenet, In 
dem Alter von vierzehn bis sectiszelin Jahren stehendes Uadohen zum Beischlaf yerftthrt und ge- 
schwängert worden ist. 

§. 15. Ais Erzeuger eines unehelichen Kindes ist deijenige anzusehen, welcher mit der Matter inner- 
halb des Zeitraums vom zweihun dertfünfundachtzigsten bis zweihundertundzehnten 
Tage vor deren Entbindung den Beischlaf vollzogen hat. Auch bei einer kürzeren Zwischenzeit ist dies« 
Annahme begründet, wenn die Beschaffenheit der Frucht nach dem Urtheil der Sachverstlndigen mit 
der Zeit des Beischlais übereinstimmt. 

Deutsche Strafproces&ordnung §. 485. An schwangeren oder geisteskranken Personen 

darf ein Todesurtheil nicht vollstreckt werden. 

Oesterr. bürg. Gesetz b. §. 58. Wenn ein Ehemann seine Gattin nach der Bhelichung bereits 
von einem anderen geschwängert findet, so kann er, ausser dem im §. 131. bestimmten Falle, fordern, 
dass die Ehe als ungiltig erklärt werde. 

Eben das. §. 120. Wenn eine Ehe für ungültig erklärt, getrennt oder durch des Mannes Tod auf- 
gelöst wird, so kann die Frau, wenn sie schwanger ist, nicht vor ihrer Entbindung, und wenn über ihre 
Schwangerschaft ein Zweifel entsteht, nicht vor Verlauf des sechsten Monats zur neuen Bhe schreiten. 
W^enn aber nach den Umständen, oder nach dem Zeugniss des Sachverständigen eine Schwangerseliaft 
nicht wahrscheinlich ist, so kann nach Ablauf dreier Monate die Dispensation ertheilt werden. 

§. 138. FQr diejenigen Kinder, welche im siebenten Monate nach geschlossener Ehe, oder im sehn- 
ten Monate nach dem Tode des Mannes oder nach gänzlicher Auflösung des ehelichen Bandes von der 
Gattin geboren werden, streitet die Vermuthung der ehelichen Geburt. 

§. 155. Die unehelichen Kinder geniessen nicht die gleichen Rechte mit den ehelichen. Die recht- 
liche Vermuthung der unehelichen Geburt hat bei denjenigen Kindern statt, welche zwar von einer Ehe- 
gattin, Jedoch vor, oder nach dem oben (§. 138.) mit Rücksicht auf die eingegangene oder aufgelöste Bhe 
bestimmten gesetzlichen Zeitpunkt geboren worden sind. 

§. 156. Diese rechtliche Vermuthung tritt aber bei einer früheren Geburt erst dann ein, wenn der 
Mann, dem vor der Verehelichung die Schwangerschaft nicht bekannt war, längstens binnen drei Monaten 
nach erhaltener Nachricht von der Geburt des Kindes der Vatersckiaft gerichtlieh widerspricht. 

§. 157. Die von dem Manne innerhalb dieses Zeitraumes rechtlieh widersprocheue Rechtmässigkeit 
einer früheren oder späteren Geburt kann nur durch Kunstverständige, welche nach genauer Untersuchang 
des Kindes und der Mutter die Ursache des ausserordentlichen Falles deutlich angeben, bewiesen werden. 

§. 163. Wer auf eine in der Gerichtsordnung vorgeschriebene Art überwiesen wird, dass er der 
Mutter eines Kindes innerhalb eines Zeitraums beigewohnt habe, von welchem bis zu ihrer Entbindung 
nicht weniger als sechs, nicht mehr als zehn Monate verstrichen sind, oder wer dies auch nur ausser 
Gericht gesteht, von dem wird vermutbet, dass er das Kind erzeugt habe. 

§. 1213. Der Wittwe gebührt noch durch 6 Wochen nach dem Tode ihres Mannes, und wenn sie 
schwanger ist, bis nach Verlauf von 6 Wochen nach ihrer Entbindung, die gewohnliehe Verpflegung ans 
der Verlassenschaft. 

§. 398. d. Oesterr. Strafprocessordnung bestimmt u. A. , dass bei einer zum Tode verurtheilten 
Schwangeren, die Vollziehung der Strafe so lange unterbleiben muss, bis dieser Zustand vorüber ist; 
ifnd dass der Vollzug einer Strafe nur dann gegen eine Schwangere eingeleitet werden kann, wenn die 
bis zu ihrer Entbindung fortdauernde Haft für sie härter sein würde als die zuerkannte Strafe. 



§. 28. Allgemeiiies. 

Das Thema von der Schwangerschaft hat mehrfache wichtige Be- 
ziehungen zur Rechtspflege und ist deshalb auch eine Frage der gericht- 
lichen Mcdicin. Der ganze Thatbestand der Schwangerschaft nämlich 
kann streitig und deshalb Gegenstand gerichtsärztlicher Ermittelung 
werden, und die Alternative vorliegen, dass entweder eine Schwanger- 
schaft wirklich vorhanden, aber bestritten wird (verheimlichte oder dis- 
siniulirte Schwangerschaft), oder gegentheilig, dass eine Schwangerschaft, 
die gar niclit besteht, von der betreffenden Person oder einem Dritten 
als existirend vorgegeben oder behauptet wird (simulirte oder imputirte 
Schwangerschaft). 

Im Ganzen kommen streitige Schwangerschaften nicht sehr häufig, 
und bei weitem seltner in der Gerichtspraxis vor, als man nach den 
allgemeinen Angaben glauben sollte, wie ich versichern kann, da ich 



Schwangerschaft. §. 28. Allgemeines. 201 

alljährlich unter mehreren Hunderten von Untersuchungen an Lebenden 
stets nur einige wenige, betreffend eine zweifelhafte Schwangerschaft, 
auszuführen habe. Weit häufiger kommen Untersuchungen auf zweifel- 
hafte Geburt vor. Es ist dies auch sehr erklärlich, da die Schwanger- 
schaft ja ein vorübergehender, verhältnissmässig kurze Zeit dauern- 
der Zustand ist, und Betrügereien, falsche Anschuldigungen aus unlautern 
Beweggründen u. s. w., die sich an denselben knüpfen, jed<?nfalls sehr 
bald unhaltbar werden und ein Ende nehmen müssen, während die Nie- 
derkunft eine unauslöschliche Thatsache ist und bleibt. Aus eben die- 
sem Grunde werden auch Schwangerschaften in foro weit häufiger in 
criminalistischer als civilrechtlicher Beziehung streitig. In letzterer z. B., 
wenn eine Frau nach Auflösung ihrer Ehe eine zweite eingehen will 
und die Vermuthung der bestehenden Schwangerschaft vorher beseitigt 
werden muss, worüber aber die Gesetze (s. oben) positive Entscheidung 
hsLhen; oder wenn eine Person auf Grund einer angeblichen Schwänge- 
rung eine Ehe erzwingen will, wobei wieder selbst der beschränkteste 
yisLxm durch die wenigen Monate bis zur Endentscheidung der angebli- 
ehi en Schwangerschaft die Klage hinzuziehen wissen wird, und der Fall 
si C5li wieder der Cognition des Gerichtsarztes entzieht; oder wenn eine 
Eirlischaft für einen angeblich noch nicht geborenen, aber schon existi- 
nden Leibeserben reclamirt wird, wovon ganz das eben Gesagte gilt, 
^ dies auch wieder dann der Fall, wenn ein andermal eine ehebre- 
irische Schwängerung von dem Scheidung nachsuchenden Gatten be- 
**^^:jptet, resp. bestritten wird u. s. w. Bestehende Schwangerschaften 
en, wie bekannt, täglich allerdings verheimlicht, wenn sie ausser- 
]iche sind. Aber dies kann jetzt nur aus Schaamhaftigkeit geschehen, 
^'^^ eine sti afrech tliche Bedeutung hat eine solche Verheimlichung nicht 
*^^lir, folglich findet richterliches und ärztliches Einschreiten auch hier 
-•-^^^fct mehr Statt, seitdem in allen neueren Gesetzbüchern*) die blosse 
»^ ^^»^heimlichung der unehelichen Schwangerschaft nicht mehr mit Strafe 
"^«^^J Toht ist. 

Dagegen kommen in der Strafrechtspflege Fragen auf streitige 
^ Vi. wangerschaft vor bei angeblicher Nothzucht und danach erfolgter 
jpfangniss; oder in Fällen, wo die Anschuldigung auf Begattung in 
totenen Graden (Blutschande) erhoben ist, oder dann, wenn in 
ör anderweitigen, gesetzwidrigen und mit Strafe bedrohten Begattung 
*^' Vi wängerung erfolgt sein soll, wie z. B. in einem Falle, in welchem 
^^^^^^r unsrer Gefangen wärter eine Criminalgefangenc geschwängert hatte; 
^^'*' in solchen Fällen, in denen ein angebliches Gelüste in einer vor- 
enen Schwangerschaft ein begangenes Vergehen oder Verbrechen 
chuldigen soll; oder Seitens der angeblich Schwangern, um harte 
fen zur Zeit von sich abzuwehren u. dgl. m. Dass auch noch an- 
Fragen sich in gerichtlich-medicinischer Beziehung an die Schwan- 
^^5"schaft knüpfen können, ist schon in den vorstehenden Kapiteln ge- 
^^gt worden, z. B. die: wie früh und wie spät im weiblichen Leben 
^\u^ Schwangerschaft möglich sei? (§. 8.), ob eine Schwangerschaft aus 
^^uem im bewusstlosen Zustande vollzogenen Beischlaf entstanden sein 




*) Häberlin, Grundsätze des Criminal rechts. III. Leipzig 1845. S. 66. 



202 §. 29. Diagnose der Schwangerschaft. 

konnte? (§. 17. sub 3.), ob eine Schwangerschaft bei fehlender Men- 
struation entstehen könne? (§. 8.) u. s. w. 

Eine schwierige, selten vorkommende Frage aber, die im Vorste- 
henden noch nicht erwogen worden, ist die: wie früh nach der Ent- 
bindung ein Weib wieder concipiren könne? Mir selbst ist diese 
Frage erst einmal in einer Anschuldigung wegen Misshandlung einer 
Schwangern durch einen Arzt, welche Misshandlung einen Abortus zur 
Folge gehabt haben sollte, deshalb vorgelegt worden, weil der Ange- 
schuldigte die Unmöglichkeit des Abortus, d. h. der Schwangerschaft 
behauptete, da die Klägerin erst acht Wochen vor der Misshandlung 
niedergekommen gewesen sei. In anderen Fällen, z. B. bei Erbschafts- 
.angelegenheiten, Anschuldigungen auf Ehebruch, geläugneten Vaterschaf- 
ten u. s. w. kann die Frage gleichfalls dem Gerichtsarzte vorgelegt 
werden. Recht feste Anhaltspunkte zu ihrer Beantwortung giebt es 
eigentlich nicht. Der Rückbildungsprocess im Uterus nach der Geburt 
schreitet nur langsam und allmälig fort, und vor Vollendung desselben 
tritt wohl keine neue Ovulation und Conception ein. Aber über den 
Termin der Vollendung des Rückbildungsprocesses schwanken die An- 
gaben der Beobachter zwischen 8 — 9 Tagen (D eventer), 5 — 8 Wo- 
chen (Velpeau) und 4 Monaten (Scanzoni). Der alte, erfahrene 
Geburtshelfer Hohl sagt: ,,Wenn keine Störung die Rückbildung des 
Uterus hindert, so ist sie in der Regel im zweiten Monat des Wochen- 
bettes beendet, und zwar gewöhnlich früher bei Frauen, die nicht stil- 
len, als bei solchen, die ihr Kind nähren, bei welchen der Uterus län- 
gere Zeit in Aufregung erhalten wird. Die Fälle von Conception im 
zweiten Monate nach der Geburt des Kindes bei jenen Frauen •* (die 
Hohl anscheinend hiernach wohl selbst beobachtet hat), „sprechen auch 
für eine frühere Beendigung der Rückbildung des Uterus, als sie von 
Scanzoni angegeben wird, der den vierten Monat festsetzt, weil er 
in diesem Monat bei Sectionen den Uterus vollkommen verkleinert fand, 
welche Verkleinerung aber schon im zweiten Monat bestanden haben 
kann-*. Gerade weil ich selbst in mehrern Fällen in weiblichen Leichen 
schon sieben bis acht Wochen nach der Entbindung den Uterus voll- 
ständig zurückgebildct gefunden, habe ich in dem eben erwähnten Falle 
die Möglichkeit erklärt, dass die Frau acht Wochen nach der Entbin- 
dung wieder habe schwanger geworden sein können. Um diese Zeit 
sieht man auch bei Weibern oft nicht gar selt-en die Menstruation wie- 
der erscheinen, wenn sie nicht nähren. Hiernach dürfte der Termin 
von zwei Monaten für die Wiederempfängniss nach der Ent- 
bindung so lange festzuhalten sein, bis weitere genaue Beobach- 
tungen eines Bessern belehren, zu welchen Beobachtungen sehr 
beschäftigte Geburtshelfer aufgefordert sein mögen. 

§. 29. Biagnose der Sehwaiigersehaft. 

Wenn die Feststellung der Diagnose einer Scliwangerschaft be- 
kanntlich schon im gewöhnlichen ärztlichen Sinne sehr oft eine schwie- 
rige Aufgabe ist, so treten dem gerichtlichen Arzte zu den gewöhn- 
lichen noch Schwierigkeiten in dieser Beziehung entgegen, die für den 
ärztlichen (geburtshülflichen) Practiker gar nicht vorhanden sind. Die- 



§. 20. Diagnose der Schwangerschaft. 203 

sem tritt die zu Untersuchende mit OflFenheit und Wahrheit entgegen; 
es liegt in ihrem Interesse, Nichts zu verschweigen, was sie weiss und 
fühlt. Nichts zu dem Allen hinzuzufügen oder daran abzuändern. 

Anders die zu Untersuchende, die dem Gerichtsarzte gegenüber- 
steht. Denn indem die Frage ihrer noch streitigen, zweifelhaften Schwan- 
gerschaft eine richterliche Frage geworden, so ist schon hierin ausge- 
sprochen, dass entweder die angeblich Schwangere selbst oder irgend 
ein Dritter ein Interesse daran hat, dass das Gegentheil von dem, was 
wirklich existirt, angenommen und dem Rechtsspruch zum Grunde ge- 
legt werde, dass also eine wirkliche Scliwangerschaft als nicht vorhan- 
den, oder dass eine nicht vorhandene Schwangerscliaft als existirend 
angenommen werde. Wenigstens muss der gerichtliche Arzt eine solche 
Alternative überall voraussetzen, da ihm nur bestrittene Schwanger- 
schaften als Untersuchungsobjecte vorgeführt werden. Aus diesem 
Grunde muss er die diagnostischen Zeichen der Schwangerschaft mit 
noch weit mehr Vorsicht abwägen, als der practische Arzt. 

Diese Zeichen lassen sich für den gerichtsärztlichen Zweck am be- 
sten in folgende Kategorien eintheilen: 

a) in subjective, d. h. solche Veränderungen am und im weib- 
liehen Körper, die nur von der vermeintlich Schwangern, und in ob- 
jective, die auch von dem gerichtlichen Arzte wahrgenommen werden 
können; 

b) in solche Veränderungen, die mit der Schwangerschaft \vieder 
verschwinden, und in solche, die einmal durch eine erste Schwan- 
gerschaft gesetzt, nach dem Ende derselben als Residuen im spätem 
Ijeben fortdauern; 

c) in solche, die mehr relativ oder individuell, d. h. diesem 
oder jenem Weibe eigen thümlich , und in absolute, von der indivi- 
duellen Körperconstitution unabhängige, folglich jeder Schwangern zu- 
kommende sind. 

W^as nun den gerichtsärztlichen Werth dieser Zeichen betrifft, so 
haben die subjectiven und die nach früheren Schwangerschaften an- 
dauernden gar keinen forensisch -diagnostischen Werth; jene natürlich 
nicht, da die angeblichen, nur subjectiven Empfindungen und Wahrneh- 
mungen vom Gerichtsarzt weder bewiesen, noch bestritten werden kön- 
nen, der sich hier stets, wie gesagt, auf Lug und Trug gefasst halten 
muss: diese, die nicht wieder verschwindenden Veränderungen, nicht, 
weil es sich in jedem concreten Falle um eine gerade jetzt bestehende 
oder nicht bestehende Schwangerschaft handelt, während das Vorhan- 
dengewesensein einer frühern meist gar nicht in Abrede gestellt wird, 
folglich nicht festzustellen ist, ob diese Klasse von Zeichen, wo sie ge- 
funden werden, nicht vielleicht auf Rechnung der frühern Schwanger- 
schaft zu setzen seien. Nur sehr geringen Werth ferner haben alle 
individuellen, diagnostischen Merkmale, da der Gerichtsarzt, der Natur 
der Sache nach, es stets mit Subjecten zu thun hat, deren Individuali- 
tät, Körperconstitution, Krankheitsanlagen, frühere Krankheiten u. s. w. 
ihm vöUig unbekannt sind, und das betreflFende Examen auch hier wie- 
der keine irgend verlässliche Data liefern wird. Wir haben hiernach 
die Zeichen einzeln zu erwägen. 



204 §. 30. Diagnose der Schwangerschaft. 



§. 30. Vortsetiung. 

Ad a) Zu den bloss subjectiven Zeichen gehören: 

1) Neuralgien und functionelle Störungen im Nervensysteme 
überhaupt; Zahnschmerzen, Schwindel, klopfende Schmerzen im Hinter- 
kopf, die Beccaria*) nicht Anstand nimmt, ein rationelles Zeichen 
der Schwangerschaft vor dem vierten Monate zu nennen (!), ferner als 
hierhergehörig die hundertfachen geistigen Verstimmungen, endlich das 
(nervöse) Erbrechen. Abgesehen davon, dass alle diese Anomalien bei 
Tausenden von Schwangern ganz fehlen, so ist einleuchtend, dass beim 
Angeben derselben Seitens der Exploranda aller Unwahrheit das freiste 
Feld geöffnet ist. 

2) Kindesbewegungen, so lange sie noch im Bereiche der sub- 
jectiven Empfindungen bleiben und sich noch nicht objectiv wahr- 
nehmbar machen (s. unten S. 210). Es ist jedem erfahrenen Arzte 
hinlänglich bekannt, wie oft Weiber sich in dieser Beziehung täuschen 
und die verschiedensten Vorgänge in ihrem ünterleibe, selbst blosse 
Darmgascirculation bona fide für Fötalbewegungen halten und erklären. 
Dazu kommt, dass alle etwa vorhandenen subjectiven Empfindungen 
bei wirklich bestehender Schwangerschaft von der Schwangern ver- 
schwiegen werden, wenn sie ein Interesse daran hat, ihren Zustand zu 
läugnen. 

Ad b) Zu den Zeichen, die als Residuen früherer Schwangerschaft 
am Körper zurückbleiben, gehören: 

3) rundliche Oeffnung des äussern Gebärmuttermundes, 
der niemals nach der ersten Entbindung die jungfräuliche Querspalte 
wieder annimmt, und deshalb eine gerade zur Zeit der Untersuchung 
fragliche Schwangerschaft bei einer Multipara nicht beweisen kann. Wir 
haben bei unsern, zu den verschiedensten Zwecken vorgenommenen Un- 
tersuchungen von Mädchen und Weibern diesen Unterschied zwischen dem 
Mund des nie geschwängert und des geschwängert gewesenen oder jetzt 
schwangern Uterus zwar stets wahrgenommen. Aber auch Hydrometra, 
Gebärmut terhydatiden und andere, gleich zu nennende Krankheiten be- 
wirken eine Anschwellung der Scheidenportion und eine Abrundung 
des Mutermundes; ein andrer Schwächungsgrund für die Beweiskraft 
dieses Zeichens. Ein so erfahrner Geburtshelfer, wie Hohl, sagt hier- 
über**): ^durch die Zunahme der Scheiden portion (in der Schwanger- 
schaft) werden die beiden Muttermundwinkcl des Muttermundes ausge- 
glichen, beide Muttermundlippen bihlen einen gleichen, nicht mehr durch 
die Winkel unterbrochnen Ring, und die äussere Oeffnung des Canals 
vom Mutterhalse erscheint rund, weil der Canal rund ist. Es ist auf 
diese Rundung des Muttermundes, die bei Frauen, welche schon gebo- 
ren haben, nie vollkommen zu Stande kommt, ein grosser Werth für 
die Diagnose der Schwangeriichaft nicht zu legen, da eine Abrundung 
desselben auch bei der ersten Schwangerschaft nicht immer vorkommt, 
der Muttermund auch bei der Menstruation, bei Menstruationsanoma- 



*) Arch. gcu. de Med. Tom 24. S, 443. 
♦♦) Lehrb. d. Gcburtsh. Leipzig 1862. S. 144. 



§. 30. Diagnose der Schwangerschaft. 205 

lien, besonders mit Hyperämie des Uterus, und in krankhaften Meta- 
morphosen desselben sich rundet." 

4) Eine dunklere Pigmentirung des Warzenhofes, welcher 
braun-schmutzigroth erscheint, während er bei der noch nie Geschwän- 
gerten hell und leicht röthlich aussieht. Die verstärkte Ablagerung 
von Pigment am Warzenhofe, die schon in den ersten Wochen der er- 
sten Schwangerschaft sich einstellt, halte ich für ein gutes Zeichen; da 
sich aber nach Ablauf derselben die Pigmentirung erhält, so kann aus 
ihrem Befunde wieder nicht auf eine jetzt bestehende oder nicht beste- 
hende Schwangerschaft geschlossen werden. Hiermit stimmen die Unter- 
suchungen von Momberger überein*). Dagegen ist der Umfang des 
Warzenhofes nach diesen Untersuchungen ein wenig werthvolles Zeichen, 
<la, wenn auch derselbe sich in der Schwangerschaft vergrössert, doch 
duch Jungfrauen gefunden werden, die einen umfangreicheren Warzen- 
Jhof haben, als andere Weiber während der Schwangerschaft. Andere 
Tigmentablagerungen, wozu Schwangere allerdings nicht selten neigen, 
liaben weit weniger oder keinen diagnostischen Werth. Dahin gehören 
Äe sogenannten Leberflecke auf Stirn, Gesicht, Hals, Bauch u. s. w. 
lind ein dunklerer Streifen in der Mittellinie der Bauchdecken. Jene 
^kommen ohne Schwangerschaft — bei der sie hundertmal ganz fehlen 
— auch bei Abdominalkrankheiten, und eben so häufig bei Männern, 
als bei Frauen vor; letzteren sieht man auch bei Bauchwassersüchten 
XI. s. w., und die Trüglichkeit dieses Zeichens, worauf man früher Werth 
legte, ist von allen neuern, geburtshülflichen Lehrern anerkannt**). Be- 
sonders entscheidend sind die Beobachtungen Faye's, der unter 1082 
Schwangeren die Linea fusca nur bei 125 deutlich, bei 226 undeutlich 
und bei 207 gar nicht, und ausserdem sie bei einem 12jährigen, noch 
nicht menstruirten Mädchen fand, und Elsässer's an nicht weniger als 
400 Schwangeren ***), nach welchen er zu dem Ergebniss gelangte: »die 
braungelben Streifen in der Mittellinie des Bauches und beziehungsweise 
rings um den Nabel bei Schwangern stehen rücksichtlich ihrer Entste- 
hung in gar keinem causalen Zusammenhang mit der Schwangerschaft, 
sofern nach unseren zahlreichen Beobachtungen dieselben bei manchen 
Schwangern ganz fehlen, auf der andern Seite dieselben aber bei man- 
chen jugendlichen, nicht schwangern Frauenzimmern deutlich wahrge- 
nommen werden. — Die fraglichen Hautfärbungen haben für sich allein 
einen nur sehr beschränkten, diagnostischen Werth, dagegen in foren- 
sischer Hinsicht wohl gar keinen". 

5) Die schillernden, oft, ja gewöhnlich mehr oder weniger sommer- 
sprossenartig pigmentirten , durch Zerreissung des Malpighi' sehen 
iJetzes entstehenden Narben an der Bauchhaut und Leistenge- 
gend fehlen zwar nicht in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle in 
vorgerückten Schwangerschaften wegen der nun schon erfolgten, be- 
deutenderen Ausdehnung der Bauchwandung, eben deshalb aber können 



*) Momherger, Untersuchungen über die Brustwarze und den Warzenhof. 
loaug.-Diss. Giessen 18G0. 

**) s. Hohl a. a. 0. S. 137. Scanzoni, Lehrb. der Geb. 111. 3. Aull. Wien 
1851. S. 115. Cred6, klin. Vortr. über Geburtshülfe. Berlin 1854. S. 375. 
*♦♦) Henke's Zeitschr. f. d. St.-A. 1852. S. 237. u. f. 



206 §. 30. Diagnose der Schwangerschaft. 

sie als diagnostisches Zeichen für die ersten Monate der Schwangerschaft 
noch gar nicht benutzt werden, weil sie dann noch fehlen. Der Ein- 
wand, welcher von der Thatsache entnommen, dass eben solche Nar- 
ben auch bei anderartigen Ausdehnungen der Decken, z. ß. bei Bauch- 
(Eierstocks-) Wassersuchten u. s. w. vorkommen, ist an sich ganz 
richtig, verliert aber für die Beurtheilung gerichtlicher Schwangerschafts- 
und namentlich Geburtsfälle seine Schärfe, wie unten (§. 40.) gezeigt 
werden wird. Aber auch diese Narben verschwinden nach der ersten 
Schwangerschaft niemals wieder; folglich kann ihr Befund in einer wie- 
derholten Schwangerschaft nicht das zeitige Bestehen einer solchen 
beweisen. 

Ad c) Zu den mehr individuellen Schwangerschaftszeichen glauben 
wir zählen zu müssen: 

6) die Weinhefenfärbung der Scheidenschleimhaut, die 
man im Scheideneingang ohne, in den tiefern Theilen der Wandungen 
mit dem Speculum sehr deutlich sieht, wo sie vorhanden ist. Diese 
schmutzig- purpurrothe Färbung findet sich allerdings recht häufig bei 
wirklich Schwangern, aber sie fehlt eben so oft und beruht gewiss bei 
den Schwangern der ersten Art, ganz eben so wie 

7) die Varices an den äussern Genitalien, an den ganzen ünter- 
extremitäten u. s. w. und vollends 

8) Hämorrhoidalknoten auf individueller Anlage, Vollblütig- 
keit, Abdominalplethora. Das Fehlen dieser Zeichen kann deshalb 
natürlich gar Nichts beweisen, namentlich nicht das der ganz werth- 
losen Varices und Hämorrhoidalknoten, die. wie allbekannt, täglich un- 
ter allen andern Umständen, namentlich auch eben so häufig bei Männern 
als bei Frauen gefunden werden. Wir wollen es an sich als zweifelhaft 
hinstellen, ob 

9) die Turgescenz der grossen Schaamlippen und des 
Mittel fleisches, „die aufgelockerte, weiche Beschaffenheit aller Theile, 
welche zwischen der vordem Wand der Scheide und des Beckens lie- 
gen, des Scheidengewölbes, Mutterhalses und des Uterus selbst**, worauf 
Hohl (a. a. 0. S. 166) einen besondem Werth legt, wenn namentlich 
über eine Schwangerschaft in den ersten drei Monaten zu entscheiden 
ist, — wir wollen es zweifelhaft lassen, ob diese Erscheinungen nicht 
gleichfalls in die Klasse der mehr individuellen, und aus denselben Gran- 
den, wie die obigen, zu rechnen seien: jedenfalls aber können wir den 
Werth derselben für die forensische Diagnose nicht hoch veranschlagen, 
weil dabei der individuellen Beurtheilung des Explorators, der, wir wie- 
derholen es, die Exploranda nie früher gekannt und untersucht hatte, 
ein zu weiter Spielraum gelassen und Veranlassung zu Selbsttäuschun- 
gen um so mehr gegeben sein wird, wenn derselbe eine Multipara vor 
sich hat. 

Beweisender als alle bisherigen sind die absoluten Zeichen der 
Schwangerschaft, d. h. solche, die in einem wirklichen Causalzusammen- 
hange mit dieser stehn, folglich bei keiner wirklichen Schwangerschaft, 
den Zustand in seiner Totalität und normalen Dauer aufgefasst, ganz 
fehlen können, wenn einige dieser körperlichen Veränderungen immer- 
hin auch als von andern Ursachen bedingt vorkommen. Wir prüfen 
ihren forensischen Werth. Es gehören hierher: 



§. 30. Diagnose der Schwangerschaft. 207 

10) das Ausbleiben der Menstruation mit eingetretener Em- 
pf^n^niss. Zunächst hat in BetreflF dieses Zeichens, das, wie kein an- 
deres , im Volke den Ruf eines sich früh bewährenden Symptoms der 
Schipvangerschaft hat, der forensische Diagnostiker wieder ganz andre 
Rücksichten, als der practische Arzt. Dem Gerichtsarzt ist es, der 
Natur der Sache nach, kaum je möglich, ausser bei weiblichen Gefan- 
genen, sich über das wirkliche Vorhandensein einer eingetretenen Ces- 
satioix der Regeln zu vergewissern. Nichts ist leichter für eine Person, 
die eine Schwangerschaft nur simulirt, als zu erklären, dass ihre Menses 
seit so und so lange ausgeblieben seien, und es wird nur ein glück- 
licher Zufall sein, wenn die Untersuchung des Gerichtsarztes grade in 
einer Zeit dieselbe überrascht, in der die fliessenden Katamenien sie 
Lügen strafen. In der Regel bleiben ihm gar keine Mittel, jene Aus- 
sage zu controliren. Umgekehrt aber wird der Gerichtsarzt von Per- 
sonen, die eine wirkliche Schwangerschaft verheimlichen wollen, durch 
künstliche Menstruation zu täuschen versucht, d. h. durch perio- 
disches Beflecken der Wäsche mit Blut, worüber ich selbst Erfahrungen 
gemacht habe. Da Unterschiede zwischen dem Menstrual- und anderem 
lo^nschlichen Blute nicht existiren (§. 14.), so würde ein Betrug der 
Art nur mit Sicherheit zu entdecken sein, wenn Vogelblut genommen 
^pi'den wäre — wie ich es bei einem jungen Mädchen gesehen, die 
J^\ed erholt Tauben dazu geschlachtet hatte — , dessen Blutkörperchen 
u^^* als solche durch ihre ovale Form zu erkennen sind. Schon weit 
^*^Wieriger wird die Diagnose, wenn Säugethierblut gebraucht wurde, 
^^orüber im zweiten Bande (allgem. Thl. 2. Kapitel) gesprochen wird. 
T* ^ürde, wie gesagt, nur ein Zufall sein, wenn dem gerichtlichen 
^^tc nicht etwa nur die Wäsche der angeblich Menstruirten , sondern 
j ^Se selbst zur Zeit der angeblich fliessenden Menses vorgestellt würde. 
'^ diesem Falle würde Hohl's Vorschlag*), durch Injectionen mit war- 
p.^JJa Wasser die Scheide zu reinigen und dann die Exploration mit dem 
1 ^*^6er auszuführen, um zu ermitteln, ob nun dennoch Blut nachfolgt, 
^*cht ausführbar und gewiss zweckmässig sein, während andere ange- 
ö^bene, diagnostische Methoden zur Ermittelung des Betruges: die Be- 
^*^tting des der Menstruation eigenthümlichen Turgescenzzustandes der 
V^^bärmutter, namentlich der Erweichung und Anschwellung der Schei- 
^^nportion, die Annäherung des Mundes zur ringförmigen Oefifnung 
?* ^S^'j leicht, zumal bei Mehrgeschwängerten, Täuschungen veran- 
lassen können. 

M7. fall. Künstliche Menses. 

Die HohTsche Methode hat sich mir vortrefflich in folgendem, gewiss ganz 

^MJtnthümlichem Fall bewährt. „Behufs Feststellung der Schwurfähigkeit einer 

i^aiscben Zeugin" war ich in deren Behausung zum Termin geladen worden. Statt 

**^^ erwarteten Frage von der Dispositions Fähigkeit fand ich die Aufgabe zu lösen 

"^ ob die N. zur Zeit menstruirel In einer Processsache wider sie hatte sie näin- 

V^c^ bereits oft wiederholt den Zeugeneid vorweigert, jedesmal im dazu angesetzten 

»«nuin behauptend, dass sie zur Zeit menstruire, folglich „unrein sei und vor Gott 



i •) a, a. 0. S. 86. 



208 §. 30. . Diagnose der Schwangerschaft. 

nicht erscheinen könne'', eine Eidesverweigerung, die den Jüdinnen zusteht. End- 
lich hatte das Gericht nun in ihrer Behausung einen neuen Termin angesetzt — 
von dem sie natürlich vorher in Kenntniss gesetzt worden war (II) — und dazu 
die beiden jüdischen Schwurzeugen und mich für den Fall eingeladen, dass sie 
wieder den Einwand der bestehenden Menstruation machen würde. Richtig geschah 
dies sofort! Mir aber musste sich sogleich der Verdacht der Simulation aufdrängen. 
Sie zeigte zunächst ein blutbeflecktes Hemde vor, das aber auflFallend nur stellen- 
weise und wie bloss mit blutigem Wasser gefleckt erschien. An den Oberschenkeln 
fand sich viel Blut, aber auffallend mit festen Kömchen, wie Sand, vermengt. (Ich 
hatte, weil ganz unvorbereitet, weder Lupe noch Microscop bei mir.) Schaamhaare, 
Labia niajora und Scheiden e ingang waren sehr blutig, und auch der ganze Vaginal- 
canal zeigte sich so bei der Exploration. Ich liess nun in meinem Beisein den 
Canal mit kaltem Wasser gründlich reinigen, untersuchte und fand nun meinen 
Finger — ganz rein. Absichtlich knüpfte ich ein sehr langes Gespräch an, um 
der etwaigen üterinblutung Zeit zu lassen, untersuchte dann wieder, und — der 
Finger blieb rein! Ich erklärte nunmehr dem Richter, dass die K. jetzt nicht 
menstruire, und hierauf erklärte sie sich zum Schwur bereit, bat aber, vorher das 
besudelte Hemde mit einem reinen vertauschen zu dürfen. Da die jüdischen Ge- 
lehrten dies Verlangen vom religiösen Standpunkte billigten, so wurde es ihr ge- 
währt; ich aber erklärte sofort, dass die N. wieder erscheinen und behaupten werde, 
dass nach dem Wechsel der Wäsche die Blutung wieder erschienen sei, die sie eben 
so leicht wie früher künstlich hervorbringen werde. Gleich darauf trat sie ein — 
und verfehlte nicht, diese Behauptung zu machen! Allseitig aber nunmehr als Be- 
trügerin erkannt und selbst von den jüdischen Gelehrten nicht mehr unterstützt, 
leistete sie jetzt den so oft verweigerten Eid. 

Wir kehren zur Menstruation als Schwangerschaftszeichen zurück. 
Die Hauptsache hierbei ist die Unzuverlässigkeit des ganzen Zeichens 
an sich. Wie häufig durch die ganze Dauer des Alters der Fruchtbar- 
keit die Menses ohne Schwangerschaft aus vielfachen Ursachen cessiren, 
weiss jeder Anfänger. Und, abgesehen von den immerhin sehr seltnen 
Fällen von Empfangniss ohne je vorher Statt gehabte Katamenien*), so 
ist es gleichfalls allgemein bekannt, dass das wirkliche Fortbestehen 
dieser die Existenz der Schwangerschaft nicht ausschliesst, namentlich 
nicht in den ersten, gerade am schwierigsten zu taxirenden Monaten. 
Dass dies in der That häufiger der Fall, als man in der Praxis glaabt, 
beweisen Elsässer's Untersuchungen an 50 Schwangern**), bei wel- 
chen die Menses noch wiedererschienen, und zwar: bei 8 noch einmal, 
bei 10 noch 2 mal, bei 1 noch 2 — 3 mal, bei 11 noch 3 mal, bei 1 
noch 3 — 4:mal, bei 4 noch 4mal, bei 6 noch 5mal, bei 5 noch 8mal 
und bei 2 noch 9mal. Auch Hogg***) sah unter 2000 Fällen 21 mal 
Fortdauer der Regeln bis zum Fühlen der Kindesbewegungen. 4 Frauen 
menstruirten bis in den 6. Monat. Dreimal war die Periode während 
der ganzen Schwangerschaft vorhanden. Aus allen diesen Gründen hat 



*) Synkitz (Zeitschr. d. Wiener Aerzte. 1857. 7. 8.) fand bei 8000 Frauen 
die monatliche Blutung bei 14 gänzlich fehlend; vier dieser Frauen hatten wieder- 
holt geboren. 

♦♦) Henke's Zeitschr. Bd. 73. S. 402. 

***) Med. Times and Gaz. Nobr. 4. 1871. und Hirsch -Virchow's Jahresbericht 
1871. IL S. 559. 



§. 30. Diagnose der Schwangerschaft- 209 

das Menstruations-Kriterium für die forensische Diagnose an sich nur 
einen sehr untergeordneten Werih. 

11) Die Entwicklung der Brustwarze und ihres Hofes (ab- 
gesehen von der schon erwähnten Pigmentirung) , welche erstere mehr 
aufschwillt, und auf deren Hof sich Knötchen, Papillen entwickeln, hat 
nicht den von Vielen behaupteten Werth, sondern fast keinen für unsere 
Zwecke. Denn sie kommt keineswegs, am wenigsten in den früheren 
Monaten, beständig, sie kommt auch ganz entschieden bei nie Geschwän- 
gerten vor, und einmal durch eine erste Schwangerschaft bedingt, ver- 
schwinden diese Zeichen niemals wieder, so dass sie zugleich zu den 
Hesiduen gehören, die wir oben bereits gewürdigt haben*). 

12) Die Veränderungen in Umfang, Lage, Stellung und Organi- 

«>^],tion der Gebärmutter und ihres Scheidentheils. Sie sind im 

Grossen und Ganzen unstreitig existirend und in ihrem naturgemässen 

JEntwicklungsprocess stetig und allmälig vorschreitend, so dass es da- 

ji£M^4jii möglich ist, mit der Sicherheit, die für die ärztliche Praxis hin- 

3ht, sogar die Zeit der Schwangerschaft nach den einzelnen Monaten 
diagnosticiren, eine Kenntniss, die die gerichtliche Medicin vorauszu- 
hat. Unter jenen Veränderungen nennt Scanzoni**) nament- 
lich!^ „die progressive, von unten nach oben dringende Auflockerung der 
V^m-^inalportion eines der sichersten Schwangerschafts-Zeichen, da kein 
P^-t±ologischer Zustand eine so constante Veränderung der Vaginalpor- 
^ioÄTÄ hervorruft •*: Wir müssen uns in dieser Materie bewährten und er- 
renen, geburtshülflichen Lehrern, wie billig, unterordnen, wollen aber 
irl die Frage aufwerfen, wie so sich mit der behaupteten, grossen 
^^^^Vierheit der Zeichen dieser Kategorie selbst die berühmtesten Ge- 
*>"^r-tshelfer in zweifelhaften Schwangerschaftsfällen (vor der Entdeckung 
Auscultation) so häufig geirrt haben? Wer oft selbst untersucht 
3 wird Hohl beistimmen, der auf die grossen Schwankungen jener 
'Xus-Zeichen in den einzelnen Fällen aufmerksam macht und hinzu- 
« -«-- »wer eine Norm für alle Fälle sucht, geht mit der Laterne des 
-■-' iogenes"***), ja sogar nicht Anstand nimmt, auszusprechenf): „einen 
grossen Werth legen gerichtliche Aerzte gewöhnlich auf die Scheiden- 
_ "tion und den Muttermund, auf zwei höchst unzuverlässige Theile 
^t>^rhaupt und sodann auch bei der Diagnose der Schwangerschaft", 
^i^^^viverlässig, setzen auch wir hinzu, namentlich nach vorausgegangenen 
j^^^bxirten. Die Vergrösserung der Gebärmutter ist unter normalen Ver- 
hältnissen durch Gefühl und Percussion nach den ersten Monaten wohl 
*^^ tzustellen. Wenn Ho Ist ff) durch dieselbe nebst Verdickung der 
^^heidenwände und elastischer Schwellung und sammetartiger Beschaf- 
■j^^^heit der Schleimhaut die Schwangerschaft bereits in der 6., ja 4. 
^oche diagnosticiren will, so dürfte dies nicht mit der in foro noth- 
^endigen Sicherheit sein und ihm hierin von namhaften Geburtshelfern 
^^dersprochen werden. 



•) s. d. oben citirte Abhandlung von Momberger. 

•*) a. a. 0. S. 125. 
**^ a. a. 0. S. 143. 

t) a. a. 0. S. 184. 

tt) Holst, Zur Diagnose der Schwangerschaft und namentlich in (\vn ersten 
lonatcn. Beitrage. U. 1867. 

^'«Bper-Limsa. üericlitl. Med. 7. AuH. 1. i i 



l^E LIBRARY. STANFORD UU\Ni^^^\Ti 



§. 31. Diugnosn der Schwangerschaft. 211 

latürlich nach dem Absterben der Frucht nicht hörhar, und 
ivachen uud kleiuen Kindern, queren hagen, übermässiger 
■on Fruchtwasser, können Täuschungen vorkommen. 

§. 31. FdrUetiung. 

streben, die Diagnose der Schwangerschaft möglichst sicher 
at, zumal vor der Entdeckung der Anscultation, aber auch 

noch mehrere andre Zeichen in die Wissenschaft gebracht, 
■\i als trügerische Schwangerschaftszeiclion erachtet 
sen (Kyste'in, erhöhte Scheidentemperatur, Scheidenpuls 

auf die wir deshalb nicht weiter eingehen. 
wir nun nach allen diesen Erörterungen, wie sich der Ge- 

den Zweifeln zu stellen habe, die gegen eine so grosse 
r Schwangerschaftszeicben erhoben werden mussten? so ist 

nicht schwer. Denn einerseits ist in dieser Beziehung der 
irzt in einer besseren Lage, als der practische. Dieser 
icreten, immerhin noch zweifelhaften FaÜe rasch und ener- 
In müssen, jener — kann abwarten. In Civil-, wie in 

kann hier niemals Gefahr im Verzuge sein, und vier, 

1 — bis wohin der Gerichtsarzt in bedenklichen Fällen sein 
;faiebeii und dies dem Richter erklären kann — sind eben 
jIi für den Verlauf des streitigen Rechtsfalls, als wichtig 
iCheidend für das Gutachten des Arztes. Andrerseits er- 

Fuasung der Gesetze, wenigstens in einer grossen Klasse 
^den, civilrechtlichen Falle, derjenigen der Wiederverhei- 
i aufgelöster Ehe, dem gerichtlichen Arzte sein Verfahren 

1 Deutschland ist jetzt (s. oben) die Wiederverheirathung 
von 9 Monaten gesetzlich principaliter untersagt, und 
aüon zulässig. Wenn in solchem Falle das Gutachten 
licht weiter gehen kann, als die wahrscheinliche Ab- 

Icliwangerschaft auszusprechen — und weiter wird 
Bnen — so ist es fraglich, ob hierauf die Dispen- 
■ weil der Richter einfach die Abwesenheit einer 
■bescheinigt haben wollen, um den Dispens zu er- 
mndrcchtlichen Bestimmungen hatte der Arzt die 
m Nichtbestehens einer Schwangerschaft nach Ver- 
■n nach Trennung der Ehe festzustellen, welche 
lut in Oestcrreich gestellt ist. 
In bleiben noch andere, oben beispielsweise er- 
lle und sämmtliche strafrechtlichen Fälle für die 
;htens , betreffend eine streitige Schwangerschaft, 
gilt wieder für die gericbtsärztliche Diagnostik, 
uine medicinische, dass die diagnostische Frage 
ler einigen, sondern nach der Summe aller, durch 
le Beobachtung festgestellten Symptome zu ent- 
^^1 Q gehörigen Abwägen derselben aber ist jetzt, zu- 
^^BiBcbung der auscultatorlschcn Zeichen, diese Frage 

iL '- 



212 §. 32. Dauer der Schwangerschaft. 

§. 32. Hauer der SehwaHgersehaft. 

Die Schwangerschaft beginnt im Augenblicke, in welchem das reife, 
abgelöste Eichen befruchtet wird, und endet im Augenblicke, in wel- 
chem die Frucht geboren worden. Ueber diese absolute Dauer der 
Schwangerschaft kann kein Zweifel stattfinden; dieser beginnt aber so- 
gleich, wenn diese Zeitdauer arithmetisch genau bestimmt werden soll, 
sehr natürlich, da schon in denjenigen Fällen, die nie zur Cognition di 
Richters und Gerichtsarztes kommen, der eigentliche Terminus a quo, 
der Conceptionstermin, dem Arzte oder Geburtshelfer nur in den selte- 



nern Fällen genau bekannt ist, und vollends in gerichtlichen Fällen di 
blosse Angabe jenes Termins sogleich Zweifel an ihrer Richtigkeit er 
regen muss, eben weil der Fall ein gerichtlicher geworden. Die viel 
besprochene Frage aber von der Dauer der Schwangerschaft scheint fu 
die gerichtlich-medicinische Praxis eine ganz unerhebliche zu sein, 
alle Gesetzbücher hierüber ganz positive Bestimmungen haben, und z. B 
(lixs Preuss. Landrecht keine längere Schwangerschaftsdauer, als die vo 
302 Tagen, das ,, bürgerliche Gesetzbuch" am Rhein und das Oesterr, 
Gesetz nur eine längste Dauer von 300 Tagen kennt u. s. w. Allel 
die Wissenschaft an sich kann dadurch nicht gebunden werden, und a 
ihr wäre es, die Gesetzgebungen zu Verbesserangen zu veranlassen 
wenn sie durch gute Naturbeobachtungen ihnen wirkliche Irrthümer i 
jenen Bestimmungen nachweisen könnte. Es ist hierbei nur zu erwa 
gen, dass der Gesetzgeber in dieser, so vielfache und wichtige Verhält 
nisse berührenden Frage noch andere Rücksichten hat, als die rei 
physiologischen, und die Aufklärungen unserer Wissenschaft imraeK: 
nur so weit benutzen wird, als sie seinen allgemeinen Zwecken ent- 
sprechen. Wir können hierfür keinen schlagenderen Beweis anfuhren^ 
als den, dass z. B, das Pr. Landrecht an den oben citirten Stellen den 
Termin für die Dauer der Schwangerschaft hier auf 270, dort auf 285, 
und an einer andern Stelle auf 302 Tage setzt, dass es die eheliche 
Schwangerschaft länger dauern lässt, als die uneheliche, ein Satz, wel- 
cher durch die neuesten Untersuchungen von Ahlfeld*) zu einer wis- 
senschaftlichen Thatsache erhoben wird, deren Bestätigung der Gresetz- 
geber indess von der gerichtlichen Medicin nicht abgewartet hat und 
auch nicht zu empfangen braucht, da er sehr wohl weiss, warum er 
so verordnet hat. 

Dass der 28tägige Typus des Eintritts der Menstruation der nor- 
male sei, und dass die Geburt nach neun Monaten (275 bis 280 Tagen) 
eintrete, ist seit Hippocrates angenommen und seit Jahrtausenden 
in die Volksbeobachtung aller Länder übergegangen. Eine solche Volks- 
beobachtung in einer solchen Angelegenheit, wie diese, ist im Grossen 
und Ganzen aber wahrlich nicht gering zu achten. Nichtsdestoweniger 
weiss jeder Arzt und mancher Nichtarzt, wie oft unter den Schwängern 
selbst betreffende Irrthümer in den Einzelfallen vorkommen. Sehr na- 
türlich, da die Frauen selbst ungemein häufig den wirklichen Concep- 
tionstermin nicht kennen, da sie meist gar nicht gewohnt sind, ihre 

*) Ahlfold. l»t.obachtungen über die Dauer der Sohwangerschafi. Monatsschr. 
f. «uburt.sk. u. Frauenkrank. Bd. XXXIV. 




§. 32. Dauer der Schwaiifforschaft. '213 

3Icnstruatioa genau zu berechnen, was in der Regel kein Interesse für 
öie hat, da sie nicht wissen, ob sie vom Eintritt oder vom Aufhören 
<icT Menses rechnen sollen, da diese schon vor der Schwangerschaft 
oessirt haben, oder in derselben noch ein- oder mehreremale wieder 
erschienen sein konnten, da die Rechnung nach dem Eintritt der fühl- 
baron Kindesbewegungen sehr leicht täuschen kann u. s. w. Von Seiten 
cJer Wissenschaft aber ist eine Täuschung, abgesehen von anderen Grün- 
den, auch deshalb möglich, weil das abgelöste Ei acht bis vierzehn 
•Xage befruchtungslahig bleibt, was bei der Rechnung von der Menstrua- 
-^ion schon eine bedeutende Differenz von Tagen der Schwangerschafts- 
cl^'ier ausmacht*). Es wird indess immerhin die Norm der allgemein, 
^i.iich von den geburtshülflichen Lehrern angenommenen 275 bis 280 
'Tage als grosse durchschnittliche Regel festgehalten werden müssen. 
;pSrach Ahlfeld 's**) Untersuchungen aus 653 Fällen betrug die Durch- 
g5<3hnittsdauer der Schwangerschaft eines Weibes 271 Tage. Jedoch fallen 
r»of diesen Tag selbst nur 3,52 pCt. Geburten. Die grösste Anzahl der 
ffeburten fällt in die 39. Woche (27,56 pCt); in die 40. Woche fallen 
^6,19 pCt. In Gebärhäusern ist die Dauer eine etwas kürzere, als in 
PriFathäusern (269,71:272,82 Tage); bei Mehrgeschwängerten kürzer, 
als bei Erstgeschwängerten (271,87 : 274,65 Tage); bei ünverheiratheten 
kürzer, als bei Verheiratheten (267,07 : 272,82 Tage). Die Differenz 
zwischen Minimum und Maximum der Schwangerschaftsdauer betrug 
HO Tage. 

Unleugbar ist, dass nicht gar wenige Ausnahmen von der Regel 

der Durchschnittsdauer, dass Fälle von kürzerer, und was uns hier na- 

loentlich interessirt, von längerer Schwangerschaftsdauer vorkommen. 

Abgesehen von Beobachtungen an Thieren***), haben auch dergleichen 

att Weibern dies unzweifelhaft erwiesen. 

Hohl fand in einer „nicht unbedeutenden Zahl** von Schwangerschaftsiallen. 
A\e er zusammengestellt, als ^gewöhnliche Dauer* die von 275 bis 287 Tagen !f) 
M^Triman will in 114 Fällen von ^^reif"* geborenen Kindern nur 9 mit 280 Tagen 
geboren werden, 92 pCt. also über diese Zeit hinaus tragen gesehen haben, darunter 
ii wie sich aus einer Zusammenstellung seiner Zahlen nach W ochen ergicbt. in der 
4lsten Woche, 15 in der 42ston, 10 in der 43st«n Woche, 1 mit 303, 1 mit 305 und 
i mit 306 Tagen tt)- An der Genauigkeit dieser Beobachtungen muss man aber 
xireifeln, da Merriman's Angabe, wonach 54 «reife^ Kinder (also fast die Hälfte 
aller verglichenen Geburten!) von der 37sten Woche bis zum 280sten Tage geboren 

*) Bisch off, Beweis der von der Begattung unabhängigen periodischen Reifung 
u, s. w. Giessen 1844. S. 44. Sehr bestätigend ist das Beispiel der Judenfrauen, 
das Valentin a. a. 0. S. 819 anfuhrt: „die jüdischen Gesetze verbieten es, dass 
die Begattung früher als zwölf Tage nach dem Eintritt der Regeln vorgenommen 
werde ^ und doch erzeugen die Judenfrauen durchschnittlich eine grössere Menge 
Kinder**. 

*^ a. a. 0. 
***) Mit Uebergehung der älteren sind namentlich die Kräh mer'schen Beobach- 
iung^n an 177 Mutterschaafen und 1105 Kühen zu nennen (s. Henke's Zeitschr. 
f. d. St.-.\.-K. Bd. 57. S. 98), deren Werth für die Anwendung auf Menschen aber 
nicht zu hoch angeschlagen werden darf. 
+) a. a. 0. S. 172. 
t+) Med. chir. transact. 1827. 





214 §. 33. Spätgoliuil. 

sein sollen, «illon Erfahrungen widerspricht und wieder Irrthum in der Annahme des 
Empfangnisstermins voraussetzen lässt. Dagegen fand der sorgfältig forschende 
Elsässer in 2fiO Fällen 71 Mal (= 27,3 pCt.) die Schwangerschaft über 280 Tage 
dauernd, und zwar bis zum 290sten Tage bei 23,8 pGt., bis zum 300sten bei 1,1 pCt. 
und bis zum 306sten Tage bei 2.3 pCt.*). 

§. 33. Vortsetiung. Spätgeburt 

Man nennt solche Früchte einer über die durchschnittliche Norm 
verlängerten Schwangerschaft, Kinder also, die (im Allgemeinen) spätei 
als 280 Tage geboren werden, Spätgeburten (Spätlinge, Partus se- 
rotini). Die Wichtigkeit dieser Annahme in Beziehung auf verschiedene 
Rechtsverhältnisse, z. B. eheliche Geburt des Kindes mit allen davon 
abhängigen Rechten, Vaterschaft, Erbfähigkeit, Anschuldigung auf Eh< 
bruch u. s. w., ist seit den allerältesten Zeiten anerkannt worden, un( 
vorgekommene Rechtsfälle, in denen jene wichtigen Verhältnisse vonÄ" 
der einen Partei ebenso sicher auf Grund der angegebenen Conceptioi 
des spät geborenen Kindes an einem gewissen, fraglichen Conceptiom 
termin behauptet, als von der anderen Partei consequent bestritten wor- 
den, sind schon vor Jahrhunderten Veranlassung zu Streitschriften un(* 
Gutachten von Gerichtsärzten und Facultäten über die Frage von den^:^ 
Spätgeburten geworden. Wir kommen hier wieder auf einen Punkt,^ 

der die Nothwendigkeit einer wissenschaftlichen Kritik in gerichtlich 

medicinischen Dingen zeigt, und wir wollen den Beweis liefern, wi< 
völlig unhaltbar und unglaubwürdig die älteren und die neueren Fällt 
sind, die bona fide immer wieder als „Citate" zur Erhärtung der ^That- 
sache" nachgeschrieben worden, dass eine Schwangerschaft sich nocl 
weit über den zehnten Monat hinaus ausdehnen könne, und dass 
Spätgeburten von 11, 12, 13 und viel mehr Monaten möglich seien^ 
wonach denn freilich alle Gesetzgebungen, von der römischen an, die 
verwerflichsten Bestimmungen aufgestellt hätten. 

Eine Frau**) kam elf Monate und fünfzehn Tage nach der Abreise 
ihres später gestorbenen Mannes nieder. Ueber die Beschaffenheit der 
Frucht wird gar Nichts gesagt! Der Mandatar der ehelichen Kinder 
bestritt die eheliche Geburt dieses angeblichen Spätlings und führte aus, 
dass die Mutter mit ihrem Ehemanne in Uneinigkeit gelebt, dass sie 
ihn einmal habe ins Gefängniss stecken lassen, dass er mit der Ab- 
sicht von ihr gegangen sei, um nach Ostindien zu gehen u. s. w., ge- 
wiss mejir als bloss verdächtigende Umstände. Die Halle'sche Facullät 
aber entschied (1727) für die Legitimität (Spätgeburt) dieses Kindes, 
namentlich unier Anführung des Grundes, dass „einige merkwürdige, 
wiewohl sehr rare Casus der Art bekannt seien** (!). Wir wollen diese 
älteren, raren Casus, auf die man sich berief, vorführen; sie finden sich 
ohne Einzelheiten auch als Beläge citirt bei Henke!***) Die Leip- 
ziger Facultät erklärte im Jahre 1630 eine Geburt von 309 Tagen 
für nicht legitim (keine Spätgeburt) f), dieselbe Facultät aber erklärte 

♦) Ifcnke's Zeitschr. Hd. 73. S. 394. 
**) M. Aiberti, Jurisprud. medica 11. S. 554. 
♦♦*) Abhandiungrn a. d. Geb. d. gor. Med. 3. Aufl. I3d. III. S. 308. 
t) Valentin, Corp. jur. Gas. 35. 



§. 33. Spätgeburt. 215 

:ht Jahre später voa dem von einer Wittwe nach einem Jahre und 
^x^izehn Tagen geborenen Kinde, ohne dass irgend eingehende Einzel- 
nsten angegeben werden, dass diese Geburt allerdings zu denen gehöre, 
Uli rarlssime et praeter naturam accidunt*). — Ein Mann, der acht 
vor dem Tode schon summe debilitatus gewesen war, stirbt am 
^ December. Am 25. October — zehn Monate und dreiundzwanzig 
später — kommt seine Wittwe mit einem Kinde nieder, das nicht 
citer genau beschrieben wird, was auch unerheblich war (?), da die 
iessener Facultät (1689) folgende „Thatsachen** ihrem Gutachten zum 
xunde legt: „Petrus Aponensis hätte von sich selbst gesagt, er 
ein Elfmonatskind; Galdan us habe von seinem Vater gesagt, er 
im dreizehnten Monat geboren; Sennert führe einen Fall an, wo 
Foetus in utero im elften Monat hörbar geschrieen habe und bald 
dl^nauf im zwölften Monat geboren worden sei; die Facultät selbst kenne 
einen Fall von Geburt eines Mädchens im siebenzehnten Monat", des- 
lialb (sie!) «könne das fragliche Kind pro legitime gehalten werden", 
ne Frau (Fall bei Zittmann)**), deren Mann abgereist und später 
tranken war, kommt nach zwölf Monaten nieder. Die Leipziger Facul- 
tät erklärt (1675) das Kind für legitim, denn „wenn die Natur den 
Geburtstermin um zwei ganze Monate, wie bei dem Partus septimestris, 
anticipiren könne, warum solle sie ihn nicht auch um zwei Monate 
postponiren können?** (!) Eine liederliche Dirne, die 325 Tage nach 
dem fraglichen Beischlaf niederkommt, belangt ihren angeblichen Schwan- 
gerer*^. Dieselbe Facultät erklärt (1669) dies Kind nicht für eine 
Spätgeburt mit folgenden Gründen: „wenn wirklich, wie er angiebt (!!), 
er absque ejaculatione seminis sich mit ihr vermischt, sie aber hernach 
mit andern zugehalten, und er sich nachher niemals wieder mit ihr 
vermischt, auch der Vettel kein Anfall begegnet, um welches willen die 
Geburt länger im Mutterleibe hätte bleiben müssen, auch tamen pariendi 
tcminus a^m Ende des elften Monats bei uns gar infrequens und unge- 
tfohnlich ist**, er nicht der Vater sei!! Das sind die Fälle, die 
B^euke als Meinungen der Aeltern citirt, und die ihm in Hand- 
büchern und Encyclopädieen nachgeschrieben worden sind. Der bei 
Benke citirte Fall aus Ingolstadt (Valentin Nov. S. 15) ist nicht 
von der medicinischen, sondern von der juristischen Facultät begut- 
achtet, deshalb haben wir ihn hier fortgelassen. Wir könnten aber 
putzende der obigen Fälle noch weiter anfuhren, wenn es der Zweck 
dieses Buches wäre, Büchergelehrsamkeit zu entwickeln. Aber folgen- 
der, wenig bekannte, ältere Fall ist zu kostbar, um ihn nicht noch mit 
vorzufuhren. Der hitzige Vertheidiger der unbegrenzten Spätgeburt, 
Petit, erzähltf) unter vielen anderen „Thatsachen" die folgende, die 
die Pariser Academie der Wissenschaften nicht verschmähte, in ihre 
Denkschriften aufzunehmen. ^Eine Frau im Burgflecken Jouarre ist 
drei Jahre schwanger geblieben und hat dann einen starken, leben- 
den Knaben geboren. Gegen den zehnten Monat hatte sie Schmerzen 



♦) Ebendas. Gas. 36. 
♦•) Med. for. S. 452. 
♦^) Zittmann, Med. for. S. 227. 
+) Recneil de pi^ces relatives a la question des naissances tardives. Amsterdam 
1766. 8. S. 56. 



216 §. 33. Spätgeburt. 

empfunden und drei Maass Wasser verloren, was aber nach einem Ader- 
Ickss aufhörte. Die Geschichte dieses Factums ist unterzeichnet vom 
Burgemeister des Ortes, von einem Notar und von zwei Chirurgen. • 
(Nun, dann muss es wohl wahr sein!!) Das Petit'sche Gutachten, 
worin auf diese ^wahre Geschichte** und auf viele ähnliche Bezug ge- 
nommen wird, ist datirt Paris, den 22. Januar 1765 und unter- 
zeichnet von dreiundzwanzig Professoren der Facultät und Hospital- 
Vorstehern! 

Nicht mehr halten die neueren Fälle vor der allemaheliegendsten 
Kritik Stich. Man findet sie gleichfalls in der Henke 'sehen Abhand- 
lung und überall angeführt. Fodere's Frau bekommt Wehen im neun- 
ten Monate der Schwangerschaft (ä Töpoque (??) du neuvieme raöis). 
Vierzig Tage später erfolgt die Geburt (wie war das Kind?). Zwei Jahre 
später fühlte sie sich wieder schwanger und ist genöthigt, das Kind 
abzusetzen (sevrer). Nach IOV2 Monaten kommt sie nieder (sie war also 
beim Stillen schwanger geworden, wobei bekanntlich die Rechnung der 
Frauen immer verwirrt ist; hatte sie denn das frühere Kind zwei Jahre 
lang gestillt?). Mit 9 Monaten hatte sie „wieder" (wie das vorigemal?) 
falsche Wehen gehabt. Das Mädchen, das sie gebar, „war so klein und 
kümmerlich (chötive), dass die Mutter gar nicht wusste, dass sie nieder- 
gekommen war, und dass das Kind künstlich erhalten werden musste*. 
(Ein Kind von angeblich 315 Tagen fallt, so zu sagen, der Mutter aus 
dem Schooss und muss künstlich erhalten werden! Man sieht, dass der 
Fall vollkommen unglaubwürdig und schlecht beobachtet ist.) — Klein 
berichtet*): „meine Frau hatte vier Wochen alle Tage Wehen, wo wir 
ausgerechnet hatten" (soll wohl heissen: am Ende der Schwangerschaft?). 
^Jedcn Tag erwartete ich die Entbindung, welche alsdann nach vier 
Wochen sehr schnell erfolgte. Das Kind wog 1 * 2 Pfund schwerer, als 
meine andern (sie), es war zwei Zoll länger, die Fontanellen völlig 
geschlossen.^ (Und die Geburt eines solchen Kindes erfo^gte „sehr 
schnell**?!) Klein fügt hinzu: „auch von der Frau Gräfin X. weiss 
ich es ganz bestimmt, dass sie zuverlässig vier Wochen länger schwan- 
ger war**. Die eine dieser Klein'schen ^Beobachtungen** ist, wie man 
sieht, genau eben so „zuverlässig**, wie die andere; die eben genannten 
Klein-F ödere 'sehen Fälle sind aber besonders auch deshalb hier 
hervorzuheben, weil sie als vorzüglich werthvoU gerühmt werden, da 
sie „Ehefrauen von Aerzten** betrafen, folglich eine genaue Controle 
der Dauer der Schwangerschaft gestattet hätten, von welcher Controle 
freilich in diesen Berichten nichts zu verspüren ist. 

Man höre den Fall von Siebold (bei Henke a. a. 0.). Eine 
Bäuerin hielt sich von der Zeit des letzten Erscheinens und spätem 
Ausbleibens der Regeln für schwanger. Sie consultirte einen Chirur- 
gus, dem sie auf seinen Antrag, da dies ihr ja nichts mehr schaden 
könne, den Beischlaf gestattete. Gerade vierzig Wochen nach diesem 
Tage kam sie nieder, obgleich ihre Regeln bereits zwölf Wochen 
vorher zum letzten Male erschienen waren, „wie man dies**, setzt S. 
hinzu, „zuweilen bei heisser Jahreszeit bemerkt**. Es ist unbegreiflich, 
wie dieser Fall, den Siebold durch den letzten Zusatz richtig wür- 



*) Kopp 's Jahrb. 111. S. 252. 



§. 33. Spätgeburt. 217 

di^t, unter die Fälle von Spätgeburten hat aufgenommen werden kön- 
ne r^, da er offenbar (bei bekanntem Conceptionstermin) ein recht guter 
Bo^vois einer vierzigwöchigen Schwangerschaftsdauer ist. Alle übrigen, 
von Henke zusammengetragenen Fälle von weit über die Durch- 
scliriittszeit verlängerten Schwangerschaften geben der Kritik nicht we- 
niger Spielraum: nirgend eine genauere Rechnung, überall nur Ver- 
sielierungen und Weiberangaben. Ein anderer (holländischer) Fall von 
Sa^lomon (a. a. 0.) ist anscheinend so einfach und beweisend und 
dooli so völlig unglaubwürdig. Eine Frau erwartet im November 1807 
ihre Niederkunft, nachdem der Monatsfluss bereits „seit dem 3. Januar 
niclit erschienen war", weshalb sie sich , seitdem** schwanger glaubte. 
In den ersten Tagen des Juni fühlte sie die Kindesbewegungen. „An- 
fangs November traten die Vorboten der Geburt ein**, aber erst „am 
•26. Janaar wird sie von einem todten, 10* '4 Pfund schweren Kinde ent- 
bunden«. Nehmen wir an, dass sie die Bewegungen, wie gewöhnlich, von 
der Mitte der Schwangerschaft ab gefühlt habe, dann wäre das geborne 
Kirid — 376 Tage alt gewesen; rechnet man aber, bei der Zweideutig- 
keit des Wortes „seitdem", dass sie am 3. Januar noch menstruirt 
gewesen sei und etwa am 8. Januar empfangen habe, dann war das Kind 
— Ä83 Tage alt; oder rechnet man endlich, dass sie am 3. Januar ihre 
^etx^es vergeblich erwartet hatte und etwa Mitte December geschwängert 
''^^■"^en, dann hätten wir eine Spätgeburt von — 407 Tagen vor uns! 
Um auch neuerer und neuester „Beobachtungen** zu gedenken, 
^'1 ich endlich noch anführen, dass eine Reihe von dergleichen in 
^PSland vorgekommenen von Taylor*) mitgetheilt wird, Fälle, die 
^^^«r eine Verlängerung der Schwangerschaft bis in den elften, ja 
zwölften Monat beweisen sollen. Besonders glücklich in der Beob- 
ach-fc^ng solcher seltenen Fälle war Br. Murphy, der auf 182 Ent- 
binci^ngen nicht weniger als 96, also genau die Hälfte, über die 40ste 
^"^oc^lie, darunter 20 in der 44sten und 45sten Woche nach Beginn der 
Seh '%'vangerschaft erfolgen sah. Ein besonderer Werth wird auf den Fall 
^oa längster Dauer, nämlich von 352 Tagen, gelegt, der, wenn auch 
•28 Tage nach der letzten Menstruationsperiode abgezogen würden, doch 
imin^r noch einen Fall von 324tägiger Schwangerschaft darstelle. Aus- 
drüclclich wird hinzugefügt, dass das Datum der letzten Menstruation 
^or <ier Niederkunft ermittelt worden wäre, um allem Irrthum vorzu- 
'>^ttg^n. Wenn ich aber anführe, dass dieser, so wie alle Murphy'- 
schen Fälle in der Hospitalpraxis vorkamen, folglich bei ganz 
unbekannten Weibern, deren Schwangerschaft Murphy nicht controlirt 
"^}t<^> so ist die Kritik aller dieser Fälle und das Maass ihrer Glaub- 
^^^igkeit ausgesprochen. Man war ja also hier ausschliesslich auf die 
Aussagen der Schwangeren angewiesen, und abgesehen von den man- 
^^S^^chen, naheliegenden Interessen, welche (uneheliche wie eheliche) 
Ulmisäche Schwangere bestimmen können, die Si'hwangerschaftsrechnung 
aosichtlich zu verwirren, wird Jeder wissen, wie viele und wie oft 
auch bona fide — Irrthümer in dieser Materie vorkommen. AuflFallen- 
d« ist ein anderer, von Taylor mitgetheilter Fall von Chattaway, 
betreffend eine gesunde, 36jährige Pachtersfrau und deren Entbindun 



er 

o 



*) Med. jurisprud. 6. Aufl. London 1858. S. 625 u. f. 



218 §. 34. Dauer und Diagnose der Spätpjoburt. 

nach 330tägigor Schwangerschaft. Sie hatte zuletzt ira (?) December 
1855 raenstruirt und Anfangs April Kindesbewegungen gefählt. Mitte 
September bekam sie wehenartige Schmerzen und blutig-schleimigen Ab- 
gang und am 19. November 1856 gebar sie ein Kind „von durchschnitt- 
licher Grösse**. Taylor meint, dass wenn man 28 Tage für die letzte 
Menstruationsperiode abzöge, man immer noch eine Spätgeburt von 330 
Tagen erhielte. — Der Fall gestattet aber eine ganz andere Berechnung. 
Nehmen wir an, dass die letzte Menstruation „im" December gegen 
Ende des Monats gefallen sei, und weiter, dass die Conception gegen 
Ende Januar erfolgt war, dann ergiebt sich eine Spätgeburt von etwa 
300 Tagen, die nichts Unglaubwürdiges hat. Um üebrigen erfährt man 
von dieser Frau Nichts über den Cyclus ihrer Menstruationsperioden, 
Nichts (zur Beurtheilung ihrer angeblich so früh gePählten Kindesbewe- 
gungen) darüber, ob sie eine Erstgeschwängerte war, oder nicht. In 
welcher anderen Wissenschaft hat ein solcher Mangel der Kritik, 
wie er im Vorstehenden wieder nachgewiesen worden, so lange Jahr- 
hunderte hindurch geherrscht, als in der gerichtlichen Medicin, die ge- 
rade der schärfsten Kritik der Erscheinungen so sehr bedarf! 

§. 34. F^rtsetiug. Baver «nd Biagi^se der Spätgetart. 

Indessen bleibt es unleugbar, dass die Schwangerschaft über die 
durchschnittliche Dauer von 275 bis 280 Tagen hinaus fortdauern kann. 
Aber Alles, was Physiologie und möglichst zuverlässige Beobachtun- 
gen lehren, vereinigt sich, um hierin eine gewisse Grenze festzust«cken. 
Der Zusammenhang und die Abhängigkeit der Geburt vom Cyclus von 
zehn Menstruationsperioden war, wie bemerkt, seit den ältesten Zeiten 
anerkannt. Cederschjöld und Schuster versuchten nachzuweisen, 
dass, wie ja der einzelne Menstruationstermin von einem Fluss bis zum 
nächsten nicht bei allen Frauen unwandelbar derselbe, sondern wie 
hier nicht gar selten individuelle Abweichungen vorkommen, dass dem 
entsprechend auch der Geburtstermin individuelle Grenzen inne halte, 
und dass die zehnte Menstruationsevolution die Geburt bringt, bei den 
Frauen A. bis X. also, die mit 28 Tagen menstruiren, mit 10 X 28=280, 
bei der Y., mit 29 Tagen menstruirenden, mit 10 X 29 = 290, bei 
der Z., mit 30 Tagen menstruirenden, mit 10 X 30 = 300 Tagen. 
Schuster hat diese Fragen auf das Gediegenste beleuchtet und in sei- 
ner vortreflFlichen Abhandlung*), auf die wir verweisen, vier Fälle, wo- 
von zwei seine eigene Frau betrafen, mitgetheilt. Diese raenstruirte zu 
29 — 30 Tagen. Die erste Schwangerschaft, deren Verlauf genau be- 
schrieben wird, endete mit 296 Tagen, die zweite hatte genau zehn 
volle (individuelle) Menstruationsperioden, d. h. 300 Tage gewährt. Eine 
gesunde und kräftige Frau, die in einem controlirten, 29tägigen Typus 
menstruirtc, kam am 287sten und das nächste Mal am 288sten Tage 
nieder. Wenn aber diese Thatsache und die darauf begründete Berech- 
nung auch bei einer Anzahl von Frauen zutrefTen mag, so stimmt sicher 

*) Henke's Zeilschr. Bd. 57. S. 1 u. f., worin auch Berthold*s Annahme 
(„über das Gesetz der Schwangerschaftsdauer", 1844), die sich in der Hauptsache der 
von Cederschjöld anschliesst, dieselbe aber modificirt, gründlich widerlegt wird. 



§. 84. Dauer und Diagnose der Spätgeburt. 219 

die Berechnung in vielen Fällen nicht. Es giebt eine nicht geringe 
Ao^^hl sonst ganz gesunder Frauen, welche z. B. in regelmässiger 
Wi^cierkehr den 21sten, 23sten und 25sten Tag menstruirt sind. Für 
sololie würde sich eine Schwangerschaftsdauer von 210, 230, 250 Tagen 
ergraben, was von der Wirklichkeit doch zu bedeutend abweicht, um das 
Gesetz als ein allgemeines gelten zu lassen. Jedenfalls sind weitere 
Boo Pachtungen über dieses Thema abzuwarten. 

Nach Allem aber, was wir nun hier über die Sachlage zusammen- 

gesi^ellt haben, müssen folgende Sätze als leitende erachtet werden: 

1) Die gewöhnliche Dauer der Schwangerschaft beträgt (271) 275 bis 

28 O Tage. 2) Die Schwangerschaft kann aber unzweifelhaft später und 

zwar bis zum SOOsten Tage andauern. 3) Fälle von mehr und 

erheblich verlängerter Dauer und von Geburten von elf-, 

zwölf-, dreizehnmonatlichen Spätlingen sind nirgends 

duT-cL genaue Beobachtungen festgestellt, und eine derartige 

Ann£ilime also im concreten Gerichtsfalle unstatthaft. Hiernach er- 

giebt sich, dass die Gesetzgebungen (S. 199 u. 200) den terminus ad 

quem sehr richtig angenommen haben, und dass die Wissenschaft keine 

Veranlassung hat, dieselbe zu einer Abänderung ihrer Bestimmungen 

zu drangen. 

Die Diagnose des Einzelfalles wird immer eine sehr schwierige blei- 
ben, umstände, welche viele Schriftsteller als berücksichtigungswerth 
für das Urtheil angeben, und die für die Wahrheit der Angabe einer 
verspäteten Niederkunft sprechen sollen, z. B. sittlicher Ruf der Betref- 
fenden, frühes Anzeigen der Schwangerschaft u. dergl., verdienen keine 
Berücksichtigung, wie Jeder weiss, der das Leben kennt, namentlich das 
l^ben, wie es sich im Forum abspiegelt. Von den, der wirklichen Wis- 
senschaft entnommenen Gründen können wir demjenigen, welcher sich 
*öf die Gesundheitsverhältnisse der schwanger Gewesenen bezieht, kei- 
^^^y und der Behauptung, dass Zeichen der üeberreife der Frucht die 
Spatgebart beweisen, nur einen negativen Werth beilegen. Dass näm- 
lich Anämie, Hydro varium, deprimirende Gemüthszustände u. s. w. 
^ **• w. eine Protraction der Schwangerschaft bewirken sollen, ist so 
wenig durch die Erfahrung nachgewiesen, dass man vielmehr behaupten 
™^Ss, dass dergleichen aetiologische Momente eher ein vorzeitiges Ende 
"®^ Schwangerschaft bedingen. Und die üeberreife der Frucht ist ein 
^'^'^ schwankender Begriff. Wir haben*) nach unseren eigenen ünter- 
^^biingen an 500 reifen, d. h. rechtzeitig geborenen Kindern nachge- 
lassen, dass im Einzelnen Gewichtsschwankungen von 5 und 6 bis zu 
^ I*fund und Schwankungen in der Länge von 16 bis 22 Zoll vor- 
^^men; ganz Gleiches gilt von allen übrigen Zeichen der Reife, wie 
^^ix längst allgemein bekannt. Mit welcher wissenschaftlichen Ueber- 
^^eung könnte man hiemach z. ß. ein Kind von 10 oder 11 Pfund 
^ ^- w. als ein länger getragenes erklären? Aber negativ, sagen wir, 
"^^ti die Ausbildung der Frucht einen diagnostischen Werth haben, und 
^^ VTürden nicht anstehen, z. B. ein Kind, das wie das oben geschil- 
tetto Foder6'sche, das „so kümmerlich geboren worden, dass die Mutter 



«A r. 



) Zweiter Band, spec. Tht. 



220 §. 85. Sunerfötation. 

gar nicht wusste, dass sie niedergekomraen** , nicht fiir eine «überreif 
gewordene", verspätete Geburt zu erklären. 

In der That giebt es nur drei wissenschaftliche Anhaltspunkte für 
die Diagnose, und wo diese den Gerichtsarzt verlassen, da bleibt ihm 
nichts übrig, als diese Schwierigkeiten dem Richter zu entwickeln und 
diesem und den gesetzlichen Bestimmungen die Entscheidung zu über- 
lassen, was ja ohnedies, wie oben bemerkt, fast überall geschieht. Wir 
meinen: Vorzeichen der Entbindung, Wehen u. s. w., um die Zeit des 
normalen Endes der Schwangerschaft, die allerdings von sorgsamen 
Beobachtern wahrgenommen worden*); zweitens ganz vorzüglich Besei- 
tigung jedes Zweifels an der Zeugungsfahigkeit des angeblichen Vaters 
zur Zeit des angeblichen Conceptionstermins. Ich verweise auf den 
selbst beobaciiteten und geschilderten Fall**) von einem angeblichen, 
82jährigen Erzeuger, der seit Jahren an Carcinom beider Hoden ge- 
litten hatte, und dem nach dessen Tode von seiner Frau und vormali- 
gen Köchin ein angeblich elfmonatlicher Erbe geboren wurde; der dort 
allegirte Louis' sehe Fall war ein durchaus ähnlicher. Ein Mann von 
72 Jahren hatte (1759) eine 30jährige Frau geheirathet, die, nachdem 
der Gatte nach vierjähriger, kinderloser Ehe und nach endlicher, sechs- 
wöchentlicher schwerer Krankheit, 76 Jahre alt, gestorben war, einen 
vom Tage des Todes an datirt (!) 317 Tage alten Erben zur Welt 
brachte! In solchen Fällen, wo zweifellos eine Zeugungsfähigkeit desi 
Vaters zur Zeit nicht mehr anzunehmen, ist mit Gewissheit ein Betrog. 
d. h. die Unmöglichkeit der Annahme einer protrahirten Schwanger- 
schaft in concreto zu behaupten. Ferner gehört hieher der oben mit- 
getheilte Fall des Frejstellers S. (Fall 14.), welcher an Tuberculosc 
sterbend, noch den Beischlaf ausgeübt haben musste, um der Vatei 
des am 302. Tage nach seinem Tode geborenen Kindes gewesen zu 
sein. Das dritte Moment zur Begründung des gerichtsärztlichen ürtheih 
wird das Zurückgehen auf die individuellen Menstruationsperioden dei 
Mutter sein (s. oben). Leider! wird aber hierin in gerichtlichen Fällen 
eine neue Schwierigkeit entstehen, weil es nicht immer möglich sein 
wird, Angaben zu erhalten, die über jeden Verdacht der Unwahrheit 
erhaben sind. 



§. 35. Siperfötati«!!. 

In gewisser Beziehung reiht sich an die Lelire von den Spätge- 
burten die von der Superfötation. Man hat seit Aristoteles die 
Schwängerung einer Schwangeren Ueberschwängerung, Ueberfruch- 
tung (Superfoetatio, Superfoecundatio) genannt***) und die MöglichkeH 
dieses physiologischen Vorganges seit den ältesten Zeiten eben so ofl 
behauptet als bestritten, ein wissenscliartlicher Streit, ier bis in unsere 
Tage hineinreicht. Nun ist aber zunächst nicht zu verkennen, dass di( 

*) Vcr}:l. U.A. den Fall von Dr. Thortsc n, bcireffcnd seinr eigene Gattin, ii 

Casper's Wochenschrift 1843, S. 344, und den Fall von llayn ebendaselbst S. 771 

**) Zweiter Band, spcc. Thl. Casuistik zu dem Paragraphen „Alter der Frucht** 

*••) Einige nennen die frühe Ueberschwängerung Superfoetatio, die Schwängerunj 

einer Schwangern in der spätem Zeit der Schwangerschaft Superfoecundatio ode 

umgekehrt, die erstcre Superfoecundatio ; diese Eintheilung ist aber ohne allen Nutzen 



§. 35. Super fötation. 221 

jT^aarge an sich gar kein practischcs, gerichtlich- med icinisches Interesse 
l^i^-t:^ da die Gesetze überall in dergleichen, etwa zweifelhaft gewordenen 
ir^llen ihre positiven Bestimmungen haben und damit die Competenz 
(l<»^^ Gerichtsarztes ausschliessen, woraus es zu erklären, dass nur zwei 
bit> drei gerichtliche Fälle bei den Aelteren vorkommen, und dass mir 
solt>ist und so vielen Anderen niemals ein streitiger, derartiger Fall vor- 
geht ogt worden ist. Wenn also z. ß. eine Ehefrau in verschiedenen Zeit- 
räLmiiraen zwei Kinder geboren und der Ehemann die Legitimität des einen 
angezweifelt hätte, so würden nach allen Gesetzgebungen die in der 
Bl^e geborenen Kinder als ehelich präsumirt werden, wenn der Termin 
ihror Geburt in die gesetzliche Zeit gefallen wäre u. s. w. Allein auch 
hior dürfen wir, wie bei der Spätgeburt, der Wissenschaft das Rcclit 
selbständiger Forschung, und ihre Pflicht, die Gesetzgebungen aufzu- 
klären, nicht verkürzen, wenn sie diesen mit Gründen entgegentreten 
k£i.viB. Jeder weiss, dass zwei und mehrere Eichen gleichzeitig reifen 
und sich ablösen, folglich gleichzeitig befruchtet werden können, wie 
dio Zwillings-, Drillings -Schwangerschaften u. s. w. beweisen. Der 
Dtxrchgang des Eichens durch die Eileiter bis zur Gebärmutter kann 
sich aber auf acht bis zwölf Tage verzögern, und eine Nachbefruchtung 
eines zweiten abgelösten Eichens nach der eines ersten in etwa die- 
sem Zeitraum kann nach den in der Physiologie der Zeugung ge- 
wonnenen Aufschlüssen keinem begründeten Zweifel mehr unterliegen. 
Aber dieselben Aufklärungen und die Thatsache, dass die Reifung neuer 
Eier in der Schwangerschaft zu den seltensten Ausnahmen gehört, wie 
sie sogar von Vielen noch angezweifelt wird, machen jede Annahme 
einer üeberfruchtung in späterer Zeit nach der ersten Schwängerung, 
z. B. nach Monaten, vollkommen unhaltbar*). Der äussere Muttermund 
verschliesst sich bald nach der Empfängniss und bleibt durch einen 
Schleimpfropf durch die ganze Dauer der Schwangerschaft verstopft. Der 
Uterus kommt bald nach der Befruchtung in einen Congestivzustand, 
seine Wände verdicken, die Dicidua bildet sich u. s. w., und so treten 
vitale Verhältnisse in den Befruchtungsorganen ein, die eine neue Em- 



*) Vgl. über Superfotation Biergmann in R. Wagner^s Handwörterbuch d. 
Pbysiol. III., der ebenfalls mit Recht die späte Ueberschwängerung verwirft. Einen 
neuen Beweis dafür, zu so vielen, von uns angeführten, wie ohne Prüfung nachge- 
schriebene «Citate** in der gerichtlichen Medicin die Thatsacheu so oft verfälscht 
und die Wahrheit verdunkelt haben, verdanken wir der Sorgfalt Bergmannes. Er 
5*Ä^ a. a. 0. S. 140, Anmerkung: „ich darf diese Gelegenheit nicht vorübergchea 
lassen, ohne auf einen Irrthum aufmerksam zu machen, welcher sich in Kopp 's 
Jihrbuch Bd. III. eingeschlichen hat und von da in mehrere deutsche Schriften, 
oMientlich auch in Henke's Lehrb. §. 199. Anm.** ( — und in dessen Abhand- 
lungen Bd. II. S. 28) „übergegangen ist. Verhältnissmässig wenige Leser möchlun 
^^genheit haben, sich durch eigenes Nachsuchen in den Annales de la soc. de 
ro^ de Montpellier zu überzeugen, dass die Beobachtung von Delmas über eine 
'**u, welche I bis 5 Monate schwanger, noch einmal von einem Neger empfangen 
laben sollte, diese fabelhafte Form erst in Kopp 's Jahrbuch angenommen hat. 
Nach dem Original gab die Person an, sie habe sich 4 bis 5 Wochen schwanger 
S^SUubt, als sie den Neger zuliess. Zugleich ist es wahrscheinlich, dass sie sich 
^^^ hierin getauscht oder gelogen hat, da das Negerkind stärker als das andere 
'^•fi und die Person eingestand, mit einem Weissen den Beischlaf fortwährend aus- 
geübt zu haben." Vgl. auch zu diesem ganzen Thema SeydlerinCasper's Viertel- 
jahrsschr. 1862 XXIL 1. S. 144. u. f. und B. S. Schultze, Ucber Supcrfoecun- 
dation und Superfoetation. Jenaische Zeitschr. IL 1—22. 



222 §. 35. Superfötation. 

pfangniss, zumal nach Monaten, nicht recht denkbar machen*). Allein 
diese Gründe müssten schwinden, wenn glaubwürdige Beobachtungen 
entgegenstehende, auf keine andere Weise zu erklärende Thatsachen von 
spät, z. B. nach Monaten, unzweifelhaft erfolgter Superfötation nach- 
gewiesen hätten. Dergleichen liegen aber nicht vor, wie viele, anden 
lautende Erzählungen und Geschichtchen auch seit P. Zacchias be- 
kannt gemacht worden sind. In der „Beobachtung" von Delmas, die 
wir so eben in der Anmerkung erwähnt, lag ganz offenbar von Hause 
aus Selbsttäuschung einer liederlichen Person vor, die mit mehreren 
Männern zuhielt und sich schon vier Wochen schwanger glaubte (!), 
wenn sie nicht geradezu log, und in Deutschland ist dann der FaU 
durch — einen Druckfehler erst zu einem wunderbaren geworden! 

Ein anderer, nicht minder viel citirter Fall, ist der von Fe der 6 nach der Er- 
zählung eines Dr. Desgranges berichtete **), der wahrheitsgemässer scheint. Di« 
Frau des Kräuterhändlers Raymond Villard kommt am 20. Januar 1780 mit einen 
Mädchen nieder, bekommt weder Lochien noch Milchfieber, fühlt drei Wochen spätei 
Kindesbewegungen, der Leib schwillt mehr und mehr an, Desgranges erklärt sie 
für schwanger, und am 6. Juli 1780, also 5 Monate und 16 Tage nach der ersten 
Entbindung genest sie eines zweiten Mädchens, das vollkommen ausgetragen und 
gesund ist. Das Wochenbett verläuft normal, und zwei Jahre später stellt die Muttei 
beide gesunde Kinder zwei Notaren von Lyon vor, „um diese Thatsache zu einei 
richterlichen, authentischen zu erheben, und um, nach ihrer Erklärung, in diesei 
notariellen Verhandlung theils Herrn Desgranges ihre Dankbarkeit zu beweisen, 
theils um Frauen, die sich in einem ähnlichen Falle befinden möchten, und derei 
Mann vor der Geburt der beiden Kinder gestorben wäre, einen Präcedenzfall en fa- 
veur de leur vertu und des Zustandes des zweiten Kindes zu geben. ^ Jedem ge- 
richtlichen Arzte wird gerade dieser auffallende Schritt der „tugendhaften** und 
ihrem Arzt daftir, dass er sie entbunden hat (!), so dankbaren Frau den ganzen Fall 
' zu einem völlig unglaubwürdigen machen. Abgesehen davon, dass man irgend etwas 
Genaueres über den Körperzustand beider Neugebornen gar nicht erfährt, fragt man 
sich billig, was eine Ehefrau bei reinem Gewissen veranlassen kann, einen so ganz 
unerhörten Schritt zu thun? Ihre Gründe erinnern stark an das: qui s^excuse 
s'accuse und machen das Motiv, den Ehemann absichtlich recht sicher zu stellen, 
mehr als wahrscheinlich! — Eine fernere ^Beobachtung, die Henke beweisend za 
sein scheint ***), ist die viel genannte von Maton. Sie betraf eine Italienerin, die 
vor und nach der fraglichen Entbindung Zwillingsgeburten gemacht hatte. Sie ge- 
bar am 12. November 1807 ein männliches Kind mit „gehöriger Reiffe*^ und am 
2. Februar 1808, also 81 Tage später (nicht 86, wie Henke rechnet), ein anderes 
männliches, ^völlig ausgetragenes ^ Kind, (üeber Placenta, Nabelschnur u. s. w. 
erfahrt man hier so wenig, wie in irgend einem der übrigen Fälle.) 

Es liegt sehr nahe, in diesem Falle bei einer Frau, die zweimal 
Zwillinge geboren hat, nichts Anderes zu sehen, als eine dritte Zwil- 
lingsempfangniss. Die „gehörige Reife", die wieder ein unbestimmter 
Ausdruck ist, konnte das Erstgeborene z. ß. mit 210 Tagen sehr wohl 



*) Kussmaul (vom Mangel u. s. w. der Gebärmutter. Würzburg 1859. S. 285] 
findet im Zustande der geschwängerten Gebärmutter in den ersten 2 — 3 Monaten 
kein ^absolutes'* Hinderniss zur Nachempfängniss. 
♦♦) Devergie a. a. 0. S. 471. 
♦♦♦) Abhandl. a. a. 0. S. 40. 



S' 



§. 35. Superfötation. '^23 

•^n, und wenn 81 Tage später der andere Zwilling mit 291 Tagen 
oren wurde, so wird er wohl „völlig ausgetragen" gewesen sein, 
xicicji es wird stattgefunden haben, was so häufig als Superfötation ge- 
tÄxx^scht hat, dass nämlich Zwillinge vorhanden, von denen das eine 
^lot>€nd oder todt) zu früh und das Andere später geboren worden, Er- 
fathr^ungen, die jedes geburtshülfliche Lehrbuch beschrieben hat*). Ja in 
allein Fällen, in denen die Zeichen der Entwickelung und Reife der ge- 
born^en Früchte nicht angegeben sind, liegt die Annahme der Zwillings- 
sot^ ^Sängerschaft viel näher, als die der Ueberfruchtung, so z. B. in dem 
Falle von Thielmann (Gaz. hebdom. U. S. 776), wo eine russische 
erin zweimal in 52 Tagen von einem „kleinen" (!), aber lebenskräf- 
rk Mädchen, und von einem zweiten „lebenden** Mädchen entbunden 
le. Im üebrigen haben Späth 's Beobachtungen.**) erwiesen, dass 
nicht einmal aus den Grössenverhältnissen von Zwillingen der spä- 
Schwangerschaftsmonate eine üeberschwängerung beweisen könne, 
AsL selbst in Fällen, in denen beide Kinder lebten und in einem gemein- 
seliaftlichen Chorion eingeschlossen, folglich bestimmt nur Früchte eines 
Beischlafs waren, dieselben nicht selten an Grösse sehr verschieden ge- 
{ciiiden wurden. So fand Späth einmal bei Zwillingen, deren Nabel- 
sclinurarterien deutlich in der Fötalflache der Placenta anastomosirten, 
eine Differenz der Körperlänge von 1 Zoll 2 Linien, im Kopfumfange 
von 10 Linien und im Gewicht von 28 Loth, während ein andermal bei 
nicht reifen Zwillingen mit gleichen Anastomosen der Längenunterschied 
sogar 3 Zoll und der Unterschied des Kopfumfanges 1 Zoll 8 Linien 
betrug. — Die oben erwähnten sind die berühmtesten „Beobachtungen** 
von Üeberschwängerung***), die gewiss einer solchen, nach Monaten 
entstandenen, nicht das Wort reden. Allein es giebt noch eine kleine 
Seihe anscheinend viel beweisenderer Fälle, solche nämlich, in denen 
Kinder verschiedener Race kurz nacheinander von einer Mutter ge- 
boren wurden. Der hierhergehörige Fall von Delmas ist bereits ge- 
würdigt worden. Ein viel citirter Fall von Buffon ist offenbar gefälscht, 
denn eine Weisse kann nicht ein weisses und ein Negerkind gebären, 
sondern nur ein Mulattenkind, wenn sie sich, wie diese Frau in Süd- 
Carolina, hintereinander mit ihrem weissen Ehemann und mit einem 
IJeger fleischlich vermischt hatte. Ganz dasselbe gilt von der weissen 
Dienstmagd in Amerika f), welche Zwillinge gebar, ein weisses und 
ein schwarzes Kind, während noch zwei andere, von Henke a. a. 0. 
zusammengetragene Fälle von Zwillings-Geburten von einem Neger- 
ünd einem Mulatten- und von einem weissen und einem Mulattenkinde, 
die ähnhchen Fälle von Hilleft) ^^^ von Attaway fff) und andereFälle 
von verschiedenfarbigen Zwillings-Geburten, abgesehen von leicht mög- 

*) Auch die neuesten Fälle von Schuster, Allg. Wien. med. Ztg. 1871 No. 32 
and Chencry, Brit. med. and surg. Joum. 1871 April 13 gehören hierher. 

P Zeitschr. der K. K. GeseUschaft der Aerzte. Wien 1860. No. 16 u. 17. Vcrgl. 
M^noch Braun, Wiener Wochenschr. 1859. No. 10. 

) Einen Fall von Eisenmann hatDevergie a. a. 0. S. 470. kritisch gewür- 
digt und abgethan. Wir verweisen auf dessen Kritik, 
t) Dewees, s. Henke's Abh. a. a. 0. S. 29. 
tt) Casper's Wochenschr. 1843. No. 4. 
ttt) Henke's Zeitschr. 1855. S. 273. 



224 §. 35. Superfötation. 

liehen Täuschungen*), gar nicht wunderbar sind, da wir nachgewiesen 
haben, dass ein kurz auf den ersten erfolgender, zweiter Beischlaf sehr 
füglich zwei gleichzeitig gereifte (Zwillings-) Eier befruchten kann, mö- 
gen immerhin dann beide Erzeuger von verschiedener Race sein. Bei 
etwaigen künftigen Fällen aber von später Nachfolge eines Kindes 
nach vorangegangener Geburt von anderer Race wird man wohl nicht 
anstehen, den Angaben einer Mutter — verheirathet oder nicht — gränd- 
iich zu misstrauen, die in den zur Welt gebrachten Früchten die 
authentis(;hen Documente ihrer Liederlichkeit liefert, und die hundert 
Gründe haben kann, die Wahrheit zu verfälschen. Wer kommt wohl 
darauf, dass eine Person, die nach längerer, unfruchtbarer Ehe ein Kind 
unterschieben wollte, und nun, während sie die Veranstaltung zum Be- 
trüge traf, schwanger ward, am Ende genöthigt, den Betrug durchzu- 
führen, beide Kinder, das geborene und das untergeschobene, vorzeigen 
und als Kinder in verschiedenen Zeiträumen durch Ueberfruchtung 
erzeugt, vorgeben werde?. Und doch ist ein solcher Fall vorge- 
kommen**)! 

Es bleibt noch die angezweifelte Möglichkeit einer üeberschwänge- 
rung bei doppelter Gebärmutter zu erwägen. Man hat dieselbe für 
unmöglich erklärt, weil sich auch in der zweiten Höhle nach eingetre- 
tener Schwangerschaft eine Decidua bilde (? A. Meckel), weü die 
Scheidewand durch Anschwellung der schwangern Gebärmutter die leere 
zudrücke (F. B. Oslander), weil bei doppelter Scheide die Ausübung 
des Beischlafs wegen Enge derselben unmöglich werde (Metzger) 
u. s. w.. Gründe, die an sich jetzt nicht mehr als vollgültig angenommen 
werden können. Bisch off hat nachgewiesen, dass bei einem Goitas 
sich beide Hörner eines getheilten Uterus mit Saamenfädchen füllen 
können, wonach also Zwillings- Schwangerschaft bei Doppeluterus 
möglich wäre. Hiermit ist aber natürlich das Gegentheil an sich nicht 
ausgeschlossen, und man fragt wieder nach glaubwürdigen Thatsachen. 
Als solche wird ein Fall von Cassan genannt, der im Original***) wie 
folgt lautet: 

„Eine Frau von 40 Jahren, schon Mutter eines Kindes, gebar am 15. Man 
1810 ein kleines Mädchen, dessen Gewicht auf vier Pfund geschätzt wurde (sicl). 
Da der Bauch einen ansehnlichen Umfang behielt und Madame Boivin" (die Be- 
richterstatterin, damalige, sehr bekannte Oberhebeamme in der Pariser Gebäranstalt) 
„einen fremden Körper in der Gebärmutter vermuthete, so ging sie in die Höhle ein, 
die schon sehr zusammengezogen war, ohne etwas darin zu tinden. Wenn man die 
rechter Seits liegende Geschwulst leicht bewegte, so folgte der Gebärmutterhals den 
Bewegungen. ^Vährend zweier Monate empfand die Dame in dieser Geschwulst Be- 
wegungen, die Madame Boiyin wahrnehmen konnte. Am 12. Mai gebar die Dame 
eine Tochter, deren Gewicht auf drei Pfund geschätzt wurde, die klein und bleich 
war und kaum athmete. Diese Person, die seit sehr langer Zeit nicht mehr mit 



*) Ebendas. in einer lesenswerthcn Abhandlung von Albert. S. 272. 
**) F. B. Osiander, Handbuch der Entbindungskunst, i. 2. Aufl. Tübingen 
1829. S. 305. 

***) iiecherches anatom. et physiol. sur les cas d^utorus double et de superfetation. 
Par A. L. Cassan. Paris 1826. 4. S. 36. 



§. 35. Superfötation. 225 

mhrem Ehemann lebte, versicherte Madame Boiyin, dass sie nur dreimal in zwei 

3fonaten, am 15. und 20. Juli und am 16. September 1809, mit dem Urheber ihrer 

Xnüamie, wie sie es nannte, Beziehungen gehabt habe.*' — ,,In diesem Falle ^, setzt 

%)t. Cassan hinzu, „ist es bis zur Eyidenz erwiesen, dass das Erzeugniss der letz- 

-ft^en Empfangniss in einer ^on der ersten getrennten Höhle gelegen hatte, da die 

l^öhle nach Ausschliessung der ersten Frucht yollkommen frei war.^ 

Wir aber meinen, dass es eine sehr starke Zumuthung an die 
-^rissenschaftliche Kritik ist, einen solchen, so äusserst ungenügend ge- 
schilderten Fall für einen Fall von Doppelschwängerung bei Doppel- 
-CB^terus erklären zu wollen! Niemand noch hat sich die leichte Mühe 
genommen, denselben zu analysiren. Man erfährt kein Wort, nicht einmal 
darüber, ob das erste Kind bei der Geburt lebte oder todt war, kein 
'^^ort über die Beschaffenheit der Scheide, des Muttermundes, der Pla- 
o^i^ta beider Kinder, die man sich nicht einmal die Mühe gab zu wie- 
gen, geschweige sonst auf die Zeichen der Ausbildung zu achten u. s. w.! 
iJiid ohne auch nur an die Möglichkeit einer Täuschung Seitens der so 
flüchtig beobachtenden Hebamme zu denken, wird ein blosser Rück- 
schluss auf vorhandenen Doppeluterus als „bis zur Evidenz" richtig an- 
genommen? Wenn wir die Erklärung aufstellen, dass der Beischlaf am 
1 6. September eine Zwillingsschwangerschaft zur Folge gehabt, dass der 
erste Zwilling am 15. März mit 179 Tagen (6 Monaten), das zweite 
Kind am 12. Mai mit 237 Tagen (8 Monaten) geboren worden sei, und 
dass die Hebamme bei ihrer Untersuchung nach der ersten Geburt sich 
getauscht gehabt habe, so meinen wir, dass diese Erklärung nicht 
weniger „ Evidenz ** für sich habe und der alltäglichen Erfahrung mehr 
entspreche, als die vom Doppeluterus. — Ganz anders gestaltet« sich 
der von Generali berichtete Fall*) von einer Frau, die am 15. Pe- 
'^t'iiar 1817 einen lebenden, scheinbar ausgetragenen Knaben und vier 
Jochen später am 14. März einen zweiten lebenden Knaben gebar. 
^J^^ erste Kind lebte 45, das letzte 52 Tage. Im Jahre 1847 starb 
d*^se Frau, und hier hat wenigstens die Section einen getheilten Uterus, 
J^^€ Hälfte mit einem Eileiter versehen, nachgewiesen. Zwei andere, 
^ a. 0. mitgetheilte Fälle von Duges und Billengren, in denen 
°V" die Manualexploration, nicht die Section, einen getheilten oder 
wtxen doppelten Uterus ergab, gewähren nicht die Ueberzeugung des 
^»>^ii genannten Falles und gehören eher in die Kategorie der Cassan'- 
^^en Beobachtung**). 

Man hat endlich noch von Ueberschwängerung in dem Falle ge- 
^P^ochen, wo bei einer bereits bestehenden Extrauterin- noch eine In- 
^^Uterin- Schwangerschaft zu Stande kommt. Diese Fälle haben gar 
^^ine Bedeutung für die gerichtliche Medicin, denn die Thatsache der 
^trauterin-Schwangerschaft wird selten oder nie mit forensischer Sicher- 



•) Aus dem Bulletino delle scienze med. di Torino in der med. Vereins-Zeitung. 
wlin 1850. No. 43. 

•^ Für den Fall von Moebus (Henke's Zeitschr. 31. 2. S. 443), in welchem 

^ 33 Tagen zwei vollkommen reife Kinder geboren wurden, stellt Kuss mau l (a. a. 

^* S. 302) mit Recht die Vermuthung auf vorhandenen Doppelutorus auf, wie der- 

«fte im Falle von Bark er an einer Lebenden bestimmt nachgewiesen wurde, die 

^ U Tagen zwei reife Kinder, einen Knaben und ein „kleines** Mädchen, gebar. 

CAipcr-Llmftii. 6«riehÜ. Med. 7. Aufl. L J5 



226 §. 36. Unbewusste und verheimlichte Schwangerschaft. 

heit festgestellt, die Frucht wird nie lebend geboren werden kSnn 
u. s. w. Eine derartige Schwangere ist für den Gerichtsarzt nich 
anderes, als eine kranke Schwangere. 

Es müssen sonach in Betreff der Superfötation folgende Sätze an 
gestellt werden: 1) Die überwiegende Mehrzahl aller bekannten FäL 
von angeblicher Ueberschwängerung beruht auf absichtlicher od 
auch auf Selbsttäuschung. 2) Namentlich ist eine grosse Za! 
derselben nicht anders, denn als Zwillingsschwangerschaft za de 
ten. 3) Die abermalige Befruchtung einer bereits und zwar spätes 
vor mehreren Tagen Befruchteten kann durch wissenschaftliche Grün 
nicht in Abrede gestellt werden. 4) Eine Schwängerung ein' 
bereits seit Wochen oder gar seit Monaten Schwangern ist noch nich 
unzweifelhaft nachgewiesen. 5) Die Möglichkeit einer Doppe 
Schwängerung bei Doppeluterus kann nicht geradezu zurückgewiesen 
werden. 

§. 36. ünbewisste «nd Terkeinliekte SekwangersekafL 

Seitdem alle neueren Strafgesetzbücher die blosse Verheimlichun 
der (unehelichen) Schwangerschaft nicht mehr mit Strafe bedrohen, ha 
die Frage: ob eine Person schwanger sein könne, ohne dass sie 
weiss? ihren practischen Werth für die gerichtliche Mcdicin so ziem 
lieh verloren. Nur in Beziehung auf streitige Fruchtabtreibung, ferne: 
dann, wenn es sich richterlich um die Abmessung der Schuld einer 
der heimlichen Beseitigung der gebomen Leibesfrucht Angeklagten han- 
delt, die (wie so häufig) vorgiebt, von der Geburt, die sie gar nicht 
geahnt habe, überrascht worden zu sein,' und in einzelnen civilrecht- 
lichen Fällen kommt die Frage noch zur Competenz des Gerichtsarztes. 
Sie wird aber in jedem Einzelfalle leicht zu entscheiden sein. 

Man muss nämlich absichtliche und unabsichtliche Verheimlichung 
der Schwangerschaft unterscheiden. Ich habe sehr oft, wie jeder Andere, 
in der ärztlichen Praxis erlebt, dass verheirathete Frauen, die aus wie- 
derholten Schwangerschaften sehr gut die Zeichen und Wirkungen der- 
selben kannten und nicht wünschten, den Ehesegen noch immer ver- 
mehrt zu sehen, aus hundert Gründen an die neue Schwangerschaft 
selbst bis in die spätesten Monate nicht glauben wollten und für jedes 
Zeichen eine andere Erklärung bereit hatten. Bald war die Conception 
während des Nährgeschäfts erfolgt, was die Frauen mit so grossem 
Unrecht nicht für möglich halten; bald war nach langjähriger Pause, in 
einem meiner eigenen Fälle nach dreizehn Jahren, eine neue, längst nicht 
mehr gefürchtete Schwangerschaft eingetreten; bald verdunkelten neben- 
herlaufende Krankheiten die Zeichen derselben; bald sollte gerade der 
fragliche Beischlaf ^unmöglich" haben Befruchtung bewirken können, 
worüber die erfahrensten Frauen in gleicher Täuschung wie die uner- 
fahrensten Mädchen befangen sind; bald hatten bedeutende Menstrua- 
tions-Anomalien die Rechnung verrückt u. s. w. Zahlreiche derartige 
Fälle sind in der Literatur verzeichnet. Aber in allen solchen Schwan- 
gerschafts-Fällen waltete bona fides ob, und es ist menschlich und 
glaubwürdig, wenn ein junges, sechszehnjähriges Mädchen ihren hoch- 
aufgetriebenen Unterleib unbefangen umherträgt, weil, wie sie endlich 








§. 36. Unbewusste und verheimlichte Schwangerschaft. 227 

Bstand, „der Baron N., der sie von einem Balle nach Hause fuhr und 
n einziges Mal bei ihr war, sie hoch und theuer versichert hatte, dass 
IS erste Mal nie Folgen habe***). Aber die Unbefangenheit, die bona 
les, hört auf, so wie der Fall ein gerichtlicher, ein Fall streitiger 
teressen geworden, und der gerichtliche Arzt mit demselben befasst 
rd. Dann wird die Erfahrenste wie die Unerfahrenste mala fide sein, 
jnn sie ihre Interessen vertheidigend, nicht weiss oder nicht zu wissen 
rgiebt, dass sie — „wenn auch nur einmal" — Gelegenheit zu einer 
hwängerung gegeben ! Im Verlaufe der Criminal- Voruntersuchung oder 
s Civil-Processes , ja in der blossen Voraussicht eines richterlichen 
jrfahrens, fortwährend auf ihren Körperzustand hingeführt, muss ihr 
3 Summe der auffallenden Veränderungen in ihrem Körper bei vor- 
hreitender Schwangerschaft als das, was sie bedeuten, bewusst wer- 
«, und sie wird, immer in der Erinnerung an die Anteacta, von dem 
lauben an die Möglichkeit einer Schwangerschaft mehr und mehr zur 
eberzeugung von der Thatsächlichkeit derselben gelangen müssen. Das 
ühere Preussische Strafgesetz hatte deshalb keine ungerechtfertigt harte 
estimmung, wenn es die Unwissenheit der Schwangeren nach vollen- 
3ter dreissigster Schwangerschaftswoche nicht mehr annahm, und der 
erichtsarzt wird, in der Mehrzahl aller Fälle, nicht irren und es mit 
5inem Gewissen verantworten können, wenn er, mindestens im letzten 
'littel, eine unbewusste Schwangerschaft, d. h. eine unabsichtliche Ver- 
^imlichung nicht mehr annimmt. Nur wo jene Erinnerung an den 
^hwängerungsact nicht vorhanden, also in den seltenen Fällen von 
^hwängerung in bewusstlosen Zuständen, oder bei schwach- oder blöd- 
nnigen Personen, würde eine Ausnahme zu machen sein. Und wie 
b^rall Einzelfälle von so abweichender Gestaltung in der Gerichtspraxis 
>ikommen, dass sie eine Ausnahme von der allgemeinen Regel bedin- 
513, so kann auch bei dieser Frage eine Concurrenz von Umständen zu 
unsten der Schwangeren sprechen. So verhielt sich z. B. ein Fall, 
-r vor langen Jahren ein Superarbitrium der „wissenschaftlichen De- 
Station" veranlasste, in welchem eine junge, sehr verstandesschwache 
^d ihre Schwangerschaft bis zur Niederkunft angeblich unabsichtlich, 
^il deren unbewusst, verheimlicht hatte. Die Gründe, welche die Ober- 
^^dicinal-Behörde bewogen, das Vorgeben als gerechtfertigt anzuneh- 
'^n, waren die: dass die l^erson von ihrem Schwängerer fortwährend 
^tleuern gehört hatte, „dass er ihr gar nicht so nahe gekommen, um 
^hwängerung bewirken zu können", dass sie als Erstgeschwängerte 
^^h keine bezüglichen Erfahrungen gehabt, dass sie sich erweislich 
^d zwar beim Stehen in einem Flusse, in welchem sie Wäsche wusch, 
*^k erkältet hatte, dass sie das bald nachher erfolgte Ausbleiben der 
Ä^nses, da^ Stärkerwerden des Leibes u. s. w. auf diese Erkältung 
s^hob, und endlich, dass der Wundarzt, an welchen sie sich deshalb 
^^ndte, sie durchaus in dieser Annahme bestärkte und ihr fortwährend 
Mittel verordnete, um den unterdrückten Monatsfluss wieder herzu- 
stellen. — Wir meinen sonach, dass diese, jetzt überall nicht mehr so 
häufig als früher vorkommende Frage nicht schwer in jedem einzelnen 
falle vom gerichtlichen Arzte wird entschieden werden können. 



•) Gadermann in Hcnke's Zcitschr. 184G. 3. S. 87. 

15* 



228 §. 36. Unbewusste und verheimlichte Schwangerschaft. 108. Fall. 

An das Thema von der Schwangerschaft knüpft sich ausser den. 
hier behandelten, noch die Frage von den Gelüsten der Schwangeren, 
auf die wir unten zurückkommen. 

Da die Casuistik der^ons gerichtlich vorgekommenen, streitigen Schwanger» 
Schaftsfälle überall nur die Feststellung der zweifelhaft gewordenen Diagnose der* 
Schwangerschaft, folglich nichts Eigenthümliches betraf, so haben wir dieselbe hier 
nicht weiter anzuführen. 

Nur eines Falles muss ich an dieser Stelle gedenken, weil <yr ein Beispiel kras- 
sester Unwissenheit oder Leichtsinns ist und dem am Schluss des folgenden K&piteU 
mitzutheüenden würdig an die Seite gesetzt zu werden verdient. 



108. PaU. 

In dem an dramatischen Incidenzpunkten so reichen Process gegen den Vor- 
steher einer hiesigen Idiotenanstalt B., wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen 
mit den Zöglingen, war, nach Ueberführung derselben in eine andere Anstalt, Sei- 
tens des Vorstehers dieser letzteren, des Dr. H., einige Tage vor der öffentlichen 
Verhandlung eine Anzeige eingegangen, dass die 14jährige idiotische Louise M. im 
sechsten Monate schwanger sei, und war für diese Thatsache noch das Attest eines 
anderen Arztes und einer Hebeamme heigehracht. Wenn die Geschwomen und 
Richter nach den Aussagen der vor der Louise M. vernommenen, drei his vier idio- 
tischen Mädchen noch Zweifel hegen konnten, oh diesen Aussagen, welche den B. 
schwer gravirten, Glaubwürdigkeit beizumessen sei, so musste jeder Zweifel anschei- 
nend schwinden, als dieses Mädchen, den Bauch hochtragend und watschelnden 
Ganges, in den Saal geführt wurde, und als sie in ihrer Weise bestätigte, dass B. 
sie gebraucht, ja aus ihren Aeusserungen man auch schliessen konnte, dass sie mit 
einem Soldaten zu thun gehabt habe. 

Dieses ihrem Alter von 14 Jahren körperlich entsprechend entwickelte Mädchen 
zeigte sich mir in der Voruntersuchung als höchst unentwickelten Geistes, konnte 
nicht lesen, schreiben, noch rechnen, wusste das Gebot „Du sollst nicht tödten^, 
aber wusste nicht zu sagen, was „tödten^ sei, auch nicht, ob Jemand, der todt sei, 
noch lebe, und hatte gelegentlich des ersten Verhöres nur angegeben, dass B. an 
ihre Geschlechtstheile gefasst und den Finger hineingesteckt habe. 

In dem Audienztermine — ich führe diese Aussagen an, gleichzeitig quoad 
der Bedeutung der Vernehmung von Idioten, denn ähnlich unsinnig, ja unmöglich 
waren die Aussagen der Anderen — gab sie an, B. habe ihr auf dem Appartement 
sein Ding hineingesteckt und sie selbst hineinwerfen wollen, dann zugeschlossen 
und die Kinderfrau habe sie herausgeholt. Ein Knabe wollte vom Hofe aus B. in 
dem eine Treppe hoch gelegenen Zimmer mit dem Mädchen im Bett haben liegen 
sehen, das Mädchen unten, der B. oben, und die Ehefrau des B. habe dabeigeses- 
sen II etc, etc. 

Das Mädchen, welches ich bereits in der Voruntersuchung in Bezug auf etwa 
vorhandene, örtliche Erscheinungen als Folgen eines Attentates zu untersuchen hatte, 
zeigte auch bei meiner abermaligen, während des Audienztermines Behufs Feststel- 
lung ihrer sechsmonatlichen Schwangerschaft vorgenommenen Untersuchung, eben 
nur behaarte Geschlechtstheile, war noch nicht menstruirt; das Jungfernhäutchen 
war fleischig, aber nicht mit Randeinrissen versehen; der Scheideneingang nicht 
erweitert. Der Bauch anscheinend stark ausgedehnt. Die Palpation liess keinen 



§. 35. Unbewusste und yerheimlichte Schwangerschaft. 108. Fall. 229 

festen Körper in demselben erkennen, ebensowenig die Percnssion. Die Geschwulst 
bestand aus einer lipomatösen Wucherung des Unterhautfettgewebes von der Kabel- 
gegend an bis zu der Unterbauchgegend, die bei einigermaassen aufmerksamer Un- 
tersuchung gar nicht für eine durch einen yergrösserten Uterus erzeugte Volumsver- 
jnehmng des Bauches gehalten werden konnte. Die Scheide war eng; der Gebär- 
jDutterhals kindlich, lang, rabenfederdick, biegsam, mit einem schmalen, qnerge- 
forchten Muttermund. Es bedarf keiner Erwähnung, dass auch auscultatorisch nichts 
erhoben wurde. Die Brüste unentwickelt, der Warzenhof schmal und rosaroth. 

Hiemach war kein einziges Zeichen einer bestehenden Schwangerschaft, ge- 
schweige denn einer sechsmonatlichen vorhanden, und konnte mit Bestimmtheit die 
Abwesenheit einer Schwangerschaft bei der Louise M. behauptet werden. 

Dies Gutachten erschütterte indirect die Anklage auf das Erheblichste, die aus 
noch vielen anderen Gründen mit dem Verdict der Geschwomen auf Nichtschuldig 
hinfallig wurde. 



Dritter Abschnitt. 



Streitige Geburt 



Gesetzliche Bestimmungen. 

S. cweitcr Band, spee. ThI. 2. Abtheilung und ausser den dort angeführten Gesetsesstellen: ^, 

Deutliches 8 traf gesetsb. §. 1<>9. Wer ein Kind unterschiebt oder vorsätslich venvechself'» ^^ 

wer auf andere Welse den Personenstand eines anderen vorj^&tzlich verändert oder unterdrückt, wt.^*'^^ ^^ 
Gefängnis« bis su drei Jahren, und wenn die Handlung in gewinnsüchtiger Absicht begangen ward-^^*^ 
Zuchthaus bis su sehn Jahren bestraft. ^o** 

$. 291. Wer eine wegen Jugendlichen Alters, Gebrechlichlieit oder Kranlcheit hülflose Per«o*^ ^«fw 

setst, oder wer eine solche Person, wenn dieselbe unter seiner Obhut steht, oder wenn er für die C-^ Ar-it, 
bringung, Fortschaffmig oder Aufnahme derselben xu sorgen hat, in hAlfloser Lage vorsatxlich Te^^^^ 
wird mit Gefängniss nicht unter drei Monaten bestraft. 

Wird die Handlung von leiblichen Eltern gegen ihr Kind begangen, so tritt Gefüngnissstrafe 
unter sechs Monaten ein. 

Ist durch die Handlung eine schwere Korperverletzung (§. 224.) der ausgesetzten oder verlas 
Person verursacht worden, so tritt Zuchthausstrafe bis su zehn Jahren, und wenn durch die Hao' 
der Tod verursacht worden ist, Zuchthausstrafe nicht unter drei Jahren ein. 

Oes err. 8t rafges. §.339. Eine unverehelichte Frauensperson, die sich schwanger befindet, 
bei ihrer Niederkunft eine Hebamme, einen Geburtshelfer, oder sonst eine ehrbare Frau sum B«isl 
rufen. Ware sie aber von der Niederkunft übereilt oder Heistand zu rufen verhindert worden, nn^ 
hätte entweder eine Fehlgeburt gethan, oder das lebendig geborene Kind wäre binnen 24 Standen 
der Zeit der Geburt an verstorben, so ist sie verbunden, einer zur Geburtshülfc berechtigten, oder« 
eine solche nicht zur Hand, einer obrigkeitlichen Person von ihrer Niederkunft die Anzeige sa marli' 
und derselben die unzeitige Geburt oder das todte Kind vorzuzeigen. 

§. ,140. Die gegen diese Vorschrift geschehene Verheimlichung der Geburt wird nach Herstella*. 
der Verheimlichenden als Uobertretung mit strengem Arreste von 3 bis 6 Monaten bestraft. 

Kbds. §. 149. Wer ein Kind in einem Alter, da es zur RettunE seines Lebens sich selbst Hülfe lo 
schnfTen unvermögend ist, weglegt, um dasselbe der Gefahr des Todes auszusetzen, oder auch nor, nn 
■eine Rettung dem Zufall zu überlassen . begeht ein Verbrechen , was immer für eine Ursache ihn dui 
bewogen habe. (Folgen die Strafparagraphen.) 

Entw. Geste rr. Straf ge setz b. §. ISa. analog. §. lt^9. D. Strafgesetib. 

Ebds. §. 232. analog. §. 221. D. Strafgesetzb. 

Ebds, §. 4,S8. Eine unverehelichte oder von ihrem Manne gerichtlich geschiedene Franenapersoo. 
weiche ein todtes Kind zur Welt bringt, oder deren Kind binnen vierundzwanzi); Stunden nach der l»e- 
bart stirbt, ist, wenn sie die Anzoig-« hier\on einer zur GeUurtshüIfe berechtigten »nler obrigkeitlichea 
Person zu machen unterläs^t, oder dersolbon auf Vorianjton d.i* t.Hl:o Kind nicht vorzeigt . mit Haft za 
bestrafen. 

§. 37. .UlgifMeines. 

Der Thatbestand einer überstandenon Niederkunft wird in allen 
denjenigen Fällen zweifelhaft und Uniersuchungsgegeustand für den ge- 





§. 37. Allgemeines. §. 38. Diagnose der Geburt. 231 

riolm"tlichen Arzt, in welchen es die vorläufig noch streitige Schwanger- 
soli^Ä'ft wird, weil sie bald muthmaasslich vorgeschützt, bald muthmaass- 
lich verheimlicht worden war (§. 28.). 

Wir haben schon angeführt, dass und warum die Frage von der 
z^roi feihaften Geburt weit häufiger in foro vorkommt, als die von der 
SchiÄ/'angerschaft. Weit seltener ist dies bei der Geburt der Fall in civil- 
recHtlicher als in strafrechtlicher Beziehung; in ersterer überall da, wo 
scJiori die Schwangerschaft ein streitiger Punkt wurde, wozu bei der 
Niederkunft noch der Fall hinzukommt, in welchem es zweifelhaft wird, 
ob nicht ein angeblich geborenes Kind ein bloss untergeschobenes sei; 
in strafrechtlicher Beziehung, in einigen anderen Ländern als in Deutsch- 
land dann, wenn Verdacht entsteht, dass eine uneheliche Person heim- 
licli geboren habe, da manche Gesetzbücher die Verheimlichung der Ge- 
burt oder die Veranlassung einer hülflosen Niederkunft mit Strafe be- 
drohen*), so dass also im Falle einer (weil verheimlichten) geleugneten 
Geburt der Thatbestand untersucht werden muss. Aber auch in Deutsch- 
land kommen trotz der aufgehobenen Strafe für die Verheimlichung der 
Geburt diese Untersuchungen fortwährend vor, da das Strafgesetz die 
"©imliche Beseitigung eines Leichnams — was vorzugsweise in der Praxis 
™i* Leichen Neugeborner zur Sprache kommt — mit allerdings sehr ge- 
^^<ier Strafe bedroht**), und ebenso das Aussetzen von Kindern, nicht 
^^Iten aber in solchen Fällen Frauenzimmer, die dieser Vergehen ver- 
^Äcltig geworden, die That und die Mutterschaft überhaupt läugnen. 

In vielen anderen Fällen ferner wird die Untersuchung und Fest- 
^*^lJung einer geläugneten Niederkunft gefordert bei wirklich oder muth- 
^^^^sslich verübtem Kinder- oder Fruchtmord, wobei nichts alltäglicher, 
^Is ein anfangliches Läugnen der Geburt überhaupt Seitens der Ange- 
^pliuldigten. Li diesen Fällen kommt endlich noch eine Reihe von wich- 
*^geii Nebenfragen, die sich an das Thema von der Geburt knüpfen, vor, 
^ B. betreffend Verletzungen des Kindes, die es durch den Gebäract 
^^vongetragen haben soll, oder das unbewusste Gebären, die Selbst- 
^ülfe der Kreissenden und deren Folgen für das Kind, die Geburt im 
^tehen, das Ueberraschtwerden von der Geburt, der Kindessturz auf 
^^n Boden u. s. w., Fragen, die wir hier übergehen, da sie im zweiten 
^^nde erwogen werden***). 

§. 38. Biagnose der (lebiurt. 

Es ist bekannt, wie sehr viel leichter in streitigen Fällen die Frage : 

^t eine Person wirklich geboren habe? zu lösen ist, wenn die Unter- 

^chung in den ersten Tagen nach der wirklichen oder angeblichen 

«iederkunft, als wenn sie nach vielen Wochen, Monaten oder nach Jahr 

^d Tag gefordert wurde. 

Eine Reihe sehr guter Zeichen verschwindet mehr oder weniger 
^d nach der Niederkunft und kann folglich später für die Diagnose 
nicht mehr benutzt werden, während andere allerdings als unauslösch- 



•) Häberlin a. a. 0. S. 66. Die Oesterr. gesetzliche Bestimmung s. oben. 
•*) D. Str.-G. §. 367. 50 Thlr. Geldbusse oder Haft. 
•^ Spec ThL, 2. Abth., 3. Kap. 



232 §. 39. Diagnose der Gebart, a) Verschwindende Kennzeichen. 

liehe Spuren der wirklichen Niederkunft am weiblichen Körper zurück- 
bleiben. 

Wenn nun im Allgemeinen auch freilich die Entscheidung fibei 
eine zweifelhafte Entbindung zu den wenigst schwierigen Aufgaben dei 
gerichtsärztlichen Thätigkeit gehört, so lehrt doch die Erfahrung, dass 
jene Entscheidung in nicht gar wenigen Fällen doch nicht so gana 
leicht, ja dass sie zuweilen im concreten Falle ganz unmöglich ist 

Nicht leicht ist sie, wenn die Geburt die einer Frucht in den aller- 
ersten, ja selbst in den ersten vier bis fünf Monaten gewesen, und 
wenn dann wohl noch obenein eine längere Zeit nachher vor der Unter- 
suchung verflossen war; ganz unmöglich aber wird die Entscheidung 
in jenen uns sehr häufig vorgekommenen Fällen, in denen eine gewisse 
Geburt in Frage stand, d. h. wo festzustellen war: ob die Person vor 
Monaten etwa an dem und dem Tage geboren gehabt habe, während 
sie diese Niederkunft bestreitet, wohl aber einräumt, schon früher ein, 
zwei Kinder geboren zu haben. Denn die mehrfache Geburt ist nicht 
mit einiger Sicherheit durch die Untersuchung der Veränderungen am 
Körper von der einfachen Geburt zu unterscheiden, namentlich weil die 
verschiedene, individuelle Körperbeschaffenheit hierbei sehr störend, z. B. 
in Beziehung auf mehr oder weniger vorhandene Erschlaffung der Bauch- 
decken, entgegentritt. 

In einem recht betrübenden Untersuchungsfalle hatte eine yerheirathete Frai 
von 48 Jahren gegen eine alte, 75jährige, bis dahin ganz unbescholtene Hebanim< 
denuncirt, dass sie ihr in den drei letzten Schwangerschaften die Früchte mit Ge« 
walt abgetrieben gehabt habe, was zaletzt vor zwei Jahren geschehen sein sollte 
Beide Weiber wurden verhaftet. Die Hebamme und der Ehemann der Frau woUtei 
durchaus von nichts wissen. Diese aber hatte in ihrer Ehe sieben reife Kinder ge 
boren, war jetzt krank und bejahrt, ihre Brüste, Bauchdecken und Genitalien zeig 
ten die Folgen so vielfachen Gebarens, aber keine Spuren etwaiger Verletzungen 
und wir mussten sonach erklären, dass in keiner Weise die ärztliche Untersuchung 
dieses Körpers die Anschuldigung zu begründen oder zu widerlegen vermöge. (Be 
unsem wiederholten Explorationen traten aber sichtliche Zeichen von Geistesstörun{ 
bei der Frau hervor, und es ergab sich endlich, dass sie wirklich geisteskrank un( 
von der fixen Idee jener Fruchtabtreibungen befallen war, von welchen der Verlan 
der Untersuchung auch nicht eine Spur ergab. — Die alte unschuldige Hebamm 
aber starb im Untersuchungsgefängniss I) 

Wir theilen die Kennzeichen einer überstandenen Geburt in ver 
schwindende und dauernde, von denen jene nur die kürzlich, diese aucl 
die vor Jahren schon erfolgte Niederkunft beweisen können, und wür 
digen sie in Folgendem. 



§. 39. Fertsetiung. t) Yersehwindende Kennzeiehen. 

1) Zeichen eines gestörten Allgemeinbefindens, wie aufifal 
lende Blässe oder geröthetes Gesicht, Schwäche, unsicherer Gang, feuchte 
warme Haut, erregter Puls, erhöhte Temperatur, ßlutbesudelung de 
äusseren Genitalien und deren Umgebung. Gewiss sieht man dies» 
Symptome in den ersten 24 — 48 — 60 Stunden bei einer grossen Mehr 



§. 39. Diagnose der Geburt, a) Verschwindende Kennzeichen. 233 

von Wöchnerinnen in der Privatpraxis; für die gerichtliche 

:is aber treten auch hier andere Bedingungen ein, und verlieren 

Zeichen ihren Werth. Viel hängt bei ihnen schon überhaupt von 

Incl i vidualität, Stand, Lebensweise u. s. w. ab, und dazu kommt, dass 

die "heimlich Entbundene, die ein Interesse hat, ihre Geburt ferner zu 

verli cimlichen , durch Festigkeit des Willens ihre Hinfälligkeit und 

Scli-^väche zu überwinden weiss, um so mehr, als die betreffenden Sub- 

jecte gewöhnlich junge, rüstige gesunde Personen der niedrigen Stände 

sind , die ohnedies die Wirkung der Entbindung nicht zu empfinden 

pflegen, wie eine schwächliche, verzärtelte Dame der höheren Klassen. 

Ga.iiz besonders aber tritt hier noch hinzu, dass, der Natur der Sache 

na^cb, der Gerichtsarzt selten oder nie in den Fall kommt oder kommen 

kann, die Untersuchung der Person in der frühen Zeit vorzunehmen, 

in welcher allein diese Veränderungen noch wahrzunehmen sind. 

2) Nachwehen. Sie sind als Beweismittel für den gerichtlichen 
als gar nicht vorhanden zu betrachten, denn abgesehen davon, 
sie bei Erstgebärenden kaum, und nur bei Mehrgebärenden die 

ten wenigen Tage nach der Geburt empfunden werden, in einer Zeit 

J, in der die Untersuchung selten oder nie geschehen wird, ist die 

■blosse Angabe der Wöchnerin, dass sie Nachwehen empfunden oder 

^^clit empfunden habe, als rein subjective Angabe in gerichtlichen Fällen 

keinem Werth. 

3) Turgescenz in den Brüsten, die sich bei zarteren, weisseren 
'^irsonen auch wohl durch bläuliche Venenstränge äussert, die die Brust- 

*^3.vit durchziehen, Milchfieber und Milch in den Brüsten. Von die- 
sen wichtigen Zeichen lassen wir das Milchfieber wieder aus dem Grunde 
^Tisscheiden, weil es in den ersten 48 — 72 Stunden eintritt, also wieder 
^■^ der Mehrzahl der Fälle zur Zeit der forensischen Untersuchung längst 
"^^rschwunden sein wird. Dazu kommt, dass bekanntlich die Milch- 
^^cretion bei sehr vielen Wöchnerinnen ohne alle wahrnehmbare, fieber- 
*^«ifte Reaction eintritt. Die Turgescenz der Brüste kann bei jugend- 
liclien, derben und fetten Personen sehr und um so mehr täuschen, als 
T gerichtliche Arzt bei seiner Untersuchung fast immer ein Subject 
►X' sich hat, das er früher niemals gekannt hatte. Dagegen wird der 
"^fund von Milch in den Brüsten, den man auch bei Leichen betreffen- 
^eu Falls sehr leicht erheben kann, immerhin ein höchst werth volles 
^riterium der stattgehabten Geburt bleiben, wenn auch unzweifelhaft 
^ilch bei Menschen und Säugethieren ohne vorangegangenes Gebären 
"Vorkommt, nicht nur bei Neugeborenen, sondern auch bei Jungfern, bei 
^'ittwen, die lange nicht mehr geboren hatten, ja bei Männern. Allein 
dergleichen Fälle sind im Grossen und Ganzen nur äusserst seltene Aus- 
nahmen und werden sich im concreten Falle als solche, durch den 
t Mangel aller übrigen Zeichen der Geburt, leicht erkennen lassen. Jeder 

L Zweifel wird übrigens bei einer frühen Untersuchung, d. h. vier bis 

ft sechs Tage nach der wirklich stattgehabten Geburt, schwinden, wenn die 

m Brüste noch Colostrum enthalten, welches Fett, Milchzucker und die 

moderen Milchsalze in weit grösserem Maasse enthält, als die Milch, 
^d demnach viel wässriger, opalisirender ist, als diese und unter dem 
Hicroscop neben anfangs spärlichen Milch- (Fett-) Kügelchen, reich- 
Colostrumkörperchen (in fettigem Zerfall begriffene Drüseiiepi- 



234 §. 39. Diagnose der Geburt, a) Verschwindende Kennzeichen. 

thelien) zeigt*). Vom 4. bis 6. Tage nach der Geburt wird die eigen 
liehe Milch abgesondert. In derselben findet man Colostrumkörperch 
sparsam, die Milchkügelchen in grossen Massen. Dass übrigens de 
Nichtbefund von Milch die Niederkunft nicht beweisen kann, bed 
keiner Bemerkung, da es bekannt ist, dass bei Nichtnährenden, wie 
die Weiber in den gerichtlichen Fällen fast immer sind, die Milchsec 
tion sehr bald, oft schon nach wenigen Wochen, vollständig wieder au 
hört (vgl. in Betreff der Brüste §. 40. N. 4.). 

4) Der Wochen fluss, Lochien, die drei bis vier Tage durch- 
schnittlich mehr oder weniger blutige, dann eben so lange andauernde, 
fleisch wasserähnliche, oder auch gelbgrüniich- eiterartige und endlie 
einige, bis zu vier und fünf Wochen, kürzer aber bei nicht Nährende 
dauernde, rein milchartig -schleimig aussehende Ausscheidung aus de 
Genitalien. Die blutigen Lochien enthalten zahlreiche Blutkörperchen, 
verfettete Flimmer-, Cylinder- und Pflaster-Epithelien, Eiterzellen, Fett- 
tröpfchen, Gewebsreste der Decidua, aber keinen Faserstoff. Letztere 
Befund kann aber täuschen, in sofern unmittelbar nach der Geburt 
grosse Mengen reinen Blutes (also Faserstoff) aus den zerrissenen Uterin- - 
gefässen mit abfliessen, wogegen die übrigen microscopischen Befunde 
sehr gut zu verwerthen sind bei etwaigen absichtlichen Blutbesudelungen 
mit Menschen- oder Thierblut bei simulirter Geburt. Schwierig war die 
Entscheidung in einem wichtigen Criminalfall, dessen Einzelheiten uns- 
weiter gar nicht bekannt geworden, in welchem uns von einem aus- 
wärtigen Gericht ein Weiberhemd zur Untersuchung und Begutachtung 
darüber eingesandt wurde, ob die darin sichtbare, sehr starke Blutbe- 
fleckung von Menstruation oder von einer Niederkunft herrühre? Der 
Faserstoff wurde deutlich in diesem angetrockneten Blute erkannt, konnte 
aber an sich nichts entscheiden, und es giebt auch anderweitig kein 
diagnostisches Merkmal zur Unterscheidung von Menstrualblut und 
dem bei der Geburt abfliessenden Blute**). Nur das Aussehen der blut- 
befleckten Stellen, das auf einen Blutstrom schliessen Hess, motivirte 
das Gutachten, dass es wahrscheinlicher sei, dass diese Blutflecke von 
einer Geburt, als dass sie von einer Menstruation herrührten. 

In den fleischwasserähnlichen Lochien und später in den milchartigen 
verlieren sich die Blutkörperchen immer mehr, und die Eiterzellen haben 
an Zahl zugenommen. Ausserdem findet man junge runde Epithelien, 
spindelförmigeBindegewebszellen, Fett, Cholestearincrystalle, Trichomonas 
vaginalis. Schröder***) macht darauf aufmerksam, dass sehr häufig 
nach dem ersten Verlassen des Bettes sich wieder frisches Blut in den 
Lochien zeigt. Die Verwechselung der milchartigen Lochien mit 
dem gewöhnlichen weissen Fluss der Weiber ist bei der äusseren 
täuschenden Aehnlichkeit beider Secrete sehr leicht möglich, während 
die frühesten, blutigen und schmutzig-blutigen Lochien, d. h. der Wochen- 
fluss in den ersten sechs bis acht tagen nach der Entbindung sich als 
solche durch ihren ganz specifischen, mit keinem anderen zu verwech- 





*) Gute Abbildungen von Milch- und Colostrumskügelchcn s. in 0. Funke's 
Atlas der physiol. Chemie. 2. Aufl. Leipzig 185S. Taf. XV. Fig. 1. u. 2. 

**) Dies kann bei zweifelhaftem Abortus sehr wichtig werden. Vgl. ein Gutachten 
von Adelon, IcCanu und Moreau in den Annales d*Hvg. publ. I. 1846. S. 186. 
•••) Lehrbuch p. 167. 



n 





§. 39. Diagnose der Geburt, a) Verschwindende Kennzeichen. 235 

^«Inden Geruch als solche feststellen lassen, den auch kein Betrug her- 

s teilen kann, so dass, da auch keine Krankheit der Genitalien ein so 

pecifisches Secret erzeugt, dieser erste Lochienfluss ein durchaus siche- 

es, diagnostisches Merkmal der kürzlich erfolgten Niederkunft genannt 

erden muss. 

5) Anschwellung der grossen Schaamlippen, erweiterte, er- 
chlaMie, heisse Mutterscheide sind Zeichen von untergeordneter Be- 
eutung und namentlich wieder für die gerichtsärztliche Diagnose von 

em Werthe, da sie schon nach den ersten wenigen Tagen nach 

er Niederkunft, also in der Regel vor der möglichen Untersuchung, 

urch die Zurückbildung der Theile wieder verschwinden, übrigens auch 

anz fehlen bei vorzeitiger Geburt. Dasselbe gilt von Verletzungen, 

inrissen in die Schleimhaut des Scheideneinganges. 

6) Die Gebärmutter bietet wichtige Momente für die Diagnose. 
-^iSoch zwei bis drei Tage nach der Niederkunft ist sie nach einer Geburt 

den späteren Monaten durch die schlafifen Bauchdecken hindurch über 

Schaambeinen hinaufragend und deutlich kuglig anteflectirt fühlbar. 

Xä» der Leiche findet man um diese Zeit die Gebärmutter vergrössert, 

-gjc^eist schlaff, die Höhle weit, die Wandungen breit, die Gefässe auf 

^^sm Durchschnitte weit und klaffend. In der Höhle Blutgerinnsel, die 

hleimhaut blutig durchtränkt, zottig, Deciduareste haften an ihr, die 

Tombosirte Placentarstelle . ist deutlich durch ihr fettiges Aussehen 

nntlich. Der Nachweis der Vergrösserung gelingt auch bei Lebenden 

cht durch die combinirte Untersuchung. Nach sechs bis acht Tagen 

is~t: der Uterus in das kleine Becken zurückgetreten. In den ersten Tagen 

ist: ein Mutterhals nicht zu fühlen, bald aber bildet sich wieder der Hals. 

II>c?r innere Muttermund, der etwa bis zum 10. Tage offen bleibt, contra- 

liixi; sich, der äussere Muttermund bleibt länger offen. Je nach der Grösse 

der abgegangenen Frucht fühlt man an ihm Einrisse. Der Muttermund be- 

l^alt nun seine kreisrunde Form, die er in der (ersten) Schwangerschaft 

angenommen hatte. Nach frühzeitigen Geburten zieht sich der Cervix 

frQlier zusammen, als nach rechtzeitigen, die Ausdehnung der Gebär- 

^iciutter ist selbstverständlich eine geringere. 

Für die Diagnose an der Leiche hat man noch ferner Werth gelegt 
^uf den Befund eines Corpus luteum verum, d. h. eines grösseren gelben 
■^örpers, als er sich nach einer nicht von Befruchtung gefolgten Eiaus- 
losung bildet, welcher die Schwangerschaft überdauere und erst nach 
erfolgter Entbindung verschwinde. Wir können aber hierauf einen beson- 
deren Werth nicht legen, weil, wenn im Allgemeinen bei kurz nach der 
Entbindung Gestorbenen auch ein grosses Corpus luteum gefunden wird, 
dies doch in vielen Fällen nicht der Fall ist, und auch ganz ähnliche 
Corp. lut bei Personen vorkommen, welche nicht schwanger waren. Auf 
letzteren Umstand macht besonders Hof mann aufmerksam*). Bei irgend 
Sorgsamer Erwägung dieser Befunde ist es keine schwierige Aufgabe für 
4^B Gerichtsarzt, den Fall. einer streitig gewordenen kürzlichen Nieder- 
kunft mit Sicherheit zu entscheiden, wenn er nur in die Lage gesetzt 
worden, die Betreffende in den ersten sechs bis acht Tagen nach der 
^klichen oder vorgeblichen Geburt untersuchen zu können. 



V l. c. S. 235. 



236 §. 40. Diagnose der Geburt, b) Dauernde Kennzeichen. 

§. 40. FuUetmg. b) ■•■ende Rekuelehen. 

Unsicherer wird die Entscheidung des Falles, wenn es sich nid 
um eine kürzlich, sondern um eine vor längerer Zeit erfolgte, noc- 
streitige Geburt handelt, da Alter, LeibesbeschafFenheit, Gesundheitszc 
stand der Betreffenden, so wie Alter und Entwickelungsverhältnisse de 
geborenen Frucht die Spuren, die die wirklich stattgehabte Niederkunf 
zurücklässt, im Einzelfalle nicht unwesentlich modificiren. Doch win 
auch hier die Erwägung der Gesamratheit dieser Spuren das Urtheii 
in der grossen Mehrzahl der Fälle befestigen, während einzelne dersel 
ben, an sich betrachtet, Zweifeln unterliegen können. Es gehören dabii 
folgende: 

1) Mangel des Hymen. Wir geben die Möglichkeit zu, das: 
eine Äbortivgeburt in der allerersten Zeit der Schwangerschaft das Hy. 
men ohne Zerstörung desselben passiren könne, müssen aber die um 
wohlbekannten Fälle, die einzelne Practiker beobachtet haben wollen*^ 
vom Durchgang einer ausgetragenea , oder selbst nur einer der Reif 
nahen Frucht durch ein, wenn auch noch so nachgiebiges Jungfernhäut 
chen ohne Zerreissung desselben, für eine Täuschung erklären, die, wi 
wiederholen es, bei diesem Organ leichter möglich ist, als die Mehrzafa 
glaubt. Noch vorhandenes Hymen wird immer ein Beweis sein, das 
keine Geburt eines Kindes in den späteren. Monaten (gewiss schon nich 
vom fünften bis sechsten an!) erfolgt war, während der Mangel des 
selben natürlich nicht das Allergeringste beweist. 

2) Zerstörung des Schaamlippenbändchens ist an sich eil 
wichtiges Zeichen. Das Frcnulum kann gleichfalls bei Abortivgehurten 
in seltenen Fällen auch bei der gewöhnlichen Geburt erhalten bleiben") 
In der Regel aber wird es zerstört und bildet sich , n-ie das zerstört 
Hymen, niemals wieder. Annehmen, das Frenulum könnte ja auch durcl 
eine Verletzung, z. B. einen Fall auf spitze Steine u. dgl., ohne voran 
gegangene Entbindung zerstört worden sein, heisst eine unbegründeti 
Skepsis üben; käme ein solcher merkwürdiger Fall einmal vor, so würdi 
man, abgesehen yom Mangel aller übrigen, betreff'enden Zeichen, unzwei- 
felhaft an der unteren Commissur und Umgegend Narben und anden 
Folgen der erlittenen Verletzung aaffinden. 

8) Enreitertef in ihren Windra faltenlo|se Scheide ist immer- 
blosse Erweitemnj 
i alle Kanäle, der Er- 
langen , wenn aucl 
md zu erweitern pflegt; di( 
L sich in der Mehrzahl dei 
gewöhnlichen Geburl 
^geborten indess und Jugend 
^^ die Beweiskraft schwächen 
i Warzenhüfts, die siel 
verliert sich nacl; 
I andere Pigmentinm- 




§. 40. Diagnose der Qebart. b) D&neradfl KenoieicheD. 237 

gen ans der Schwangerschaftszeit, wie Leberflecke, die dunkle Färbung 
der Mittellinie des Bauches u. s. w., allerdings verschwinden können. 
Ans diesem Grunde ist die Färbung des Warzenhofes immer ein wich- 
tiges Zeichen, und wenn dieselbe, wie ich behaupten muss, nach einer 
aucli nur einmal im Leben stattgehabten Niederkunft nicht vermisst 
mrd nnd freilich deshalb so wenig wie die folgenden Merkmale eine 
best-immte Geburt nach anderen vorangegangenen beweisen kann, so 
wfürde 2, B. eine nicht schmutzig-braun-rothe , sondern licht-rosenröth- 
liclie, jungfräuliche Färbung der Areola entschieden gegen die behaup- 
tete Niederkunft sprechen. 

5) Ganz Aehnliches gilt von den schillernden, sommersprossenähn- 
liclieu Narben in den Bauchdecken, am meisten in der Inguinal- 
gegend, die gleichfalls schon oben erwähnt sind, und die, wenn vorhan- 
den, niemals wieder nach der (ersten) Geburt spurlos verschwinden. 
Sie sind oft so isolirt, dass man sie zählen kann, oft bedecken sie da- 
gegen reihenartig d&a ganzea Unterbauch und sind auch an frischen 
Leichen noch sehr auffallend sichtbar. Vor Jahren habe ich in grosser 
Aasdehnung an den syphilitischen Kranken in der Weiberstation unserer 
Charitä Beobachtungen auch dieses Zeichens angestellt und mich nicht 
ein einziges Mal geirrt, wenn ich nach dem Befunde auch nur weniger 
derartiger Narben eine vorangegangene Geburt, und beim gänzlichen 
"©Wen derselben das Gegentheil diagnosticirte, wobei zu erwägen, dass 
diese liederlichen, öffentlichen Dirnen nicht das geringste Interesse 
■■**tten, mit der Wahrheit zurückzuhalten. Dasselbe habe ich in der 
Scrichilichen Praxis bestätigt gefunden. Dennoch findet man in sehr 
®^ltenen Fällen, trotzdem ausgetragene Kinder geboren wurden, auch 
**«i aafmerksamster Beobachtung diese Narben nicht. Nun wird ein- 

g »wandt, dass die Zerrelssung des Malpighi'schen Netzes, die diese 
«ibenbUdnng veranlasst, überhaupt nur von der grossen Ausdehnung 
^«r Bauchhaat herrühre, also auch bei anderartigen Bauchanschwellun- 
S*>tl TOtkomme, z. B. bei Hydrovarium, bedeutendem Ascites u. s. w. 
-AXiein die Hehrzahl der weiblichen Subjecte, die Gegenstand gerichts- 
^'Ktlicltfir Untersuchung auf zweifelhaft gewordene Geburt werden, sind 
l^iBadlidie Personen, bei denen die genannten und ähnliche Krankheiten 
*^ dorBes^ nicht rorkommen, und selbst bei älteren ist nicht zu ver- 
"^"inmal vorhandene Eierstockswassersucht, bedeutende Milz-, 
_!fteUungen und dergleichen, eine grosse Bauchausdehnung 
wie Krankheiten sehen oder nie wieder so gründlich beseitigt 
. Verden, um die ßauchdecken wieder einsinken zu lassen, wie dies nach 
Aosatossung der Frucht der Fall ist. Vom practischen Standpunkt also 
'wliert dieser Einwant! seinen Werth, und bleibt dieses vortreffliche 
«ichen bestehen, desseu .Mangel aber einer Geburt nach den ersten 
Schwaneerschaftsmonaten, in welchen die Banchdecken noch nicht sehr 
W^edennt gewesen, nicht widerspricht. 
' fl Wir könnten dies Alles nur wiederholen in Betreff der Falten 

_ ahXd 1- ^g,, Bauchhant, die allerdings nur aliein eine Folge 

ädehnung derselben in der Schwangerschaft und des 

■ler Gehurt sind. Hierbei muss indoss erwähnt wer- 

tftT, wirklich faltenloser Bauch nach unzweifelhaft er- 

oft genug von uns beobachtet worden, namentlich 



■238 



§. 40. Diagnose der Geburl. b) Pauoriide KeiitiKeichen. 



nach Früh- und frühzeitigea Geburten und selbst nach rechte 
Geburten bei jugendlichen, fetten, straffen Subjecten. Umgekehrt 
hokannt, dass beim Schwinden des Fettpolsters im höheren Alt) 
eben so gut in der Bauchhaut Runzeln bilden, als an anderen £ 
wie ich dergleichen an Leichen von 60- und 70jährigen Jungfer 
auffallend gesehen habe. Das Zeichen steht sonach dem vorigen 

7) und 8) Die schon in der Schwangerschaft entstandene 
derung der jungfräulichen Querspalte des Muttermundes in eine i 
zu fühlende, rundliche Form der Lippen erhält sieh nach dei 
liehen Zurückhildung der Gebärmutter nach der Niederkunft dur 
ganze Leben hindurch, und habe ich dieselbe in sehr zahlreichen 
an Leichen ganz alter Weiber, die seit Jahrzehnten nicht mehr j 
haben konnten, an der esenterirten Gebärmutter beobachtet um 
rerseits auch immer und uhne Ausnahmen gefunden, wo andere Z 
wie die Narben an der Bauchhaut u. s. w., die vorangegangene i 
bekundeten. Wenn aber die Fachmänner behaupten, dass auch 
logische Zustände, die den Ute'ru.s betreffen, diese Rundung des 
mundes bewirken können, und wenn wir selbst einräumen müssei 
auch bei einem im Explorircn geübten Finger bei der Lebend« 
Täuschung wohl möglich ist, so dürfen wir, wie schon oben 
bemerkt, einen zu entscheidenden Wcrth auf das Zeichen nicht 
wenn auch dessen Erforschung nie unterlassen werden darf. Mit 
heit aber kann man auf einen grösseren Körper scliliessen, de 
durch den Gebärrautterraund gepresst hat. wenn man einen ode 
rcre Einrisse (Einkerbungen) in den Lippen fühlt, die" 
falls nach der ersten Geburt niemals wieder spurlos verschwinda 
Abortivgeburten ist aber ihr Entstehen keine Nüthwendigkeit, ui 
den sie danach um so häufiger vermisst, je früher die Frucht ah 
gen war. 

Es ist folglich nach diesen Beobachtung.sthatsucheD gar nicht i 
rig, gerichtaärztlich zu bestimmen: ob ein Weib überhaupt j 
habe; schwieriger und nur in den ersten Wochen nach der 
Geburt: wann sie muthmaasslich , und niemals: wie oft . 
habe. Deshalb ist auch namentlich nicht mit einiger Sicherheit 
stimmen, ob eine Person, welche geständlich oder notorisch, z. 
Jahren geboren hat, in der letzten Zeit, vor Monaten oder läD| 
einem fraglichen Termin abermals geboren habe. Gerade dies 
aber kommen genug in der Praxis vor, und der Gerichtsarat kan 
nichts thuü, als sein negatives Gutachten begründen*). 

*) Zur Warnung kann ich nicht unterlassen, folgenden entsetzliahen 
der Kürze mlteutheilen , der im Jahre ISIO ein Superarhitrinm <tcr Königl. 
scbafthchen Deputation veranlasst bat (s. Hitiig's Zeitschrift für die Crim 
pflege X. S. 233 u, f.). Louise S. war wegen zugestandener, voraäwücbor 
ihres nengeboreaen Kindes za achljähriger Zuchthausstrafe verurtheilt «oi:^ 
hatte sich während einer Untersuchung auf Diebstahl für schwanger erklKrt 
in eine Entbindungsanstalt abgeliefert worden. Auf die Untersuchung d 
Hebamme halte der Dr. X. «in Attest ausgestellt (!), dass Inculpatin im i 
Uonat sehnant^cr sei. Sie verliess nach wenigen Monaten die üebäraostalt 
und woidc erst üpäter wieder verhaftet. In der fortgesetzten Untersacbmif 
an, sie habe in der dritten Nacht naoh ihrer Entweichung aus der Anatalt 
Treppo ein Kind geboren, aus Torzweiflong dasselbe durch einen Stiidl 



§. 41. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung. 2i 

§.41. Yorsatiliehe (lebarti VraehUbtreibang. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

X>eatiches Strafges. §. 218. Eine Schwangere, welche ihre Frucht vort&tslieh abtreibt oder im 
**^&«rieib« tödtet, wird mit Zuchthaus bis su fünf Jahren bestraft. 

Sind mildernde Umst&nde vorhanden, so tritt Gefangnissstrafe nicht unter sechs Monaten ein. Die- 
'vStrafvorschriften finden auf denjenigen Anwendung, welcher mit Einwilligung der Schwangeren die 
^1 la der Abtreibung oder T«)dtung bei ihr angewendet oder ihr beigebracht hat. 
Kbda. $. 219. Mit Zuchthaus bis zu cehn Jahren wird bestraft, wer einer Schwangeren, welche ihre 
-fct abgetrieben oder getüdtet hat, gegen Entgelt die Mittel hierzu verschafft, bei ihr angewendet oder 
•■*»• «»«igf bracht hat. 

-IBbda. $. 220. Wer die LeilMsfrucht einer Schwangeren ohne deren Wissen oder Willen vorsätslich 
•***"■-«► -Ibt oder todtet, wird mit Zuchthaus nicht unter zwei Jahren bestraft. 

K st durch die Handlung der Tod der Schwangeren verursacht worden, so tritt Zuchthausstrafe nicht 
*"*<^r> zehn Jahren oder lebenslängliche Zuchthausstrafe ein. 

Oeftterr. Strafg. §. 144. Eine Frauensperson, welche absichtlieh was immer fQr eine Handlung 
**'**^ vaiimmt, wodurch die Abtreibung ihrer Leibesfrucht verursacht, oder ihre Entbindung auf solche Art, 
^**^ «Im Kind todt zur Welt Icommt, bewirlct wird, macht sich eines Verbrechens schuldig. 

$• 145. Ist die Abtreibung versucht, aber nicht erfolgt, so soU die Strafe , die zu Stande gebrachte 

^***«"^»lbung mit schwerem Kerker — bemessen werden. 

S- 147. Dieses Verbrechens macht sich auch deijenige schuldig, der aus was immer fQr einer Absicht 

**^^»" Wissen und Willen der Mutter die Abtreibung ihrer Leibesfrucht bewirkt oder zu bewirken versucht. 

$. 148. Bin solches Verbrechen soll — und wenn zugleich der Mutter durch das Verbrechen Gefahr 

^"^ La«ben oder Nachtheil an der Gesundheit zugezogen worden ist, bestraft werden. 

Katw. Oesterr. Strafg. §. 229. Eine Schwangere, welche ihre Frucht abtreibt, oder im Mutter- 
^^^^^^ tüdtet, oder dies durch einen Anderen thun lässt, wird mit Zuchthaus bis zu ffinf Jaliren oder mit 
^^'^ngiiiss nieht unter sechs Monaten bestraft. 

"fibda. §. 230. Dieselbe Strafe trifft Denjenigen, welcher mit Einwilligung der Schwangeren ihre 



S^'todtet und an einem genau bezeichneten Orte vergraben. Der Leichnam war dort 
fticbt aufgefunden worden. Auf der Treppe wurden Spuren einer Niederkunft eben- 
^lla nicht entdeckt. Gleichwohl sagten der Dr. X. und die Hebamme G. gerichtlich 
^xrs: dass die Inculpatin nach Beschaffenheit ihrer Geburtstheile vor mehreren Mo- 
^^Ät«n geboren haben müsse. Ihr angeblicher Schwangerer deponirte, dass er sie 
^r ei mal geschwängert und auch in der Nacht des angeblichen Kindermordes von 
ihr gehört habe, dass sie der Niederkunft nahe gewesen und heftige Schmerzen im 
^ibe gehabt. Beim ersten Verhör fiel Inculpatin in eine tiefe Ohnmacht, äusserte 
^^riweif lungsvoU : „ich muss mein armes Kind wiederhaben** u. s. w., und sie wurde 
*^r achtjährigen Zuchthausstrafe verurtheilt. Nachdem sie zwei und dreiviertel Jahre 
^iese Strafe verbüsst, trat sie mit der Erklärung hervor: dass sie ganz unschuldig 
^, indem sie nie geboren habe. Der Dr. X., über sein Gutachten vernommen, 
^^larte: «dass er die Inculpatin wahrscheinlich damals gar nicht untersucht und 
^n Befond nur nach der Untersuchung der Hebamme G. zu Protokoll gegeben 
^be* (I!). Die Hebamme war verstorben. Stadtphysikus M. und Professor B. unter- 
jochten jetzt und attestirton: „dass diese Person noch niemals geboren habe**.« Es 
^nie nun die genannte oberste wissenschaftliche Medicinal-Behorde requirirt. Die- 
**11ä fand bei der Untersuchung der Inculpatin : „erhaltenes Schaamlippenbändchcn, 
^^ und elastische Muticrscheide mit Runzeln, hochstehenden Muttermund mit jung- 
^ttlicher Querspalte, Bauchhaut und Brüste ohne Spur von jenen linienförmigen 
«irbcn und Streifen, die fast ohne Ausnahme immer nach jeder vollkommenen Ent- 
lang zurückbleiben**, und das Obergutachten fiel dahin aus: „dass die S. nach 
höchster Wahrscheinlichkeit, die fast für Gewissheit zu erachten, nicht geboren, 
^^igstens kein Kind von irgend einem bedeutenden Volumen, wie es in der zweiten 
^fteder Schwangerschaft ist, geboren habe**, und erklärte diesen Fall für einen 
leleken, wie er selten so bestimmt ausgesprochen vorkäme (wobei d*> 
F*st. Gewissheit auffallend blieb). Eben deshalb die wiirdA * 
instantia absolvirt, nicht völlig freigesprochen. A 
Ygen des leichtsinnigen Ausspruchs gewissenlo* 
;8t drei Jahre im Zuchtbaus gesessen!! 




240 §. 41. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung. 

Frucht abtreibt, oder im Matterleibe tödtet. Hat er dies gegen Entgelt gethan, so ist auf Zaehthata. 
SU zehn Jahren sa erkennen. 

Ebds. §. 231. Wer die Leibesfrucht einer Schwangeren ohne deren Wissen oder Willen abi 
oder tödtet, wird mit Zuchthaus Ton swei bis sa funfsehn Jahren bestraft Ist durch diese Handlani 
Tod der Schwangeren Terursacht worden, so tritt Zuchthaus nicht unter sehn Jahren ein. 

Unter der nicht geringen Anzahl von üntcrsuchungsfällen w^ 
angeschuldigter Provocatio abortus, die ich amtlich zu behandeln 
habt, habe ich relativ selten einen Fall mit einer Verurtheilung en 
gesehen, auch wenn die Umstände die Schuld des oder der Angesc 
digten so sonnenklar gemacht hatten*), wie in dem im zweiten Ba 
(spec. Theil, Fruchtalter) erwähnten Falle, in welchem der Schwänge! 
ein Arzt, an der Person zwei Methoden der künstlichen Frühgeburt L 
artis und mit dem beabsichtigten Erfolg angewandt hatte. Hier 
der Grund der Freisprechung in dem Mangel des objectiven Thatbes 
des in dem Sinne, als nicht zu erweisen, dass die abgegangene Fru 
ein ^Kind", nicht etwa bloss eine „Mole** gewesen war, ein Bedenk 
das Vertheidiger auch anderer Orten sich zu Nutze machen werd 
weil der Gerichtsarzt, wenn er die angebliche, abgegangene Frucht ni 
gesehen — und er wird selten oder nie in diese glückliche Lage ko 
men — darüber, ob eine gesunde Leibesfrucht oder ein krankhaft 
generirtes Ei, oder pathologische Gebilde anderer Art abgegangen, 
mals mit Gewissheit oder selbst nur mit Wahrscheinlichkeit ein Urt! 
abgeben können wird. Noch ganz kürzlich ist ein Vertheidiger wie 
mit diesem Einwand durchgedrungen. 

In den meisten Fällen haben aber Arzt und Richter eine Mut "^ 
ohne Frucht, in noch viel zahlreicheren das Entgegengesetzte — ea» 
Frucht ohne Mutter! Unausgesetzt werden uns Abortivfrüchte vorgele- j 
die in Abtritten, Cloaken u. s. w. gefunden worden. An deren mensc::=== 
lieber normaler Bildung ist in der Regel kein Zweifel, eben weil die Nc^ 
die Regel ist; aber die Herkunft der Frucht ist und bleibt gewöhnl "^ 
unbekannt, und auf die gewöhnlich vom Richter vorgelegte Frage: ob ^^- 
der Beschaffenheit der Frucht zu entnehmen, dass sie vorsätzl 
abgetrieben worden? müssen wir stets eine verneinende Antwort geben, 
uns nur ein Fall vorgekommen, in welchem Verletzungen am Körper ^^ 
Frucht hätten Bedenken erregen können, namentlich aber Verletzun^^ 
am Kopfe, wie Tardieu**) dergleichen Fälle mittheilt, wir bisher nic:::^ 
beobachtet haben. Dergleichen Verletzungen kommen aber, selbst 
Fällen von mechanischer Fruchtabtreibung, fast nie vor. 

In anderen Fällen machte die Vertheidigung, nicht ohne Erfüll 
geltend, dass nicht zu beweisen sei, ob die Frucht nicht ganz kurz 
der Provocation des Abortus abgestorben sei, und dann das Verbrech 
des §. 219. gar nicht vorläge. Es ist dies im Wesentlichen nichts 



•) Tardieu (Avortement, Paris 1864. p. 5.) findet dieses „sonderbare Bekenr^ 
niss" hervorgegangen aus mangelhafter Beurtheilung ; sein Schüler Gallard (Atof^^^ 
ment. Paris 1879.) berichtet indess, dass eine nur zu grosse Anzahl von Fall - 
nicht bis zur Aburtheilung durch die Jury gelangen und dass von 22 Fället 
die er zu begutachten hatte, nur 5 vor die Geschworenen gelangten und do^ 
in 20 Fällen man die absolute üeberzeugung hat gewinnen können, dass criminell^ 
Abortus vorlag. Und das ohne die in Deutschland geltenden Recht sanschauonge^ 

♦•) Etüde med. -16g. sur Tavortement Paris 1863. S. 142. 



§. 41. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung;. 241 

deres als die alte Controverse de animatione foetus als wesentliche Be- 
dingung zur Fruchtabtreibung. 

Man kommt aber über diese Controversen nicht anders fort, als wenn 
man die Fnichtabtreibung definirt, als die gewaltsame Unterbrechung der 
Sohiwangerschaft, die provocirte vorzeitige Ausstossung des Productes der 
Zeugung, unabhängig von Alter, Lebensfähigkeit und Bildung der Frucht. 
Mag der Richter, wenn der Arzt ihm sagen kann, dass die abgegangene 
».Frucht** ein Monstrum oder ein degenerirtes Ei gewesen, hierin einen An- 
halt zur Strafabmessung finden, die incriminirteHandlung, das „Abtreiben", 
Weibt immer dieselbe. Jedoch ist diese Controverse eine juristische*). 
Andere Schwierigkeiten bietet die Frage von der streitigen Frucht- 
Abtreibung von anderen Seiten her. 

Es ist zweifellos, dass gewisse Arzneimittel als toxische Neben- 
'^^^lung Contractionen der Gebärmutter veranlassen durch Reizung der die 
Utoniscontractionen hervorrufenden Nervencentren, unmittelbar oder auf 
J^flectorischem Wege (Drastica, irritirende Gifte) oder als toxische Wir- 
-tvn:ig das Absterben der Frucht begünstigen (wie bei acuten Erkrankungen) 
^öcj die Ausstossung herbeiführen. 

Solche Mittel hier einzeln aufzuzählen, halte ich für gänzlich unnöthig, 
Qua so mehr, als die Techniker aus der Arzneimittellehre und Geburtshülfe 
darniber vollständig unterrichtet sind und wissen, wie sehr in dieser Be- 
^i^hung die Wirkungen der Sabina, des Seeale, der Thuja, des Ife (Eibe) 
*il>ertrieben worden sind. Nennt doch z. B. Tardieu das Jod ein 
Abortivum, während Andere dies bestreiten. 

Eben daher weiss aber auch jeder Arzt, wie unsicher in ihrer Wir- 
*^ung diese sogenannten Abortiva sind, und dass es kein einziges inne- 
^^s Mittel giebt, von dem man erfahruugsgemäss behaupten könnte, es 
l^abe die Fruchtabtreibung, wenn ein Fruchtabgang auf dessen Gebrauch 
frfolgt war, bewirken müssen, Ursache und Wirkung lägen also hier 
*Q einem nothwendigen Causalzusammenhange vor. 

In grossen Städten, wie Berlin, mit einem massenhaften Proletariat 
^iderlei Geschlechts, werden täglich, wie man recht gut weiss, zahlreiche 
**rovocations versuche zum Abortus, namentlich auch mit inneren Mitteln, 
^^n Schwangeren und gerade in den ersten, dazu am passendsten Monaten 
gemacht und bleiben grösstentheils erfolglos. 

Nun erleichtert aber die jetzige Strafgesetzgebung in so fern die 



*) V. Wächter (Gerichtssaal 29. S. 1.) sagt: «Die Abtreibung sei nicht ein 
^«^U der Tödtung, sondern ein eigenartiges Delict, welches die dolose vorzeitige 
^strennung des Embryo als solche zum Inhalte hal)e, gleichviel ob der Tbäter die 
^hsicht hatts, die Frucht lebend oder todt abzutreiben, gleichviel ob ein tödtlicher 
^^olg eintritt oder nicht. Es genüge die vorzeitige Ausstossung des Kindes aus 
!2|^^ Mutterleibc; es könne daher das Delict auch an einem schon abgestorbenen 
^^bryo begangen werden und der dolus beschränke sich auf den Vorsatz «abzu* 
^iben**. 

V. Schwarze sagt: „Das Verbrechen der Abtreibung ist ein Fall äM 
^nd vom Gesetzgeber in dem Abschnitte von den Verbrechen der TSdtmi' 
^^rden. Die Worte des §. 218. „abtreibt oder tödtet" bezeichnen ■ 
^üerhalb desselben Gattungsbegriffes, keinesweges zwei veraolu' 
^^« Abtreibung umfasst sowohl die Tödtung der Frucht im ^ 
-Abtreibung vor ihrer lebensfähigen Reife. Die Abtreiba' 
^trbrechen, die Frucht wird dem Menschen selbst gleichgest 
^cr Leibesfrucht*. 

Caip«r«Limaii. QeriehtL Med. 7. Aufl. L 



242 §-41. Vorsätzliche Geburt; Pructitabtreibung. 

Feststellung des Thatbestandes, als überall keine absoluten Kategorien 
mehr aufgestellt werden, sondern der Einzelfall als solcher zur Beur- 
tbeilung kommt, als demnach nirgends von Mitteln die Rede, die eine 
Fruchtabtreibung nothwendig bewirken müssen. 

Deshalb und unstreitig nach der Analogie der Bestimmungen überGifte 
im §. 229. St.-G.*) sind wir bisher in allen vorgekommenen Fällen ge- 
fragt worden: ob das oder die angewendeten Mittel solche gewesen, 
welche eine Frucht bei einer Schwangeren abzutreiben geeignet seien? 
Hierauf lässt sich denn auch in der Mehrzahl der Fälle eine be- 
stimmte bejahende oder verneinende Antwort geben. 

Sehr häufig trat letzterer Fall ein, denn es ist unglaublich, welche 
seltsame und absurde Substanzen und Mischungen Vorurtheil, Aber- 
glaube, Halbwissen, Unverstand bei dem gemeinen Volke in den Ruf 
wirksamer Abortivmittel gebracht haben. Eine hochschwangere Magd 
hatte sich lange bemüht, sich — ein Loth Rosmarinspiritus zu ver- 
schafifen, was sie bei reinem Gewissen und in Unbefangenheit in jeder 
Apotheke sofort hätte haben können; sie trank denselben, natürlich 
ohne allen beabsichtigten Erfolg, und ertränkte sich dann, noch schwan- 
ger. Sehr berühmt, weil verhältnissmässig häufig vorkommend, scheint 
die grüne Seife zu sein, die uns in verschiedenen Mischungen, z. B. mit 
Bolus, oder mit Succ. liquirit. , oder in heissem Bier aufgelöst, vorge- 
kommen ist. In drei Fällen war das gebrauchte Mittel Thuja orientalis, 
ohne Zweifel eine Verwechselung mit Sabina u. s. w. u. s. w. Alle diese 
Mittel mussten als nicht geeignet zu dem fraglichen Zwecke erklärt werden. 

Bei allerdings geeigneten Mitteln aber hat man auf Dosis, ja auf 
Form der Anwendung und auf die Zeit zu achten, in welcher nach dem 
Gebrauch des Medicamentes der Abortus erfolgt war. Wie überall die 
erfahrungsmässige Dosis erst das wirksame Arzneimittel constituirt und 
wie ein Gran Chamille keine Chamille ist, so ist auch ein Gran Sabina, 
ein Achtel-Gran Seeale noch kein Abortivum. Dass die Form ihrerseits 
sehr erheblich in die Waage fallen kann, bewies ein in dieser Beziehung 
sehr interessanter Fall, den ich vor einem fremden Schwurgericht zu 
entscheiden hatte. Die Angeschuldigte hatte (wie allerdings gewöhnlich) 
Sabina in Abkochung wiederholt getrunken. Die Schachtel mit dem 
Reste des Krautes stand auf dem Tisch der Verbrechenskörper und 
wurde mir vorgelegt. Es war anderweitig erwiesen, dass das Kraut 
schon in diesem Zustande zur Zeit seiner Anwendung gewesen war. 
Ich fand dasselbe aber vollständig ausgetrocknet, fast schon zerfallen, 
vollkommen, auch beim Zerreiben, geruchlos, also seines wirksamen 
Princips völlig beraubt, und musste erklären, dass diese Sabina zur 
Fruchtabtreibung nicht geeignet sei. So wird, sagen wir, auch die Zeit 
zu erwägen sein, binnen welcher der Abort nach dem Mittel erfolgt war. 
Denn, wenn die Frucht auch todt im Uterus noch einige Zeit zurück- 
gehalten werden kann, so wird man doch nicht irren, wenn man einen 
viele Wochen oder gar Monate post hoc erfolgten Abort nicht als prop- 
ter hoc erklärt. 

Hiernach steht es sehr misslich um die gerichtsärztliche Beurthei- 



*) „Wer vorsätzlich einem Anderen Gift, oder andere Stoife beibringt, welche 
die Gesundheit zu zerstören geeignet sind, wird mit Zuchthaus u. s. w.*^ 



§. 42. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung. '243 

liin^5 dßi^ Wirksamkeit der inneren, frachtabtreibenden Mittel, und es 
]tstir» M^ nicht in Abrede gestellt werden, dass die Erfahrung lehrt, dass 
at-tcr-l':^ die wirksamsten und kräftigsten unter ihnen in der Regel ihren 
2"w^c;k verfehlen, und dass die Schwangere danach schwanger bleibt, wie 
^civ"<i>x. Dass der Richter von seinem Standpunkt nichtsdestoweniger die 
a.rung, dass d;is Mittel ein „geeignetes" zu jenem Zwecke gewesen, 
gut verwerthen kann, berührt die gerichtliche Medicin weiter nicht. 

§. 42. FortsetittBg. 

In der That nicht viel anders als die inneren, sind die äusserlich 
all g ^wendeten Mittel zur Fruchtabtreibung vom Arzte in foro zu beur- 
tY^eilen, wenn man absieht von jenen mehr oder weniger kunstgemässen, 
die schwangere Gebärmutter direct in Angriff nehmenden Methoden, die 
allerdings sicher wirken, aber im Volke weniger bekannt sind, und 
deslialb sich fast ausschliesslich in der Hand von Sachverständigen be- 
finden, welche auch nur ganz ausnahmsweise von Schwangeren selbst 
versucht werden*), aber auch eventuell ohne ihr Wissen oder ihren 
Willen (Strafgesetzbücher) angewendet. 

Zu jenen indirecten, äusseren Mitteln und Methoden sind zu rech- 
nen : heisse Fussbäder, Senfteige an die Innenfläche der Schenkel, Ader- 
lässe, die verschiedensten Einreibungen (wofür ich die absurdesten Fälle 
erlebt habe) und namentlich alle Insultationen des Körpers der Schwan- 
geren, gewaltsames Schnüren, Fusstritte, Schläge u. dgl. auf den schwan- 
geren Leib; Schläge, Misshandlungen auf Rücken und Kreuzbeingegend, 
forcirte Körperbewegungen, Heben schwerer Lasten u. s. w. 

Dass alle diese Einwirkungen die Schwangerschaft vorzeitig beenden 
*^ötinen, also zur Fruchtabtreibung ^geeignet" sind, wird nicht zu be- 
streiten sein; dass auch die heftigsten Insultationen diesen Erfolg aber 
^^ineswegs immer haben und haben müssen, vielmehr oft wohl die 
^cJxwangere, aber nicht ihre Frucht benachtheiligen, ist noch weit weniger 
^^eifelhaft. 

Eine Schwangere, die im Einverständnisse mit ihrem Schwän- 

'er, einem Schneidergesellen, den Abort provociren wollte, liess sich 

?^^ri diesem ohne Erfolg treten, und die geniale Idee, ^dem Kinde den 

"^^ 'bensfaden abzuschneiden**, welche der Geselle durch Einführung sei- 

?^** plumpen, grossen Schneiderscheere in die Vagina zur Ausführung 

^**«*-chte, hatte gleichfalls keinen anderen Erfolg, als Verletzungen in 

^^^ Scheide herbeizulühren ! Eine Schwangere stürzt sich von einer 

.^iter hinab, nachdem sie erfahren, dass ein Fall von der Leiter bei 

^Y^er Freundin guten Erfolg gehabt habe, bricht beide Oberschenkel, 

^^^r abortirt nicht. Aehnliche Fälle heftigster Erschütterungen des 

^^x^rs während der Schwangerschaft, ohne nachfolgende Fehlgeburt, 

^^den sich mehrfach in der Literatur. Moriceau berichtet ferner von 

^ei Schwangeren, die bis zu Ende trugen, und sich während der 

"^hwangerschaft 48 resp. 90 Aderlässe machen Hessen**). 

Hier mache ich aber nach mehreren mir vorgekommenen Fällen 

*) s. Virchow-Hirsch, Jahresb. 1869. II. 608, 1873. IL 651. Gallard 
^ c. p. 38. 

•^ Gallard a. a, 0. S. 23. 

16* 



244 |. 42. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung. 

darauf aufmerksam, dass bei einer ganz anderen Gelegenheit, als der 
hier besprochenen, die Frage von der Möglichkeit einer Fruchtabtreibung 
durch Misshandlung der Schwangeren gerichtlich vorkommt. Ich meine 
die nicht seltenen Fälle, in denen Schwangere einen Dritten deshalb 
anschuldigen, dass sie durch die von ihm erlittenen Misshandlungen 
oder Verletzungen, z. B. durch Schläge auf den Rücken, Herabstossen 
von einer Treppe u. s. w., abortirt hätten, wo dann die Frage von einer 
Körperverletzung vorliegt. In solchen Fällen sind eben wieder die oben 
aufgestellten Sätze für das Gutachten maassgebend, dabei aber, gleich- 
wie bei Anschuldigungen auf Provocatio abortus, die auch als unbe- 
gründet vorkommen, zu erwägen, dass Befunde am Körper, die angeb- 
lich Wirkungen der Gewaltthat sein sollen, wie Wunden, Sugillationen, 
Zerkratzungen u. dgl., auch künstlich und absichtlich producirt werden, 
um die Anschuldigung glaubhaft zu machen. 

Es giebt also innere sowohl wie äussere, Nicht-Kunstverständigen 
bekannte und von ihnen leicht anzuwendende Eingriffe, welche, auf eine 
Schwangere wirkend, eine gewaltsame, vorzeitige Beendigung der Schwan- 
gerschaft zur Folge haben können. Aber aus ihrer thatsächlich fest- 
gestellten Anwendung an sich kann im concreten Falle nur dann ge- 
schlossen werden, dass der erfolgte Abortus eine Wirkung jener Ur- 
sachen gewesen sei, wenn der Abortus der Anwendung derartiger Mittel 
sich unmittelbar anschliesst und eine Continuität der Zeichen bis zu 
erfolgtem Abortus nachweisbar ist. Dies ist nichts weniger als eine zu 
weit getriebene Skepsis, da die Erfahrung lehrt, dass nicht nur Abor- 
tus unvorsätzlich und ohne alles Zuthun der Schwangeren oder eines 
Dritten, ja, wie in glücklichen Ehen, oft genug trotz der grössten Vorsicht 
zu dessen Verhütung, erfolgt, sondern dass der unfreiwillige Abort im All- 
gemeinen weit häufiger vorkommt, als der freiwillige und strafbedrohte. 

Abgesehen von den eben genannten Insultationen, die ja zu- 
fällig eintreten können, sind schwere acute Erkrankungen der Schwan- 
geren, namentlich Infectionskrankheiten, acuter Morb. Brightii (Ec-. 
larapsie), chronische allgemeine Krankheiten der Schwangeren (Lues), 
grosse Reizbarkeit, Schwäche, Prädisposition zu Aborten, die manche 
Ehen ganz kinderlos lässt, deprimirende Gemüthsafifecte aller Art, Miss- 
brauch von Spirituosen, Missbrauch der Geschlechtslust, Blutungen (Pla- 
centa praevia), Hyperämie, Retroflexion des Uterus, Krankheiten des 
Fötus oder der Placenta, Torsionen der Nabelschnur und dadurch be- 
dingtes Absterben der Frucht u. a. die allgemein bekannten, so häufig 
in Wirksamkeit tretenden Veranlassungen zur unvorsätzlichen Früh- 
geburt. Hierbei ist zur Würdigung gerichtlicher, zweifelhafter Fälle 
nicht zu übersehen, dass viele dieser Ursachen zum krankhaften (un- 
freiwilligen) Abort sich jedem gerichtsärztlichen Beweis ent- 
ziehen, was eine neue Schwierigkeit für die Beurtheilung des Einzel- 
falls darbietet. 

Keine geringere, ja oft die grösste Schwierigkeit macht die Beant- 
wortung der Haupt- und Vorfrage, mit deren Erwägung überall der An- 
fang zu machen, weil mit ihrer etwaigen Verneinung die ganze Sache 
in Nichts zerfallt, die Frage nach der Thatsache des erfolgten 
Abortus an sich. 

Die Schwierigkeiten sind hier weit erheblicher, als bei der Fest- 



§. 42. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung. 245 

Stellung der streitigen Niederkunft in späten Monaten der Schwanger- 
schaft (§§. 39. 40.). Die meisten criminellen Aborte werden, wie die 
Jürfahrung lehrt, in den ersten Monaten der Schwangerschaft unter- 
Yiommen, und je früher, um so leichter kann die heimlich Abortirende 
die Geburt verbergen, das Corpus delicti vernicliten und um so prompter 
"«rerden die Kennzeichen stattgehabter Niederkunft verschwinden. 

Nur in den allerseltensten Fällen wird der Gerichtsarzt Gelegen- 
Tieit haben, die lebende Frauensperson kurz nach dem incriminirten 
Abortus, oder die Abgänge zu untersuchen, wobei ihm dann das Auf- 
finden von durch Fruchtwasser verdünnten Blutflecken, von Placentar- 
^esten oder Wollhaar (welches jedoch erst Ende des 5. Monats durch- 
bricht) in dem Befunde an der Entbundenen unterstützen können. 
Gallard*) legt., wie es scheint, mit Recht ein grosses Gewicht auf den 
Umstand, dass in den ersten Wochen der Schwangerschaft das Ei bei spon- 
tSLnem Abortus en bloc ausgestossen wird, und dass eine Zerreissung der Ei- 
häute, wenn sie sich nicht aus der krankhaften Beschaffenheit derselben oder 
i>onst aus den Umständen des Falles erklärt, die Intervention einer fremden 
Hand und gewaltsame Unterbrechung der Schwangerschaft voraussetze. 
Aber die Untersuchung durch den gerichtlichen Arzt wird in der 
Regel weit später erfolgen, zu einer Zeit, wo die Abgänge längst be- 
seitigt sind, und in welcher die verschwindenden Kennzeichen der Nieder- 
kunft (§. 39.) längst verschwunden sind, während die dauernden (§. 40.) 
nach Abortiv-Geburten, wie bereits angeführt, weit schwächer am Körper 
ausgebildet sind, ja einige, z. B. Einkerbungen am Muttermund und Zer- 
reissung des Frenulum, ganz fehlen können. 

Hat nun vollends die Betreffende schon früher geboren, und geschah 
^^^ _ Untersuchung Wochen oder Monate nach der jetzt fraglichen, an- 
ichen Abortiv-Geburt, so dass kein einziges der verschwindenden 
len mehr erhoben werden kann, ein sehr häufiger Fall in foro, 
^^^on ist der Gerichtsarzt nicht mehr in der Lage, mit irgend einem 
0-1-^,^0 YQ^ Gewissheit, oft nicht einmal mit Wahrscheinlichkeit über 
don Thatbestand zu urtheilen. 

§. 43. F«rtsetiBiig. 

• 

Auch nach Anwendung directer, gegen die schwangere Gehar- 
rt ^"tter gerichteter, und mit einigem Geschick ausgeführter Methoden 
ist, ^j^ Feststellung des Thatbestandes an der lebenden Person eine 
^}^*^t: weniger schwierige Aufgabe, namentlich, wenn längere Zeit nach 
^^'^ getretenem Abortus die ärztliche Untersuchung erfolgt. Auch hier 
. ^^Tnt man über Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten nicht hinaus, 
^-^^^^Tcrn nicht die ausserhalb der objectiven Untersuchung liegenden 
^^^stände des Falles zu Hülfe kommen. 

^ Es mag sein, dass Individuen, welche dergleichen provocirte Aborte 

^^^rstanden haben, gern an Entzündungen der Gebärmutter, vorzüglich 

- *) I.e. p. 104. Leblond, Annales de Gyn^cologie. AÖQtl875. — Martin St. Ange 

^^sat in der Sitzung der Soc. d. Med. leg. vom 11. Juni 1877 seine Beobachtungen 

^ %0 Abortiv -Eiern dahin zusammen, dass in der Mehrheit der Falle das Ei 

^^ tote ausgestossen wird und dass die Ruptur des Eies oder Austreten seines In- 

^^tes die Ausnahme sei. 



246 ' §. 43. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung. 

der Eierstöcke, der breiten Mutterbänder, der Trompeten und des Becken- 
zellgewebes oder des Peritoneums, an Senkungen und Lageveränderungen 
leiden, aber was ist damit für den concreten Fall bewiesen, zumal die 
Geburtshelfer dieselben Folgen dem nicht criminellen Abortus, nament- 
lich bei leichtsinnigem Verhalten während des dem Abortus folgenden 
^Wochenbettes^ vindiciren? Es kann vielmehr auch hier nur alles oben 
Gesagte wiederholt werden. Erst wenn der Tod durch den provocirten 
Abortus eingetreten ist, können wir mit grösserer Sicherheit über den 
Thatbestand des Abortus selbst und eventuell auch über die Criminalitat 
desselben urtheilen. 

Gerade diese Fälle (St.G. §. 220. AI. 2.) haben uns in neuerer 
Zeit wiederholt beschäftigt und ist danach anzunehmen, dass die auf 
instrumentellem Wege von mehr oder weniger Sachverständigen (Hebe- 
ammen etc.) provocirten Abtreibungen im Zunehmen begrififen sind, 
während Hohl im Jahre 1855 noch aussprechen konnte: «die Einfüh- 
rung einer Strick- oder Haarnadel ist glücklicherweise zur Zeit in 
Deutschland nicht bekannt***). 

Eben deswegen halte ich es für nothwendig, näher auf diesen Ge- 
genstand einzugehen. 

Die angewendeten Methoden haben sämmtlich den Zweck, das Ei 
zu lösen, oder die dasselbe einhüllenden Membranen zu durchbohren, 
so den Fötus zu tödten, der als fremder Körper wirkend Contractionen 
der Gebärmutter auslöst; oder sie bezwecken direct durch Erregung von 
Contractionen des Uterus die Lösung und Ausstossung des Eies zu bewirken. 

Diese Methoden bestehen nach unseren Erfahrungen vorzugsweise 
in Vaginalinjectionen, wiederholtem Einführen und Wiederentfernen, 
oder wiederholtem Einführen und stundenlangem Liegenlassen eines Ca- 
theters in dem Muttermund und Hals, Perforation der Eihäute, Injec- 
tionen mit oder ohne Zusatz von reizenden Substanzen in die Gebär- 
mutter, d. h. Methoden, welche sämmtlich zur Erregung der künstlichen 
Frühgeburt angewendet worden sind, die aber mit weniger Vorsicht, 
Ruhe und Geschick ausgeführt zu werden pflegen. 

Das Armamentarium ist daher auch kein eigenthümliches, sondern 
in der Regel werden bei den Haussuchungen des Verbrechens verdäch- 
tiger Personen, Spritzen, Catheter, Sonden u. dgl. vorgefunden, welche 
zu anderweitem täglichen Gebrauch ihres (Hebcammen) Gewerbes ge- 
hören und an sich vollkommen unverdächtig sind. Häufig wird auch 
gar nichts gefunden, was nicht Wunder nehmen kann, wenn man be- 
denkt, dass jede Stricknadel etc., nöthigenfalls auch ein Zahnstocher 
(Gallard), diesem Zwecke dienen können. 

Dass nun diese Instrumente thatsächlich zur Hervorbringung des 
qu. Abortus gebraucht worden seien, wird nicht gesagt werden können. 



*) Aber das kann glücklicherweise von Berlin noch nicht gesagt werden, was 
Tardieu von Paris sagt, wo: le crime d'avortemcnt conslitue une Industrie libre 
autant que conpable. C'est la une v6ritc tellement reconnue, que Ton dcsigne 
publiquement des maisons oü les femmes sont assur6cs de trouver la fuueste com- 
plicite qu'ellcs reclamcnt, et dont la notori6t6 est rcpandue jusqu'a Tetninger. 
a. a. 0. S. 23. Uebrigens war schon im alten Rom die Provocatio abortus zu einem 
förmlichen Gewerbe geworden (Ovid, Martial), und selbst von der Bühne herab 
(Plautus) wurde ungescheut davon gesprochen. 



§. 43. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabt roibung. 247 

üv^ol^l aber wird man sich hinreichend präcis über die Geeignetheit der- 
öolli>«n äussern und dieselbe event. auch für den concretcn Fall ablelmen 
kör^xTien. So ist es mir mehrmals begegnet, dass ich aussprechen konnte, 
dsAt>^ die qu. im Schwurgerichtsterrain mir vorgelegte Spritze zur Her- 
vor t>2*ingung des qu. Abortus, der durch Injectionen bewirkt worden sein 
soll'ti«, nicht geeignet sei, weil die Spritze eine kleine Zinnspritze mit 
ki-ir^«r Spitze (Tripperspritze) war. 

Ein anderer Punkt aber, welcher ärztlicher Seits zur Feststellung 
dos rffhatbestandes mit benutzt werden kann, ist der, dass, wo eine Ab- 
troi V> ende mit einer ganzen Kundschaft, drei, vier Personen auf der An- 
klfiL^5^bank erscheint, alle das mit ihnen vorgenommene Manöver genau 
ia derselben Weise schildern. Beiläufig sei bemerkt, dass nicht nur 
uriv^xheirathete Personen, sondern auch Ehefrauen, die sich aus Utili- 
tJitsrücksichten abortiren lassen, diese Kundschaft bilden. 

Während von den übrigen oben angegebenen Methoden es nicht 
zw^eifelhaft sein kann, dass sie sachgemäss angewendet Abortus zur 
Folge haben, kann es von Vaginaleinspritzungen zweifelhaft sein, 
ob ihnen eine so erhebliche Wirkung zugesprochen werden könne. 

Man wird nicht leicht geneigt sein, schlechtweg solchen Einspritzungen, 
wenn von den mitangeschuldigten Abortirten erzählt wird, dass sie sich 
breitbeinig hätten auf zwei Stühle setzen müssen, und dass die Hebeamme 
ihnen mit einer gewöhnlichen Gl y stierspritze mit Ansatzrohr aus einem 
Topfe mit warmem Wasser, welches in ein unter ihnen stehendes Wasch- 
becken wieder abgelaufen sei, Einspritzungen gemacht hätte, einem sol- 
chen Verfahren — nicht den Versuch zur Abtreibung — sondern den 
thatsächlich eingetretenen Erfolg zuzuschreiben, aber während ich selbst 
früher nicht glaubte, dass ein solches — unter Umständen als toiletten- 
n^assig zu bezeichnendes — Verfahren solche W^irkungen, ohne dass 
gleichzeitig das Innere der Gebärmutter betroffen werde, liaben könne, bin 
ich doch durch Erlebnisse in foro dahin gekommen, anzunehmen, dass auch 
'^ginaleinspritzungen zweckmässig gemacht, Abortus erzeugen können. 
Unterstützt wird dieser Ausspruch dadurch, dass ja bekannt ist, 
wie die Uterusdouche, resp. heisse Einspritzungen, zur Erregung künst- 
bpher Frühgeburt, angewendet wurde, ferner dadurch, dass die qu. 
^luspritzungen methodisch alle 1 — 2 Tage wiederholt wurden, und 
dadurch, dass die Abtreibende mit dem Finger in die Vagina ein- 
ß^gangen war, also der Spitze jedenfalls eine Direction nach dem Mut- 
tciTnund hin gegeben hat, dass namentlich bei Primiparis der Mutter- 
^^nd in den ersten Schwangerschaftsmonaten noch sehr eng, der Hals 
durch einen Schleimpfropf verlegt, und so leicht also eine Flüssigkeit 
^^ die Gebärmutier nicht eindringen kann, und endlich, dass die Mani- 
P^lalion von Erfolg gekrönt und ohne nachtheilige Folgen geblieben war. 
In einem unten mitgetheilten Fall (No. 118.) konnte die 
^ ^l^rscheinlichkeit eines Causalzusammenhanges nicht von der Hand 
ßp.'^iosen werden, und in einem weiteren Falle waren am Donnerbiag 
*^^*ispritzungen gemacht worden, die schmerzlos waren, denen Abends 
e^tingc Schmerzen und leichte Blutung folgte, was beides nachliess. Beides 
vfiederholte sich am darauffolgenden Sonntag nach erneuten Einspritzun- 
6^n, denen am Montag leicht die Geburt eines dreimonatlichen Fötus folgte. 
Das sieht nicht nach Einspritzungen in die Gebärmutter aus, die 



248 §. 43. Vorsätzliche Geburt; Fruohtabtreibung. 

nach den mir bekannt gewordenen Fällen und auch nach Tardien's 
Angaben mit heftigen Schmerzen verbunden sind, einen starken CoUaps 
und Abortus mit profusen Blutungen zur Folge zu haben pflegen. 

Wenn Gallard*) der Ansicht ist, dass die Vaginaleinspritzungea- 
nur in den letzten Monaten der Schwangerschaft von Erfolg seien, daher 
sich keines Zuspruchs erfreuen, weil um jene Zeit die Schwangerschaft 
schon viel weniger leicht verheimlicht werden könne, so widersprechen 
die oben angeführten Thatsachen diesen Angaben. 

Dass dergleichen Einspritzungen hundertmal ohne Erfolg sein werden, 
ist selbstverständlich und berührt nicht die in Rede stehende Frage. Die 
Geeignetheit zweckmässig gemachter wiederholter, einigermassen inten- 
siver Vaginaleinspritzungen kann danach nicht in Abrede gestellt werden. 

Noch viel weniger kann dies der Fall sein bei den übrigen der 
genannten Methoden, denen sich hier nicht genannte andere, zum Ac- 
couchement force angewendete Methoden anschliessen. So sicher alle 
diese Methoden wirken in der Hand des Geburtshelfers, so sind doch 
auch Fälle beobachtet, wo trotz ihrer Anwendung bei ungeschicktem 
Verfahren, wohl Verletzungen und tödtliche Verletzungen der Gebär- 
mutter erfolgten, aber — kein Abortus. 

Noch einen Umstand möchte ich bei dieser Gelegenheit erwähnen, 
dass nämlich die Abortirten mitunter keine präcise Rechenschaft geben 
können über die mit ihnen vorgenommene Manipulation, und nicht 
der Lüge beschuldigt werden können, wenn die thatsächlichen Ermitte- 
lungen ihren Angaben widersprechen. Eine Abortiiiie gab an, dass ihr 
die Hebeamme eine „Einspritzung mit Oel" gemacht habe, während 
diese, geständig, angab, einen Catheter in Oel getaucht, und in die 
Gebärmutter eingeführt zu haben. Eine andere sagte aus, dass ihr die 
Hebeamme „ein Clystir" gegeben habe, während ihr nach Lage des 
Falles eine Einspriteung in die Gebärmutter gemacht worden war. An- 
dere wissen nur anzugeben, dass sie „untersucht" worden sind, ohne 
nähere Details angeben zu können, namentlich ohne die etwa angewen- 
deten Instrumente auch nur entfernt beschreiben zu können. 

Die Zeit anlangend, in welcher nach den genannten Methoden die 
Geburt zu erfolgen pflegt, so stimmen meine Beobachtungen mit denen 
Tardieu's und Gallard's überein. Man kann danach sagen, dass 
der Abortus nach sechs, acht, zwölf Stunden, gewölinlich aber nach 
einigen, vier bis sechs Tagen erfolgt, mitunter aber auch erst nach 
elf, zwölf Tagen eintritt. Es scheint, dass die Art der angewendeten 
Methode nicht ohne Einfluss auf die Promptheit der Reaction ist und 
dass namentlich da, wo bald lebensgefahrliche Erscheinungen der Ope- 
ration folgen, die Ausstossung rapide erfolgt. Namentlich bei Injec- 
tionen in die Gebärmutter scheint dies der Fall zu sein, wie ich selbst 
beobachtet und durch Tardieu und Maschka**) bestätigt finde. Es 
ist nicht zulässig, und darin trete ich den Gutachtern über einen meines 
Erachtens ganz unzweifelhaften Fall von provocirtem Abortus im Würt- 
tembergischen Correspondenzblatt***) vollkommen bei, diese Zeitverhält- 



•) 1. c. p. 36. 
♦♦) Gutachten II. 324. 
•••) No. 34. 1879. 



§. 43. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung. 249 

iif.S(^^ nach den für künstliche Frühgeburten zu bemessen, ebenso wenig 
al^ ^an den Verlauf des Abortus in den ersten Monaten mit dem der 
Fi"ü^gßhurt oder der rechtzeitigen Entbindung parallelisiren kann, weil 
io. c3 en frühen Monaten die Muskelfasern des Uterus unvollkommen ent- 
ijricrJ^elt sind und der untere Gebärmutterabschnitt zur üeburt nicht 
vo T-l> «reitet ist. Nur die directe Beobachtung kann hier entscheiden, 
üeberblickt man aber nach dieser Richtung hin z. B. die 10 Fälle von 
ni o T^t criminellem provocirten Abortus bei Tardieu, so findet man 
IX Tage als die längste Dauer. Sehr interessant und belehrend in 
di^^^r Beziehung ist ein Fall von Dr. Oldham*), der wegen Vercnge- 
ran^ der Vagina einer im dritten Monat Schwangeren eine Sonde in 
\a €3en Uterus einführte, ohne etwas anderes danach zu erreichen, als 
cinor^ weisslichen Ausfluss und geringe Schmerzen im Unterleib. Nach 
Verliiuf von 26 Tagen, da man erfolglos gewartet hatte, wurden die 
Ei\i Stute punctirt. Es erfolgten Blutungen und am 7. Tage der Abortus. 
Ich glaube deshalb nicht fehlgegangen zu sein, wenn in einem 
Yalle von constatirtem und von der Angeklagten, wie Mitangeklagten 
eingestandenem Versuch zur Provocation des Abortus durch wiederholtes 
Einlegen einer Sonde in den Gebärmutterhals, dem gar keine Symptome 
folgten, ich von einem vier Wochen später erfolgten Abortus eines drei- 
monatlichen Fötus erklärte, dass nicht erwiesen, dass der Abortus die 
Folge jener Manipulationen gewesen sei, die Möglichkeit indess nicht 
aussehliessen konnte. 

Hinsichtlich des Verlaufes des criminellen Abortus, so hebt Tslt- 
iiexx namentlich hervor, dass die Folgen desselben bei weitem schwerer 
«iid häufiger tödtlich seien, als die Fälle des Abortus aus anderen Ur- 
sa^chen. Von 96 von ihm zusammengestellten Fällen von criminellem 
Abortus endeten 46 tödtlich, während von 26 von Passot gesammel- 
ten Fällen von kunstgemäss provocirtem Abort kein einziger tödtlich 
verlief. 

Wenn im Allgemeinen auch zugegeben werden kann, dass die 

"j-^ancen des criminellen Abortus bei weitem schlechtere sind, als die 

aes natürlichen, so ist andererseits sicherlich nicht in Abrede zu stel- 

-.^^ > dass viele Frauenzimmer auch den criminellen Abortus ohne An- 

»^iS^t^ng überstehen und sogar in nicht ferner Zeit wieder concipiren. 

^.^/^ sind zu geneigt, weil wir relativ viel Fälle tödtlich abgelaufenen 

-l^ 'hineilen Abortus zu Gesicht bekommen, die Gefahren desselben zu 

^^i^chätzen. 
^ Aber das bleibt bestehen, dass ausser durch tödtliche Blutungen 

^** nicht criminelle Abortus selten von Nachkrankheiten gefolgt ist. 
^ ^ Der Grund, warum überhaupt Nachkrankheiten bei accidentellem 
/^*^r aus krankhaften Ursachen bedingtem Abortus seltener beobachtet 
• ^**den, liegt — abgesehen von Verletzungen — lediglich darin, dass 
^ ^rsterem Falle die Personen sich schonen und ihren Zustand abwar- 
^^'j während in letzterem, wegen der Verheimlichung, zu der sie ge- 
lungen sind, die Personen ihre Arbeit nicht allein fortsetzen, sondern 
5^^her gewöhnlich noch anstrengende Körperbewegungen machen, um 
*^^ Abortus zu forciren. • 



*) London, Med. Gaz. 1849. 



250 §.44. Unterschieben von Kindern. 

Was speciell die septischen Erkrankungen nach Abortus betrifft 
(Endometritis septica puerperalis und Peritonitis), so setzen dieselben 
voraus, dass kurz vor oder während der Geburt durch Personen oder 
Instrumente oder sonst nicht hinreichend gesäuberte Dinge Infections- 
stoflFe dem Uterus zugeführt sind. Eireste, macerirte Früchte kön- 
nen fieberhafte Zustände, Cachexien erzeugen, sie bedingen aber keine 
Sepsis. 

Man kann deshalb, trotz Gallard's*) gegentheiliger Behauptung, 
aussprechen, dass ein Abortus, welcher wenige Tage später 
die Erscheinungen schwerer Sepsis bietet, stets den Ver- 
dacht erregt, dass dabei irgend welche Eingriffe geschehen 
sind, und dass er durch Einführung von Instrumenten oder 
sonstigen Dingen in die Genitalwege bedingt gewesen, also 
ein provocirter gewesen sei. 

Herr Dr. Böters, früher Arzt am grossen städtischen Kranken- 
haus, mit welchem ich in einem derartigen Falle vor der Barre des 
Gerichts zu erscheinen und zu gutachten hatte, erklärte zu meiner gros- 
sen Befriedigung mit Obigem übereinstimmend: „Unter einer grossen 
Reihe von Aborten, die mit mehr oder weniger ausgesprochenen puer- 
peralen Erkrankungen in meine Behandlung kamen, hat keiner den Be- 
weis der spontanen Entstehung erbringen können. Von den Fällen 
dagegen, die wegen nachweislich spontan begonnenem Abort von mir 
behandelt wurden, ist kein einziger puerperal erkrankt gewesen, oder 
während der Behandlung an Wochenbettfieber erkrankt". 

Mögen die Aerzte hierauf ihr Augenmerk richten! Es wird dann 
weniger häufig vorkommen, dass im gegebenen Falle sie, wie sich bei 
späteren Vernehmungen ergiebt, zwar des Verdachtes, dass ein provo- 
cirter Abortus vorläge, sich nicht erwehren konnten, aber den gegen- 
theiligen Aussagen der Kranken Glauben schenkten und den Gedanken an 
das Verbrechen, der sich ihnen aufdrängte, mit Stillschweigen — begruben. 

Die positive Feststellung einer streitigen, vorsätzlichen Frucht- 
abtreibung gehört sonach zu den allerschwierigsten Aufgaben des foren- 
sischen Practikers; weniger die negative, d. h. auch nur bei Personen, 
welche überhaupt noch niemals schwanger gewesen waren, und die dann 
(wie nach Misshandlungen) einen Abort nur simuliren, oder denen eine 
solche Geburt angedichtet wird. 



§. 44. Untersehiebeii fn Hindern. 

Gesetzliche Bestimmung. 

Deutsches Strafges. §. 169. 8. oben S. 230. 

Diese Betrügerei, die das Strafgesetz mit entehrender und langer 
Freiheitsstrafe bedroht, kommt im gewöhnlichen, bürgerlichen Leben nur 
sehr selten vor. Nicht, wie man sagt, weil die Interessen hier nicht 
so wichtige, wie beim Unterschieben von Thronerben, Majoratserben 
u. dgl., denn jedem Einzelnen ist sein Interesse eben so wichtig, son- 
dern weil det Betrug sehr schwer ins Werk zu setzen und durchzuführen 

*) 1. c. p. 76. 



k 



§. 44. Unterschieben von Kindern. 251 

ist^ und weil er nothwendig Mitwisser und Mithelfer voraussetzt, wenn 
dsLS Kind nicht geradezu gestohlen worden, wie in dem Falle in Klein 's 
Ann allen der Gesetzgebung. In diesem Falle wollte eine Bauersfrau eine 
Ehe erzwingen, berauschte den Mann, bewog ihn zum Beischlaf, simu- 
lirte darauf Schwangerschaft, legte endlich Feuer in ein Haus, in wel- 
chem eine Nachbarin von Zwillingen entbunden lag, stahl eins dieser 
Kincler und schob es als von ihr geboren unter! In anderen Fällen war 
nur Gelderpressung vom angeblichen Schwängerer und Vater, in selte- 
nere rr der rührende Wunsch einer kinderlosen Ehefrau, ihren Gatten mit 
einer Vaterschaft zu beglücken (der letzte, mir bekannt gewordene Fall 
der Art), in den meisten endlich das Verlangen, eine Erbschaft irgend 
einer Art zu erschleichen, der Beweggrund zum Betrüge. Die Schrift- 
steller haben auch hier fremdartige Begriffe in die gerichtliche Medicin 
eingeführt, wenn sie überall von „Aechtheit", von ^Rechtmässigkeit (Le- 
gitimität)" und von ^Erbfähigkeit" des Kindes sprechen, Begrifife, die 
der Gesetzgebung und Rechtswissenschaft augehören, und die die ge- 
^*ichtliche Medicin nicht berühren. Diese hat nur die Kriterien anzu- 
^^ben, wonach im concreten, streitigen Falle thatsächlich zu ermitteln: ob 
^i^seFrau dieses Kind geboren hat? wie sie behauptet, während die 
^^Senpartei das Gegentheil und ein Unterschieben eines fremden Kin- 
^.^^ festhält. In selteneren Fällen kommt aber auch ein gleichsam rela- 
J^^^s Unterschieben in Frage, d. h. nicht sowohl die Thatsache ist 
^^'"^itig, dass die Frau das streitige Kind geboren oder nicht geboren 
^tte, als jene, dass das Kind vom klägerisch gewordenen Manne her- 
i^*^re, der also gleichsam behauptet, dass das Kind ihm untergescho- 
^^^ worden. Für die gerichtsärztliche Untersuchung fallen beide Fälle 
^^s^mmen. Diese hat zunächst festzustellen, ob die angebliche Mutter 
^oerhaupt geboren habe. Die Merkmale der Niederkunft (§§. 39., 40.) 
^^^^den die Frage entscheiden. Fände es sich, dass sie überhaupt nie- 
'^^Is geboren hatte, so wäre der Betrug erwiesen. Schwieriger wird 
^Or Fall, wenn sie wirklich geboren hatte, z. B. aber ein Geschlecht, 
^5*-s nicht das gewünschte war, wie eine Tochter, wenn es sich um 
^^^en männlichen Descendenten handelt; oder wenn sie statt des ihrem 
J^^t^eresse allein dienlichen, labenden Kindes ein todtes geboren hatte. 
^ier bleibt noch zur möglichen Ermittelung der Wahrheit die Unter- 
^*^<^liung und Vergleichung des Alters des vorgezeigten Kindes mit dem 
* ^i*niin der angeblichen Niederkunft. Auch hier noch wäre ein Betrug 
??^glicherweise leicht zu entdecken, wenn z. B. ein angeblich vor drei 
^^gen geborenes Kind vorgezeigt würde, an welchem sich schon eine 
T.^llständig ausgebildete Nabelgrube fände. Hatte endlich die angeb- 
1^^ Mutter, die wirklich geboren hatte, die List gebraucht, ein Kind 
Speichen Alters wie das ihrige unterzuschieben, dann wird in der Regel 
^^^ Gerichtsarzt die Unmöglichkeit, ein entscheidendes Gutachten ab- 
^^geben, erklären müssen. Denn die Aehnlichkeit des Kindes mit 
^^nen angeblichen Erzeugern, auf die man zu achten gerathen, ist ein 
^^1 unsicherer Beweis, zumal wenn die Untersuchung ein neugeborenes 
^^r noch kleines Kind betriflft. Bei dergleichen Kindern, zumal bei 
^^ugeboreuen, ist die Aehnlichkeit in den Zügen mit Eltern oder Ver- 
wandten in der Mehrzahl der Fälle noch gar nicht ausgesprochen ; dazu 
«^ommt, dass das Auffinden von Aehulichkeiten etwas sehr Individuelles 



252 §. 44. Unterschieben von Kindern. 

ist, und endlich, dass es bekanntlich gerade kein Naturgesetz ist, da 

Kinder ihrem Vater oder der Mutter ähnlich sehen müssen, und dass h 

vielfache Ausnahmen vorkommen. Doch ist mir vor einigen Jahren ( 

seltener, amtlicher Fall vorgekommen, in welchem dies Kriterium ga 

allein maassgebend war, ein Fall, der ein oben sogenanntes, relativ 

Unterschieben betraf, und in welchem sich die Aehnlichkeit — auf ( 

verschiedene Race bezog. Er betraf eine Frau, eine Weisse, die n 

einem hiesigen Neger zuhielt und von diesem einen vierjährigen So 

hatte, der die ächte Mulattenbildung zeigte. Die Frau gebar einen zw 

ten Knaben, dessen Vaterschaft der Neger ablehnte, der die Frau 

Verdacht des Umganges mit einem (weissen) Handwerker hatte. D 

zweite Kind, zur Zeit meiner Untersuchung elf Monate alt, war at 

gleichfalls bereits ein ausgebildeter Mulatte und konnte deshalb mit i 

weissen Mutter nicht von einem Weissen erzeugt worden sein! Hier 1 

also der Nicht-Betrug zweifelsfrei vor. Es ist auffallend, dast ganz de 

selbe Fall sich schon einmal in Berlin im Jahre 1790 ereignet hat. 

gab Veranlassung zu einem Gutachten des Ober-Medicinal-Collegii, w( 

ches sich die Mühe gab, durch viele Citate zu erweisen: „dass ein v 

einer weissen Mutter geborenes, weisses Kind von einem Mohren nie ha 

erzeugt werden können"*). Remer geht**) noch weiter, als zur Race 

Verschiedenheit. Er macht auf gewisse angeborne Familieneigenthüi 

lichkeiten aufmerksam, die sich durch ganze Generationen Consta 

fortpflanzten, was durch Beispiele nachgewiesen wird, z. B. krumn 

kleine Finger an beiden Händen, rothes Haar, Stottern, Mangel d( 

selben Fingergelenke und Blindheit, Beispiele, die nach den neue 

physiologischen Erfahrungen noch vielfältig vermehrt werden könnte 

Remer behauptet, dass, wenn solche Merkmale bei einem streitig unt( 

geschobenen Kinde vorhanden, dass dann dessen „Aechtheit" gewi 

dass aber, wo sie fehlten, die gegentheilige Gewissheit daraus nicht 

schliessen, wohl aber der Verdacht gerechtfertigt sei. Diese Behau 

tung ist wohl haltbar, wenn die betreifende Missbildung oder Anoma 

ganz auffallend und unzweifelhaft und dazu eine selten vorkoi 

mende ist, nicht also z. B. „rothes Haar" oder „Stottern** u. dg 

wobei der Zufall (wegen des häufigen Vorkommens) mitwirken, au 

nicht ein Maal u. dgl., was sehr täuschen kann; aber eben weil dai 

solche Fälle nur äusserst selten zugleich als gerichtliche vorkomm 

werden, bleibt dies letzte, von der Aehnlichkeit des Kindes herg 

nommene Kriterium ein fast werthloses fiir die gerichtsärztliche Praxi 

Eben weil nun im Ganzen Betrügereien mit Unterschieben von Kinde 

vom Standpunkt der gerichtlichen Arzneiwissenschaft schwer und unt 

vielen Umständen gar nicht zu ermitteln, deren Folgen aber von d 

grössten Wichtigkeit für Familie, Sitte, ja öffentliche Wohlfahrt sin 

haben die Haus- und Staatsgesetzgebungen seit alten Zeiten Vorke 

rungen zum Verhüten von dergleichen Täuschungen getrotfen. In alt 

Herrscherfamilien, so in der Bourbonischen, ist die Geburt eines neu 

Mitgliedes und möglichen Thronfolgers mit feierlichen, gesetzlich 

Formen umgeben, welche den Sinn und Zweck haben, den ganzen G 



♦) Pyl, Aufsätze u. Beob. VIII. S. 262. 
••) Metzger 's System. 5. Aufl. S. 367. Anmerk. 



§. 45. Verletzungen von Mutter und XiDd bei der Geburt. 253 

ba.ra.Iit vor zuverlässigen Zeugen, den höchsten Krön- und Staatsbeam- 
ten 11. s. w., vor sich gehn zu lassen, das einzige Mittel allerdings, 
um ganz sicher zu gehn. In allen Gesetzbüchern sind ähnliche ße- 
stimniungen enthalten, deren Wirksamkeit in den betreffenden Fällen 
schon in der Sclnvangerschaft zu beginnen bat, die einer fortwährenden 
Controle unterworfen wird u. s. w. , worauf die gerichtliche Mediein 
nicht weiter einzugehen hat. 

Man hat auch den Fall erdacht, dass bei Zwillingsgeburten der 
Zwreitgeborene dem Erstgeborenen vorgezogen, gleichsam untergeschoben 
■wreTden könnte*), und sich bestrebt, zu ersinnen, wie ein solches 
Unterschieben zu ermitteln sei! Wir meinen, dass solche medicinisch- 
forensische Spitzfindigkeit in das Kapitel ähnlicher, veralteter Fragen, 
^_ B. zur Kategorie der Frage gehört: ob die im Vollmond erzeugten 
Rinder lebensfähiger, als die im Neumond empfangenen, wovon bei 
-raulus Zacchias zu lesen! 

§. 45. VerletiBügcD nn Ilitter iid Elid hcl 4« fiebut. 

An das Thema von der Geburt knüpft sich noch die nicht gar zu 

Selten in der Praxis vorkommende Frage von den Beschädigungen, 

^öiche Mutter und Kind während, und letzteres gleich nach der Ge- 

•^Url ohne etwaige Schuld der Mutter, des Geburtshelfers oder irgend 

?^oes Menschen erleiden können. Was die Verletzungen und möglichen 

■'■Ocitungen des Kindes betrifft, so ist davon ausführlich und unter Än- 

^hren einer reichen Casuistik in den betreffenden Paragraphen des 

^■^veiten Bandes die Rede, worauf wir verweisen. Unter den Verletzuu- 

Spn , die die Mutter bei dem Gebärakt erleiden kann, ist namentlich 

'^icht selten die Zerreissung der Gebärmutter in Frage gekom- 

***en, weil sie unstreitig durch ein rohes geburtshülf liebes Verfahren, 

**Urch plumpe Anwendung von Instrumenten bei Abortiv- Versuchen"), 

Bewiiltsame Lösung der Plac«nta, Wendungsversuche bei fester Con- 

**"action der Gebärmutter u. dgl, erzeugt werden, eben so unbestritten 

*t>er ganz spontan und unter durchaus vorscliriftsraässiger Kunsthülfe 

^ntstehen kann. Sie kann dann bedingt werden durch regelwidrige Ver- 

***»nnung der Uteruswäode, die in einem uns vorgekommenen Falle nur 

" bis 4 Linien dick waren***) zumal wenn eine solche Verdünnung oder 

*Qch eine fettartige Entartung der Wände noch zusammentrifft mit 

^^ckenveren gerungen oder mit Querlagen der Frucht; durch jeden, in 

^^u weichen oder harten Theilen begründeten Widerstand gegen den 

Ausgang des Kindes bei stürmischer Weheuthätigkeit, z. B. durch spa- 

^l^che Strictur des Muttermundes, durch Narben oder Degenerationen 

*o demselben, die seine normale Ausdehnung verhindern u. dgl. Die 

*^aserordenÜiche Seltenheit solcher spontanen Gebärmutter-Rupturen, 

^^ beispielsweise im grossen Pariser Gebärhause in den zwanzig Jahren 

^OQ 1839 bis 1859 unter 59,859 Geburten nur elfmal vorkamen, wir<i 

L *) s. u. A. Uüller, Entwurf der gerichtl. Arznei wissenacbaft nach juristischen ^^^^HH 

ft ■od mediciniscben Grundsätzen. Frankfurt 1796. I. S. 366, ^^^^H 

> **) Mehrere derartige Falte s. in den Annales d'Hjg. publ, 1858. X, 156 n. i- ^^^^H 

■ "^ t. tweiten Buid. Speoieller Ibeil. 1. Abth. Cap. 10, Anhang. ^^^^H 



254 Geburt. §. 46. Casuistik. 109. FaU. 

in Fällen, in welchen, den Umständen nach, die Veranlassung ^ 
Ruptur verdächtig geworden, schon zu besonderer Vorsicht im ürtlm^ 
auffordern. Dasselbe wird sich dann ferner leiten lassen müssen dar" 
die Ermittelung der Zeit der Schwangerschaft, in welcher die Zerreisso. 
erfolgte — wobei es mehr als verdächtig sein wird, wenn dieseM 
längere Zeit vor dem normalen Ende der Schwangerschaft eintrat 
so wie durch Ermittelung der Gesundheitsverhältnisse der Verstorbene 
des Geburtsherganges, der pathologisch-anatomischen Befunde und <■ 
concreten umstände des Einzelfalles. — Ganz spontan ferner und vm 
vermeidlich können auch entstehen: Bersten eines Varix, seit 
mit rasch tödtlicher Verblutung, eben solche Verblutung aus d 
zerrissenen Uteringefässen , Einrisse in den Damm mit ihren lac^ 
liehen, bekannten, nachtheiligen und lebenslänglich andauernden Fe: 
gen, Einriss in den Mastdarm mit nachfolgender Kothincontine 
Zerreisssung der Scheide bei angeborener oder durch Narbenb 
düng erzeugter, besonderer Verengerung derselben, gewaltsame IJ 
stülpung der Gebärmutter, ja Zerreissung der ßeckenve 
bindungen*). 

Die Beurtheilung der streitigen Verschuldung im concreten Fi^ 
kann sich natürlich nur nach den individuellen Umständen richten, u^ 
sind die Beläge dazu die genaue Geschichte des Gebäraktes, wenn um 
so weit sie zu erlangen, was keineswegs immer der Fall ist, und (^ 
eigene Untersuchung der noch lebenden Verletzten Seitens des Gerichte 
arztes oder die gerichtliche Obduction der Leiche. Die allgemein^ 
Grundsätze für das Urtheil sind keine anderen, als die der Beurth^ 
lung der angeschuldigten Kunstfehler von Medicinalpersonen überhaug: 
die wir nach unseren Ansichten im zweiten Bande, Spec. Theil §. 88. u- 
ausführlich entwickeln. 



§. 46. Casaistik. 

IM. Pall. Ob die Z. vor fünf oder sechs Monaten geboren hat? 

Sie war der heimlichen Geburt im Januar oder Februar (unter dem alten Strs 
gesetz) angeschuldigt und läugnete, zur Zeit der eröffneten Untersuchung, im Ju " 
im ganzen Jahr geboren zu haben. Bei der Exploration fand ich eine Frau "^ 
47 Jahren, die in ihrer fünfundzwanzigjährigen Ehe — neunzehnmal gebo«" 
und alle rechtzeitig geborenen Kinder, so wie ausserdem noch llaltekiuder selbst £ 
stillt hatte. Und hier sollte über ehie zwanzigste, vor einem halben Jahre ang^^ 
lieh erfolgte Niederkunft geurtheilt werden! Die Z. stellte dieselbe gegen mich ©■ 
schieden in Abrede und behauptete, dass sie vor zwei Jahren und vier Monaten ^^ 
letzten Male geboren habe, eine Anga})e, die indess natürlich nicht maassgeb©^ 
sein konnte. Die Brüste waren schlaff, welk, der Hof sehr dunkel, die Warzen augr^- 
scheinlich zum Nähren benutzt worden. Die Bauchhaut war ausserordentlich wö^ 
und runzlich, hatte aber nur auffallend wenige Narben. Die Vaj^ina schlaff und wei 
kein Ausfluss, kein Wochenlluss; der Uterus stand hoch, der Muttermund war der" 
und hart, seine runde Oeffnung liess die Spitze des Zeigefingers ein, und an seüie** 



*) Vergl. die gründlichen medic. - forensischen Erläuterungen bei Hohl a. a. 0. 
S. 625, 640, 655. 



lobiirt. §. 4(!. Cnsulstlk. 110. u, III. Fall. Ü")!*) 

reoli^an S»it« bereden sich zwei Einkerbiin<;en. Kein Suhaamlippcn bnodch eil. llier- 
uiLctt Vonnte nur feslgesWllt werden, dass die Z. mehrfach gebaren babe, und os 
uiuss^te, bei dem Mangel der betreffenden Zeichen der Turgescenz oder der Milch in 
den Frusten, des bliiligen oder schleimigen Wochenflusses und einer nocli ansehn- 
lichen Ocffunn^ des Muttermundes, angenommen werden, dass die Z. in den let^t- 
Torgangenon Wochen nioht geboren habe. Ob aber vor fünf bis sechs Monaten? 
■ ^kruber, wurde gesagt, könnte unter den obwaltenden Umstanden des Falles der 
xad ikuch nicht mit Wahrscheinlichkeit Auskunft geben. 



119. fall. Wie alt war die vor drei Wochen gel 



.cht? 



Bei der unverehelichten L. war nicht die Geburt an sich, sondern die Zeit der 

Eniorbreehnng der Schwangerschaft in Frage, Auch diese Person hatte schon früher 

iSborea. Am 2S. September fand ich in den Brüsten noch deutlich eine ziemlich 

, sehr weisse Milch, was allein, erklärte ich. schon mit grosser Wahrscheinlich- 

'Vit gegen die Behauptung der L. sprach, dass sie erst 3 bis 4 Monate schwanger 

■TMen sei. „Die Bauchhaut war mit Jenen Falten und Flecken, wie sie nach 

f^ohlieitigen Entbindungen zurückbleiben, sehr reichlich versehen, was jedoch 

die Frage nicht erheblich, da feststeht, dass die L. jedenfalls früher schon ein 

nes Kind geboren hat. Vom Wochenlluss sind nw;h schwache Spuren 

<*'h«nden, die nichts für das Alter der kurzlich gebornen Frucht beweisen. Da- 

I ist der Muttennand noch jetzt, drei Wochen nach der Niederkunft, in der 

^'ÖSM Kines .Silbergroschens geöffnet, und belinden sich daran einige F.inrisse. Jene 

j^ffnung insst aber ihrerseits kaum auf eine Entbindung von einer nur noch sehr 

'^'•iien (jungen) Frucht, vielmehr auf die von einer schon grösseren, d. h. älteren 

^"hliesseo." Nach allen diesen Befunden erklärte ich: „dass die Fracht, welche die 

"• Vor drei bis vier Wochen geboren, höchst wahrscheinlich ülter als vier Monate 

^"W^sen sei". 



III. Vall. 



irtus 1 Monat nach voranfgegangener 
Ausstossung einer todten Frucht. 



ishandlu 



I 

^^K Die richterliche Frage lautete: oh mit Sicherheit anzunehmen, dnss Abortus 

^^^^3g^ der Misshandlungen gewesen ist, beziehentlich, ob dieselben Arbeitsunfähig- 
^^^*it herbeigeführt haben. 

Am 14. August wurde die Schutz von dem Markus derart misshandelt. dass 

*** UDlnr Anderem auch einen Stoss mit dem Fusse vor den Bauch erhielt und rück- 

**'»^ einige Stufen der Treppe herunter gegen die Baum fiel, wie diese, die ,Stuss 

**•»'! sie selbst aussagen. Die Zensch fährte sie darauf nach ihrer, der Schulz 

'"■otinung, wo sie anscheinend von nervösen Zufällen befallen worden ist, wenigstens 

^^bt sie selbst an, bewusstlos geworden zu sein, die Zensch, dass sie in einen 

-Schwikranipf* verfallen sei. — Die Schulz hielt sich für schw.inger im vierten 

■loiuiL und will am darauf folgenden Tage, den 15. August, „Blutverlnsf^ (sc, aus 

'**ö «iesehlechlsth eilen) gehabt haben. 

Km 15. August sah sie der Dr. Pf., indess weder das Attest desselben vom 

*"■ Oclober. noch seine Deposition vom 15. November, enthalten irgend eine objec- 

I "S Beoltachtung über den Zustand der Schulz, nur das führt er wenigstens in 

>r Vernehmung an, dass die Schulz über „heftige Schmerzen im Unterleibs 

^Ziehen im Kreuze geklagt habe". Auch darüber, ob am 15. August die Schule 



256 Geburt. §. 46. Casuistik. 111. Fall. 

zu ihDi gekommen, oder er sie besucht habe, stehen seine beiden Depositionen in 
Widerspruch. 

Am 13. September wurde die Schulz entbunden, üeber den Vorgang voi 
und bei der Geburt constirt aus den Acten Folgendes: 

Dr. Pf. giebt an: „Am 11. September kam ich auf Verlangen der Schulz ii 
deren Wohnung. Ich fand sie im Bette. Ich untersuchte sie innerlich durch Ein- 
führen eines Fingers. Es lag schon eine Unmasse Blut im Bette. Es fand, nach 
dem ich den Finger wieder herausgezogen hatte, noch weitere Blutung statt. Icl 
führte den Finger bis zum Gebärmuttermunde und fand, dass derselbe geöffnet war 
und dass sich regelrechte Wehen eingestellt hatten. Ich verordnete kramp fstillend< 
Mittel, einen Thee aus Baldrian, Pfeffermünze und Ghamillen zum Trinken. Icl 
suchte eine weitere Oeffnung des Muttermundes, indem ich auch einen zweitei 
Finger einführte, zu bewirken. Um die Blutung zu massigen, habe ich auch „„Hai 
ler'sches Sauer**" der Patientin verordnet. Ich habe sie an demselben Tage um 
in der Nacht, und ebenso häufig an den beiden darauf folgenden Tagen besucht 
Ich habe jedes Mal die Untersuchungen und die Manipulationen wiederholt. E 
kamen ab und zu Wehen und sogar sehr schmerzhafte, so dass die Patientin lau 
schrie. Am dritten Tage ging die Frucht ab, doch war ich hierbei nicht zugegen 
Die Wickelfrau Kr eil fand ebenfalls bei ihrem ersten Besuche, 8. oder 9. Sep 
tember — sie kann die Zeit nicht genau angeben — die Schulz im Bette, um 
zwar lag sie im Blute. Am 13. September Nachmittags fand sie bei einer Unter 
suchung der Schulz, dass die beiden Füsse eines Kindes aus dem Muttermund 
hervorragten, und holte das Kind, Pf. habe die Nachgeburt zu entfernen gesucht 
doch sei ihm das nicht gelungen. 

Am 17. September entfernte sie die Nachgeburt, die auch Pf, in seiner zwei 
ten Vernehmung gesehen zu haben zugiebt. Wie sie beschaffen gewesen, nament 
lieh ob sie vollständig gewesen, constirt nicht aus den Acten. 

Sehr verschieden sind die Depositionen der betreffenden Zeugen über das Pro 
duct der Geburt der Schulz. Mit sich selbst in vielfachem Widerspruche steht de 
Pf. Nach seinem ersten Atteste vom 18. October war es „eine in Verwesung ü bei 
gegangene, circa 3 bis 4 Monate alte Frucht-'. Am 15. November erklärt er, si 
habe ihm acht Wochen alt geschienen, seit 4 bis 6 Tagen in Fäulniss übergeganget 
„Es war keine ausgebildete menschliche Leibesfrucht, mehr molenähnlich, ma 
konnte einzelne Körpertheile noch nicht unterscheiden. Es war ein Convolut vo 
Fleisch und Blut, einer Nachgeburt ähnlich'*, diese aber sei zurückgeblieben g( 
wesen, wie er sich davon überzeugt habe, indem er sie gefühlt habe. Am 15. D< 
cember spricht er wieder von einem „Kinde**, das er zwar „angesehen, aber nicl 
speciell und anatomisch untersucht^ habe. 

Dagegen bekundet die Zensch. dass das Kind naturgemäss ausgebildet g< 
wesen, ein kleines Mädchen gewesen sei, was sie an den Geschlechtstheilen erkani 
habe. Die Schulz selbst sagt, dass es ein „ausgetragenes Kind weiblichen G< 
schlechts'* gewesen sei. Ihr Ehemann, der die Frucht ebenfalls gesehen, sagt, da! 
es ein Kind weiblichen Geschlechts von circa 5 Zoll Länge gewesen sei. DieKre 
endlich erklärt es für ein etwa vier Monate altes Kind von 9 bis 10 Zoll Länge, di 
todt zur Welt gekommen, das sie gebadet und nachher auf ein Brett hingelegt hab 
Es wäre ein ganz naturgemäss ausgebildetes Kind, an den Geschlechtstheilen a 
ein Mädchen kenntlich, gewesen. 

Was die Arbeitsunfähigkeit der Schulz nach der Entbindung betrifft, so d; 
tirt Pf. dieselbe bis zum 19. September; der Ehemann der Schulz saart dass s 
noch 14 Tage nachher das Bett habe hüten müssen und schwere Arbeil noch a 



0ß 



Geburt. §. 46. Casuistik. 111. Fall. 257 

29. K^ovember nicht wieder habe verrichten können. Sie selbst giebt an, dass sie 
nach der Entbindung noch drei Wochen ^ krank ^ gewesen sei. 

Die vorstehenden Thatsachen gestatten kaum weiter zu gehen, als die Mög- 
lichkeit eines Gausalzusammenhanges zwischen Misshandlung und Abortus zuzu- 
geben. Es fehlt jedes Verbindungsglied, und wir wissen gar nichts über die wich- 
^gr© Zeit vom 15. August, wo sie der Dr. Pf. sah, und dem 11. September. Nur 
der Eüliemann sagt in seiner Denunciation, dass seine Frau ,,in der ganzen Zwischen- 
zeit in Folge der Misshandlung krank gewesen sei, so dass sie den Arzt mehrere 
Male z^ Hülfe ziehen musste'', ein Punkt, der weder in der Vernehmung der Schulz, 
noch ihres Ehemannes am 24. November wieder zur Sprache gekommen ist und auch 
darclx die Aussage des Pf. am 13. December nicht aufgeklärt ist. 

^Einstweilen habe ich, mit Rücksicht auf die Verfügung der Königl. Staatsan- 
waltschaft die Untersuchung der Schulz meinerseits für erforderlich erachtet. Das 
Ergebniss der von ihr gemachten Angaben ist folgendes, das ich nur insoweit an- 
nihre, als es das bereits Bekannte zu ergänzen geeignet ist. 

Die Schulz ist eine kräftig gebaute Frau von angeblich und anscheinend 34 

Jähren. Sie will sechs Mal geboren, bisher niemals abortirt haben. Am 9. Mai sei 

*»ire letzte Regel beendet gewesen, am 10. Mai habe sie Umgang mit ihrem Manne 

Schabt und von da ab ihre Schwangerschaft datirt, weil sich ein eigenthümliches 

^»»Wohlbefinden, welches sie aus früheren Conceptionen her kenne, eingestellt habe. 

^^''^ Tage nach der Misshandlung, am 15., sei sie nicht ausgegangen, vielmehr Dr. 

** ^- bei ihr gewesen, und sei seine erste Deposition ein Irrthum, vielmehr die zweite 

_ *^ richtige. Pf. habe sie mehrmals in dieser Zeit besucht. Sie habe nämlich am 

^eren Tage Blut verloren, und sei vier Wochen lang Blut mit Wasser von ihr ab- 

»^Dgen. Dabei habe sie Schmerzen im Bauche gehabt, die wie „blinde Wehen*' 

'csen wären, und öfter Brechreiz empfunden. Acht Tage nach der Misshandlung 

*« sie zu Bett gelegen, dann ihre Wirthschaft besorgt, soweit das ohne Anstren- 

'*^S möglich gewesen sei. Wasser z. B. habe sie nicht getragen, weil sonst die 

"^-•^tiing stärker wurde. Es sei ihr zwar verordnet gewesen, liegen zu bleiben, je- 

,^^^li sei sie stundenweise aufgewesen. — Am 10. September habe sie, ohne dass 

^ ^ 3ich einer Veranlassung bewusst wäre, einen Frostanfall bekommen, um 1 Uhr, 

^^^^^ l)is gegen Abend hin gedauert hätte. Montag, den 11., habe sie wieder einen 

^Ostanfall gehabt, Vormittags, der mehrere Stunden angehalten habe, Blutung und 

■^üierzen seien stärker geworden, hätten sich am Dienstage zu ordentlichen Wehen- 

^^KiieTzen gesteigert, und am Mittwoch sei sie entbunden worden. Das Kind sei 

Uadchen gewesen, 5 — 6 Zoll lang, „tqiti und glatt^. Pf. habe sie das erste 

erst nach dem ersten Frostanfalle untersucht, dann sei er öfter mit den Fingern, 

wohl mit der Hand eingegangen. Sonntag sei die Nachgeburt gekommen, 

^^Iche von der Wickelfrau, die ebenfalls mit der Hand eingegangen sei, mit Gewalt 

^^*^olt worden sei. Vier Wochen lang habe sie nach der Entbindung noch Blutab- 

^^^^S" gehabt, in der fünften Woche habe sie noch nicht wieder waschen können, 

^Willentlich weil sie Schwäche in den Beinen gehabt habe, erst Anfangs November 

^1 sie wieder in früherer Weise arbeitsfähig gewesen, und jetzt wieder gesund. 

**Uie Untersuchung der Genitalien der Schulz ist von mir nicht unternommen 

^^rden, weil sie, in Bezug auf die in Rede stehenden Fragen, einen Zweck nicht 

'^^n konnte. 

Nach diesen Auslassungen bin ich im Stande, ein Gutachten abzugeben. Die- 
'^^^n erscheinen mir äusserst wichtig, weil sie eine grosse innere Wahrheit haben 
^ offenbar Erlebnisse wiedergeben, wie z. B. die den Abortus einleitenden Er- 

Catper>Liman. 0«riehU. Ifed. 7. Aufl. 1. |Y 



258 Geburt. §. 46. Casuistik. 111. Fall. 

scheinungen, die Explorata nicht füglich ersonnen haben kann, and mit welchei 
mir gegenüber ganz von selbst hervorgetreten ist. 

Es fragt sich zunächst, was und zu welcher Zeit ihrer Schwangerschaft 1 
die Schulz geboren. 

Es ist mir nicht einen Augenblick zweifelhaft, dass das Geborene eine Frua. • 
mit menschlicher Bildung und Form gewesen sei, und nicht eine Mole oder moH« 
ähnliches Convolut von Fleisch und Blut, an dem man einzelne Körpertheile nm« 
habe unterscheiden können. Die Weiber haben das Geborene gesehen, an den d 
schlechtstheilen als ein Mädchen erkannt, die Schulz nennt es rein und glatt, « 
Zensch hat es sogar gebadet, ein Umstand, der allein schon hinreicht, zu beweist 
dass eine Mole nicht vorgelegen hat. So hoch ich auch die Phantasie des Weil= 
veranschlage, so halte ich es für unmöglich, dass man eine Mole statt eines Kind 
badet. Diese nämlich ist ein Klumpen ohne menschliche Form und Bildung, er" 
standen aus einer Degenerirung der Eihäute oder durch zwischen sie und den Fötus, d 
recht oft unentwickelt in den Molen sich vorfindet, ausgetretene Blutmassen, hie 
nach sich als Trauben- oder Blutmole darstellend. Eine Mole würde im Gegentheä 
der Phantasie und Klatschsucht der Weiber, deren nach Angabe der Zensch d 
ganze Zimmer voll war, den grössten Stoff gegeben haben, wie denn ja auch d- 
Kind schon die Zeichen des Stiefelhackens des Markus an der Stirn getragen hab« 
soll. Andererseits giebt Pf. kein einziges Kriterium an, woraus er die „Molenäh' 
lichkeit" gefolgert habe, und wenn er erklärt, dass er das Kind zwar angeseh^ 
nur nicht speciell anatomisch untersucht habe, so ist die Art des Ansehens vielleic " 
durch seine eigenen hinzugefügten Worte: „ich war froh, dass es weg war,** |ag 
kennzeichnet. 

Das Kind wird nun weiter von den Zeugen als ein solches geschildert, des3- 
Geschlecht sie hätten unterscheiden können, das 5 — 6 Zoll lang gewesen sei, vf^ 
wenngleich die Krell es zu 10 — 11 Zoll taxirt, so giebt sie doch den Stand sein 
Entwickelung auf vier Monate an. Auch der Ausdruck der Schulz, dass es ^ 
^ausgetragenes*^ Kind gewesen, dürfte nicht wörtlich zu verstehen sein, vielirm^ 
hat sie offenbar damit bezeichnen wollen, dass dasselbe bereits vollständig gebil^ 
gewesen sei. Nach diesen Angaben aber wäre das Kind ganze vier Monate alt # 
wesen, denn Ende des dritten- Monates erreicht es eine Länge von 2 — 2 V2 ^oU, £«■ 
des vierten 5 — 6 Zoll, Ende des fünften 10 — 11 Zoll. Ende des vierten ist das C5 
schlecht bereits mit blossem Auge zu unterscheiden, die Haut ist rosenfarbig ti^ 
hat schon eine gewisse Consistenz, auch die Fettabsonderung im Unterhautzell^ 
webe hat begonnen, so dass der Ausdruck der Schulz, das Kind sei „rein u^ 
glatt '^ gewesen, vollkommen passt. Endlich steht im Einklänge damit die Rechnur^ 
der Schulz, welche ihre Schwangerschaft vom 10. Mai an datirt, und wonach d^ 
Geburt mit dem Solleintritt der vierten Regel zusammengefallen wäre, so dass auc 
nach dieser Rechnung das Kind bereits vier Monate alt gewesen wäre. 

Es ist mithin die Schulz Ende des vierten Monates ihrer Schwangerschaft voi^ 
einer vier Monate alten Frucht entbunden worden, d. h. sie war zur Zeit der erlit- 
tenen Misshandlung bereits drei Monate lang schwanger. 

Unmittelbar nach der Misshandlung, welche, wie keiner weiteren Ausfühmnt; 
bedarf, sehr geeignet war, nachtheilig auf den Verlauf der Schwangerschaft zu wir- 
ken, in sofern durch Fusstritt vor den Bauch und Fall eine heftige Erschütterung 
herbeigeführt und eine theilweise Lösung des Mutterkuchens bewirkt werden kann, 
unmittelbar nach der Misshandlung verfiel die Schulz in einen mit nervösen Sym- 
ptomen verbundenen Zustand, der jedenfalls eine heftige Gemüthsbewegung bekun- 
det, und bekam anderen Tages Blutabgang, welcher Abgang, mit Wasser vermischt, 



Geburt. §. 46. Casuistik. 111. Fall. 259 

die ^anze Zeit bis zur Niederkunft angehalten haben soll. Gleichzeitig stellten sich 
Lei 1> schmerzen ein, welche blinden Wehen glichen, bis Frostanfälle eintraten und 
der .A.bortus sich einleitete. 

Es ist hier eine Continuität der Erscheinungen unverkennbar, und unter der 
Voraxissetzung der Richtigkeit der Angaben der Schulz nehme ich keinen Anstand, 
ein Oausalverhältniss zwischen der Misshandlung und dem endlich erfolgten Abor- 
tus anzunehmen. Die Blutung wurde erzeugt und unterhalten durch theilweise Lö- 
sung des Mutterkuchens , die Wasser gingen allmälig ab, zur Zeit der Frostanfälle 
start> der Fötus ab und wurde nunmehr ausgestossen. Die Annahme eines Causal- 
verhiiltnisses gewinnt um so mehr Raum, als die Schulz ein kräftiges Frauenzim- 
^ner ist, die, obwohl sie sechs Mal schwanger gewesen zu sein angiebt, kein einziges 
Älal Abortirt haben will, also eine Disposition zum Abortus bei ihr nicht angenom- 
men iwerden kann, auch andere schädliche Einwirkungen in der Zwischenzeit, so 
viel 'bekannt war, nicht eingewirkt haben. 

Ob es möglich gewesen wäre, den Abortus bei zweckmässigerem Verhalten 
^^feuhalten, resp. zu vereiteln, muss vollständig dahin gestellt bleiben. Die Seh. 
^t, ihrer eigenen Angabe nach, nach acht Tagen bereits wieder aufgestanden und 
*^^t ihre Wirthschaft besorgt, obgleich sie fortwährend Blut verloren hat. Nur die 
^^^ngste Ruhe und passende diätetische und ärztliche Behandlung kann in solchen 
* *n«n die Vollendung des Abortus möglicherweise vereiteln. 

Es könnte aber noch geltend gemacht werden, dass das Verfahren des P f. we- 

s^ntlich zur Erzeugung des Abortus beigetragen habe, indem er, anstatt die Aus- 

"ossung des Fötus der Natur zu überlassen, wenn sie erfolgen sollte, durch ge- 

~^*^ftiges Untersuchen und wiederholtes Eingehen in den Muttermund die Möglich- 

;^^it einer Hintanhaltung des Abortus nicht nur verhindert hat, sondern durch dies 

**»n gehen denselben nur befördert haben konnte. 

Das Verfahren des Pf. ist allerdings, so treu er seinem Berufe obgelegen zu 
^^^en scheint, kein hinreichend motivirtes. Entweder es war keine starke Blutung 
^^■"lianden, wenigstens keine lebensgefährliche, oder es war eine solche vorhanden. 
*^ Ar keine Lebensgefahr vorhanden und meinte er, der Abortus sei nicht mehr auf- 
^Oltalten, so war gar kein Grund vorhanden, mit den Fingern in die Gebärmutter 
^^xi^ugehen und den Muttermund erweitern zu wollen, zumal, wie er selbst angiebt, 
"^^^g^lrechte" Wehen sich eingestellt hatten. Oder es war eine lebensgefährliche 
**»^tnng vorhanden, so war schnelles Handeln und zwar die Einleitung eines der 
*^nstlichen Frühgeburt analogen Verfahrens nach den in der Geburtshülfe vorge- 
schriebenen Regeln angezeigt und eine möglichst schnelle Entbindung Pflicht, nicht 
^oer die von Pf. unternommenen, durch Tage hindurch fortgesetzten Manipulationen. 
*^*öe lebensgefährliche Blutung aber lag nicht vor, wenigstens ist kein Zeichen einer 
Vorhandenen, erschöpfenden Blutung angegeben, und vor allen Dingen stimmt dazu 
^*<5bt, dass der Pf. die Schulz am 19. September wieder für „arbeitsfähig**, selbst 
*^^cbte Arbeit angenommen, erklärt, nachdem ihr Sonntag, den 17., erst die Nach- 
'^^^urt entfernt worden war. Wäre eine lebensgefährliche, profuse und erschöpfende 
"•^tung voraufgegangen, so würde die Frau unmöglich am 19. wieder arbeitsfähig 
^ben sein können. 

Aber wie der Fall liegt, kann angenommen werden, dass Pf. erst zu einer Zeit 
i m der Schulz gekommen, als der Abort unvermeidlich geworden, nachdem näm- 

k ^ Frostanfälle bereits eingetreten waren. Wenn hiermit, wie das erfahrungsge- 

B «ÄS8 ist, das Absterben des Fötus signalisirt war, so war der Abort bei gleichzci- 

W ^ vorhandener, stärkerer Blutung und regelrechten Wehen unvermeidlich geworden 

W und Ware bei zweckmassigstem Verhalten nicht mehr zu vermeiden gewesen. 



260 Geburt. §. 46. Casuistik. 111. Fall. 

Was nun die Dauer der Arbeitsunfähigkeit betrifft, so ist es yollkommen glai 
lieh, dass, die Richtigkeit der Angabe der Schulz angenommen, dieselbe zwiscl 
Misshandlung und ihrer Niederkunft und auch vier Wochen nach derselben zu ih 
gewohnten Arbeit unfähig gewesen ist, denn, wenngleich eine lebensgefährliche B 
tung nicht Statt gefunden haben mag, so hat sie 'doch sicherlich bedeutende Bl 
Verluste gehabt und ist durch diesen Verlust, wie durch die überstandene Entt 
düng schwach gewesen, auch ist es vollkommen in der Erfahrung begründet i 
glaubhaft, dass sie noch vier Wochen nachher Blutverluste gehabt habe, denn 
Mutterkuchen ist „mit Gewalt^ entfernt worden, und wenngleich derselbe einer sa 
verständigen Inspection nicht unterworfen worden, so ist es höchst wahrscheinli 
dass, wie unter solchen Umständen zu geschehen pflegt, Reste desselben in der • 
bärmutter zurückgeblieben sind, welche die fernere Blutung unterhalten und s 
erst mit der Zeit losgestossen haben. 

Hiemach gebe ich mein amtseidliches Gutachten dahin ab : 1) dass unter V 
aussetzung der Richtigkeit der Angaben der Schulz anzunehmen, dass der Abor 
Folge der derselben am 14. August zugefügten Misshandlungen gewesen ist; 2) ä 
es dahingestellt bleiben muss, ob bei zweckmässigem Verhalten von Anfang an, ö 
selbe hätte hintangehalten werden können; 3) dass die beregten Misshandlnn^ 
eine mindestens achtwöchentliche Arbeitsunfähigkeit zur Folge gehabt haben; 4) d 
dieselben einen erheblichen oder bleibenden Nachtheil auf die Gesundheit der Schi 
nicht ausgeübt haben. 

Im Audienztermin wurde, abweichend von den oben angeführten Auslassung 
der Schulz, festgestellt, dass sie vor zwei Jahren in ihrer letzten Schwangersch 
im dritten Monat abortirt habe. Dieser Umstand konnte indess das obige Gutachi 
nicht erschüttern. Denn nicht allein, dass hier der Termin des dritten Monats 1 
reits überschritten war, so bleibt immer die Continuität der Erscheinungen m 
Einwirkung des an sich zur Erzeugung des Abortus geeigneten Eingriffes besteh 
und sind Schädlichkeiten, welche in diesem Falle die Fehlgeburt veranlasst hal 
könnten, nicht bekannt. Zugegeben aber, dass eine Disposition zum Abortus 
standen hätte, so würde eben bei der nachgewiesenen Continuität der Erscheinung 
doch immer die Misshandlung als diej/Veranlassende Ursache betrachtet werden m 
sen. Wenn der §. 185. (Pr.St.G.) bei dem Majus, bei der tödtlich gewordenen K 
penerletzung, den Thatbestand der Todtung als festgestellt erachtet, unabhän^ 
von der Individualität der Verletzten und dem Umstände, ob durch zweckmäss 
und zeitige Hülfe der tödtlichc Erfolg hätte verhindert werden können, so würd 
diese Umstände um so weniger bei dem Minus, der nicht tödilichen Körperverletzui 
in Rechnung gesetzt werden können, d. h. die Misshandlung wird in dem vorliege 
den Falle immer die Ursache zum Abort gewesen seip, selbst die Disposition di 
als vorhanden vorausgesetzt, weil unmittelbar nach der Misshandlung der Aber 
sich einleitete. — Aber auch die Pos. 4. des Gutachtens, dass kein erheblicher, o< 
bleibender Nachtheil für die Gesundheit der Schulz, welche jetzt vollkommen j 
sund ist, resultirt sei, wird durch diesen neu erhobenen Umstand nicht verandc 
denn es kann nicht behauptet werden, dass im Falle einer neuen Schwangersch 
sie wieder abortiren werde, wenn auch erfahrungsgemäss Recidive der Aborte g« 
vorkommen. Ueberdies würde es ihre Sache sein, in einem solchen Falle alle V 
kehrungen zu treffen, einen neuen Abort zu vermeiden. 



Geburt. §.46. Casuistik. 112. — 114. Fall. 261 

U2. bis 114. Fall. Drei Anschuldigungen gegen Aerzte wegen 
verbrecherischer Fruchtabtreibung. 

Ich bedaure, dies Werk mit drei solchen entsetzlichen Fällen verunstalten zu 
mü ssen ; man wird denselben aber die Berechtigung zur Aufnahme , wegen ihres 
lelii- reichen Inhaltes, nicht versagen. 

112) Dies ist der schon oben kurz erwähnte. Die 21jährige Dienstmagd E. 
li&lle sich mehrere Wochen vor Pfingsten 18 . ., nachdem seit zwei Monaten ihre 
^«geln ausgeblieben, unwohl gefühlt, ohne damals zu vermuthen, dass dies eine 
Polge der von ihrem Dienstherrn, dem Arzt und practischen Geburtshelfer Dr. 
X., bewirkten Schwängerung sein könne. Nachdem sie sich diesem entdeckt, war 
derselbe, nach ihrer Aussage, ihr wiederholt „mit einem langen Instrument^ in die 
Geschlechtstheile eingegangen und hatte auch mehroremale „kleine dreieckige Stück- 
eben Schwamm tief hineingebracht, welche nach der Entfernung jedesmal aufge- 
<iuollen gewesen^. Am zweiten Pfingstfesttage verlor sie plötzlich unter heftigen 
Schmerzen viel Blut und dabei auch „Haut und Pelle'' (Fetzen, Häute). Erst nach 
^nf Monaten wurde sie mir zur Untersuchung vorgestellt! „Der Hof um die Brust- 
warzen*', berichtete ich, „ist dunkler gefärbt, als es während der Jungfernschaft 
und vor der ersten Schwangerschaft der Fall zu sein pflegt. Milch lässt sich aus 
^on Brüsten nicht herausdrücken. An der Bauchhaut der derben und kräftigen Per- 
son sind Flecke oder Narben nicht wahrzunehmen. Die Geschlechtstheile sind ent- 
jungfert. Die Scheidenportion der Gebärmutter steht ziemlich hoch und hat weder 
Hlinrisse noch sonstige Verletzungen. Ihre Oeffnung ist jedoch nicht jungfräulich 
q.^«r gespalten und geschlossen, sondern elliptisch geformt, und kann man mit der 
anssersten Spitze des Zeigefingers hineindringen. Ausfluss aus den Geschlechts- 
^l^cilen ist nicht vorhanden und das Scheidenbändchen nicht zerstört. Die innere 
Wahrheit in den Angaben der Explorata und der Befund sprechen für die Richtig- 
'^©it ihrer Denunciation. Was die E. angiebt, ist genau das Verfahren, wie es in 
der Geburtshülfe angewandt wird, wenn zur Erhaltung des Lebens einer Schwängern 
di© Noth wendigkeit einer vorzeitigen und forcirten Beendigung einer Schwanger- 
schaft eintritt. Ein solches Verfahren ist nur den Sachverständigen bekannt und 
fainn nur von ihnen mit Hoffnung auf Erfolg ausgeübt werden, ist aber auch aller- 
dings, wenn mit Sachkenntniss ausgeführt, ein sicheres Mittel zur Provocation eines 
Abortus oder einer Fiühgcburt. Ob die E. eine solche vor bereits fünf Monaten er- 
Utt«n, ist eine nicht leicht zu entscheidende Frage. In einer so langen Zeit sind 
Xieicben nothwendig verschwunden, die kurze Zeit nach wirklich erfolgter Entbin- 
dung hätten erwartet werden können, wie mehr oder weniger Milch in den Brüsten, 
iwhr oder weniger Hitze in den Genitalien, Ausfluss aus denselben und eine bedeu- 
twdere Oeffnung im Gebärmutiermunde. Nichtsdestoweniger ist bei der Explorata 
«ffallend : der dunkle Warzenhof, der auf vorangegangene Schwangerschaft deutet, 
und die rundliche Oeffnung des noch nicht ganz wieder geschlossenen Gebärmutter- 
nondes, ein Befund, der auf vorangegangene Entbindung schliesseh lässt. In Er- 
wägung aller erhobenen Thatsachen muss ich mein Gutachten dahin abgeben: 
dass der Befund am Körper der E. dafür spricht, dass dieselbe einen Abortus er- 
Iftten habe." (Ich habe schon oben angeführt, dass und aus welchem Grunde der 
Angeschuldigte frei gesprochen worden isti) 

113) Ein vor Jahren hier übel berüchtigter, später verschollener practischer 
Arzt war angeschuldigt, der Wittwe K. ein Recept „zum Zwecke der Abtreibung 
emcr Leibesfrucht" verschrieben zu haben. Die Akten wurden mir mit der Frage 
vorgelegt : ^ob das Mittel, wenn es nach der von der K. angegebenen, mündlichen 



262 Fruchtabireibung. §. 46. Casuistik. 113. Fall. 



Verordnung gebraucht wurde, zu dem gedachten Zwecke geeignet war, und ob t 








Anwendung desselben die Gesundheit der K. erheblich in Gefahr gerieth?* Na 
einer gewissenhaften und sorgfältigen Prüfung des Akteninhaltes sagte ich in m 
nem Gutachten: „es giebt im Arzneischatz keine Mittel, die erfahrungsgemäss 
solcher Sicherheit auf das Leben der Frucht oder der schwängern Gebärmutter ei 
wirkten, dass sie nothwendig und unter allen Umständen die Frucht von der seh 
gern Mutter trennen, d. h. Abortus bewirken müssten. Nach diesem unbestritflr- 
nen Erfahrungssatz können auch die von dem Dr. Y. verschriebenen Arzneimitl^^ 
auf dem Recepte v. 15 v., weder für sich, noch in ihrer Gesammtmischung, 
solche Medicamente bezeichnet werden. Wohl aber giebt es Arzneien, die auf 
obengenannten und benachbarten Theile so reizend und erhitzend einwirken, 
sie Blutllüsse aus der Gebärmutter, Wehen u. s. w. hervorrufen und dadurch Ab 
tus bewirken können und nicht ^ar selten wirklich bewirken, von denen -dann al 
wo sie wirklich angewandt worden, mindestens behauptet werden müsste, dass a 
„„zu dem gedachten Zwecke geeignet waren ^''. Dies gilt um so mehr, wenn da 
gleichen Mittel in besonders grosser Dosis, und zumal noch, wenn eine Verbindur 
und Summe von dergleichen Mitteln in grosser Dosis gereicht worden ist. G 
dies aber war der Fall bei der von dem Dr. Y. der verwittweten K. verschriebe 
Arzneimischung. Es besteht dieselbe akten massig aus einem Theeaufguss 
10 Loth aus 2 Loth Sennesblättem und von 10 Loth aus 2 Loth Sadebaumkraut, 
welchen 20 Loth Flüssigkeit gemischt werden sollten: 3 Loth Safransyrup und 3L 
boraxhaltigen Weinsteins, von welcher Mischung die K., nach ihrer Aussage, a 
zwei Stunden einen Esslöffel voll einzunehmen, angewiesen worden war. Das Ga 
wird demnach ungefähr 26 Esslöffel betragen, und würde die K. es etwa in drei v 
len Tagen verbraucht haben. Zunächst müssen sämmtliche Dosen hier verhäitni 
massig grosse genannt werden. Ein Aufguss von 2Loth Sennesblättem auf IOLch- 
Colatur (Thee) muss schon als starkes Laxirmittel wirken, und dass diese Wirku 
bei der K. wirklich eingetreten, geht aus ihrer und der R. Aussage hervor, obglei 
doch die K. bei Weitem nicht die ganze Arznei verbraucht hat. Starke Purgantic 
aber wirken nothwendig theils consensuell-sympathisch, theils mechanisch (durc 
das viele Pressen) auf die schwangere Gebärmutter, und vorsichtige Aerzte vermei- 
den daher. Schwängern dergleichen Mittel zu verordnen, um eben Abortus zu ver- 
hüten, zumal in den ersten Monaten der Schwangerschaft, wo Abortus verhältniss- 
mässig leicht erfolgt, und in welchen Monaten sich grade in jener Zeit die Wittwe 
K. befand. Noch unmittelbarer erregend auf die Gebärmutter wirkt das Sadebaum- 
kraut, das deshalb sogar auch beim Volke als Abortiv-Mittel allgemein in Ruf steht, 
und das kein Arzt ohne besondere (und gewiss nur sehr seltene) Veranlassung leiner 
Schwangern verschreiben wird. Auch dies Mittel hat der Dr. Y. hier in einer un- 
gewöhnlich grossen Dosis verschrieben (2 Loth zu 10 Loth Thee). Femer gehören 
die Boraxpräparate im Allgemeinen zu den oft genannten Mitteln, obgleich nicht 
in Abrede zu stellen, dass das hier gewählte (Tartams boraxalus) weniger diese 
Kraft hat. Immer bleibt dieser Zusatz einer sehr grossen Dosis (3 Loth) zu einer 
Flüssigkeit, wie die geschilderte, mindestens sehr auffallend. Endlich hat auch der 
Safran an sich eine Stelle in der Reihe der bluterhitzenden und bluttreibenden, 
also auch Abortus erregenden Mittel, nur findet sich im qu. Recepte das allermil- 
deste Präparat verordnet, der Safransyrup nämlich, der, einzeln betrachtet, un- 
schädlich sein würde. — W'as nun die wirklich nach der Arznei eingetretene Wir- 
kung betrifft, so sind alle Symptome, die die K. in den Akten angegeben, als: hef- 
tiges Schneiden im Unterleibe, heftige Diarrhoe, Schwäche in den Beinen, deshalb 
Arbeitsunfähigkeit auf einige Tage, nur allein auf Rechnung der Sennesbiätter zu 




Fruchtabtreibung. §. 46. Casuistik. 114. u. 115. Fall. 263 

scHrc i l)en, und sind andere Zufalle namentlich deshalb nicht eingetreten, weil die 
die Arznei wieder bei Seite gesetzt wurde, wo sich dann auch die genannten Wir- 
Mi, als unerhebliche, bald verlieren mussten. Wenn demnach von dieser Seite 
cler K. keine Gefahr drohte und ich selbst die Annahme fallen lassen will, dass 
rnx Fortgebrauche der Mischung und immer vermehrtem Purgiren mögliche r- 
'^^'e i s e eine Darmentzündung hätte entstehen können, so ist doch nach dem oben 
A\xsge führten nicht zu läugnen, dass beim Ausgebrauche des Mittels auch die be- 
^'^^grte Wirkung des Abortus hätte erfolgen können, und dass in diesem Falle dann 
»öll>st die allgemeine Gesundheit der K. bedroht gewesen wäre, da ein gewaltsam 
^rreg;ler Abortus sehr oft lange und heftige Blutungen veranlasst, die die Kräfte für 
^Tigere Zeit erschöpfen. Hiernach beantworte ich die vorgelegte Frage dahin: dass 
^^s qu. Mittel zu dem gedachten Zwecke geeignet war, und dass bei Anwendung 
^«sselben die Gesundheit derK. möglicherweise erheblich in Gefahr gerieth.** 
114) Der dritte Fall war dem ersten ähnlich, wie man aus der uns vorgeleg- 
ten Präge sieht: ^ob durch Einbringung eines, durch eine Zinnspritze gezogenen 
Eisendrahts in die Geburtstheile im vierten oder spätem Monate der Schwanger- 
scbaft, wonach Blutverlust erfolgt, die Abtreibung der Leibesfrucht bewirkt werden 
«nu?" wobei gefordert war, zugleich zu berücksichtigen: ^in wie weit ein Abortus 
^erdurch wahrscheinlich intendirt sei?'' — Der angeschuldigte Arzt war der muth- 
niassliche Schwängerer und sollte eine dreimalige Einbringung jenes Instrumentes 
aus^fohrt haben, wobei die Schwangere jedesmal ^etwas Bluf verloren hatte, eine 
Operation, die jedoch für Mutter und Kind ohne Folge geblieben war und die Ge- 
burt eines rechtzeitigen, gesunden Kindes nicht gehindert hatte. Das Gutachten 
bejahte in weiterer Ausführung die erste Frage, ebenso wie die zweite. 

115. Fall. Durch eine Ilebeamme bewirkte Abtreibung. 

An diese Fälle schliessen sich naturgemäss die folgenden an. Leider ist in 
dem ersteren nicht gegen die Thäterin vorgegangen worden, deren Schuld nach dem 
Folgenden wohl Niemand bezweifeln wird. 

Am 6. Januar c. starb in der Charite die Th. Sie war daselbst am 30. De- 
ceniber a. p. aufgenommen worden. Man Consta tirte hier die Zeichen kürzlich statt- 
gefundener Niederkunft, so wie eine fieberhafte Erkrankung, die mit Schmerzhaftig- 
keit der Gebärmuttergegend, übelriechender, jauchiger Absonderung aus derselben 
^nd Verschwärungen der Scheidenschleimhaut, welche letzere sich durch den gel- 
^D, missfarbigen, zum Theil festhaftenden Belag als diphtheritische Verschwärun- 
?*D charaeterisirten, verbunden war. Verletzungen an den Geschlechtstheilen sowohl 
aassexlich, als bei innerer Untersuchung, wurden nicht wahrgenommen. Bei ihrer 
infnahmo machte sie, wie das Charitejournal sagt: ^klare, verschiedenen Personen 
g^&^nüber übereinstimmende Angaben über die Art der Entwicklung ihres jetzigen 
Krankseins**. Sie gab an, dass ihre Schwangerschaft bis vor 14 Tagen normal verlau- 
fen Sei. Zu dieser Zeit habe sie sich von einer Frau behufs der Abtreibung der Frucht 
jedeTj zweiten Tag ein Instrument (4 bis 5 Mal im Ganzen) in die Geschlechtstheile 
«Jnfiij^rgjj lassen. Dasselbe war angeblich zwei Fuss lang, am vorderen Ende gebo- 
^^ "Und von Stahl. Die Manipulation soll nicht schmerzhaft gewesen sein. Nach 
dem Wiederherausnehmen des Instrumentes soll die Person , welche ihr dasselbe 
ft*ngc>. fuhrt hatte, durch dasselbe durchgeblasen haben, so dass sie glaubt, dass 
dasselbe hohl war. Am 26. December, nachdem Patientin schon am Tage zuvor 
mearmals Frost, Hitze, so wie Kopfschmerzen gehabt, bekam sie Wehen und wurde 
otae allein Beistand leicht von einer angeblich todten Leibesfrucht sammt Nach- 



i 



264 Frucbtabtreibung. §. 46. Casuistik. 115. Fall. 

geburt entbanden, die sie anfanglicb neben ibren linken Oberschenkel in das Betii 
legte und mit dem Deckbette verdeckte und später jener Helfershelferin in eine 
Schachtel zugeschickt haben will. Die fieberhaften und schmerzhaften Erschei 
nungen wiederholten sich in den nächsten Tagen. Patientin will auch gleiC' 
nach der Entbindung, so wie während des ganzen folgenden Tages bedeutende Bio 
tungen aus den Genitalien gehabt haben, und in Folge dessen sehr matt und schwac 
geworden sein. 

Nicht wesentlich von diesen Angaben weichen die des Bruders der Th. a1 
Seine Schwester, welche am Tage noch ausgegangen war, fand er am 25.Decemb( 
Abends im Bette, erkrankt, und auch die S. sagt aus, dass sie am 25. erkrankt se 
Am 26. verliess sie nicht mehr das Zimmer, war grössten Theils im Bette. Sie ei 
krankte sonach heftiger, hatte ein fiebergeröthetes Gesicht und war stellenwei^ 
geistesabwesend. Auch die S. bemerkt, dass sie am 27. phantasirt habe, und dies 
Zeugin bemerkte, dass, da die Th. nicht zu bewegen war, sich das Bett machen z 
lassen, als sie sich darauf beschränkte, ihr Kopfkissen und Deckbett anders z 
überziehen, in der Bettwäsche Flecken von Blutwasser sich befanden. Auch fi» 
dem Bruder bald ein eigenthümlicher Geruch am Bette der Schwester auf, und ai 
Donnerstage, 29., Nachmittag, rief ihn seine Schwester aus der Küche, hob, indei 
sie dabei Unsinn sprach, ihr Deckbett hoch und sagte: „sie mal, ich habe ja hie 
ein Kind, es hat ja nicht gelebt, hast Du es denn schreien hören? wickele es doc 
in Fusslappen und gieb es der Frau, die unten steht **. Dabei überreichte sie ihi 
einen Kindesleichnam, welcher in einem Unterrock etc. eingeschlagen war, d€ 
stark roch. Als diese Frau nannte sie die Angeklagte W.^ deren Wohnung si 
richtig angab. Th., welcher keine Ahnung von der Schwangerschaft seiner Schweste 
gehabt haben will, sagte ihr zu ihrer Beruhigung, dass er der W. das Kind gegebe 
habe. Die Geburt des Kindes, vermuthet der Bruder, sei in der Nacht vom Dienstai 
zum Mittwoch (27. — 28.) geschehen. Dem Bruder gab die Th. noch an, dass s 
von Mädchen auf der Strasse habe äussern hören , dass die W. sich mit Abtreibe 
befasse, dass sie bei ihr gewesen und diese sich erboten habe, ihr die Schwange 
Schaft wegzubringen, und ihr mit einem Instrument mehrere Male gebohrt hätt 
Am folgenden Tage wurde die Th. zur Charite befördert und phantasirte sie damai 
wie die S. aussagt, noch stark. Ihr Zustand war bei ihrer Aufnahme ein durchau 
ungünstiger, und Hess sich ein tödtlicher Verlauf ihrer Krankheit mit grosser Wah. 
scheinlichkeit voraussagen. 

Die W. giebt zu, dass die Th. etwa 14 Tage vor Weihnachten bei ihr gewese 
sei und noch mehrere Male wiedergekommen sei. Sie leugnet, ihr die angeschuldig 
ten Manipulationen gemacht zu haben, will vielmehr ihr nur einige hier nicht weiti 
spcciell anzuführende Rathschlage ertheilt haben. In einer späteren Vemehmun 
sagt sie aus, dass die Th. zum letzten Male am zweiten Weihnachtsfeiertage bei il 
gewesen sei, am ersten sei sie nicht bei ihr gewesen. Sie habe sie fünf Mal besuch 
und zwar seit acht Tagen vor Weihnachten. 

Bei ihrem letzten Besuche habe sie Blut in das Nachtgeschirr verloren, hab 
sie gebeten, sie bei ihr aufzunehmen, weil ihr Bruder von nichts wissen solle, wa 
sie aber abgelehnt habe. Am 22.December habe sie ihr mitgetheilt, dass eine Fra' 
ihr gerathen habe, zu einem Arzte zu gehen, der dafür bekannt sei, dass er für ei 
Stück Geld ihr mit einem Stich oder Riss hülfe, sie habe indess weder die Frac 
noch den Arzt genannt. Am zweiten Feiertage sei sie erschöpft gewesen , in ein< 
Droschke vorgefahren und habe auf Befragen nach dem Grunde ihrer Erschöpfun 
erklärt, dass sie einen schweren Gang gethan und bei dem Arzte gewesen wäre, < 
würde wohl jetzt losgehen. 



Fnichtabtreibung. §.46. Casuistik. 115. u. 116. Fall. 265 

Am 2. Januar c. obducirten wir das neageborene Kind der Tb, und fanden an 
ntlichen Befunden: 

Dasselbe war eine 17 Zoll lange, weibliche Frucht, am ganzen Kopf und 
RuKEipfe bereits dunkelgrün gefärbt, nur die Extremitäten hatten noch die gewöhn- 
liclio Leichenfarbe. Mit der Frucht zusammenhängend war der eine gute Faust 
(übrigens normale) Mutterkuchen. Verletzungen fanden sich am ganzen Kör- 
icht vor. Die Lungenprobe ergab ein negatives Resultat. 
Am 7. Januar obducirten wir die Th. und fanden an wesentlichen Punkten : 
Der Körper der einige 20 Jahre alten Th. ist wohlgenährt und hat eine gelb- 
licli© Hautfarbe. Auch die Bindehaut der Augen ist gelblich gefärbt. Aus den Brü- 
sten lasst sich gelbliche Milch ausdrücken. Verletzungen sind an der Leiche nicht 
^orKanden. Die Windungen der Gedärme sind, namentlich um die Gebärmutter 
Vierum, und zwar auf der rechten wie auf der linken Seite, mit einander verklebt, 
©itrig belegt, und ist ihr häutiger Ueberzug stellenweise durch Gefassanfüllung 
g^rothet. Das kleine Becken wird durch die Gebärmutter und ihre Anhänge aus- 
gefüllt, und befindet sich ausserdem in demselben eine reichliche Quantität eitrig- 
'^isseriger Flüssigkeit. Die Gebärmutter, aus der Bauchhöhle herausgenommen, hat 
®*»e Länge von 4 V 2 Zoll, eine Breite von 3 V 2 Zoll, und sind ihre Wandungen 1 V2 
^oll dick. Ihr Bauchfellüberzug ist eitrig belegt und geröthet. Aufgeschnitten ist 
*bre Schleimhaut schwarz verfärbt, brandig, zum Theil mit graugrünen Eitermassen 
■^legt. Die Muttermundslippen sind mehrfach eingerissen, gewulstet, weich und 
**^ brandigen Geschwüren bedeckt. Bei Einschnitten in die Musculatur der Gebär- 
'^^^tter dringen vielfache , zerfliessende , eitrige Pfropfe aus den Gefassen der Sub- 
^^nz hervor. Beide Eierstöcke sind im Bauchfellüberzuge stark injicirt und eitrig 
^legt, und ist der rechte weich, schwarz gefärbt und ebenfalls mit zerfliessenden 
^iterpfröpfen durchsetzt. Der an der Gebärmutter haftende Theil der Mutterscheide 
'St in seiner Schleimhaut geröthet, namentlich auf der Höhe der Falten, ist ferner 
'^^it einer diphtheritischen, von derselben nur schwer abstreifbaren Membran bedeckt, 
'^öd finden sich zerstreut auf dieser Schleimhaut, namentlich um die Gebärmutter- 
"ppen herum, mehrere oberflächliche Schleimhautgeschwüre. Der übrige Theil der 
Scheide ist eben so beschaffen. Die Harnblase ist in ihrer Schleimhaut geröthet, 
^nd finden sich in ihr ebenfalls diphtheritisch belegte Stellen. Die Milz ist 6 Zoll 
^ng, 3 Zoll tireit, 1 Zoll dick, weich in ihrem Gewebe und blutreich. Die Nieren 
▼on gewöhnlicher Grösse sind nur massig blutreich, ihre Rindensubstanz fettig ge- 
^tübt. In der linken Brusthöhle findet sich ein mit reichlichen Flocken untermisch- 
W Erguss. Die linke Lunge ist, namentlich der untere Lappen derselben, mit einem 
^ngelben Eiter belegt. 

Ich unterdrücke das an diesen Befund sich anschliessende Gutachten, das vor 
»ehr als zehn Jahren abgegeben, sich nicht mit der Bestimmtheit aussprach, als 
« beut der Fall sein würde , und zu welcher mich die nachstehenden Fälle ge- 
fahrt haben. 



. hll. Durch eine Hebeamme bewirkter Abortus. (Eihautstich?) 

Die 20*/2 Jahr alte Clara begab sich am 25. Januar c. zur Hebeamme M. in der 
Altficht, sich die Frucht abtreiben zu lassen. Nach einer Viertelstunde kehrte sie 
xa der sie auf der Strasse erwartenden Zeugin Marie zurück, war bleich und zitterte. 
Sie sagte zu der Zeugin , es wäre schon geschehen , sie hätte es sich fortbringen 



266 Fruchtabtroibung. §. 46. .Casuislik. IIG. l'au. 

lassen. Beide begaben sich in eine Conditorei, wo die Clara nach dem Genus 
einer Tasse Bouillon erbrach. Sie erzählte, die Hebeamme hätte sie für schwänge; 
erklärt, sich auf ein Sopha, das Gesicht nach der Wand zugekehrt, legen lassen. 
Sie habe dann ein hartes Instrument in ihre Geschlechtstheile eingeführt und sicsi 
wiederholt gefragt, ob es ihr wehe thäte. Erst zuletzt, als sie einen durchdringen — 
den Schmerz empfunden, habe sie die Frage bejaht und die M. aufgefordert, auf — - 
zuhören. Die M. solle noch in der Hand ein silbernes Instrument, oben mit eine: 
Häkchen, wie eine Sense, versehen, gehalten haben, welches sie in ein schwarzes^ 
Etui steckte. Sie habe ihr angerathen, für den Fall, dass sie Schmerzen bekäme. 
PfefTermünzthee zu trinken und Bilsenkrautöl einzureiben, nicht nach Hause zu fah- 
ren, sondern zu gehen. Zu Hause angelangt, habe die Clara sich so unwohl ge— 
fühlt, dass sie sich niederlegen musste und über Schmerzen im Unterleibe geklagt 

Am 29. Januar c. constatirte Dr. W. heftige Schmerzen im Leibe, besonders 
beim Druck, untermischt mit wehenartigen, von den Hüften nach dem Schooss z 
ausstrahlenden Schmerzen, den Abgang theils flüssigen, theils geronnenen Blatea& 
aus der Scheide, eine Vergrösserung der Gebärmutter, Anschwellung des Mutter-- 
halses. Offenstehen des Muttermundes. Die Clara theilte dem Dr. W. mit, dass 
die M. mit einer Nadel durch die Scheide in die Gebärmutter gestochen habe. D 
W. führte einige Wattekugeln in die Scheide ein; am folgenden Abend war ei 
eiförmiger, hohler Körper abgegangen, welchen der Arzt nicht genauer unte 
sucht hatte (!). Die von demselben constatirte Bauchfellentzündung griff trotz Taj 
und Nacht angewendeter Eisumschläge immer weiter um sich und führte am 7. F 
bniar den Tod der Clara herbei. 

Die am 10. ejd. begrabene Leiche wurde am 17. ejd. exhumirt und gerich 
lieh obducirt. Wir fanden: Die Brustdrüsen massig entwickelt, mit gebraontei 
Warzenhof, auf Druck milchige Flüssigkeit entleerend. Die Schaamspalte klaffen^ 
die Schleimhaut derselben schmutzigroth , das hintere Schaamlippenbändchen i 
tact, aber schlaff. Im Scheidenvorhof neben dem Jungfernhäutchen an der Basr 
der kleinen Schaamlippen jederseits einen etwa lOpfennigstückgrossen, dunkelrothe 
Fleck, welcher eingeschnitten Blut in das Fettgewebe ergossen zeigt. 

Die innere Besichtigung ergab eitrige Peritonitis, besonders nach der Becke 
gegend hin, mit Erguss reichlicher, eitriger, jauchiger Flüssigkeit. Die Gebar 
mutter ist sowohl nach hinten zu mit den Därmen vollständig verklebt, so da^ 
der DouglasVhe Kaum erst durch Lösung der Adhäsionen zum Vorschein komni.«- 
als auch die Harnblase an ihrem oberen Theile an der Uebergangsstelle des BauctC^ 
felis auf die vordere Bauchwand fest angelöthet. Die Eierstöcke und Muttertro 
pelen mit den Seitcntheilen dos kleinen Beckens verklebt. Scheidenschleimhaut pm 
röthet, die Scheide selbst ist leer uml weit. Der Scheidentheil der Gebärmutter 
bläulichroth, der Muttermund quer gestellt, Lippen schlaff, etwas offen. Aeusse^ 
Verletzungen an demselben nicht vorhanden. 

Die äussere Fläche der Gebärmutter braungelb und an verschiedenen Stelle 
mit eitrig-fasorsloffigen Massen bedeckt. Die Gebärmutter 9 Ctm. lang; in der Höh^- 
der Mutterlrompete 7 Ctni. breit, hat eine Dicke von 2 Ctm. in der Gegend d 
Grundes. Substanz derb, grauröthlich, Wandungen 1* 2 Ctm. dick, mit zahli-oichec 
erweiterten (lefässöffnungen. besonders in der G«*gend der rechten Mutterlrompetes^^ ' 
durchsetzt. Schleimhaut (b'r Gebärmutterhöhlo etwas geschwollen, gniu^ritn, mi ^ 
einem entsprechenden Sccrete bedeckt; in der Gegend der linken Tulienöffnung ein€? 
ihalergrosse zottige Stelle. Der Mutterhalscanal hat eine Länge von 4* ^ Ctm.«r 
«i'^ine Schleimhaut ebenfalls geschwollen, graugrün verfärbt. Diese Verfärbung 












Fruchtabtreibung. §. 46. Casuistik. 116. Fall. 267 

fpreift tief in die Substanz des Halses ein. Die Eierstöcke sind schlaff, auf der 
ScliTi ittfläche schmutzigroth , in dem linken Eierstock eine bohnengrosse , etwas 
gelblich verfärbte Stelle. Die microscopische Untersuchung der zottigen Stelle iu 
der Gebärmutter ergiebt das Vorhandensein von Chorionzotten. 

Das Gutachten führte aus, dass Denata an Bauchfellentzündung gestorben, 
diese durch eine Fehlgeburt bedingt gewesen, und dass der Annahme eines provo- 
cirten Abortus nichts entgegenstehe, dieser vielmehr durch die concurrirenden Um- 
stände höchst wahrscheinlich sei. 

Apponirt waren Acten , nach denen eine von der Angeschuldigten Abortirtö 
an^et^ben hatte, dass sie auf dem Sopha des Zimmers ebenfalls die Seitenlage habe 
annelimen müssen, ihr ein Instrument eingeführt sei, und sie einen stechenden 
Sclinierz emfunden habe. 



117. Wl. Provocirter Abort durch ein spitzscharfes Instrument. 

Es war die Vermuthung, dass die W. durch gewaltsam herbeigeführte Ent- 
loiiidung gestorben sei. 

Wir fanden bei der 34 Jahre alten, verehelichten Person die Brustdrüsen ziem- 
lich umfangreich, die Warzenhöfe, sowie die Warzen leicht bräunlich gefärbt. Die 
Talgdrüsen der ersteren ziemlich geschwollen; auch auf dem Durchschnitt der 
Hrustdrüsen, deren Drüsengewebe wenig entwickelt ist, tritt auf Druck keine 
Flüssigkeit aus. 

Die äusseren Geschlechtstheile sehr schlaff, grünlich gefärbt, etwas geschwol- 
len, lassen nach Auseinanderziehen eine schmutzig röthliche Flüssigkeit ausfliessen. 
-=V.n der hinteren Vereinigung der Schaamlippen ein ca. 1 Ctm. langer Einriss von 
s«hr geringer Tiefe und ziemlich glatten Rändern und Oberfläche von schmutzig 
o laugrüner Farbe. Einschnitte ergeben in der Umgebung dieses Risses eine sehr 
"^icililicbe wässerige Durchtränkung. An dem Scheideneingang sind nur ganz dürf- 
^*^e Reste des Jungfernhäutchens noch vorhanden. Die hintere Wand der Scheide 
^«nutzig röthlich gefärbt, ist etwas vorgefallen. 

Das Bauchfell ist glatt und glänzend, blass; an den unteren Abschnitten von 

^sl^lasen abgehoben, in der linken Beckenschaufel ein ungefähr handtellergrosses, 

^ is 2 3lm. dickes Blutextravasat bedeckend, welches nur bis zur obersten Muskel- 

r*^*^icht reicht. Die ganze linke Hälfte des Beckenbindegewebes ist sehr stark blutig 

jT^^ltrirt. Die Scheide sehr weit, 17 Ctm., faltonlos, schmutzig-röthlich , Schleim- 

^^ t von Gasblasen zum Theil abgehoben. 

^ Die Gebärmutter 18 Ctm. lang, 10 Ctm. breit, ca. 5 Ctm. dick. Der Körper 

* ^ Ctm. lang, die Dicke der Wandungen derselben gegen 2 Ctm. Die Schleim- 

^^t des Halses gleichmässig schmutzig braunroth gefärbt, zeigt mehrere alte, 

,*"^ deutlicher Schrumpfung umgebene Narben, welche von dem Muttermund bis 

*^*Ulich zur Hiilfte den Hals durchsetzen. Die Falten des Halses sind ziemlich 

^^h, an der rechten Seitenwand des Halses findet sich eine etwa 2*^2 ^^"^* 

"^i'chraesser führende Partie, deren Oberfläche netzförmig zerrissen erscheint; die 

'^'T^issungen gehen aber nicht durch die ganze Dicke der Schleimhaut. Die obere 

^^*tie dieser zerrissenen Stelle ist dunkelblauschwarz gefärbt, in Folge blutiger 

»öWiration der oberflächlichen Muskelschichten, welche in umschriebener Weise die 

ti^icbe Färbung zeigen, wie die Oberfläche. Diese blutige Infiltration erstreckt sich, 

^^ die Einschnitte lehren, fast durch den ganzen Umfang des Halses. Die Innen- 



268 Fruchtabtreibung. §. 46. Casuistik. 117. Fall. 

fläche des Gebärmutterkörpers ist von schmutzig -brauner resp. rother Farbe 
Die Oberfläche ist sehr uneben, fetzig, der obere Theil der vorderen Wand zeig 
die grössten Unebenheiten ; hier ist der Sitz des Mutterkuchens, hier ist die Färboni 
der zu Tage liegenden Gebilde am tiefsten. In der unteren Hälfte der hintere 
Wand des Körpers befindet sich eine ca. 4V2 Ctm. im Durchmesser führende, seb 
stark siebartig aussehende Partie von unregelmässiger Umgrenzung. Mit der Sond 
gelingt es jedoch nicht irgend einen Canal, der die Gebärmutterwand durchsetr 
zu entdecken. Diese zeigt auf Einschnitten in dem Bereich dieser Partie sich to 
zahlreichen, unregelmässig geformten, scharf umschriebenen Blutergüssen durcl 
Setzt, während Einschnitte in den übrigen Theilen des Gebärmutterkörpers nur ein 
gleichmässig schmutzig-hellröthliche, sehr schlaffe Musculatur zeigen, wie auch d( 
ganze Gebärmutterkörper sehr schlaff ist. 

Der Bauchfellüberzug sowohl über der mit Blutungen durchsetzten Partie de 
Gebärmutterkörpers, wie über den anderen vollkommen intacten Partien zar 
blass, glatt. Die blutige Infiltration des linken breiten Bandes beginnt erst in eine 
Entfernung von ca. 2 — 3 Ctm. Vollkommen blutig infiltrirt ist die ganze Wanduo 
der linken Muttertrompete, sowie des ganzen linken Eierstocks. Die Schnittfläch 
dieser beiden Organe ist gleichmässig. blauschwarz. In dem linken Eierstock fin 
det sich V3 Ctm. unterhalb einer ziemlich stark narbigen Einziehung der Obei 
fläche ein ca. 2 Ctm. Durchmesser haltender, etwas unregelmässig gestalteter gel 
ber Körper, dessen äussere Schicht, 3 Mm. breit, von gelben, verfetteten Epithelie 
gebildet wird, während das Centrum aus blassen, schwach röthlichen Fibrin 
massen besteht. Der rechte Eierstock von mittlerer Grösse, blass, ebens 
wie die Wand der rechten Muttertrompete und das rechte Mutterband. Da 
Herz und die grossen Gefässe leer, die Organe, namentlich die Lungen, auffai 
lend blass. 

Neben der Leiche befindet sich eine Frucht männlichen Geschlechts vo 
19 Ctm. Länge, welche dieser Grösse entsprechend entwickelt ist. An der linke 
Seite über dem Hüftbeinkamm befindet sich eine etwas nach hinten verlaufend« 
2 Ctm. lange, scharfrandige OefTnung, aus welcher ein Theil der dünnen Därn 
vorgefallen ist. 

Unterhalb dieser Wunde eine etwa linsengrosse, dunkelblaue Stelle, welch 
jetzt (nachdem die Frucht 24 Stunden in Spiritus gelegen) hart zu schneiden un 
bis in das Unterhautfettgewebe leicht blutunterlaufen ist, und oberhalb deren, ent 
sprechend der grössten Convexität der 9. und 10. Rippe, ebenfalls einige dunkel 
blaue Flecke, in denen Blutunterlaufungen mit Deutlichkeit nicht wahrzunehme 
sind. Eine Nabelschnur ist nicht vorhanden. Statt deren eine runde, iinseogross 
OefTnung mit ziemlich glatten Rändern. Neben der Frucht ein sehr blass aussehen 
der, runder, unverletzter, 9 Ctm. im Durchmesser haltender Mutterkuchen. An sei 
ner äusseren Seite von den Eihäuten umgeben, 3 Ctm. von dem einen Rande ent 
femt sitzt ein 13 Ctm. langer Nabelschnurrest an, welcher stumpf -scharfe, nu 
wenig gezackte Ränder zeigt. 

Hiemach entsprach, wie wir gutachteten, der Zustand der Mutter, wie d€ 
Fötus dem 4. Fruchtmonat; die Mutter war wenige Tage nach der Geburt gestoi 
ben; die an der Gebärmutter vorgefundenen Verletzungen sind nicht Folgen d« 
Geburtsherganges; zusammengehalten mit der am Fötus vorgefundenen Verletzon 
ist anzunehmen, dass der Abortus durch äussere Mittel und zwar durch ein schar 
spitzes Instrument provocirt gewesen; die Todesart der Denata war durch die Ol 
duction nicht klargelegt, eine Verblutung aber wahrscheinlich. 



Frachtabtreibung. §. 46. Casuistik. 118. FaU. 269 



i 



118. Vall. Drei Fälle von gewaltsamem Abortus durch Einlegen eines 

Catheters in den Mutterhals. 

£s sind beschuldigt a) die unverehelichte Ernestine, b) die unverehelichte 
Christiane, d) die verehelichte Wilhelmine, von der Frau St. sich haben die 
L^iloesf rächte abtreiben zu lassen. 

Die Ernestine sagt gerichtlich aus, sie habe, nachdem ihr drei Monat die Rb- 
S^iii ausgeblieben und sie sich schwanger geglaubt, die Hülfe der St. in Anspruch ge- 
nommen. Diese habe ihr am 15. August, und nachdem sie zu ihr gezogen, am 16. 
^^d. 17. September ^eine Einspritzung mit OeP gemacht, jedoch ergiebt sich auf 
S^n&ueres Nachfragen, dass es nicht eine Einspritzung, sondern ein Catheter ge- 
"^^sen, womit sie operirt hat („ein gänsefederdickes, silbernes, gebogenes Instru- 
^'^^nt, welches hohl gewesen sei, und an dem GrifTende zu jeder Seite einen kleinen 
<viii^ gehabt habe, an dessen Seite sich unterhalb des anderen Endes eine ovale 
^^tfirnng befunden habe, inOel getaucht und auf dem Finger eingeführt**); Schmer- 
liabe sie nicht gehabt. Sie habe breitbeinig auf einem Stuhl gesessen. Dies 
an einem Sonntag 6 Uhr gewesen. Am Montag habe sie Schmerzen im Leibe 
**^konmien, aber keinen Blutverlust. Am 16. und 17. September sei die Operation 
^"i^^ierholt worden, und in der Nacht zum 18. habe sie ohne erhebliche Schmerzen 
►ren. — Die Untersuchung der Ernestine ergab bei der 24jährigen Person 
te mit nicht dunkel verfärbtem Warzenhof, braune Warzen mit massig ent- 
wickelten Talgdrüsen. Bauchdecken straff, ohne Narben, Schaamlippenbändchen er- 
**alten; Jungfernhäutchen fehlend. Gebärmutter steht hoch. Gebärmutterhals ein 
'^^ög^rglied lang, ziemlich weich, namentlich die vordere Muttermundslippe; der 
•Muttermund hat eine oval-rundliche Form, an der vorderen Lefze linkerseits eine 
*öicbte Einkerbung. Bei combinirter Untersuchung der Uterus nicht vergrössert zu 
^blen. Sondirung unterblieb. Hiernach konnte Explorata vor zwei Monaten eine 
*** den ersten Monaten der Schwangerschaft befindliche Leibesfrucht geboren haben. 
^el>er die gewaltsame Provocation war nichts zu sagen, die Möglichkeit derselben 
'^'usste zugegeben werden. 

Die Christiane machte ähnliche Angaben, wie die Ernestine. Sie schien sich 
*** noch früherer Periode der Schwangerschaft befunden zu haben. Die Unter- 
suchung ergab mit Sicherheit nur die Entjungferung, nicht einmal mit Sicherheit 
**e stattgehabte Schwangerschaft, geschweige denn die Provocation des Abortus. 

Die verehelichte Wilhelmine ist gar nicht untersucht worden. Ich sah sie erst 

^^^ Andienztermin. Die Thatsachen, um die es sich hier handelt, lagen vor ihrer 

i^^igen Ehe. Sie hatte vor mehreren Jahren ein reifes Kind geboren. Wieder ge- 

^uwängert ging sie zur Angeklagten , welche die Schwangerschaft bestätigte , an 

Ihr die beregte Operation vollzog, mit der Modification, dass sie das Instrument in 

*^n llutterhals einführte und nicht liegen Hess, sondern wieder entfernte. Dies ge- 

*^nah innerhalb des Monats November dreimal. Irgend welche Beschwerden stellten 

*^ch nicht ein, namentlich kein Blut- oder Wasserabgang, jedoch öfter „leichte 

*^inpfe im Bauch**. Die Angeschuldigte blieb von der Hebeamme fort, weil sie 

*** 1) anders untersuchte als mit dem Finger**. Gegen Weihnachten abortirte sie un- 

^^ starken Blutungen. Zwei Jahre später heirathete sie einen Mann , der ihre An- 

^dentien mit seinem Namen deckte, und lebte anscheinend in guter Ehe (I). — 

^ sehr das Mitleid für sie plaidirte , so durfte dasselbe doch in meinem Gutachten 

^^cht maassgebend sein. Ich führte aus, dass das Verfahren zur Erzeugung eines 



270 Fruchtabtreibung. §. 46. Casuistik. 119. Fall. 

Abortus geeignet gewesen und dass ich auch die Ueberzeugung habe, dass dasselbe 
den Abortus provocirt habe, dass aber wegen Mangels einer Gontinuität der Er- 
scheinungen nach den Manipulationen ein Causalzusammenhang zwischen den letz- 
teren und dem 4 Wochen später erfolgten Abort nicht erwiesen sei, ich also über 
die Wahrscheinlichkeit nicht hinausgehen könne. Hiemach Hess der Staatsanwalt 
die Anklage fallen, erhob aber Anklage wegen Versuches, die eine Freisprechung 
der etc. Wilhelmine, dagegen eine Verurtheilung der übrigens geständigen Hebe- 
amme, wegen der ersten beiden Fälle zur Folge hatte. 

119. Fall. Durch eine Hebeamme bewirkte Abtreibung. Waren in die 
Geschlechts theile gemachte Einspritzungen die Ursache des Abortus? 

Die K., welche nach meiner Untersuchung kürzlich, etwa im 4. bis 5. Monat 
schwanger, geboren hatte, giebt an, dass ihr die Angeschuldigte L. am 30. October, 
Nachmittags, drei Einspritzungen hintereinander gemacht habe. Es habe dabei das 
Waschbecken unter ihr gestanden, so dass sie es nicht genau habe sehen können. 
Das in demselben befindliche Wasser sei weder kalt noch warm gewesen, die Spritze 
sei eine gewöhnliche Clystirspritze gewesen, und habe sie darüber, ob das Ansatz- 
rohr gerade oder gebogen gewesen, keine bestimmte Erinnerung. Zum Zwecke der 
Einspritzung sei jedesmal die L. mit eingeschmiertem Finger zunächst in die Scheide 
gegangen und habe dann die Einspritzung gemacht. Sie will gefühlt haben, dass 
die Einspritzungen nicht allein nicht wieder abgegangen, sondern tief in ihren Bauch 
gedrungen seien. Mit einer besonderen Gewalt seien die Einspritzungen nicht ge- 
macht worden, sondern langsam. 

Beim Nachhausegehen habe sie einen Frostanfall gehabt; zu Hause angekom- 
men, sei ihr Wasser abgegangen, in der Nacht habe sie Leibschmerzen bekommen 
und am andern Morgen abortirt. 

Bemerken müsse sie, dass sie bereits am Montag, den 30. October, Vormittags, 
einen Frostanfall gehabt habe, und dass sie, nachdem sie 2 Eimer Wasser, in jeder 
Hand einen, versucht habe, 2 Treppen heraufzuschafTen, auf der ersten Treppe be- 
reits ohnmächtig geworden sei, nachdem sie sich erholt, aber beide Eimer herauf- 
geschafft habe. 

Es handelt sich demnach darum, zu entscheiden, ob der am 31. October c 
erfolgte Abortus die Folge der am 30. ejusd. mit derK. vorgenommenen Einspritzung 
gewesen ist. 

Einspritzungen in die Geschlechtstheile können nicht allein, sondern müssen 
einen Abortus erzeugen, wenn die Flüssigkeit in die Gebärmutter selbst eingespritzt 
wird, hierdurch Lostrennung der Eihäute von der Gebärmutter bewirkt, die Gebär- 
muttor zu Zusammenziehungen gereizt und ein Absterben der Frucht herbeige- 
führt wird. 

Auch Einspritzungen in die Scheide allein können nach Beobachtung einiger 
Geburtshelfer ersten Ranges zur Einleitung einer Frühgeburt benutzt werden und 
zwar entweder in Form einer continuirlichen warmen Douche (30 Grad) oder auch, 
aber weniger sicher, durch absatzweise warme Einspritzungen in Pausen von etwa 
10 Minuten mit einer gewissen Gewalt gegen den Gebärmutterhals geführt. 

Es ist demnach über die absolute Geeignetheit oder Ungeeignetheit des in casu 
angewendeten Mittels etwas Entscheidendes nicht zu sagen, weil ja hier Alles auf 
die nähere Art und Weise der Anwendung ankommt, über welche die Angaben der 
K. keine hinreichend bestimmte Unterlage gewähren. 



Fruchtabtreibung. §. 46. Casuistik. 119. u. 120. Fall. 271 

Erwägt man aber unbefangen die Thatsachen des concreten Falles, so steht 
fest, dass kurze Zeit nach den gemachten Einspritzungen, deren Eindringen in die 
Gel>ä.x*mutter ja möglich bleibt — denn dass die K. dies Eindringen selb